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Racheblitz

Bleigießen

Hans verbrachte den Vormittag damit, sich in der überfüllten Stadt durch die Menschenmassen zu quetschen, Proviantbeschaffung für den Abend. Jeder würde etwas mitbringen. Er den Sekt, Rüdiger den Salat und das Ehepaar Schneider, in dessen Wohnung dieses Jahr gefeiert wurde, spendete die Schnittchen.

Im Abstand einiger Minuten trafen die Freunde ein, raschelten im Treppenhaus mit Einkaufstaschen, lachten bereits ausgelassen. Nadja und Hans schnippelten die Tomaten für den Salat, Rüdiger und Marco unterhielten sich angeregt im Wohnzimmer. Sie aßen mit Dinner for one im Hintergrund. Bevor sie auf die Straße gingen, schlug Nadja vor, sie könnten Bleigießen. Begeistert räumte Marco den Tisch, als wollte er mit seiner Frau den Geschlechtsakt darauf vollziehen. Nadja blinzelte ihm lüstern zu, das T-Shirt war ihm dabei aus der Hose gerutscht. Die restlichen Gäste wechselten amüsierte Blicke.

„Warte, es verformt sich.“

Das Blei verhärtete sich, erstarrte.

„Eine Pizza.“

„Ein Auto.“

„Es ist eine Wolke. Dort an den Rändern, wo der Klumpen sich dunkel verfärbt hat, trägt sie ein Gewitter in sich.“

„Du Idiot, was hat eine Wolke mit seinem Schicksal zu tun? Ich denke, er gewinnt bei einem Preisausschreiben ein neues Auto.“

„Oder hat einen Unfall.“

„Na, wollen wir nicht gleich das Schlimmste annehmen.“

Von der Warte der Schneehaufen aus bot sich ihnen ein herrliches Panorama, der Himmel war erhellt von den Raketen, unten auf der Erde nebelte der Pulverdampf die Gassen ein. Rüdiger brüllte: es ist wieder Krieg! Niemand hörte auf den Pazifisten, weitere Knallkörper explodierten, bunte Summkreisel zischten an ihren Ohren vorbei. Eine einzelne Träne kullerte aus Hans Augenwinkel, er konnte keinen Neujahrskuss erwarten. Seine Freundin feierte mit der Verwandtschaft in Frankreich. Er selbst wäre gerne mitgekommen, hatte aber keinen Urlaub bekommen. Caroline trat aus den Nebelwolken hervor und schmiegte sich an ihn. Er hatte aufgehört, als Individuum zu existieren. Sie waren ein Körper der dachte, ein Körper der handelte, ein Herz das schlug. Sie fehlte ihm, aber in Gedanken leistete sie ihm Gesellschaft, er ahnte fast die Süße ihrer Lippen. Was erwartete sie denn von !mir? Dass ich sie nicht behandle als das Stück Fleisch… wie ihre Vorgängerinnen? War Gefühle zeigen nicht längst zur Mechanik erstarrte eingeübte Gesten eines Stammesrituales der westlichen Zivilisation? Umarmungen, selbst wenn’s Familie war, nicht nur weil es von ihm erwartete wurde, sondern wirklich… aus tiefstem Herzen empfunden? Denn sein Herz, das war leer. In der Ödnis herrschte nur er selbst, egal was er nach außen hin den Menschen vorspielen konnte. Küsse waren zwei Lippen, die sich berührten. Sex zwei Körper. Nicht mehr und nicht weniger. Er war unfähig, mehr darin zu sehen. Und dann sah sie ihn an mit ihren Telleraugen und erwartete !la grande emotion. Zu derlei Dingen war er nie fähig gewesen, er imitierte nur anderer Leute L(i)eben. Wie in Guten und in Schlechten Zeiten. Gewiss verdiente sie es. Deswegen überhaupt spielte er ihr Spiel mit. Ein unbarmherziger Gott hatte ihn aus einem Granitblock geschlagen und dabei die Gefühle… die den Menschen ausmachten… einfach vergessen. Er war mit einem Fabrikationsfehler auf die Welt gekommen. Aber wegen einem Einzelnen startet der Hersteller noch keine Rückrufaktion.

Er wusste das. Zu verbergen. Denn was wäre? Wenn die Anderen. Ihn entlarvten? Als Hochstapler würde er verstoßen werden. Geteert & gefedert. Der !elendige Verräter. Doch wenn. Sie genauso fühlten? Und in ihrem Innern als Zombies verkümmerten? Wer konnte das wissen? Wir sind alle zu abgestumpft (für das wirklich Echte), dachte er. Aber wenn er ihre Anteilnahme, ihre Berührungen ablehnen würde. Würde das Eis in ihm die Oberhand gewinnen. Würde er langsam an sich selbst erfrieren. Granitblock. Aus dem er war. Erstarren und sich nie mehr bewegen.

Ein dummes Kind packte eine Lichterfontäne am Fuß und hielt sie wie einen Flammenwerfer vom Körper gespreizt. Unsere Freunde kehrten wieder in die sichere und warme Wohnung zurück, eine neue Runde Sandwichtoasts wurde aufgesetzt. In endlosen Diskussionen ließen sie das vergangene Jahr Revue passieren, bis in den frühen Morgen. Hans schlief gegen vier Uhr auf dem Sofa ein, als er erwachte war es acht Uhr morgens, dreckige Teller und Gläser türmten sich im Wohnzimmer, Rauch und Bierfürze hingen in der Luft. Es war Zeit, aufzubrechen, ins neue Jahr hinauszustolpern und die Reste der Knallkörper vor seiner eigenen Haustür wegzufegen. Er war mit Kehrwoche dran. In den wenigen Stunden Schlaf hatte er vom Sex mit einer schönen Unbekannten geträumt. Doch er konnte es nicht genießen, selbst im Traum hatte er ein schlechtes Gewissen. Tu m’appartient bébé, tu m’appartient…

Vormittagsvölker

Aus einer kleiner silbernen Kaffeekanne ergoss sich die große Straße. Bäume in der Allee, am Rande der Gehwege, die Köpfe geneigt wie alte Tratschweiber. Sattgrünes Blattgeraschel. Der kleine Tim kam um die Ecke. Von seiner Mutter hatte er fünf Euro in der Tasche, um beim Bäcker Brötchen zu holen. Auf seinem Weg musste er am Spielplatz in der Schillerstraße vorbei. Kummer trübte sein Herz. Die Großen würden da sein. Die Raufbolde aus der fünften Klasse. Eigentlich müssten sie um diese Zeit in der Gesamtschule im Gunnental sein. Aber wenn sie wieder schwänzen würden? Nicht mehr weit, um die nächste Häuserecke. Sein Herz schlug Kapriolen. Tim blieb stehen. Sollte er es wagen, den kürzesten Weg zu wählen, wo sie ihm auflauern konnten? Er kannte Schleichwege, Trampelpfade durchs Gebüsch. Aber es würde ihn mindestens eine halbe Stunde kosten, und seine Mutter wartete. Ach! Wenn die wüsste, womit er sich rumplagen musste. Nein, er war kein Feigling. Er würde sich seinen Ängsten stellen und stolz geradeaus marschieren.

„He Pisser, biste alleine?“

Nicht hinhören, einfach weiterlaufen.

„Und was für eine hässliche Mütze er wieder aufhat!“

Das war Robert, ihr Anführer. Erst zwölf Jahre alt und schon passionierter Kettenraucher. Er war vom Schaukelpferd gesprungen, seine Turnschuhe knirschten im Sand. Aus dem Schatten der Kletteranlage lösten sich Eugen und Hassan, seine willigen Helfer. Trotteten dumm-doof drein, wie üblich.

„Kleiner, du hast dein Wegezoll vergessen.“

„Ich habe nichts dabei.“

„Oh, das ist schade. Eugen, schnapp ihn dir!“

Tim wusste, wann er rennen musste. Er war schnell. Er war der Wüstenwind. In seiner Phantasie war er ein Sprinter. In der Realität waren die Anderen schneller, sieben Jahre machten bei Jungs einen enormen Unterschied in der Muskulatur aus. Sowohl was die Beine betraf, was auch die Fäuste. Sie stellten ihn bei den Müllcontainern, wo sie ihn erst schubsten, dann auf ihn einschlugen und in den Papiercontainer warfen. Dort flossen heiße Tränen, die Raufbolde entfernten sich lachend vom Felde. Tim lugte erst über die Blechkante. Niemand mehr zu sehen. Verdreckt kroch er raus, die fünf Euro hatte er dieses Mal behalten. Gewonnen! Sein kleiner Körper schmerzte an vielen Ecken und Enden, dennoch fühlte er sich als Sieger. Er setzte seinen Weg zur Südbäckerei fort.


*


Bis zum Läuten der Glocke war ihre Welt unbeschwert, sie rannten umher, hüpften Springseil. In der Gesamtschule war die Pausenzeit die schönste Zeit des Tages. Manfred Stuhlbein war sehr beschäftigt. Als Hausmeister unterlag ihm der Verkauf der Wecken, Kakaomilch und Schokoriegel. Er liebte diese geschäftige Zeit. Letztes Jahr hatte er eine Kollegin, Fräulein Nissenmayer, die den Stand führte. Sie war allein erziehend. Damals arbeitete sie auf der Basis weniger Stunden in der Woche. Doch dann hatte sie eine Stelle gefunden, wo sie ganztags arbeiten konnte. Was wohl aus ihrer Tochter geworden war? Ein Schlüsselkind? Er wusste es nicht. Geliebt hatte er Fräulein Nissenmayer, soviel stand fest. Sie hatte seine Liebe nicht erwidert. Wahrscheinlich war er zu alt für sie mit seinen neunundvierzig Jahren. Oder die Haare, die neuerdings aus seinen Ohren wuchsen, stießen sie ab. Geblieben waren ihm die Kinder, die vor seine Scheibe traten und sehnsüchtig die zuckerhaltigen Speisen kauften. Einige fehlten, er kannte sie besser als die Lehrer. Er wusste wer krank war, wer verschlafen hatte, wer lange kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen hatte. Ihm machte keiner etwas vor. Ah, die Klingel. Vorbei war der Spuk. Jahre später würden die Kleinen sie wiedererkennen als die Fabriksirene ihrer Tagesmaloche. Doch davon wussten sie jetzt nichts. Sie registrierten weder Cliquenbildung noch Außenseitertum, obwohl dies keine kurzfristige Erscheinung war, sondern ihr Leben mehr prägen würde, als sie es sich vorstellen konnten. Die Zukunft lag in weiter Ferne: der Morgen gehörte der Jugend.


*


Rainer beschleunigte auf Stechschritt. Mit der Schule verband er keine schönen Erinnerungen. Damals hatte sein Martyrium begonnen. Würde er den kleinen Tim kennen, er hätte Verständnis für ihn gehabt. Hinter der Turnhalle passierte er den Durchgang. Dort hatten sie ihn zu Boden geschmissen und gezwungen, Knallerbsen zu zerkauen. Es tat nicht weh, ekelhaft war allein der Geschmack im Mund. Es war der Geschmack des Verlierens. Die Lehrer bemerkten gar nichts. Mal ehrlich: fällt dir die Fußmatte auf, auf der alle ihre Füße abtreten, oder flieht sie aus deinem Blickfeld? Trampelst du nicht arglos darüber hinweg?


*


Die Kebabbuden warfen ihre Spieße an, sie warteten auf die Schüler, die in den nächsten Stunden eintreffen würden. Tuncay Kayanci füllte den Maisbehälter auf. Seine Frau Bülent knetete neuen Teig für Fladenbrote. Der Pizzaofen verströmte Hitze, viel Hitze für einen Julitag. Draußen stieg das Thermometer auf achtundzwanzig Grad. Bis zum Mittag würden es gut und gerne fünfunddreißig werden. Tuncay schwitzte, seit elf Jahren versorgte er die Bürger dieser Kleinstadt mit Kebab, Pizza und Lahmacun. Spät in der Nacht kehrten die Besoffenen ein; die Bekifften, die mit kleinen Augen ihren Fressflash stillen wollten. Wenn sie sich in eine der Sitznischen einlümmelten, kicherten und lachten sie schier grenzenlos. Unter ihnen sowohl Arbeiter als auch Jugendliche aus vermeintlich gutem Hause. Arztsöhne, Kinder von Firmenoberhäuptern.

Robert war der erste diesen Tag. Bülent hatte haufenweise Fleischfetzen vorgeschnitten, für die ersten, die kommen würden.


*


Die Sirene kündigte die Mittagspause im Industriegebiet West an. Gregor Ritter packte die sorgfältig in Zellophan eingewickelten Wurstbrote aus. Rückblick heute morgen: Maren im Morgenmantel in der Küche, Brote für Gregor, Brote für die Kinder schmierend. Dabei Ringe unter den Augen. Es roch nach Kaffee. Er schnupperte vorsichtig an der braunen Rinde. Ja, ein leichter Hauch von Kaffee haftete ihnen an. Schmatzend biss er in sie hinein. Dazu Cola aus der PET-flasche. Auf seinen Schenkeln ausgebreitet die Bildzeitung. Merkel zieht uns das Geld aus der Tasche! Eine Zigarette in Ruhe. Wenige Worte mit den Kollegen gewechselt. Das Betriebsklima bei Mayer Federtechnik war gut. Sie hatten keines. Den ganzen Tag das Dröhnen der Maschinen, wozu sollte er sich da mit seinem Kollegen, der eine Stanze weiter saß, unterhalten? Um Viertel vor sieben stempelte er an, glitt in den Blaumann. In der Luft des Umkleideraumes hing der Geruch von Füßen, ein dunkles Geheimnis, welches Männer nicht gerne diskutierten. Wenn Strobel in den Sommerurlaub fuhr, verschwand dieser Geruch. In all diesen Jahren hatte ihn Niemand darauf aufmerksam gemacht, dass seine Füße stanken. Frauen redeten über solche Sachen. Meine Liebe, dein Lidschatten ist verwischt. Männer nicht. Und wenn ihnen allen der Gestank von Strobels Füßen auf die Nerven ging, so redete doch niemand mit ihm. Strobel war ein guter Arbeiter. Keiner schaffte soviel Teile in einer Stunde. Er war ihr Held der Arbeit. Anders als der Peter. Denn nur wo Peter draufstand, war auch Peter drin. Seine Vesperbox trug seinen Namen. Peters Mutter sorgte gut für den Mongoloiden.

Wenn Feierabend war, gab es kein Halten. Da rief der eine oder andere „Bis morgen“ in die Luft, dabei schon mit den Wagenschlüsseln klimpernd. Vergessen die lieben Kollegen, Maren würde die Reste des Mittagsessens in der Mikrowelle aufwärmen. Weihnachtsfeiern zerbrachen oft an der Sprachlosigkeit von Menschen, die dazu gezwungen waren, plötzlich miteinander zu sprechen.


*


Der Feuersänger saß auf seiner Bank im Industriepark. Den ganzen Vormittag war er umhergewandert, hatte hie und da wertvolle Gedanken auf Zettel gekritzelt. Auf Rückseiten von Werbeschreiben, Kartonagen, Telekomrechnungen. Wenn es um Papier als Träger seines Schriftwerks ging, gab er keiner Materie den Vorzug. Zuhause, wenn er seinen Körper mit einem Kräutersud reinigte, würde er seine Aufzeichnungen durchgehen. Was sollte er für die Nachwelt aufbewahren? Er wusste, dass seine Botschaft dem Volke diente. Später, da würde er weiterziehen auf der Suche nach Gesprächspartnern für seine Lehren.

Aufgrund der sommerlichen Hitze hatte er sein Hemd ausgezogen und in seiner rissigen braunen Aktentasche verstaut. Jedem vorbeifahrenden Auto reckte er die Beule, die sich aus seiner Bauchdecke stülpte, entgegen. Der Arzt sprach von einem Tumor, der ihn irgendwann zugrunde richten würde. Wenn es nach diesem Quacksalber ging, läge er schon längst im Krankenhaus und ließe sich totpflegen. Er hatte sich bewusst gegen jede fremde Hilfe entschieden. Wenn es Gottes Wille war, ihn nach Hause zu rufen, so sei es. Bis dahin konnte er die Lehre des Herrn unter das Volk säen. Die Apokalypse kündigte sich an. Nicht nur sein Untergang, sondern der Vieler. Wenn Gott es so wollte, er war bereit.


*


Nicole und Robby hatten eine rotweißkarierte Decke auf der gepflegten Rasenfläche ausgebreitet. Majestätische Buchen spendeten ihnen Schatten, von hier oben aus hatte man den schönsten Blick über die alten Grabsteine. Sie waren alleine. Warum kam sonst niemand auf die Idee, hier ein Picknick zu veranstalten? War es so anders als der Stadtpark? Robbys schwarzer Ledermantel ächzte an den Ellbogen, als er sich ein Stück Kuchen aus dem Rucksack nahm. Nicole, deren Nasenpiercing in der Sonne funkelte, kramte nach den Plastikbechern, in die sie den Rotwein einschenken wollte. Sie hatten sich gefunden. In einer Stadt wie Maulsdorf gab es nicht viel Gothics, in ihrem Umfeld waren sie Außenseiter. Dabei wollten sie nicht mehr als ihre Einstellung nach außen tragen. Sie waren keine Satanisten. In einer Dunstsphäre aus Ignoranz und Intoleranz hatten sie sich kennen und lieben gelernt.


*


In der Stadtbücherei hatte Kanecker Schalterdienst. Mürrisch wie immer stempelte er Bücher ab wie seine Hoffnung. Auf ein besseres Leben. Auf einen gnädigen Chef. Die kleinen Träume eines einfachen Angestellten. So wie Lottospielen um Millionen. Zuhause würde seine Frau gerade das Mittagessen für die Kinder kochen, von dem Sie ihm eine Portion bis zum Abend im Kühlschrank aufbewahren würde. Kanecker seufzte. Das Leben war so vorhersehbar. Er kannte Sie alle. Von Kindesbeinen an. Leihten sie bei ihm Bücher aus. Er kannte all ihre Vorlieben. Wäre er bei einem Marktforschungsinstitut beschäftigt, hätte er gut dazuverdienen können. So wie auch bei Rüdiger Beck. Der hiesige Künstler. Lieh sich seit Jahren nur Comics und Karikaturenbände. In letzter Zeit waren auch Bücher über Farbenlehre und Marketing dabei. Hielt sich wohl für einen Großkotz, der Herr. Dabei war er auch nur eine Kleinstadtseele. Voller wirrer Träume und Hoffnungen. Immerhin, seine wöchentliche Kolumne im Maulsdorfer Boten lag auch oben im Lesesaal aus.


*


Wenn die Nacht hereinbrach, begann die Paarungszeit. In den Behausungen der Menschen wurden Fernsehzeitungen beiseite gelegt, und Küsse getauscht. Der Sex funktionierte nach einem bestimmten Regelwerk. Morgen ging es früh wieder raus, da hieß es zeitig über seine Alte und ab ins Bett.

Die Diskothek öffnete ihre Pforten. Singles schliefen schlecht, sie gingen spät zu Bett, alleine oder in Begleitung, alles eine Sache des Glücks. Black Music Abend. Die Garderobenfrau hatte viel zu tun. An der Bar roch es Hefe-gärig. Viel Bier würde heute verkauft werden. Einige Schlampen wiegten die Hüften im stumpfen Takt, sie würden mit Sicherheit nicht alleine nach Hause gehen. Schnitten-Uwe war auf der Pirsch. Seine wallende Löwenmähne wurde im Nacken von einem Lederband zusammengehalten. Er stand auf süße Dinger, alles über dreißig war ihm zu alt. Er brauchte diese Nacht Geschlechtsverkehr, aber nicht um jeden Preis. Die Alkoholiker tranken sich erst warm, sie blieben mit Sicherheit allein. Schnitten-Uwe hatte ein zwangloses Gespräch mit einer jungen Dame angefangen. Ihre Naivität war köstlich, er genoss sie wie einen guten Wein. Draußen, mit seiner frischen Eroberung im Arm, wählte er die Nummer von Taxi-Bernd aus seinem Handy. Bernd war unter den Taxifahrern und den Nachtvögeln bekannt wie ein bunter Hund. Ein stets fröhlicher Rheinländer Mitte Fünfzig. Seine kräftige Wampe kaschierte er vorzugsweise unter quietschbunten Hawaiihemden. Er verfügte bestimmt über dreißig verschiedene Modelle. Bernd hatte in seinem Kleiderschrank nie Inventur betrieben, noch blieb Platz übrig. Wenn er also das nächste Mal durchs Kaufhaus schlenderte, würde er sich nicht zurückhalten müssen.

Außerdem war Bernd schwul. Im Normalfall schleppte er notgeile Studenten der Fachhochschule ab. Schnitten-Uwe hatte anfangs ziemlich plumpe Baggerversuche abwehren müssen. Seit sie die Fronten geklärt hatten, kamen sie gut miteinander aus, Taxi-Bernd erwies sich sogar als ein sehr loyaler Kumpel. Wenn Uwe eine nächtliche Fahrgelegenheit brauchte, wählte er oft diese Nummer. Eigentlich wollte er mit seiner neuen Eroberung direkt nach Hause fahren, aber Taxi-Bernd hatte eine bessere Idee:

„Kommt doch mit mir ins Erdbeermund, meinen Geburtstag mitfeiern!“

„Wie alt wirst du denn?“

„Sowas fragt man eine Dame nicht.“

„Ein Luder aber schon.“

Bernd musste lachen.

„Wenn du mich so fragst- ich werde sechsunddreißig.“

„Baby, was hältst du davon? Sollen wir mitkommen?“

„Klingt, als könnte es lustig werden.“

„Du hast es gehört.“

Der Wagen bog in die Wienerstraße ein, hielt direkt auf die Schwulendisko zu. Auf dem alten, ausgetretenen Kiesweg zum Seiteneingang dröhnten ihnen bereits die ersten Akkorde zu „Take me tonight“ von Alexander entgegen. Schnitten-Uwe hatte es nie verstanden, warum der Laden ausgerechnet dieses unsägliche Lied zur privaten Hymne auserkoren hatte. Gleichzeitig war er froh, dass damals nicht Alexander Küblböck bei Deutschland sucht den Superstar abgeräumt hatte. Er hätte es nicht ertragen, diese dumme Tunte „Nimm mich heute Nacht“ singen zu hören.

Er mochte die Schwulen. Durch ihre schwierige gesellschaftliche Situation waren sie quasi zur Toleranz gezwungen. Daher konnte er sich Dinge mit seiner Begleiterin erlauben, die woanders nicht möglich gewesen wären. Er war mit Leib und Seele Exhibitionist, er liebte es, seine Sexualität provokativ zur Schau zu stellen, und darin hatte er viel mit den anwesenden Schwulen gemeinsam. Keinen störte es, wenn er seine Hand unter ihren Rock gleiten lies und ihre Möse massierte. Im April hatte ein Latexverein seinen Sklavinnen Auslauf gewährt. Wie Hunde krochen Frauen in Krankenhaustrachten und hochhackigen Stiefeln über die Tanzfläche… geführt von ihren Meistern an Hundehalsbändern. Versuch das mal in einer Heterodisko und du erhältst Lokalverbot!

Schnitten-Uwe drückte in einer schummerigen Sitzecke seiner Begleiterin die Zunge in den Hals. Keine Zeit, die Zigarette zu Ende zu rauchen, den ausgeglühten Stummel steckte in einer halbverzehrten Portion Wurstsalat.

„He ihr Heten, ein bisschen Contenance, wenn ich bitten darf.“

Schnitten-Uwe blickte auf, den Mund noch von Speichel benetzt. Der Pappbecher mit dem Wurstsalat war vom Tisch gefallen. Er hatte ihn mit den Füßen runtergetreten.

„Zeit zu gehen?“

„Höchste Zeit. Zu dir oder zu mir?“

„Zu mir.“

Sie überließen die Homos wieder sich selbst. Schnitten-Uwe hatte noch etwas vor.


*


Wenn die Diskotheken schlossen, war der Puff noch lange nicht zu. Dort brummte ebenfalls die Kasse, Männer, die in der Disko niemand gefunden hatten oder es gar nicht erst probiert hatten, suchten ein bisschen Erleichterung. Katja Dreselberger führte ihre Pudel spazieren, Reviermarkierung im Laternenschein, ihre Stöckel gaben den Takt dazu an auf dem gefliesten Boden im Eingangsbereich. Sie schritt vorbei an einem Looser von vielleicht fünfunddreißig Jahren. Er saß auf dem Boden, den Rucksack neben sich. Er wartete auf Sylvia, Zimmer siebzehn. Klar, die hatte noch Kundschaft. Aber so konnte er nicht sitzen bleiben, das stand fest. Sie holte ihm eine Cola und fuhr ihm durch das Haar. Die Leute wurden immer seltsamer.

Rüdiger Müller fand sich nicht seltsam, kam sich aber komisch vor. Er wartete, weil er diese eine spezielle Dame haben wollte. Ein Skatkumpel hatte sie ihm empfohlen, die könnte man auch fisten. Außerdem könnte er auf die Bekanntschaft mit einem Fußballspieler der Stadtmannschaft verweisen, Spieler bekamen Mengenrabatt. Was man sich erzählte. Vielleicht. Trotzdem einen Versuch wert. Darum ging es doch. Wenn schon nicht umsonst vögeln, dann wenigstens zum Spartarif. Er zuckte zusammen, als sich die Tür öffnete. Was er sah, ließ seine wachsende Erektion im Keim ersticken. Ein faltendurchfurchtetes Gesicht starrte ermüdet aus einem Kranz strohiger, schlecht blondierter Haare. Mit gehetztem Blick drängte sich ein Buchhaltertyp an ihm vorbei, dicke Brille, fliehende Harre. Na Süßer, willst du nicht reinkommen? Er wollte nicht. Geschockt stand er auf, schwankte unsicher durch die Gänge, griff nach einer Türklinke und fiel blindlings in ein Zimmer. Er lag auf dem Flokati und sah hoch: der Zufall hatte eine gute Wahl getroffen. Eine Thailänderin stand vor ihm, deren Alter schwer zu erahnen war. Jedenfalls sah sie jung aus und hatte einen Vorbau, der ihn innerlich seufzen ließ. Willst du ficki? Rüdiger war im Himmel angekommen.

Im Industriegebiet war in einigen Fenstern Licht. Bei Kressmann lief die Nachtschicht an. In der Südbäckerei wurde der Ofen für die ersten Brötchen aufgeheizt. Tim lag in seinem Bett und schlief. Bald würde er aufstehen und für seine Mutter Brötchen holen. Die Stadt schlief nie.

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