Logo weiterlesen.de
Rache ist zuckersüß

1. KAPITEL

Es ist geschafft. Danielle Sinclair atmete erleichtert auf und stellte das weiße Brautbouquet mit Freesien, Lilien und Schleierkraut in eine Glasvase auf ihrer Frisierkommode. Endlich war Kim verheiratet.

Nachdem sie jahrelang auf ihre Schwester aufgepasst und ihr immer wieder aus der Bredouille geholfen hatte, war Kim nun nicht länger ihr Problem. Jetzt hatte sie einen Ehemann – und Danielle war nicht mehr für sie verantwortlich.

Die Hochzeit des Jahres war ein prachtvoll ausgestattetes gesellschaftliches Ereignis gewesen und mit literweise französischem Champagner begossen worden. Ein solches Fest hatte Danielle nicht von ihrer wilden und rebellischen kleinen Schwester erwartet. Dennoch hatte Kim in dem Designerbrautkleid strahlend ausgesehen. Als die Feier zu Ende ging, hatte Kim das Brautbouquet in die Menge geworfen, und der Strauß war direkt in Danielles Armen gelandet. Eingehüllt vom Duft der Blumen, war sie einen Moment erstarrt. Sie hatte weder gehofft noch erwartet, den Brautstrauß zu fangen. Auch er würde ihr nicht dabei helfen, einen Bräutigam zu finden – und ganz sicher nicht den Mann ihrer Träume.

Sie hoffte nur, dass Bradley Lester, der Geschäftsführer des Unternehmens ihres Vaters und ihr jetziger Schwager, wusste, auf was er sich da eingelassen hatte. Aber nach der Demütigung und dem Leid, das Rico D’Alessio ihr vor vier Jahren zugefügt hatte, verdiente Kim jetzt ein wenig Glück. Nein, ich werde an Kims besonderem Tag nicht an diesen Mann denken, ermahnte sich Danielle. Von mir aus kann er in der Hölle schmoren! Sie warf einen Blick auf ihre edle goldene Armbanduhr. Mittlerweile sollten Kim und Bradley schon in der besten Suite des Hilton angekommen sein und den Ausblick auf die luxuriösen Jachten genießen, die in Aucklands Viaduct Basin vor Anker lagen. Morgen würden sie dann nach Fidschi fliegen, um dort ihre Flitterwochen zu verbringen.

Danielle zog die Haarnadeln aus ihrer Frisur, und die dunkelblonde Mähne fiel ihr auf die Schultern. Anschließend zog sie das pinkfarbene Taftkleid aus und hängte es sorgfältig auf einen Bügel – auch wenn sie sicher war, dass sie das Kleid nie mehr tragen würde. Das auffällige Pink war nicht ihre, sondern Kims Wahl gewesen. Sie hätte sich für einen eleganten Blauton entschieden, hatte aber nicht mit der Braut streiten wollen.

Sie würde jetzt ein kurzes Bad nehmen, um sich endlich zu entspannen. Von den Schuhen mit den viel zu hohen Absätzen taten ihr die Füße weh. Danach würde sie in Erfahrung bringen, worüber ihr Vater mit ihr reden wollte. Vielleicht würde sie es noch schaffen, den Bericht zu überfliegen, den sie tags zuvor fertiggestellt hatte, bevor sie ins Bett gehen würde.

„Was, zum Teufel, willst du, D’Alessio?“

Dich und deine Tochter verfluchen, dachte Rico D’Alessio. Stattdessen ignorierte er Sinclairs Frage und ging zu dem großen Schreibtisch, der in Sinclairs riesigem Arbeitszimmer im Paritai Drive Herrenhaus geradezu verloren wirkte. Er schenkte all der Pracht um sich herum kaum Beachtung, als er sich langsam auf die Schreibtischplatte stützte und den Mann auf der anderen Seite wütend anfunkelte.

Der ältere Mann verzog keine Miene, als Rico sich so drohend vor ihm aufbaute. Mit seinen 1,85 Metern, seiner athletischen Gestalt und seinem heißblütigen italienischen Temperament schüchterte Rico die meisten Menschen sofort ein – nicht so Sinclair, das musste Rico ihm zugutehalten.

Doch dann blinzelte der ältere Mann.

Sein früherer Mentor war nervös. Rico beobachtete, wie Sinclair an ihm vorbeisah, um sich zu vergewissern, dass seine Lakaien an Ort und Stelle waren. Er war durch die Gegenwart von David Matthews, Sincos Topanwalt, nicht sonderlich beunruhigt. Oder durch den muskulösen jungen Mann neben Matthews, der angriffslustig mit den Füßen auf und ab wippte. Aber bei der gedrungenen Gestalt, die auf der anderen Seite des Zimmers stand, war das schon etwas anderes. Ken Pascal war ein Mann, den man im Auge behalten musste. Als Rico entdeckte, dass Sinclairs Stirn mit einem dünnen Schweißfilm bedeckt war, erfüllte ihn das mit großer Genugtuung. Bevor das hier vorbei wäre, würde der alte Mann noch viel mehr ins Schwitzen kommen.

„Ich habe dir doch gestern am Telefon gesagt, dass ich dich entschädigen werde.“ Robert Sinclair deutete auf einen Stapel Papiere in der Ablage am Rand des Schreibtisches. „Unterschreib den Vertrag, den David Matthews vorbereitet hat, und ich werde veranlassen, dass dir eine sehr hohe Geldsumme auf ein Konto deiner Wahl überwiesen wird.“

„Kein Geld der Welt kann das wettmachen, was ich verloren habe.“

Sinclair runzelte die Stirn. „Was willst du dann?“

Rico entschied, aufs Ganze zu gehen. „Alles!“

„Alles?“ Zum ersten Mal wirkte der ältere Mann, als wäre er kurz davor, die Fassung zu verlieren. „Was meinst du damit? Alles?“

Nachdem Rico erst vor ein paar Tagen den Anruf von seinem Anwalt erhalten hatte, war er ans Bett seines kranken Vater geeilt und hatte sich dessen flehentliche Bitte um einen Enkelsohn anhören müssen. Noch am selben Tag war er dann zum Friedhof am Stadtrand von Mailand gefahren. An Lucias Grab hatte er voller Schmerz Rache geschworen. Zum ersten Mal seit vier Jahren hatte er eine Mission: nach Neuseeland zurückzukehren und Robert Sinclair und seine Tochter für all das Leid zahlen zu lassen, das sie seiner Familie zugefügt hatten. Doch sein Plan war durch die jüngste Entwicklung vereitelt worden. Kim hatte geheiratet.

Drohend grinste er Sinclair an, als in den stahlgrauen Augen des älteren Mannes ein Anflug von Angst zu sehen war. „Hast du ein Problem damit, das Wort alles zu verstehen?“, fragte er spöttisch. „Vielleicht können wir ein Wörterbuch auftreiben, in dem die Bedeutung des Wortes erklärt wird?“ Er hob die Augenbraue. „Oder ist es mein Akzent, der dir Probleme macht?“

Der ältere Mann reckte kampfbereit das Kinn. „Dein Englisch ist perfekt, D’Alessio. Wie könnte es auch anders sein, nachdem du zehn Jahre lang in Neuseeland gelebt hast?“

Rico hätte dem Mann am liebsten einen Faustschlag versetzt. Nur mit Mühe beherrschte er sich. Er hatte nicht vor, sich durch eine unüberlegte Handlung hinter Gitter zu bringen. Auch wenn ihm das nicht mehr allzu viel ausmachen würde. „Was ist es dann, das du nicht verstehst?“, murmelte er und lächelte Sinclair kalt an.

Auf der Stirn des Mannes standen Schweißperlen. „Was willst du?“

„Ich will meine Anteile an Sinco Security zurück und für das entschädigt werden, was ich verloren habe.“

„Abgemacht“, sagte Sinclair erleichtert.

„Und ich will mehr.“

„Wie viel?“ Angewidert sah der Mann Rico an.

Rico ballte die Hände zu Fäusten und kämpfte gegen seinen Zorn und Schmerz an. Sinclair dachte also immer noch, dass er ihn kaufen könnte! Robert Sinclairs Reichtum war für ihn früher einmal eine sehr große Verlockung gewesen. Doch jetzt brauchte er Sinclair oder Sinco Security nicht mehr. Er besaß selbst ein Vermögen, von dem Sinclair nur träumen konnte und für das Rico einen zu hohen Preis bezahlt hatte. Aber das wusste Sinclair nicht. Der Mann dachte, er hätte es mit einem heimatlosen Herumtreiber zu tun, den er ins Exil gejagt hatte. „Ich will dein verdammtes Geld nicht.“

„Was willst du dann, D’Alessio?“, fuhr Sinclair ihn an.

Wenn er das wüsste … Rico suchte einen Moment lang nach den Worten, die er vor vier Jahren benutzt hätte, bevor er jeglichen Respekt vor dem Mann verloren hatte, der jetzt vor ihm stand. Dann sah er Sinclair an. „Ich will meinen Platz im Sinco-Vorstand wieder einnehmen.“ Er hatte es sich verdient. Er hatte Tag und Nacht dafür gearbeitet, Sinco Security zu dem zu machen, was es heute war. Er war es gewesen, der die Idee gehabt hatte, der reichen Klientel einen besonders hohen Sicherheitsstandard zu bieten. Erst das hatte Sinco zu einem florierenden Unternehmen gemacht, mit dem man in der australischen Pazifikregion rechnen musste. „Und, verdammt noch mal, ich will nicht irgendeine Position haben. Ich will Geschäftsführer sein.“

„Unmöglich! Dieser Job ist bereits vergeben.“ Sinclair runzelte die Stirn. „Komm schon, D’Alessio. Ich bin ein vernünftiger Mann und versuche mein Möglichstes, um dir entgegenzukommen.“

Abrupt stand Rico auf und ging zur Tür.

„Wo willst du hin?“ Der ältere Mann klang alarmiert.

Rico drehte sich um und fuhr sich durch die lockigen schwarzen Haare. „Ich werde mir einige Fotos beschaffen, um die sich die Tageszeitungen reißen werden. Oh, und vielleicht werde ich einige Fernsehsender anrufen. Mal sehen, welcher davon das beste Angebot macht.“ Er warf Sinclair ein unbekümmertes Lächeln zu. „Ciao – für den Moment.“ Natürlich hatte er nicht die Absicht, seine Story an die Medien zu verkaufen. Aber das wusste Sinclair nicht. Als Rico sich wieder zur Tür umdrehte, konnte er fast hören, wie der ältere Mann mit den Zähnen knirschte.

„Nicht so hastig, D’Alessio.“

Tiefe Genugtuung erfüllte Rico, als er stehen blieb und auf dem Absatz kehrtmachte. Zweifellos hatte Sinclair noch nie in seinem Leben um etwas bitten müssen. Doch das würde er jetzt lernen.

Nachdem Danielle gebadet, das Make-up entfernt und das klebrige Haarspray aus ihren Haaren gewaschen hatte, fühlte sie sich erfrischt und entspannt genug, sich gedanklich ihrem Vater zuzuwenden. Robert Sinclair war ein Mann, der nur seine Arbeit im Kopf hatte. Als er nach der Hochzeit nach Hause gekommen war, hatte er keine Zeit verschwendet und Danielle mitgeteilt, dass er sie in einer Stunde in seinem Arbeitszimmer sehen wollte.

Mit einem Stirnrunzeln strich sie den Baumwollstoff des weißen Kleides glatt, das sie angezogen hatte. Sie war zwanzig Minuten zu spät. Und ihr Vater hasste es, wenn man ihn warten ließ. Aber auf einmal machte es ihr Vergnügen, ein bisschen zu trödeln. Sie entdeckte fast eine rebellische Ader in sich, was völlig untypisch für sie war.

Nicht sie, sondern Kim war immer die wilde und aufrührerische Tochter gewesen. Vor einigen Jahren hatte Danielle zwar versucht, dem goldenen Käfig zu entkommen, zu dem ihr Elternhaus für sie geworden war, aber ihr Vater hatte jeden ihrer Versuche unterbunden, zusammen mit alten Schulfreundinnen in eine eigene Wohnung zu ziehen. Schließlich hatten ihre Freundinnen sie abgeschrieben und ihr eigenes Leben gelebt, während Danielle weiterhin bei ihrem Daddy wohnte.

Ihr war überhaupt nicht bewusst gewesen, wie sehr sie sich auf diese Weise isoliert hatte – was unglaublich dumm von ihr gewesen war. Sie war damit beschäftigt gewesen, ihren Hochschulabschluss zu machen, und hatte unter dem ständigen Druck ihres Vaters gestanden, nur die besten Zensuren zu erhalten. Und natürlich hatte sie alle Hände voll mit Kim und ihren ständigen Krisen und Eskapaden zu tun gehabt. Ständig hatte sie versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben, und dafür gesorgt, dass möglichst nichts von den Dummheiten bekannt wurde, die ihre Schwester immer wieder angestellt hatte. Wie viel ihr Vater davon wusste, konnte sie nicht sagen. Zweifellos mehr, als sie vermutete – denn er hatte Kim als weiteres Druckmittel gegen sie benutzt. Sie war so lange die unterwürfige Tochter gewesen, dass es ihr zur Gewohnheit geworden war.

Sogar als sie schon auf dem Weg zur Tür ihrer Suite war, blieb sie sofort stehen, als das Telefon klingelte. Das musste ihr Vater sein, um ihr zu befehlen, sich zu beeilen. Einen Moment lang zog sie in Erwägung, das Telefon zu ignorieren. Doch nach dem dritten Klingeln siegte die Macht der Gewohnheit. Mit einem Seufzer ging sie zum Telefon und nahm den Hörer ab. „Kim?“, fragte sie erstaunt, als ihre Schwester am Apparat war. „Was ist los?“

Kim redete ohne Unterlass. „Versuche, mich nicht zu hassen. Ich konnte nicht weiter mit all dem leben. Nicht jetzt, wo ich so glücklich bin. Ich musste etwas tun.“

Oh nein. „He, ganz langsam.“ Danielle versuchte, irgendeinen Sinn in Kims Gestammel zu entdecken. „Was hast du getan?“

Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann: „Hat Daddy es dir nicht erzählt?“

„Es mir erzählt?“ Danielle atmete tief ein und zählte bis drei. „Nein. Er hat eine Art Meeting einberufen, will mich aber zuerst sprechen. Ich sollte mich auf den Weg machen. Ich bin schon zu spät.“

„Er wird es dir sagen.“ Kim rang nach Atem. „Danielle …

Es tut mir leid.“

„Was denn?“

„Daddy wird es dir erzählen.“ Es klickte in der Leitung.

„Kim?“, rief Danielle verzweifelt.

Aber ihre Schwester hatte einfach aufgelegt.

„Ich habe gelesen, dass du dich auf die Rettung von Entführungsopfern spezialisiert hast“, meinte Ken Pascal. Der Sinco-Sicherheitschef musterte Rico prüfend.

„Ja, das stimmt.“ Sogar in Krisengebieten hatte er über die Freigabe von Geiseln verhandelt – meist mit Erfolg. Zusammen mit Morgan Tate und Carlos Carreras hatte er eine Firma gegründet, die Spezialeinheiten und Mitarbeiter privater Sicherheitsunternehmen darin schulte, professionell mit Entführern umzugehen. Die Firma leiteten jetzt seine beiden Partner – mittlerweile hatten sie alle drei sehr viel Geld damit gemacht.

„Was hat das denn mit unserer Angelegenheit hier zu tun, Ken?“, fragte Sinclair ungeduldig.

„Es ist eine gute Gelegenheit, ihn mit ins Boot zu nehmen, Boss. Rico könnte überprüfen, ob das auch für uns realisierbar wäre – oder vielleicht gibt es andere Geschäftsfelder, die er für Sinco erschließen kann.“

„Ich werde keine Abteilung für Spezialeinsätze aufbauen“, sagte Rico entschieden.

„Das würde mir die Gelegenheit geben, Bradley davon zu überzeugen, seine Position als Geschäftsführer niederzulegen“, entgegnete Sinclair.

Rico fühlte sich als Sieger und deutete mit dem Kopf Richtung Telefon. „Dann hol Bradley jetzt mal an den Apparat.“

„Ich fürchte, das wird nicht möglich sein. Er hat heute geheiratet“, erwiderte Sinclair angespannt.

„Natürlich. Das hatte ich vergessen. Ich habe es in der Presse gelesen. Tochter des Chefs heiratet Sinco-Geschäftsführer. Das sind gute Nachrichten für beide Familien – und für die Aktionäre, hm?“

Der andere Mann beobachtete ihn argwöhnisch. Aber er schwieg.

„Andererseits …“ Spöttisch betonte Rico seinen sonst kaum wahrnehmbaren italienischen Akzent. „… habe ich noch etwas mit der Braut zu erledigen.“

„Wissen Sie, Boss, er könnte genau das sein, was wir brauchen.“

Rico drehte den Kopf und musterte Ken Pascal misstrauisch. Hatten im Laufe der Jahre seine grauen Zellen gelitten? Pascal war nie dumm gewesen. Und wenn es etwas gab, das alle hier im Zimmer wussten, dann war es die Tatsache, dass Robert Sinclair Rico D’Alessio so dringend brauchte wie eine Kugel im Kopf.

„Sehen Sie ihn sich an. Kein Mann wird sich mit ihm anlegen wollen“, fuhr Pascal fort. „Es sei denn, er hätte den Verstand verloren.“

Sinclair scheint zu wissen, wovon Pascal redet, realisierte Rico. Er mochte den abschätzenden Blick absolut nicht, mit dem Sinclair seine breiten Schultern und die muskulösen Arme in Augenschein nahm. Er kam sich vor wie bei einer Fleischbeschau. „Wofür genau bräuchtest du mich denn? Soll ich mir die Hände schmutzig machen? Soll ein anderer unschuldiger Mann ins Exil geschickt werden?“

Pascal hüstelte. „Danielle Sinclair braucht jemanden, der auf sie aufpasst.“

Sofort hatte Rico ein Bild von der ältesten Tochter Sinclairs vor Augen. Damals war sie jung, still, ernst und sehr traurig gewesen. Er schob die Erinnerung beiseite. „Was ist mit einem Bodyguard? Davon gibt’s hier doch mehr als genug. Oder wurde der letzte dabei erwischt, wie er das Familiensilber klaut? Oder wollte die Lady ihm vielleicht an die Wäsche?“

Alle anderen im Zimmer schnappten entsetzt nach Luft.

Rico lachte nur. Er hatte gelernt, dass er mit einem lauten Lachen seinen quälenden, ja fast zerstörerischen Zorn am besten verbergen konnte.

„Ich will nicht, dass D’Alessio sich in der Nähe meiner Tochter aufhält“, lehnte Sinclair kategorisch ab. Er war blass geworden. „Er ist wahnsinnig.“

Rico lachte erneut.

„Danielle hat es strikt abgelehnt, einen Bodyguard oder einen anderen Schutz in Anspruch zu nehmen. Sie ist genauso stur wie ihr Vater“, meinte Pascal zu Rico. Dann wandte er sich an Sinclair. „Robert, wenn Sie nicht schnell etwas unternehmen, werden Sie bald nur noch eine Tochter haben. Rico wäre genau der Richtige dafür.“

„Was meint er damit, dass Sie bald nur noch eine Tochter haben werden?“, fragte Rico. „Ich kann nicht glauben, dass sie Daddy weglaufen wird. Wo will sie hin?“

„Zwei Meter unter die Erde, wenn der geistesgestörte Stalker nicht gefasst wird.“ Pascal ging zum Schreibtisch und griff nach einem großen Umschlag und einem Tuch. „Darf ich?“ Er sah Sinclair an.

Robert Sinclair ließ die Schultern hängen und nickte.

Rico nahm das Tuch und den Umschlag von Ken Pascal und warf einen Blick hinein. Dann zog er langsam ein Foto heraus, wobei er sorgfältig darauf achtete, eventuell existierende Fingerabdrücke nicht zu verwischen. Schockiert riss er die Augen auf, als er das Foto betrachtete, das am selben Tag auf der Hochzeit aufgenommen worden war. Mit grimmigem Gesichtsausdruck erkannte er die Braut, Kimberly Sinclair, die zwischen ihrem Vater und einem Mann stand, der, seinem vertrottelten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wohl Bradley Lester sein musste. Aber es war die vierte Person auf dem Foto, die ihn den Atem anhalten ließ.

Die schlanke Frau hatte ein eng anliegendes Kleid in einem gewagten pinkfarbenen Ton an – einer Farbe, die darauf schließen ließ, dass die Trägerin sinnlich und leidenschaftlich war. Wenn das Danielle Sinclair war, war sie erwachsen geworden. Aber es war ihr Gesicht beziehungsweise das bisschen davon, das noch zu sehen war, das Ricos Aufmerksamkeit erregte. Mit einem Rasiermesser war es fast völlig zerfetzt worden.

Sein Herz klopfte, als er auf das verstümmelte Foto starrte. Pascal hatte recht. Danielle brauchte jemanden, der auf sie aufpasste, bevor sie als Leiche auf einem Friedhof endete. Und er hatte nicht während der schlimmsten Zeit ihres Lebens ihre Hand gehalten, damit irgendein Irrer ihr schadete.

In dem Moment, in dem Danielle die Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters öffnete, spürte sie, wie angespannt die Atmosphäre war. Ihr Blick fiel auf die breiten Schultern eines unbekannten Mannes, der offensichtlich der Grund dafür war. Er stand mit dem Rücken zu ihr und gegenüber den vier Männern vor ihm. Obwohl er zahlenmäßig klar unterlegen war, schien er sich und die Situation völlig unter Kontrolle zu haben.

Ein kurzer Blick genügte ihr, um zu wissen, dass sie die anderen Männer kannte. Neben ihrem frustrierten Vater stand Ken, sein Sicherheitschef. Er machte einen eher ruhigen Eindruck, während David, der Vertraute und Ratgeber ihres Vaters, das Pokergesicht zur Schau trug, das er immer aufsetzte, wenn er nach einer Lösung für ein schwieriges Problem suchte. Der junge Bodyguard, den Ken als Aufpasser ausgesucht hatte, wirkte sehr unsicher. Danielle hatte seinen Namen vergessen. Hieß er Ty? Tymon? Oder Tyrone?

Sie sah wieder den Fremden an. Die anderen vier Männer beobachteten ihn, als wäre er ein gefährliches Tier, und blieben außer Reichweite. Sie wollte – nein, sie musste – das Gesicht dieses Mannes sehen und ihm in die Augen schauen, um verstehen zu können, was ihn so bedrohlich und so männlich machte.

Danielle konnte nicht anders, als einen anerkennenden Blick auf seine breiten Schultern in dem schwarzen T-Shirt und seinen Po und die langen Beine in den schwarzen Jeans zu werfen. Er ist nur ein Mann, sagte sie sich. Auch wenn er sehr gut gebaut ist. Dennoch nahm sie noch einmal seinen knackigen Po, die schmale Taille und die breiten Schultern in Augenschein.

Er hielt einen Umschlag und noch etwas anderes in den Händen. Einen Augenblick später drehte er sich um. Ihr blieb das Herz stehen, als sie das kantige Profil seines Gesichts sah. Als er sich ganz zu ihr herumdrehte, wurde ihr heiß vor Verwirrung. In seinen Augen flackerte etwas auf, als er sie erkannte. Doch dann wurde sein Blick ausdruckslos, und er hantierte mit dem Umschlag und legte ihn auf den Tisch. Ihr Herz begann, laut zu hämmern. Rico D’Alessio war hier.

Danielle wurde von kaltem Zorn erfasst, ließ sich aber keine Gefühlsregung anmerken. Sie wollte nicht zeigen, wie sehr sie diesen Mann hasste. Und sie hatte sogar seinen Körper bewundert. Scharf zog sie die Luft ein und versuchte, ihre sonst übliche Gelassenheit an den Tag zu legen. „Was geht hier vor, Dad? Warum ist er zurück? Was will er?“ Sie wirbelte herum, suchte in den Gesichtern der anderen vier Männer nach Antworten und wartete, dass jemand die Verantwortung übernehmen und D’Alessio vor die Tür setzen würde. „Und warum hast du nicht die Polizei gerufen?“

„Der Angelegenheit würde nicht nachgegangen werden“, gab ihr Vater widerwillig Auskunft.

„Warum nicht?“

Rico D’Alessio nahm Blickkontakt zu ihr auf.

Sie bemerkte, dass er arrogant und fast ein bisschen amüsiert wirkte. Und da war noch etwas anderes. Danielle betrachtete seinen sinnlichen Mund und nahm das Glitzern in seinen dunklen Augen wahr. Er war wütend. Hinter seinem angeblichen Amüsement lauerte der nackte Zorn. Was war es, das ihn derart in Rage brachte? Was nahm er sich heraus? Schließlich war er der Bastard gewesen, der ihrer Schwester Schlimmes angetan hatte. Warum war er hier und störte erneut den Familienfrieden? Völlig verwirrt sah sie wieder ihren Vater an. „Ich muss Kim anrufen.“ Sie wollte ihre Schwester warnen und der bedrückenden Atmosphäre in diesem Zimmer entkommen.

Einen Moment lang wirkte ihr Vater wie um Jahre gealtert. „Kim weiß Bescheid. Sie ist der Grund, warum er zurückgekommen ist. Sie hat ihre Aussage geändert.“

Danielle rang nach Atem und fühlte sich merkwürdig benommen.

„Setz dich, Danielle.“

Die Worte ihres Vaters drangen kaum zu ihr durch. Wie konnte das sein? Als Rico D’Alessio vor vier Jahren das Land verlassen hatte, war sie so erleichtert gewesen. Denn sie hatte gewusst, dass er Kim nie wieder wehtun konnte. Und jetzt war er zurück und strahlte eine ungeheure Entschlossenheit aus – ganz anders als der Mann, an den sie sich erinnerte.

„Setz dich hin, Mädchen, bevor du in Ohnmacht fällst.“

Automatisch befolgte sie den ungeduldigen Befehl ihres Vaters und sank ihm gegenüber auf die kleine Couch. Einen Augenblick später gab das Polster neben ihr unter einem viel schwereren Gewicht nach. Sie drehte den Kopf und begegnete Rico D’Alessios gefährlichem Blick.

2. KAPITEL

„Erzähl mir nicht, dass du geglaubt hast, ich wäre schuldig, Prinzessin“, forderte Rico Danielle Sinclair heraus. Er konnte und würde nicht akzeptieren, dass sie so naiv war, wie es den Anschein hatte. Sie wirkte regelrecht verstört. „Besonders du hättest wissen müssen, wie ich reagieren würde, wenn sich die Tochter meines Arbeitgebers an mich ranmacht – ganz sicher nicht mit Gewalt.“ Er redete so leise, dass ihr Vater und die anderen Männer ihn nicht hören konnten.

„Niemand wirft dir etwas Derartiges vor“, erwiderte sie und biss sich nervös auf die Unterlippe.

Ricos Blick fiel auf ihren Mund, und ihm wurde so heiß, dass er zur Seite rutschte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie noch immer solch eine Wirkung auf ihn hatte. Insgeheim fragte er sich, ob sie wie damals weiße Spitzenslips trug. Als sie ihn seinerzeit zu verführen versucht hatte, hatte sie so einen Slip getragen. Er betrachtete das weiße, feminine Kleid, das sie anhatte. Es war ganz anders als das pinkfarbene, in dem er sie auf dem Foto gesehen hatte.

Er wandte seine Aufmerksamkeit von dem makellosen Kleid und ihrem schlanken, zarten Körper ab und sah ihr in die Augen, bemüht, sich seine eindeutige Reaktion auf ihre Nähe nicht anmerken zu lassen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Rache ist zuckersüß" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen