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Realitätsgewitter

Informationen zum Buch

Marlas Leben ist ein einziges Realitätsgewitter. Wenig Sex, viel iPhone. Viel Bewegung, wenig Sicherheit. Sehr globalisiert, aber immer noch ganz schön deutsch. Marla funktioniert perfekt. Sie hat immer die richtige Maske auf. Doch plötzlich bekommt ihr hochglänzender Panzer kleine Brüche. Plötzlich ist da eine schwere Traurigkeit, die langsam von ihrem Bauch nach oben spült. Um nicht zu ertrinken, macht sie sich auf den Weg zurück in ihr Heimatdorf. Und landet schließlich auf Sylt. Eine Reise ins Erwachsenwerden und zu sich selbst.

The misappropriation of attention as care is a major existential problem of our time.

Deanna Havas, Facebook, 17 minutes ago, NY City

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1. Lucky Dragon

Der einzige Mensch, den ich heute Abend sehen möchte, ist Ben. Das Problem ist nur, dass er mich nie sehen will.

Draußen sind es 14 Grad plus, obwohl es einen Tag vor Heiligabend ist. Die Krokusse und Hyazinthen sind verwirrt aus der Erde geschossen, ohne einen blassen Schimmer davon, dass sie in ein paar Wochen für diesen Leichtsinn erfrieren werden. Die Rosen in den Vorgärten am Landwehrkanal sind gar nicht erst verblüht. Die Stadt ist so still, dass es sich anfühlt als wäre alles mit einer dicken unsichtbaren Schneeschicht überzogen. Nur ein paar Penner mit zusammengerollten Schlafsäcken unter dem Arm streunen durch die Straßen, zwei, drei türkische Teenager und händchenhaltende späte Spaziergänger. Die Restaurants und Bars sind dunkel.

Meine Mitbewohnerin Jenna ist über die Feiertage zu ihrer Familie nach Finnland gefahren, was mich nicht besonders stört. Ich fühle mich mindestens genauso einsam, wenn sie in der Wohnung ist. Vielleicht sogar noch einsamer. Überhaupt macht mir die Gegenwart von Menschen meine Lage nur bewusster. Alleine ist es eigentlich ganz okay.

Nur Ben schafft es immer, meine Beklemmung kurz zu lösen. Ich texte ihm, möglichst unverbindlich in der Wortwahl, damit ich nicht zu euphorisch rüberkomme:

»Hey Ben, what’s up?«

Er antwortet tatsächlich. »Hey! Um zehn nach dem Fitnessstudio?«

Die Sentimentalität der Weihnachtszeit hat ihn wohl dazu verleitet, mir einen festen Termin zu geben. Natürlich bedeutet das, dass ich zu ihm fahren muss. Er kommt nie zu mir.

Ich lackiere meine Nägel in mehreren Schichten und verlasse zittrig die Wohnung.

Ben wohnt im 5. Stock eines Hochhauses in der Nähe der Prinzenstraße. Auf seiner Klingel steht immer noch der Name des Vormieters: FARIBAH. Ich vermute, dass das Absicht ist. Er wird das Klingelschild niemals austauschen, denn er hat sich diese Wohnung nicht der guten Aussicht, sondern der unaufgeregten Anonymität wegen ausgesucht. Er lebt zwischen hundert anderen kleinen Apartments, die alle den gleichen Schnitt haben, die gleichen Balkons und die gleichen billigen, weißen Elektroherde in der Küche.

Das Licht im Fahrstuhl ist gleißend. Ich komme mir fremd vor im Spiegel. Ein Mädchen mit entschlossenem Kinn und kurzen blonden Haaren, ein riesiges schwarzes Kapuzen-Sweatshirt und schicke Silberohrringe, an denen ein glitzernder synthetischer Edelstein baumelt. Die Ohrringe habe ich mir heute selbst zu Weihnachten geschenkt, aus der Juwelierabteilung bei Karstadt für 29 Euro.

Im fünften Stock ist die Tür schon angelehnt, wie immer, wenn ich komme. Was nicht oft passiert. Auf dem Schild an Bens Tür steht nur eine Nummer mit Bleistift: 540107-03. Die offizielle Nummer der Wohnungsbaugenossenschaft.

Drinnen ist es ganz warm, ein Raum mit einem Bett, das immer mit weißer Bettwäsche überzogen ist, ein kleiner Tisch, auf dem dutzende Töpfe mit Sukkulenten und Kakteen stehen, unter einem gerahmten Poster mit den Worten: SOUND HAS NO PARENTS. Das ist von einer Partyreihe, die ein Freund von Ben veranstaltet hat.

Ben kommt frisch und dampfend, ein Handtuch um die Hüften gewickelt, aus dem Badezimmer und versucht dabei auszusehen wie ein italienischer Mafia-Boss, der gerade seiner privaten Saunalandschaft entstiegen ist.

Seiner Körpertemperatur nach zu urteilen muss er sehr lange in der heißen Badewanne gelegen haben. Ich habe zwei Bier mitgebracht, die ich in der Küche öffne und er holt tatsächlich zwei runde Kork-Untersetzer, damit sie keine Spuren auf dem nackten Glas seines Nachttisches hinterlassen.

Ich mache wie immer ein paar Bemerkungen zu den Pflanzen und der Aussicht. Ich sage, dass ich gerne umziehen würde. Er drückt mich während ich rede, zieht meine Jacke aus und unterbricht meine Sätze mit Küssen. Ich hole jedes Mal Luft, um weiterzureden. Aber er drückt jetzt eine Hand gegen meine Brust. Und dann kann ich mich schon wieder nicht wehren, weil ich so selten angefasst werde, dass mein Körper sofort explodiert. Er zieht mir alles aus, liebevoll, aber auch irgendwie professionell und wirft mich aufs Bett. Wenn wir Sex haben, ist alles ganz selbstverständlich und er vollkommen selbstbewusst, aber das ist er eben nur beim Sex. Wir küssen uns wie zwei verlorene Kätzchen.

»Schlaf bitte mit mir!«, flüstere ich.

»Ich hab keine Kondome.«

Also wühle ich durch meinen Rucksack, aber finde nichts außer einer Packung Aspirin Plus C. Wir kommen gleichzeitig, nebeneinanderliegend, die Hand zwischen den Beinen des anderen.

Ich stehe auf, gehe nackt zum Fenster und schaue über die Stadt, die sich ständig sanft bewegenden Lichter. Ben zieht unterdessen die Bettwäsche ab und steckt sie in die Waschmaschine. Ich fasse in die Federdecke.

»Die ist aber auch ganz nass«, sage ich.

Er schaut mich leicht panisch an: »Wo denn?«

»Hier!« Ich lache ihn aus. Er macht einen Schritt nach hinten und wirft dabei mein alkoholfreies Bier um, welches sich in einem riesigen Schwung über die weiß verputzte Wand ergießt und dann auf dem Boden landet.

»Verdammt. Marla. Du bringst Unglück!« Er ist jetzt richtig wütend, holt den Computer und googelt »Bierflecken Wand entfernen«.

Ich bin verletzt, lasse mir aber nichts anmerken. Ich weiß, dass er es nicht so meint. Ben ist Amerikaner. Er hat auf einer Ivy-League-Uni in den USA Filmwissenschaft studiert, dann kam er nach Berlin und fing an, mit Drogen zu dealen. Er ist total verliebt in das Bild des halbstarken, halbkriminellen Italo-Mannes. Und war immer stolz darauf, nichts Intellektuelles zu machen, sondern eher so eine Art Handwerk. Nachdem ihm das Dealen zu aufreibend wurde, eröffnete er einen Strip-Club, der jetzt nach drei legendären Jahren dichtgemacht hat. Mittlerweile organisiert er nur noch sporadisch Privat-Partys für vermögende Unternehmer, die, vom Leben gelangweilt, sich etwas Avantgardistisches mit Kunst und Techno wünschen. Er trägt immer ein dickes Silberarmband, auf dem sein Name eingraviert ist: Ben D’Aiello. Und einen Ring aus Silbergliedern und einer kleinen Plakette mit seinen Initialen. Wir hatten uns vor ein paar Monaten kennengelernt, als er auf Craigslist jemanden mit Deutschkentnissen suchte, der ihm beim Ausfüllen seiner Visa-Papiere helfen konnte.

»Bleibst du über Weihnachten auch in Berlin?«, frage ich, hoffend, dass er mir anbietet, Heiligabend zusammen in seinem kleinen weißen Bett zu verbringen.

»Ja, klar. Glaubst du, ich fliege heut Nacht noch über den Atlantik? Ich war schon seit sieben Jahren nicht mehr bei meiner Familie …«

»Warum nicht?«

»Lange Geschichte. Willst du dich nicht lieber selbst interviewen? Du stellst zu viele Fragen, Marla.«

»Was hast du mit deinen Händen gemacht?« Seine Fingerknöchel sind von Schürfwunden überzogen. Ich sehe das erst jetzt.

Ben lacht dröhnend, es klingt leicht metallisch, weil es kein echtes Lachen ist.

»Lange Geschichte … Nicht besonders interessant.«

»Sehen wir uns morgen Abend? Es ist Weihnachten!«

»Nein, auf keinen Fall. Ich bleibe zu Hause.«

»Ja, Ben. Wie immer …« Ich werfe ihm einen vielsagenden Blick zu. Da ist nichts zu machen. Da wird nichts mehr passieren. Das ist ganz klar.

Ben bringt mich zur U1, damit ich die letzte Bahn nach Hause nehmen kann.

»Komm doch mit zu mir!«, flehe ich augenflatternd.

»Nein, ich kann nicht, ich habe noch Bettwäsche in der Waschmaschine …«

Zu Hause angekommen setze ich mich auf das neue geblümte Schlafsofa, das meine Mutter mir vor einiger Zeit geschenkt hatte. Wir hatten es im Onlineshop zusammen ausgesucht und sie hatte es bezahlt.

Durch die Tränen schaue ich aus dem Fenster. Fast alle Häuser ringsum sind dunkel, nur ein paar Lichterketten und Weihnachtssterne leuchten noch und die Kabine des gläsernen Fahrstuhls im Vorderhaus. Ich weiß, dass Ben jetzt auch in seiner Wohnung sitzt und aus dem Fenster schaut. Wahrscheinlich weint er. Vielleicht ist das Weinen aber auch auf halber Strecke, auf Höhe der Brust steckengeblieben. Das passiert oft. Und ist viel schlimmer als das Weinen selbst, denn von dort breitet sich dann ein taubes Gefühl auf den ganzen Körper aus. Es drückt das Herz von allen Seiten in die hinterste Ecke der Rippen, es flimmert über die Stirn in den Kopf hinein, als hätte jemand mit einer Betäubungsspritze direkt das Gehirn getroffen, es legt sich sanft über die Lippen, so dass sie kein einziges Wort mehr formen können, es zieht sich die Arme hinunter bis in die Hände, die sich gegenseitig umklammern, die Fingernägel in die jeweils andere Hand bohrend, um sich zu vergewissern, dass sie noch da ist, aber dabei irgendwie ins Leere fassen.

In den letzten Monaten ist etwas passiert. Etwas ist verschwunden und etwas anderes ist aufgetaucht. Das ganz große Versprechen, das immer in mir schlummerte, etwas, das auf Erlösung hoffte, ein Wunder, ein unsinniger und irrsinniger Antrieb, eine naive Hoffnung, eine Frage – das gibt es nicht mehr. Es wurde ersetzt durch eine blanke tiefe Traurigkeit, ein seltsames Wohlgefühl und eine Art Langeweile.

Denn auch wenn bei Gefühl 1 der Boden immerzu schwankte, gab es eine Intensität der Dinge, einen Zauber. Gefühl 2 brachte die Gewissheit, dass sich das Versprechen niemals einlösen wird, dass es keine andere Welt gibt als diese eine, weshalb man sich mit ihr arrangieren muss, dass man aber auch nein sagen darf. Und trotzdem nicht aus der Welt fällt.

Alles in allem – extrem verwirrend.

Es tut weh, von Gefühl 1 Abschied zu nehmen, auch wenn Gefühl 2 sagt, dass Gefühl 1 eine beschissene Illusion war. Denn mit Gefühl 1 war alles übersichtlicher, man konnte Dinge, Menschen und Orte verachten oder verehren. Gefühl 2 ist ein Mischmasch. Es ist also nur ein Leben. Sonst nichts. Ich ekele mich kurz vor mir selbst. So eine langweilige Person bist du also geworden. Herzlichen Glückwunsch, Marla.

Ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll und beiße meine frisch lackierten Nägel der Reihe nach etwas kürzer. Bis dahin, wo es anfängt, roh zu werden und man den Beginn der Fingerkuppenhaut wie Tesafilm abziehen kann. Es fühlt sich richtig unangenehm an. Ich sollte mir wieder einen Fernseher zulegen, aber dazu ist es jetzt zu spät, mitten in der Nacht. Also fahre ich mit dem Fahrrad in die Urbanstraße, zum Ficken 3000. Das ist eine kleine Schwulenbar, wo heute Abend ein DJ namens Lotus auflegt.

Es sind nicht viele Bekannte da. Nathan, ein schönes Milchgesicht, begrüßt mich. Er ist der Lover des DJs, wie ich von Instagram weiß, und sieht irgendwie graziös aus mit seinen aufgeknöpften Adidas-Trainingshosen und dem silbernen, tief dekolletierten Trägertop. Ich frage ihn, ob alles okay sei, denn ich hatte am Nachmittag auf Facebook gelesen, dass er und sein Bruder von einem Schwulenhasser angegriffen worden waren. Er nickt sanft: »There is so much love. It neutralizes the hate.« Das scheint gerade ein Gesellschaftsprinzip zu sein. Ich rege mich kurz auf, weil ich mich an einen Kommentar erinnere, den ein Freund von mir kürzlich gepostet hatte: Dass man sich halt nicht zum Opfer machen, sondern lieber Krav Maga lernen sollte. Ich halte das für gewaltigen Schwachsinn. Max, der das gepostet hat, ist auch schwul, gibt es aber nicht so richtig zu, zumindest will er es nicht zum Thema machen.

Nathan zieht mich mit seinen langen schlanken Fingern in eine Ecke. Er hat gelblich blondierte Haare, die er glatt nach hinten gegelt trägt. Sein schönes kantiges Jungengesicht ist dramatisch geschminkt. Vor ein paar Monaten, als ich ihn das erste Mal gesehen habe, hatten seine Züge noch etwas ganz Kindliches. Jetzt hat er sich einer Rolle hingegeben. Oder vielleicht einfach eine Entscheidung getroffen. Seine Hände sind feucht und kalt.

»Schau mal, unsere Fingernägel passen total gut zusammen. Wir sind ein Fashion Match!« Helltürkis und sonniges Orange.

»Naja, hoffentlich nicht nur das …«, seufze ich.

»Aber immerhin! Komm, mach mal ein Foto von unseren Händen für Instagram.«

Ich hole wirklich mein iPhone raus und knipse unsere Finger, die sich jetzt liebevoll für das Motiv ineinander verkrallen. Nathan presst meine Hand gegen sein Herz.

»Das schlägt aber ganz schön schnell …«, schreie ich ihm ins Ohr.

»Ja, Amphetamine.« Als er merkt, dass ich ihn schräg anschaue, schiebt er beteuernd nach: »Die sind gut für mich!«

»Und was hast du dir für das neue Jahr vorgenommen?« Nathans Augen sind so tiefschwarz, als würden sie jeden Moment nach innen fallen. Ich traue mich kaum, ihm ins Gesicht zu schauen, weil ich Angst habe, sie könnten mich mitreißen.

»Ich folge weiterhin den positiven Energien. Ich werde weniger Playback singen. Ich möchte mit den richtigen Menschen an den richtigen Orten sein und ihnen etwas zurückgeben von dem Leuchten, das sie mir durch ihren Support schenken. Und du?«

»Ouf. Ich weiß nicht. Einen Job finden? Ein normales Leben? Was immer das sein soll. Sowas.«

Aber Nathan hat sich schon weggedreht. Er schmiegt sich an einen viel kleineren dunkelhäutigen Mann und macht ein paar Selfies von schräg oben.

Ich gehe zur Bar und bestelle mir ein alkoholfreies Bier. Ein Mädchen mit einladenden Augen und einem warmen Mund lächelt mich an: »Hey, I know you!«

»Mhhh. Maybe from the internet?«

»Ja, maybe … I’m Vela.« Sie fragt mich, ob ich auf Mädchen oder auf beides stehen würde. Ich sage, obwohl ich es nicht weiß und obwohl ich noch nie was mit einem Mädchen hatte: »Beides.«

Sie schaut auf mein Bier: »Jever Fun! What’s your star sign?«

»Virgo …«

»That’s interesting.« In letzter Zeit versuchen die Leute, alles auf Sternzeichen zu schieben. Vela nickt, als hätte sie mich jetzt schon vollständig begriffen. »I’m pisces and he’s …« Sie deutet auf den Typen neben ihr. »You should go to the darkroom. It would be good for you.« Sie lacht mich an.

Auf einmal steht Lorenz neben mir. Ich kenne ihn von der Uni, aus der Philosophievorlesung. Ich hatte mich nach der zweiten Woche schon wieder exmatrikuliert. Sobald ich Universitätsgebäude betrete, werde ich so müde, dass ich nicht mehr denken kann. Er hat gerade seine erste Seminararbeit über Sprechakttheorien abgegeben.

Die Begrüßung verläuft wie immer. Er sagt: »Na, was geht«, ich versuche, ihn zu umarmen, er macht währenddessen einen Schritt zurück, sodass ich durch meinen Umarmungsversuch fast umfalle, er streckt mir die Zunge raus, schaut zu Boden und schiebt mir dann in Jungsmanier eine geballte Faust entgegen, die ich wiederum nicht beantworte und mich entziehe. Ich halte ihm meinen rechten Mittelfinger entgegen, was ihn nicht besonders zu irritieren scheint.

»Ich gehe mal tanzen«, sagt er.

Ich renne ihm hinterher.

Lorenz holt eine Mentholzigarette raus. »Die sind aus Wien. Da sind so kleine Kapseln drin, die man zerdrückt.« Ich nehme einen Zug und tatsächlich schmecken sie sehr frisch nach Menthol und Rauch, nicht so nach verbranntem Eukalyptus wie die anderen Zigaretten, die er immer raucht. »War schön da. Die Stadt roch nach Parfum. Berlin stinkt immer nur nach billigem Deo.«

Lorenz ist klein, blass, trägt eine runde Brille und fluffige Streetwear-Klamotten. Er ist wahnsinnig hübsch. Er sieht ein bisschen aus wie Winona Ryder als Junge.

»Kanntest du das Mädchen eben?«, fragt er.

»Nee …«

»Du bist echt so ein sozialer Schmetterling, Marla …«

Ich lächle gequält.

Ich kann auf- und zuklappen wie ein Butterfly-Messer. Die letzten Nächte war ich zugeklappt. Ich habe mit Kopfschmerzen im Bett gelegen und eine Folge Mad Men nach der anderen geschaut, zwischendurch ein paar Pornos. Und habe mir vorgestellt, wie es wäre, einen richtigen Job zu haben. Ein ganz normales Leben, so wie Peggy, die Sekretärin von Don Draper.

Ich sage: »Manchmal hätte ich gern ein ganz normales Leben.«

»Und was wärst du dann gerne, in deinem ganz normalen Leben?«

»Arzthelferin«, sage ich. »Und du?«

»Ich glaube, ich habe ein ganz normales Leben. Ich lese gerade eine 500-seitige Doktorarbeit Korrektur. Total ätzend. Ich hab mir die Uni anders vorgestellt …«

»Ich kenne niemanden, der die Uni inspirierend findet. Außer Idioten.«

Während ich mit Nathan tanze, hat sich ein nackter Mann mit einer schwarzen Augenbinde neben uns aufgebaut. Er hat seinen schlaffen Schwanz in der Hand und versucht zu onanieren, im Rhythmus der Beats bewegt er sich, er müht sich richtig ab, es hat etwas Verzweifeltes. Ich hole schnell meine Jacke aus seiner Reichweite und stopfe sie zwischen zwei Jungs in der Eckbank. Sie nicken mir bestätigend zu. Ein anderer hübscher Junge tanzt jetzt mit uns. Er kommt aus Israel. Auch ein DJ. Ich erzähle ihm, dass ich bei meinem letzten Besuch in Jerusalem zusammengeklappt bin. Die Gassen waren überflutet von Menschen, verklebt, wie die ganz dünnen Kerzen, die man dort anzündete zum christlich-orthodoxen Osterfest, dazwischen bewaffnete Soldaten und meine Reisebegleitung, die mit jedem Straßenhändler flirtete.

Er nickt. »Ja, many people go crazy there … It’s intense. Das nennt man wohl Jerusalem-Syndrom. Ich arbeite jetzt am Flughafen Tegel. In der Sicherheitsabfertigung. Ich habe einen guten Blick entwickelt für Menschen, die etwas zu verbergen haben.« Er grinst und ich fühle mich automatisch schuldig.

2. Boys will be Boys

Heute ist Heiligabend. Vielleicht haben meine Eltern es sich ja doch anders überlegt. Ich öffne eine SMS meines Vaters. Haben sie nicht: ein Foto von meiner Mutter, die blass und missmutig auf einer Buddha-Statue in einem Spa-Retreat auf Sri Lanka sitzt, mein Bruder zieht eine Armlänge entfernt eine Grimasse, in der einen Hand hat er einen Drink, der mehr wie eine Vase voller Orchideen aussieht, und in der anderen ein kleines MacBook, das mit einer Mini-Kamera an seinem Polo-Shirt-Kragen verbunden ist. Diese Kamera nennt sich Memento und schießt alle 15 Sekunden ein Foto aus der Perspektive des Trägers.

Wir denken an dich. Hier gibt es keine Weihnachtsgans, nur Chicken Tandoori und sehr viel Sonne. Grüße & Küsse, Papa

Hier gibt es auch keine Weihnachtsgans, denke ich laut. Niemand, den ich kenne, ist in der Stadt geblieben. Alle sind zu ihren Familien in die Provinz gefahren.

Ich habe mich über eine Facebook-Gruppe namens Misfits and Orphans zu einem anonymen Weihnachts-Dinner angemeldet. Das Restaurant Ming Dynastie liegt direkt an der Spree. Drei fremde Jungs und ich sitzen an einem riesigen runden Tisch mit einer Drehscheibe in der Mitte. Von der Terrasse aus sieht man das graue schwere Flusswasser gegen die Ziegelwände der U-Bahn-Station Jannowitzbrücke klatschen. Auf der Brücke sitzen normalerweise immer ein paar stumme Meditations-Demonstranten im Schneidersitz und proklamieren ein freies Tibet. Aber heute ist alles ganz leer. Es hat etwas von einem Geheimort aus einem Haruki-Murakami-Roman. Inklusive dem Kellner in gelber Polyester-Seide mit seinem schmierigen Lächeln, das wie eingefroren scheint.

Einer der Jungs, Dylan, trägt eine Hose, auf der dutzende Flicken aufgenäht sind. Boys will be Boys. Love me. Trust me. »Das ist digitale Stickerei!«, erklärt er mir. Auf der Rückseite seiner sandfarbenen Bluse ist ein Aufnäher mit der Aufschrift »Is that a boy or a girl?« Ich glaube, er hat die alle selbst gemacht. Vermutlich sollen sie irgendeine Form von Genderverwirrung ausdrücken oder eher eine Harmonisierung.

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