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Rätselhafte Küsse

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PROLOG

London, 25. Mai 1821

Isabella eilte den schäbigen Flur im zweiten Stock des Hospitals entlang. Ihre Angst war so groß, dass sie am liebsten geflohen wäre. Doch trotz ihrer Furcht folgte sie dem Mann vom Innenministerium, der so unerwartet bei ihr aufgetaucht war.

Jetzt blieb er vor einer Tür stehen, öffnete sie. Isabella schlüpfte an ihm vorbei und fand sich in einem Zimmer wieder, in dem es nach Krankheit und Tod roch. Mehr als zwanzig schmale Betten standen an den Wänden.

„Hier entlang, Miss O’Rourke“, sagte ihr Begleiter und führte sie zu einem Bett am anderen Ende des Raums, das halb hinter einem Vorhang verborgen war.

Ihre Schritte wurden immer langsamer. Oh, diese Angst! Lord Wycliffe, ein Mitarbeiter des Ministeriums, hatte versucht, Isabella auf das vorzubereiten, was sie hier erwartete. Er hatte gesagt, dass sie Cora möglicherweise auf den ersten Blick gar nicht erkennen würde, dass sie stark sein müsse und tapfer. Sie warf ihm einen Hilfe suchenden Blick zu. Aber er schaute starr geradeaus.

Wenn sie doch nur auf die Rückkehr ihrer Mutter hätte warten können! Mrs. O’Rourke war mit Lilly, der jüngsten ihrer Töchter, in den Park gegangen, um nach Cora zu suchen. Aber Wycliffe hatte behauptet, man dürfe keine Zeit verlieren. Also hatte Isabella ihre Schwester Eugenia gebeten, mit Lilly und Mama sobald wie möglich zum Hospital zu kommen. Dann war sie mit Seiner Lordschaft aufgebrochen, um Cora zu identifizieren.

Unterwegs hatte er ihr berichtet, was ihrer jüngeren Schwester zugestoßen war. Sie war geschlagen und entehrt worden. Man hatte ihr Gesicht verunstaltet und sie schließlich wie einen Haufen Lumpen in einer schmutzigen Gasse liegen lassen. Dort war sie am frühen Morgen von einem der Londoner Nachtwächter gefunden worden.

Isabella schluckte.

„Brauchen Sie einen Moment, um sich zu sammeln, Miss O’Rourke?“

Sie schüttelte den Kopf.

Lord Wycliffe schob den Vorhang beiseite. Dann berührte er sanft ihre Schulter. „Ich werde auf Sie warten.“

Hinter dem Vorhang war es nicht sehr hell. Es gab auch nichts zu sehen, was an Cora erinnert hätte. Da war weder ihr Mantel noch ihr Kleid. Nur zögernd beugte Isabella sich vor. Erst jetzt bemerkte sie die von der Decke fast verborgene Gestalt, die das Gesicht abgewandt hatte. Alles, was man von ihr erkennen konnte, war bandagiert.

„Cora?“ All ihren Mut zusammennehmend, berührte Isabella die verbundene Hand.

Mühsam und unter Schmerzen wandte ihre Schwester den Kopf.

Isabella hatte geglaubt, sie sei auf alles vorbereitet. Doch nun schluchzte sie laut auf. Cora! Ja, sie war es. Ihr wunderschönes honigblondes Haar aber war wirr und blutverkrustet. Die blauen Augen hatten jeden Glanz verloren. Ihre Lippen waren geschwollen und an einer Stelle aufgeplatzt, ihre einst makellose Stirn war durch eine große dreieckige Wunde entstellt.

„Bella …“, brachte die Verletzte mühsam hervor.

„Liebes!“Vorsichtig drückte Isabella die Hand ihrer Schwester. „Hab keine Angst mehr. Ich bin bei dir. Alles wird gut. Ich nehme dich mit nach Hause.“

„Nein.“ Eine einzelne Träne lief über Coras Wange. „Nein, ich werde nie mehr nach Hause gehen.“

Isabella zwang sich, ganz ruhig zu bleiben. Sie durfte jetzt nicht weinen. „Aber, Cora, wir …“

„Du brauchst nicht zu lügen.“ Die Träne hatte eine helle Spur auf der schmutzigen Wange hinterlassen.

„Ich …“ Isabella konnte nicht weitersprechen.

„Sei tapfer!“ Coras Lippe fing wieder an zu bluten. Aber die junge Frau war noch nicht fertig. Sie sammelte ihre Kraft und fuhr leise fort: „Er hat mir nie die Wahrheit gesagt. Er war nicht der, für den er sich ausgegeben hat. Du musst ihn finden!“

„Wen?“, stammelte Bella. Dann wurde ihr klar, dass Cora sich offenbar mit einem Mann getroffen hatte, mehrfach, heimlich … Ja, das erklärte ihre häufigen Spaziergänge im Park.

„Räche mich!“, forderte ihre Schwester mit schwacher Stimme.

„Aber“, begann Isabella, „wenn er dich in allem belogen hat, wenn du nicht einmal seinen Namen weißt, wie soll ich ihn dann finden?“

„Er gehört zur guten Gesellschaft, ist charmant, dunkelhaarig mit dunklen Augen, größer als Papa …“

„Das reicht nicht. Du musst gesund werden, um mir mehr über ihn berichten zu können. Bitte, Cora, du musst durchhalten, du …“

Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust der Verletzten. „Wenn er mich geküsst hat … Sein Mund schmeckte bitter. Und nach dem Küssen fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen, so als ob …“ Ihre Stimme erstarb.

„Liebes, bitte!“

Cora richtete den Blick fest auf Isabellas Gesicht. „Versprich mir, mich zu rächen!“

„Ich verspreche es. Doch nun ruh dich aus. Mama wird bald hier sein. Dann werden wir …“ Sie spürte, wie die Hand ihrer Schwester schlaff wurde. O Gott, Coras Blick brach! Sie war tot.

Vor dem Bett sank Isabella auf die Knie. „Nein, nein, nein“, wimmerte sie.

Plötzlich spürte sie Wycliffes Hände auf ihren Schultern. „Kommen Sie, Miss O’Rourke“, sagte er mit unerwartet sanfter Stimme, „wir werden im Büro der Oberschwester auf Ihre Mutter warten.“

Sie wandten sich der Tür zu, als diese aufgerissen wurde und drei Frauen hereinstürzten. „Bella!“, rief eine von ihnen, die älteste. „Bella, bitte, sag, dass es nicht unsere Cora ist! Alles war ein Irrtum, nicht wahr?“

„Oh, Mama …“

Isabella stellte sich ihren Schwestern und ihrer Mutter in den Weg. Es war besser, wenn die drei nicht sahen, was man Cora angetan hatte. Aber Mrs. O’Rourke stieß sie so heftig zur Seite, dass sie gegen Lord Wycliffe prallte, der sie stützen musste, damit sie nicht stürzte.

Gleich darauf war lautes Wehgeschrei zu hören. „Mein Liebling! Meine Kleine!“ Schluchzend warf Mrs. O’Rourke sich über Coras leblosen Körper.

Plötzlich richtete sie sich auf und schaute sich nach ihrer ältesten Tochter um. „Bella, wie konnte das geschehen? Wie konntest du das nur zulassen?“

„Mama, ich …“

„Es war deine Pflicht, auf sie aufzupassen!“ Ein neuer Schluchzer, und Mrs. O’Rourke warf sich wieder über ihr totes Kind. Undeutlich waren die Worte zu vernehmen: „Du warst für sie verantwortlich! Es hätte dich treffen sollen …“

Die Worte wollten Isabella schier das Herz zerreißen. Einen Moment lang war sie nicht einmal in der Lage zu atmen. Dann begann sie lautlos zu weinen. Die Tränen rannen ihr die Wangen hinunter. Aber niemand kam, um sie zu trösten. Eugenia und Lilly klammerten sich aneinander. Und ihre Mutter hielt noch immer die tote Cora in den Armen.

Nie zuvor hatte Isabella sich so allein gefühlt.

Plötzlich spürte sie, wie ihr jemand den Arm um die Taille legte. Es war Lord Wycliffe. Er, ein ihr völlig Fremder, bemühte sich, ihr den Schmerz erträglicher zu machen. Er flüsterte ihr ein paar tröstende Worte zu. Langsam versiegten ihre Tränen.

Das Gefühl der Einsamkeit aber blieb, ebenso wie die Last der Verantwortung und die verzweifelte Trauer um die tote Schwester.

Ruhe in Frieden, Cora. Ich werde dich rächen.

1. KAPITEL

London, 2. Juli 1821

„Warum langweilen wir uns eigentlich auf diesem Maskenball, obwohl wir uns bei einem Hexensabbat amüsieren könnten? Es ist Sommer, Hunter! Die Nächte sind kurz, aber voll wilder Vergnügungen. Da wird es doch etwas Besseres für uns zu tun geben, als die Argyle Rooms zu besuchen!“

Etwas Besseres? Was? Andrew Hunter gähnte und ließ den Blick über die Menschen gleiten, die den Ballsaal füllten. Fast alle waren verkleidet, wie es sich für einen Maskenball gehörte. Nur er und seine Freunde hatten es nicht für nötig gehalten, sich zu kostümieren. Sie trugen nicht einmal einen Domino oder eine Maske, was eigentlich ungehörig war und keineswegs den Regeln entsprach. Andererseits wusste er wahrhaftig nicht, wozu er sich die Mühe hätte machen sollen, ein Kostüm auszusuchen. Für ihn hatte das Leben seinen Reiz verloren, war uninteressant geworden, hier ebenso wie an allen anderen Orten in und außerhalb Londons.

Nun, es hatte wohl so kommen müssen. Während der letzten Monate und Jahre hatte Hunter eine Menge Dinge ausprobiert, ohne sich wirklich für etwas begeistern zu können. Jetzt blieb nicht mehr viel, das sich überhaupt auszuprobieren lohnte …

Sein Freund Henley stieß ihn noch einmal an. „Haben Sie mich überhaupt gehört, alter Knabe? In den Katakomben des Whitcombe Friedhofs findet eine Schwarze Messe statt. Aber wenn Sie eine bessere Idee haben …“

Andrew nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas, genoss das sanfte Brennen in seiner Kehle und schüttelte den Kopf. „Gehen Sie ohne mich nach Whitcombe. Ich denke, ich werde mich heute einmal früh nach Hause begeben.“

„Sie wollen früh zu Bett? Sind Sie etwa krank, Hunter?“

Krank? Konnte man einen Anfall von unüberwindlicher Langeweile und von Lebensüberdruss als Krankheit bezeichnen? Wenn ja, dann war er sehr krank. Aber darüber wollte er nicht sprechen. Also sagte er nur: „Diese Schwarzen Messen sind doch bloß ein dummes Spiel, Henley. Keiner glaubt wirklich daran. Hexen? So ein Unsinn! Unterhaltung für ein paar Stunden, mehr nicht! Ganz gleich, ob es sich um Teufelsanbetung, Hahnenkämpfe oder Weiber handelt, es langweilt mich.“

Sein Freund musterte ihn einen Moment lang nachdenklich. „In letzter Zeit blasen Sie zu oft Trübsinn. Das macht mir Kummer. Es ist an der Zeit, dass wir etwas finden, was Ihr Interesse weckt und es dann eine Weile fesselt.“

Er lachte. „Sie werden doch hoffentlich nicht vorschlagen, ich solle mir eine Geliebte suchen!“

„Nun, meiner Erfahrung nach kann nichts und niemand die Stimmung eines Mannes besser heben als ein hübsches williges Mädchen.“

Er dachte tatsächlich einen Moment lang darüber nach. Dann wurde ihm klar, dass selbst die Vorstellung, sich mit einer bezaubernden jungen Frau einzulassen, ihn nicht wirklich reizen konnte. Wie viele Frauen hatte er in den letzten Jahren besessen? Mit wie vielen hatte er geflirtet? Wie viele hatte er geküsst? Wie viele verführt? Wahrhaftig, er war selbst dieser Beschäftigung überdrüssig geworden!

Als sein älterer Bruder, der Earl of Lockwood, vor vier Monaten geheiratet hatte, war Andrew in ein kleines Stadthaus gezogen. Bis dahin hatte er mit seinen drei Brüdern unter einem Dach gewohnt. Doch nach der Eheschließung des Ältesten verspürte er keinerlei Lust, das junge Glück – so amüsant es ihm auch manchmal erschien – aus der Nähe mitzuerleben. Seinen jüngeren Brüdern James und Charles war es offensichtlich ähnlich ergangen. Sie hatten sich Wohnungen genommen, um dem frisch vermählten Paar ein ungestörtes Privatleben zu ermöglichen.

Andrew musste einen Seufzer unterdrücken. Solange es nötig gewesen war, gewisse Unternehmungen vor seinem ältesten Bruder geheim zu halten, waren sie ihm bedeutend spannender und unterhaltsamer erschienen als nun, da niemand mehr seine Handlungen mit kritischem Blick beobachtete. Ja, sein Dasein war eindeutig langweiliger geworden.

In dieser Nacht allerdings verspürte er ein seltsames Prickeln. Fast war es, als wolle ihm ein sechster Sinn sagen, dass das Leben doch noch etwas Besonderes zu bieten hatte. Irgendetwas Ungewöhnliches stand bevor. Etwas, das ihn aus seiner Lethargie reißen würde. Allerdings würde er es nicht dort finden, wo er normalerweise nach Unterhaltung suchte.

Mit einem kaum merklichen Lächeln wandte er sich an Henley. „Keine Frau heute“, erklärte er. „Wie ich schon sagte: Mir steht der Sinn nicht danach, etwas zu unternehmen. Vielleicht besuche ich noch kurz meinen Club. Mehr nicht …“

Henley verzog unwillkürlich das Gesicht. Er konnte einfach nicht glauben, was er da hörte. „Was ist los mit Ihnen, Hunter? Woher kommt diese Erschöpfung? Es ist noch nicht lange her, da sind Sie – genau wie wir anderen – nächtelang wach geblieben, ohne die geringsten Anzeichen von Ermattung zu zeigen! Was ist los? Sie machen mir Sorgen. He, schauen Sie sich um: Wir sind umgeben von Menschen, interessanten Männern und reizenden Frauen, die sich ein bisschen amüsieren wollen!“

Erneut ließ Andrew den Blick über die Anwesenden gleiten. Es stimmte, die meisten von ihnen schienen Spaß an dem Kostümball zu finden und bester Laune zu sein. Wer seine Identität hinter einer Maske verbergen konnte, fühlte sich gleich freier und scheute sich nicht, sich ein wenig unzüchtig zu benehmen. Oder reichten schon die langen warmen Sommerabende, um die Moral zu lockern? Der Mangel an Zurückhaltung war jedenfalls deutlich spürbar, hier und auch anderswo. Abenteuerlustige Männer und Frauen drängten sich auf Bällen und Soireen, auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks.

„Wir kennen das alles doch längst, Henley“, stellte Andrew mit einem Schulterzucken fest. „Nichts an all diesen Vergnügungen ist neu.“ Himmel, wie sehr er sich nach etwas Anderem, etwas Neuem sehnte! Er brauchte etwas, das ihn aus seiner dumpfen Langeweile riss!

„Unsinn! Es gibt immer wieder etwas Ungewöhnliches und Interessantes. Beispielsweise ist Lady Lace kürzlich zum ersten Mal auf der Bildfläche erschienen.“

„Lady wer?“

Henley wandte den Kopf und schaute zu einer Gruppe hin, die sich in einer Ecke des Saals versammelt hatte, aus der immer wieder lautes Gelächter zu hören war. Gentlemen und Damen schienen sich bestens zu unterhalten. Eine der Frauen fiel besonders auf, weil sie ganz in Schwarz gekleidet war. Sie trug ein tiefschwarzes Seidenkleid und dazu eine genauso dunkle, mit schwarzer Spitze besetzte Maske. Die Dame war klein, zierlich, schlanker als die Frauen, die Andrew im Allgemeinen gefielen. Dennoch hatte sie etwas an sich, das auch ihn sogleich in den Bann zog.

Jetzt bewegte sie die Hände in einer abwehrenden Geste, und zwei blonde junge Männer, die vor ihr gestanden hatten, traten einen Schritt zurück. Sogleich nahmen zwei andere deren Platz ein. Einer von ihnen war, wie Andrew bemerkte, sein Freund Conrad McPherson.

Hunter kniff die Augen zusammen, um beim flackernden Kerzenlicht besser sehen zu können. Lady Lace war wirklich schlank, aber sie war nicht so dünn, wie er zuerst gedacht hatte. Tatsächlich waren ihre Formen durchaus weiblich. Aufregend weiblich. Das schwarze Kleid betonte die Rundung ihrer Brüste, und der tiefe Ausschnitt gab den Blick frei auf ihre weiße, wie Samt schimmernde Haut. Auch ihr Haar glänzte. Die braunen Locken waren mit Hilfe eines schwarzen Bändchens hochgebunden und hätten vielleicht langweilig gewirkt, wenn da nicht dieser rötliche Glanz gewesen wäre. Bei jeder Bewegung schienen einzelne Strähnen rötlich aufzublitzen.

„Reizend …“, murmelte er. „Was können Sie mir über die Dame erzählen, Henley?“

Sein Freund lächelte zufrieden. Es gefiel ihm, dass er Hunters Interesse hatte wecken können. „Als Erstes“, begann er, „muss ich Ihnen sagen, dass Lady Lace meiner Meinung nach nicht ihr richtiger Name ist. Sie geht allen Fragen nach ihrer Herkunft geschickt aus dem Weg. Man vermutet, dass sie aus dem nördlichen England kommt, aus Yorkshire vielleicht. Es könnte aber auch ein gälischer Akzent sein, den sie gut zu verbergen versteht. Vielleicht stammt sie aus Irland oder Schottland? Jedenfalls ist sie erst kürzlich in London aufgetaucht. Seit einer Woche vielleicht besucht sie die Ballhäuser. Sie trägt stets Schwarz, woraus einige schließen, dass sie verwitwet ist. Andere behaupten, sie sei eine Kurtisane, die mit ihrer Aufmachung Aufsehen erregen will, weil sie auf der Suche nach einem neuen Liebhaber ist. Spekulationen …“

„Eine Kurtisane? Hm …“ Andrew runzelte die Stirn.

„Nun ja, sie gestattet ihren zahlreichen Verehrern gewisse Freiheiten. Das heißt, wie wir wissen, erlaubt sie – wo auch immer sie auftaucht – einem der anwesenden Gentlemen, sie zu küssen. Damit meine ich nicht, dass er ihr einen brüderlichen Kuss auf die Wange geben darf. Nein, ich spreche von einem richtigen Kuss, einem, den sie voller Leidenschaft erwidert. Wahrhaftig“, er fuhr sich mit der Hand durch sein blondes Haar, „ich frage mich, warum ich noch nicht zu den Glücklichen gehören durfte.“

„Wer weiß, vielleicht gefallen Sie ihr einfach nicht.“ Ein paar Minuten lang beobachtete er Lady Lace aufmerksam. „Sie scheint eine kluge und geschäftstüchtige Frau zu sein. Eine Kurtisane von Format … Innerhalb weniger Tage ist es ihr gelungen, alle Welt auf sich aufmerksam zu machen. Man spricht von ihr, die Männer erwarten sehnsüchtig ihre Ankunft und sehen sich schon als Ziel ihrer leidenschaftlichen Hingabe. Zweifellos wird sie sich bald für einen wirklich wohlhabenden Gentleman als neuen Beschützer entscheiden. Und der Auserwählte wird vermutlich bereit sein, sich finanziell für sie zu ruinieren.“

„Vielleicht liegt ihr ja weniger am Geld als daran, einen besonders attraktiven Liebhaber zu finden. Da Sie seit einiger Zeit ohne Mätresse sind, könnten Sie einen Versuch wagen, mein Freund.“

„Sie ist nicht mein Typ. Zu dünn …“

„Eben haben Sie sich noch beklagt, dass es nichts Neues gibt. Und jetzt sind Sie noch nicht einmal bereit, etwas Neues auszuprobieren. Wenn Sie bisher nie eine zierliche Geliebte hatten, wird es allmählich Zeit, sich eine anzuschaffen. Und stellen Sie sich nur vor, wie man Sie beneiden wird! Lady Lace ist seit ihrem ersten Auftreten zweifellos die begehrteste Frau von ganz London. Welche andere Dame könnte sich mit ihr messen?“

Andrew lachte. Ihm lag nichts daran, beneidet zu werden. Allerdings musste er sich eingestehen, dass die Unbekannte ihn nicht ganz kalt ließ. Eine geheimnisvolle Aura schien sie zu umgeben. Und Geheimnisse hatten ihn von jeher angezogen. Selbst wenn es nur darum ging, herauszufinden, was sich wirklich unter diesem schwarzen Kleid und hinter dieser dunklen Maske verbarg …

Eine Frau, die ihre Identität nicht preisgeben wollte … Eine, die sich nicht scheute, einen Gentleman, mit dem sie keine tiefen Gefühle verbanden, leidenschaftlich zu küssen … Eine, die, wenn man ein wenig flirtete, nicht gleich einen Heiratsantrag erwartete …Wenn sie allen Vermutungen zum Trotz doch keine Kurtisane war, dann musste sie eine mutige, unkonventionelle und wahrhaftig interessante Dame sein. Vielleicht würde es sich tatsächlich lohnen, ihre Bekanntschaft zu machen.

„Wie ich schon sagte, Henley: Wenn Sie zum Friedhof von Whitcombe gehen wollen, dann warten Sie nicht auf mich. Allerdings könnte es sein, dass ich doch noch nachkomme. In meinen Club kann ich auch morgen gehen.“ Damit wandte Hunter seine Aufmerksamkeit wieder der geheimnisvollen Schönen zu.

Isabella O’Rourke musste gegen die Übelkeit ankämpfen, die in ihr aufstieg, als der Schwarzhaarige sie küsste. Dabei war er keineswegs ungeübt oder linkisch. Er litt auch nicht unter Mundgeruch. Das Problem trat stets auf, wenn sie einem Fremden diese Intimität gestattete. Immerhin wusste sie nun, woran sie mit McPherson war: Er hatte Cora nicht getötet.

Sie setzte eine verwirrte Miene auf und schob ihn von sich. „Ach, Mr. McPherson, Sie rauben mir den Atem! Ich bekomme ja fast Angst vor Ihnen!“

Er lachte und deutete eine Verbeugung an.„Fürchten Sie sich nicht! Ich verbürge mich für Ihre Sicherheit.“

Sie lächelte und berührte mit dem zusammengelegten Fächer leicht seine Wange. „Das beruhigt mich. Doch nun möchte ich Sie bitten, mich eine Weile allein zu lassen.“

Er zögerte einen Moment, wandte sich dann aber gehorsam ab und verließ den Alkoven.

Bella atmete ein paar Mal tief durch und straffte die Schultern. Ein verspäteter Schauer überlief sie. Himmel, wie sie sich davor ekelte, Fremde zu küssen! Aber es musste sein …

Ihr Blick fiel auf ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit, das vergessen auf dem Tisch stand. Whisky? Cognac? Es war gleichgültig. Hauptsache, der Alkohol vermittelte ihr das Gefühl, sie von McPhersons Berührung zu reinigen. Sie griff nach dem Glas und leerte es in einem Zug. Das Getränk brannte ihr in der Kehle. Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen die Wand. Seit sie sich auf ihren Rachefeldzug begeben hatte, kam sie sich manchmal kaum noch menschlich vor. Es war schrecklich. Aber es war auch unumgänglich. Schließlich hatte sie Cora ein Versprechen gegeben.

„Wie ich sehen konnte, hat es Sie heftig geschüttelt“, sagte eine Stimme neben ihr. „Zweifellos der Abscheu … Aber galt er ihrem Partner oder Ihnen selbst?“

Sie wandte sich um und betrachtete den Gentleman, der ungebeten in den Alkoven getreten war.

Er beobachtete sie aufmerksam. Dabei hatte er sich entspannt an die gegenüberliegende Wand gelehnt, und ein zynisches Lächeln spielte um seinen sinnlichen Mund. Seine Augen waren sehr dunkel, und sein Blick, der eine ungewöhnliche Intensität ausstrahlte, schien sie ganz und gar durchdringen zu wollen.

Plötzlich befürchtete sie, dass er schon mehr über sie wusste, als ihr lieb war. Wahrhaftig, sie musste ihn loswerden. Aber wie? Er sah nicht so aus, als ließe er sich einfach fortschicken.

„Finden Sie, dass ein Kuss Abscheu hervorrufen sollte?“, fragte sie.

„Keineswegs. Es war Ihre Reaktion, die den Gedanken an Ekel in mir wachrief.“ Er verbeugte sich, schien sich dabei jedoch über die geltenden Anstandsregeln lustig zu machen. „Ich bin Andrew Hunter. Ihr ergebener Diener, Madam.“

Sie tat, als wolle sie in einen tiefen Hofknicks versinken, richtete sich dann aber rasch wieder auf und schaute ihr Gegenüber scheinbar gelassen an. Ihren Namen nannte sie nicht. „Ich habe durchaus nichts dagegen, geküsst zu werden, Mr. Hunter“, erklärte sie. „Im Gegenteil, ich mag es!“ Ob er wohl ahnte, dass sie ihren ersten Kuss vor kaum einer Woche bekommen hatte? Und dass sie noch nicht einen einzigen erhalten hatte, der sie nicht mit Ekel erfüllte? Nun, immerhin war sie eine ganz passable Lügnerin. Unwahrheiten kamen ihr inzwischen erstaunlich leicht über die Lippen.

Er lächelte. „Sie widmen sich also einem ganz besonderen Spiel, Lady Lace? Sie sammeln Küsse?“

Es wunderte sie nicht, dass er das Pseudonym kannte, unter dem sie sich ins Londoner Nachtleben gestürzt hatte. Vermutlich war sie auf dem besten Wege, in gewissen Kreisen eine Berühmtheit zu werden. Dennoch gefiel ihr die Vertrautheit nicht, mit der dieser Mr. Hunter sie behandelte. Sollte sie ihn zurechtweisen? Sie runzelte die Stirn.

„Vermutlich habe ich mich noch nicht an das Leben in der Stadt gewöhnt“, sagte sie dann. „Es verwirrt mich noch immer, wie wenig man hier von Diskretion hält und wie unbekümmert man hier intime Fragen stellt.“

Seine Augen nahmen einen nachdenklichen Ausdruck an. „Sie sind also noch nicht lange in London? Trotzdem dürfte es Sie nicht wundern, dass Ihr Name hier und da genannt wird. Natürlich ist er auch mir zu Ohren gekommen.“

„Aber soweit ich weiß, sind wir einander bisher gar nicht begegnet!“

„Nun, jetzt habe ich mich Ihnen sogar vorgestellt.“ Er beugte sich nach vorn und nahm ihr die Maske ab. „Sie gestatten doch?“

Isabella wollte protestieren. Aber ein Blick auf Hunters Gesicht bewies ihr, wie sinnlos das gewesen wäre. Dieser Gentleman gehörte nicht zu den Männern, die, ehe sie etwas taten, auf die Erlaubnis dazu warteten. Er war gefährlich. Außerdem war er groß mit dunklen Haaren und braunen Augen. Er hätte Coras Verehrer sein können. War er der Mörder, den sie so verzweifelt suchte?

In diesem Moment wurde ihr klar, was sie tun musste. Sie trat dicht an ihn heran und schlang die Arme um seinen Nacken. Um seinen Mund zu erreichen, musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen. Sie küsste ihn.

Als sie ihre Lippen auf die seinen presste, spürte sie, wie er sich – wahrscheinlich vor Überraschung – einen winzigen Moment lang versteifte. Doch schon beugte er sich zu ihr herab, legte ihr die Hände um die Taille und drehte sich mit ihr, bis sie mit dem Rücken zur Wand stand. Dann erwiderte er ihren Kuss.

Selbst wenn sie sich die größte Mühe gegeben hätte, hätte sie ihm nicht entkommen können. Tatsächlich aber machte sie nicht einmal den Versuch. Sein Kuss war so leidenschaftlich! Bella spürte, wie ihre Knie weich wurden und sich in ihrem Kopf alles zu drehen begann. Sie klammerte sich an den Fremden, unfähig, ihm auch nur den geringsten Widerstand entgegenzusetzen.

Sein Mund schmeckte fremd und doch vertraut. Hunter knabberte leicht an ihrer Unterlippe, fuhr dann mit der Zunge über die empfindsame Stelle.

Ein Schauer überlief sie. Doch diesmal war es kein Ekel. Isabella war sich ihres Körpers und seiner seltsamen Reaktionen sehr bewusst. Deutlich fühlte sie, wie ihre Brüste Hunters Oberkörper berührten. So etwas hatte sie noch nie erlebt! Ein seltsamer, irgendwie angenehmer Schmerz schien sich in ihren Brüsten zu konzentrieren. Es war wundervoll und gleichzeitig beängstigend. Himmel, sie musste dem ein Ende bereiten!

Aber sie war nicht in der Lage dazu. Sie hatte die Kontrolle über ihren eigenen Körper verloren. Sie hatte die Kontrolle über die Situation verloren! Vergeblich bemühte sie sich, vernünftig zu sein. Es war unmöglich …

Irgendwie war es Hunter gelungen, ihre Lippen zu öffnen. Seine Zunge hatte den Weg in Bellas Mund gefunden und spielte jetzt mit ihrer. Der Kuss wurde drängender, fordernder.

O Gott, was sollte sie nur tun?

Sie versuchte, einen Schritt zurückzutreten. Aber direkt hinter ihr war die Wand. Und vor ihr stand dieser attraktive Gentleman, der offensichtlich nicht bereit war, sie gehen zu lassen. Sie war gefangen. Schlimmer noch: Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie diese Gefangenschaft so genoss, dass sie nicht mehr um ihre Freiheit kämpfen würde! Schon jetzt sehnte sich alles in ihr danach, ihren Körper mit dem dieses Fremden zu verschmelzen. Wahrhaftig, sie musste den Verstand verloren haben!

Schließlich war es Hunter, der einen Schritt zurücktrat, die Hände von Isabellas Taille nahm und sich abwandte. Hatte sie etwas getan, was ihm Unbehagen bereitete?

„Sie haben mich verhext, Lady Lace“, murmelte er, ohne sie anzuschauen. „Aber Sie werden verstehen, dass es Aktivitäten gibt, denen ich lieber an Orten nachgehe, wo niemand uns stört.“

Heftig atmend lehnte sie an der Wand und bemühte sich zu begreifen, was geschehen war. Sie wusste nicht, warum sie ihr eigentliches Ziel so rasch und so gründlich aus den Augen verloren hatte. Sie starrte seinen Rücken an und brachte kein Wort über die Lippen.

„Nennen Sie mir Ihren Preis“, sagte er. „Und enttäuschen Sie mich bitte nicht, indem Sie vorgeben, mich nicht zu verstehen.“

Oh, sie wusste durchaus, was er meinte! Hoffentlich hielt er sie wenigstens für eine anspruchsvolle Kurtisane und nicht für ein gewöhnliches Flittchen! Sie schluckte und bemühte sich, ihre Stimme wiederzufinden. „Ich will keineswegs leugnen, dass ich Sie verstehe, Sir. Aber anscheinend gibt es da ein Missverständnis. Mich kann man nicht kaufen. Zu keinem Preis der Welt.“

„Dann suchen Sie jemanden, der Sie heiratet?“

„Nein.“

„Das ist gut. Denn kein ehrbarer Gentleman würde eine Frau zum Altar führen, die die Hälfte seiner Freunde geküsst hat.“

Sie lachte und warf einen Blick auf den Tisch. Stand da vielleicht noch ein vergessenes Glas mit Whisky? „Vielleicht suche ich nach einem Mann, der nicht als ehrbar zu bezeichnen ist.“

„Dann passen wir beide wunderbar zusammen. Mir wirft man nämlich mangelnde Ehrbarkeit vor.“

Im ersten Moment glaubte sie, er wolle einen Scherz machen. Doch sein Ton war so ernst, dass sie auch seine Worte ernst nehmen musste. Ein Mann – das begriff sie in diesem Moment –, der so küsste, musste zweifellos viel Praxis auf diesem Gebiet haben. Somit stimmte es wohl: Er war keineswegs respektabel. Er missachtete die Regeln des Anstands und zog sich das Missfallen der Ehrbaren zu. Er war ein Draufgänger, ein Lebemann. Er war gefährlich.

Plötzlich wandte er sich zu ihr um und schaute sie forschend an.

Ein heißer Schauer überlief sie, und sie hob abwehrend die Hand. „Sie haben eine seltsame Art, um eine Frau zu werben. Keine zärtlichen Worte, keine Treueschwüre, keine Liebeserklärungen … Nicht einmal ein halbherziges Versprechen, mich nie zu vergessen. Also?“

„Also verzichte ich auf Schmeicheleien und Lügen. Das ist alles. Habe ich Ihnen nicht schon gesagt, dass Sie mich verhext haben, Lady Lace? Ich dachte, das würde Ihnen genügen. Wie könnte ich von Liebe sprechen, da ich Sie kaum kenne? Wie könnte ich Treue schwören, da wir doch beide wissen, wie schnell jeder von uns sich in ein neues Abenteuer stürzen wird, wenn unsere Affäre vorbei ist? Sollte Ihnen allerdings an jener Art von Unwahrheiten etwas liegen, dann werden Sie sie von mir zu hören bekommen. Nur dürfen Sie mir später deshalb keine Vorwürfe machen.“

Er war der Vierte, der sie zu seiner Mätresse machen wollte, aber der Erste, der dabei auf romantische Worte verzichtete. Seine Ehrlichkeit beeindruckte sie. Trotzdem musste sie ihn natürlich abweisen. „Wie ich schon sagte, Mr. Hunter: Ich bin nicht zu haben.“

„Gut, Sie wollen kein Geld und keinen Trauschein. Nennen Sie also Ihre Bedingungen!“

Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie ihm antworten sollte. Dann zuckte sie scheinbar lässig die Schultern. „Sobald ich mir über meine Bedingungen im Klaren bin, werde ich sie Ihnen mitteilen.“

„Ich bitte darum. Und vergessen Sie nicht. Wenn ich mir etwas wünsche, bin ich nicht sehr geduldig.“

„Oh, eine Warnung! Danke!“

Er verbeugte sich und verließ den Alkoven ohne ein weiteres Wort. Nach ein paar Schritten allerdings wandte er sich um und ließ den Blick langsam und eingehend über Isabellas Gesicht und ihren Körper wandern. Er bewunderte sie, soviel stand fest. Aber das offensichtliche Verlangen, das in seinen Augen lag, machte ihr Angst.

Mit bebenden Fingern griff sie nach ihrer Maske, die auf dem Tisch lag, und setzte sie auf. Es würde wohl am besten sein, den Ball baldmöglichst zu verlassen.

Lady Lace, ja … Die Bekanntschaft mit ihr war etwas, was wirklich interessant zu werden versprach. Wie lange war es her, dass eine Frau ihn abgewiesen hatte?

Andrew wandte sich zum Gehen. Von einem Diener ließ er sich seinen Hut und seinen Stock reichen. Dann trat er auf die nächtliche Straße hinaus.

Er war kaum ein paar Schritte gegangen, als eine Mietdroschke neben ihm hielt. Bis zum Friedhof von Whitcombe würde er zu Fuß jedoch nur wenige Minuten brauchen, und so gab er dem Kutscher zu verstehen, dass er nicht gefahren werden wollte. Die Bewegung würde ihm helfen, seine überschüssige Energie loszuwerden. Vielleicht konnte er sogar den bemerkenswertesten Kuss, den er je in seinem Leben erhalten hatte, zumindest eine Zeit lang aus seinen Gedanken verdrängen.

Das würde zweifellos nicht leicht sein. Es war eine völlig neue und unerwartete Erfahrung für ihn gewesen, so plötzlich und so leidenschaftlich geküsst zu werden. Nur mit Mühe war es ihm gelungen, sein aufflammendes Verlangen unter Kontrolle zu halten.

Lady Lace musste eine Hexe sein. Soviel stand fest. Wie sonst ließe es sich erklären, dass ein einziger Kuss von ihr ihn so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte? Und diese unerhört selbstbewusste Art, die sie an den Tag legte! Nie zuvor hatte eine Frau es gewagt, ihn so zu behandeln.

Hatte er wirklich geglaubt, sie sei nicht sein Typ? Aus einiger Entfernung war sie ihm keineswegs so reizvoll erschienen wie von Nahem. Ihre Figur war nahezu perfekt. Allein die Erinnerung daran, wie ihre Brüste sich gegen seinen Körper gepresst hatten, genügte, um erneut seine Begierde zu wecken. Unwillkürlich seufzte er. Es war faszinierend, wie das Licht in ihrem Haar spielte. Ihre Augen waren nicht einfach braun, sie konnten je nach Lichteinfall auch grün wirken. Und ihre Lippen waren ein Wunder!

Natürlich stellte sich jetzt die Frage, wie er weiter mit der Dame umgehen sollte. Sie hatte sehr deutlich gemacht, dass sie eigene Absichten verfolgte. Er bedeutete ihr nichts, und in ihren Zukunftsplänen schien kein Platz für ihn zu sein. Doch er war nicht bereit, sich einfach damit abzufinden. Er begehrte sie. Er wollte sie besitzen. Ja, er war fest entschlossen, nicht auf die Erfüllung dieses Wunsches zu verzichten.

Er spürte, wie das Verlangen erneut in ihm aufloderte. Das allein war Grund genug, an diesem Hexensabbat teilzunehmen, der ihm zuerst so langweilig erschienen war. Irgendwie würde er dort seinen Hunger stillen können.

Isabella betrat das Haus, das ihre Familie in der James Street gemietet hatte. Sie schaute sich rasch in der Eingangshalle um und schloss leise die Tür hinter sich.

Die vergangenen Stunden waren schrecklich gewesen. Aber noch schlimmer war es, niedergedrückt von Schuldgefühlen und Schmerz nach Hause zurückzukehren.

Sie warf ihren Mantel über einen Stuhl, schlüpfte aus den Schuhen und schlich sich barfuß in den Salon. Ein leises Seufzen verriet ihr, dass ihre Schwester auf sie gewartet hatte.

Eugenia, die auf dem Sofa gelegen hatte, richtete sich auf und rieb sich die Augen. „Bella?“

„Gina, ich habe doch gesagt, du sollst nicht wach bleiben!“ Sie trat zu einem Tischchen, auf dem Karaffen und Gläser standen. Ohne zu zögern, füllte sie ein Glas mit Port. Der Alkohol würde ihr helfen, noch ein paar Stunden Schlaf zu finden. „Bitte, geh zu Bett. Mama wird dich morgen früh brauchen.“

„Sie hatte eine schlechte Nacht und wird vermutlich erst spät aufwachen. Dann aber wird sie dich bestimmt sehen wollen.“

Isabella schüttelte traurig den Kopf. Es war lieb von Gina, das zu sagen. Aber Mrs. O’Rourke hatte sich seit Wochen geweigert, mit ihrer ältesten Tochter zu sprechen. Daran würde sich wohl in nächster Zeit kaum etwas ändern. Ihre Mutter gehörte zu jenen Frauen, die für jedes Unglück einen Sündenbock brauchten. In ihren Augen trug Bella die Schuld an Coras Tod. Das konnte sie ihr nicht verzeihen.

Tatsächlich hätte Bella sich, auch wenn ihre Mama sich anders benommen hätte, dennoch die größten Vorwürfe gemacht. Sie hätte besser auf ihre Schwester Acht geben müssen. Warum hatte sie keinen Verdacht geschöpft, wenn Cora erklärte, sie wolle einen kleinen Spaziergang im Park machen? Warum war sie ihr nie gefolgt? Dann hätte sie zumindest gewusst, dass Cora sich mit einem Mann traf. Sie hätte den Mörder ihrer Schwester gesehen und ihn seiner Strafe zuführen können.

„Als du fort warst“, sagte Gina, „ist Mr. Franklin vorbeigekommen, um zu fragen, ob wir beabsichtigen, den September noch hier zu verbringen. Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Anscheinend glaubt er, wir würden nach Belfast zurückkehren wollen, ehe der Mietvertrag ausläuft.“

Bella zuckte die Schultern. „Er ist ein Dummkopf. Natürlich werden wir bleiben. Wir können London erst verlassen, wenn es Mama so gut geht, dass sie die lange Heimfahrt ohne größere Probleme übersteht. Außerdem würden wir die vereinbarte Miete selbst dann nicht schuldig bleiben, wenn wir gleich morgen abreisen wollten. Wir haben einen Vertrag geschlossen. Warum sollten wir den brechen?“

Ihre Schwester zuckte die Schultern. „Ehrlich gesagt, ich möchte so bald wie möglich nach Hause. London hat nicht nur Cora den Tod gebracht. Die Stadt raubt mir auch meine andere Schwester. Ich mache mir Sorgen um dich.“

„Unsinn! Du wirst mich nicht verlieren. Ich bin lediglich auf der Suche nach dem Mörder. Du weißt doch, dass ich Cora versprochen habe, sie zu rächen.“

„Ach, Bella …“ Tränen stiegen Gina in die Augen. „Es macht mir Angst, wie du dich verändert hast. Du trinkst Whisky, du gehst ohne Anstandsdame aus und kommst erst in den frühen Morgenstunden zurück. Du wirst dich ruinieren!“

„Nein!“ Sie zwang sich zu einem Lachen. Nur gut, dass Eugenia nichts von den Küssen ahnte. „Liebes, wir sind längst ruiniert. Dafür haben Coras Tod und der damit verbundene Skandal gesorgt. Sobald die Mitglieder der guten Gesellschaft die Verbindung zwischen dem Mord und uns herstellen, ist alles vorbei. Ich hoffe nur, dass wir die Stadt bis dahin verlassen haben. Doch die Neuigkeiten werden sich wohl in Windeseile verbreiten, sobald die Vandecamps wieder in London sind. Glaubst du, diese eingebildete Lady Vandecamp würde die Familie eines Mordopfers weiter gesellschaftlich fördern? Ich jedenfalls kann mir das nicht vorstellen. Ihre Ladyschaft ist so selbstgerecht. Sie wird sich bestimmt von uns abwenden. Dann bleibt uns nur eines: möglichst unauffällig nach Belfast zurückzukehren.“

„Aber das ist unfair! Wir haben doch nichts Schlechtes getan. Nicht einmal Cora hat etwas Schlechtes getan, die Arme …“

„Das interessiert leider niemanden. In den Augen der Leute trifft die Schuld immer die Frau. Cora hat sich ohne Begleitung hinausgewagt, also hat sie sich flatterhaft benommen. Die Gesellschaft wird sie verurteilen, obwohl sie das Opfer ist. Daran werden wir nichts ändern können.“

Gina stand auf und zog ihren Morgenmantel enger um sich. „Ich gehe jetzt schlafen, und du solltest dich auch zu Bett begeben. Wenn du wieder auf dem Sofa einnickst, wird die Köchin dich finden. Sie wird mit Nancy darüber sprechen. Und Nancy wird es Mama erzählen.“

Bella nickte, rührte sich aber nicht vom Fleck. Als ihre Schwester den Raum verlassen hatte, trat sie noch einmal zu dem Tisch mit den Getränken. Einen kleinen Schluck Port noch? Sie würde dann besser schlafen können. Aber vielleicht beobachtete Nancy auch, wie viel sich in der Flasche befand. Flüsterten die Dienstboten sich schon zu, dass Miss Bella Probleme mit dem Alkohol hatte?

Himmel, was war nur los mit ihr? Früher hatte sie höchstens einmal etwas verdünnten Wein getrunken. Nun scheute sie sich nicht einmal, ein Glas mit Whisky zu leeren. Es half gegen den Schmerz und die Alpträume. Und es half gegen das Gefühl der Selbstverachtung, das sie immer öfter heimsuchte, seit sie begonnen hatte, wildfremde Männer zu küssen.

Sie wandte sich ab. Heute würde sie nichts mehr trinken. Aber sie würde sich noch ein paar Minuten aufs Sofa setzen, ehe sie sich nach oben in ihr Zimmer begab. Sie musste nachdenken. Es gab so viel zu tun. Sie musste früh aufstehen, um Lilly und Gina zu unterstützen und zu beaufsichtigen, denn ihre Mutter war dazu nicht in der Lage. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn ihre Schwestern auch begännen, Ausflüge in den Park zu unternehmen, so wie Cora es getan hatte.

Cora war so hübsch gewesen mit ihrem honigblonden Haar und den blauen Augen. Und auf welch grausame Art wurde ihre Schönheit zerstört und ihr Leben ausgelöscht!

Ein Schauer überlief Bella, als sie daran dachte, welch schreckliches Bild sich ihr im Krankenhaus geboten hatte. Das blutverkrustete Haar, das verquollene Gesicht, die aufgeplatzten Lippen, die flüsterten: „Sei tapfer“ und „Versprich mir, mich zu rächen“.

Nach dem Tod ihrer Schwester hatte Bella täglich das Innenministerium aufgesucht, weil sie hoffte, die mit der Untersuchung des Falls beauftragten Männer hätten den Mörder endlich gefasst. Aber stets hatte Lord Wycliffe ihr die gleiche entmutigende Mitteilung gemacht: „Wir tun, was wir können. Aber leider gibt es nichts Neues.“ Irgendwann hatte er dann mit einem traurigen Kopfschütteln erklärt: „Es tut mir leid, unsere Leute müssen sich nun anderen Aufgaben zuwenden.“

Das bedeutete, dass man nicht mehr nach der Bestie suchte, die für Coras Tod verantwortlich war. Nie würde der Mörder der Gerechtigkeit überantwortet werden, wenn nicht jemand anders die Sache in die Hand nahm. Sie, Bella, musste nun das Versprechen einlösen, das sie ihrer Schwester gegeben hatte. Sie musste den Mann finden, der sich nach dem Küssen immer mit der Zunge über die leicht bitter schmeckenden Lippen fuhr.

Dieser Mann heute Abend, Andrew Hunter. Nach ihrem Kuss hatte er sich sofort abgewandt, und so hatte sie nicht sehen können, ob er sich tatsächlich die Lippen leckte. Und sie konnte sich nicht daran erinnern, ob er bitter schmeckte. Sie seufzte. Vor welchen Träumen müsste sie sich heute Nacht am meisten fürchten? Vor denen von Coras Tod? Oder vor denen von einem unmöglich erregenden Kuss?

Ein paar Sonnenstrahlen fanden ihren Weg an den zugezogenen Vorhängen vorbei in Andrew Hunters Schlafzimmer. Er drehte sich auf die andere Seite und stöhnte. Sein Kopf schmerzte, sein Herz klopfte unregelmäßig, sein Mund war so trocken, dass ihm die Zunge am Gaumen zu kleben schien.

So viel hatte er doch gar nicht getrunken. Woher kam nur dieser eklige Geschmack?

Ach ja, jetzt fiel es ihm ein. Er hatte an dieser Schwarzen Messe teilgenommen. Ein Hexensabbat, wenngleich ohne Hexen. Aber ein Krug mit Wein war herumgereicht worden. Der Wein hatte nach Schwefel geschmeckt.

Andere Erinnerungsfetzen stellten sich ein. Alle Anwesenden hatten Kutten mit übergroßen Kapuzen getragen, die die Gesichter verbergen sollten. Auf dem Altar allerdings hatte eine Gestalt gelegen, die gar nicht bekleidet gewesen war. Lady Elwood. Sie hatte sich wollüstig geräkelt und trunken gekichert, als Throckmorton ihr Wein auf den Leib gegossen hatte, um ihn dann abzulecken.

Es war geschmacklos gewesen. Nichts Neues. Außerdem hatte ihn die Szene nicht im Geringsten erregt. Warum war er überhaupt zu diesem Treffen gegangen?

Mühsam setzte er sich auf und versuchte, sich den Rest der nächtlichen Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen. Henley, Throckmorton und Booth hatten sich den sexuellen Exzessen hingegeben, die auf die Altarszene gefolgt waren. Er selbst aber hatte die Friedhofskapelle verlassen und, da er keine Lust verspürte, nach Hause zu gehen, noch verschiedene Schenken aufgesucht, in denen er dem Alkohol ungehemmt zugesprochen hatte. Irgendwann musste er dann wohl nach Hause gewankt sein. Jetzt fühlte er sich schrecklich.

Wer hätte gedacht, dass es so anstrengend war, das Leben eines Libertins, eines Wüstlings, zu führen? Stöhnend stand er auf und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Als jüngerer Sohn eines Earls hatte er praktisch keine familiären Verpflichtungen. Die Last der Verantwortung trug sein älterer Bruder, der Erbe des Titels und des Vermögens. So hatte Andrew, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, in Oxford studiert und sein Leben genossen. Irgendwann war er den Dragonern beigetreten, um gegen Napoleon zu kämpfen.

Der Krieg hatte ihn verändert. Er hatte Dinge erlebt, an die er mit Grauen zurückdachte und über die er mit niemandem reden konnte. Er hatte Erfahrungen gesammelt, die einfach nicht in das Weltbild eines englischen Gentlemans passten. Kein Wunder also, dass er, kaum wieder daheim, spürte, wie wenig er hierhin gehörte. Manchmal war ihm, als habe er den Boden unter den Füßen verloren, als würde er im Nichts versinken. Andererseits war da eine Gier nach Abenteuern, nach dem Gefühl, das Leben auszukosten, die sich nur schwer befriedigen ließ. So war er zu einem Mann geworden, der alles ausprobierte und dem nichts heilig war. Er hatte sich den Namen „Lord Libertine“ – sozusagen – mühsam erworben.

Er griff nach einem Handtuch und trocknete sich sorgfältig ab. Auch heute Abend würde er sich wieder den Zerstreuungen der Gesellschaft hingeben müssen. Aber wenigstens hatte die Ankunft von Lady Lace die Monotonie dieser endlosen Abende unterbrochen. Zumindest für den Augenblick war er vor der Langeweile sicher.

2. KAPITEL

Isabella O’Rourke hatte im Schatten gewartet, bis eine große Gruppe von Gästen die Stufen zum Haupteingang von Marlborough House hinaufstieg. Jetzt gesellte sie sich unauffällig zu den festlich gekleideten Menschen und hielt sich eng an einen Gentleman, der eine schriftliche Einladung in den Fingern hielt. Man ließ sie ungehindert eintreten.

Sie zog ihren Paisley-Schal zurecht und schaute sich um. Dabei entdeckte sie Mr. McPherson, der grüßend die Hand hob. Er war von jungen Damen umringt, was wohl bedeutete, dass er Lady Lace vorerst keine große Aufmerksamkeit schenken würde. Bella war damit durchaus zufrieden. Schließlich wusste sie bereits, dass er nicht Coras Mörder sein konnte.

Sie schloss sich den Menschen an, die in den Ballsaal strömten und bewunderte dabei die prachtvolle Ausstattung des Hauses. Ein Diener mit einem Tablett voller Getränke blieb vor ihr stehen. Sie nahm sich ein Glas Champagner.

Im Saal herrschte großes Gedränge. Mit einer gewissen Melancholie musterte Bella die farbenfrohen Ballroben der Damen. Die neuen Kleider, die sie und ihre Schwestern in London bekommen hatten, würden in diesem Jahr in den Schränken verstauben. Nach Coras Tod war es unmöglich, etwas anderes als Trauerkleidung zu tragen. Weder Lilly noch Gina würden an fröhlichen Festen teilnehmen. Und Isabella O’Rourke natürlich auch nicht – nur Lady Lace.

Entschlossen bemühte sie sich, ihre niedergedrückte Stimmung abzuschütteln. Sie musste eine heitere Miene aufsetzen und gleichzeitig ein wenig hilflos wirken. Dann würde sich bestimmt einer der anwesenden Gentlemen ihrer erbarmen.

Sie ließ den Blick über die Gesichter schweifen. Himmel, es gab so viele dunkelhaarige, dunkeläugige Männer! Sie schluckte. Niemals würde sie alle küssen können! Wie sollte sie nur Coras Mörder finden?

Ein kalter Schauer überlief sie. Der Wunsch, die Gesellschaft zu fliehen und nach Hause zu eilen, wurde beinahe übermächtig. Mit aller Kraft kämpfte sie gegen die aufsteigende Panik an. Sie holte tief Luft und straffte die Schultern. Sie durfte jetzt nicht aufgeben! Wenn der Mord an ihrer Schwester ungesühnt blieb, würde sie es sich nicht verzeihen. Sie musste einen Weg finden, die Zahl der Verdächtigen weiter einzuschränken. Augenblicklich fühlte sie sich dazu allerdings nicht in der Lage. Am besten würde es wohl sein, zunächst einmal einen ruhigen Raum zu suchen, damit sie Gelegenheit hatte, über die Lösung des Problems nachzudenken.

Andrew Hunter betrat den Ballsaal von Marlborough House und entdeckte sogleich die Dame, nach der er Ausschau gehalten hatte. Das Schicksal schien ihm gewogen zu sein. Lady Lace war anwesend und sah noch hinreißender aus, als er erwartet hatte. Sie trug ein einfach geschnittenes schwarzes Seidenkleid, das nur durch den tiefen Ausschnitt auffiel. Den allerdings verdeckte – leider – zumindest zum Teil ein schwarz gemusterter Paisley-Schal.

Hunter lächelte, bevor er spürte, wie ihm jemand die Hand auf die Schulter legte. Verflixt!

Es war Lord Wycliffe, der in Spanien sein befehlshabender Offizier gewesen war. „Sie sehen aus, wie ein Mann auf der Jagd nach einer schönen Frau“, sagte er statt einer Begrüßung.

„Wie kommt es, dass Sie mich so schnell durchschaut haben?“

„Das siegessichere Lächeln auf Ihrem Gesicht, der beschwingte, zielstrebige Schritt … Ich bedauere, dass ich Sie einen Moment von Ihrem Vorhaben ablenken muss. Doch es gibt da etwas, das ich mit Ihnen besprechen möchte. Am besten jetzt gleich.“

„Aber …“

Wycliffe schüttelte den Kopf und deutete mit der Hand in Richtung des Ausgangs. „In der Bibliothek können wir ungestört reden.“

Es war sinnlos, sich zu widersetzen. Also betraten die beiden Gentlemen gleich darauf den Raum, in dem mehrere kleine Gruppen von Männern zusammenstanden und sich in gedämpftem Ton unterhielten.

„Ich bin sicher, die Dame wird auch später noch da sein“, meinte Seine Lordschaft und füllte aus einer Karaffe zwei Gläser mit Brandy. „Bitte!“ Er hielt Andrew eines hin.

Für jemanden, der ihn kannte, war offensichtlich, dass seine Laune zu wünschen übrig ließ. Andrew überlegte, ob er etwas getan hatte, um seinen ehemaligen Vorgesetzten zu verärgern. Aber dann wandten seine Gedanken sich wieder Lady Lace zu, und er sagte: „Bringen wir es hinter uns, Sir. Ich möchte ihr keinen allzu großen Vorsprung geben.“

Wycliffe nickte und führte ihn in eine abgelegene Ecke des Raums. Hier würde niemand sie belauschen. „Es geht um eine Angelegenheit des Innenministeriums“, begann er. „Seit Ihr Bruder nicht mehr für uns arbeitet, fehlt uns ein guter Mann. Nun dachte ich …“

„Ich bin für diese Art von Tätigkeit nicht geeignet!“, fiel Hunter ihm ins Wort. „Vermutlich hat Lockwood erwähnt, dass ich ihn gelegentlich unterstützt habe. Aber ich führte nur untergeordnete Aufgaben aus und bin keineswegs in der Lage, den Platz meines Bruders einzunehmen.“

„Unsinn! Ich weiß genau, wie gut Sie sind und wie diskret Sie vorgehen. Glauben Sie, ich hätte vergessen, was Sie in Spanien für uns getan haben? Ich kenne Sie gut genug, um einschätzen zu können, was Ihnen liegt. Und“, er lächelte, „wer wäre besser geeignet, einen Schurken zu überführen, als ein anderer Schurke?“

Statt beleidigt zu sein, lachte Andrew laut. „Wie, glauben Sie, könnte ein Schurke wie ich Ihnen behilflich sein?“

„Wir beschäftigen uns seit einiger Zeit mit einem Fall, der uns heftige Kopfschmerzen bereitet. Es sieht so aus, als seien wir in eine Sackgasse geraten. Aber jemand mit Ihren Kontakten …“

„Verstehe ich Sie recht? Sie meinen, ich könnte etwas über ein Verbrechen wissen?“

„Meiner Meinung nach wissen Sie über mehr als ein Verbrechen Bescheid. Ich will durchaus nicht unterstellen, dass Sie eines begangen haben. Aber Sie verkehren mit Menschen, die sich nicht an die Gesetze halten. Über solche Dinge wird geredet, und Sie halten sich an den richtigen Orten auf, um es zu hören. Ja, ich bin davon überzeugt, dass Sie uns gerade bei diesem Fall eine große Hilfe sein könnten. Es hat mit Ihren … speziellen Interessen zu tun.“

Wollte Wycliffe ihm zu verstehen geben, dass er im Ruf stand, mit dem Abschaum Londons Kontakt zu pflegen? Nun, ganz falsch war diese Annahme wohl nicht. Aber es gab natürlich Grenzen … Andrew nahm einen Schluck aus seinem Glas, ehe er fragte: „Auf welche speziellen Interessen spielen Sie an?“

Wycliffe schaute sich um, und erst, als er sicher war, dass niemand das Gespräch belauschen konnte, erklärte er: „Ich möchte es einmal so ausdrücken: Es gibt in der Stadt eine religiöse Unterwelt, nicht wahr?“

Hunter hob die Augenbrauen. Warum interessierte das Innenministerium sich für religiöse Praktiken gleich welcher Art? Seine Verwirrung war so offensichtlich, dass Wycliffe fortfuhr: „Schwarze Messen, Hexensabbate, satanische Rituale und Ähnliches.“

„Aber das ist doch alles nur Theater, und nicht einmal besonders gutes. Erwachsene Männer suchen nach einem Grund, sich wie ungezogene Jungen zu benehmen.“

„Es hat Fälle gegeben, in denen diese Männer zu weit gegangen sind. Viel zu weit.“ Seine Lordschaft seufzte. „Sicher nicht bei den … Veranstaltungen, an denen Sie teilgenommen haben. Aber wir haben niemanden außer Ihnen, den wir um Hilfe bitten könnten. Sie sind einfach am nächsten dran an diesen Geschehnissen.“

„Unsinn!“ Andrew schüttelte den Kopf. Dann allerdings dachte er noch einmal eingehend über das nach, was er in der vergangenen Nacht gesehen hatte. Männer, die sich unter Kutten versteckten. Eine nackte Frau, Mitglied der guten Gesellschaft, die sich auf einem Altar räkelte, sich mit Wein übergießen ließ und es offensichtlich genoss, als Throckmorton ihr die Flüssigkeit vom Leib leckte. Geschmacklos. Blasphemisch, ja. Es war zweifellos ein Benehmen, das ehrbare Leute verurteilten. Aber dergleichen fiel nicht in die Zuständigkeit des Innenministeriums. „Sie sagen, man sei gelegentlich zu weit gegangen?“

„Ich weiß von Vergewaltigungen und Ritualmorden. Wir haben es also mit wirklich gefährlichen Verbrechern zu tun.“

Andrew stieß einen Fluch aus. Das war allerdings etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Widerlich!

Wycliffe griff in die Tasche seines Rocks und zog ein mehrfach zusammengelegtes Stück Papier heraus. Er reichte es Andrew, der es auseinanderfaltete und aufmerksam betrachtete.

Jemand hatte mit groben Strichen ein auf dem Kopf stehendes Dreieck gezeichnet und darunter einen geflügelten Drachen.

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