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Rätsel um die schöne Fremde

1. KAPITEL

„Die Frau entwickelt sich langsam zu einer Plage“, klagte Chief Deputy Brad Donovan, während er den Streifenwagen um eine scharfe Kurve lenkte. „Letzte Woche habe ich ihr klipp und klar gesagt, dass ich nie wieder mit ihr ausgehen will, aber sie textet dauernd mein Handy voll.“

Hank, der Junior Deputy, entgegnete vom Beifahrersitz aus: „Vielleicht hört Suzie ja schlecht.“

„Nur, wenn es um das Wort Nein geht“, murrte Brad.

„Muss ein tolles Leben sein, wenn einem die Frauen nachlaufen. Wieso beklagst du dich eigentlich? Besser kannst du es doch gar nicht haben.“

„Ich weiß nicht, woher du deine seltsamen Ideen nimmst. Wenn du ein guter Deputy werden willst, musst du lernen, die Menschen besser einzuschätzen.“ Brad ließ den Kopf kreisen, um seine verspannten Schultern zu lockern. „Du redest genau wie meine Familie. Die hält mich für einen James Bond mit Cowboyhut und glaubt, dass ich mir ständig aufregende Verfolgungsjagden mit Kriminellen und heiße Sexspiele mit ganzen Scharen von Schönheiten liefere. Sie begreift nicht, dass wir stundenlang auf der Straße unterwegs sind, nichts zu reden haben und hoffen, dass eine Antilope die Straße kreuzt, um die Monotonie zu unterbrechen.“

Hank drehte den Rückspiegel zu sich herum, damit er sein sommersprossiges Gesicht mustern konnte. „Junior Deputy 007. Das wäre echt cool. Vielleicht wendet sich mein Glück, wenn ich meinen Eistee geschüttelt und nicht gerührt bestelle.“

„Verdammt, rück den Spiegel gerade, bevor er noch abfällt! Oder willst du Sheriff Hamilton erklären müssen, warum unser Einsatzfahrzeug reparaturbedürftig ist?“

Es war fast halb elf in einer dunklen Sonntagnacht im August. Schon seit zwei Stunden patrouillierten die beiden durch den südöstlichen Zipfel von Lincoln County. Keine einfache Aufgabe angesichts der Tatsache, dass der Landkreis in New Mexico über viertausendachthundert Quadratmeilen umfasste und sich über weite Strecken nur unbefestigte Wege durch die steilen Berge schlängelten.

Aber wenn Kriminelle Drogen schmuggeln oder illegalen Handel treiben wollten, geschah es höchstwahrscheinlich auf diesen abgeschiedenen Nebenwegen, und Brad gefiel nichts besser, als einen Verbrecher auf frischer Tat zu ertappen.

Doch bisher verlief alles ruhig an diesem Abend.

Noch eine Viertelmeile bis zum Highway. Er konnte es kaum erwarten, wieder auf Asphalt zu fahren. Starke Schneefälle im letzten Winter, gefolgt von ungewöhnlich heftigen Frühlingsregen, hatten weite Streckenabschnitte ausgewaschen. Seit einer guten halben Stunde musste er sich ständig vor tiefen Schlaglöchern und abbröckelnden Seitenstreifen hüten.

Hank brachte den Rückspiegel wieder in die richtige Position und lehnte sich in seinem Schalensitz zurück. „Mensch, du bist heute ein richtiger Spaßverderber! Wieso lässt du mich nicht ein bisschen träumen?“

„Du kannst träumen, wenn du im Bett liegst.“

„Dann lass uns wenigstens nach Ruidoso fahren. Das Blue Mesa hat die ganze Nacht offen, und mir ist nach Kaffee und Kirschkuchen. Oder lieber Apfel. Mit Zimt. Und obendrauf Eiscreme.“

„Vergiss es. Wir fahren weiter zur Landkreisgrenze. Sheriff Hamilton hat uns nicht hergeschickt, um einen Kaffeeklatsch zu veranstalten oder von Frauen zu träumen.“

„Aber was gibt es denn sonst zu tun? Diese Nacht ist totenstill.“

„Okay. Wenn wir die Grenze erreichen, fahren wir nach Ruidoso zurück und … verflucht, was war das?“ Abrupt stieg Brad auf die Bremse, hielt mitten auf der schmalen Fahrspur an und sprang aus dem Wagen.

Hank schnappte sich eine Taschenlampe, lief ihm nach und leuchtete die Straße ab. „Ich sehe nichts.“

„Da drüben! Weiter links. Im Graben. Das hat wie ein Mensch ausgesehen.“

Der Lichtstrahl glitt über eine steile Felswand, die von dürren Krüppelkiefern, Wacholder und Salbeibüschen bewachsen war, und fiel dann auf ein weißes Objekt, das im Straßengraben lag. „Oh, Mann, da hat’s aber wen böse erwischt!“

„Allerdings.“ Brad nahm sich ein paar Sekunden Zeit, um die Lage zu sondieren. Kein Fahrzeug. Kein Hinweis auf einen Verkehrsunfall. Keine Personen oder Tiere. Kein Laut. Die Nacht war wirklich totenstill. Er konnte nur hoffen, dass es nicht auch auf die Gestalt zutraf, die einige Schritte von ihm entfernt lag. „Mach eine Meldung.“

Für einen unbeteiligten Betrachter mochten die beiden Deputys gleichrangig sein und sich ihre Pflichten kameradschaftlich teilen. Doch in kritischen Situationen verlangte Brads Position als Chief Deputy, dass er die Regie übernahm.

„Okay. Krankenwagen?“

„Lass mich erst nachsehen. Vielleicht brauchen wir den Pathologen.“ Brad übernahm die Taschenlampe und trat zielstrebig zu der Gestalt vor, die bäuchlings auf dem steinigen Erdboden lag. Sie war schlank, dunkelhaarig, trug Bluejeans und weißes Hemd und zeigte keinerlei Lebenszeichen.

Gewaltverbrechen waren in diesem Landkreis selten. Während seines siebenjährigen Dienstes im Sheriffbüro hatte er erst zwei Mordfälle bearbeitet. Noch einer hat mir gerade noch gefehlt! Hastig hockte er sich neben den verunglückten Menschen und suchte die Halsschlagader. Der schwache Puls, den er mit den Fingerspitzen spürte, ließ ihn erleichtert aufatmen.

Kies knirschte, als Hank sich näherte. „Lebt er?“

„Ja. Aber er ist bewusstlos.“ Vorsichtig drehte Brad den Körper auf den Rücken. „Es ist eine Frau“, stellte er verblüfft fest. Auf einer Seite waren Haar und Stirn blutüberströmt. „Sie hat eine böse Kopfverletzung. Hol eine Decke und ruf einen Krankenwagen!“

„Okay.“

Vorsichtig untersuchte er sie nach Knochenbrüchen oder weiteren sichtbaren Wunden. Er fand nichts, aber es bestand der Verdacht auf innere Verletzungen. Außer einem zerknautschten Papiertuch waren ihre Taschen leer.

Hank kehrte zurück.

Die Frau stöhnte leise, als Brad ihr die Decke als Polster unter den Kopf schob.

„Miss? Können Sie mich hören? Wachen Sie auf!“

Sie stöhnte erneut.

„Wie lange braucht der Krankenwagen?“

„Zwanzig Minuten. Wenn es so weit ist, fahre ich zum Highway und lotse ihn her. Oder willst du das machen?“

Ich will die Frau nicht allein lassen. Alles deutet auf Fremdeinwirkung hin. Ich muss sichergehen, dass nicht noch mehr passiert. „Ich bleibe bei ihr.“

„Was kann sie hier gewollt haben?“

„Keine Ahnung. Sie wirkt nicht wie der Typ, der mit Drogen zu tun hat. Und in dieser Gegend gibt es meilenweit keine Campingplätze oder Wanderwege für Naturliebhaber. Ich will nicht unken, aber ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache.“

„Vielleicht hatte sie bloß einen Unfall“, überlegte Hank.

„Möglich. Aber warum sollte ein simpler Unfall ausgerechnet da passieren, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen?“

„Oder sie war auf der Jagd. Ihr Fahrzeug könnte in einer Seitenstraße stehen.“

„Aber sie hat kein Gewehr bei sich, und die Jagdsaison ist vorbei. Außerdem ist sie nicht dafür angezogen. Sieh dir diese Cowboystiefel an! Die sind handbestickt und ein kleines Vermögen wert. Dazu trägt sie Schmuck mit Diamanten und Türkisen von der edlen Sorte. Ein Dieb hätte das nicht zurückgelassen.“

„Deswegen bist du der Chief Deputy“, bemerkte Hank trocken. „Du musst nicht erst lange untersuchen, um so was zu merken. Du siehst einfach alles wie von selbst.“

„Geh den Straßenrand ab und guck mal, ob irgendwo eine Brieftasche oder Handtasche herumliegt“, ordnete Brad an. Dann nahm er eine Hand des Opfers und tätschelte sie. „Miss, wachen Sie auf!“

Seine Stimme drang offenbar in ihr Bewusstsein vor. Ihre Augenlider flatterten und hoben sich langsam.

„Hallo. Willkommen zurück.“

Mit wildem Blick starrte sie ihn an. „Was … wo bin ich?“

Brad war erleichtert, ihre Stimme zu hören, auch wenn sie verwirrt und schwach klang. Er beugte sich näher zu ihr, damit sie sein Gesicht und seine Uniform erkennen konnte. „Ich bin Chief Deputy Brad Donovan.“

„Deputy? Hatte ich … einen Unfall?“

„Es sieht ganz so aus.“ Er drückte ihre Hand. „Ein Krankenwagen ist unterwegs. Tut Ihnen außer der Stirn noch etwas weh?“

Langsam hob sie die freie Hand an die Schläfe. „Mein Kopf hämmert.“

„Sonst haben Sie nirgendwo Schmerzen?“

Sie schloss die Augen wieder. „Nein … ich … glaube nicht.“

„Können Sie mir sagen, was passiert ist?“

Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Nein. Ich … wo bin ich?“

Brad zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und tupfte das Blut ab, das ihr ins Auge zu fließen drohte. Falls jemand diese wundervolle junge Frau absichtlich ausgeschaltet hat, dann hält er sie offensichtlich für tot. Der Gedanke sandte ihm einen Schauer über den Rücken. „Auf einer Gebirgsstraße in Lincoln County, New Mexico. Erinnern Sie sich nicht?“

Sie riss die Augen weit auf. Sie waren dunkelgrau wie Schneewolken an einem strengen Wintertag und von langen dichten Wimpern umrahmt, die wie seidige Fransenvorhänge im Wind flatterten. „New Mexico? Das verstehe ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich weiß nicht. Es …“ Plötzlich geriet sie in Panik und versuchte aufzustehen.

Brad half ihr in eine sitzende Position. Inzwischen zitterte sie am ganzen Körper – ein Anzeichen dafür, dass sie in einen Schockzustand zu verfallen drohte. Er stützte sie mit einem Arm um die Schultern und wickelte sie in die Decke.

„Machen Sie sich jetzt keine Gedanken darüber, Miss“, wies er sie sanft an. „Sie haben einen bösen Schlag auf den Kopf bekommen. Versuchen Sie, sich zu beruhigen, und dann fangen wir ganz von vorn an. Können Sie mir Ihren Namen nennen?“

Sie blickte ihn an. Ihre Lippen zitterten vor Angst und Unsicherheit.

Noch nie hatte er einen Menschen gesehen, der so verloren und verletzlich wirkte. Sein Beschützerinstinkt drängte ihn, sie zu trösten. Doch der Gesetzeshüter in ihm unterdrückte diese Gefühlsregung. Er durfte nicht vergessen, dass Pflichterfüllung an oberster Stelle stand.

„Ich … nein! So wahr mir Gott helfe, ich weiß meinen Namen nicht!“

Im Laufe der Jahre hatte er mehrfach erlebt, dass manche Menschen ihre Identität aus praktischen Erwägungen „vergaßen“, wenn sie mit dem Gesetz in Konflikt gerieten. Das konnte auch bei dieser Frau der Fall sein, aber er glaubte nicht, dass sie schauspielerte. Der schockierte Ausdruck auf ihrem Gesicht wirkte viel zu echt.

Hank kam abgesehen von einer Taschenlampe mit leeren Händen zurück. „Nichts. Vielleicht findet sich was nach Tagesanbruch.“

Brad stand auf und zog ihn am Arm ein paar Schritte mit sich, bevor er leise sagte: „Angeblich weiß sie nicht, wer oder wo sie ist. Ich glaube, sie hat eine schwere Gehirnerschütterung. Es kann also dauern, bis sich herausstellt, was passiert ist.“

„Kann aber auch sein, dass sie lügt. Vor allem, wenn bei einem Drogendeal etwas schiefgelaufen ist. Morgen nimmt sie sich vielleicht einen Anwalt und beschließt, uns nichts zu verraten.“

„Hoffen wir, dass es nicht so kommt.“

„Gehört sie zu den Apachen? Vielleicht stammt sie ja aus dem Reservat.“

„Nein. Sie ist weiß. Mitte zwanzig, schätze ich.“

„Oh, Mann, und ich dachte, es wäre eine stinklangweilige Nacht“, murmelte Hank.

„Sieh zu, dass du zum Highway kommst. Der Krankenwagen müsste gleich da sein.“

Fünfundvierzig Minuten später folgten die Deputys den Sanitätern mit der Verletzten durch die automatische Schiebetür in das Sierra General Hospital.

Hank meinte: „Ich schätze, wir müssen jetzt bei der Aufnahme ihre Daten angeben. Viel haben wir ja nicht.“

„Weiß, weiblich, schwarze Haare, graue Augen, Mitte zwanzig …“ Brad verzog das Gesicht. „Das ist alles. Sie wird als Jane Doe aufgenommen werden.“

„Wieso?“

„Weil das in den USA der offizielle Name für weibliche Personen mit ungeklärter oder unbekannter Identität ist“, erklärte er seinem Auszubildenden.

Die Sanitäter verschwanden mit der Trage im OP-Trakt. Brad verspürte den seltsamen Drang, ihnen zu folgen. Er wollte sich selbst davon überzeugen, dass die Mediziner alles unternahmen, um die Schmerzen und Ängste der Patientin zu lindern.

Dieses Bedürfnis war so untypisch für ihn, dass er sich dumm vorkam. Er hatte sich zum Grundsatz gemacht, niemals Gefühle in seine Arbeit einfließen zu lassen. So war es leichter, am Abend nach Hause zu gehen und die Opfer zu vergessen, die geschlagen, ausgeraubt oder missbraucht worden waren. Als Deputy war es nicht seine Aufgabe, private Probleme zu lösen, sondern Kriminelle wegzusperren, damit sie keinen Schaden mehr anrichten konnten.

Allerdings blieb niemand im Sheriffbüro unbeteiligt, wenn kleine Kinder betroffen waren. Doch die Frau, die er am Straßenrand aufgelesen hatte, war kein Kind mehr, und was aus ihr wurde, sollte ihn nicht weiter beschäftigen. Er wandte sich an Hank. „Kommst du allein mit der Aufnahme klar?“

„Sicher. Warum?“

„Ich gehe mal nachsehen, ob Bridget hier ist.“

„Wieso denn gerade jetzt? Gibt’s bei euch zu Hause Probleme?“

Bridget war seine Schwester und Ärztin für Allgemeinmedizin mit einer gut gehenden eigenen Praxis. Wenn einer ihrer Patienten in das Krankenhaus eingewiesen wurde, betreute sie ihn dort weiter. „Zum Glück nicht.“

Zu Brads Familie zählten zwei Brüder und drei Schwestern, Eltern und eine Großmutter. Abgesehen von seiner Schwester Maura wohnten alle im selben Haus auf der Ranch Diamond D. Bei so vielen Angehörigen gab es ständig diesen oder jenen Streitpunkt, aber zum Glück ging es immer nur um Bagatellen. Er machte sich auf den Weg zum Fahrstuhl und rief über die Schulter zurück: „Lauf ja nicht in die Kantine, bevor ich wieder da bin!“

Im dritten Stock angekommen, eilte er zum Schwesternzimmer.

Auf halbem Weg kam Bridget ihm entgegen und rief alarmiert: „Brad, was machst du denn hier? Ist irgendetwas in der Familie passiert?“

„Entspann dich. Soweit ich weiß, geht es allen gut. Ich bin beruflich hier.“

„Hoffentlich ist es kein Fall von häuslicher Gewalt. Ich hasse es, von solchen Opfern zu hören – geschweige denn, sie im Krankenhaus zu sehen.“

Er nahm den grauen Stetson ab und strich sich durch die dichten rotblonden Locken. „Ich weiß nicht, was für ein Opfer die Frau ist. Hank und ich haben sie auf einer Nebenstraße in den Bergen gefunden, ein paar Meilen vor Picacho. Sie ist gerade mit einem Kopftrauma eingeliefert worden. Kannst du sie dir mal ansehen?“

„Kümmert sich denn kein Notarzt um sie?“

Er fühlte sich wie ein Idiot. Das Krankenhaus war voll von kompetenten Ärzten; sicherlich wurde die Frau bestens versorgt. Warum also versuchte er, mehr Betreuung für sie zu erwirken? „Doch. Sie wird gerade behandelt. Aber ich dachte … na ja, ich würde mich besser fühlen, wenn du dir ein Bild von ihr machst.“

„Wer ist sie? Eine Freundin? Jemand, den wir kennen?“

„Nein. Ich habe sie nie vorher gesehen. Sie weiß nicht, wer sie ist und woher sie kommt. Ihr Kopf ist total leer, und sie hat keine Papiere bei sich.“

„Was für eine Verletzung ist es denn?“

„Eine böse Platzwunde an der Schläfe.“

Aufmunternd tätschelte Bridget ihm den Arm. „Dr. Richmond hat heute Nachtdienst. Er ist sehr kompetent.“

„Davon bin ich überzeugt. Aber sie wird bestimmt bald an einen Hausarzt weitergereicht, und sie kennt hier niemanden.“

Sie seufzte. „Okay, ich sehe sie mir an. Aber falls Angehörige auftauchen und einen anderen Arzt verlangen, bin ich sofort aus dem Rennen. Verstanden?“

Er lächelte erleichtert und legte ihr liebevoll einen Arm um die Schultern. „Wusstest du, dass du meine Lieblingsschwester bist?“

„Sicher. Das ist immer die, mit der du zufällig gerade zusammen bist“, konterte sie schroff.

„Jetzt ist keine Zeit für Grundsatzdiskussionen.“ Brad drehte sie zum Fahrstuhl um. „Ich verspreche, dass ich es wiedergutmache. Irgendwann.“

Es war kalt in der Kabine hinter dem schlichten blassgelben Vorhang und roch nach Desinfektionsmittel. Am Fuß des schmalen Bettes stand ein Arzt mittleren Alters mit dunkelblondem Haar und schwarz gerahmter Brille. Er kritzelte etwas auf ein Krankenblatt.

Nach der Ankunft in der Notaufnahme war die verletzte Frau ausgezogen, gewaschen und in ein blaues Baumwollhemd gesteckt worden, das im Nacken zugebunden war. Der Arzt hatte sie von Kopf bis Fuß abgetastet, ihr Fragen gestellt, die sie nicht beantworten konnte, und recht wenig getan, um ihre Ängste zu lindern. Nun war die Untersuchung abgeschlossen, und er erteilte Instruktionen an das Pflegepersonal.

Die medizinischen Fachausdrücke, die sie aufschnappte, ergaben wenig oder gar keinen Sinn für sie. Ihr Gemütszustand wechselte zwischen schierer Panik und gähnender innerer Leere.

Oh Gott! Wer bist du? Wo bist du?

Diese Fragen hallten in ihrem Kopf wider und verstärkten das furchtbare Pochen in ihrer rechten Schläfe. Sie wusste nur, dass sich ein Deputy über sie gebeugt hatte, als sie aufgewacht war. Davon abgesehen herrschten ein Vakuum in ihrem Schädel und eine eisige, lähmende Angst im Herzen.

Der Arzt verließ die Kabine; eine junge Krankenschwester namens Lilly sagte freundlich: „Ich gebe Ihnen jetzt ein Schmerzmittel, und anschließend bringen wir Sie in die Radiologie. Danach wird die Platzwunde genäht.“ Sie spritzte das Medikament in den Venenkatheter, den die Sanitäter während des Transports für eine Tropfinfusion auf dem Handrücken gelegt hatten.

„Warum muss ich geröntgt werden?“

„Dr. Richmond muss nachsehen, ob Sie innere Verletzungen haben.“

„Oh.“ Sie wollte keine Aufnahmen und keine Nähte; sie wollte ihr Gedächtnis zurück. „Dauern die Untersuchungen lange?“

„Nein, und sie tun auch nicht weh.“

„Der Deputy, der mich gefunden hat – ist er hier?“

„Ich habe Hank Ridell vorhin auf dem Korridor gesehen. Meinen Sie den?“

„Nein. Er heißt Donovan, glaube ich. Er ist groß, trägt einen grauen Hut und hat eine kleine Narbe auf der Wange, gleich unter dem Auge.“

Schwester Lilly lächelte und schrieb etwas auf ein Krankenblatt. „Das ist Brad. Er ist der Chief Deputy von Lincoln County und ein guter Fang für die meisten jungen Frauen in dieser Gegend.“

Das Schmerzmittel begann bereits zu wirken und linderte das Pochen im Kopf. „Für Sie auch?“

„Aber nein! Ich bin nicht seine Kragenweite. Außerdem habe ich einen Freund. Wollen Sie etwas Bestimmtes vom Deputy?“

Da waren tausend Dinge, die sie ihn fragen wollte, die vielleicht ihrem Gedächtnis auf die Sprünge halfen. Aber das war nicht der einzige Grund, weshalb sie ihn sehen wollte. Er war fürsorglich und rücksichtsvoll gewesen und hatte sie mit starken Händen gehalten und mit leiser Stimme beruhigt. Irgendwann während des Wartens auf den Krankenwagen war er ihr Licht in einem dichten Nebel geworden. Deshalb wünschte sie sich ihn nun wieder an ihrer Seite. „Ich möchte gern mit ihm sprechen. Wenn das möglich ist.“

„Ich gebe mein Bestes, um ihn zu finden“, versprach Lilly und ging augenzwinkernd zur Tür hinaus.

Sie betete verzweifelt, dass der Deputy aufzufinden war.

Ihre Welt stand Kopf, und er war der einzige Mensch, an den sie sich erinnern konnte. Sie war hoffnungslos verloren und wusste nicht, ob sie ohne Deputy Donovan jemals nach Hause zurückfand.

2. KAPITEL

Brad und Hank verzehrten gerade riesige Tortenstücke, als Bridget die Krankenhauskantine betrat.

Sie setzte sich zu ihnen an den Tisch, blickte kopfschüttelnd zu den Tellern und bemerkte ironisch: „Euch beiden scheint ja sehr viel an einer gesunden Ernährung zu liegen.“

Hank sprang auf und rückte eifrig einen Stuhl für sie zurecht. „Nusstorte muss doch gesund sein, oder? Sonst würde das Krankenhaus keine servieren. Richtig?“

„Falsch.“ Sie bedankte sich, setzte sich und seufzte sehnsüchtig. „Aber sie sieht köstlich aus.“

„Hast du unsere Jane Doe gesehen?“, wollte Brad wissen.

„Ja, und ich bin ihre behandelnde Ärztin.“

„Da bin ich aber froh! Wie steht es um sie?“

„Ich darf dir keine Auskunft geben. Das weißt du doch. Es fällt unter die ärztliche Schweigepflicht.“

Er murmelte einen Fluch vor sich hin. Seit zwei Stunden konnte er kaum an etwas anderes als die Frau mit den grauen Augen denken. „Verdammt, Brita, ich will bloß deine Prognose hören. Wird sie uns bald sagen können, wer sie ist?“

Sie musterte ihn forschend und wandte sich dann an Hank. „Was ist mit ihm los? Ist er der großen Liebe auf den ersten Blick begegnet?“

Er grinste. „Schon wieder, meinst du?“

Normalerweise war Brad sehr humorvoll. Fiona Donovan nannte ihn sogar ihr fröhlichstes Kind. Doch momentan war er ganz und gar nicht zu Scherzen aufgelegt. Verärgert murrte er: „Ich bin nicht in der Stimmung für solchen Unsinn.“

„Okay, dann sage ich es dir direkt“, gab Bridget nach. „Deine Jane Doe wird gesund werden. Körperlich geht es ihr gut. Sie wurde nicht vergewaltigt, und abgesehen von einigen Prellungen an Armen und Beinen ist sie nicht ernsthaft verletzt. Aber wie lange es dauern wird, bis ihr Gedächtnis zurückkehrt, kann ich nicht abschätzen.“

„Willst du mich veralbern?“

Sie griff über den Tisch und tätschelte seine Hand. „Nein. Die Medizin ist nicht immer eine exakte Wissenschaft. Kopfverletzungen können verzwickt sein. Möglicherweise fällt ihr alles in den nächsten Minuten ein oder aber erst in Monaten oder Jahren – und vielleicht auch niemals.“

Das Bild der furchtbaren Ungewissheit, das seine Schwester malte, traf Brad wie ein Faustschlag ins Gesicht. „Gibt es denn nichts, was du tun kannst, damit sie sich erinnert? Kannst du ihr nicht irgendwelche Medikamente geben?“

„Wenn es ihr nicht bald besser geht, werde ich einen Spezialisten hinzuziehen. Aber da das County für die Behandlung aufkommt, muss ich an die Kosten denken. Es wird nur ein gewisser Betrag bewilligt. Und erwarte kein Wunder von mir. Ich bin bloß eine Feld-Wald-und-Wiesen-Ärztin.“

Unverhofft meldete Hank sich zu Wort. „Vielleicht finden wir ja ihren Ausweis, wenn wir den Schauplatz morgen früh absuchen. Und mit etwas Glück stoßen wir sogar auf ein abgestelltes Auto.“

Brad wartete nur ungern bis Tagesanbruch, um an den Fundort zurückzukehren. Er wollte sofort Antworten. Aber sie waren knapp besetzt, und einen Suchtrupp mit Scheinwerfern zusammenzutrommeln, war teuer, zeitraubend und womöglich nutzlos. „Hoffen wir es.“

Bridget drückte ihm die Hand. „Jetzt hätte ich es fast vergessen – sie hat nach dir gefragt. Durch die Medikamente, die wir ihr verabreicht haben, wird sie bald einschlafen. Geh lieber gleich zu ihr.“

Die Frau mit den grauen Augen will mich sehen? Brad war so begeistert, dass er hastig seinen Stuhl zurückschob und aufsprang. „Ich bin gleich wieder da.“ Er holte seine Brieftasche heraus und warf Hank mehrere Scheine zu. „Hier. Kauf Bridget ein Stück Kuchen. Sie sieht hungrig aus.“ Und damit stürmte er zur Glastür, die aus der Cafeteria führte.

„Brad?“, rief Bridget ihm nach. „Wo willst du hin?“

Stirnrunzelnd blickte er über die Schulter zurück und fragte ungehalten: „Was glaubst du wohl?“

„Ich weiß nicht. Es gibt annähernd fünfhundert Zimmer in diesem Krankenhaus. Meinst du nicht, dass du die Nummer brauchst, um sie zu finden?“

Inzwischen kam er sich wie ein Trottel vor. „Ich habe wohl nicht nachgedacht“, räumte er ein. „Welches Zimmer?“

„Zweihundertzwölf. Und bleib locker!“

Er grinste. „Keine Sorge. Wenn ich in etwas gut bin, dann im Umgang mit Frauen. Vor allem mit jungen Frauen in Nöten.“

Sie hörte ein Klopfen an der Tür und danach Schritte, aber sie machte sich nicht die Mühe, die Augen zu öffnen. In der letzten halben Stunde waren Schwestern und Pfleger hin und her geeilt wie Ameisen auf einer Picknickdecke.

„Entschuldigen Sie, Miss. Ich bin Deputy Donovan. Ist Ihnen danach zumute, mit mir zu reden?“

Der Klang seiner Stimme ließ ihr Herz klopfen. Sie schlug die Augen auf und sah ihn neben dem Bett stehen. Er hielt den grauen Hut in einer Hand.

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