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Rache kann so sinnlich sein …

PROLOG

Houston, Texas

Manchmal veränderte sich das Leben eines Mannes von einem Herzschlag auf den nächsten.

Vor sieben Tagen war Zach Torr noch auf den Bahamas gewesen und hatte sich auf das größte Geschäft seiner Karriere gefreut. Dann war der Anruf gekommen: Sein Onkel, der einzige Mensch, der ihm den Rücken gestärkt hatte, war tot.

Zach trug noch den Anzug, in dem er die Trauerrede gehalten hatte, als er jetzt auf demselben schmalen Stahlträger stand, von dem sein Onkel in die Tiefe gestürzt war. Furchtlos starrte er auf die Bulldozer, Generatoren und Kräne hinab. Und auf die Menschen, die fünfundsechzig Stockwerke unter ihm mit ihren gelben Sicherheitshelmen kleiner als Ameisen aussahen.

Zach war ein hochgewachsener Mann mit dichtem schwarzem Haar. Ein Mann, über den seine Konkurrenten sagten, dass er so skrupellos wie ein Raubtier im Dschungel war. Die Frauen, mit denen er zusammen gewesen war, stimmten ihnen zu und erzählten, er hätte sie verlassen, ohne sich noch einmal nach ihnen umzuschauen.

Normalerweise wirkten seine Augen kälter als Eis. Heute waren sie feucht und brannten. Wie mochte Onkel Zachery sich gefühlt haben, als er zum letzten Mal hier oben gestanden hatte?

Zach fröstelte. Männer, die Wolkenkratzer bauten, hatten nicht weniger Angst vor Höhen als andere.

Die Brise wehte ihm die Krawatte ins Gesicht. Er schwankte leicht und wollte automatisch einen Schritt zurücktreten. Gerade rechtzeitig erstarrte er, fand das Gleichgewicht wieder … und atmete tief durch. War es so passiert? Ein Fehltritt oder ein Niesen? Hier oben konnte der kleinste Fehler tödlich sein.

War Onkel Zachery gesprungen? Hatte ein Vogel ihn erschreckt? War er gestoßen worden? Hatte er einen Herzinfarkt erlitten? Oder war er einfach nur gefallen, wie der Polier erzählt hatte? Zach würde niemals Gewissheit haben.

Als Onkel Zacherys Alleinerbe hatte Zach mehrere harte Befragungen bei der Polizei durchgestanden. Die Zeitungen hatten über ihn noch kritischer als sonst berichtet, weil er auf den Bahamas geblieben war, um das Geschäft abzuschließen, und erst danach nach Hause geflogen war.

Er hasste es, im Rampenlicht zu stehen und von Idioten niedergeschrieben zu werden, die die Wahrheit nicht kannten oder sie einfach ignorierten. Denn Tatsache war, dass der Tod seines Onkels ihn zutiefst erschüttert hatte.

Mit neunzehn war Zach wegen einer Tat, die er nicht begangen hatte, mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Onkel Zachery war sofort aus dem Nahen Osten, wo er für einen Scheich eine Stadt baute, nach Louisiana zurückgekehrt. Sein Onkel hatte ihn gerettet. Ohne ihn wäre Zach heute nicht dort, wo er war.

Er war in Houston aufgewachsen, aber nach dem Tod seines Vaters hatte seine hübsche Stiefmutter ihn aus dem Haus geworfen. Aus einem einzigen Grund – sie hatte alles gewollt. Sein Vater hatte naiverweise angenommen, dass sie seinem sechzehnjährigen Sohn gegenüber großzügig sein würde, und ihr sein gesamtes Vermögen hinterlassen.

Ohne Nick Landry hätte Zach vielleicht nicht überlebt. Der Krabbenfischer hatte ihn in einer Abflussrinne gefunden, nachdem er von den Schlägern seiner Stiefmutter verprügelt worden war. Nick nahm ihn mit in seine Hütte in Bonne Terre, Louisiana, wo Zach die nächsten drei Jahre verbrachte.

In Bonne Terre lernte er auch das Mädchen kennen, dem er sein Herz und seine Seele schenkte. In Bonne Terre wurde er wegen Verführung einer Minderjährigen festgenommen, und in Bonne Terre sah das Mädchen, das er liebte, untätig zu, als er angeklagt und verurteilt wurde.

Zum Glück kehrte Onkel Zachery rechtzeitig zurück. Als er erfuhr, dass seine Schwägerin Zach verstoßen hatte, spürte er ihn in Louisiana auf, legte sich mit den Einwohnern von Bonne Terre an und gewann. Er holte Zach nach Houston zurück, bildete ihn aus und gab ihm Arbeit. Mit der Unterstützung seines einflussreichen Onkels wurde Zach zu einem der reichsten Männer Amerikas.

Sein Handy vibrierte. Er verließ den Stahlträger, ging zum Fahrstuhl und nahm den Anruf auf dem Weg nach unten entgegen. Zu seiner Überraschung war es Nick Landry.

„Zach, das mit deinem Onkel tut mir sehr leid. Ich habe es in der Zeitung gelesen. Ich bin stolz auf das, was du erreicht hast. So stolz, als wäre ich dein Vater, das kannst du mir glauben.“

In dieser Woche hatten ihn viele Leute angerufen, aber dieser Anruf bedeutete Zach mehr als jeder andere. Jahrelang hatte er Nick und alles, was mit Bonne Terre zu tun hatte, gemieden, aber jetzt ging ihm die Wärme in Nicks rauer Stimme ans Herz.

„Es tut gut, von dir zu hören.“

„Ich habe dich vermisst, mein Junge. Und vielleicht hast du mich ja auch ein bisschen vermisst? Heutzutage fahre ich nicht mehr so oft raus. Ich sage den Leuten, dass die Fischerei nicht mehr so viel einbringt wie früher, aber möglicherweise liegt es auch nur daran, dass wir alt werden, ich und mein Boot.“

Zachs Augen brannten, als er an das dunkelbraune Wasser des kleinen Flusses dachte, den die Einwohner Bayou nannten. Und daran, wie er die Reiher beobachtet hatte, die dicht über der Oberfläche kreisten, wenn am Abend der Nebel aus den Sümpfen aufstieg.

„Ja, ich habe dich auch vermisst“, gab er leise zu. „Ich wusste gar nicht, wie sehr – bis ich deine Stimme gehört habe. Sie macht mich nostalgisch.“

Nicht alle Erinnerungen an Bonne Terre waren schlecht.

„Dann komm doch her und besuch diesen alten Mann, bevor er von seinem Boot fällt und die Krabben ihn fressen.“

„Das werde ich.“

„Wir fahren zusammen raus, wie früher.“

Zach verabschiedete sich, beendete das Gespräch und fühlte sich so gut wie seit einer Woche nicht mehr.

Vielleicht war es wirklich an der Zeit, nach Bonne Terre zurückzukehren.

Dann dachte er an das Mädchen, in das er sich damals in Louisiana verliebt hatte – die blonde, blauäugige, hübsche Summer mit dem anmutigen, unschuldigen Gesicht und den großen Träumen. Das Mädchen, das ihm das Herz aus der Brust gerissen hatte.

Summer lebte jetzt in New York und war Schauspielerin am Broadway. Im Gegensatz zu ihm war sie der Liebling der Medien. Ihre Fotos waren nicht zu übersehen.

Ob sie jemals nach Hause kam? Nach Bonne Terre?

Vielleicht sollte er es herausfinden.

1. KAPITEL

Acht Monate später

Bonne Terre, Louisiana

Zach Torr war zurück in der Stadt, und deshalb wüteten in Summer Wallace dunkle Erinnerungen.

Sie parkte den Mietwagen vor dem Haus ihrer Großmutter. Seufzend stieg sie aus und ließ sich viel Zeit, als sie ihr Gepäck auslud, denn ihr graute davor, sich wieder über Zach streiten zu müssen. Ihr Blick fiel auf die losen Seiten des Drehbuchs im Fußraum und die schmale weiße Bibel, die sie immer bei sich hatte. Hastig stopfte sie beides in ihren Aktenkoffer.

Als sie schließlich zum Haus ging, sah sie den schwarz-weißen Kater Silas im Schatten einer Trauerweide liegen.

„Du faules altes Ding.“

Eine sanfte Brise wehte durch den Garten und brachte den würzigen Geruch des Pinienwalds mit sich, der das Grundstück ihrer Großmutter säumte. Leider war Summer nicht in der Stimmung, die sattgrüne Schönheit des Spätsommers in ihrer Heimat zu genießen. Nein, sie setzte sich der drückenden Hitze nur aus, um mit ihrer Großmutter zu diskutieren. Ausgerechnet über Zach.

Als sie vor fünfzehn Jahren nach dem Tod ihrer Mutter davongelaufen war, hatte sie fest daran geglaubt, dass er für immer aus ihrem Leben verschwunden war.

Doch vor einer Woche hatte ihre Großmutter sie angerufen.

Es war schon spät gewesen, und Summer hatte eine anstrengende Textprobe für ein wichtiges neues Theaterstück hinter sich gehabt.

„Du errätst nicht, wer hier in Bonne Terre gerade für Furore sorgt und Land für ein neues Kasino kaufen will“, begann ihre Großmutter.

Dauernd rief sie spätabends an und ließ mit unschuldiger Stimme ihre kleinen Bomben platzen. Erschöpft sank Summer in ihren Lieblingssessel und wartete resigniert auf die heutige Explosion.

„Und was glaubst du, wer das alte Anwesen der Thibodeaux gekauft und deinen Bruder Tuck als Mädchen für alles angeheuert hat?“

Tuck hatten einen Job? Das war doch eine gute Nachricht. Seit er mehrmals mit Sheriff Arcenaux aneinandergeraten war, machte ihre Großmutter sich Sorgen um ihn. Aber irgendwie ahnte Summer, dass die Sache einen Haken hatte.

„Okay! Wer?“

„Zach Torr.“

Summer erstarrte. Ihr Bruder, der sich ständig Ärger einhandelte, durfte einfach nicht für Zach arbeiten, denn der konnte unmöglich daran interessiert sein, ihrer Familie einen Gefallen zu tun. Nicht nach all dem, was passiert war. Nicht seitdem ihre Namen für immer miteinander verbunden waren, in den Medien und daher in den Köpfen aller, die sie kannten.

Sie war zu berühmt geworden, und er zu reich. Deshalb war das tragische Ende ihrer jugendlichen Liebesbeziehung eine Geschichte, die in der Presse gern und oft aufgewärmt wurde. Jedes Mal verblüffte es sie, wie weh es ihr noch tat, obwohl sie als unschuldiges Opfer und er als Bösewicht dargestellt wurde.

Von Zeit zu Zeit las sie, wie hart und kalt er inzwischen war. Niemals würde sie vergessen, wie gnadenlos er sich an seiner Stiefmutter gerächt hatte.

Und nun gab es eine neue Verbindung zwischen Zach und Summers Familie. Das konnte nur in einer Katastrophe enden.

„Du bist nicht die Einzige aus Bonne Terre, die berühmt ist, weißt du.“

Summer hielt den Atem an.

„Zach ist inzwischen Milliardär.“

Das wusste Summer längst. Jeder wusste es.

„Trotzdem kommt er vorbei, wenn er in der Stadt ist, und spielt mit einer alten Lady Coeur … Oder er erzählt, wie Tuck sich in seinem neuen Job macht.“

Zach hatte sich die Zeit genommen, mit ihrer Großmutter Karten zu spielen? Und ihr persönlich zu berichten, ob Tuck seinen Swimmingpool ordentlich reinigte? Das klang nicht gut.

„Gram, es geht ihm nur um mich.“

„Vielleicht nicht. Zwischen euch beiden ist es doch seit fünfzehn Jahren aus.“

Ja, seit fünfzehn Jahren. Trotzdem ging es ihm allein um sie, davon war sie überzeugt.

Summer versuchte, ihrer Großmutter begreiflich zu machen, warum Tuck seinen Job kündigen musste. Aber die hatte längst die Geduld mit ihrem Enkel verloren, weil er seit der Highschool immer wieder Ärger gemacht hatte. Deshalb wollte sie auch keine Kritik an Zach hören, der für sie jetzt ein Held war. Stattdessen drehte sie den Spieß um und machte Summer ein schlechtes Gewissen.

„Du kommst nie nach Hause, und ich freue mich über Zachs Besuche. Er versteht sich richtig gut mit Tuck. Vorgestern sind Nick und er sogar mit ihm zum Fischen rausgefahren!“

„Ein Milliardär auf einem Krabbenkutter?“

„Ja, warum nicht? Er hat Nick ein nagelneues Boot gekauft, und seine Leute renovieren Nicks Hütte. Und du solltest Zach mal sehen. Er ist schlank und fit und sieht sogar noch besser aus als früher.“

Schlank und fit. Reich und gut aussehend. Sie hatte ihn auf Fotos in der Presse gesehen und wusste, wie attraktiv er war. Verdammt, warum war er kein nichtsnutziger Herumtreiber geworden, wie ihr Stiefvater es vorhergesagt hatte?

„Da fragt sich eine alte Lady wie ich, warum der Mann noch Single ist.“

„Gram! Zach und ich haben eine gemeinsame Geschichte. Eine unappetitliche, skandalöse Geschichte, die er bestimmt ebenso gern vergessen würde wie ich! Nicht, dass wir das könnten, solange dauernd Reporter auftauchen, die davon leben, dass sie den alten Schmutz prominenter Menschen aufwühlen. Warum kapierst du nicht, dass ich es mir nicht leisten kann, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden?“

„Unsinn! Ihr beide seid nicht mehr die, die ihr mal wart. Ihr habt sagenhaften Erfolg gehabt. Deine Karriere würde die meisten Männer abschrecken, aber nicht Zach. Warum kannst du die Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen?“

„Weil er mich hasst!“ Und das aus gutem Grund.

„Na ja, zu mir hat er jedenfalls kein Wort über den Skandal oder gegen dich gesagt. Du solltest ihn sehen, dann wärst du auch nicht mehr gegen ihn. Die Leute in der Stadt haben ihre Meinung alle geändert. Das heißt, alle bis auf Thurman …“

Thurman war Summers unmöglicher Stiefvater.

Ihre Großmutter hatte sich nicht umstimmen lassen. Deshalb war Summer in Bonne Terre. Um Tuck von Zach wegzuholen und dadurch Zach aus ihrer aller Leben zu entfernen. Sie wollte Zach nicht zur Rede stellen und wenn sie Tuck und ihre Großmutter zur Vernunft brachte, musste sie das auch nicht.

In Bonne Terre hatte sich nichts verändert. Das tat es nie. Summer brauchte nur hierher zu kommen, um sich an die Geheimnisse ihrer Jugend zu erinnern. Und daran, wer ihr damals das Herz gebrochen hatte.

Wenn sie unter den uralten Zypressen am Ufer des Bayou dem spätsommerlichen Konzert der Zikaden lauschte und die drückende Hitze ertrug, fühlten sich die Wunden ihrer Seele so frisch und schmerzhaft an wie vor fünfzehn Jahren.

Im Unterschied zu Tuck war Summer ein ehrgeiziger Teenager gewesen. Ein Mädchen, das Zach Torr nicht haben konnte und ihn deshalb vergessen wollte, um ihre Träume zu verwirklichen. Das war für alle das Beste gewesen.

Als Schauspielerin hatte sie hart gearbeitet, um es an den Broadway zu schaffen. Sie war unabhängig. Sogar berühmt. Und sie war glücklich. Sehr glücklich. So glücklich, dass sie es zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder wagte, nach Bonne Terre zurückzukehren.

Summer stieß das Fliegengitter auf und ließ es hinter sich zuknallen.

„Ich bin da!“

Oben ertönten laute Schritte. „Gram, sie ist hier!“

Tuck riss sich die Kopfhörer heraus, während er wie ein großes Kind auf dem Treppengeländer nach unten rutschte und geschmeidig wie eine Katze auf den Füßen landete.

„Komm her und nimm mich in die Arme, Fremder“, flüsterte Summer.

Das lange Haar fiel ihm in die Augen, als er verlegen lächelnd gehorchte.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist noch größer geworden“, rief sie lachend.

„Nein, du bist kleiner geworden.“

„Bin ich nicht!“, protestierte sie.

„Ohne dich ist es schrecklich still hier. Es gibt niemanden mehr, mit dem ich mich streiten kann.“

„Ich habe einen Beruf.“

„Muss schön sein“, murmelte er. „Meine berühmte Schwester.“

„Ich tue, was ich liebe, und das ist toll“, erwiderte sie viel zu begeistert. „Und jetzt bin ich hier, um dir etwas über Ehrgeiz beizubringen.“

„Ich habe einen Job! Hat Gram dir das etwa nicht erzählt?“

Bevor sie antworten konnte, betrat ihre Großmutter den Raum und drückte Summer an sich.

„Ich habe mich schon gefragt, wann mein Babygirl sich endlich mal wieder blicken lässt.“

„Nenn mich nicht so!“ Lächelnd dachte Summer daran, wie peinlich ihr der Kosename als Teenager gewesen war.

„Stell dein Gepäck ab und setz dich auf die Veranda. Du auch, Tuck. Ich bringe euch etwas, das du in deiner großen Stadt nicht bekommst, Babygirl. Ein Glas von meinem köstlichen Tee mit Minzgeschmack.“

Summer seufzte. „Gram, ich will nicht, dass du uns bedienst. Tuck, wir helfen ihr, hörst du?“

Tuck, der von Natur aus faul war, runzelte die Stirn, aber da er seine große Schwester vergötterte, widersprach er nicht. Er folgte den beiden Frauen in die Küche, wo er sich an die Wand lehnte und ihnen zusah.

„Trag wenigstens das Tablett nach draußen“, befahl Summer ihm.

Ihr Bruder nahm sich einen Schokoladenkeks. Dann läutete das Telefon, und er verschwand achselzuckend.

Summer brachte das Tablett selbst auf die Veranda und machte es sich auf dem Schaukelstuhl bequem. Endlich kam sie dazu, die Stille zu genießen. In New York und L. A. riefen ständig Leute an. Ihr Agent, Produzenten, Regisseure … und in letzter Zeit immer häufiger Journalisten.

Sie gehörte zu den begehrtesten Schauspielerinnen des Landes. Sie arbeitete hart und lebte ihren Traum. Sie hatte alles erreicht.

Jedenfalls hatte sie das geglaubt. Bis zu dem Tag an dem Edward, der neben ihr die zweite Hauptrolle gespielt hatte und im wahren Leben ab und zu als ihr Liebhaber eingesprungen war, mit ihr Schluss gemacht hatte. Nach der letzten Vorstellung des Erfolgsstücks hatte er vor versammeltem Ensemble erklärt, dass er sie leid war. Seitdem waren die Klatschreporter hinter ihr her, und sie wehrte sich gegen die schmerzliche Erkenntnis, wie leer ihr Privatleben geworden war.

Keine populäre Schauspielerin war jemals wirklich allein, erst recht nicht, wenn sie bald in einem großen Hollywoodfilm mitspielen würde. Selbst wenn sie gerade kein Engagement hatte, konnte sie ihr Apartment nicht verlassen, ohne von wildfremden Menschen fotografiert oder um ein Autogramm gebeten zu werden. Dauernd tanzte sie auf mehreren Hochzeiten – Workshops, PR-Auftritte, Proben. Wer hatte da Zeit für ein Privatleben?

Sie war einunddreißig. Die Vierzig, das Alter, in dem die Karriere einer Schauspielerin meistens zu Ende ging, erschien ihr nicht mehr so weit entfernt. Und als altmodische Südstaatlerin erinnerte ihre Großmutter sie dauernd an die biologische Uhr. Seit Kurzem schickte sie ihr sogar Fotos von all den süßen Kindern, die Summers Freundinnen aus der Schulzeit längst hatten.

„Wo wäre ich ohne dich und Tuck? Denk an meine Worte, du wirst es noch bereuen, wenn du alt und einsam endest“, hatte Gram schon oft gemahnt.

Auch um ihre Großmutter zu besänftigen, hatte Summer keine zwei Wochen nach Edwards Abgang etwas mit Hugh Jones angefangen, dem heißesten Jungstar der Westküste. War sie tatsächlich so verzweifelt gewesen?

Um die trüben Gedanken zu vertreiben, griff Summer nach ihrem Glas und trank einen Schluck Eistee. Wo blieb ihre Großmutter? Und warum telefonierte Tuck so lange? Sprach er etwa mit Zach?

Sie nahm noch einen Schluck Tee.

Immerzu fragten Reporter sie, ob sie in Hugh verliebt war. Leider war Hugh nicht der Mann, der ihr einfiel, wenn sie das Wort Liebe hörte. Nein, für sie gehörten Liebe und Zach zusammen wie ein unlösbarer Knoten. Ihr Herz schlug schneller. Sie hatte dieses herrlich schmerzhafte Gefühl bisher nur ein einziges Mal gespürt.

Sie wollte es nie wieder spüren.

Als die Romanze ihr das Herz gebrochen hatte, war Summer sechzehn gewesen, und Zach neunzehn. Einen Moment lang dachte sie an New Orleans zurück. Und an den schrecklichen geheimen Verlust, den sie dort erlitten hatte. Ein Verlust, der ihr sämtliche jugendlichen Illusionen geraubt und sie gelehrt hatte, dass manche Fehler nie wiedergutzumachen waren.

Zach war der Grund, warum sie so gut wie nie nach Hause kam. Bonne Terre war eine kleine Cajun-Stadt, in der viel und gern geredet wurde. Selbst wenn sie ihre Vergangenheit vergessen hätte, die Bewohner von Bonne Terre bewahrten sie bis heute. Obwohl die Leute sie nicht nach Zach fragten, sie fühlte ihn, sobald sie hier war. Denn sie hatte jede Menge qualvoller Erinnerungen und … Geheimnisse.

Hier auf dieser Veranda hatte er sie zum ersten Mal geküsst.

Als sie gerade daran dachte, wie ihre Lippen sich angefühlt hatten, nachdem er sie mit seinen gestreift hatte, holte das Flüstern ihrer Großmutter sie in die Gegenwart zurück.

„Du bist nicht die Einzige, die gern in dem Schaukelstuhl sitzt.“

Der spöttische Unterton ließ Summer zusammenzucken. „Oh.“ Sie drehte sich nicht zu Gram um, denn ihre Wangen brannten.

„Zach sitz auch immer darin.“

Summer erstarrte.

„Ich kann nicht glauben, dass du ihn herkommen und auch noch in meinem Schaukelstuhl sitzen lässt. Was, wenn jemand der Presse einen Tipp gibt, dass er meine Großmutter besucht, und die nächste hässliche Geschichte über uns erscheint? Und warum investiert er überhaupt in Bonne Terre? In all diesen Jahren hat er sich hier nie blicken lassen.“

„Als sein Onkel im Herbst gestorben ist, kam er her, um Nick zu besuchen. Dann hat er die Grundstückspreise gesehen und mit ein paar Leuten gesprochen. Er hat schon ein Kasino in Las Vegas. Eins führte zum anderen. Die Stadtväter haben ihm ein attraktives Angebot gemacht …“

Als die Eiswürfel in ihrem Glas klirrten, stellte Summer es hastig ab.

„Vorsicht, Liebes, das sind die besten Gläser deiner Mama.“ Sie schwiegen, während sie Summers verstorbener Mutter Anna gedachten, die sie beide immer vermissen würden. „Zach hat das ganze uns gegenüberliegende Land aufgekauft.“

„Ich finde es unglaublich, dass er trotz seiner Vergangenheit und so vieler Bewohner dieser Stadt, die gegen ihn sind, zurückgekommen ist.“

„Er sagt, es sei Zeit, die Wogen zu glätten.“

Wie will er das denn schaffen? Summer dachte an das Geheimnis, das sie ihm vorenthalten hatte, und musste ein Zittern unterdrücken. „Er hat in Houston ein Vermögen gemacht. Reicht ihm das nicht? Ihm kann doch egal sein, was die Leute hier von ihm halten.“

„Sie hätten ihn fast auf Jahre ins Gefängnis geschickt.“

Meinetwegen …

„Alte Wunden sind manchmal tief … und müssen noch verheilen. Hier sind alle ganz begeistert. Sein neues Kasino soll ein schicker Raddampfer werden.“

„Glücksspiel? Das kann süchtig machen.“

„Und Arbeitsplätze schaffen. Und Jobs machen vieles wieder gut. Bonne Terre hat schwere Zeiten hinter sich.“

„Gram, du klingst, als hätte man dich einer Gehirnwäsche unterzogen. Wie oft kommt Zach bei dir vorbei?“

„Na ja, das erste Mal war er hier, um zu fragen, ob ich ihm mein Haus verkaufe.“

Eher würde der Sumpf zufrieren, als dass Summer das zuließe.

„Seitdem besucht er mich einmal pro Woche. Wir trinken Kaffee und essen Kekse. Die mit Schokoladensplittern mag er am liebsten.“

Vorsichtig griff Summer nach ihrem Glas. „Ich hoffe, du hast Zach nicht gesagt, dass du vielleicht verkaufst. Oder dass ich herkommen wollte.“

Ihre Großmutter zögerte. „Ich fürchte, ich habe ihm gesagt, dass er mir ein Angebot machen kann. Und … du weißt ja, wie gern ich mit dir angebe. Ich habe ihm meine Zeitungsausschnitte gezeigt.“

„Da war er sicher begeistert.“

„Er ist stets sehr höflich. Besonders interessiert hat er sich für deine Romanze mit Hugh.“ Gram lächelte. „Er hat mich gefragt, wen ich netter finde – Hugh oder ihn? Ich habe geantwortet, dass Hugh ein reicher Filmstar sei, der seine Zeit bestimmt nicht an eine alte Lady verschwenden würde. Ich habe gesagt, er müsse sich keine Sorgen machen.“

Summer stellte ihr Glas ab und zählte stumm bis zehn. „Hast du ihm erzählt, dass ich nach Hause komme, weil ich wegen Tucks Job besorgt bin?“

„Ich weiß es nicht mehr genau. Aber was macht das schon? Du hast selbst gesagt, dass das zwischen euch schon lange vorbei ist.“

Ihre Großmutter hatte recht. Es war schon lange vorbei. Warum holte die Vergangenheit sie immer wieder ein?

„Thurman hat Zach völlig falsch eingeschätzt. Ich habe deinem Stiefvater damals gesagt, dass er zu streng zu dem Jungen ist, dass ihr beide einfach nur zwei verliebte junge Leute seid. Aber Thurman hat nicht auf mich gehört. Er lässt nur seine eigene Meinung gelten.“

Er hatte auch nicht auf Summer und ihre Mutter gehört, als die beiden ihn angefleht hatten, die Anzeige gegen Zach zurückzuziehen. Der Stress hatte ihre Mutter die letzte Kraft gekostet. Ihr Tod war nur einer der Gründe, weshalb Summer den Kontakt zu Thurman abgebrochen hatte. Der andere Grund hatte mit einem winzigen Grab in New Orleans zu tun.

Aber daran wollte sie jetzt nicht denken. „Okay, zurück zu deinem Haus. Du darfst es nicht an Zach verkaufen.“

„Ich hätte nichts dagegen, in eine moderne Wohnung umzuziehen.“

„Aber ich liebe dieses Haus“, protestierte Summer. „Ich kann nicht glauben, dass du mit ihm darüber gesprochen hast, ohne vorher mit mir zu reden. Was hat er als Nächstes vor?“

„Er hat gesagt, er will mir ein konkretes Angebot machen, aber bisher war er zu beschäftigt.“

„Vielleicht haben wir Glück, und er bleibt beschäftigt“, murmelte Summer.

Irgendwie bezweifelte sie, dass Zach ihre Großmutter in Ruhe lassen würde, bevor er bekam, was er wollte. Hatte er Tuck eingestellt, um sich bei ihr einzuschmeicheln? Damit sie ihm das Haus verkaufte, das seit über hundert Jahren im Familienbesitz war?

„Man munkelt, dass er auf dem Land gegenüber den Anleger für den Raddampfer bauen will“, erzählte ihre Großmutter. „Deshalb muss er natürlich verhindern, dass ich an einen anderen verkaufe.“

Summer kam eine geniale Idee.

„Gram, ich kaufe dir das Haus ab. Du kannst weiterhin darin wohnen oder in eine Wohnung umziehen. Deine Entscheidung.“

„Oh.“

„Ich möchte, dass du Zach anrufst und ihm sagst, dass du nicht verkaufst. Wenn er erfährt, dass ich dir zur Seite stehe, lässt er dich hoffentlich in Frieden.“

Ihre Großmutter warf ihr einen forschenden Blick zu. „Du hast Edward nie so angesehen wie Zach. Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit.

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