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Radio S.E.X.

1. KAPITEL

“Dr. Jamie spricht über Sex – und ganz Manhattan hört zu!”

Vor den Büros von WXNT Talk Radio sog Darlene Whittaker heftig an ihrer Zigarette und musterte das Gesicht, das die Reklametafel auf der anderen Seite der Straße zierte. Dr. Jamie Hampton war das neueste “It-Girl” in Manhattan, das Gesprächsthema von der Bowery bis zur Bronx – die schöne, brillante, radikale Dr. Jamie.

Darlene hasste das New Yorker Rauchverbot, das sie zwang, hier draußen zu stehen. Mindestens einmal pro Tag verfluchte sie den Bürgermeister und seine Wähler. Sie vermisste ihre Stammkneipe, wo sie jeden Abend Tequila und Bier getrunken und etwa eine halbe Packung Zigaretten geraucht hatte. Verdammt, was für wundervolle Zeiten.

Sie hatte einen besonderen Grund, heute die WXNT-Büros aufzusuchen. Die Idee für den Zeitschriftenartikel stammte von ihr. Und es war auch ihre Idee gewesen, Dr. Jamie im Radio zu interviewen. Zunächst hatte sich die gute Frau geweigert. Dann hatte der Manager des Senders, Fred Holt, darauf bestanden. Man konnte ihm vieles nachsagen – aber gewiss nicht, dass er dumm war. Durch den Artikel würde Dr. Jamie landesweit bekannt werden, was das Interesse einer überregionalen Rundfunkstation erregen würde. Nur bei solchen Sendern machte man das große Geld. Alle großen Moderatoren hatten mit ihren vierstündigen Radiosendungen an fünf Tagen pro Woche ein Vermögen verdient. Ein lukrativer Job winkte Dr. Jamie – wenn sie das Spiel mitspielte.

Es sei denn, Darlenes Ahnung würde sich bestätigen. Dann wäre der Skandal perfekt. Dr. Jamie bekäme eine einfache Fahrkarte ins Nirgendwo und Darlene etwa zehntausend Dollar mehr pro Artikel.

Wenn sie sich bloß sicher wäre … Sie starrte wieder die Reklametafel an. Sogar auf einem fünf Meter breiten Plakat wirkte diese Dr. Jamie zart und zerbrechlich. Wusste sie nicht, dass der Look des armen, heimatlosen Kindes passé war? Mit dem kurzen schwarzen Haar und diesen großen dunklen Augen sah sie wie die kleine Miss Unschuld aus. Und das war der Haken an der Sache.

Wie das Plakat verkündete, redete sie über Sex, und ganz Manhattan hörte zu. Klare, direkte Antworten, keine beschönigenden Umschreibungen, kein Kichern. Sie erklärte den Frauen, sie könnten Sex genauso genießen wie die Männer. Davon waren sie hell begeistert. Auf diesem Markt war Jamie die Radiosendung Nummer eins. Und sie war auch das Gesprächsthema Nummer eins in allen New Yorker Cafés und Lunch-Bars.

Darlene schnaufte verächtlich. Alle hatte sie kommen und gehen sehen. Auch Dr. Jamie würde sich nicht lange an der Spitze halten. Wie ein Feuerwerk am 4. Juli würde sie verglühen. Nun musste Darlene das Licht einfangen, solange es noch glänzte, und in einen Goldrausch verwandeln. Jamie würde brennen und Darlene ein Streichholz an ihr entzünden.

Dunkelbraun, fast mandelförmig, mit offensichtlich falschen Wimpern blickten Jamies Augen von der Reklametafel herab und strahlten die Unschuld eines Lamms aus, das zur Schlachtbank geführt wird. Wenn Darlene mit ihr fertig war, würde Jamie von ihrem Thron stürzen, mitten in den Pöbel hinab. Eigentlich tat Darlene ihr einen Gefallen und härtete sie gegen das reale Leben ab, vor allem das Leben in New York City.

Dem Himmel sei Dank für die erfolgreichen Recherchen! Hätte sie Jamies alte Zimmerkameradin vom College nicht aufgespürt, wäre sie nicht nach Buffalo gefahren, um die Frau persönlich zu befragen, hätte Dianna Poplar keine Andeutungen über die Sexexpertin fallen lassen, wäre der Artikel so interessant wie ein Abend im Waschsalon gewesen. Aber ein Skandal würde alles ändern. Damit verkaufte man Zeitschriften. Und Darlene würde das Geld einheimsen, das ihr zustand – das sie brauchte, um aus ihrem grässlichen Apartment in ein angemessenes Domizil übersiedeln zu können.

Dass sie die derzeitige Königin von New York entthronen würde, war ein zusätzlicher Pluspunkt. Die Kirsche auf der Sahnetorte. Jamie glich so vielen Mädchen, die zusammen mit Darlene das College besucht hatten – schön, klug, erfolgreich, ohne sich groß anzustrengen. Womit verdiente Jamie diesen fabelhaften Job? Einen Collegeabschluss hatte Darlene auch. Aber sie durfte nicht im Radio verkünden, sie würde was vom Sex verstehen.

Natürlich war Jamie eine Betrügerin. Und das würde Darlene beweisen.

Das Rattern eines aufgemotzten Motorrads erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie beobachtete durchs Fenster, wie ein Mann auf einer Harley zum hell erleuchteten Parkplatz neben dem Schuttabladeplatz fuhr. Viel sah sie nicht von ihm, nur eine Lederjacke, fadenscheinige Jeans, Stiefel, einen schwarzen Helm.

Nun stieg er von der Maschine, nahm den Helm ab und schüttelte sein Haar. Langes Haar, das bis zum Kragen reichte. Als spürte er ihren Blick, schaute er herüber. Um seine Gesichtszüge auszumachen, war sie zu weit entfernt. Trotzdem erkannte sie ihn. Chase Newman, der Rennfahrer.

Noch einer von den Reichen und Schönen, die auf all den angesagten Partys auftauchten und Magazine wie Vanity Fair zierten. Wie sie zufällig wusste, hatte People versucht, ihn zum tollsten männlichen Sexsymbol zu stilisieren. Und er hatte die Redaktion zum Teufel geschickt. Das musste man ihm immerhin zugutehalten.

Während er sein Motorrad abschloss, sträubten sich ihre kurzen Nackenhaare. Ihr persönliches Radarsystem, das eine Story ortete. Welche, wusste sie noch nicht. Aber ihre Nackenhaare irrten sich nie.

Mit schmalen Augen verfolgte sie, wie er sich bewegte, wie er dastand – selbstbewusst und sinnlich. Pure maskuline Energie. Ein solches Charisma betörte sogar abgestumpfte Frauenherzen. Nicht einmal Darlene war immun dagegen. Einmal hatte sie ihn auf einer Wohltätigkeitsparty getroffen, für irgendwelche Kinder oder herrenlose Tiere. Damals hätte sie gern einen Artikel über ihn geschrieben. Aber sie hatte keinen geeigneten Einstieg gefunden. Würde sich die Story von Dr. Jamie mit Chase Newman verknüpfen lassen?

Solchen Typen war sie schon mehrmals begegnet, allerdings nicht allzu oft. Viele Kerle stolzierten herum und warfen deutlich sichtbar mit ihrem Geld um sich. Wenn eine echte Persönlichkeit auftauchte, merkte man es. Manche Männer erregten sofort Interesse, verschafften sich Respekt und weckten den Wunsch, dieselbe Luft wie sie einzuatmen oder zumindest in ihrem Schatten zu stehen.

Wann immer so ein Mann ein Zimmer betrat, eroberte er sämtliche anwesenden Frauen. Schon nach wenigen Sekunden verliebten sie sich in ihn, als würden sie alle vom selben Virus befallen. Das hatte Darlene tausend Mal beobachtet. Um an einen charismatischen Mann heranzukommen, brachten sich die Frauen fast um und hofften, seine Ausstrahlung würde auf sie abfärben.

O ja, Chase Newman würde perfekt zu der Story passen. Wenn sie bloß die richtigen Mittel und Wege fände. Irgendwas über Chase und diese Rundfunkstation nagte am Hintergrund ihres Bewusstseins. Was mochte es sein? Während sie nach einer weiteren Zigarette griff, schaute sie auf ihre Uhr und fluchte. Jetzt musste sie wirklich reingehen. Dr. Jamie würde schon warten. Und so eilte Darlene in die Rauchverbotszone des Senders, der die populärste Radio-Talk-Show des letzten Jahres produzierte.

“Okay, Jungs und Mädchen”, sagte Dr. Jamie Hampton ins Mikrofon. Ihre Lieblingstasse war mit grünem Tee gefüllt. Vor ihr lagen Notizen, ordentlich gestapelt. “Heute leistet mir Darlene Whittaker von Vanity Fair Gesellschaft. Sie wird mich interviewen. Später werdet ihr die Gelegenheit bekommen, mir ein paar Fragen zu stellen.” Sie wandte sich ihrem Gast zu, den man mit frischem Kaffee und Kopfhörern versorgt hatte. “Nun, Darlene? Was soll ich Ihnen erzählen?”

“Sie sind viel jünger, als ich dachte.”

O Gott, wie oft hatte sie diesen ermüdenden Kommentar schon gehört? “Bald werde ich siebenundzwanzig.”

“Ist Ihr akademischer Titel echt? Oder nur ein Vorname?”

Jamie lachte und begann die Frau zu hassen. An der äußeren Erscheinung lag es nicht. Der übliche groteske Manhattan-Stil mit Hornbrille, ungekämmten dunklen Locken, einer schwarzen Tunika über schwarzen Jeans, einem grellroten Lippenstift, der den Straßenverkehr stoppen müsste. Nein, das war es nicht – dieser Look war zu out. Vielmehr hing es mit der Art zusammen, wie die Reporterin ihren Blick erwiderte. Bösartig und tückisch. “Ich habe meinen Dr. phil. an der New York University gemacht. Mit einer Dissertation über menschliche Sexualität.”

“Wann?”

“Vor zwei Jahren.”

“Da waren sie vierundzwanzig?”

“Genau. Mit sechzehn ging ich aufs College, mit einundzwanzig hatte ich meinen Magister.”

“Wow! Eine phantastische Leistung. Und als Doktorandin haben Sie die Radiosendung auf dem Campus gestartet?”

“Ja, die ‘Sex Hour’ wurde von der Campus-Rundfunkstation gesendet und war schon bald sehr beliebt.”

“Könnte man Ihre Popularität darauf zurückführen, dass Sie eine weibliche Version von Howard Stern sind – schamlos, nur um das Publikum zu schockieren?”

“Vielleicht. Wenn man die Wahrheit schockierend findet.”

“Die Wahrheit?”

“Ich rede über Sex. Mit all seinen seltsamen Aspekten. Über abartigen Sex, normalen Sex – was immer das heißt, Solo-Sex, monogamen Sex, Safersex, Sex am Strand und in der Küche.”

“Und der Verein anständiger Frauen wollte Ihre Talk-Show abwürgen, weil Sie Teenager zum Sex anstiften.”

“Von diesem Verein weiß ich nichts. Aber ich kenne unsere Statistiken. Die meisten unserer Hörer sind zwischen zwanzig und dreißig.”

“In den letzten sechs Monaten berichteten alle Zeitungen über den Versuch, Ihre Talk-Show zu stoppen. Lesen Sie die Times nicht?”

“Die langweiligen Artikel lasse ich aus”, betonte Jamie, und Darlene schenkte ihr ein sarkastisches Lächeln. Zum Teufel mit Fred, der sie zu diesem Interview gezwungen hatte. Gewiss, sie wollte landesweit bekannt werden. Aber die Sendung müsste für sich selbst sprechen.

“Wann haben Sie zum letzten Mal über Keuschheit geredet?”

“Vor zwei Tagen. Ich ermutigte eine Anruferin, ihre Knie zusammenzupressen, es sei denn, sie will irgendwohin gehen. Zählt das etwa nicht?”

“Aber heute Abend erklärten Sie einer Frau, wie man masturbiert.”

“Das musste ihr doch irgendjemand beibringen.”

“Was werden die Kirchenverbände dazu sagen?”

“Sie werden ‘Danke’ sagen.” Jamie spähte durch ein kleines Fenster und begegnete dem Blick ihrer Regisseurin Marcy Davis, die ihre Brauen hob und sich ein Lächeln verkniff. Dann bedeutete ihr Cujo, dessen richtiger Name Walter Weinstein lautete, die Werbung anzukündigen. “Hier ist Dr. Jamie. Heute gebe ich Darlene Whittaker von Vanity Fair ein Interview. Gleich sind wir wieder da.” Sie nahm die Kopfhörer ab und fragte ihren Gast: “Und? Gefällt’s Ihnen?”

Auch Darlene zog die Kopfhörer aus ihrem dunklen Kraushaar. “Ich muss aufs Klo. Habe ich genug Zeit?”

“Klar, die Werbung dauert fünf Minuten.”

Darlene durchquerte das Studio und kämpfte mit der schweren schalldichten Tür. Sobald sie draußen war, kam Marcy herein. “So weit, so gut.”

Sorgsam überprüfte Jamie die Mikrofone und vergewisserte sich, dass keines eingeschaltet war. Dann wandte sie sich ihrer Regisseurin zu. Marcy war einsame Spitze. Jeden Tag dankte Jamie den Radiogöttern, die Marcy damals bewogen hatten, ihr den Job bei WXNT zu verschaffen. Mit ihren zweiundvierzig Jahren nannte sie sich ironisch die “alte Lady” des Senders, womit sie faktisch recht hatte. Aber außer ihr selbst kümmerte sich niemand darum.

“Am besten gefällt mir ihr Farbensinn”, bemerkte sie. “Ein richtiger Sommertyp, nicht wahr?”

Jamie legte einen Finger an die Lippen. “Vielleicht steht sie vor der Tür.”

“Und wenn schon!” Marcy sank in den Besuchersessel. “Jedenfalls war’s eine dumme Idee.”

“Da stimme ich dir zu.”

“Du machst deine Sache großartig. Nur eins stört mich – dass wir live senden. Das finde ich unfair.”

“Seit wann sind die Medien fair? Entweder schreibt sie die Wahrheit oder nicht. Letzten Endes spielt es keine Rolle.”

“Doch, natürlich. So ist das nun mal beim Radio, Schätzchen. Auf die Einschaltquoten kommt’s an, und das Einzige, womit man rechnen kann, sind ständige Veränderungen. Du brauchst einen guten oder wenigstens provokanten Artikel. Und ein netter kleiner Skandal würde dir kein bisschen schaden.”

“Heiliger Himmel, meinst du das ernst?”

Marcy nickte. Aber irgendetwas im Nebenraum erregte ihre Aufmerksamkeit. Als Jamie hinüberschaute, erkannte sie sofort, was los war. Ted Kagan, der DJ, der nach ihrer Sendung auf dem Programm stand, unterhielt sich mit Cujo. Ein wahnsinnig netter Typ. Und sehr attraktiv. Obwohl Marcy eisern den Mund hielt, wusste Jamie, dass ihre Regisseurin eine Schwäche für Ted hatte – und nichts unternehmen würde, weil er erst dreißig war. Als ob das was zu bedeuten hätte, wenn es um die Liebe ging. Solange keiner der Beteiligten unter achtzehn war, durften sie sich alles erlauben.

“Marcy?”

Es dauerte ein paar Sekunden, bis die Regisseurin antwortete. “Was?”

“Ist er nicht süß?”

Marcys Wangen färbten sich rosig. “Wer?”

“Okay. Wie du willst. Aber bedenk bitte – ich verstehe eine ganze Menge von der Liebe.”

“Sicher.” Marcy stand auf. “Und wann genau hattest du zum letzten Mal eine Beziehung?”

“Wenn man Pathologe werden will, muss man nicht sterben.”

“Ein hübscher Vergleich. Wenn er auch nichts mit unserem Thema zu tun hat. Seit über einem Jahr kenne ich dich, Mädchen, und ich sah dich noch kein einziges Mal mit einem Mann ausgehen.”

“Weil ich beschäftigt war.”

“Beschäftigt? Großer Gott! Du bist ein Workaholic.”

Erleichtert atmete Jamie auf. Mit dieser Diagnose konnte sie leben. “Das weiß ich. In Zukunft will ich versuchen, etwas kürzer zu treten. Aber es ist schwierig.”

“Unsinn! Hast du schon Pläne für die Ferien gemacht?”

Jamie schüttelte den Kopf.

“Also, ich schon. Wahrscheinlich fliege ich nach Tahiti.”

“Oh, verdammt …” Jamie setzte ihre Kopfhörer auf, drückte einen Knopf und war wieder auf Sendung. “Willkommen bei WXNT. Hier ist Dr. Jamie, und Darlene Whittaker von Vanity Fair interviewt mich gerade. Aber vorher will ich Sie was fragen. Haben Sie’s satt, mit einem schmerzenden Rücken aufzuwachen?”

Seufzend stieß Marcy die Tür des Studios auf. Mit jedem Tag erschien sie ihr schwerer. Als sie die Tür weit genug geöffnet hatte, rauschte Darlene an ihr vorbei, ohne ein Dankeswort. Wie unhöflich … Na ja, so waren die Leute heutzutage.

Sie schaute in den Regieraum. Da war Ted immer noch. Wirklich süß. Groß und schlank, blond, der typische “golden Boy”. Und einer der nettesten Männer, die sie jemals kennengelernt hatte. Wenn sie nicht bald aufhörte, von ihm zu träumen, musste sie sich erschießen.

Seit zwei Monaten war er geschieden. Das nützte ihr nichts. Ebenso wenig wie sein Interesse an neuen Flirts, das allmählich wieder erwachte. Niemals würde sie’s überleben, wenn er mit jungen hübschen Dingern durchs Büro schlenderte.

Vielleicht sollte sie ihn fragen, ob er mit ihr ausgehen würde, und den Stier bei den Hörnern packen. Dauernd betonte Jamie, wie viele Frauen sich vor der eigenen Lust fürchteten und dass sie sich ebenso wie die Männer entspannenden Sex gönnen müssten. Und es sei völlig sinnlos, um den heißen Brei herumzureden. Wenn sie mit Ted ins Bett hüpfen wollte, sollte sie’s ihm einfach vorschlagen. Großer Gott! Wo sie den Mann doch nicht einmal anschauen konnte, ohne wie eine Zwölfjährige zu erröten!

Bedrückt ging sie zum Regieraum. Gleich würden die Telefone läuten, und sie wollte eine möglichst gute Mixtur für Jamie zusammenstellen. Sie betrat den Raum und sah Ted in einer Zeitung blättern. Als sie sich ans Telefon setzte, schaute er nicht einmal auf.

Der Computer zu ihrer Rechten war die Verbindung zu Jamie. Wenn jemand anrief, würde sie den Namen, das Alter, den Wohnort und sein Problem eintippen. An manchen Abenden standen die Telefone niemals still. Dieser Abend bildete keine Ausnahme. Und das war gut so. Sie musste sich beschäftigen und von dummen Gedanken ablenken. Entschlossen setzte sie die schnurlosen Telefonhörer auf und drückte den Knopf für die Leitung eins.

Darlene verlor an Boden. Das spürte sie. Für ihr Alter war Dr. Jamie erstaunlich versiert. Erst sechsundzwanzig und schon absolute Spitze in der New Yorker Radioszene. Verdammt. Mit sechsundzwanzig war Darlene aufs College gegangen und hatte im Hauptfach Englisch studiert – ein Mädchen ohne Freunde oder Freundinnen, dafür aber mit ernsten Essstörungen.

In Wirklichkeit war Jamie noch hübscher als auf ihren PR-Fotos. Mit Schmollmund und kecken Titten. Konnte sie nicht wenigstens ein paar Pickel im Gesicht haben? Nein. Pickel waren für Darlene reserviert. In ihrem Artikel würde sie Jamies Teint vermutlich mit Alabaster vergleichen. Makellos. Dieses Biest.

“Wenn’s Ihnen nichts ausmacht, Darlene, möchte ich jetzt einen Anruf entgegennehmen.”

Darlene nickte und wünschte, sie hätte während der Werbung eine Zigarette geraucht.

“Hier ist Lorraine aus Queens.” Jamie drückte einen Knopf, und aus Darlenes Kopfhörern drangen Störgeräusche.

“Dr. Jamie?”

“Am Apparat. Haben Sie eine Frage?”

“O ja.”

“Reden Sie nur, ich beiße nicht.”

“Gestern Abend sprachen Sie mit Kelly aus Washington. Wie sie von diesem Kerl verführt wurde …”

“Sie ließ sich verführen.”

“Klar. Darüber will ich reden.”

“Über meine Überzeugung, dass keine Frau verführt werden kann, wenn sie’s nicht will?”

“Genau.”

“Okay.”

“Also, da gibt’s einen Kollegen. Steve. Der ist einfach toll. So amüsant und sexy. Sie wissen ja, was ich meine. So ein Mann kriegt alle Frauen, die er haben will.”

“Kein Mann kriegt jede Frau, die ihn reizt.”

“Nun ja, ich habe einen Freund, und ich hab mich nicht mit Steve eingelassen. Aber ich denke oft daran. Und wenn ich’s auch nicht gern zugebe – wenn er mich fragt, würde ich Ja sagen.”

“Warum? Wieso finden Sie ihn unwiderstehlich?”

“Keine Ahnung. Er sieht einfach toll aus.”

“Würden Sie mit allen attraktiven Männern ins Bett gehen, wenn Sie drum gebeten werden?”

“Natürlich nicht”, erwiderte Lorraine lachend.

“Dann muss es was Besonderes sein, was Ihnen an Steve gefällt.”

“Okay. Wie er mich anschaut – das ist so, als würde sein Blick bis in meine Seele dringen.”

“Großartig. Offenbar erweckt er den Eindruck, er hätte nur Augen für Sie. Schlafen Sie mit allen Männern, die Ihnen dieses Gefühl geben?”

“Nein. Weil ich’s bis jetzt noch nie erlebt habe.”

“Klar, Sie fühlen sich geschmeichelt. Aber das ist noch lange kein Grund, die Hose runterzulassen. Was noch?”

“Das weiß ich nicht – ich schwöre es. Vielleicht eine Kombination mehrerer Dinge. Sein lässiger Gang, sein Lächeln. Wenn er in mein Büro kommt, kriege ich kaum Luft. Manchmal glaube ich, er hat mich verhext.”

“Sicher ist er kein Zauberer, nur selbstbewusst. Er weiß, wie er eine Frau betören kann. Und er nutzt seine Fähigkeiten.”

“Offensichtlich.”

“Eigentlich ist’s ganz einfach, Lorraine. Wenn Sie mit ihm schlafen wollen, tun Sie’s. Und wenn nicht, tun Sie’s eben nicht. Aber Sie sollten sich nicht selbst belügen und behaupten, Sie würden gegen Ihren Willen verführt. So was gibt’s nicht. Damit würden Sie ein Verhalten beschönigen, das Sie unanständig finden.”

“Immerhin ist’s eine verdammt gute Ausrede.”

Jetzt musste Jamie lachen. “Seien Sie stark und pochen Sie auf Ihr Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Gestehen Sie sich die Wahrheit ein. Dann ist alles in Ordnung.”

“Wurden Sie niemals verführt?”

“Kein einziges Mal.”

Über Darlenes Rücken lief ein Schauer. “Glauben Sie, die Chemie hätte nichts damit zu tun?”, fragte sie. “Die Pheromone? Gibt es nichts, was den Verstand einer Frau komplett ausschaltet?”

“Gar nichts. Natürlich kommt’s vor, dass die Chemie zwischen einem Mann und einer Frau stimmt, und eine solche Anziehungskraft kann sehr stark sein. Aber die Vorstellung, eine Frau würde hilflos in die Arme eines Mannes sinken, ist lächerlich. Bei allen Beziehungen, auch bei kurzfristigen, sollte man großen Wert auf Ehrlichkeit und Entscheidungsfreiheit legen.”

“Sie glauben also nicht an die Liebe auf den ersten Blick?”

“Nein. Meiner Ansicht nach gehört die sogenannte ‘Liebe auf den ersten Blick’ zu den größten Mythen unserer Kultur. Die Lust kann sehr schnell erwachen. Aber man muss ihr nicht nachgeben. Die Liebe braucht Zeit. Und sehr viel Engagement. Eine Frau sollte selbst bestimmen, ob sie Sex haben möchte oder nicht, und das gilt auch für die Ehe. Wenn sich eine Frau unsicher fühlt, erkläre ich: ‘Ihr Körper gehört Ihnen. Respektieren und pflegen Sie ihn. Gönnen Sie ihm hin und wieder ein Vergnügen. Und wenn Sie niemanden haben, der Ihnen hilft, tun Sie’s selber, mit oder ohne Spielzeug.’“

Sie lachte kurz. “Ich wette, jetzt hören uns viele Ehefrauen zu, die sich wünschten, sie hätten sich vorher gefragt, ob sie wirklich mit dem Mann leben wollten, der sie ‘verführt’ hat. Und nach der deprimierenden Scheidungsrate zu schließen, haben mindestens fünfzig Prozent aller Ehefrauen vor der Hochzeit nicht darüber nachgedacht.”

Wieder einmal sträubten sich Darlenes Nackenhaare. Das war’s. Der perfekte Artikel. Der perfekte Aufhänger. “Um’s noch einmal klarzustellen – Sie behaupten also, kein Mann könnte eine Frau verführen, solange sie’s nicht will?”

“Allerdings. Und wenn die Frauen ehrlich zu sich selbst sind, müssen sie’s auch zugeben.”

“Charme, Charisma und Sex-Appeal üben keine Wirkung aus?”

“Gar keine, solange sich die Frau nicht verführen lässt. Haben Sie das Wort mal genauer erforscht? Ich schon. In einem Wörterbuch steht, was ‘verführen’ bedeutet – nämlich den Geschlechtsakt anzustreben. Wird eine Frau dazu gezwungen, nennt man’s Vergewaltigung. Wenn es mit ihrem Einverständnis passiert, ist’s keine Verführung im gängigen Sinn. Falls sie’s trotzdem behauptet, versucht sie sich nur herauszureden. Gegen ihren Willen kann keine Frau verführt werden. Basta.”

Sekundenlang schloss Darlene die Augen, um sich zu beruhigen. “Würden Sie die Probe aufs Exempel machen?”

Jamie runzelte die Stirn. “Wie meinen Sie das?”

“Sie sagen, keine Frau kann ohne ihre Erlaubnis verführt werden. Okay. Beweisen Sie’s.”

“Unmöglich.” Jamie lachte leise. “Diese Entscheidung muss jede Frau für sich selbst treffen.”

“Aber es gibt Mittel und Wege, den Beweis anzutreten.” Darlenes Herz schlug wie rasend. Einfach phantastisch … “Hören Sie sich meinen Vorschlag an. Ich mache Sie mit einem Mann bekannt, der schon viele Frauen verführt hat. Verbringen Sie hin und wieder ein paar Stunden mit ihm. Dabei wird er seinen ganzen Charme versprühen. Warten wir ab, was passiert.”

“Das kann ich Ihnen schon jetzt sagen: nichts.”

“Daran zweifle ich.”

“Einfach lächerlich! Niemand kann mich verführen.”

“Wahrscheinlich wissen Sie gar nicht, wovon Sie reden. Letzten Endes werden wir sehen, wer recht behält.”

“He, Dr. Jamie!” Das war Lorraine, die immer noch auf Leitung eins wartete. “Das wäre cool.”

“Was?”

“Wenn Sie’s uns beweisen würden.”

Nur mühsam unterdrückte Darlene einen Freudenschrei. Das übertraf ihre kühnsten Träume. “Genau, Dr. Jamie! Tun Sie was, statt immer nur Ratschläge zu erteilen.”

“Moment mal!” Jamie warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. Offenbar war Darlene nicht bereit, klein beizugeben. Seufzend wandte sich Jamie wieder zum Mikrofon. “Lorraine, ich wünsche Ihnen Glück bei Ihrem Kollegen. Vielen Dank für den Anruf.” Dann drückte sie den Knopf für die Leitung zwei. “Hier ist Dr. Jamie. Haben Sie eine Frage?”

“O ja”, antwortete ein tiefer Bariton. “Ich finde auch, Sie sollten’s tun. Dafür würde ich mich freiwillig zur Verfügung stellen. In spätestens zwei Wochen hab ich dich verführt, Baby.”

Voller Genugtuung lehnte sich Darlene zurück. Grandios. Der Artikel würde sich fast von selber schreiben.

Ungläubig schüttelte Jamie den Kopf und drückte den nächsten Knopf. “Wie wär’s mit Leitung drei? Pam aus Chelsea?”

“Nun kommen Sie schon, Dr. Jamie! Jeden Abend könnten Sie uns erzählen, was gerade läuft, wie’s denn so ist da draußen in der realen Welt. Davon würden wir alle eine Menge lernen. Dauernd sagen Sie uns, wir sollen unsere Hemmungen überwinden. Jetzt sind Sie selber dran.”

“Danke für Ihren Anruf.” Auf den nächsten Knopf drückte Jamie so vehement, dass er fast zerbrach. “Debbie aus Yonkers? Möchten Sie über was anderes reden?”

“Nun ja …”

Sofort entspannten sich Jamies verkrampfte Schultern. “Wundervoll!”

“Also, ich finde, Sie sollten nicht jeden Abend Bericht erstatten. Das müsste der Mann übernehmen. Oder Sie machen es beide zusammen.”

Jamies Kopf sank in ihre Hände. Dann richtete sie sich wieder auf. “Hier ist Dr. Jamie, und wir reden über Sex. Gleich nach der Werbung melde ich mich wieder.” Wütend warf sie die Kopfhörer auf den Schreibtisch, und Darlene legte ihre eigenen sanft daneben.

Jetzt befand sich Dr. Jamie nicht mehr auf ihrem gewohnten sicheren Terrain. Darlenes Blick wanderte in den Regieraum hinüber zu Marcy Davis, die auch nicht mehr so selbstgefällig dreinschaute wie zuvor. Diesen beiden Barbiepuppen würde Darlene eine schmerzhafte Lektion erteilen.

Als jemand den Regieraum betrat, wandte sich Marcy zur Tür. Perfekt. Chase Newman. Genau die Inspiration, die Darlene brauchte.

Eine Zeit lang sprach er mit der Telefonistin, dann drehte er sich um, und Darlene sah sein Gesicht. Phantastisch. Vor diesem Mann würde sogar eine Statue dahinschmelzen. Ein markantes Kinn, dunkle Brauen über rauchgrauen, intensiven Augen. Genau der richtige Schatten eines Fünftagebarts. Und ein Experte für Sex. Zweifellos ein Maestro im Schlafzimmer. Allein schon dieser Mund musste jeder Frau den Atem nehmen.

Was für ein Genie ich bin, dachte Darlene. Wie ich das hingekriegt habe – einfach perfekt. Dr. Jamie hatte keine Chance. Ganz New York würde zuschauen, wie sie auf ihren süßen kleinen Hintern fiel, und sich köstlich amüsieren. Nun musste Chase Newman nur noch mitspielen. Dazu würde Darlene ihn sicher bringen.

Nach einer Weile verließ er den Regieraum, gefolgt von Fred und Marcy.

Jamie versuchte Darlene anzulächeln. Aber es gelang ihr nicht. Verzweifelt wünschte sie, die Reporterin würde das Interview beenden und verschwinden, die Sendung wäre vorbei und sie könnte den ganzen Unsinn vergessen. Wo steckte Marcy? Verdammt, sie müsste endlich ins Studio kommen und sie retten.

Jetzt tat ihr Darlene einen Gefallen und eilte aus dem Raum. Wenigstens dafür war Jamie ihr dankbar. Und wo blieb Marcy? Jamies Talk-Show löste sich in Luft auf, und Marcy nahm einen Kurzurlaub. Jamie würde sie umbringen. Doch vorher musste sie die Sendung irgendwie durchstehen. Das war ihre und nicht Darlenes Show.

Verdammt! Cujo winkte ihr hektisch zu. Wie lange sie schon untätig vor sich hinstarrte, wusste sie nicht. “Willkommen! Hier ist wieder Dr. Jamie Hampton, und Darlene Whittaker von Vanity Fair ist mein Gast. Liebe Hörer und Hörerinnen, sprechen wir über Ihr Leben. Gibt’s irgendwelche Fragen, die Sie schon immer stellen wollten? Über Ihren Körper? Über Sex? Kommt schon, Leute! Masturbation. Transvestiten. G-Punkt. Bloß keine falsche Scham!”

Alle Lichter blinkten. Wie Jamie dem Computer entnahm, war Gabby Fisher auf Leitung eins. Möge Gott ihr kleines neurotisches Herz segnen. Gabby war eine Stammkundin und kein bisschen verlegen. Also würde sie mindestens zehn Minuten füllen. Als Jamie den Knopf drücken wollte, eilte Darlene herein und setzte sich wieder. Der fiebrige Glanz in ihren Augen erschreckte Jamie.

Hastig drückte sie auf den Knopf. “Hi, Gabby.”

“Hi, Dr. Jamie.”

“Was kann ich heute Abend für Sie tun?”

“Oh, es wäre einfach himmlisch, wenn Sie uns vormachen würden, wie man einem Mann widersteht.”

Mühsam unterdrückte Jamie einen Fluch. Nahm dieser Blödsinn denn überhaupt kein Ende? “Wie man sich gegen einen Mann wehrt, wissen Sie schon. Dazu brauchen Sie mich nicht.”

“Vielleicht weiß ich’s, aber es klappt nicht”, klagte Gabby. “Ich bin nicht so wie Sie, Dr. Jamie.”

“Was Sie wollen, schaffen Sie auch, Gabby. Sie müssen nur an sich selbst glauben. Mit einer albernen Demonstration würde ich Ihnen nicht helfen.”

Darlene rückte ihren Sessel näher zum Schreibtisch. “Fürchten Sie sich, Dr. Jamie?”

“Keineswegs. Aber ich sitze hier, um mein Publikum zu beraten. Um mich geht es hier gar nicht.”

“Sollten Sie nicht mit gutem Beispiel vorangehen?”

“Müssen alle Chirurgen ihre eigenen Gallenblasen rausschneiden, um Erfahrungen zu sammeln?”

Gabby lachte, Darlene nicht. “Verstecken Sie sich hinter Ihrem Doktortitel, Jamie? Ich glaube, Sie wollen keine Probe aufs Exempel machen.”

“Da haben Sie völlig recht.”

Darlene warf einen kurzen Blick zum Fenster. “Aber es wäre ein hochinteressantes Experiment. Dabei würden Ihre Hörer und Hörerinnen eine ganze Menge lernen. Führen Sie ihnen doch vor, was passiert, wenn ein Mann eine Frau zum Sex verleiten möchte. Statt nur über Experimente zu reden, sollten Sie mal ins Labor gehen.”

Entschlossen zwang sich Jamie zur Ruhe und bezähmte den Impuls, Darlene zu erwürgen. “So etwas kann man nicht demonstrieren. Das ist was anderes als Kuchen backen.”

Darlene schenkte ihr ein Lächeln. Dann wandte sie sich wieder zum Mikrofon. “Lassen wir Dr. Jamie so leicht davonkommen, liebe Hörer und Hörerinnen? Nun will ich Ihnen mal was sagen. Meine Zeitschrift will diese Story haben. Dafür interessieren sich alle Single-Frauen in New York. Diese Sendung könnte das wichtigste Radioprogramm aller Zeiten werden. Oder spucken Sie nur große Töne, Dr. Jamie?”

“Natürlich nicht!”

“Dann beweisen Sie es uns, indem Sie nicht kneifen.”

Zur Hölle mit diesem Biest! Dafür würde Marcy bitter büßen. Und Fred Holt auch. Jamie beugte sie zu ihrem Mikrofon vor. “Wir reden über die verschiedenen Möglichkeiten zu kneifen – gleich nach der Werbung.”

Bei dieser unerwarteten Programmänderung sah sie Cujo zusammenzucken. Aber er reagierte blitzschnell. Eine Sekunde später kündigte Big Al’s Möbelmarkt ein Super-Super-Super-Sonderangebot an.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ihr Mikrofon ausgeschaltet war, fauchte sie Darlene an: “Was, zum Teufel, treiben Sie hier eigentlich?”

Darlene grinste so selbstgefällig, dass sie sich beinahe eine Ohrfeige eingehandelt hätte. “Nun, ich mache nur meine Arbeit. So wie Sie Ihre machen.”

“So was lässt sich nicht demonstrieren, das wissen Sie genau. Für Sie zählt nur die Publicity von Vanity Fair!”

“Nicht unbedingt. Ihr Experiment könnte erzieherisch wirken, Dr. Jamie. Falls Sie recht haben.”

“Natürlich habe ich recht. Aber ich lasse mich nicht als Versuchskaninchen missbrauchen.”

“O doch. Wollen wir wetten? Sicher werden Sie sich anders besinnen. Und wenn nicht, ziehe ich Sie mitsamt Ihrer Talk-Show ganz gewaltig in den Dreck. Soviel ich weiß, möchte Independance Broadcasting Ihre Sendung für ein landesweites Programm kaufen. Diese Entscheidung wird mein Artikel zweifellos beeinflussen. Jetzt kommt’s auf Sie an, Dr. Jamie. Spielen Sie mit, oder Sie müssen sich einen neuen Job suchen.”

“Warum tun Sie das?”

“Weil es in meiner Macht steht”, erwiderte Darlene lächelnd.

Aus den Augenwinkeln sah Jamie das Zeichen, das Cujo ihr gab. Erbost wandte sie sich wieder zum Mikrofon. Sie würde sich nicht erpressen lassen. Nicht von dieser Hexe. Der würde Marcy schon noch erklären, wohin sie sich ihre idiotische Idee stecken konnte. Aber jetzt musste Jamie die Sendung erst einmal zu Ende bringen. “Willkommen, hier ist wieder Dr. Jamie …”

In diesem Moment schwang die Tür zum Regieraum auf. Fred Holt, Marcy und Chase Newman kehrten zurück. Marcy war einer Panik nahe. Und in Freds Augen schienen Dollarmillionen zu glitzern. Energisch mahlten seine Kinnmuskeln. Um seine Wünsche zu erraten, brauchte man keine hellseherischen Fähigkeiten. Er wollte, dass es passierte – dass WXNT zur Rundfunkstation Nummer eins avancierte. Und Jamie war seine Fahrkarte zum Ruhm. Aber sogar er musste begreifen, wie hirnrissig das alles war. Würde er sich von dieser verrückten Reporterin manipulieren lassen?

Cujo schwenkte beide Arme durch die Luft und zeigte auf die Telefonleitungen. Verdammt! “Sind Sie noch da, Gabby?”

“O ja. Und ich bin so froh, dass Sie’s machen. Würden Sie erklären, wie Sie’s anfangen wollen?”

Darlene beugte sich vor. “Ganz einfach. Sie wird sich mit einem Mann treffen. Ein paarmal. So wie Sie und ich. Nur wird sie uns zeigen, wie sich eine Frau verhalten muss, wenn sie nicht verführt werden will.”

“Moment mal!”, protestierte Jamie. “Bisher war es ja ganz lustig. Aber jetzt hört der Spaß auf. Ich habe nicht einmal einen Freund …”

“Kein Problem”, fiel Darlene ihr ins Wort, und Jamies Magen drehte sich um.

“Was heißt das?”

“Das werden Sie bald sehen.”

“Hören Sie, Darlene, schreiben Sie in Ihrem Artikel, was Sie wollen. Da spiele ich nicht mit.”

“Und wenn Sie alle Ihre treuen Fans enttäuschen?”

“Meine Fans sind klug genug, um zu erkennen, dass eine Verführung gegen den Willen einer Frau unmöglich ist. Also habe ich bereits gewonnen.”

“Tatsächlich?”, fragte Darlene und wandte sich triumphierend zum Regieraum.

Dorthin wollte Jamie lieber nicht schauen. Aber sie konnte nicht anders. O Mann! Es war noch schlimmer, als sie gedacht hatte. Jetzt stand Fred Holt mit hochrotem Kopf am Fenster, und sein Blick drohte Jamies Wimpern zu versengen. Das war kein Witz. Hinter ihm warf Marcy ihre Arme in die Luft. Von ihr durfte Jamie keine Hilfe erwarten.

Sie spähte zur Tür. Sollte sie einfach aufstehen und gehen? Dann würde sie für alle Zeiten auf die Sendung verzichten. Und sie liebte ihre Show. Diese Talk-Show war ihr Lebensinhalt. Und wem machte sie was vor? Sie wollte in einem landesweiten Programm auftreten. Das wünschte sie sich genauso inbrünstig wie Fred. Eine solche Chance durfte man nicht verpassen. Das Geld, das Prestige … Damit würde sie beweisen, dass es richtig gewesen war, der Arztpraxis ihrer Eltern den Rücken zu kehren.

“Also gut.” Mit schmalen Augen starrte sie die böse Hexe von der West Side an. “Ich mach’s. Aber den Kerl suche ich mir selber aus.”

“Tut mir leid. So geht’s nicht. Ich suche ihn aus. Oder sollen die Leute glauben, Sie würden schummeln?”

“Nein, ich …”

Darlene stand auf. Diesmal öffnete sie die schwere Tür, als wäre sie federleicht. Auf der anderen Seite stand ein Mann. Er schlenderte ins Studio, das sofort zu schrumpfen schien. Krampfhaft schluckte Jamie und fragte sich, wohin die ganze Luft geströmt war.

Als er ins Licht trat, blieb die Welt stehen, ihr Herz inklusive. So einen tollen Mann hatte sie nie zuvor gesehen. Der personifizierte Sex auf zwei Beinen, ein Teufel in Bluejeans, ein Problem in Großbuchstaben. Mit einem Schuss Tabasco.

“Jamie Hampton …” Darlene führte ihn zum Mikrofon. “Das ist Chase Newman, der Mann, der sie nicht verführen kann.”

“Verdammt …”

Cujo stürzte sich auf den Knopf. Zum ersten Mal seit anderthalb Jahren herrschte in den fünf New Yorker Bezirken, New Jersey, in Teilen von Connecticut, Massachusetts und Vermont Funkstille. Ganze zwölf Sekunden lang.

2. KAPITEL

Erfreut über Jamies Reaktion, unterdrückte Chase ein Lächeln. Wie sie die großen braunen Augen aufriss, wie sich ihre Wangen röteten, wie sie nervös ihre volle Oberlippe leckte … Wenn er in die Rundfunkstation gekommen war, hatte er sie ein paarmal gesehen, aber nie mit ihr gesprochen. Sie floh sogar verängstigt zur anderen Seite des Flurs, wann immer er an ihr vorbeiging, und warf ihm verstohlene Blicke zu. Und sie war knallrot geworden. So wie jetzt.

Beim letzten Mal, vor etwa sechs Monaten, hätte er sie beinahe gefragt, warum sie sich vor ihm fürchtete. Doch sie war in der Damentoilette verschwunden. Ihre Talk-Show gefiel ihm, obwohl sie eine Menge Unsinn verkündete. Ein kluger Schachzug von Fred, das Mädchen zu engagieren.

Davor hatte der Sender jahrelang keine nennenswerten Einschaltquoten erzielt. Nicht, dass er sich dafür interessierte. Sein Vater war der Besitzer von WXNT gewesen. Nach seinem Tod hatte Chase die Station geerbt, und inzwischen kümmerte er sich kaum noch darum.

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