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Radio Heimat

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Land und Leute
    1. Nicht schön, aber direkt
    2. Wir sind Strukturwandel
    3. Onkel Josef und Tante Henni: Staying Power
    4. Saubere Unterwäsche
    5. Der Currywurst−Vorfall
    6. Helden
    7. Der Laberfürst
    8. Weine nicht, meine Freund!
  9. Kinderstunde
    1. Alte Leute
    2. Vonne Alleestrasse weg
    3. Rathauskind
    4. Ostern
    5. Wenn Ali boxte
    6. Abschied von der Bimbo−Box
    7. Steh auf, du Mädchen!
    8. Fast berühmt
    9. Pokerface
    10. Blagen according to Theo
  10. Fakten für Verbraucher
    1. Budenzauber
    2. Mach die Augen zu und iss!
    3. Akropolis adieu!
    4. Watt der Mensch braucht, datt muss er haben!
    5. Ungesunde Getränke
    6. Payback
    7. »Ich glaube, wir müssen das hochkant nehmen!«
    8. Billich wird datt nich!
    9. Der lachende Zahnarzt
    10. Schwiegermutter
  11. Unterhaltung am Wochenende
    1. Wieder voll da!
    2. Eichhörnchen sehen
    3. Once upon a Sendeschluss
    4. Datt gibbet nur bei uns!
    5. Spielen statt arbeiten!
    6. Der Salon des kleinen Mannes
    7. Gartenarbeit
    8. Jahrhunderthalle
  12. Nachrichten, Wetter, Verkehr
    1. Im Land der Autobahnen
    2. Oh 40 du!
    3. Kadett
    4. Bluesmobil
    5. Dies ist kein Lieblingslied
    6. Taxi Bochum
    7. Schnee von gestern, Schnee von heute
    8. Wichtig für die Region
  13. Dank…
  14. Leseprobe

Über dieses Buch

»Woanders is auch scheiße!« Erfrischend ehrlich, wahrhaft komisch, entwaffnend sentimental - Frank Goosens geschichtensattes Hohelied auf das, was ihm und auch uns allen Heimat ist: die liebenswerte Haut, aus wir nicht mehr können. Wo sonst auf der Welt wird die fröhliche Begrüßung »Ey, Jupp, du altes Arschloch!« als freundschaftliche und ehrerbietig empfunden? Nirgends, nur entlang der A 40, im Herzen der schönsten deutschen Provinz, die zwar nicht wirklich viel Gegend hat, dafür aber jede Menge skurrile, herzliche, raue, gnadenlos ehrliche Ureinwohner. Denn »es geht um die Menschen«, und von diesen Menschen erzählt Frank Goosen in seinem ganz besonderen, sehr persönlichen Ton. Er fördert Kindheitserinnerungen von Omma und Oppa (die im Bochumer Rathaus wohnten und stadtbekannt waren) zutage, er durchstreift mit Mücke, Pommes und Spüli die Untiefen einer Jugend, er steht an der Seltersbude auf ein Bierchen, leidet und jubelt mit den Fans im Stadion, durchkämmt Schrebergärten und Zechen, Industriebrachen und Einkaufszentren.

Über den Autor

Frank Goosen, lebt seit Mai 1966 in Bochum. Neben seinen erfolgreichen Romanen (darunter »Liegen Lernen«, »Pokorny lacht« und zuletzt »So viel Zeit«) hat er zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht und tourt mit seinen erfolgreichen Kabarettprogrammen (zuletzt »A 40«) durch Deutschland. Zuletzt erschien bei Eichborn sein Fußballbuch »Weil Samstag ist«. Er wohnt mit seiner Frau und zwei jungen Nachwuchshoffnungen des VfL am Stadtpark.

Frank Goosen

Radio Heimat

Geschichten von zuhause

»Sag mal, Omma, stimmt das denn alles, was du da so erzählst?«
»Hasse dich gelangweilt?«
»Nö.«
»Na also!«

Für Omma

Land und Leute

Nicht schön, aber direkt

An lauen Sommerabenden stehe ich gern auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die Fiege-Brauerei, das neue Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus »2001«), die Türme von Propstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbau-Museums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!

Wir im Ruhrgebiet laden Auswärtige gern ein, zu uns zu kommen, um ihren Begriff von Schönheit zu erweitern. Eine mittelalterliche Garnisonsstadt mit Stadtmauer, Fachwerkhäusern und Fürstenresidenzen schön finden, das kann jeder. Aber auf dem Gasometer in Oberhausen stehen, sich umgucken und sagen: Wat ne geile Gegend!, das muss man wollen. Dafür muss man von hier sein.

Was wird am Ruhrgebiet am meisten überschätzt? Das viele Grün! Wir können es nicht mehr hören, wenn die Zugereisten sagen: Ich hätte nie gedacht, dass es hier so viele Bäume gibt! Ja, stellt euch vor, wir haben sogar fließend Wasser!

Aber »Gegend«, von der wir bei uns nebenbei bemerkt gar nicht so viel haben, ist auch nicht so wichtig. Das Wichtige sind immer die Leute.

Was sind wir für ein Menschenschlag im Ruhrgebiet? Nun, man sagt uns nach, wir seien nicht besonders höflich, dafür aber sehr direkt. Das heißt, man kommt mit uns ins Gespräch, ob man will oder nicht. Und erfährt bisweilen Dinge, ohne die man durchaus hätte weiterleben können. Ich selbst stand mal an einer Ampel und gewahrte aus dem Augenwinkel einen älteren Herrn, der nonverbal, durch aggressives Gucken, mit mir Kontakt aufnehmen wollte. Ich hatte daran kein Interesse und versuchte, das rote Männchen zu hypnotisieren, auf dass es schneller dem grünen Platz mache. Da sprach der Mann mich doch noch an.

»Na? Willz au rübba?«

Ich hielt dicht.

»Ich hab hier mal zehn Minuten gestanden«, fuhr der andere fort, »dann hab ich gemerkt, die Ampel is aus! Ich hatte immer so rote Flecken vor die Augen, da dachte ich, dat is die Ampel, aber dann bin ich zum Arzt gegangen, und der sachte, ich hab noch drei Monate. Du, is grün, lass rübbagehn!«

Oder fragen Sie mal in unserer Gegend nach dem Weg. Woanders kann es Ihnen passieren, dass Ihnen auf die entsprechende Frage tatsächlich erklärt wird, wie Sie Ihr Ziel erreichen. Bei uns müssen Sie mit der Antwort rechnen: »Watt willze denn da? Hömma, ich war da ma. Da war scheiße. Da willz du gar nich hin! Ich sach dir getz ma, wo du hinwillz!«

Wir befleißigen uns im Ruhrgebiet einer eher kräftigen, derben Sprache. Eine Begrüßung wie »Ey Jupp, du altes Arschloch!« wird vom Angesprochenen nicht zwingend als Beleidigung empfunden. Im Gegenteil: Trifft man diesen Jupp ein paar Tage später wieder und sagt nur: »Hallo Jupp!«, kann es sein, dass er zurückstänkert: »Watt is denn mit dir los? Bin ich dir kein Arschloch mehr wert, Herr Graf?«

Auch hat unsere Sprache oft etwas sehr Bildhaftes. Kleine Kinder oder Erwachsene unter eins siebzig werden gern als »Furzknoten« bezeichnet. Und wenn man eine unattraktive Frau als »Schabracke« bezeichnet, hat man sie doch ebenso vor Augen wie den ungepflegten Mann, den »Schäbbigen«.

Manchmal sollte man aber darauf verzichten, sich das, was da so bildhaft beschrieben wird, umstandslos vors innere Auge zu holen. So etwa wenn die Omma sagt: »Kär, ich war auf die Beerdigung von die alte Döhmann. Da war so kalt, da habbich mir richtich n Pinn inne Fott gefrorn!«

Oder wenn der Nachbar einen im Flur abpasst und meint, im Keller sei mal wieder das Licht defekt: »Da is widda finster wie im Bärenarsch!«, da fragt man sich natürlich, woher die Leute ihre Vergleichsmöglichkeiten haben.

Wir sind eben Sprücheklopfer. Das heißt, wir sind in der Lage, große Weisheiten in kleine Sätze zu packen. Meine Omma zum Beispiel. Die konnte man alles fragen, sich von ihr auch komplizierte historische Zusammenhänge allgemeinverständlich erklären lassen:

»Omma, wie war das nach dem Krieg?« – »Na ja, wir hatten nix!« Da steckte alles drin. Und mit dem Zusatz »War doch allet kaputt odda beim Russen!«, floatete sie auch noch die Reparationsproblematik mit ein. Das funktionierte auch mit anderen Epochen: »Omma, wie war das mit Napoleon?« – »Na ja, der war klein!« Und mehr musste man über den Mann auch nicht wissen.

Oder mein Oppa! Von dem könnten die ganz großen Ruhrgebietsweisheiten stammen, die man sich so erzählt. Wenn mein Oppa zum Beispiel ausdrücken wollte, dass einer zwar die Schnauze aufreißt, aber nicht wirklich was zu erzählen hat, sagte er: »Kein Arsch inne Buchse, aber La Paloma pfeifen!« Und wenn er das steigern wollte, meinte er: »Keine Haare am Sack, aber im Puff drängeln!« Und ich habe später herausgefunden: Das stimmt! Müssen Sie mal drauf achten, wenn Sie den nächsten Termin haben!

Mein Oppa hatte auch keinen übertriebenen Respekt vor großen Namen – ganz im Gegensatz zu meiner Omma. Tauchte zum Beispiel einer der Lieblingsstars meiner Omma im Fernsehen auf, rutschte sie ganz nervös auf dem Sofa hin und her und rief: »Ach guck mal! Der Vicco Torriani!« Was mein Oppa gern mit einem knackigen »Der geht auch nur kacken!« konterte.

Ganz anderes Thema im Ruhrgebiet: die Luft. Früher hatten wir gar keine, heute sind wir laut Ruhrgebietstourismus GmbH der reinste Luftkurort. Eine Art Davos mit Industriekultur. Wenn da nicht ein fieses kleines Wörtchen wäre: Feinstaub. Doch mit Begriffen, in denen die Silbe »fein« drin vorkommt, kann der Alteingesessene nichts anfangen. Nehmen wir nur Theo, den alten Schrebergartennachbarn meiner Eltern: »Theo, was sagst du zum Thema Feinstaub?«

»Ach geh mir doch weg mit Feinstaub! Wir, nä, wir hatten früher Staubkörner, die waren groß wie RATTEN! Und wir sind auch groß geworden!«

Die Klischees über das Ruhrgebiet halten sich ziemlich hartnäckig, und jahrelang habe ich sehr viel Energie auf den Versuch verschwendet, sie zu widerlegen. Heute sage ich mir: Scheiß drauf! Wenn ihr den ganzen Mist glauben wollt, bitteschön. Überhaupt geht es darum, als Einheimischer ein entspanntes Verhältnis zu diesen Klischees zu entwickeln. Ich persönlich reise mittlerweile durchs Land und sage jedem, der es nicht hören will: »Ja, das stimmt alles. Wir leben wirklich unter Tage. Die Häuser oben sind nur Attrappen. Wir kommen praktisch nur für so quasi-religiöse Zusammenkünfte wie meine Lesungen an die Oberfläche. Unsere Kinder kommen wirklich mit der Grubenlampe an der Stirn zur Welt. Und wir haben natürlich alle noch einen alten Förderkorb in der Küche, da wird morgens die Familie hineingetrieben, dann geht es in einem Affentempo auf tausend Meter Tiefe, und dann wird zum Frühstück an der leckeren Kohle geschleckt!«

»Stopp!«, rufen dann die Bedenkenträger. »Ist es nicht total peinlich, sich immer noch auf dieses überkommene Malochertum zu berufen?«

Gegenfrage: Ist es nicht viel peinlicher, sich selbst immer noch zu Blasmusik auf den Arsch und auf die Schuhe zu hauen, obwohl man auch seit hundert Jahren keine Kuh mehr auf die Alm getrieben hat?

Das Ruhrgebiet hat sich, im wahrsten Sinne des Wortes, das Recht erarbeitet, sich hemmungslos zu stilisieren und sich zu dem zu bekennen, was es einzigartig macht, nämlich ebenjene Arbeit. Zumindest die von früher.

Und trotzdem stehen wir an lauen Sommerabenden auf unseren Eisenbahnbrücken, schauen auf unsere Städte, freuen uns darüber, wie schön das Leben mit Abitur sein kann, und denken: »Nä, schön is dat nich. Abba meins!«

Oder wie es mein Oppa auszudrücken pflegte: »Ach, woanders is auch scheiße!«

Wir sind Strukturwandel

Mein Oppa und mein Onkel väterlicherseits sind noch »eingefahren«, und zwar auf Zeche Constantin in Bochum Riemke/Hofstede, und deshalb bin ich als Kind reichlich versorgt worden mit den ganzen Heldengeschichten über die Bergleute. Wie die arbeiten konnten! Wie die nach der Arbeit saufen und singen konnten! Und wie die essen konnten!

Meine Omma väterlicherseits hat mir erzählt, wie das war, wenn sie Reibeplätzchen gemacht hat. Mein Vater, der Jüngste, der eben nicht auf dem Pütt war, schaffte von diesen armdicken, in einem halben Liter siedendem Fett in einer schweren gusseisernen Pfanne vor sich hinschwimmenden Dingern gerade mal zwölf, dreizehn Stück. Aber Oppa und Onkel, die hart arbeitenden Bergleute, hauten regelmäßig dreißig bis vierzig weg! Jeder!

Gewohnt haben die damals in einer langen Reihe von Häusern in der Bochumer Poststraße, im sogenannten »D-Zug«, und hier waren bis weit in meinen Erinnerungsbereich hinein die Toiletten auf halber Treppe, hatten schwarze Brillen und Deckel, und daneben hing eine Kette, an der nicht immer auch ein Griff zum Ziehen befestigt war. Im Winter war dieser Ort natürlich komplett unbeheizt, das heißt, alles, was man da tat, war ein Wettlauf mit dem Frost, schließlich war damals der Winter noch richtig kalt, genauso wie der Sommer noch richtig warm war, die Butter noch »gut« und das Geld noch was wert. Man musste also abwerfen, bevor der Arsch buchstäblich an der Brille festfror.

Nach der Schicht gingen die Bergleute gern nach gegenüber ins »Haus Walburg«, um sich ein paar Pils einzudrehen, und wenn diese dann nachts wieder auf Ausgang drängten, hatten die Männer nur wenig Lust, das warme Bett zu verlassen, um das eiskalte Klo aufzusuchen. Deshalb gab es, so will es die Überlieferung, in vielen Bergarbeiterhaushalten die segensreiche Erfindung des Gurkenglases. In diesem wurde über Nacht gesammelt, was dann am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schicht endgültig zu entsorgen war.

Im Hinterzimmer von »Haus Walburg« probte Oppa Goosen mit seinem Männergesangsverein: Steigerlied, Am Brunnen vor dem Tore – die ganze Palette!

Meine Omma mütterlicherseits frönte übrigens damals einem in unserer Gegend sehr beliebten Hobby, dem »Im-Fenster-Liegen«. Während die Männer unten im Hof saßen und an einem Holztisch im Unterhemd Karten spielten, lagen die Frauen in geblümten Haushaltskitteln und mit einem grob gemusterten Kissen unter den Ellenbogen in den offenen Fenstern und unterhielten sich quer über die ganze Fassade. Sicher, man hätte einander auch besuchen können, aber das wäre nur der halbe Spaß gewesen, schließlich war man beim »Im-Fenster-Liegen« wenigstens zur Hälfte an der frischen Luft.

Doch das sind für mich letztlich nur Nachklänge aus der Vergangenheit. Ich war in unserer Familie der Erste, der aufs Gymnasium gegangen ist, was einem in der Gegend, wo ich herkomme, der Alleestraße in Bochum, nicht nur zur Ehre gereichte. Plötzlich hieß es beim Fußball nicht mehr: »Ey, Matschbirne, wie wär’s mal mit ein bisschen Abwehrarbeit!«, sondern: »Ey, Gymnasium, bisse dir getz zu fein für’n scheiß Einwurf?«

Mit elf Jahren schrieb ich dann mein erstes Gedicht. Meine Omma hatte Tränen in den Augen und flüsterte: »Was haben wir nur falsch gemacht!« Und Oppa, sehr viel lauter: »Unter Adolf wär dat nich passiert!« Gleichsam aus Rücksicht auf meine Herkunft habe ich Abitur dann auch nur mit einem Notendurchschnitt von drei Komma eins gemacht.

Ich habe weder gedient noch Zivildienst machen müssen, sondern einfach schon 1986 die weltpolitischen Umwälzungen vorhergesehen: »Das mit der Mauer, das hält nicht mehr lange, ich fange erst mal an zu studieren.« Und tatsächlich hatten sie ein paar Jahre später so viele potenzielle Rekruten, dass sie auf mich gerne verzichteten.

Also begab ich mich eines Morgens zu unserer Strukturwandel-Uni im Bochumer Süden. Noch in der Schlange zur Einschreibung im Foyer des Audimax wusste ich gar nicht so genau, was ich studieren sollte. Geschichte und Deutsch waren mir in der Schule immer leichtgefallen, warum sollte das an der Uni anders sein.

Nach zwei Stunden Wartezeit stand ich endlich vor dem zuständigen Mitarbeiter der Universitätsverwaltung.

»Was wollen Sie studieren?«

»Geschichte und Deutsch.«

»Welcher Abschluss?«

»Och, ne Zwei wär okay.«

Ich wunderte mich noch, dass man sich das vorher aussuchen konnte, fand aber, dass einem so das Leben doch enorm erleichtert wurde.

»Lehramt oder Magister«, sagte der Mann und grinste fast ein bisschen.

»Ach Gott, ich kenne den Unterschied nicht, aber Lehrer will ich auf keinen Fall werden, also sofort vom Insassen zum Wärter umschulen … Also Magister.«

»Dann brauchen Sie noch ein drittes Fach.«

»Ein drittes Fach? Das ist ja fast wie Schule! Ich dachte, ich lass mal langsam gehen und studiere vor allem Geschlechtsverkehr, Radaumusik mit Stromgitarren und legale Drogen.«

»Ja, schon«, antwortete der freundliche Mann, »aber pro forma müssen Sie drei Fächer belegen.«

Gut, dachte ich, was kann noch leichter sein als Geschichte und Deutsch (das im Magisterstudiengang viel professioneller »Germanistik« hieß)? Genau: Politik. Und tatsächlich, Geschichte, Germanistik und Politik auf Magister konnte man an der Ruhr-Universität Bochum zwischen 1986 und 1992 weitestgehend auf einer Backe absitzen.

Finanziert wurde mir mein Studium übrigens von einem Mitarbeiter des BAföG-Amtes. Aus seiner eigenen Tasche. Seine Kinder hatten zu Hause nur Postsäcke anzuziehen und ernährten sich von Wasser und Brot, damit ich meinem Lotterleben an der Uni nachgehen konnte. Jedenfalls hat er sehr glaubhaft diesen Eindruck vermittelt.

Nach insgesamt zwölf Semestern (inklusive Magisterarbeit und Prüfungen sowie einem selbst verordneten Freisemester zum Abschluss meines ersten Romanversuchs) machte ich dann tatsächlich Examen. Um nicht als Prahlhans dazustehen, möchte ich die Note hier lieber verschweigen. Meine Omma hatte wieder Tränen in den Augen und sagte, zumindest sinngemäß: »Wenn das dein Oppa noch erleben könnte! Er würde dich grün und blau prügeln!«

Kurz darauf bin ich dann zum ersten Mal in einer jener Einrichtungen aufgetreten, in denen unsere Ahnen ihr Leben in der Arbeit gelassen hatten, und da war dann auch mir klar: Wir sind Strukturwandel.

Onkel Josef und Tante Henni: Staying Power

Onkel Josef und Tante Henni haben es bis zur diamantenen Hochzeit geschafft. Wie sie da auf dem Sofa saßen (Tante Henni Mitte achtzig, Onkel Josef schon fast neunzig) und die Frau von der Lokalzeitung ihr Foto machte, da sahen sie aus, als sei ihr Erfolgsgeheimnis tatsächlich ewige Liebe, gegenseitiger Respekt und die instinktive Anwendung komplexer Konfliktbewältigungsstrategien, dabei steckt dahinter eher das, was Darsteller in Erotikfilmen »staying power« nennen. Auch überkommene Rollenverständnisse und, zum richtigen Zeitpunkt, die Bereitschaft zur schlagkräftigen Verteidigung der eingespielten Formation waren hilfreich, um diesen sechzigsten Hochzeitstag gemeinsam zu erreichen. Und dass keiner von beiden vorher gestorben ist, war natürlich auch gut.

Auf meine Frage, wie sie beide so lange durchgehalten hätten, zuckte Onkel Josef nur die Schultern: »Mit ner andern wär doch au nich besser.« Und da gab es nie irgendwelche Geschichten nebenher? »Ach, datt macht doch nur Ärger. Datt kommt immer irgendwann raus, und dann hasse wochenlang datt Gemecker und Gezeter. Datt bringt doch allet nix!« Und mit einem Blick auf die attraktive Fotografin fuhr er fort: »Ich bin fast neunzich. Wenn ich der da an den Hintern packe, lacht die und sacht, watt ist dat für’n rüstigen alten Herrn! Und wenn ich mich anstrengen würde, könnte ich noch richtich bei der landen. Und dann? Dann kann ich mir erssma mein Butterbrot abends selber machen. Datt lohnt nich!«

Wenn man Tante Henni fragte, was sie an ihrem Josef schätzt, erzählte sie immer die Geschichte von den Fußballfans.

Onkel Josef und Tante Henni betrieben eine Selterbude in der Nähe des Stadions, wo an Spieltagen natürlich immer Hochbetrieb war, da sich die Fans vor dem Spiel gern noch ein bisschen preiswertes Flaschenbier zuführten. Da regierte dann die große Klappe, und wenn gegnerische Fans auf einheimische trafen, konnte es ziemlich zur Sache gehen. »Und wir immer Logenplatz«, meinte Tante Henni, »da war immer wat geboten!«

Einmal aber wurde eine Grenze überschritten. Knallevoll kamen die Fans vom Stadion zurück und einige randalierten. »Ich weiß gar nich, ob wir gewonnen hatten oder verlorn, is auch egal«, erinnerte sich Tante Henni, »jedenfalls kommen da die vier Seger an und pöbeln, watt ich so doof gucken würde aus mei’m Fenster, und ich denk, sach ma besser nix, dann gehen die weiter, datt sind vier, die werden sich nich anne alte Frau vergreifen, abba da kommt der eine an, bestimmt einsneunzich, und sacht, wieso ich nich antworten würde. Und ich sach: Auf sonne bescheuerten Fragen gibbet keine Antwort, abba datt war dann auch nich richtich. Jedenfalls fängt der an von wegen alte Schachtel. Er hat watt anderes gesagt, aber du wirss nich erleben, datt ich datt in den Mund nehm, Junge! Und dann holt der aus mit seine Bierpulle und kippt mir datt Bier ins Gesicht. Der Josef sitzt hinten und hört mich schreien, und auf einmal schießt der nach vorne und ausse Tür raus und nimmt sich die vier vor. Zack, beim Ersten gleich mitten rein ins Vergnügen, der fällt um und hält sich die Nase. Dem Zweiten eine aufs Ohr und dem Dritten in den Arsch getreten, da schrie der Vierte schon nach seine Mama.«

Onkel Josef hörte die Geschichte nicht ohne Stolz. Immerhin war er zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung schon Mitte siebzig. »So etwas kann man sich nicht gefallen lassen«, sagte er, wenn auch nicht mit diesen Worten. Eher mit diesen: »Wer meine Olle anpackt, kricht auffe Fresse. Altes Gesetz.«

Groteskerweise erstatteten die vier »Opfer« Anzeige und Onkel Josef wurde vor Gericht gezerrt. »In der ersten Instanz habbich verlorn«, knurrte er. »Der Richter war sonn Grüner. Abba in der zweiten Instanz hab ich recht gekriegt.« Nicht zuletzt deshalb, weil da unter Vorsitz einer Richterin verhandelt wurde. Und Frauen haben für vieles Verständnis, so lange es aus Liebe geschieht.

Drei Jahre nach der diamantenen Hochzeit starb Tante Henni. Onkel Josef folgte ihr nur sechs Monate später.

Saubere Unterwäsche

Und dann war da noch Tante Martha, von allen nur Tante Matta genannt, weil der Ruhrgebietsmensch das r mitten im Wort nicht gerne spricht. Tante Matta hat sich immer Sorgen gemacht und damit dummerweise nicht hinterm Berg gehalten.

»Ich mach mir so Sorgen um den Onkel Josef«, sagte sie mal zu mir. »Findest du nicht, dass er ein bisschen zu viel trinkt?«

Vom Alter her war ich nicht mal zweistellig, von daher konnte ich nicht beurteilen, wie viel zu viel war. Heute würde ich die Frage eindeutig bejahen, schließlich habe ich ihn auf Geburtstagen manchmal schon mittags Korn kippen sehen.

»Ich mach mir so Sorgen um den Rüdiger«, sagte sie ein anderes Mal, »dass der auf die schiefe Bahn gerät!«

Rüdiger war ein entfernter Cousin, der immer günstig Autoradios, Stereoanlagen und Fernseher auf Lager hatte. Sehr günstig. Originalverpackt. Die Bahn, auf der Rüdiger unterwegs war, schief zu nennen, war eine spektakuläre Untertreibung.

Am meisten machte sich Tante Matta aber Sorgen, man könne keine saubere Unterwäsche anhaben. Saubere Unterwäsche war für sie ein riesiges Thema. »Stell dir mal vor«, sagte Tante Matta gern, »du musst plötzlich zum Arzt!«

Klar, man kennt das ja: Man geht gut gelaunt die Fußgängerzone hinunter, schlägt sich unvermittelt mit der flachen Hand vor die Stirn und ruft aus: »Mensch, ich muss plötzlich zum Arzt!« Und der behandelt einen dann nicht, weil man keine saubere Unterhose anhat.

Oder: Man hat einen Autounfall, liegt blutüberströmt im Straßengraben, kann aber ganz locker bleiben, weil man kurz vor Fahrtantritt noch schnell die frische Unterwäsche angezogen hat. Und der Sanitäter ruft: »Lass den da hinten abnippeln! Der hier hat ganz tolle, saubere Unterwäsche an!« Da wird man Tante Matta dann dankbar sein.

Noch als ich erwachsen war, eine eigene Wohnung bewohnte und für meine Kleiderordnung und Körperhygiene selbst zuständig war, rief Tante Matta manchmal an, sagte nicht »Guten Tag, wie geht’s dir, mein Junge?«, sondern als Erstes: »Hast du sauberes Unterzeug an?«

Unterzeug! Das Wort kam aus der Mode, als Stresemann Reichskanzler war! Und was glaubte sie denn? Dass ich gebrauchte Damenschlüpfer trug?

Bei Frauen reichte Tante Matta die Unterwäsche nicht. Frauen mussten sich, im Gegensatz zu Männern, auch regelmäßig waschen.

»Weißt du, ein herber Geruch hat noch keinem Mann geschadet. Aber bei einer Frau ist so etwas doch sehr unangenehm.« Ich vermute noch heute, dass Tante Matta die einzige Frau in unserer Familie war, die sich die Achselhöhlen rasiert hat. Heimlich.

Eine Frau hatte für Tante Matta nicht nur sauber zu sein, sondern »reinlich«. Einmal verwickelte sie mich in ein Gespräch über meine damalige Freundin.

»Und?«, wollte Tante Matta wissen. »Ist sie reinlich? Riecht sie gut?«

»Sie riecht toll, Tante Matta. Und du solltest ihre Unterwäsche sehen!«

»Und was ist mit ihrem Klo?«

Tante Matta war glühende Verfechterin der These, wer ein schmutziges Klo habe, der habe auch einen verdorbenen Charakter. Das ist bei mir haften geblieben. Noch heute suche ich bei fremden Leuten zuerst das Bad auf und untersuche die Kloschüssel. Ich sehe mir besonders die Schrauben an, mit denen die Schüssel im Boden verankert ist, denn dort sitzt der Staub, das ist ein Paradies für Staub! Und man kriegt ihn nur weg, wenn man das Klo wirklich gewissenhaft putzt. Ich gehe auf die Knie, untersuche die Schrauben und entscheide erst dann, ob ich diesen Leuten das Du anbiete.

So habe ich von Tante Matta doch noch was Praktisches fürs Leben gelernt. Und wenn ich auf Reisen bin, habe ich immer eine Unterhose mehr dabei als nötig.

Der Currywurst−Vorfall

Beinahe hätte es mich nie gegeben. Und schuld daran war eine Currywurst.

In Bochum gibt es das traditionsreiche Lichtspielhaus »Uniontheater«. Irgendwann in den Siebzigern wurde das in mehrere, zum Teil nur schuhkartongroße Mini-Kinos aufgeteilt und eigentlich müsste man die Geschichte erzählen, wie ich in einem davon Geschlechtsverkehr hatte – dummerweise ist das nie passiert. Dass ich hier betrunken den vierten Film der Star-Trek-Reihe gesehen und viel zu laut gelacht habe, sodass mich andere Zuschauer rausschmeißen wollten – das ist wiederum nicht ganz so weit an der Wahrheit vorbei.

Mit dem Uniontheater gleichsam untrennbar verbunden ist die legendäre Dönninghaus-Currywurstbude, an der es Mitte der Sechzigerjahre beinahe zu einem Zerwürfnis gekommen wäre, das meine ganze Existenz unmöglich gemacht hätte, im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Laufe des Jahres 1964 hatten sich meine Eltern in der Tanzschule Bobby Linden kennengelernt. Die Tanzschule warb damals angeblich auf Bochumer Straßenbahnen mit dem Slogan »Tanz mit B. Linden!« Was von weitem allerdings aussah wie »Tanz mit Blinden«.

Mein späterer Vater lud meine zukünftige Mutter nach einer Phase des Anstands in ein Café zu Kaffee und Kuchen ein. Man plauderte und fand sich gegenseitig hinreichend nett. Doch als es ans Bezahlen ging, hatte mein Vater angeblich kein Geld dabei, sodass meine Mutter einspringen musste. Die Geschlechterverhältnisse waren noch nicht in jene Phase eingetreten, in der es gesellschaftlich akzeptiert ist, dass die Frau den Mann einlädt, also war meine Mutter nicht sonderlich amüsiert. Mein Vater entschuldigte sich und gelobte Besserung.

Vor dem Café verabschiedete man sich und stellte gegenseitig ein weiteres Treffen in Aussicht. Meine Mutter machte noch ein paar Besorgungen, kam irgendwann am Uniontheater vorbei – und traute ihren Augen nicht: Der gutaussehende Mann in dem dunklen Anzug, der vorhin behauptet hatte, keinen Pfennig in der Tasche zu haben, vertilgte mit großem Genuss eine Currywurst extra scharf. Meine Mutter stellte ihn zur Rede, es kam zu einem Wortgefecht, in dessen Verlauf mein Vater ziemlich kleinlaut wurde. Noch zwanzig Jahre später, wenn es auf Familienfeiern etwas lockerer wurde, holte meine Mutter diese Geschichte hervor, um meinen Vater in die Defensive zu bringen – etwa wenn es darum ging, wer fahren musste und wer noch was trinken durfte.

Was meine Mutter dazu bewogen hat, diesen Fauxpax meines Vaters wegzustecken, kann ich nur vermuten. Vielleicht fand sie es für eine spätere Verbindung hilfreich, immer ein bisschen was gegen ihn in der Hand zu haben. Was meinen Vater da geritten hat, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht wollte er mit Investitionen erst mal vorsichtig sein, bevor er wusste, welche Dividende sie brächten. Ein gewisser Pragmatismus war immer eine ausgeprägte Eigenschaft unserer Sippe.

Übrigens trafen sich die beiden in den folgenden Wochen ziemlich oft und besuchten auch diverse Male das Uniontheater. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich meine Existenz nicht der letzten Reihe verdanke. Wie ich anderenorts schon mal ausgeführt habe, nannte mein Vater mich nie ein »Kinokind«, sondern immer ein »Haldenkind«. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Helden

Wenn ich nicht mehr weiterweiß, fahre ich in Bochum die Alleestraße stadtauswärts, biege, vorbei an dem Gelände »City-West«, wo auch die Jahrhunderthalle steht, oben am Hochhaus der Kruppverwaltung links ab in die Kohlenstraße, dann, vorbei an den Resten des ehemaligen Heusnerviertels, wieder rechts, wo sich neben dem Ascheplatz des SV Germania die Kleingartenanlage Engelsburg e.V. erstreckt. Ich gehe zu Theo, dem alten Gartennachbarn meiner Eltern, weil Theo in seinem grauen Hausmeisterkittel alles weiß: wann man die Rosen beschneidet und die Tulpenzwiebeln in die Erde bringt, wer die nächste Wahl gewinnt und wieso Deutschland nicht Weltmeister wird.

Letzteres hat er mir schon letztes Mal erzählt, und seine Begründung war abenteuerlich: »Die werden nich Weltmeister, weil ich dat dumme Gelaber nich mehr hörn kann!«

»Was hat das denn damit zu tun?«, wollte ich wissen.

»Ach hör doch auf«, machte Theo weiter, »die einen labern rum, als wärnse schon Weltmeister, und die andern tun so, als wär dat unmöchlich! Ich kann dat nich mehr hörn, ehrlich! Getz packense sich anne Fott, weilse n paar Spiele innen Sand gesetzt hamm! Abba früher hamm die doch auch achtzich Prozent scheiße gespielt! Dat will nur heute keina mehr wissen.« Und dann wurde es wirklich wichtig, was ich daran erkannte, dass Theo ins Hochdeutsche wechselte – oder es wenigstens versuchte: »Der deutsche Fußball war dem südamerikanischen schon immer unterlegen! Wir gewinnen nicht, weil wir gut sind, sondern weil die Samba-Tänzer n schlechten Tach hamm! Und in den letzten Jahren hammwa au noch den Anschluss an die andern verpasst!«

Heute suche ich Theo auf, weil ich wissen will, wie es in Deutschland um das Thema »Helden« bestellt ist.

»Theo«, frage ich, »wer war der letzte deutsche Held?«

Theo nimmt einen Schluck Gründer Hell aus der Flasche, sagt: »Siechfried«, und rülpst. »Danach nur noch Durchschnitt.«

»Aber im Fußball haben wir doch immer Helden gehabt, oder? Die 54er-Mannschaft! Die von 72! Und dann so Leute wie Kuzzorra, oder?«

»Junge, du hass doch keine Ahnung. Held wirsse nur, wenn die andern dich dazu machen! Du kannz nich einfach sagen, so, ich hab getz dat und dat gemacht, dat war heldenhaft und getz bin ich n Held. Wat nützt et dir, wenne zwanzich Waisenkinder aus nem brennenden Haus rettes, und keiner krichtet mit und kann davon erzählen!«

»Aber beim Fußball, da kriegt es doch jeder mit, vor allem, seit es Fernsehen gibt!«

»Ach geh doch weg! Ich will dir ma wat erzählen: Da war einer aus der 54er-Mannschaft, ich weiß nich mehr, wer. Keiner von die Walters, nich der Boss und nich der Turek, ich weiß nich mehr. Jedenfalls war der in den Jahren nach seine aktiven Laufbahn sonn bisschen ins Schleudern gekommen, wat dat richtige Leben angeht. Und 74 wollte der zum Endspiel kommen, hat an den DFB geschrieben, ob er n paar Karten haben kann. Und die hammse ihm auch geschickt. Und weisse, wat sie ihm noch geschickt hamm? Ne Rechnung! So sieht dat aus in Deutschland mit Helden!«

»Ist es denn woanders besser?«

Theo nimmt noch einen Schluck.

»Kumma, Junge, da is doch kürzlich in England der George Best gestorben, der alte Verbrecher. Du weiß doch, wat dem sein Wahlspruch war, oder?«

»Ich habe in meinem Leben einen Haufen Geld für Frauen, Alkohol und teure Autos ausgegeben. Den Rest habe ich sinnlos verprasst.«

»Genau. Und als der beerdicht wurde, in …«

»Belfast«

»… genau. Und als der Leichenwagen durch die Stadt fuhr, da standen Tausende von Leute anne Straße und hamm geklatscht und Schals in seine alte Vereinsfarben auf dat Auto geworfen.«

Ich erinnere mich. Nicht weniger als einhunderttausend Menschen waren auf den Beinen und machten diese Beisetzung zu einer der größten in der Geschichte Großbritanniens.

»Und als der Maradona, dat alte Drogenwrack, in Buenos Aires im Krankenhaus laach, da zoch sich die Schlange der Leute, die wissen wollten, wat los is, um zehn Häuserblocks oder so. Weisse, wat los wär, wenn bei uns der Beckenbauer in München inne Klinik liegen würde? Da ständen unten nur n paar Blagen und würden nach Alimente schreien!«

Jetzt hat Theo sich in Rage geredet, was unweigerlich einen Jägermeister zur Beruhigung nach sich zieht. Er starrt auf das geleerte Glas und murmelt: »Ich trinke Jägermeister, weil ich bescheuert bin!«

Dann zupft er sich den Kittel zurecht und macht weiter: »Und unsere? Früher war n Fußballspieler bissken blöd inne Birne, aber watt sollen die auch labern können! Die Bude sollense machen! Heute hammse alle drei Rhetorik-Seminare hinter sich und hörn sich an, als wär ihnen allet scheißegal. Abba die Leute sind auch doof, die Zuschauer, mein ich. Die wollen immer nur wissen, wat einer verdient. Weisse, dat is mir och scheißegal, ob der Kahn sechs Millionen im Jahr kricht! Soll er doch, wenn er die Kugel festhält! Der feuert keine zehntausend Leute und packt keine kleinen Kinder an, also wat soll dat!«

Was ist das? Theo als Vorsitzender des Olli-Kahn-Fanclubs?

»Abba n Held isser deswegen noch lange nich. Weisse, wenn ich so nachdenke und noch sonn kleinen Braunen kippe, dann denke ich, vielleicht is dat ganz gut, dat wir so Probleme mit unsere Helden hamm. Is doch auch irgendwie albern, oder? Helden sind wa doch alle. Alle, die morgens noch den Arsch aussem Bett kriegen. Ker, getz hasse mich widda am Nachdenken gebracht. Du bis mir au sonn Held, du?«

Und mit der Flasche Jägermeister in der Hand verschwindet Theo in seinen Rabatten.

Der Laberfürst

In unserer Gegend gibt es die Redewendung »Von nix ne Ahnung, aber immer große Fresse!« Damit beschreibt man Menschen, die mangelnde Ortskenntnis noch lange nicht davon abhält, anderen zu sagen, wo es langgeht. Ein Paradebeispiel für diese Art Mensch war ein Mann, der sich an den Rändern meiner Kindheit herumtrieb, in der Kleingartenanlage, auf diversen Festen der Erwachsenen oder auf dem Fußballplatz.

Für Typen wie ihn war das Wort »vierschrötig« erfunden worden: Kaum eins siebzig groß, aber ungefähr genau so breit, ein perfektes Quadrat als Schädel, mit Handflächen wie Essteller und Fingern wie die Griffe an Sporträdern. Seinen richtigen Namen habe ich vergessen, vielleicht wusste ihn auch niemand, denn alle nannten ihn nur »Laberfürst«. Niemand wusste genau, wo er seinen Namen herhatte, aber mir gefällt die Vorstellung, mein Vater habe ihn erfunden. »Das ist so ein richtiger Laberfürst«, sagte er einmal, als er mit meiner Mutter über ihn sprach. Das Wort gefiel mir und ich bekam es nicht mehr aus dem Kopf.

Der Laberfürst war überall und nirgends, schien nirgendwo zu wohnen und tauchte auf, ohne eingeladen oder angekündigt worden zu sein. Man saß im Schrebergarten und sah zu, wie die Sonne über dem Platz vom SV Germania brannte, da kam er plötzlich um die Ecke, zupfte an seinen Hosenträgern und laberte, als kriegte er Geld dafür. »Kär, watt is datt widda ein Wetter!

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