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Rat eines tibetischen Meisters

Gesche Rabten

Rat eines tibetischen Meisters

Ins Englische übersetzt und editiert von Brian Beresford mit Gonsar Rinpotsche

Deutsche Übersetzung: Birgit Gross

Überarbeitet und herausgegeben von Schülern Gonsar Rinpotsches

Das Umschlagmotiv stellt einen Schirm dar. Dieses Symbol wurde von tibetischen Mönchen des Klosters Rabten Choeling in Sand gestreut.

Der Schirm ist eines der acht glücksverheißenden Symbole im tibetischen Buddhismus, zu denen noch die goldenen Fische, der unendliche Knoten, die Schatzvase, die Lotusblume, das Siegesbanner, das Dharmarad und die rechtsgedrehte Dharmamuschel gehören. Der Schirm symbolisiert den Schutz vor der Hitze der Verblendungen.

Die Technik des Streuens von Sandbildern gehört zu den traditionellen Künsten im tibetischen Buddhismus. Sie wurde von Buddha in den großen Tantras für das Herstellen von Mandalas empfohlen und ist bis heute in den großen Klöstern Tibets erhalten geblieben.

Vorwort

Es freut uns, Ihnen ein neues Buch in der Reihe von Unterweisungen unseres wertvollen Meisters Gesche Rabten Rinpotsche vorstellen zu dürfen: Rat eines tibetischen Meisters. Die englische Version ist seit vielen Jahren in Editionen der Library of Tibetan Works & Archives und Wisdom Publications USA erhältlich. Aufgrund der großen Nachfrage und der tiefen Wirkung, die dieser Text im Geist vieler Personen hinterlässt, haben wir uns nun entschlossen, ihn auch in deutscher Sprache zu veröffentlichen.

Der Ehrwürdige Gesche Rabten Rinpotsche gab diese Unterweisungen 1973 im Tushita-Zentrum in Dharamsala in Indien vor etwa siebzig Zuhörern, darunter waren fast alle heute bekannten westlichen Gelehrten des Buddhismus. Gelegentlich finde ich es bedauerlich, dass die Lehren des tibetischen Buddhismus zu Beginn ihrer Weitergabe an westliche Zuhörer auf mündliche Übersetzer wie mich angewiesen waren – Übersetzer, deren Wissen und Kenntnis der fremden Sprache geringer war als ein Tropfen im Ozean. Die einzige Rechtfertigung, eine solche verantwortungsvolle Aufgabe dennoch zu übernehmen, lag im Mangel an Alternativen und der Motivation, dem Meister zu dienen.

Trotz solcher Hindernisse machte der Segen des Meisters diese Unterweisungen für viele Menschen zu einer Quelle der Ermutigung und Hoffnung, die bis zum heutigen Tag nicht versiegt ist. 

Brian Beresford aus Neuseeland, der inzwischen leider verstorben ist, bat um diese besonderen Unterweisungen und transkribierte sie auch in seinem Bemühen, die Lehren herausragender tibetischer Meister zu dokumentieren – mögen solche Meister ihn immer führen!

Diese Unterweisungen gründen auf den Sieben Punkten der Schulung des Geistes (lo dschong dön dün ma) von Kadam Gesche Tschekawa (1101-1175), einem der frühen Kadampa-Meister. Kadam oder Vatschanadeschana (Die Wort-Anweisungen) bedeutet, alle Worte des Buddha als direkte Ratschläge und Anweisungen für sich selbst zu verstehen und bezeichnet die Anwendung des Buddhismus, die Meister Atischa Dipamkara Schri Gñana (982-1054) nach Tibet brachte.

Unter großen Schwierigkeiten luden Dharma-Regenten des westlichen Tibet Atischa aus Bengalen nach Tibet ein, um das Chaos und die Konflikte zu beseitigen, die den Buddhismus damals in Tibet beherrschten. Der Buddhismus war schon dreihundert Jahre zuvor nach Tibet gekommen, anti-buddhistische Kräfte und König Langdarmas systematische Zerstörung hatten ihn jedoch fast zum Erlöschen gebracht. Als eine Wiederbelebung einsetzte, war diese von großer Verwirrung gekennzeichnet, bis Meister Atischas Klarstellungen kamen. So haben alle buddhistischen Traditionen Tibets den äußerst erhellenden Arbeiten dieses großen indischen Meisters Atischa viel zu verdanken, und sie befänden sich ohne ihn heute in einer gänzlich anderen Lage.

Meister Dsche Tsongkhapa (1357-1419) führte die von Meister Atischa eingeführte direkte Überlieferung der Kadam-Tradition fort und brachte sie zur Blüte. Aus diesem Grund nennt man die Gelug-Tradition manchmal auch Neue Kadampa-Tradition.

Diese Schulungen des Geistes, auf tibetisch Lodschong (Tschirnabuddhi auf sanskrit), gehören zu den allerinnersten Anweisungen Meister Atischas. Er selbst hatte eine lange und beschwerliche Schiffsreise nach Sumatra zu Meister Suvarnadipa unternommen, um diese Unterweisungen zu erhalten. Meister Suvarnadipa gab Atischa viele außergewöhnliche Unterweisungen, im Besonderen jedoch die äußerst wirkungsvollen Methoden zum Zähmen und Schulen des Geistes, die Mittel sind, um Bodhitschitta, den Erleuchtungsgeist, zu erzeugen.

Atischa gab diese Unterweisungen später an seinen außergewöhnlichsten Schüler, Meister Drom, weiter, und dieser wiederum an die drei ursprünglichen Kadampa-Meister, die deshalb (im übertragenen Sinn) als die drei Brüder bekannt sind:


Gesche Potowa

Gesche Tschenngawa

Gesche Phutschungwa


Gesche Potowa gab diese intensiven Methoden der Geistesschulung im Besonderen an seinen Schüler Gesche Scharawa weiter, und dieser an den Meister Tschekawa Yesche Dordsche. Geboren als Sohn eines Nyingmapa Yogi, erlangte Letzterer Gelehrtheit in verschiedenen Unterweisungen der Tantras und der Sutras. Er war jedoch damit nicht zufrieden und suchte nach einer endgültigen Methode zum Erreichen der Erleuchtung, bis er auf einen Vers der Schulung des Geistes stieß, in dem es heißt: 

Möge ich allen Sieg und Gewinn anderen schenken Und alle Verluste und Niederlagen auf mich nehmen. Dies stammt aus einer Unterweisung des früheren Kadampa-Meisters Langri Thangpa. Meister Tschekawa war tief bewegt und begeistert von diesen Unterweisungen. Er suchte nach einer direkten Übertragung, musste allerdings feststellen, dass Meister Langri Thangpa schon verstorben war. Nach langer Suche traf er Meister Scharawa, der ihn schließlich in dieser Geistesschulung vollständig unterrichtete. So wurde er zum Kadampa Gesche Tschekawa. 

Meister Tschekawa verfasste einen Überblick dieser Meditationsmethoden und legte sie in geschriebener Form nieder. So entstand der Wurzeltext der Sieben Punkte der Geistesschulung.  

Früher gaben die Kadampa-Meister diese Lodschong-Unterweisungen nur denjenigen Schülern, die ernsthaft intensiven Meditationen zur Schulung des Geistes folgten. Diese Schüler waren nicht lediglich auf allgemeine Unterweisungen oder intellektuelle Bereicherung aus, sie wollten vielmehr entschlossen die Wurzel des Egoismus angreifen und Bodhitschitta entwickeln. Denn jeder Punkt dieser Unterweisungen trifft direkt das Zentrum der Zielscheibe in unserem Herzen: das ICHGREIFEN.

Wenn unser kostbarer Meister Gesche Rinpotsche solche essentiellen Unterweisungen direkt aus seiner meditativen Erfahrung gibt, erzeugt er eine Kraft, die weit über eine lediglich intellektuelle Übertragung hinausgeht und direkt in unseren Geist einzudringen vermag.

Im Langlebensgebet für Gesche Rinpotsche, verfasst von Seiner Heiligkeit Kyabdsche Tridschang Dordsche Tschang, heißt es:

Obwohl dein Geist mit den weiten und tiefen Unterweisungen erfüllt ist,

Legst du Stolz, Überheblichkeit und Vorgeben gänzlich beiseite,

Du führst den Lebensstil einer Lampe in einer Vase, 

Und wurdest so zum höchsten Halter der Kadam-Tradition,

Mögest du lange leben!


Gesche Rinpotsches Lebensweise, Anwendung der Unterweisungen und Führung der Schüler, entspricht genau einem wahren Kadampa-Meister. Diejenigen, die nicht das Glück hatten, ihn zu treffen, können dies in seiner Biographie Mönch aus Tibet nachlesen. Anstatt die Einführung noch länger zu machen, lade ich den Leser zu einer Sitzung gelesener Meditation ein, in der die Unterweisungen zweier einzigartiger Kadampa-Meister, der eine aus dem zehnten Jahrhundert, der andere aus dem zwanzigsten, vereint sind.

Möge der Egoismus an seiner Wurzel erschüttert werden.


Gonsar Tulku

Gesche Tschekawa

Mahayana-Geistesschulung in sieben Punkten

Wurzeltext

verfasst von dem Kadampa-Meister Gesche Tschekawa (1102-1176)

Om Swasti: 

Verehrung dem großen Erbarmen!

Dieser essentielle Nektar der Anweisung

wurde überliefert von Serlingpa.


1

Schule dich zuerst in den vorbereitenden Übungen.


2

Nachdem du Stabilität gewonnen hast, 

erhalte die geheime Lehre.

Betrachte alle Phänomene wie einen Traum.

Untersuche die Natur des ungeborenen Bewusstseins!

Auch das Gegenmittel wird in sich selbst befreit.

Richte die Essenz des Weges auf die Natur 

der Grundlage von allem.

Nach der Meditationssitzung sei ein Meister 

der Illusion.

Wie ein Diamant, die Sonne und der heilkräftige Baum

verwandelt er die Blüte der fünf Degenerationen 

in den Weg zur Erleuchtung.

Schiebe alle Schuld auf eines.

Meditiere über die große Güte aller.

Übe Geben und Nehmen in Verbindung.

Beginne mit dem Nehmen bei dir selbst.

Lass diese beiden auf dem Atem reiten.

Es gibt drei Objekte, drei Gifte und drei Quellen

des Heilsamen.

Das ist die kurzgefasste Anweisung für die Zeit

danach (nach der Meditation).

Erinnere dich daran immer wieder.

Bei jeder Aktivität wende darum diese Worte an.


3

Wenn Behälter und Inhalt mit Übel gefüllt sind, 

wandle die hinderlichen Umstände in den Weg 

zur Erleuchtung um.

Nutze jede unmittelbare Gegebenheit für Meditation.

Die vier Vorbereitungen zu besitzen 

ist die höchste Methode.


4

Die Essenz der kurzgefassten Anweisung:

Übe dich in den fünf Kräften.

Die Anweisung für die Bewusstseinsübertragung 

im Großen Fahrzeug

besteht in eben diesen fünf Kräften 

in der vollkommenen Haltung.

Alle Dharmas dienen nur einem Ziel.

Halte dich an den wichtigeren der beiden Zeugen.


5

Man bewahrt immer einen freudigen Geist.

Die Umkehrung ist das Maß des Geübtseins.

Es gibt fünf große Zeichen der Vervollkommnung.

Man ist geschult, wenn fähig trotz Ablenkung.


6

Wende immer die drei Grundsätze an. 

Ändere deine Einstellung, aber bleibe natürlich.

Sprich nicht über die Schwächen anderer.

Denke gar nicht über die Angelegenheiten 

der anderen nach.

Die schwerste Verblendung bereinige zuerst.

Gib jede Hoffnung auf Belohnung auf.

Meide vergiftete Nahrung.

Sei (den Verblendungen) nicht treu.

Sei gleichgültig gegenüber bösartigen Scherzen.

Sei nicht hinterhältig.

Ziele nie auf den wunden Punkt.

Lade einem Ochsen nicht die Last eines Dzo auf.

Beanspruche nicht das Verdienst.

Sei nicht heimtückisch.

Mach einen Gott nicht zu einem Dämon.

Verursache für dein Glück kein Leid.


7

Wende alle Yogas mit einem an.

Überwinde jedes Hindernis mit einem.

Es gibt zwei Aufgaben: am Anfang und am Ende.

Gedulde dich in jeder der beiden Situationen 

(ob gut oder schlecht).

Schütze beide Punkte mehr als dein Leben.

Übe die drei schwierigen Dinge.

Erlange die drei Hauptursachen.

Meditiere die drei nicht nachlassenden Einstellungen.

Besitze die drei Untrennbaren.

Übe den Objekten gegenüber rein, ohne Bevorzugung.

Schätze die Anwendung von allem 

in die Breite und Tiefe.

Meditiere immer über die Besonderen. 

Mach dich nicht von anderen Umständen abhängig.

Übe die wichtigen Dinge jetzt.

Verstehe es nicht verkehrt.

Übe nicht nur gelegentlich.

Schule dich entschlossen.

Befreie dich durch die beiden: 

Untersuchung und Analyse.

Gib nicht an.

Sei nicht ärgerlich.

Sei nicht wankelmütig.

Erwarte keinen Dank.

Weil das Karma früherer Übung erwachte 

und aus großem Vertrauen, 

erbat ich die Anweisung des Zähmens des 

Selbstgreifens, 

wobei ich Leid und Kritik missachtete. 

Nun verspüre ich, 

selbst wenn ich sterben muss, keinerlei Reue.