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Real Life Games

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© 2016 Stefan Ramaker

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-2920-7
Hardcover: 978-3-7345-2921-4
e-Book: 978-3-7345-2922-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Kapitel 1 - Wochenende

Kapitel 2 - Hartmuth Jensen

Kapitel 3 - Bastian Fischer

Kapitel 4 - Patrick Mayer

Kapitel 5 - Kommissar Lohmeyer

Kapitel 6 - Reiner Gaus

Kapitel 7 - Gerrit

Kapitel 8 - Jenny Blink

Kapitel 9 - Mike Power

Kapitel 10 - Jürgen Berger

Kapitel 11 - Zeit des Erwachens

Kapitel 12 - John Holstein

Kapitel 13 - Zurück im Spiel

Kapitel 14 - Marvin Groote

Kapitel 15 - Heiligenhafen

Kapitel 16 - Abschied

Kapitel 17 - Hamburg

Kapitel 18 - Wilm Hillers

Kapitel 19 - Richter Nicknerski

Kapitel 20 - Hamburg: Sankt Georg

Kapitel 21 - Im Real Life Games Tower

Kapitel 22 - Das Spiel beginnt

Kapitel 23 - Die Finca "Dos madres"

Kapitel 24 - Flucht von der Insel

Kapitel 25 - Emden

Kapitel 26 - Die Alte Post

Kapitel 1 - Wochenende

Patrick Mayer stand schnaubend in seinem Flur, den Arm lässig an die Wand gestützt. Er schwitzte im neuen Trainings-Outfit und sehnte sich nach einer entspannenden, auf alle Fälle sehr langen Dusche.

Patrick hatte das Lauftraining für diesen Tag tatsächlich durchgezogen - mission accomplished! Er fühlte sich erschöpft, aber auch stolz auf seine Disziplin. Leider blinkte das Telefon etwas zu bedrohlich für den Start in einen entspannten Abend.

Hartmuth war gleich dreimal auf dem Anrufbeantworter:

*** Dritter September 2014. ...Sie haben... fünf neue Anrufe. ***

In seiner ersten Nachricht klang er beunruhigt, aber freundlich im Ton.

» Ich bekomme es nicht hin mit den letzten Regeln. Können wir reden? Bist du da? Hebst du mal ab? «.

Hartmuth hatte immer Probleme mit gewissen Regeln, nichts Neues. Die zweite Nachricht war kurz und schon merklich fordernder:

» Patrick, bitte ruf mich an! Ich brauche jetzt dringend deinen Rat. «.

In der dritten Nachricht brach es aus Hartmuth heraus: »

Die Schlampe macht mich wahnsinnig, ich möchte sie mir nur noch vom Hals halten!

Ruf mich bitte mal an, Patrick! «.

Patrick stand, schwitzte und schnaufte immer noch in seinem Flur, während er den weiteren Anrufen lauschte. Nach Hartmuth war Jürgen überraschenderweise auf dem Anrufbeantworter. Jürgen rief nie seine private Nummer an.

Jürgen war ein Genie auf seinem Fachgebiet, aber er hatte eine unterwürfige Art. Mit Jürgen konnte man alles machen, wenn man es wollte. Er ließ sich so gut wie alles gefallen und seine Vorgesetzten wussten das sehr wohl auszunutzen. Jürgen plapperte drauflos:

*** beep ***

"Patrick, es tut mir leid, wenn ich dich störe. Ich habe meinem Chef gestern gesagt, dass ich das Wochenende nicht arbeiten kann und diesmal etwas vorhabe. Zum ersten Mal habe ich das einfach so mal gesagt. Ganz direkt habe ich ihm das mitgeteilt! Und was glaubst du, was er geantwortet hat? Na, was denkst du? Er hat einfach ‚Okay’ gesagt. Dann nehmen Sie halt frei, hat er gemeint, kannst du das glauben? «

Jürgen lachte fast hysterisch am Telefon.

» Hey, du hast was gut bei mir. Ich weiß jetzt nur nicht, was ich mit dem freien Wochenende anfangen soll. Ich weiß, du bist viel beschäftigt. Sonst würde ich dich einladen, zum Feiern oder zum Minigolf? Wenn nicht, ist es auch okay. Wir sehen uns ja am Dienstag bei der Sitzung. Mann, Patrick, du hast mir echt weitergeholfen. «

Dann lachte Jürgen wieder hysterisch und legte auf.

*** beep ***

Als Letztes meldete sich Dr. Grossmann. Normalerweise war Patrick Mayer als Coach mit seinen Klienten per du. Grossmann wollte es aber lieber formell.

» Mayer, wir müssen reden, sofort! In einer halben Stunde in meinem Büro! Ich erwarte Sie! Nachricht Ende, Grossmann. «

Grossmann sagte immer solche Sachen wie "Nachricht Ende". Er war es gewohnt, über seine Angestellten zu herrschen. Er war ein mittelständischer Unternehmer mit Hitlerjugend-Vergangenheit, der seine Firma nach dem Krieg in der Zeit des Wirtschaftswunders aufgebaut hatte.

Er wäre der perfekte Boss für Jürgen gewesen. Leider hatte Grossmann die gleichen totalitären Allüren bei seinen Kunden und deshalb waren ihm auch schon einige Aufträge entgangen. Das war letztlich der Grund, weshalb er Patrick engagiert hatte. Um etwas umgänglicher und liebenswerter zu werden. Eine nicht ganz einfache Aufgabe bei einem echten Kotzbrocken, mit dem Charme eines Oberstufenlehrers der ganz alten Schule. Die erste Übung, die Patrick ihm auferlegt hatte, war es, der Sekretärin morgens Blumen und Croissants mitzubringen und etwas Nettes über ihr Aussehen zu äußern. Es war als eine lockere erste Übung gedacht. Leider ging das Ganze gehörig in die Hose. Die Sekretärin kannte Grossmann seit mehr als fünfzehn Jahren, in denen sie kein einziges Mal ein Lob erhalten hatte, geschweige denn eine Gehaltserhöhung. Dass mit der Erhöhung hatte sie einmal versucht.

» Wenn Sie in Geldschwierigkeiten sind, dann sollten Sie sich einen Mann mit einem guten Gehalt suchen. «

Frau Schröder hatte einen Lebensgefährten, der nach einem Autounfall arbeitsunfähig war und sie pflegte den halbseitig gelähmten Mann mit einer selbstaufopfernden Hingabe. Jeder in der Firma kannte die tragische Geschichte.

» Aber Sie wissen doch... «, stammelte die Sekretärin damals.

» Ach ja. « sagte Grossmann » Na, jedenfalls können wir darüber reden, wenn Sie mal einen Kunden heranholen, anstatt die Kunden zu vergraulen.«

Ein weiterer Tiefschlag: Der Vorfall, auf den Grossmann anspielte, lag nun schon mehr als zehn Jahre zurück. In der Faschingszeit hatte die Sekretärin in beschwingter Laune einem japanischen Kunden den Schlips abgeschnitten, wie das so Brauch ist in der Weiberfassnacht. Der Chinese mit Hugo-Boss-Schlips hatte vermutet, er würde von einer geisteskranken Frau angegriffen und rannte panisch aus dem Büro. Nachdem der Verkaufsleiter dem Kunden aber den Brauch erläutert hatte, war alles recht schnell geklärt. Frau Schröder war der Vorfall wochenlang peinlich, sie traute sich kaum, von der Tastatur aufzusehen. Und genau das merkte Grossmann und wusste es genüsslich auszukosten. Als Grossmann also die Blumen besorgt hatte, einen billigen Strauß vom Discounter, und ihr diesen mit steifer Hand ausgehändigt hatte, schaute ihn seine Sekretärin mit einem Blick an, als hätte ihr ein Alien gerade die Einladung für ein Wochenende auf seinem Planeten überreicht. Dann fügte Grossmann auch noch hinzu:

» Haben Sie was mit den Haaren gemacht? Die sind heute nicht so verfilzt wie sonst. »

Das war zu viel für die gute Frau. Sie brach umgehend in Tränen aus und schluchzte.

« Herr Grossmann, ich brauche den Job doch so dringend. Was soll denn aus mir werden? »

Sie hatte nämlich sofort vermutet, dass diese Freundlichkeit nur bedeuten konnte, dass Grossmann ihr kündigen wollte. Er reagierte verwirrt:

« Nein, nein... ich... ich... ach was! « und verschwand eiligst in sein Büro.

Nach dem Vorfall arbeiteten Grossmann und Patrick daran, behutsamer vorzugehen bei der Grossmann'schen Wandlung vom Kotzbrocken hin zum sozialen Menschen. Schritt für Schritt. Dann kam ein letztes:

*** beep ***

Das war's mit den Anrufen. Patrick konnte endlich seine Dusche ansteuern. Für einen Freitagnachmittag eigentlich ganz okay. Meistens hatte er nach seinem Feierabend-workout mindestens acht Anrufe auf dem AB.

Er schnappte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und warf sich mit Schwung auf das große Sofa in Reichweite der Fernbedienung.

Genau in diesem Moment klingelte das Telefon. « Shit! », dachte er, vor allem, weil neben der Fernbedienung das Telefon lag, und er bei der Landung das fordernde Klingeln direkt ins Ohr bekam. Patrick zögerte nur kurz abzuheben, dann aber erinnerte er sich nach dem ersten Ärger sofort wieder an die Direktive, die er sich selbst auferlegt hatte: Dem Klienten nie aus dem Weg gehen, wer immer es auch war. Natürlich hatte er feste Termine und Sitzungen, die mit den Kunden vereinbart waren, und er hatte sich nicht als Telefonseelsorger verkauft. Aber er wollte der Disziplin und Professionalität wegen diese Regel einhalten. Wenn er einen Klienten annahm, dann sollte sein Problem auch gelöst werden, er bekam dafür ja einiges an Honorar.

Patrick nahm das Telefon ab. « Patrick Mayer. »

Es war Jenny.

« Sag mal, du blinder Amokläufer. Wenn du den Kopfhörer aufhast, dann siehst du nichts und niemanden mehr beim Laufen, was? Ich habe dich im Stadtpark gesehen und mir die Arme lahm gewedelt. Ich saß mit Mom und Dad da. Du bist schnurstracks weiter. »

« Oh, ach was! », grinste Patrick. Jenny hatte gute Laune, das war zu spüren.

« Du hast den Termin bei Ben und Marie noch auf dem Schirm, du Supermotivator? »

« Yes Ma´am! Ist in meinem Handy gespeichert. Ich hole dich um Punkt acht ab! »

« Okay. » erwiderte Jenny, « Aber lass meinen Bruder nicht warten. Du weißt, dass er für uns kocht, oder? »

« Ach Schatz, wie könnte ich das vergessen? Nee, geht klar, also bis später! »

Jennys Bruder war ein super Typ und mittlerweile Patricks Kumpel geworden, aber wenn er eins nicht konnte, dann war es kochen. Leider liebte er es aber zu kochen und scheiterte regelmäßig an seinen Haute-Cuisine-Ansprüchen.

« Bis später, Schatz! Ich liebe dich! » flüsterte Jenny. Patrick legte auf und lächelte in sich hinein.

Jenny`s gute Laune war durchs Telefon zu spüren gewesen. Überhaupt war sie ein einziges Phänomen. Patrick hatte noch nie einen Menschen mit so absoluter Natürlichkeit und Ehrlichkeit erlebt. Seine gewandte und schlagfertige Art, die bei den Klienten immer so fulminant ankam und Respekt hervorrief, wirkte bei ihr nicht, sondern prallte einfach an ihr ab.

Jenny war die einzige Person, die ihn menschlich nackt durchschaute, ohne dafür irgendetwas fragen zu müssen. Er hatte das Gefühl, dass er für sie wie ein offenes Buch war und dies irrwitziger weise als angenehm empfand. Ja, er fühlte sich geborgen. Die natürliche, direkte Art lag in ihrer ganzen Familie. Ihre Eltern behandelten ihn vom ersten Treffen an, als wäre er ein alter Bekannter. Sie forderten keine Beweise für seine guten Absichten und er musste ihnen auch nichts beweisen. Patrick hatte damals in der Küche Jennys Mutter zu erklären versucht, was er beruflich machte. Es schien, als habe sie nur halb zugehört. Er bekam lächelnd eine Platte mit Schnittchen in die Hand gedrückt, um diese in den Garten zu bringen.

« Jenny sagt, du bist ein netter Kerl, ich glaube, sie hat recht » sagte Jennys Mutter. Er fühlte sich vom ersten Moment bei der Familie zu Hause.

Es war schon fast sieben Uhr und Patrick lag immer noch in seinen verschwitzten Laufklamotten auf dem Sofa. Mit einem Seufzen leerte er das Bier, zappte noch schnell durch die Nachrichten und sprang dann auf, um sich ins Bad zu bequemen. Er machte sich für Jenny und den Abend bereit.

Als Patrick Jenny abholte, war sie ganze zehn Minuten zu spät. Er wartete derweil im Wagen vor ihrer Wohnung und ordnete seine Termine.

« Sorry, Schatz, Mutter rief noch an wegen der Reise nächste Woche. Sie wollen wieder nach Istanbul und dann ans Schwarze Meer. »

« Ja, hat sie mir schon erzählt. Alles gut, Baby. », erwiderte Patrick und küsste Jenny leidenschaftlich auf den Mund. « Mhhh, Patrick, nun düs malnlos », lachte sie.

« Wir sind schon spät dran! »

» Na, dann auf zum nächsten Küchenexperiment!«, grinste Patrick.

» Hey, dein Risotto letzte Woche hatte aber auch ein paar Brandflächen «, kicherte Jenny.

» Stimmt, aber ich bin der beste Besteller bei den Lieferdiensten in der ganzen Stadt. Ist das nichts? Okay Baby, dann schnall dich an. Es geht los! «

Nach einer halben Stunde erreichten sie Altona und hatten das Glück, tatsächlich einen Parkplatz vor dem Haus ihres Bruders zu finden. Ben und Marie begrüßten die beiden gewohnt herzlich. Ben hatte diesmal alles im Griff. Die getrüffelten Linguine mit Artischocken und Scampi waren genauso schmackhaft wie die Variationen der Bruschette, die er davor servierte.

Der Abend kam in Fahrt und am Ende hatten alle einen gehörigen Schwips vom Chianti, der recht schwer daherkam, reichlich vorhanden war und leider allzu lecker schmeckte.

» Hey, Patrick! «, sagte Ben irgendwann.

« Erzähl doch nochmal die Geschichte von diesem Autohaustypen, wie hieß er noch? Wiegmann! Das war zu witzig. »

« Ben, du weißt, ich rede ungern über meine Klienten! Ich erzähl dir das manchmal im Vertrauen », meinte Patrick.

Hey Mann, wir sind doch unter uns! », erwiderte Ben und fuhr unbeirrt fort:

« Patrick hatte einen Autohausbesitzer als Klienten. Der konnte sich nicht beherrschen und hat bei den Autoverkäufen immer gewaltig einen fahren lassen. Ihr wisst, was ich meine, einen Riesenfurz. Die Kunden sind alle fast umgefallen. Dem Typen war das natürlich gewaltig peinlich, aber das Furzen war wie ein Zwang bei dem, er konnte es einfach nicht lassen..., einen zu lassen », kicherte Ben.

Die Heiterkeit breitete sich auf Jenny und Marie aus

« Und deshalb hat der Typ Patrick konsultiert.“ Alle lachten gewaltig.

« Echt? », fragte Marie « Das ist ja schräg! Und was hast du mit ihm gemacht? »

Patrick schaute Ben vorwurfsvoll an und ließ sich dann aber doch zu der ganzen Geschichte erweichen.

« Na ja, der Zwang war bei ihm so stark, dass ich da im Grunde nichts machen konnte. Der hat auch während unserer ersten Sitzung einen fahren lassen, dass mir schwindelig wurde. Auf kurze Sicht konnte ich bei ihm keine Veränderung herbeiführen und darum habe ich eine Zwischenlösung gefunden, damit er seine Mercedes und Porsches an den Mann bringen konnte. »

« Und was hast du getan? », fragte Marie. Jenny lächelte in sich hinein, als sie der Geschichte folgte. Sie kannte den Fall bereits.

« Also, der Autohausbesitzer hatte einen großen Hund, einen gutmütigen Bernhardiner, ein echtes Maskottchen des Autohauses. Ich habe ihm geraten, den Hund immer bei den Gesprächen dabei zu haben und dann den Vorfall auf den Hund zu schieben. »

In dem Moment, als er diese Anekdote erzählte, konnten Marie, Jenny und ihr Bruder sich bereits vor Lachen kaum noch halten.

« Die Masche wurde zum echten Erfolg. Die trockenen Verhandlungen bekamen regelmäßig eine amüsante Wendung, wenn der Autohausbesitzer streng „Bruno“ rief und der Hund verdutzt und schuldig aus der Wäsche schaute. Der Autohausbesitzer hat in den darauffolgenden Wochen doppelt so viele Autos verkauft als zuvor. Und das Beste war, er hatte auch noch denselben Spaß dabei - ohne die schlimmen Gewissensbisse. «

In diesem Moment wurden Tränen gelacht und Patrick beendete die Geschichte:

« Bis heute ist alles in bester Ordnung mit ihm. Die restlichen Sitzungen haben wir aber draußen bei Bobby Reich abgehalten, an der Alster. Dennoch haben die Nachbartische das eine oder andere Mal den Kopf verdreht, um herauszufinden, wo die komischen Gase wohl herkommen. Einer meinte sogar: "Die Alster kippt um, zu viel Graugänse und Enten!" Na ja, am Ende habe ich noch die richtige Ernährung für ihn recherchiert, damit die Abgasbelastung in Hamburg im Rahmen bleibt, und der Fall war gelöst.»

« Ich schmeiß mich weg! », rief Ben und alle lachten noch eine Weile über den Fall, bis es spät wurde und sie entschieden, den Abend zu beenden.

Im Wagen hörten Patrick und Jenny Tame Impalas "Feels like going backwards". Als sie in Eppendorf ankamen, hatten sie erneut Glück mit dem Parkplatz. An der Ecke der Erikastraße touchierte Patrick nur etwas die gestreifte Markierung für die Feuerwehrauffahrt zum Haus. Er hatte den Prosecco bereits kalt gestellt mit den Erdbeeren, die Jenny so gerne ins Glas tauchte. Sie sah dabei wie ein Kind aus, das genüsslich seinen Schokoladenpudding untersucht - wie ein Engel.

Es lag der Sonntag vor ihnen und sie liebten sich überschwänglich auf dem Teppich und später im Bett. Patrick fühlte sich gut, sehr gut und hielt die Frau im Arm, die er nie wieder missen wollte. Jenny schlief bereits tief und fest und die Augenbewegungen unter den makellosen Lidern verrieten, dass sie träumte. Dann schlief auch Patrick ein.

Kapitel 2 - Hartmuth Jensen

Montagmorgens gab es in Eppendorf genau um Punkt 7:45 Uhr immer den gleichen Stau auf der Eppendorfer Landstraße in Höhe Hayns Park.

Patrick wusste das sehr gut, tappte aber auch diesmal wieder in die Verkehrsfalle. Die kurze Strecke in die Rothenbaumchaussee dauerte ganze vierzig Minuten. "Laufen geht schneller", dachte er, als er in die Tiefgarage einfuhr. Mit Schwung schloss er die Tür des alten Volvos.

In der Villa am Rothenbaum hatte Patrick seinen "Meetingroom" eingerichtet, wie er sein Büro nannte. Eine hundertfünfzig qm große Wohnung, die zu einem horrenden Preis gewerblich vermietet wurde. In Hamburg explodierten die Mietpreise seit Jahren. Das Büro bestand nun schon seit 2010, dem Zeitpunkt, als Patrick aus den Emiraten zurückgekehrt war. Er hatte die Etage in der Villa in einem euphorischen und spontanen Moment gemietet. Das Geld war vorhanden, und die Lage für eine Praxis perfekt.

In den Emiraten hatte Patrick einen Sommer lang den strohdoofen Sohn irgendeines Emirs der mittleren Familienhierarchie beraten - was dieser mit seinem Leben anfangen solle und wie er seine Führungsqualitäten verbessern könne.

Der Sohn wollte seinen Vater stolz machen und war mit Patrick eifrig bei der Sache, wenn auch mit dem angeborenen Stolz einer Person, die in einer Herrscherfamilie geboren wurde.

Leider erwies sich Muhammad al Numb als hoffnungsloser Fall. Schlussendlich wurde auch dem Vater klar, dass man aus einem Kamel kein Rennpferd machen konnte. Der Sohn wurde am Ende zum Chef einer unbedeutenden Zweigfirma für Milchimporte gemacht. Scheich Ali al Numb gab dem Manager eine zwanzigprozentige Gehaltserhöhung als Schmerzensgeld, um den Sohn leichter ertragen zu können und um dessen Unfähigkeit mit eigenen, diskreten Aktionen auszubügeln.

Danach war die Sache abgeschlossen und Patrick bekam, neben einer Rolex, ganze zwanzigtausend Dollar als Abschlussbonus. Das eigentliche Honorar und First-Class-Flüge mit Emirates waren allein schon eine fürstliche Entlohnung. Patrick mutmaßte, dass im Bonus ein gewisses Schweigegeld enthalten war. Das musste ihn aber nicht weiter beschäftigen. "Einem geschenkten Kamel schaut man nicht ..." oder so ähnlich.

Im dritten Stock erwartete ihn Laura, das Telefon am Ohr.

» Kaffee? «, flüsterte sie, das Telefon mit der Hand verdeckend, damit der Anrufer sie nicht hören konnte.

» Ja, gerne! «, sagte Patrick und ging geradeaus in sein Beratungszimmer.

Das Zimmer im Altbau war üppige achtundfünfzig qm groß und mit reichlich Stuck und wandhohen Fenstern versehen. In der hinteren Ecke stand ein feudaler Kamin im Hanseatenstil. Die Einrichtung hatte Patrick sehr modern gehalten. Zwei riesige Ecksofas standen in der Mitte um einen großen, massiven, runden Wohnzimmertisch. Die Klienten konnten sich auf der Sitzwiese in jegliche Richtung fallen lassen. Ein Konferenztisch an der linken Seite zum Hof wurde für Gruppengespräche genutzt. Der an der Decke fest installierte Videoprojektor thronte erhaben über dem langen, massiven Echtholztisch, der von dänischen Designerstühlen umgeben war.

Keine Frage, der Meetingroom hatte Stil und Wärme und eine offene, angenehme Atmosphäre. Die meisten Klienten waren sofort eingenommen vom Raum und recht beeindruckt, fühlten sich aber keinesfalls unwohl.

Laura hatte das Gespräch beendet und kam mit dem versprochenen Kaffee ins Zimmer.

» Guten Morgen, Hartmuth kommt in zehn Minuten, und ansonsten hat sich ein neuer Klient gemeldet, er wollte aber nicht seinen Namen verraten und ruft wieder an. Dann hat sich noch die Polizei hier gemeldet. «

» Die Polizei? «, fragte Patrick. » Ja, ein Kommissar Lohmeyer. Er sagte, er möchte dich sprechen. «

» Hmm, meine Tickets fürs Falschparken habe ich doch alle bezahlt! «

In Eppendorf war es so gut wie ausgeschlossen, ohne Falschparken an dreihundertfünfundsechzig Tagen einen Parkplatz zu ergattern.

» Hat er eine Nummer hinterlassen? «

» Ja, willst du ihn anrufen? «

» Jetzt nicht, lieber später.« In diesem Moment klingelte es an der Tür.

» Hartmuth! «, sagte Laura und ging hinaus, um den Termin hereinzulassen.

» Soll ich ihn gleich zu dir schicken? «, fragte Laura, bereits auf dem Weg.

» Ja, schick ihn doch bitte gleich herein. « Kurz darauf betrat Hartmuth Jensen den Raum.

» Guten Morgen, Patrick. Hast du meine Nachricht auf dem Anrufbeantworter erhalten? «

» Ja, hab ich. Aber ich war nicht zu Hause. «, erwiderte Patrick, was nur der halben Wahrheit entsprach, denn beim Anruf selbst war er nicht da.

» Na, wie auch immer. Ich habe die Schnauze voll von der Schlampe. Die Frau hat mich ausgezogen bis aufs Hemd! «

Hartmuth lebte im Trennungsjahr von seiner Frau, wohnte aber immer noch in ihrer Wohnung. Patrick stieg in das Gespräch ein:

» Hartmuth, du musst Abstand gewinnen. Du kannst nicht in derselben Wohnung bleiben, wenn die Trennung läuft. «

» Das habe ich bei der Scheidungsverhandlung jetzt auch gemerkt. Und das nicht zu knapp! «, stöhnte Hartmuth.

» Ach, die war ja am Freitag. Und was ist dabei herausgekommen? «, fragte Patrick.

» Die Schlange hat mir schon wieder die Hosen ausgezogen. Sie hat mit drei Freundinnen felsenfest behauptet, dass zwischen uns beiden die letzten Wochen wieder innig was gelaufen sei und wir das Bett und den Kühlschrank geteilt hätten. Das Trennungsjahr sei hinfällig und ihre Anwältin hat ein weiteres Jahr Unterhalt verlangt. Ich bin fast vom Stuhl gefallen und habe sie spontan wüst beschimpft.

Das kam bei der Richterin gar nicht gut an. Jana hat angefangen zu heulen und gemeint, ich wäre in der Ehe ebenso impulsiv gewesen und hätte sie auch schon geschlagen. Kannst du dir das vorstellen? Während der Ehe? Ich hab die Frau doch fast so gut wie nie gesehen während unserer Ehe.

Aber was soll ich dir sagen? Die Anwältin eine Frau, die Richterin ebenfalls, ihre drei Freundinnen, alles lauter Frauen. Die haben mich fertig gemacht. Am Ende stand ein Vergleich. Ich muss ihr fünfzehntausend Euro zahlen. Nackter Wahnsinn! Nach all dem, was passiert ist! «.

Hartmuths Geschichte war an Tragik kaum zu überbieten. Er hatte Jana bei einem Speed-Dating kennengelernt und war sofort von ihr angetan. Hartmuth, ein Finanzbeamter im gehobenen Dienst und kurz vor der Pensionierung, hatte eine Vorliebe für deutlich jüngere Frauen. Dennoch war er überzeugt, die vierundvierzigjährige, hübsche Jana würde mit ihm zutiefst seelenverwandt sein.

Jana fand das auch. Die Hochzeit erfolgte nach nur sechs Wochen und einem Urlaub auf Kreta, den natürlich er bezahlt hatte. Jana war eine selbsternannte Künstlerin, die vornehmlich Objekte aus zerschnittenen Plastiktüten und Verpackungen herstellte, ansonsten (oder auch deshalb) aber völlig mittellos war.

Hartmuth hatte einen guten Freund, Frank. Der versuchte von Anfang an ihn zu warnen. Spätestens als Jana nach der Trauung beschwipst davon sprach, sie hätte nun ausgesorgt, schlug er das erste Mal Alarm. Aber Hartmuth war blind vor Liebe und wollte nichts davon hören.

Die Geschichte nahm ihren Lauf. Zwei Monate nach der Hochzeit erzählte Jana Hartmuth von ihren Plänen, in Brasilien ein Fotoprojekt in den Favelas zu starten. Sie hätte schon Kontakte zu Hilfsorganisationen und wolle mit der Idee für Furore sorgen. Frank hatte an einem gemeinsamen Abend noch gefragt, welche Hilfsorganisationen das denn wären und ob sie einen Link auf deren Websites hätte. Nein, die hätte sie nicht und die würden auch gar keine Websites haben. Hartmuth war gereizt und meinte: "Lass sie sich doch selbst verwirklichen. Ich stehe voll hinter ihr!" Damit war die Diskussion beendet. Die Tatsache, dass Jana alleine fliegen wollte, mit einer zweitklassigen Kompaktkamera als Ausrüstung und Hartmuths Kreditkarte im Gepäck, konnte seinen Glauben nicht erschüttern.

Die darauffolgenden Wochen waren für Hartmuth ein Alptraum. Jede Woche konnte er die Abbuchungen der Kreditkarte seiner Frau beobachten, zum Großteil aus Restaurants, in die sie anscheinend eine Menge Leute eingeladen hatte. "Ich muss meine Kontakte pflegen, das ist hier alles nicht so einfach", erklärte sie ihm und wurde ansonsten in ihren Ausführungen immer undurchsichtiger. "Das Leben beschenkt die reich, die willens sind zu glauben".

Das war die Art von Sprüchen, die Hartmuth in fast jeder Mail mit auf den einsamen Weg gegeben wurde. Nach drei Monaten waren bereits fünfundzwanzigtausend Euro vom Konto verschwunden, und Hartmuth saß fast jeden Abend bei Frank und ließ seinen Tränen freien Lauf. Die Geschichten wurden immer obskurer. So hatte Jana angeblich einen Termin bei einem Häuptling eines Stammes im Amazonasdelta und musste einen Inlandsflug nach Manaus buchen.

» Mann! «, sagte Frank. » Wie kannst du dir sowas nur bieten lassen. Die Frau zieht dir die Hosen aus, die macht dich arm. «

Hinten herum hatte Frank einen Privatdetektiv auf Jana angesetzt und erfahren, dass Jana sich auf Partys in Rio als alleinstehend ausgab und keinem Flirt abgeneigt war. Er traute sich aber noch nicht, dies Hartmuth zu beichten, denn er wollte ihm nicht das Herz brechen.

Wahrscheinlich hätte es nichts geändert, denn Hartmuth war eine Seele von Mensch und wollte nicht glauben, dass da wirklich etwas schief lief. So vergingen die Wochen, und aus den geplanten drei Monaten wurden sechs, Jana hatte den Rückflug umgebucht und das Visum verlängern lassen. Von der Fotoaktion war nun keine Rede mehr.

Sie war anscheinend in ein Indio-Dorf gezogen, mit zwei Umweltaktivisten und einem brasilianischen Musiker und hatte wieder angefangen, Objekte aus Müll herzustellen. Sie wollte auch wieder mit dem Nähen von Kleidern anfangen. Mehrere Versuche von Hartmuth, sie zu besuchen, wurden von ihr abgeblockt. Nach neun Monaten waren fünfunddreißigtausend Euro futsch, und auch dem letzten gutgläubigen Menschen musste aufgehen, dass dies keine wirkliche Ehe war und sie es wohl auch nicht mehr werden würde.

Hartmuth verlangte die Scheidung und entzog Jana den Zugriff auf die Kreditkarte. Umgehend bekam er eine Mail, in der Jana erzählte, sie sei überfallen worden und müsse die Krankenhauskosten zahlen. Ansonsten gehe es ihr aber gut und sie würde bald zurückkommen. Hartmuth überwies abermals fünftausend Euro, danach war wieder Funkstille.

Das Scheidungsjahr lief, und Jana kehrte schließlich nach Hamburg zurück, genau am letzten Gültigkeitstag ihres Visums. Hartmuth lebte noch immer in ihrer Wohnung, und da er aufgrund der Trennung nicht mehr das Bett mit Jana teilen wollte, kaufte er bei IKEA für sie ein komplettes zweites Schlafzimmer; zahlte ansonsten die gesamte Miete und die Einkäufe weiter.

Am Freitag kam es zum großen Showdown und Jana schien sich dabei selbst übertroffen zu haben. Hartmuth waren über anderthalb Jahre Hörner aufgesetzt worden, die jedem stattlichen brasilianischen Rinderbullen alle Ehre gemacht hätten. Er war lange blind gewesen. Und jetzt wurde er noch einmal final zur Kasse gebeten. Patrick wusste aus seinem Psychologie-Studium nur zu gut, dass das Gefühl und der Verstand nicht immer einträchtig nebeneinander existierten.

In Hartmuths Fall hatte der Verstand mit der Scheidung erst sehr spät die Reißleine ziehen können. Diese Leine war aber von Jana längst angesägt, sie war halt eine gerissene Frau. Mit dem letzten Akt des Dramas, den Jana mit der Abschlussrechnung zelebrierte, war Hartmuth endgültig abgestürzt und über den Tisch gezogen worden.

» Was gedenkst du denn nun zu tun? « fragte Patrick.

» Na, was schon? Ich werde ausziehen, ich weiß nur nicht, wohin so schnell. «

» Das ist kein Problem, Hartmuth. Ich besorge dir in dreißig Minuten eine neue Wohnung «, versicherte Patrick.

» Echt? Wie willst du das denn machen? «.

Patrick griff zum Telefon und rief Laura im Vorzimmer an.

» Laura, ruf doch bitte mal bei Wohnen auf Zeit an. Lass dich mit Klaus Schirmer verbinden und sage ihm einen schönen Gruß von mir. Wir brauchen heute noch eine Wohnung - zwei bis drei Zimmer. «

Patrick schaute Hartmuth an, der eifrig zurücknickte.

» In Winterhude oder Eimsbüttel. Nicht zu teuer, wenn es geht.«

» Geht klar!«, sagte Laura. Hartmuth lachte zufrieden.

» Klaus ist ein alter Bekannter von mir. Wir haben gemeinsam die Schulbank gedrückt. Okay, jetzt wo das geklärt ist, würde ich dir raten, dich von Partnerbörsen fern zu halten oder jedenfalls sehr viel vorsichtiger zu werden. «

In der Tat hatte Hartmuth wieder seinen Partnerbörsen-Zugang aktiviert und schon drei Frauen auf seine Merkliste gesetzt.

» Okay, aber ich bin nicht der Typ, um auf Dauer alleine zu sein. « klagte Hartmuth.

» Das musst du auch nicht, aber die Strategie, wie du am besten eine neue Partnerin findest, besprechen wir beim nächsten Mal, wenn du die Gerichtsverhandlung verdaut hast. «

Die Scheidung saß Hartmuth wirklich noch in den Knochen, und er war gut beraten, erst einmal etwas kürzer zu treten in Sachen Frauen. In der folgenden Stunde sprachen sie über Hartmuths Probleme, dem Verstand etwas mehr Vorrang vor dem Gefühl zu geben. Danach kam Laura ins Zimmer.

» Ich habe da etwas in der Sierichstraße 60 qm, Kabel-TV, Internet und drei Zimmer. Tausendsechshundert Euro, alles inklusive. «

» Na, das ist aber happig! « meinte Hartmuth.

Patrick zuckte die Achseln.

» Das ist Wohnen auf Zeit. Du kannst da zwei Monate zur Ruhe kommen und entspannt etwas Festes suchen. «, entgegnete Patrick.

» Okay, das klingt gut, also, ich mach es! « Am Ende der Sitzung gab Laura Hartmuth die Adresse der Agentur, und er verließ das Büro, diesmal ohne die gewohnt hängenden Schultern.

Laura meldete sich kurz darauf am Telefon.

» Patrick, die Polizei ist wieder am Apparat, soll ich durchstellen? «

» Ja bitte «, erwiderte er.

» Patrick Mayer. «

» Guten Tag, mein Name ist Stephan Lohmeyer, Hauptkommissar der Hamburger Polizei. «

» Guten Tag «, antwortete Patrick » Was kann ich für Sie tun? «

» Herr Mayer, kennen Sie einen Bastian Fischer? «

» Ja, das ist einer meiner Klienten. Was ist mit ihm? «

» Das wüssten wir auch gerne, er wird anscheinend von seinem Lebensgefährten seit einer Woche vermisst. «

Bastian Fischer war ein Topmodel, ein Schwarm unzähliger Teenie-Mädchen. Er war schwul, was seine Eltern, erzkatholisch, nicht akzeptierten. Patrick hatte regelmäßige Sitzungen mit ihm, im Abstand mehrerer Wochen.

» Ich habe keine Ahnung, wo er sein könnte, vielleicht in seiner Wohnung auf Ibiza? «

» Fehlanzeige, « meinte Hauptkommissar Lohmeyer » Da haben wir nachgeforscht. Der Verwalter sagt, die Wohnung sei leer. «

» Vielleicht braucht er eine Auszeit und ist irgendwohin geflogen. «

» Gut möglich, « sagte Lohmeyer » Aber er hat bereits zwei hochdotierte Termine platzen lassen. Sie können uns also nicht weiterhelfen? «

» Nein, tut mir leid. « murmelte Patrick.

» Dann melden Sie sich bitte bei mir, wenn Sie etwas von ihm hören. Ich habe meine Nummer bei Ihrer Assistentin hinterlassen. «

» Aber klar, Herr Lohmeyer. « sagte Patrick.

» Ach, aus Interesse: Was macht denn so ein Livecoach eigentlich? «

Die Stimme des Polizisten klang etwas verächtlich.

» Ich helfe Menschen dabei, in bestimmten Lebenssituationen den richtigen Weg zu finden. «

» Na, dann wollen wir mal hoffen, dass Bastian Fischer diesen Weg auch in Kürze wiederfindet und sich meldet. Sind Sie, Herr Mayer, eigentlich auch schwul? «

Patrick war perplex wegen der direkten und privaten Frage.

» Nein, aber ich lasse es Sie wissen, wenn ich es noch werden sollte. «

» Vielen Dank, das war es schon. « grummelte Lohmeyer und legte auf.

Patrick war vom Anruf etwas irritiert und dachte eine Weile darüber nach, wo Bastian sein könnte. Klar, er hatte eine schwere Kindheit in seinem Elternhaus gehabt, denn ihm war schon früh klar gewesen, dass er mit Mädchen nichts anfangen konnte. Aber Bastian hatte einen wirklich tollen Partner und keinen Grund, einfach so zu verschwinden, schon gar nicht aus dem Leben. Es wird sich schon alles aufklären, dachte Patrick und holte sich aus der Küche einen Kaffee und ein Croissant, das Laura ihm morgens immer besorgte.

» Patrick, schon wieder Telefon. Der geheimnisvolle neue Klient. « flüsterte Laura mit einem verschwörerischen Unterton in der Stimme.

» Schon gut, stell einfach durch. « meinte er.

» Patrick Mayer! «

» Hallo Patrick, ich darf Sie doch Patrick nennen? «

» Gerne, wenn Sie mir sagen, mit wem ich spreche. «

Am anderen Ende herrschte einen Moment Stille.

» Nennen Sie mich doch einfach Gerrit. «

» Okay Gerrit, was kann ich für Sie tun? «

» Nun, ich würde mich gerne mit Ihnen treffen. Es geht nicht um mich, sondern um einen Freund, der in einer, wie soll ich sagen, prekären Situation ist. «

Patrick kannte das nur zu gut. Einige Klienten distanzierten sich von ihren eigenen Problemen und gaben vor, für einen Freund eine Lösung finden zu wollen.

» Nun, Problem ist Problem. Ich würde gerne mit Ihrem Freund sprechen, aber wir können uns auch erst einmal vorab treffen, keine Frage. Meine Assistentin wird Ihnen gerne einen Termin geben. «

» Sie sind viel beschäftigt, Patrick, ein wichtiger Mann, ich verstehe das! «

Der sarkastische Unterton war nicht zu überhören.

» Wenn Sie schnelle Hilfe benötigen, dann schlagen Sie etwas vor! «, meinte Patrick.

» Morgen um 12:00 Uhr bei Bobby Reich, Sie wissen, wo das ist? «

» Ja, nun, das ist etwas kurzfristig, aber... «

» Ich kenne Ihr Honorar und bin gewillt, Ihnen das Doppelte zu zahlen! «

» Gerrit, ich habe Termine und halte diese in der Regel ein, aber ich glaube, ich kann das einrichten. Können Sie mir kurz erzählen, worum es geht? «

» Es geht um Macht und wie man diese nicht missbraucht, Patrick. Geht es bei Ihnen nicht häufig darum? «

» Nun, ich habe verschiedene Klienten, aber das Thema ist mir nicht unbekannt. «

» Schön. « meinte Gerrit » Dann werden wir uns ja verstehen. Ich werde pünktlich sein. Bis Morgen dann! «

» Bis Morgen. « verabschiedete sich Patrick.

Das Gespräch war freundlich, aber er hatte sich nicht gut gefühlt. Der Sarkasmus und die ruhige, kontrollierte Stimme Gerrits hatten etwas Unheimliches. Dennoch, Patrick konnte einen neuen Klienten gut gebrauchen, und ein wenig war auch seine Neugier geweckt worden.

Kapitel 3 - Bastian Fischer

Als Bastian aufwachte, nahm er zuerst einen modrigen Geruch wahr. Der Raum war feucht und kalt. Er lag anscheinend auf einem nackten Betonboden, festgebunden mit Klebeband an Händen und Füßen wie ein Paket.

Sein Kopf explodierte förmlich von den Kopfschmerzen, die er augenblicklich verspürte, als sein Bewusstsein zurückkam. In den Vordergrund drängte sich aber sofort ein heftiger Durst. Wie lange lag er schon hier? Stunden oder Tage? Sein Mund war ebenfalls mit dickem Klebeband zugeklebt. Er atmete langsam durch die Nase, die sich anfühlte, als hätte sie jemand mit Sandpapier bearbeitet.

Was war passiert? Das Letzte, woran er sich erinnerte, war die Tatsache, dass er in der Disko einen Streit mit Lars gehabt hatte. Nichts Weltbewegendes, aber dennoch groß genug, dass er vor die Tür musste, um etwas Frischluft zu schnappen. Danach wurde alles neblig und unklar. Er hatte einen Drink genommen an der Bar, aber mit wem? Lachen, die Dancehall-Musik, tanzende Körper. In seiner Erinnerung wurde alles milchig und verworren. Eine Fahrt im Auto auf der Rückbank, die Lichter der Straßenbeleuchtung flogen an ihm vorbei, Musik von The Doors "This is the end, my only friend...." . "Denk nach", sagte er sich, "was ist passiert, wo bist du hier?"

Plötzlich zuckte er zusammen. Eine schwere Eisentür wurde mit Schwung entriegelt und mit kreischendem Geräusch geöffnet. Eine Gestalt kam in den Raum. Sehen konnte Bastian das nicht, denn auch seine Augen waren mit dickem Tapeband verdeckt. Bastian fing an, schwer zu atmen und wollte etwas sagen. Hinter dem Tapeband kam nur ein dumpfes Brummen heraus. Die Person im Raum lachte.

» Ah, mein Gast ist aufgewacht! Mein Gott, selbst in dieser Lage siehst du noch immer blendend aus. Was hast du gesagt? Kannst du nicht lauter reden? «, kicherte die Person.

Sie tat einen Schritt auf Bastian zu und zog ihm mit einer raschen Bewegung das Tapeband vom Mund. Bastian stöhnte auf und schnappte nach Luft.

» Was zum... «

» Teufel, willst du sagen? «, meldete sich die Person. » Weit gefehlt, aber wir sind auch nicht in der Quizshow. Bastian, Bastian, wir haben eine Entscheidung zu treffen. Ich weiß, du bist etwas müde, aber...

» Was denn für eine Entscheidung? Wer sind Sie, und was soll das hier? « fragte Bastian.

» Finger oder Zeh? « entgegnete die Person.

Bastian lief der Schweiß den Rücken hinunter.

» Hören Sie, wenn Sie Geld wollen, ich kann Ihnen... «

» Bastian, Bastian, was bist du nur für ein armseliges Häufchen Elend. Das kenne ich vom Laufsteg von dir aber ganz anders. So stolz und selbstbewusst, dass den Mädchen der Schlüpfer feucht wird. Oh, und ich vergaß, den kleinen Gayboys natürlich auch. Nein, das ist hier ein anderes Spiel, aber ganz, ganz einfach, damit du das mit deinem verschissenen kleinen Hirn auch verstehst. «

Der Mann hatte die letzten Worte herausgeschrien und Bastian zuckte zusammen.

« Ich habe nur eine Frage, und du gibst mir eine einfache Antwort. Finger oder Zeh?«

» Finger oder was...? Scheiße, was soll das hier, ich will hier raus, bitte! Ich gebe Ihnen, was Sie wollen! «

» Nun, ich sehe schon, du kannst dich nicht entscheiden. Ist ja auch nicht so leicht «, feixte die Person, als spräche sie mit einem Kleinkind oder einem Hund.

» Na, dann will ich dir mal helfen. Also der Zeh ist auf den Fotos ja nicht unbedingt zu sehen. Du hast ja meistens Schuhe an. Es sei denn, du willst dich später an solch ein Schwulenmagazin verkaufen, nackt! Aber da ist so ein Zeh ja auch nicht unbedingt wichtig, nicht wahr? Der Finger müsste immer per Photoshop eingebunden werden, das ist nicht gut für deine Agentur. Also, was soll es, nehmen wir den Zeh. «

Den letzten Satz hatte die Person wieder fast geschrien. Darauf Stille. Bastian konnte nicht denken.

Was war nur geschehen? Dieser Alptraum konnte nicht wahr sein. Ihm flossen dicke Tränen aus den verquollenen Augen, die das Tapeband aber nicht durchdringen konnten.

» Hören Sie, wir können doch über alles reden, ich werde alles tun, was Sie verlangen. Aber bitte, tun Sie mir nicht weh, bitte, bitte! «.

» Finger oder Zeh? «, schrie die Person. „Kann denn das so schwer sein? Verdammt, was bist du nur für ein Schwachkopf, ich hab dir doch schon einen Tipp gegeben! Ich habe keine Zeit! Also lass es uns zu Ende bringen.

» Bitte! «, flehte Bastian. » Bitte tun Sie mir nicht weh! «

Das nächste, was Bastian spürte, war kaltes Metall an seinem Fuß. Er konnte die Gartenschere nicht sehen, aber das Metall spüren und wie die Person das Gerät über den Fuß wandern ließ, unschlüssig, welcher Zeh es denn nun werden sollte. Genau genommen war diese Frage auch so nicht gestellt worden.

Die Schere endete am kleinen Zeh des rechten Fußes. Bastian konnte keine wirklich artikulierten Worte mehr herausbringen und flüsterte ein altes, längst vergessenes Gebet. Dann ging alles sehr schnell, und die Schere schnitt den kleinen Zeh ab, wie einen verdorrten Brombeerstrauch. Bastian schrie auf, lange und qualvoll, bis er ohnmächtig wurde.

» Geht doch! «, sagte die Person und verließ den Raum. Die große Eisentür wurde mit einem heftigen Schwung geschlossen.

In den nächsten Stunden folgte das Fieber und Bastian fing an, schwer zu träumen. Er war wieder zwölf Jahre alt und in seinem Jugendzimmer. Er lag nackt auf seinem Bett und spielte an sich herum. Dann ging die Tür auf, und seine Mutter kam herein. Bastian zuckte zusammen, und seine Mutter rief "Heilige Mutter Gottes voller Gnaden!". Bastian schoss die Schamesröte ins Gesicht.

Als nächstes entdeckte Bastians Mutter das Jugendmagazin mit dem Starschnitt dieses portugiesischen Fußballstars. Dann gingen die Pferde mit ihr durch. Sie nahm das Lineal von Bastians Schreibtisch und fing an, auf ihn einzuschlagen, immer und immer wieder, wobei sie ihn einen Sünder schimpfte, einen gottlosen, nutzlosen Sünder, und dann noch das Fegefeuer und sämtliche Qualen der Hölle beschwor.

Bastian hielt die Arme schützend über den Kopf, das Lineal traf ihn am ganzen Körper, bis das Holz zerbrach. Als nächstes hörte er seine Mutter rufen: "Finger oder Zeh?". In diesem Moment erwachte er, noch immer gefangen in seinem Verließ. Er begann zu wimmern und kauerte sich zusammen, so fest, wie es seine Fesseln erlaubten. Der Fuß schmerzte erbärmlich, aber die psychischen Qualen waren fast genauso schlimm.

Er wünschte, das Ganze wäre ein fürchterlicher Alptraum, aber die Schmerzen ließen keinen Zweifel daran, dass dies hier ganz real war. Er war gefangen in der Hölle eines Wahnsinnigen, den er nicht kannte, und er hatte keine Ahnung, wie er in diese Situation geraten war.

Lars wartete nun bereits seit acht Tagen auf ein Lebenszeichen von Bastian. Er konnte seit Tagen nicht schlafen und schüttete Unmengen an schwarzem Kaffee in sich hinein.

Er machte sich Vorwürfe, dass er mit Bastian gestritten hatte wegen dieses Ledertypen, der in der Disko ein Auge auf seinen Freund geworfen hatte. Aber er wusste auch, dass dies nicht der Grund sein konnte, weshalb Bastian verschwunden war. Dazu hatten sie eine zu innige Beziehung. Sie wohnten bereits seit Jahren gemeinsam in ihrer Vierzimmerwohnung in Ottensen.

Er kannte alle Geheimnisse Bastians, auch sein Problem mit rothaarigen, älteren Frauen. Bastians Mutter war rothaarig, und die Erlebnisse der Jugend schienen Bastian nicht loszulassen. Immer wenn er auf einen Laufsteg stieg und im Publikum eine rothaarige Frau um die fünfzig entdeckte, fing er an zu zittern. Er konnte das nicht kontrollieren und hatte deshalb bereits einige Auftritte abgebrochen.

Lars hatte über einen Freund Kontakt zu Patrick Mayer bekommen. Bastian wollte erst gar nicht mit Patrick sprechen, aber Lars bestand darauf, dass er es versuchen sollte, ihm zuliebe. Das war nun ein halbes Jahr her, und seitdem konnte Bastian sein Verhalten schon sehr viel besser kontrollieren.

Es klingelte an der Tür. Lars sprang umgehend vom Sessel auf und hastete zum Eingang. Er nahm den Hörer der Gegensprechanlage hastig in die Hand und rief:

» Ja?«.

» Kurierdienst! Ein Päckchen für Sie. «

Lars drückte den Türöffner und wartete, bis der Bote die drei Stockwerke genommen hatte.

» Mann, immer diese Fahrten vor Feierabend, wo jeder im Obergeschoss wohnen muss! «

» Tut mir leid. «, sagte Lars.

» Naja, können Sie ja nichts für. Unterschreiben Sie bitte hier. «

Der Bote streckte ihm das Display entgegen, und Lars kritzelte seinen Namen auf den Bildschirm. » Tschüs! «, verabschiedete sich der Bote und verschwand.

Das Päckchen hatte keinen Absender und war ungewöhnlich leicht. Lars öffnete es in der Küche mit dem Brotmesser, denn es war mit dickem Klebeband umwickelt. Es war angefüllt mit Papierstreifen.

Er griff hinein und erfühlte ein kleines, kaltes, leichtes Ding. Als er es herauszog, blieb ihm fast das Herz stehen, denn er hielt einen Zeh in der Hand. Lars schrie auf, und das Brotmesser fiel mit einem dumpfen Knall auf den Fliesenboden. Er hielt sich eine Hand vor den offenen Mund. Dann musste er sich auf den Fliesenboden übergeben.

Kapitel 4 - Patrick Mayer

Nach dem Abitur hatte Patrick ein Auslandsjahr in New York eingelegt. Er hatte ein Praktikum bei Benson & Fitch in der Marketingabteilung bekommen. Eines der besten Häuser für Full-Service-Werbung in den USA. Benson & Fitch erstellte große Kampagnen für Multikonzerne und die gehobenen Unternehmen der Ostküste.

Patrick war an die Stelle gekommen, wie er es immer geschafft hatte, das zu bekommen, was er wollte. Bereits in der Schule konnte Patrick Lehrer zu den ungewöhnlichsten Dingen überreden.

Da war Lehrer Hoogestraat. Martin Hoogestraat hatte vor einer Unterrichtseinheit seinen letzten Urlaub im Harz erwähnt und die innige Liebe zur Vogelwelt. Keiner in der Klasse nahm diese Ausführungen weiter wahr, viele tuschelten einfach, bis der Unterricht startete. Patrick aber hatte spezielle Antennen und ein phänomenales Gedächtnis, was Stimmungen und Äußerungen seiner Umwelt anbetraf. Er hatte gemerkt, dass der Lehrer enttäuscht war, als er das Desinteresse spürte, denn er hatte leise geseufzt.

In einer der nächsten Schulstunden sollte ein spontaner Mathetest bei Hoogestraat geschrieben werden. Die Schüler stöhnten bereits, und die Stifte wurden gezückt. Da sprach Patrick den Lehrer unvermittelt auf den Harz an. Er wolle mit seinen Eltern in Kürze in den Ferien durch den Harz wandern und auf was er in der Natur denn so achten solle.

Das war's. Lehrer Hoogestraat schaute Patrick ungläubig an, sah aber nur in offene, interessierte Augen und hielt sofort einen halbstündigen Vortrag über den Auerhahn im Harz und wie er vor vier Jahren ein junges Pärchen in der Balz fotografieren durfte, morgens um halb sechs im Nebel des Waldes.

Nicht, dass die Schüler diese Ausführungen spannend gefunden hätten, aber jeder spürte intuitiv, was hier gerade vor sich ging, und alle hielten still. Hoogestraat erzählte und erzählte und nach 35 Minuten sagte er » Ach, wo ist denn die Zeit hin? Ich glaube, wir verschieben den Test, die Stunde ist ja bald rum. « Patrick bedankte sich artig und versprach, auf den Auerhahn zu achten.

Für den Job bei Benson & Fitch hatte Patrick sich etwas Besonderes ausgedacht. Er hatte eine Anekdote von einem pfiffigen, deutschen Bewerber in der Zeitung gelesen, der verschiedenen Unternehmen einen Topf Honig geschickt hatte mit der Bemerkung: "Den Honig können Sie sich selbst um den Bart schmieren. Wenn Sie mich kennenlernen wollen, dann würde ich mich gerne mit Ihnen über eine mögliche Aufgabe in Ihrem Unternehmen unterhalten."

Geniale Idee, hatte sich Patrick gedacht und übersetzte diese Idee ins Englische. Dort funktioniert das Sprichwort ähnlich gut. Für die Übersetzung "to butter somebody" musste Patrick nur ein Paket Butter schicken. Den Rest der Geschichte übernahm er, wobei er noch den amerikanischen Geist bemühte, dass jeder freie Mensch alles im Leben schaffen könne.

Patrick wählte die populäre Sorte "Oh I can't believe, it's butter". Das machte den Witz perfekt. Ein Skype-Interview später hatte er das Praktikum und eine bezahlte Bleibe in New York für die nächsten zwölf Monate.

Das Jahr war seine persönliche Schmiede. Bei Benson & Fitch nahmen ihn der Creative-Director und der stellvertretende Marketing-Chef unter ihre Fittiche. Patrick war an der Vorbereitung einiger Präsentationen beteiligt worden, und er hatte Ideen, die in den Meetings immer gut ankamen.

Nach einem halben Jahr hatte er gemeinsam mit dem zweiten Marketing-Chef des Hauses seinen ersten Auftritt bei einem Kunden. Patrick beobachtete genau, wie sein Chef sich bei der Präsentation verhielt. Es ging um die Erneuerung der Corporate Identity eines sehr großen Familienunternehmens, einer Supermarktkette namens Pimbell.

Logo, TV-Spots, Plakate, einfach alles sollte grunderneuert werden. Pimbell Junior war sofort Feuer und Flamme und euphorisch aufgrund der neuen Entwürfe. Die Verhandlungen liefen in der ersten Hälfte sehr, sehr gut. Irgendetwas im Raum stimmte aber nicht. Während des Mittagessens beobachtete Patrick am Tisch das Verhalten von George Pimbell, dem Senior und fast fünfundsiebzig Jahre alten Gründer der Kette. Er war sehr still gewesen und hatte sich bisher überhaupt noch nicht geäußert. Er hatte nicht einmal aufgesehen und schien zeitweise zu schlafen.

Als die Verhandlungen nach dem Lunch in die zweite Runde gehen sollten, stand George Pimbell plötzlich auf und sagte:

» Meine Herren, ich habe genug gehört. Ich möchte mich mit meinem Sohn beraten und würde Sie bitten zu gehen! «

Dem Sohn aber auch dem Marketing-Chef entglitten die Gesichtszüge, es waren noch mindestens zwei Stunden angesetzt. Was war geschehen? Was war in den alten Sack gefahren? War er senil geworden?

» Aber Vater... «, versuchte Pimbell Junior die Situation lächelnd zu retten. «

» Ich dulde keine Diskussion! Wir beraten uns! «, sagte der Senior streng. Damit war das Meeting beendet.

Im Taxi schimpfte Patrick's Boss sich die Seele aus dem Leib. Patrick hatte als einziger intuitiv verstanden, was passiert war. Nach 50 Jahren sollte das öffentliche Auftreten der Firma geändert werden. Der Senior hatte jede Filiale mit eigenen Händen aufgebaut. Er kannte jeden Angestellten in jeder auch noch so kleinen Anstellung.

Pimbell war bekannt für ehrliche Geschäfte und Verlässlichkeit. Pimbell Senior hatte sich damals die Glocke im Logo selbst ausgedacht, sein bester Freund, vor einem Jahr verstorben, hatte die Glocke gezeichnet. Diese Details kannte Patrick natürlich nicht. Aber er spürte, dass der Alte anscheinend nicht loslassen konnte und dass er das ganze Gequatsche der Werbebranche, vorgetragen von geschniegelten Greenhorns, wie denen von Benson & Fitch, nicht ertragen konnte.

Patrick konnte den Fall die ganze Woche über nicht vergessen. Er recherchierte die Geschichte von Pimbell und verstand immer besser, was da vor sich gegangen war. Benson&Fitch tappte im Dunkeln, der Alte sei halt verrückt geworden.

Nach zehn Tagen nahm sich Patrick ein Herz und rief Pimbell Senior an. Er schaffte es, der Sekretärin so gut zuzureden, dass er am Ende direkt durchgestellt wurde.

» Sir, mein Name ist Patrick Mayer, ich bin in der Ausbildung bei Benson & Fitch und ich glaube, ich bekomme gehörigen Ärger, wenn mein Boss erfährt, dass ich Sie als kleiner Trainee angerufen habe. Ich hoffe, ich störe Sie nicht zu sehr, Sir. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich Sie verstanden habe und einiges gelernt habe. «

» So..? « fragte Pimbell Senior. » Und was genau, mein Junge, hast du verstanden? Du brauchst keine Sorge zu haben, in deinem Alter habe ich auch mein Glück in die Hand genommen. Und mutige junge Leute imponieren mir. Was möchtest du mir erzählen? «

Patrick hatte den richtigen Knopf gedrückt.

» Ihr öffentlicher Firmenauftritt hat jahrzehntelang gut funktioniert. Jeder im Osten kennt Pimbell und die Glocke. Es ist Ihr Markenzeichen und ich glaube, Ihr Herz hängt auch daran. «

» Da hast Du verdammt recht, mein Junge. « meinte Pimbell.

» Die Agentur hat jetzt einen Baum als Markenzeichen vorgeschlagen. Das war sicherlich etwas respektlos. Ich würde an Ihrer Stelle an der Glocke festhalten. Nicht nur als Symbol Ihres Namens, sondern auch als Symbol für die Freiheit Amerikas. Da ist aber etwas anderes, was mich zum Nachdenken gebracht hat. Ich habe gelesen, dass Sie Ihrem Sohn vor einem halben Jahr die Geschäftsleitung übergeben haben. Ich bin mir sicher, Ihr Sohn möchte Sie stolz machen und er wollte Ihnen mit seinem ersten großen Projekt beweisen, dass er Ihr Unternehmen leiten kann.

Meinem Vater, Gott habe ihn selig, konnte ich leider nicht mehr beweisen, was ich kann. Er verstarb früh. Ich hoffe aber auch, wie alle Jungen, dass er im Himmel stolz auf mich herabschaut. Geben Sie Ihrem Sohn eine Chance. Sie müssen nicht alles verändern, aber ein wenig Aktualisierung und Neuerung kann doch nicht schaden. Sie haben Ihr Unternehmen doch auch verändert, sind vor 20 Jahren in den Baustoffhandel eingestiegen und haben die Möglichkeiten des Vertriebs der Waren im Supermarkt entdeckt. Ich denke, Ihr Sohn würde alles dafür tun, dass Sie stolz auf Ihn sein können. «

Am anderen Ende war es still geworden. Der Senior dachte nach und meinte schließlich:

» Wie war nochmal dein Name, Junge? «

» Patrick Mayer, Sir. «

» Okay, Patrick Mayer, ich danke dir für den Anruf. Wir werden uns bei euch melden. «

» Vielen Dank, Sir! « Dann legte Pimbell Senior auf.

Gleich am nächsten Morgen kam der Marketing Chef sehr, sehr eilig zu Patricks Officebox getrabt.

» Wir haben den Auftrag vom alten Pimbell bekommen. Mit kleinen Änderungen. Patrick, wir haben den Job! Give me five! Er hat aber darauf bestanden, von dir betreut zu werden. Was hast du das denn geschafft? Du hast beim Treffen doch fast nicht gesprochen. «

» Ich habe mit Pimbell telefoniert «, antwortete Patrick.

» Du hast was? « Der Marketingchef war verblüfft.

» Dafür hattest du zwar nicht die Erlaubnis, aber Himmel und Hölle, es hat geklappt! Was genau hast du dem alten Gaul gesagt? «

Patrick begann, seine Geschichte zu erzählen und zu welchen Schlüssen er während des Projekts gekommen war.

Hatte es sich gelohnt? Ja, das hatte es. Die Glocke blieb und wurde an den stilisierten Eichenbaum gehängt, der eigentlich als neues Markenzeichen dienen sollte. Das war am Ende der ganze Kompromiss.

Und das Konzept funktionierte. "Pimbell goes green!", war der Leitspruch. In TV- und Radio-Spots stilisierte sich Pimbell zum Supermarkt-Vorreiter für die aufstrebende Organic-Food-Käuferschicht.

Die Einkaufsquellen waren komplett transparent und konnten im Internet eingesehen werden. Pimbell steigerte seine Umsätze innerhalb der ersten Wochen deutlich, und Pimbell Junior bekam nun häufiger gesunde Bio-Nahrung anstelle der Burger-, Taco- und Burrito-Mahlzeiten. Die Geschäfte liefen wieder gut, Vater und Sohn verstanden sich blendend.

Durch diese Aktion hatte sich Patrick in der Agentur mit einem Schlag einen Namen gemacht. Er arbeitete federführend mit einem Team von vier Kreativen an der Pimbell-Kampagne. Andere Kollegen suchten immer häufiger seinen Rat bei wichtigen Präsentationen.

Patrick gab seine Sicht der Dinge immer offen preis, ohne dass sich die Kollegen verpflichtet fühlen mussten. Viele waren ihm einfach dankbar. Am Ende des Auslandsjahres war er ein gefragter und beliebter Mitarbeiter. Zum Schluss bot man ihm eine leitende Stellung bei Benson & Fitch an, er entschied sich aber für die Rückkehr nach Deutschland, wo er das geplante Studium der Wirtschaftspsychologie aufnahm.

Das Studium langweilte Patrick die meiste Zeit. Er war auf eine Art und Weise hochbegabt - in der Art, dass er im Umgang mit anderen Menschen sehr sensible Antennen besaß. Dazu kam ein phänomenales Gedächtnis für Details, die er Wochen und Monate später erinnerte; wie bei Lehrer Hoogestraat.

Auf der anderen Seite war Patrick komplett unbegabt, was Statistik und Mathematik anbetraf. Davon bekam er leider in den ersten Semestern eine Menge um die Ohren. Er lernte lieber in Seminaren über Techniken der Moderation und das Strukturieren von Gesprächen, er lernte strategisch zu verhandeln, Kompromisse zu finden und Gefühlsebenen von realen Fakten zu trennen.

Während des Studiums jobbte Patrick bei einer kleinen Internet-Agentur, den Netzhanseaten, als Projektmanager. Das war der Anfang einer langen Freundschaft zwischen ihm und dem Inhaber Gerald. Patrick und Gerald dachten und fühlten ähnlich. Sie spielten von Anfang an Raubritter in der langsam immer größer werdenden Internet-Branche, verkauften Websites und Mobile-Apps in jeder denkbaren Sparte.

Gerald hatte eine Ader dafür, neue Kontakte aufzutun, und Patrick bediente diese Kontakte mit Gesprächen beim Kunden. Die Präsentationen schmiedeten sie oft gemeinsam am Abend bei ein paar Bier und Joints. Patrick und Gerald machten aus der kleinen Firma in Kürze eine Goldgrube. Sie holten in den ersten drei Monaten ein Projekt nach dem anderen herein. Gerald bekam langsam Probleme, genügend Ressourcen zu finden.

Die Agentur wuchs mit Patricks Geschick stetig. Mittlerweile gab es fünf fest angestellte Programmierer und eine Menge von Freelancern. Patrick wiederum profitierte vom Erfolg genauso, denn er hatte Anteile an den Sales als Honorar ausgehandelt. Nach einem Jahr hatte sich ein gutes Polster auf seinem Konto gebildet. Patrick gewöhnte sich an einen gewissen Standard, der nicht wirklich in sein Studentenleben passte.

Das Studium, das ständige Partyleben, die Agentur, nächtelang ausgeklügelte Konzepte. Patrick hatte lange Zeit Vollgas gegeben und immer weniger Zeit für sich oder für Freunde gehabt. Irgendwann wurde es ihm zu viel, er war ausgebrannt.

Er brach das Studium nach fünf Semestern vorzeitig ab und verordnete sich eine schöpferische Auszeit. Goodbye Statistik und Sigmund Freud. Der Entschluss war spontan gefallen, und Gerald freute sich bereits darauf, nun Vollzeit mit seinem mittlerweile zum Geschäftspartner aufgestiegenen Freund die Netzhanseaten in die große Riege der Internetagenturen in Deutschland zu hieven. Daran hatte Patrick aber kein Interesse. Er wollte aussteigen.

Die beiden hatten einige Streitgespräche, aber am Ende sah Gerald ein, dass sie nichts nützten. Zum Schluss seiner Karriere bei den Netzhanseaten hatte Patrick noch einen Deal mit Benson & Fitch eingefädelt, der die Agentur für die nächsten zwölf Monate mit Aufträgen versorgte.

Das Praktikum in den USA, das Studium und die Netzhanseaten, es war einfach genug für den Moment und Patrick entschied sich, ein halbes Jahr nach Indien zu fliegen. Weder Gerald noch dessen damalige Freundin Johanna, eine Opernsängerin aus gutem Hause, konnten das in irgendeiner Weise nachvollziehen. Aber der Entschluss stand fest. Patrick packte seine Koffer und kaufte sich ein Ticket nach Goa, Indien.

Angekommen am Flughafen Dambolim nahm sich Patrick ein Prepaid Taxi und ließ sich nach Palolem im Süden Goa's fahren. Dort mietete er eine zweistöckige Bambushütte, ohne groß über den Preis zu verhandeln.

Palolem war der "Lonely Planet" Backpacker-Tipp in Goa. Viele Israelis, Engländer, Russen und Amerikaner. Die Amerikaner machten häufig Station in Goa mit ihrem "Round the world ticket". Mit den Amerikanern konnte Patrick sich zwar gut unterhalten, aber ihre Oberflächlichkeit nervte ihn schnell. In jedem zweiten Satz fanden sie irgendetwas "amazing". Die Israelis waren meist den ganzen Tag und die komplette Nacht bekifft. Viele kamen nach ihrem Militärdienst nach Goa und hatten, kaum verwunderlich, einen leichten Schaden. Sie waren freundlich, immer auf Partys aus, wirkten aber ein wenig wie gehetzte Hunde.

Die Engländer waren moderater, britisches Understatement gemixt mit ein wenig übrig gebliebenem kolonialen Stolz.

Schlimm waren die Russen, die eigentlich im Norden Goa's Einzug gehalten hatten. Es handelte sich bei dieser Gruppe von Touristen nicht um die wirklich reichen Russen. Die Oligarchen hatten sich andere Ziele für den Sommer gesucht, Kreta oder Zypern und im Winter waren sie in der Schweiz in St. Moritz. Es waren die, die zu etwas Geld gekommen waren und Indien als billiges Tropenziel entdeckt hatten.

Die Russen konnte man schon aus der Ferne erkennen.

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