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Rasante Romanze in Florenz

1. KAPITEL

„Ich erinnere mich noch, als ob es erst gestern gewesen wäre und nicht schon vor so vielen Jahren. Wir erreichten die Toskana an einem strahlenden Sommertag im Juli. Kein Wölkchen trübte den azurblauen Himmel, die Luft war lau und erfüllt vom Duft der Pinien, und für Trevor und mich war es der Beginn eines großen Abenteuers. Bis dahin waren wir Freunde, nicht mehr und nicht weniger. Wir waren damals noch sehr jung, verstanden uns gut und wollten etwas von der Welt sehen, auch wenn wir nicht viel Geld besaßen. Und Italien war für mich schon immer etwas ganz Besonderes gewesen. Von Florenz aus zogen wir also in Richtung Süden, und noch heute sehe ich die hügelige Landschaft vor mir, wenn ich die Augen schließe. Die von Zypressen gesäumten Alleen und malerischen Olivenhaine. Der Duft von Lavendel und Zitronenblüten war allgegenwärtig und vermittelte uns das Gefühl grenzenloser Freiheit. Tagsüber ließen wir uns von den Schönheiten der Natur verzaubern, und die Abende verbrachten wir in der Taverne von Giacomo. Irgendwann hörte ich dann von der Isola del Giglio. Diese Insel, die auch die Lilieninsel genannt wird, ist ein ganz besonders schöner Ort. Als wir sie erreichten, war es wie Magie. An diesem Tag änderte sich alles zwischen Trevor und mir. Wir spürten, dass da mehr war zwischen uns, und nie werde ich vergessen, wie wir uns dort zum ersten Mal küssten und …“

„Stopp!“, rief Stella aus und spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. „Ich … ähm … Ich denke, das genügt.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln, gleichzeitig stieg Mitleid in ihr auf, als sie sah, wie Charlotte Bishop enttäuscht den Blick senkte. Keine Frage, die ältere Frau hätte sehr gern weiter in ihren Erinnerungen geschwelgt, doch wenn sie jetzt eines nicht gebrauchen konnte, dann waren es derartige Geschichten. Nicht nur, weil sie selbst nun schon seit einem halben Jahr in der Toskana lebte und ihre Erfahrungen dort alles andere als romantischer Natur waren – nein, es lag vor allem daran, dass sie rein gar nichts über einen ganz bestimmten Menschen hören wollte.

Und zwar über Trevor Castlemaine – ihren Vater. Ihren Vater, der vor drei Jahren bei der Ausübung seines Berufes ums Leben gekommen und trotzdem noch immer allgegenwärtig war.

Dabei hätte Stella ihn am liebsten ein für alle Mal aus ihrem Gedächtnis gestrichen.

„Ich weiß ja, Kindchen“, riss Charlotte sie aus ihren Gedanken. „Sie mögen meine Geschichten nicht.“ Stella wollte protestieren, doch die ältere Frau hob eine Hand und lächelte milde, als sie weitersprach: „Und ich bin mir auch darüber bewusst, dass das nicht an mir liegt, sondern an Ihrem Vater. Aber Sie …“

„Schon gut, schon gut“, gab Stella patziger als gewollt zurück und strich sich mit einer fahrigen Handbewegung durchs Haar. „Mir ist klar, worauf Sie hinauswollen: Sie sind der Ansicht, ich sollte die Vergangenheit ruhen lassen und nicht so hart mit meinem Vater ins Gericht gehen. Schließlich kann er sich nicht mehr wehren.“

„Ist das denn so falsch? Vor allem angesichts der Tatsache, dass nicht einmal ich Trevor irgendetwas nachtrage?“

Stella schluckte. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte, daher beschloss sie, das Thema zu wechseln. „Also, ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich könnte inzwischen durchaus etwas zu essen vertragen!“ Sie erhob sich von ihrem Sessel im Wohnzimmer, das wie alle Räume in Charlottes Haus, ein gemütliches kleines Cottage mit Reetdach mitten in den sanften Hügeln von Cornwall, ebenerdig lag. „Und außerdem habe ich mir die ganze Mühe schließlich nicht gemacht, damit wir hier sitzen, wo wir nichts von meiner Überraschung sehen können!“

Entschieden trat sie hinter Charlotte. Wie immer, wenn sie die Schiebegriffe des Rollstuhls umfasste, war es wie ein Stich ins Herz für sie, und sie konnte nichts dagegen tun, dass ihre Gedanken wieder zu dem Mann wanderten, den sie doch eigentlich nur noch vergessen wollte.

Ihren Vater – und gleichzeitig den Mann, der für Charlottes Schicksal die Verantwortung trug.

Rasch verscheuchte sie den Gedanken wieder und schob Charlotte auf die Terrasse, die von herrlich blühenden Blumen umgeben war. Lediglich das Wetter ließ ein wenig zu wünschen übrig – es war für die Jahreszeit viel zu nass und wechselhaft. Doch Stella hatte sich alle Mühe gegeben, mit Mitbringseln aus ihrer neuen italienischen Heimat ein behagliches Ambiente zu zaubern.

„Kindchen, Sie verwöhnen mich!“ Charlotte, die trotz ihrer neunundfünfzig Jahre noch immer jung wirkte, strahlte vor Freude, als sie sah, was Stella für sie vorbereitet hatte. Sie lächelte verschmitzt. „Deshalb haben Sie also darauf bestanden, dass ich mich wie jeden Donnerstag mit meinen Damen zum Nachmittagstee treffe. Damit Sie alles in Ruhe vorbereiten können! Also, wie Sie das hinbekommen haben, ich muss schon sagen …“

Zufrieden betrachtete Stella ihr Werk. Ja, es war wirklich genau so geworden, wie sie es sich vorgestellt hatte. Das leuchtende Gelb reifer Zitronen bildete einen hübschen Kontrast zum Grün der Olivenzweige. Dazwischen hatte sie verschiedene typisch toskanische Accessoires arrangiert: herrlich duftende Kräuter, eingelegte schwarze Oliven und pralle rote Malvasier-Trauben.

Als Charlotte den Präsentkorb auspackte, den Stella ihr mitgebracht hatte, geriet die ältere Frau regelrecht ins Schwärmen. „Hm, das sieht ja wirklich ganz vorzüglich aus. Bergsalami, Trüffelpasta, Chianti Weinessig – und sogar meine Lieblingsschokolade von der Chocolaterie Amedei bei Pisa! Sie haben wirklich an alles gedacht.“ Ihr Blick wurde ernst. „Aber Sie wissen schon, dass das nicht nötig gewesen wäre?“

„Das sagen Sie – ich sehe das ein bisschen anders! Schließlich müssen wir den Auftakt meines Urlaubs entsprechend feiern, oder finden Sie nicht?“ Stella stellte sich vor sie, um sie anzusehen. Mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt, Charlotte immer zu überragen. Denn die ältere Frau, die im Laufe der Zeit wie eine Ersatzmutter für sie geworden war, würde nie wieder aufstehen können. Seit nunmehr drei Jahren war sie von der Hüfte abwärts gelähmt, und die Ärzte waren sich einig, dass keine Aussicht auf Heilung bestand.

Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit musste Stella daran denken, wer die Schuld an Charlottes Unglück trug. Wer mit seinem unverantwortlichen Handeln dafür gesorgt hatte, dass …

„Sie sehen müde aus, mein Kind“, sagte Charlotte und legte Stella mit einer mütterlichen Geste eine Hand auf den Unterarm. „Und Sie bedrückt etwas, das sehe ich Ihnen an.“

Stella seufzte lächelnd. Vor Charlotte etwas zu verbergen, war nahezu unmöglich. Aber eigentlich hatte sie doch genau dies vorgehabt! Schließlich sahen sie sich heute zum ersten Mal nach sechs Monaten wieder, und die bevorstehenden drei Wochen, die sie gemeinsam hier in Cornwall verbringen würden, sollten doch durch ihre Sorgen und Probleme nicht getrübt werden.

Und dennoch – jetzt, wo Charlotte sie so direkt darauf ansprach, konnte Stella nicht länger verbergen, was in ihr vorging.

„Ach, es ist einfach wie verhext!“ Seufzend ließ sie sich auf einen der Terrassenstühle sinken, sodass sie Charlotte direkt gegenübersaß. Als sie spürte, wie ihr die Tränen kamen, senkte sie rasch den Blick. „Nichts läuft wie geplant, alles geht immer nur schief.“

„Also ist es Ihnen noch nicht gelungen, sich in Italien einzuleben?“, hakte die ältere Frau behutsam nach.

„Doch, das schon. Landschaftlich und von den Menschen her ist die Toskana wirklich ein Traum, und ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, welch großes Glück es bedeutet, dort arbeiten und leben zu dürfen.“

„Aber?“

„Es ist die Arbeit. Ich hatte geglaubt, ich könnte dort noch einmal ganz von vorne anfangen. Ohne die ewigen Vorbehalte, mit denen ich zu kämpfen habe, seit …“ Sie seufzte. „Sie wissen, wovon ich spreche. Nun – das genaue Gegenteil ist der Fall! Die Sicherheitsfirma, für die ich arbeite, ist auf sämtlichen Gebieten tätig. Personen- und Objektschutz. Erfahrene Kollegen bekommen große, verantwortungsvolle Aufgaben zugeteilt, der Rest teilt sich das, was übrig ist.“

„Und Sie? Sie verfügen doch auch über genügend Erfahrung.“

„Was aber dort anscheinend niemanden interessiert!“ Stella atmete hörbar aus. „Stattdessen werde ich praktisch für Hilfsjobs eingesetzt. Stellen Sie sich vor, in den ersten drei Monaten hat man mich dazu abgestellt, nachts Wachdienst in einer Lagerhalle am Hafen zu schieben! Abgesehen von ein paar Mäusen, die ich dabei beobachtet habe, wie sie hinter einer losen Kunststoffabdeckung in der Ecke des Wachcontainers ihr Nest bauten, hat sich die ganze Zeit nichts gerührt. Und währenddessen wurde ein Kollege, der zeitgleich mit mir angefangen hat, mit dem Schutz einer bekannten italienischen Schauspielerin betraut!“

„Und jetzt denken Sie, das liegt an Ihrer Vergangenheit. Beziehungsweise an der Ihres Vaters.“

„Was denn sonst?“ Sie seufzte. „Machen wir uns doch nichts vor, Charlotte: Ich habe in England keine Aufträge mehr bekommen, weil mein Va… weil Trevor Castlemaine nach dieser Tragödie damals in allen Zeitungen stand. Und es spielt keine Rolle, dass er selbst nicht mehr lebt – in der Branche gilt er als schwarzes Schaf, weil er gegen das wichtigste Gesetz verstoßen hat, das es für einen Leibwächter gibt. Aber wem erzähle ich das …“

Wieder Charlottes trauriger Blick. „Sie wissen, wie ich darüber denke, Stella“, sagte die ältere Frau leise. „Ich gebe Ihrem Vater keine Schuld. Denn sollte er etwas falsch gemacht haben, dann habe ich ebenfalls einen Fehler gemacht.“

„Aber er war es, der Sie beschützen sollte – und nicht umgekehrt!“, stellte Stella klar. Sie wollte nicht hören, dass jemand ihren Vater in Schutz nahm – schon gar nicht Charlotte. Denn im Gegensatz zu dem Schicksal der älteren Frau waren die Probleme, mit denen sie selbst seither zu kämpfen hatte, lächerlich gering. Trotzdem brachte sie es, im Gegensatz zu ihrer mütterlichen Freundin, nicht über sich, Trevor Castlemaine zu verzeihen.

Durch einen einzigen, nicht wiedergutzumachenden Fehltritt hatte er das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit für sie zunichtegemacht. Durch sein Verschulden hatte sie ihre Heimat verlassen und in die Fremde ziehen müssen. Und selbst dort gelang es ihr nur mehr schlecht als recht, auch nur ein Bein auf den Boden zu bekommen.

Sie wollte gerade zu den verlockend aussehenden Trauben greifen, als der Klingelton ihres Handys erklang.

Rasch zog sie das Telefon aus ihrer Hosentasche und warf einen Blick aufs Display. Als sie die Nummer des Anrufers erkannte, riss sie die Augen auf. Was hatte das zu bedeuten?

„Entschuldigen Sie bitte, aber ich muss da kurz ran“, sagte sie zu Charlotte; dann nahm sie das Gespräch an.

, Signor Coretti?“, begrüßte sie ihren Chef auf Italienisch. Aufgrund ihrer Liebe zu Italien hatte sie sich die Sprache schon als Jugendliche selbst beigebracht. Sie wusste, dass dieser Anruf irgendetwas Besonderes zu bedeuten haben musste, denn sonst hätte Coretti sie niemals an ihrem ersten Urlaubstag angerufen. Nicht, dass sie ihren Job, für den sie extra in die Toskana gezogen war, nach wenigen Monaten schon wieder los war! Hatte sie etwas falsch gemacht? Oder …

„Signorina Castlemaine, gut, dass ich Sie erreiche“, kam ihr Chef ohne Umschweife zur Sache. „Sie müssen Ihren Urlaub abbrechen. Ich erwarte Sie so schnell wie möglich zurück in Italien.“

„Abbrechen?“ Stella, die im ersten Moment glaubte, sich verhört zu haben, protestierte: „Aber … das geht nicht! Mein Urlaub hat doch gerade erst angefangen!“

„Nun, dessen bin ich mir natürlich durchaus bewusst. Allerdings dürften Sie doch wissen, dass im Beruf des Personenschützers alles Private an zweiter Stelle stehen muss. Oder glauben Sie etwa, ein Mann wie Signor Ponti ist bereit, auf seine dringend benötigte Personenschützerin zu warten, bloß weil die gerade Ferien machen will?“

„Nein, natürlich nicht. Es ist nur so, dass ich eine gute Freundin in England …“ Sie stockte. „Sagten Sie Ponti? Doch nicht etwa Luca Ponti, der Rennfahrer?“

Unwillkürlich blickte sie zu Charlotte, die nur milde lächelnd nickte.

„Sí“, antwortete Coretti, „genau über diesen Mann sprechen wir. Zweifacher italienischer Tourenmeister und dreifacher Meister der GP2-Series. Wie Sie sicherlich mitbekommen haben, hatte er vor einiger Zeit einen schweren Unfall, der ihn zu einer längeren Pause zwang. Inzwischen ist er gesundheitlich wieder auf der Höhe und plant sein Comeback. Dazu benötigt er Personenschutz. Nun, Signorina – Sie baten mich erst kürzlich um eine Chance, mir zu beweisen, dass Sie zu meinen besten Mitarbeiterinnen gehören. Jetzt biete ich Ihnen diese Möglichkeit. Aber Sie müssen sich sofort entscheiden. Selbstverständlich steht es Ihnen frei, auf Ihrem Urlaub zu bestehen – aber dann dürfte Ihnen auch klar sein, dass ich den Auftrag jemand anderem übertragen muss.“

Stella schluckte. Ihr war klar, dass Signor Coretti recht hatte: Das hier war ihre große Chance. Indem sie diesen Job annahm und ihn professionell ausführte, würde sie allen beweisen können, dass sie eben nicht so war wie ihr Vater.

Noch einmal warf sie einen raschen Blick auf Charlotte. Die nickte energisch.

„Also gut“, sagte Stella. „Ich nehme gleich morgen den ersten Flieger.“

Luca Ponti stützte sich mit beiden Händen auf die Steinbalustrade, die die große Terrasse umgab, und kniff, von der Morgensonne geblendet, die Augen zusammen.

Wie sehr er diesen Ausblick von hier oben genoss! Blühende Mandelbäume, saftige Blumenwiesen und Kastanienwälder, so weit das Auge reichte. Straßen, gesäumt von schlanken Zypressen, Weinhänge, die sich sanft in die Hügel schmiegten – und über allem lag der einzigartige Duft der Toskana.

Es war merkwürdig – obwohl er hier in Follonica geboren und aufgewachsen war, hatte er erst seit seinem tragischen Unfall vor anderthalb Jahren begonnen, sich für die Schönheiten der Natur zu interessieren.

Dem Unfall, der in vielerlei Hinsicht sein Leben verändert hatte.

Luca seufzte. Vor diesem Ereignis hatte es für ihn immer nur den Rennsport gegeben. Und das kam nicht von ungefähr: Schon sein Vater Enrico war, neben seinen Aufgaben, die er als Leiter des Familienunternehmens, einer Firma für Wasserfilter, wahrnahm, ein leidenschaftlicher Rennfahrer gewesen. Von ihm hatte Luca auch zu seinem sechsten Geburtstag sein erstes Gokart geschenkt bekommen. Luca war begeistert gewesen. Kurze Zeit später jedoch hatten dunkle Wolken das Leben der Familie überschattet, als Enrico Ponti bei einem tragischen Unfall auf der Rennbahn ums Leben kam.

Doch von da an hatte für Luca festgestanden, dass auch er eines Tages Rennfahrer werden wollte – um den Traum seines Vaters weiterzuleben.

Seine Mutter, die schon die Leidenschaft ihres Mannes stets mit Sorge betrachtet hatte, war verständlicherweise nicht angetan von dem Gedanken gewesen, dass ihr Sohn sich nun der gleichen Gefahr aussetzen wollte. Aber alle Versuche, ihn umzustimmen, scheiterten.

Er träumte davon, eines Tages den Sprung in die Formel 1 zu schaffen und damit das zu erreichen, was seinem Vater stets verwehrt geblieben war. Enrico sollte durch ihn weiterleben. Und Luca träumte nicht nur davon – er kämpfte dafür. Aus diesem Grund sah er die Versuche seiner Mutter, ihn umzustimmen, auch als Kampf gegen ihn an. Sie wollte verhindern, dass er seine Träume verwirklichte, und legte ihm einen Stein nach dem anderen in den Weg.

Heute wusste er natürlich, dass sie nur versucht hatte, ihn vor großem Schaden zu bewahren. Schließlich aber hatte sie eingesehen, dass ihr Sohn das tun musste, was er für richtig hielt, und sich, wenn auch schweren Herzens, damit abgefunden.

Begeistert war sie jedoch heute noch nicht von seiner Berufswahl. Nach dem tragischen Ereignis vor anderthalb Jahren hatte sie natürlich gehofft, dass Luca nie wieder ein Rennen fahren würde. Zumal er inzwischen alles erreicht hatte, was ein Rennsportler erreichen konnte.

Entsprechend geschockt war sie gewesen, als sie hörte, dass Luca sein Comeback plante. Das gefiel ihr gar nicht, und sie tat alles, um ihm das auszureden. Und das, obwohl sie doch genau wusste, warum er es tat! Längst lag es nicht mehr an seiner Rennfahrerleidenschaft, nein: Zu viel hatte er erlebt, um allein wegen des Erfolgs noch einmal in ein Cockpit zu steigen. Heute wusste er, dass das Leben aus viel mehr bestand. Dinge, die man genießen konnte, wie die herrliche Natur dieses Landes. Dennoch, sein Comeback musste sein. Luca hatte gar keine andere Wahl, wenn er …

„Luca, rapido! Komm her, wir haben dir etwas mitzuteilen!“

Wenn man vom Teufel spricht … Luca wandte sich um und sah seine Mutter eiligen Schrittes auf ihn zukommen. In ihrer Begleitung befand sich seine Cousine Loredana, die Tochter seines verstorbenen Onkels Massimo. Beide blickten so ernst drein, dass Luca unwillkürlich argwöhnisch wurde.

„Was gibt es?“, fragte er stirnrunzelnd. „Ist etwa jemand gestorben?“

Mariella Ponti wirkte ungewöhnlich nervös. Ihre Finger nestelten an den Perlmuttknöpfen ihrer Bluse, die so gelb wie die Sonnenblumen unten im Tal leuchtete. Dazu trug sie einen eleganten blütenweißen Rock und flache, ebenfalls weiße Schuhe.

Die Worte, mit denen sie nun antwortete, kamen ihr hingegen fest und ohne Zögern über die Lippen: „Noch nicht. Aber wie es aussieht, wird das schon sehr bald geschehen. Und genau deshalb müssen wir mit dir sprechen: um das zu verhindern!“

Luca blinzelte. „Ich verstehe nicht …“

„Du brauchst dir gar keine Mühe zu geben“, fiel seine Mutter ihm ins Wort. „Ich habe von dem Zwischenfall erfahren.“

Luca zuckte mit den Schultern. „Zwischenfall? Was für ein Zwischenfall?“

„Na, den auf der Rennstrecke. Den Anschlag!“ Sie senkte den Blick, und ihre Stimme begann zu zittern. „Ich kann es noch immer nicht fassen, dass du mir nichts davon gesagt hast. Wie konntest du nur?“

Luca schloss die Augen. Die Nachricht, dass seine Mutter von dem Vorfall wusste, traf ihn völlig unvorbereitet. Kurz blitzten vor seinem inneren Auge Bilder auf, die er seit Tagen beharrlich verdrängte. Die Fahrt in dem silberfarbenen Monoposto, das scharfe Abbremsen vor der Haarnadelkurve, dann dieser grelle rote Punkt, der ihn sekundenlang blendete …

Er bemühte sich, die Fassung zu wahren, und schüttelte den Kopf, so als könne er die unliebsamen Erinnerungen damit einfach abwerfen. „Woher weißt du davon?“

„Franko“, antwortete seine Mutter. „Franko hat es mir erzählt!“

„Caspita!“, fluchte Luca wütend. „Wie konnte er nur?“

„Das fragst du noch?“ Mariella Ponti sah ihren Sohn kopfschüttelnd an. „Cielo, er macht sich Sorgen um dich, genau wie deine Cousine und ich!“

Luca schluckte. Franko Falossini war einer seiner Techniker. Aber nicht nur das: Kaum jemand wusste, dass er ein Neffe seiner Mutter war, und nachdem er bis vor zwei Jahren eher sorglos in den Tag gelebt hatte, war sie froh gewesen, dass Luca ihm schließlich diesen Job in seinem Team besorgt hatte. Franko stand Mariella also sehr nah. Und eigentlich hätte mir klar sein müssen, dass er ihr gegenüber nicht schweigen würde, dachte Luca. Er hatte ja anfangs selbst überlegt, sie einzuweihen, diesen Gedanken aber schließlich verworfen. Niemand sollte erfahren, was vorgefallen war, weil seine ganzen Pläne sonst gefährdet wurden.

Pläne, ohne die er das Vermächtnis seines Vaters nicht würde retten können …

Seufzend schüttelte er jetzt den Kopf. „Das ist nichts, worüber ihr beide euch Gedanken machen müsst. Ich habe alles im Griff, und …“

„Alles im Griff?“ Seine Cousine lachte hell auf. Sie war eine hochgewachsene, rassige Schönheit mit olivfarbener Haut und langem dunklem Haar. Außer seiner Mutter war sie die einzige Frau, die er dauerhaft in seiner Nähe duldete. Nach der Erfahrung mit Giovanna … Er atmete tief durch und schüttelte den Gedanken an die Frau, die er einmal zu lieben geglaubt hatte, ab. „Wir mussten erfahren, dass du schon seit längerer Zeit Drohungen bekommst“, fuhr Loredana fort. „Und jetzt hat jemand beim Training einen Anschlag auf dich verübt. Du hast keinen blassen Schimmer, um wen es sich bei dieser Person handeln könnte, und weigerst dich, die Polizei einzuschalten. Und da verlangst du allen Ernstes noch von deiner Mutter und mir, dass wir uns da raushalten sollen?“

„Deine Cousine hat recht“, stimmte Mariella Ponti zu. „Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie du in dein Verderben läufst!“

Luca atmete tief durch. Was sollte er darauf erwidern?

„Jemand will verhindern, dass du wieder ins Renngeschäft einsteigst“, sagte Loredana. „Das ist doch wohl offensichtlich.“

„Und genau deshalb solltest du diesen Plan lieber aufgeben“, fügte seine Mutter hinzu.

No, das kommt nicht infrage!“ Wütend sah Luca sie an. „Du dürftest doch wohl am besten wissen, warum ich wieder Rennen fahren muss, nicht wahr? Hätte Ricardo nicht …“

„Oh, Carissimo, ich weiß sehr wohl, was dein Bruder getan hat. Es ist unverzeihlich, ja. Aber auch wenn wir das Geld so dringend brauchen – dein Leben geht vor! Und wenn du schon unbedingt wieder fahren musst, dann …“

„Was dann?“

„Nun, deine Cousine und ich …“ Mariella Ponti zögerte kurz. „Wir haben uns überlegt, dass du jemanden brauchst, der für deine Sicherheit sorgt.“

Luca verschlug es für einen Moment die Sprache. „Aha“, stieß er dann ungläubig hervor, „habt ihr euch das also überlegt? Und wer soll das bitteschön sein? Ein Leibwächter vielleicht?“ Als seine Mutter nickte, lachte er. „Bitte, das ist doch wohl nicht euer Ernst! Und wie soll so ein Mann mich beschützen?“

Seine Cousine erwiderte ungerührt: „Es handelt sich nicht um einen Mann, sondern um eine junge Frau. Wir haben schon alles in die Wege geleitet. Ihr Name ist Stella Castlemaine, und sie wird bereits heute Mittag eintreffen. Wir …“

„Niemals!“, fiel Luca ihr barsch ins Wort. „Das kommt überhaupt nicht infrage, hört ihr? Ich brauche niemanden, der mir ständig im Weg herumsteht – schon gar keine Frau!“

Er sah seine Mutter an, doch die senkte den Blick. Er merkte, dass sie unsicher war. Ganz im Gegensatz zu seiner Cousine.

„Aber Luca“, sagte Loredana vorwurfsvoll, „siehst du denn nicht, dass wir nur das Beste für dich wollen? Denk doch bloß an deine Mutter! Sie hat schon ihren Ehemann des Rennsports wegen verloren, und als wären diese Rennen nicht gefährlich genug, kommen jetzt noch diese Drohungen hinzu. Wenn dir dein Leben nichts wert ist, ist das deine Sache – aber um deiner Mutter willen ist es deine Pflicht, für deine Sicherheit zu sorgen!“

Luca sah, wie seiner Mutter bei Loredanas Worten die Tränen in die Augen stiegen. Er spürte, wie sein Herz sich verkrampfte. Natürlich wusste er, welches Risiko er einging. Die Drohungen, die er seit einiger Zeit erhielt, waren mit Sicherheit ernst zu nehmen, was ja allein schon der Anschlag verdeutlichte. Ihm selbst war auch nicht wohl bei dieser ganzen Sache. Aber er wollte dieses Comeback, es ging nicht anders. Nur so konnte er das, was sein Vater einst aufgebaut hatte, vor dem sicheren Ruin retten.

Und nur so konnte er Enrico Pontis Traum in Erfüllung gehen lassen.

„Wenn du keine Vernunft annimmst, sehe ich mich gezwungen, die Sache an die Öffentlichkeit zu bringen“, sagte seine Mutter nun. „Du magst dich für unverwundbar halten, doch ich bezweifele, dass die Verantwortlichen deines Rennstalls dieses Risiko eingehen möchten!“

Ungläubig schüttelte Luca den Kopf. „Du setzt mir die Pistole auf die Brust? Deinem eigenen Sohn?“ Er konnte es nicht fassen. „Du weißt genau, dass es mit meinem Comeback dann vorbei wäre. Und du weißt auch, wie wichtig das nicht nur für mich, sondern für die ganze Familie ist!“

„Wenn es um das Leben eines meiner Söhne geht, steht alles andere für mich hinten an.“ Mariella Ponti zeigte sich ungewohnt stur. „Also, wie entscheidest du dich?“

Tief atmete Luca durch. Was blieb ihm jetzt schon für eine Wahl? „Also schön“, lenkte er schließlich ein.

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