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Über die Autoren

Carmelo Sardo, Journalist und Autor, befasst sich bereits seit den frühen Achtzigerjahren mit der Mafia. Rache an Cosa Nostra entstand aus den intensiven Gesprächen, die er mit dem ehemaligen Mafiaboss Giuseppe Grassonelli führte.

Giuseppe Grassonelli gründet als junger Mann die Stidda, eine berüchtigte sizilianische Mafiaorganisation, und übt Rache an der Cosa Nostra. 1992 wird er verhaftet und verurteilt. In Haft beginnt er, über seine Taten nachzudenken und sie zu bereuen. Er nutzt seine Zeit im Gefängnis und hat dort erfolgreich ein Literaturwissenschaftsstudium abgeschlossen. Gemeinsam mit dem Journalisten Carmelo Sardo hat er »Rache an Cosa Nostra« geschrieben und dafür den renommierten Sciascia-Racalmare-Preis erhalten.

Giuseppe Grassonelli und Carmelo Sardo

RACHE AN COSA NOSTRA

Erinnerungen an mein Leben als Mafiaboss

Übersetzung aus dem Italienischen
von Ingrid Ickler

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Für meinen lieben Freund Carmelo Sardo.

Ich habe das »Böse«, den Hunger und die soziale Isolation erlebt. Doch als du in mein Leben getreten bist, wurde es hell, wie durch eine Sonne, die mich von innen erleuchtet hat.

G. G.

Für Giuseppe, der zurückgekehrt ist und etwas zurückgibt.

Für all jene Giuseppes, die im Gefängnis »lebendig begraben«, aber in der Legalität zurück sind.

C. S.

 

Nitimur in vetitum semper cupimusque negata.

OVIDO

 

Ich feiere mich selbst und singe mich selbst,

Und was ich mir herausnehme, solltest auch du dir herausnehmen,

Denn jedes Atom, das mir gehört, gehört ebensogut auch dir!

… In allem Volk seh ich mich selbst, keiner mehr und keiner ein Gerstenkorn weniger als ich.

Und das Gute und das Schlechte, das ich von mir sage, sage ich auch von ihnen.

… Wer einen andern erniedrigt, erniedrigt auch mich,

und jedes Wort oder Tun trifft am Ende mich …

WALT WHITMAN, Gesang von mir selbst

 

Real existierende Personen, Handlungen und Schauplätze werden aus dem Blickwinkel des Autors geschildert. Alle weiteren Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Protagonist nennt sich im Text Antonio Brasso. Diesen Namen hat Giuseppe Grassonelli in der Zeit seines Lebens, die im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, tatsächlich benutzt.

An meinen Feind

Welch ungeheure Katastrophe hat meine geliebte Heimat erschüttert, mit wie vielen stummen Tränen haben unsere Frauen sie beweint?

Diesen Gedanken richte ich an dich, mein Feind, um dich zu fragen, ob du dich in deinem kurzen, jämmerlichen Leben jemals gefragt hast, ob die Tränen meiner Mutter, die damals auf das Pflaster fielen, nicht genauso bitter und voller Liebe waren, wie jene, die nun deine Mutter um dich weint.

Ich glaube, dass die Tränen einer Mutter um ihren ermordeten Sohn – egal, ob sie um dich oder um mich vergossen werden – einfach nur Ausdruck für einen abgrundtiefen Schmerz sind.

Und wenn ich an die vielen und doch sinnlosen Tränen deiner armen Mutter denke, kommt mir meine Mutter in den Sinn, und eine schreckliche Angst legt sich wie ein eiserner Ring um mein Herz, denn ich weiß jetzt, dass dein trauriges Schicksal auf ewig mit meinem verbunden sein wird.

Dieser unendliche Schmerz wird auf unseren Seelen lasten wie ein gewaltiger Felsblock, und wir werden krampfhaft nach einem Rechtfertigungsgrund für unser Verhalten suchen, und sei es auch nur ein einziger. Aber wir werden nichts finden, außer der kurzlebigen Entschuldigung, dass wir aus … Rache getötet haben.

In diesem unendlich großen Meer des Schmerzes werden wir unweigerlich ertrinken.

Giuseppe Grassonelli

Unkraut

In dieser Nacht, die sich ganz allmählich, aber unaufhaltsam auf meine armselige Existenz legt, weckt mich das ferne Kläffen eines Hundes aus dem leichten Schlaf. Ich öffne die Augen. Die Dunkelheit meiner Zelle wird nur durch ein schwaches kegelförmiges Licht erhellt.

Das Heulen dieses Hundes, wahrscheinlich ein Streuner, ist eine nicht enden wollende Klage gegen den Himmel. Vielleicht ist es auch eine Hündin, die verzweifelt nach ihren Jungen sucht?

Plötzlich taucht eine Erinnerung aus meiner Jugend in meinen Gedanken auf und meine Lippen verziehen sich zu einem bitteren Lächeln. Ich schließe die Augen und sehe wieder diese eine spezielle Hündin vor mir, dreißig Jahre, ja ein ganzes Leben liegt diese Szene zurück. Laut bellend streckte sie damals den Kopf aus ihrem Versteck. Dann schnupperte sie und schaute sich um. Sie war nervös, verließ ihre Höhle, kehrte dann wieder zurück, als könne sie sich nicht entscheiden. Schließlich schoss sie nach draußen und rannte davon.

Tino ’u Mancinu, Totò ’a Fimminedda, Nello ’u Grossu und ich hatten seit etwa einer Stunde am Felsen gelehnt und auf diesen Moment gewartet. Ich ging rasch auf die Höhle zu, die anderen folgten, dann schob ich meinen Arm hinein und zog den ersten Welpen heraus, der sofort zu winseln begann. Ich drückte ihn Nello in die Hand, dann zog ich den zweiten Welpen heraus und gab ihn Tino. Der dritte war schlau und hatte sich ganz klein gemacht. Ich konnte ihn zwar fühlen, aber nicht richtig am Fell packen.

»Verdammt, ich muss mich beeilen! Wenn die Hündin zurückkommt, zerfleischt sie uns«, dachte ich.

Ich streckte meinen Kopf in die Höhle und versuchte hineinzuschlüpfen, da hörte ich ’u Grossu hinter mir brüllen: »Heilige Mutter Gottes! Sie kommt …«

Ich schnellte zurück, ließ von dem letzten Welpen ab, riss meinen Freunden die beiden anderen kleinen Hunde aus den Händen und steckte sie zurück in die Höhle. Dann ergriffen wir die Flucht. Es war nicht leicht, den steilen Berg nach oben zu rennen, aber ich hoffte, dass die wütende Hündin uns nicht folgen würde, weil wir immerhin ihren Nachwuchs zurückgelassen hatten.

Es war nicht das erste Mal, dass wir Welpen klauten. Aber dieses Mal war es anders. Die Hündin fletschte wütend die Zähne und ließ uns nicht in Ruhe.

Plötzlich stolperte Totò und rutschte den Hügel hinunter, wobei er mit dem Kopf auf den spitzen Steinen aufschlug.

»Verdammter Mist«, dachte ich, »dieses Mal hat sich diese Memme aber richtig wehgetan.«

Schon als wir bei der Höhle angekommen waren, hatte er gejammert, er wolle nach Hause und er habe Angst davor, dass die Hündin zurückkommen könne. Totò hatte immer vor irgendwas Angst.

Ich machte kehrt, um ihm aufzuhelfen und ihn in Sicherheit zu bringen. Als ich bei ihm war, versuchte ich ihn zu beruhigen, während er vor Schmerzen schrie.

Die Hündin beobachtete die Szene und war stehen geblieben. Ihr Blick schien sagen zu wollen: »Seht euch diese beiden Trottel an!« Dann drehte sie sich um und verschwand. Die Sicherheit ihrer Welpen war wichtiger für sie.

In diesem Augenblick kam ein Freund meines Vaters vorbei, der auf dem Weg zur Arbeit war. Totò blutete an der Stirn, sein Bein war verdreht, eine Hand gebrochen, die Haut am ganzen Körper aufgeschürft. Er trug den Jungen zum Auto und brachte ihn ins Krankenhaus, dabei warf er mir einen vorwurfsvollen Blick zu und sagte: »Du schon wieder, Mal’e …«

Mal’e, Malerba, das war mein Spitzname: Unkraut.

Als ich nach Hause kam, wurde ich erst von meinem Großvater verprügelt, dann von meinem Vater und schließlich von meinen Onkeln. Für sie war ich allein an allem schuld. Es hatte wenig Sinn, ihnen zu versichern, dass es nicht meine Idee gewesen war, sondern die der anderen Jungs. Lediglich meine Mutter glaubte mir, doch sie konnte mich weder vor den Schlägen noch vor der Strafe schützen.

Die Männer meiner Familie verdonnerten mich dazu, immer in Totòs Nähe zu bleiben, um ihn zu beschützen: Er war die Schwachstelle unserer Bande. Normalerweise rannte ich morgens in die Schule, um in Form zu bleiben, aber nach diesem Vorfall musste ich Totò im Bus zur Schule begleiten.

Ich träumte damals davon, Fußballprofi zu werden. Mein Herz gehörte Juventus Turin, und meine Helden waren Romeo Benetti und Pietro Anastasi. Ich schwor mir, eines Tages so gut zu sein wie sie. Aber statt eines Fußballs hatte ich jetzt einen Klotz am Bein: Totò. Wegen ihm hatte ich fast jeden Tag Krach mit den anderen Jungs. Er war blöd genug, sich jedes Mal das Pausenbrot klauen zu lassen, sobald ich nicht in seiner Nähe war. Es gab aber auch eine positive Seite: Totò war ein guter Schüler. Von der Grundschule bis zum Mittelschulabschluss, den ich ohne ihn niemals geschafft hätte, machte er meine Hausaufgaben.

Normalerweise lief es so ab: Ich kam erschöpft und verschwitzt in der Schule an, schlief auf meinem Platz ein, und der Lehrer versuchte mich mit ein paar Ohrfeigen zu wecken. Aber nichts zu machen: Ich nickte sofort wieder ein. Erst als es nach Schulschluss klingelte, wurde ich richtig wach, und erst dann begann mein Tag so richtig.

Wenn mein Vater bei Fiat von zwei bis zehn Uhr die Abendschicht hatte, aßen wir gemeinsam zu Mittag, und bevor er zur Arbeit ging, quälte er mich mit dem Einmaleins. Seinen Ohrfeigen ist es zu verdanken, dass ich das Einmaleins so gut beherrschte, dass selbst mein Lehrer verblüfft war. Eigentlich lernte ich von meinem Vater weit mehr als von meinem Lehrer. Seine Strenge sorgte dafür, dass ich nicht nur in Mathematik, sondern auch in Geografie besser als meine Klassenkameraden war. Im Klassenraum selber war ich allerdings meist geistig abwesend. Ich hasste den Unterricht. Für mich war er reine Zeitverschwendung.

»Ich bin eben Fußballer und kein Bücherwurm«, sagte ich mir immer wieder, um mir Mut zuzusprechen.

In der Schule trieben wir nichts als Unsinn. Wir klauten alles, was nicht niet- und nagelfest war. Nicht, weil wir es haben wollten, sondern einfach so. Eines Tages beobachteten wir, wie ein Eiswagen vor dem Lebensmittelladen stehen blieb. Der Fahrer stieg aus, öffnete die hintere Tür, nahm zwei Kartons mit Eis heraus und verschwand im Laden. Ein Blick zu Tino genügte, wir sprangen in den Wagen und brausten mitsamt der Ladung davon.

Dann holten wir unsere Freunde ab, fuhren ins Grüne und stopften so viel Eis in uns hinein, bis uns kotzübel wurde. Als wir nicht mehr konnten, fingen wir an, uns gegenseitig mit Eis zu bewerfen. Warum wir diesen Blödsinn eigentlich machten, wussten wir selbst nicht. Auch dass wir es dieses Mal übertrieben hatten, war uns nicht bewusst. Das war schlimmer, als Welpen zu klauen.

Alle Kinder in unserem Viertel wurden von ihren Eltern verhört, um herauszufinden, wer dabei gewesen war. Tino, Nello und ich wurden ordentlich verprügelt, aber wir blieben still, »sangen« also nicht. Aber unser Schweigen half nichts, denn wie immer war das Muttersöhnchen Totò der Verräter, der alles beichtete.

Heiliger Strohsack, was wurde ich an diesem Tag von meinem Vater grün und blau geschlagen! Aber es waren nicht die Prügel, die wehtaten. Unsere Eltern mussten Schulden bei der Bank machen, um den Schaden auszugleichen, den wir angerichtet hatten. Ich wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Nur meine Mutter hatte Mitleid mit mir. Sie nahm mich in den Arm und wiegte mich wie ein kleines Kind. Dabei murmelte sie immer wieder, sie sei sicher, dass wir einen solchen Blödsinn nicht noch mal machen würden.

Meine Mutter! Was für eine wunderbare Frau! Ich erinnere mich nicht, dass sie jemals die Hand gegen mich erhoben hätte. Jeder ihrer Vorwürfe wurde von einem freundlichen Lächeln begleitet. Ich versprach ihr jedes Mal, dass ich mich in Zukunft gut und anständig benehmen würde. Aber nach ein paar Tagen waren alle guten Vorsätze vergessen. Wer weiß, wie oft ich sie enttäuscht habe.

Unsere Bande bestand aus etwa zehn Jungs. Wenn wir nicht im Viertel blieben und in den Hinterhöfen Fußball spielten, machten wir die Stadt unsicher. Uns entkam keiner.

Unsere Feinde waren die »Vicinzillari«. Sie hatten sich nach Vicinzella benannt, dem Stadtviertel, in dem sie wohnten. Wir dagegen waren die »Indianer«, denn unsere Gegend nannte man das »Indianerviertel«.

Eines Tages waren wir gerade auf der Suche nach den Vicinzillari, die unser Bandenmitglied Memè schwer verprügelt hatten, als wir zwei Carabinieri entdeckten, die ihre Motorräder am Straßenrand aufgebockt hatten. Sie wirkten wie Riesen – jedenfalls kamen sie mir in meinen Kinderaugen so vor.

Während wir an ihnen vorbeigingen, musterten sie uns mit prüfenden Blicken, wir dagegen versuchten, besonders unschuldig auszusehen. Plötzlich war ein Mordskrach zu hören. Ich drehte mich um und sah eines der Polizeimotorräder am Boden liegen. Ich blieb stehen, als ein Carabiniere auf mich zugeschossen kam und auf mich einzuprügeln begann. Er hielt mich so fest, dass ich das Gefühl hatte zu ersticken. Danach kam noch sein Kollege dazu. Ich war starr vor Angst und versuchte mich zu befreien. Warum schlugen sie mich? Was war überhaupt passiert? Einer der beiden meinte, er habe mich wiedererkannt, und verlangte meinen Namen. Ich nannte ihm einen Namen – natürlich einen falschen. Der Polizist ging, ohne mich loszulassen, auf sein Motorrad zu. Während er über Funk mit der Zentrale sprach, gelang es mir, mich zu befreien und zu flüchten. Der andere Beamte rannte mir nach, übersah dabei aber ein sich näherndes Auto.

Das Auto erfasste ihn und schleuderte ihn brutal auf die Straße. Wie durch ein Wunder überlebte er.

Ich war schockiert. Meine Ohren waren feuerrot, mein Kopf drohte zu platzen, meine Arme schmerzten. Ich rannte weiter, noch nie hatte ich solche Angst gehabt. Ich fürchtete, dass mich die Carabinieri erkannt hatten. Dieses Mal würden mich mein Vater und mein Großvater totschlagen. Dieses Mal war es wirklich ernst.

Als ich bei meinen Freunden ankam, war ich immer noch geschockt und verwirrt, besonders, weil die anderen bei meinem Anblick in Gelächter ausbrachen. Ich kapierte gar nichts. Sie wieherten vor Lachen. Dann erklärte mir einer, was los war.

Das Unglück mit dem Motorrad war passiert, als ich Totò kurz aus den Augen gelassen hatte. Er hatte wohl so fest dagegengetreten, dass es umstürzte. Noch bevor die Geschichte zu Ende erzählt war, stürzte ich mich auf Totò und schlug auf ihn ein. Wie hatte er mir das antun können? Meine Freunde lachten noch immer. Ich verprügelte ihn so sehr, dass er sich sein Leben lang daran erinnern würde. Und als Totò mich zu Hause verpetzte und seine Eltern mir Vorwürfe machten, war mir das völlig egal. Ich drohte sogar, mir ihn am nächsten Tag wieder vorzuknöpfen. Ich hatte es satt, immer für jeden Blödsinn verantwortlich gemacht zu werden, den er verzapfte. Jetzt war ich bereit, die Konsequenzen zu tragen, Prügel würde ich ohnehin einstecken, so oder so.

Endlich hatte ich Totò aus meinem Leben gestrichen.

Von diesem Tag an waren wir das Muttersöhnchen los. Da waren Tino ’u Mancinu, Nello ’u Grossu und ich uns einig. Und jedes Mal, wenn sich Totò uns näherte, setzte es für ihn Ohrfeigen. Die Anweisung meiner Eltern, immer in seiner Nähe zu bleiben und auf ihn aufzupassen, schlug ich in den Wind.

Aber nach einer Weile mussten auch sie es akzeptieren. Totò hatte sich ins Aus gespielt, ein für alle Mal. Mit ihm hatten wir nur Ärger. Er hätte sich ja doch nicht geändert. Und auch Totò sah das am Ende ein. Er blieb zu Hause und lernte.

Die Waffen

Seit einer Stunde war alles bereit. Tino, Nello und ich hatten uns versteckt und warteten darauf, dass die Distelfinken sich auf unsere ausgelegten Schlingen setzten. Wir schwiegen und bewegten uns nicht, damit die Vögel uns nicht schon von oben erkennen konnten. Plötzlich sahen wir Vincenzo ’u Fitusu auf uns zukommen, ein Schäfer aus dem Dorf, der bei seinen Schafen schlief und sich allem Anschein nach nur sehr selten wusch. Niemand wagte es, ihm zu nahe zu kommen: Er stank schlimmer als ein ganzer Schweinestall.

Vincenzo trug einen großen Jutesack in der einen und einen Spaten in der anderen Hand und sah sich immer wieder misstrauisch um.

Sein Verhalten machte uns neugierig. Ich schaute durch das Fernglas und bemerkte, dass der Schäfer einige Zweige zur Seite schob und dann mit dem Spaten zu graben begann. Fasziniert beobachteten wir ihn weiter. Was ging hier vor?

Vincenzo grub und grub, dann zog er eine große, runde Plastiktonne heraus. Er drehte den Deckel ab und versenkte den Jutesack in der Tonne. Dann verschloss er die Tonne wieder, legte sie behutsam in die Grube, bedeckte sie sorgfältig mit Erde und ging davon, wobei er sich immer wieder verstohlen umblickte. Hatte ihn auch niemand beobachtet? Sobald er weit genug weg war, sprangen wir aus unserem Versteck hervor, gingen zu der Stelle mit der frisch aufgewühlten Erde und begannen mit bloßen Händen zu graben. Mit großer Mühe bargen wir gemeinsam die schwere Tonne. Ich drehte mit beiden Händen den Deckel auf, dann zogen wir den Sack heraus und schütteten seinen Inhalt auf den Boden: zwei abgesägte Schrotflinten mit Doppellauf, drei Trommelrevolver, zwei Pistolen, mehrere Päckchen Munition und eine Tasche. Als wir Letztere öffneten, entdeckten wir außerdem mehrere dicke Bündel Geldscheine. Viel Geld, ganz sicher mehrere Millionen Lire. Unsere Herzen klopften zum Zerspringen, wir waren wie gelähmt.

Waffen hatten wir schon gesehen, wir hatten sogar schon mit der alten Pistole von Nellos Vater herumgeballert. Aber diese hier waren anders: viel kleiner und ihr blankes Chrom glänzte uns entgegen. Wir steckten alles wieder in die Tonne, packten sie rechts und links an den beiden Plastikgriffen und schleppten sie ein paar Hundert Meter weiter, bis zu einem Versteck, das nur wir kannten. Bevor wir gingen, leisteten wir einen heiligen Schwur: Niemals würden wir unser Geheimnis verraten. Niemals und niemandem.

Wir kamen alle sehr spät nach Hause. Mein Vater arbeitete noch in der Abendschicht, aber meine Mutter warnte mich vor, er würde mir eine ordentliche Abreibung verpassen. Ich hörte gar nicht zu, da ich nur an unser neues und großes Geheimnis denken konnte. Rasch schlang ich ein Brötchen hinunter und verließ dann auch schon wieder das Haus, wobei ich ständig murmelte: »Ja, ja.«

Wir trafen uns an unserem üblichen Platz. Auf Tinos Stirn prangte ein Pflaster. Seine Mutter hatte ihm wegen seiner Zuspätkommerei einen Teller auf dem Kopf zertrümmert. Normalerweise hätten wir darüber gelacht – nicht aber an diesem Tag. Unsere Aufregung über das Geschehene war viel zu groß, und keiner von uns wusste, was weiter zu tun war. Was sollten wir mit unserem Schatz anstellen?

Ich zählte das Geld. Neun Millionen Lire. Neun Bündel mit jeweils hundert Zehntausenderscheinen.

Wir probierten die Waffen aus, am meisten Spaß machten die Trommelrevolver. Wir verballerten fünf Päckchen Munition. Fast wäre die Schießerei schiefgegangen: Tino zielte mit einer Lupara und drückte ab. Doch unmittelbar danach glitt ihm die Schrotflinte aus der Hand, fiel zu Boden und ein zweiter Schuss löste sich. Wir hatten Riesenglück, dass niemand verletzt wurde und keinem durch den Krach das Trommelfell platzte. Schrotflinten waren nichts für uns, das war spätestens jetzt klar.

Als Erstes entschieden wir, die neun Millionen aufzuteilen und jedem einen Trommelrevolver zu geben. Jeder sollte seine Waffe an einem nur ihm bekannten, geheimen Ort verstecken.

Verdammt! Drei Millionen pro Nase. Wer von uns hatte überhaupt jemals so viel Geld gesehen! Um sich vorstellen zu können, welche Summe das damals war, sollte man sich klarmachen, dass mein Vater in den 1970er-Jahren im Monat etwa 450000 Lire verdiente – der Preis für eine neue Vespa, mein großer Jugendtraum. Natürlich konnte ich mir nicht einfach von jetzt auf gleich eine Vespa kaufen, ohne Verdacht zu erregen. Doch ich hatte schon eine Idee: Ich würde den Roller auf einen anderen Namen anmelden.

Einige Zeit zuvor hatte mein Vater mir eine gebrauchte Vespa für 150000 Lire gekauft, damit ich besser zur Arbeit käme. Natürlich hatte ich von dieser alten Möhre nur den Rahmen behalten, auf dem ein Schildchen mit der Seriennummer festgeschraubt war. Ich hatte es abgemacht und auf eine fast neue Vespa montiert, die ich gestohlen und in ein glänzendes Nachtblau umlackiert hatte. Sie sah wirklich schick aus, aber legal war an ihr bloß die Seriennummer. Alles andere, das Fahrgestell, die Räder, der Auspuff und der 75-Kubik-Motor, hatte ich von anderen Vespas genommen und dann zusammengeschraubt.

Damals, nach der Mittelschule, hatte ich in einer Werkstatt angefangen, um »etwas Vernünftiges zu lernen«, und verdiente 40000 Lire pro Monat. Wie hätte ich mir von den paar Kröten die Vespa meiner Träume leisten können? Zumal ich das Geld sofort bei meiner Mutter abliefern musste.

Eines Morgens, auf dem Weg in die Werkstatt, hatte ich meinen Vater mit einigen Kollegen von der Nachtschicht kommen sehen. Sie trugen schlammverkrustete Gummistiefel. Dieses Bild brannte sich in mein Gehirn. Ich weiß nicht warum, aber danach quälten mich seltsame Gedanken, und an jenem Tag schwor ich mir, niemals ein solches Leben zu führen.

 

Der Hund heult nicht mehr, er hat sich offenbar beruhigt. In dieser schier unendlichen Nacht rasen meine Gedanken. Ich kehre in meine Jugendjahre zurück und eine quälende Frage, immer die gleiche, drängt nach einer Antwort: Warum? Warum bin gerade ich so geworden?

Wenn jeder von uns eine Situation in seiner Jugend, eine Tatsache, eine Episode, eine Freundschaft herausstellen würde, von der die Charakterentwicklung besonders beeinflusst, die Weichen für die Zukunft gestellt und die Richtung des Lebens bestimmt wurden, würde ich mich für diesen weit zurückliegenden Tag entscheiden. Für den Tag, an dem ich – nicht einmal fünfzehn Jahre alt – mit meinen Freunden Distelfinken fangen wollte und dabei einen Schatz aus Waffen und Geld gefunden habe.

Wenn ich heute rückblickend darüber nachdenke, glaube ich allerdings nicht, dass dieser Fund entscheidend war. Wichtig, ja, aber nicht entscheidend.

Schuld an meiner Entwicklung waren nicht das schlechte Umfeld, die falschen Freunde, wie man in diesen Fällen oft annimmt. Nein. Ich war einfach so. Ich kann es nicht besser erklären. Ich hätte an besagtem Tag auch ganz alleine sein können, und ich hätte doch nicht anders gehandelt. Ich war ein Krimineller, von Kindesbeinen an – auch wenn mir das damals noch nicht bewusst war. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Wir waren eine große Familie, die allein von dem kargen Arbeiterlohn meines Vaters leben musste. In diesem Alter erlaubt es der Intellekt noch nicht, logisch zu denken und entsprechende Schlüsse zu ziehen. Wenn ich etwas sah, das mir gefiel, ich es mir aber nicht leisten konnte, dann stahl ich es. Ich wusste, dass das nicht richtig war. Aber ich verstand es nicht. Und es ist leider so: Je weiter man sich in die falsche Richtung entwickelt, desto schwieriger wird es, wieder umzudrehen. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß …! Aber vielleicht wäre ich auch nie zu diesen Erkenntnissen gelangt, wenn ich nicht hier gelandet wäre.

Ich blicke ins Leere, die Hände hinter dem Nacken verschränkt, mein Zellengenosse schnarcht laut, so laut, dass die Scharniere seines Feldbetts quietschen. Der kläffende Hund war das kleinere Übel.

Das Geheimnis

Nach unserer Entdeckung vergingen einige Tage, ohne dass etwas passierte. Niemand ahnte etwas von unserem Fund. Aber Nello und Tino hatten es satt, ständig in Angst leben zu müssen. Wo sollten sie die Revolver verstecken? Zu Hause natürlich nicht. Am besten dort, wo wir sie gefunden hatten. Ich dagegen hatte meinen immer dabei, wenn ich unterwegs war, ansonsten versteckte ich das gute Stück in einem Autowrack.

Das Geld gaben wir nach und nach aus, die Versuchung war zu groß. Als Erstes gönnten wir uns eine richtige Fußballausrüstung: Schuhe von Pantofola d’Oro, die damals ein Vermögen kosteten. Und neue Jeans, T-Shirts und Jacken. Die misstrauischen Nachfragen ließen nicht lange auf sich warten. Als meine Mutter mich das erste Mal in meinen neuen Klamotten sah, wollte sie sofort wissen, woher ich sie hatte. Ich antwortete, dass ich mir alles von einem Freund geliehen hatte.

»Kann ich das auch deinem Vater sagen, damit er beruhigt ist?«, fragte sie weiter.

»Sicher, er braucht sich keine Sorgen zu machen«, beschwichtigte ich, obwohl es offensichtlich war, dass sie mir nicht glaubte. Aber gerade deshalb war ich davon überzeugt, dass sie meinem Vater nichts sagen würde. Ihr gegenüber hatte ich allerdings ein schlechtes Gewissen, weshalb ich dazu überging, das Haus in meinen alten Klamotten zu verlassen und mich erst danach umzuziehen.

Nach und nach wurden wir leichtsinnig. Wir begannen mit dem Geld anzugeben. Einmal zog Nello ein Bündel Zehntausender aus der Tasche, um drei Scheiben Wassermelone zu bezahlen, danach wusste das ganze Dorf Bescheid. Inklusive unserer Eltern natürlich.

Eines Morgens, ich lag noch in tiefem Schlaf, zog mich mein Vater an den Haaren aus dem Bett, warf mich zu Boden und prügelte auf mich ein.

»Wo habt ihr die Tonne versteckt?«, brüllte er mich an.

»Was für eine Tonne?«, fragte ich und versuchte mein Gesicht mit den Händen gegen die Schläge zu schützen.

»Du weißt schon … raus mit der Sprache!«

»Ich weiß von nichts.«

»Dieses Mal bring ich dich um«, tobte er weiter, außer sich vor Wut.

Er schlug so ungezügelt zu, dass meine arme Mutter, die ihn zu stoppen versuchte, selbst etwas abbekam. Als er endlich genug hatte, fesselte er mich an das Balkongeländer.

»Leugnen hat doch keinen Sinn«, sagte mein Onkel mit sanfter Stimme.

»Tino hat alles erzählt«, fügte mein Cousin listig hinzu.

»Unmöglich, Tino hat geschworen nichts zu verraten«, dachte ich. Auf den Trick fiel ich nicht herein.

»Wenn ihr doch schon alles wisst, warum lasst ihr mich dann nicht in Ruhe? Was wollt ihr noch von mir?«

»Hör mir gut zu«, wandte sich mein Großvater mir zu, nachdem er meinen Vater wegen der Fesseln kritisiert hatte. »Dieses Mal ist es ernst. ’U Fitusu war bei mir. Er sagte, du hättest ihm eine Tonne gestohlen, in der er etwas versteckt hatte, das er zurückhaben muss. Wenn ihr diese Tonne also geklaut habt, dann steht dazu, und wir geben sie ihm einfach zurück.«

Mit seinen besonnenen Worten hatte mich mein Großvater schon fast überzeugt, aber ich dachte auch an den Schwur, den ich abgelegt hatte und den ich nicht brechen durfte. Ich beschloss, mich erst mit meinen Freunden zu beraten. Vielleicht würden wir danach alles zurückgeben.

Also sagte ich: »Großvater, ich weiß von nichts.« Und obwohl meine Antwort ihn ganz und gar nicht überzeugte, befahl er allen, mich in Ruhe zu lassen. Er ging zu Fitusu und ließ sich erklären, warum er gerade mich in Verdacht hatte.

»Einige Bauern haben erzählt, dass sich ’u Malerba, ’u Mancinu und ’u Grossu immer in dieser Gegend herumtreiben. Aber Beweise habe ich keine«, musste der Schäfer eingestehen.

Obwohl mein Vater skeptisch blieb, löste er daraufhin meine Fesseln. Er kannte mich zu gut und meinte zu den anderen, sie könnten sich gar nicht vorstellen, was für ein durchtriebener Lügner ich sei.

»Mich würde er nie belügen«, sagte mein Großvater, und seine Worte brannten wie Feuer in meiner Seele.

Auch Nello und Tino hielten den Verhören stand. Keiner von uns hatte etwas verraten. Zum Glück war Totò ’a Fimminedda dieses Mal nicht bei unser Aktion dabei gewesen. So blieb unser Geheimnis wirklich ein Geheimnis. Trotzdem hatten wir Angst. Wir hatten begriffen, dass wir in ernsten Schwierigkeiten steckten. Ich versuchte meine Freunde davon zu überzeugen, dass es vielleicht besser wäre, alles zurückzugeben. Aber davon wollte vor allem Tino nichts wissen.

»Ich brauche das Geld, um zu heiraten«, protestierte er.

Mein Vater mit den schlammverkrusteten Gummistiefeln fiel mir wieder ein.

Die Waffen hätten wir freiwillig zurückgegeben, nicht aber das Geld. Und es wäre schwer gewesen, die anderen davon zu überzeugen, dass wir nur die Waffen gefunden hatten. Wir entschieden uns deshalb dafür, alles zu behalten, aber nichts mehr zu kaufen, was uns verdächtig machen könnte. Mein Vater gab mir weiterhin – jetzt allerdings mit misstrauischem Blick – 1400 Lire Taschengeld in der Woche. Das musste reichen, für Kino, Pizza und Getränke.

Während Tino also schon ganz genau wusste, was er mit dem Geld machen würde, war Nello kurz davor einzuknicken. Sein Vater hatte ihn grün und blau geschlagen, und Tino vertraute mir an, dass er nicht mehr lange durchhalten würde.

Jedes Mal, wenn ’u Fitusu mich traf, sagte er zu mir: »Male´, Malerba, du hast mir Geld geklaut …«

»Welches Geld?«, fragte ich zurück.

»Wenigstens die Waffen könntet ihr doch zurückgeben«, versuchte er zu vermitteln.

»Ich hab keinen blassen Schimmer, wovon du sprichst, welche Waffen? Wenn du nicht mit deinen Anschuldigungen aufhörst, sag ich’s meinen Onkeln.« Damit brachte ich ihn zum Schweigen.

Einige Tage später wurden im Morgengrauen in einem Schafstall zwei Leichen gefunden: ’U Fitusu und einer seiner Freunde. Die Nachricht schockierte uns. Wir hatten gleich das Gefühl, irgendeine Art von Mitschuld daran zu tragen.

Am nächsten Tag nahmen die Carabinieri zwei Verdächtige fest, die für den Doppelmord verantwortlich sein sollten, und einer der beiden gab die Tat zu. Sie hätten sich rächen wollen, da ihnen Vincenzo ’u Fitusu die Beute aus einem Raubüberfall gestohlen hatte.

Nello, Tino und ich schworen uns erneut, das Geheimnis unser Leben lang zu wahren – jetzt, da auch wir in höchster Gefahr waren, musste das erst recht sein. Die Angst ließ uns schweigen.

Viele Nächte lang wurde ich von Albträumen gequält und konnte kaum schlafen. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass unser Dummejungenstreich so schlimme Konsequenzen haben würde.

Immerhin ließ mich dieses dramatische Ende der Geschichte in den Augen meines Vaters unschuldig erscheinen. Er beteuerte meiner Mutter gegenüber immer wieder, wie leid es ihm tue, dass er mich für etwas verprügelt hatte, das ich gar nicht getan hatte. Dass es unrecht war, immer mir die Schuld für alles zu geben. Dass ich eigentlich doch noch ein Kind war.

Ich legte ihm gegenüber eine gewisse Gleichgültigkeit an den Tag, um ihm ein noch schlechteres Gewissen zu machen: Du hast mich zu Unrecht verdächtigt, sagte jeder meiner Blicke. Daraufhin war mein Vater nicht mehr ganz so streng … Rückblickend war das ein schwerer Fehler.

 

Der Tag bricht an, und ich höre draußen das Tor quietschen. Ich nehme an, es ist der Lieferwagen mit dem Brot. Jeder neue Tag beginnt mit den gleichen Geräuschen und verläuft im gleichen nervtötenden Rhythmus. Ich habe wieder nicht geschlafen. Nicht schlimm. Hier drin habe ich mehr als genug Zeit, mich auszuruhen. Claudio, mein Zellengenosse, bewegt sich, er wacht auf. Ich stelle mir vor, wie er sich gleich mit seinen hundert Kilo auf die Klobrille hinter dem Vorhang setzt, und schon jetzt wird mir schlecht. Die größtmögliche Freiheit, nach der ich streben kann, ist, eines Tages eine Einzelzelle zu haben. Auch wenn diese noch so winzig sein mag. Nur meine Geräusche, meine eigenen Gerüche. Ich drehe mich auf die andere Seite, wende mein Gesicht der rissigen, kalten Wand zu.

Wenn mein Vater kein schlechtes Gewissen gehabt und mich weiter geschlagen hätte … Was wäre dann aus mir geworden?

Ich gebe diese Frage an das Schicksal weiter. Aber es hört mir nicht zu.

Die Überfälle

Sie hieß Rosanna und war wunderschön. Ich fragte sie, ob sie mit mir tanzen wolle, und sie sagte Ja.

Sie war die erste wirkliche Liebe in meinem Leben. Wann immer ich von der Arbeit verschwinden konnte, fuhr ich mit meiner aufgemotzten Vespa von Casamarina nach Giardini, einem Örtchen, das nur einige Kilometer entfernt lag.

Rosannas ältere Schwester Lella war mit Peppe Tempesta, einem jungen Mann aus meinem Dorf, verlobt. Er und ich wurden Freunde und fuhren immer gemeinsam nach Giardini, um Rosanna und Lella zu besuchen.

Die neue Freundschaft und meine wachsenden Gefühle für Rosanna entfernten mich von meinen Freunden aus Kindertagen. Aber das schien Nello und Tino auch ganz recht zu sein: Sie wollten einfach nur ihre Ruhe haben. Ich behielt das restliche Geld und die Waffen und versprach den beiden, alles mit ihnen zu teilen, sobald ich die Revolver und Flinten zu Geld gemacht hätte. Letztendlich habe ich die Waffen jedoch nie verkauft. Ich behielt sie und zahlte Nello und Tino später aus eigener Tasche aus.

Unseren Bund, oder besser gesagt, unsere Bande, gab es zwar nicht mehr, aber unsere Freundschaft blieb bestehen. Unser Geheimnis würde das Geheimnis bleiben, das uns unser ganzes Leben lang begleiten würde.

Jetzt hatte ich aber erst mal Rosanna, die mich mit ihren Küssen jedes Mal so heiß machte, dass ich mir danach eine Prostituierte suchen musste, um mich wieder abzukühlen. Das kostete jedes Mal 5000 Lire – für mich eine Riesensumme. Und das alles, weil Rosanna unbedingt als Jungfrau die Ehe eingehen wollte.

Eines Abends, nachdem wir unsere Liebsten heimgebracht hatten, gingen Peppe und ich zu meiner Vespa, um zurück nach Casamarina zu fahren. Aber sie stand nicht mehr an ihrem Platz. Geklaut! Einfach so!

In mir stieg sofort ein Verdacht auf. Ein paar Jungs aus Giardini, die in einer Bar herumhingen, vor der ich häufig parkte, warfen jedes Mal bewundernde Blicke auf meine Maschine. Eines Tages war einer von ihnen sogar auf mich zugekommen und hatte mir Fragen über die Sonderausstattung gestellt.

Weil ich stolz darauf war, dass die Jungs für meine Vespa schwärmten, hatte ich ihm ziemlich großspurig geantwortet.

Sie hatten meine Vespa geklaut, da hatte ich keine Zweifel. Ich stürmte also in die Bar, mit Peppe im Schlepptau, der vergeblich versucht hatte, mich zurückzuhalten.

Die Jungs saßen an ihrem üblichen Tisch und lachten. Sobald sie mich erblickten, ebbte ihr Lachen jedoch ab, und sie beäugten mich misstrauisch: die letzte Bestätigung meines Verdachts.

Ich winkte den Typen, der ihr Anführer zu sein schien, zu mir heran und verlangte die Vespa zurück. Er entgegnete lässig: »Welche Vespa?« Wir wurden laut und begannen uns zu prügeln.

Seine Freunde schienen nur darauf gewartet zu haben und stürzten sich auf Peppe und mich. In Windeseile waren wir umzingelt, und von allen Seiten prasselten Schläge auf uns ein.

Der Zufall wollte es, dass genau in diesem Augenblick ein Mann vorbeikam, ein Lehrer, der die Jungs gut kannte. Um Ärger aus dem Weg zu gehen, hauten sie sofort ab.

Der Mann kam auf uns zu und half uns hoch. Er bot sogar an, uns ins Krankenhaus zu bringen, aber das lehnten wir ab und machten uns fluchend auf den Heimweg. Meinen Freund in diesem Zustand zu sehen schmerzte mich mehr als meine eigenen Wunden. Es tat mir leid, dass ich ihn in die Prügelei hineingezogen hatte. Aber gleichzeitig bewunderte ich ihn auch, weil er mich nicht im Stich gelassen hatte.Wie es sich für eine ordentliche Prügelei gehört, trug ich ein paar Beulen davon. Jahre später stellte sich heraus, dass ich wohl auch eine gebrochene Rippe hatte. Die muss auch der Grund dafür gewesen sein, dass ich noch lange Zeit starke Schmerzen im Brustbereich verspürte.

Aber manchmal hat das Schlechte auch sein Gutes, wie man so sagt: Während meiner Zeit beim Militär gewährte man mir wegen dieses »Schadens« einige Tage Erholungsurlaub.

Aber an diesem schmachvollen Tag wollten wir vor allem Rache: »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Wir klauten ein Mofa und fuhren nach Casamarina zurück. Ich war außer mir vor Wut und wollte diese Schande nicht auf mir sitzen lassen – egal, wie übel ich bereits zugerichtet war.

Peppe versuchte mich zur Besinnung zu bringen, obwohl auch er wegen der Schlägerei sauer war.

»Wir sind nur zu zweit, sie sind viele … Die bringen uns um.«

»Wir sind auch viele«, redete ich ihm zu. »Ich habe gute Freunde, die uns helfen werden, du wirst schon sehen.«

Ich brachte ihn nach Hause und bat ihn Alkohol zu besorgen, damit wir unsere Wunden desinfizieren könnten. Ich selber hätte noch etwas anderes zu erledigen.

Ich holte die beiden Pistolen aus dem Versteck und kehrte zu Peppe zurück. Als ich ihm die Waffen zeigte, wirkte er nicht verschreckt, im Gegenteil: Er war fasziniert. Das hatte ich gehofft. Nachdem ich unsere Verletzungen notdürftig versorgt hatte, fragte ich Peppe, ob er mit mir und meinen beiden »Freunden« nach Giardini zurückkehren wolle.

»Worauf warten wir?«, antwortete er, ohne zu zögern.

Da ich wegen der Schmerzen nicht selbst fahren konnte, ließ ich wieder ihn ans Steuer des geklauten Mofas. Sobald wir Giardini erreicht hatten, drehten wir einige Runden um das Dorf. Dabei achteten wir darauf, tunlichst nicht in die Lichtkegel der Straßenlaternen zu geraten. Die Dunkelheit war unsere Verbündete. Plötzlich sah ich einen der Typen, wie er gerade seinen Roller parkte.

Bevor wir ihn uns greifen konnten, war er schon in einer Spielhalle verschwunden. Darin saßen auch all jene, die uns zuvor grün und blau geschlagen hatten.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Peppe.

»Wir warten«, bestimmte ich.

Ich war immer noch wütend. Nicht wegen der Vespa – die war ersetzbar –, sondern wegen der Niederlage und der Häme, die wir hatten einstecken müssen. Das Gelächter der anderen hallte stetig in meinem Kopf wider. Nach etwa einer halben Stunde verließ die Gruppe die Spielhalle wieder.

Ich hatte mich hinter einem Auto versteckt, und Peppe war auf der anderen Straßenseite postiert. Sollte einer unserer Gegner zu fliehen versuchen, könnte Peppe ihn mit der Pistole aufhalten. Um meinen Freund zu beruhigen, versicherte ich ihm, dass er nicht würde schießen müssen. Allein der Anblick der Waffe sollte den anderen Typen so beeindrucken, dass es keine Scherereien gäbe.

Ich nahm mir den Anführer der Truppe vor, denjenigen, der auf mich eingetreten hatte, als ich bereits am Boden lag. Wie ein Tiger stürzte ich mich nun auf mein Opfer und schlug ihm mit dem Pistolenknauf auf den Kopf, so, wie ich es im Kino gesehen hatte. Das Blut begann wie ein Springbrunnen zu sprudeln, und die anderen schienen zu Stein erstarrt zu sein. Sie wirkten wie gelähmt.

»Ich bring euch alle um, wenn ihr mir meine Vespa nicht zurückgebt«, schrie ich und fuchtelte mit der Pistole herum. Einer bot sich sofort an, uns zu dem Schuppen zu bringen, wo meine Maschine versteckt war. Ich bat Peppe ihm dorthin zu folgen. Ich würde an Ort und Stelle bleiben und diesen »netten Jungs« ein wenig Gesellschaft leisten.

»Was ist los? Warum lacht ihr denn nicht mehr? Ich will euch lachen hören, sonst durchlöchere ich euch die Kniescheiben.«

Was für ein Haufen Feiglinge da vor mir stand! Sie schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Einer flehte mich an, ihn gehen zu lassen, er habe eine kranke Mutter zu Hause.

»An meine Mutter habt ihr nicht gedacht, als ihr mich zusammengeschlagen habt, was? Ihr Hurensöhne!«

Obwohl ich voller Hass war, konnte ich ihnen die Prügel natürlich nicht auf Heller und Pfennig zurückgeben. Der Anführer, dem ich schon mit der Pistole eins übergezogen hatte, heulte und jammerte, er könne nichts mehr sehen. Er versuchte mit den Händen das immer noch aus der klaffenden Wunde strömende Blut zu stoppen.

Ich zwang die Jungen, sich nackt auszuziehen und alles, was sie am Körper trugen, auf einen Haufen zu legen: Kleidung, Schuhe, Brillen, Gürtel, Armbanduhren und sogar Ohrringe. Inzwischen kam Peppe mit meiner geliebten Vespa um die Ecke gefahren: Das satte Röhren des Polini-Auspuffs war Musik in meinen Ohren! Ich nahm einen Pulli vom Haufen, tauchte einen Ärmel in den Benzintank und legte den Pulli wieder zurück. Dann fackelte ich alles ab. Welch riesiges, beglückendes Feuer!

Ich fragte, ob jemand von ihnen irgendwelche Einwände hätte, aber da niemand reagierte, fuhr ich fort: »Los, lacht schon!«

Sie hielten sich die Hände schützend vor den Unterleib und lachten dabei. Sie lachten, um nicht weinen zu müssen.

Ich stieg auf meinen Roller und drohte: »Ich fahre jetzt, aber ich werde wiederkommen … Ich bin sicher, dass in Zukunft niemand mehr meine Vespa klauen wird.«

Ein einstimmiges »Ja, ja« kam mir entgegen.

Peppe kletterte auf den Rücksitz, und wir fuhren langsam davon. Noch immer tat uns alles weh, aber wir fühlten uns gleichzeitig auch stark und unbesiegbar wie Götter.

»Meine Fresse. Welche Wirkung so eine Waffe doch hat«, dachte ich.

Peppe sah bewundernd zu mir auf und schwor mir ewige Treue.

Als ich wieder zu Hause war und im Bett lag, ging ich im Geiste noch einmal durch, was geschehen war. Letztendlich war ich stolz auf mich, und mit einem Gefühl tiefer Genugtuung schlief ich ein – das erste Mal mit einer Pistole unterm Kopfkissen. Am nächsten Tag berichtete mir Peppe, ein Kollege seines Vaters habe erzählt, dass er in Giardini junge Kerle nackt auf der Straße gesehen hätte. »Es gibt keinen Anstand mehr«, habe der Kollege sich beklagt. Wir machten uns bei dem Gedanken daran vor Lachen fast in die Hose.

Doch die Aktion sollte noch ein Nachspiel haben. Die Eltern der Jungen zeigten die Sache bei der Polizei an und behaupteten, dass zwei Unbekannte mit einer Vespa und Sturmhauben auf dem Kopf ihren Kindern alles gestohlen hätten. Die »braven Jungen« hüteten sich natürlich davor zuzugeben, was wirklich passiert war.

Vom ersten Zorn angetrieben, wollte ich stante pede nach Giardini zurückfahren, zwang mich dann aber, noch mal darüber nachzudenken. Es wäre wohl besser, sich eine Weile lang dort nicht sehen zu lassen. Die Carabinieri suchten schließlich nach einer schwarzen Vespa mit Gepäckträger und einem Polini-Auspuff. Ich nahm sie Stück für Stück auseinander und spritzte sie um.

Einige Tage später bekam ich vom Chef der Werkstatt, in der ich arbeitete, den Auftrag, eine Riemenscheibe an den Inhaber eines Lebensmittellagers auszuliefern. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Endlich kam ich mal raus aus diesem Loch, in dem es nach altem Motoröl und verbrannten Bremsbelägen stank. Ich legte die Scheibe in den Fahrradkorb und radelte gemütlich los. Am Ziel angekommen, musste ich einige Male klopfen, bevor mir eine herrische Stimme antwortete: »Herein!«

Vorsichtig öffnete ich die Tür. Ein Mann, offensichtlich der Inhaber, saß über seinen Schreibtisch gebeugt und schrieb etwas. Auf meine Begrüßung reagierte er nicht einmal und deutete, ohne aufzusehen, auf einen Platz, wo ich die Scheibe hinlegen sollte. Dann verlangte er, ich solle gefälligst warten, bis er die Rechnungen für meinen Chef fertig hätte.

»Was für ein Kotzbrocken«, dachte ich und setzte mich auf einen Stuhl, auch wenn der Hausherr mir keinen Platz angeboten hatte. Hätte der Kerl auch nur einen Ton von sich gegeben, hätte ich ihm vermutlich sogar eine verpasst. Vor ihm lag eine Zigarette, die langsam vor sich hin brannte. Das musste wohl eine Marotte von ihm gewesen sein. Immerhin waren überall an den Rändern des Schreibtischs Brandspuren zu sehen. Das Hemd, das der Mann trug, war ölverschmiert.

Während ich den Mann beobachtete, fiel mein Blick auf einen halb geöffneten Safe in der Wand neben dem Schreibtisch. Ich tat so, als wären meine Muskeln verspannt, und dehnte und streckte mich, um erkennen zu können, was sich in dem Safe befand – leider vergeblich.

Als ich das Lagerhaus verließ, beschloss ich, noch am gleichen Abend dorthin zurückzukehren.

Ich erzählte Peppe davon. Ihm machte die Arbeit schon seit einiger Zeit keinen Spaß mehr, und außerdem war er immer knapp bei Kasse. Nicht mal Zigaretten konnte er sich leisten. Ab und zu lieh ich ihm Geld oder schenkte ihm etwas. Ich kaufte alles doppelt, eins für mich, eins für ihn. Doch Peppe protestierte irgendwann, so könne das nicht weitergehen.

Ich hatte zwar genug Geld, aber woher es stammte, hatte ich natürlich niemandem erzählt – nicht einmal Peppe.

Ich hätte ihn nie zu einem Raubüberfall angestiftet, doch als ich Peppe von dem Wandtresor erzählte, war er es, der vorschlug: »Wäre das nicht was für uns?«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich nahm meine Pistole und dieses Mal auch die Lupara mit, die abgesägte Schrotflinte, die wirklich gefährlich aussah. Wir postierten uns vor dem Lagerhaus und warteten darauf, dass niemand mehr im Gebäude war. Irgendwann schien der Moment günstig zu sein. Wir zogen uns jeder eine Sturmhaube über das Gesicht und gingen hinein. Das Lager war leer, aber ich hatte das sichere Gefühl, dass im Zimmer mit dem Tresor jemand sein musste. Ich riss die Tür auf, und dort stand derselbe Mann wie am Nachmittag, nur dieses Mal war er vernünftig und überaus freundlich zu mir und »Mister Lupara«.

Ich befahl dem Besitzer, den Tresor zu öffnen, aber seine Hände zitterten so stark, dass es ihm nicht gelang, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Ich nahm ihm den Schlüssel aus der Hand und öffnete den Tresor einfach selber. Der Inhalt warf mich fast um: ein Haufen Schecks und bündelweise Geld. Ich stopfte alles in eine Plastiktüte und wollte wissen, ob noch mehr Geld im Lager aufbewahrt sei. Der Mann zeigte ängstlich auf eine Schublade, wo er die Tageseinnahmen verwahrt hielt. Zum Schluss inspizierte ich auch noch die übrigen Schubladen und wurde fündig: eine brandneue Beretta 7,65-mm-Automatik. Ein Traum von einer Pistole. Dieser Moment war die Geburtsstunde meiner Liebe zu automatischen Waffen.

Peppe wartete mit laufendem Motor vor dem Lagerhaus. Ich sicherte die Beretta, verstaute sie mit den Tageseinnahmen in der großen Tasche, die wir extra für unseren Raubzug mitgebracht hatten, und dann verschwanden wir in der Dunkelheit.

Eine Viertelstunde später saßen wir am Tisch in unserem »Hauptquartier«, einem Zimmer, das wir unter dem Namen eines Verwandten von Peppe gemietet hatten. Unsere Beute betrug 1,4 Millionen Lire in kleinen und größeren Scheinen. Außerdem hatten wir noch die Schecks, aber da wir mit denen nichts anfangen konnten, warfen wir sie einfach wahllos in irgendeinen Briefkasten. Von dem Geld legten wir die Jahresmiete für das gemietete Zimmer beiseite und außerdem die Summe, die wir schon für Renovierungsarbeiten ausgegeben hatten. Den Rest teilten wir zwischen uns auf. Da wir die Waffe natürlich nicht teilen konnten, schenkte ich Peppe meine und behielt selber die Beretta. Dieses war der erste Raubüberfall meines Lebens – aber er sollte bei Weitem nicht der letzte gewesen sein. Peppe und ich machten munter weiter. Am liebsten waren uns Tankstellen – wahre Goldminen, in denen es immer haufenweise Bargeld abzugreifen gab.

Doch mit jedem Überfall veränderte sich unser Lebensstil, und damit wuchs auch das Misstrauen, das die Menschen uns entgegenbrachten. Wir waren plötzlich immer gut gekleidet und luden Hinz und Kunz zum Pizzaessen ein. Wie konnten zwei Arbeitersöhne sich einen solchen Lebenswandel leisten?

Viele Jungen aus unserer Umgebung wurden hellhörig. Sie ahnten, woher wir das Geld hatten, und einige bettelten sogar darum, bei den »Geschäften« dabei sein zu dürfen. Einer hatte eine kranke Schwester, ein anderer wollte heiraten, und wieder ein anderer baute gerade ein Haus, und sein Geld reichte hinten und vorne nicht. Mit der Zeit wurde unsere »Clique« immer größer, und der Ärger begann.

Unsere Aktionen kamen bald natürlich auch meiner Familie zu Ohren. Mein Vater hatte es satt. Er war es leid, mich mit Schlägen zu erziehen, und wollte auch gar nichts weiter von mir hören. An dem Abend, an dem er erfuhr, dass er einen Kriminellen zum Sohn hat, fuhr er mit mir aufs Meer hinaus und drohte mir kalt lächelnd: »Ein Mucks von dir, und ich bringe dich um.« In seinem Blick lagen Entschlossenheit und Wahnsinn zugleich. Nur ein Ton, und ich wäre tot. Also schwieg ich eisern und hielt mich von ihm und seinen Fäusten fern. Er wollte, dass ich Casamarina verließe, um auf Linosa, einer Insel in der Nähe von Lampedusa, zu leben.

Als wir wieder zu Hause waren, bat ich ihn, ein paar persönliche Dinge mitnehmen zu dürfen. Er gab mir eine Stunde. Geld war erst einmal das Wichtigste. Ich ging zu meiner Mutter und beteuerte lautstark meine Unschuld. Sie packte wortlos meinen Koffer – tröstende Worte hatte sie dieses Mal nicht für mich.

»Die beiden wissen offensichtlich irgendetwas Konkretes«, vermutete ich. »Meine Mutter steht sonst immer auf meiner Seite … Warum wendet sie sich dieses Mal gegen mich?«

»Es ist wohl besser, wenn ich jetzt gehe … Dann habt ihr eure Ruhe. Nicht mal Jesus Christus wurde so gnadenlos verfolgt wie ich!«, versuchte ich noch das Herz meiner Mutter zu erweichen. Aber es war nichts zu machen. Auch sie wollte, dass ich aus Casamarina verschwände und irgendwo anders Arbeit suchte.

Meine Mutter wusste Bescheid. Da gab es keinen Zweifel.

Ich nahm sie fest in den Arm und versicherte ihr, dass ich nur das Beste für sie wollte, und bat sie um Verzeihung für all die Sorgen, die ich ihr bereitet hatte. Sie weinte, und ihre Tränen waren der Beweis für all das, was sie so lange unterdrückt hatte.

 

Meine Mutter ist für mich eine Heilige. Das letzte Mal habe ich sie vor 27 Tagen gesehen – hinter einer Trennscheibe aus Glas. Sie ist immer noch eine schöne Frau, trotz der beschwerlichen Jahre und all des Leids, das das Leben ihr auferlegt hat. Das ich ihr auferlegt habe! Jedes Mal, wenn der Wachhabende kommt und verkündet, dass die Zeit um sei, und meine Mutter aufsteht, um zu gehen, hat sie Tränen in den Augen. Sie drückt ihre Lippen gegen die kalte Scheibe und erwartet die meinen. Wir haben uns immer so geküsst. Lippen auf Lippen. Aber an jenem Tag, damals, als mein Vater mich nach Linosa geschickt hat, hat sie mich nicht geküsst – nur geweint.

Linosa

An einem Maimorgen zu Beginn der 1980er-Jahre fuhr ich mit einem Verwandten per Schiff nach Linosa. Ein sonnenüberflutetes Eiland, 110 Seemeilen und sechs Stunden Überfahrt von Casamarina entfernt. Nun war ich also auf der Insel angekommen, auf die mein Vater mich verbannt hatte. Doch sobald ich einen Fuß auf dieses paradiesische Fleckchen Erde gesetzt hatte, war meine Angst wie weggeblasen.

Gleich bei meiner Ankunft lernte ich einen einheimischen Jungen namens Michele kennen, der mich herumführte und mir die schönsten Fleckchen und Orte zeigte. Gemeinsam umrundeten wir die kleine Insel, und schon am nächsten Tag kannte ich alle Namen der kleinen Fischerhäfen, der Buchten und der Schluchten auf Linosa.

An der Küste wechselten sich zerklüftete Vulkansteinfelsen und makellose Strände ab. Das kristallklare, meist spiegelglatte Meer lockte wegen seines Artenreichtums Taucher aus ganz Italien an. Häufig konnte man bereits wenige Meter vor der Küste Delfine aus dem Wasser springen sehen. Als ich den ersten entdeckte – zum Greifen nah –, war es, als wolle er mich begrüßen.

Auf der Insel wohnten außerdem einige Verwandte von mir, die vom Fischhandel lebten und mich mit offenen Armen bei sich aufnahmen.

Die Arbeit war anstrengend und brachte große Verantwortung mit sich, aber sie gefiel mir. Jeden Morgen fuhr ich bei Tagesanbruch zur Mole und wartete auf die Ankunft der Fischer. Dann kaufte ich so viel von ihrem Fang, wie die Großhändler aus Casamarina bei mir bestellt hatten, verpackte die Fische in Holzkisten, umhüllte sie mit Eis und lud die Kisten in die Kühltransporter, die anschließend auf die Fähre fuhren. Täglich legte diese um halb zehn Richtung Casamarina ab.

Da die Fischer meist gar keine Zeit dazu hatten, an Land zu gehen, bezahlte ich sie oft nicht sofort, sondern brachte das Geld zu ihren Ehefrauen nach Hause. Mit einigen von ihnen machte ich in diesen lauen Maitagen, während die Männer draußen auf dem Meer waren, meine ersten sexuellen Erfahrungen, für die ich nicht bezahlen musste.

Der Sommer begann früh in Linosa, und schon bald wimmelte es auf der Insel von Touristen und attraktiven Frauen. Der Strand lockte, und meine Arbeit begann mich zu langweilen. Zum Glück fand ich einen arbeitslosen Familienvater, der mich an manchen Tagen vertrat und auf den ich mich blind verlassen konnte – auch weil ich ihn gut bezahlte. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate.

Hin und wieder schaute ich auf der Arbeit nach dem Rechten, dann ging ich zurück an den Strand. Der Sommer auf Linosa war himmlisch und bescherte mir Paola, eine 20-jährige Studentin aus Palermo. Eine absolute Traumfrau. Es war, wie man so schön sagt, Liebe auf den ersten Blick, oder zumindest dachte ich das. Paola machte eigentlich Campingurlaub, zog aber schon sehr bald bei mir ein. Aus den von ihr geplanten zwei Wochen wurde ein ganzer Sommer. Wir waren wie ein Ehepaar und genossen alles gemeinsam: Sonne, Strand und Meer, gutes Essen, Disco und Sex bis zum Abwinken.

Doch schon bald spürte ich die Routine einkehren, und Paola genügte mir nicht mehr. Ich begann sie zu betrügen. Eines Tages machten wir einen Bootsausflug. Mit an Bord war auch eine Touristin aus Finnland, die wir am Strand kennengelernt hatten. Paola lag an Deck, sonnte sich und schlief ein. Ich nutzte die Gelegenheit. Während ich die Finnin verführte, musste ich ihr den Mund zuhalten, um ihr Stöhnen zu unterdrücken. Für mich war das damals ein Kick, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte: Sex mit einer Fremden, direkt neben meiner Geliebten, die tief und fest schlief.

Obwohl Paola sicher nie gedacht hatte, dass ich zu so etwas fähig war, war sie dennoch eifersüchtig. Als sie eines Tages zu ihren Eltern nach Palermo fahren musste, wollte sie, dass ich mitkomme. Ich alleine auf Linosa? Da hatte sie dann doch Bedenken. Ich begleitete sie, nutzte in Palermo aber die Gelegenheit, um auch ohne sie loszuziehen.

Nachdem ich die Zeitung gelesen und mir ein Eis in einer Bar im Stadtzentrum gegönnt hatte, beschloss ich, einen Bummel durch die Hauptgeschäftsstraße zu machen. Ich blieb vor dem Schaufenster eines Juweliers stehen, in dem ein wunderschöner Brillantring meine Aufmerksamkeit erregte. Er wäre das perfekte Abschiedsgeschenk für Paola, dachte ich und betrat den Laden.

Das Juweliergeschäft verfügte über eine Tür aus Panzerglas, und als ich sie öffnete, ertönte das übliche »Ding Dong« der Türglocke. Ich sagte »Guten Tag« und wartete darauf, dass jemand auftauchte, um mich zu bedienen. Doch es passierte nichts. Nach einigen Minuten rief ich: »Jemand da?« Keine Reaktion. Ich reckte meinen Kopf über den Verkaufstresen und sah von dort aus einen schweren Vorhang. Dahinter saß ein Mann, der eine Art Monokel vor einem Auge trug und der ganz in seine Arbeit vertieft war. Ich blickte mich um. Außer mir und ihm war niemand im Laden.

Ich weiß nicht mehr genau, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging, aber eines wurde mir damals auf jeden Fall bewusst: Ich hatte ein Juweliergeschäft ganz für mich allein.

Kurz entschlossen ging ich hinter den Tresen und öffnete die Schubladen. Auf Samt lagerten glitzernde Schmuckstücke, außerdem Goldmünzen und Edelsteine. Ich raffte alles zusammen und verstaute die Wertgegenstände in einem Motorradhelm, der dort über einem Stuhl hing, als wäre er ein Einkaufskorb. Dann öffnete ich den Schaukasten und nahm die ausgestellten Stücke heraus. Ich versuchte auch noch von hinten in das verschlossene Schaufenster zu kommen, hatte dabei aber keinen Erfolg. Ich beschloss also zu verschwinden.

Ein Hindernis stellte noch die Eingangstür dar. Wie sollte ich aus dem Laden kommen, ohne dass die Klingel ertönte? »Aber was soll’s«, dachte ich mir. Wenn er mich beim Hineingehen nicht gehört hatte, würde er mich auch beim Hinausgehen nicht hören. Ich öffnete ganz vorsichtig die Tür und schlüpfte gemeinsam mit dem Klingeln nach draußen. Schnell verschwand ich im Gewirr der Gassen Palermos.

Später ging ich in eine Boutique, kaufte mir zwei Sommeranzüge und ein Hemd und verstaute alles in einer großen Tüte, die mir die Verkäuferin gab. Bevor ich die Boutique verließ, sagte ich der Verkäuferin, dass ich gerne doch noch etwas anprobieren wollte, und betrat erneut eine der Umkleidekabinen. Dort nahm ich die Armbänder, Ketten, Broschen, Ohrringe und Ringe aus den Samtfutteralen und verstaute alles in dem Hemd, das ich zu einer Art Beutel zusammengeknotet hatte. Diesen Beutel legte ich gemeinsam mit den beiden Anzügen zurück in die Tüte, und die jetzt leeren Schmucksäckchen stopfte ich wieder in den Helm hinein.

Als ich das Geschäft endlich verlassen hatte, warf ich den Helm in einen Mülleimer, rief Paola an und erklärte, es gäbe ernste Schwierigkeiten mit meiner Familie. Ich müsse umgehend nach Casamarina zurück. »Du hast ja deine Fahrkarte, fahr doch einfach alleine nach Linosa zurück, ich komme in einigen Tagen nach.«

Ich hörte sie hysterisch aufschreien und legte auf. Dann nahm ich ein Taxi und ließ mich von Palermo nach Casamarina bringen. Die fast zweistündige Fahrt bezahlte ich im Voraus. Ich versteckte meine Beute an einem sicheren Ort und nahm noch am gleichen Abend die Fähre zurück nach Linosa.

Als das Schiff früh am nächsten Morgen am Hafen anlegte, ging ich direkt zur Arbeit. Eine Stunde später rief mein Vater an, der sich vergewissern wollte, ob ich tatsächlich in Linosa war. Er hatte von irgendjemandem gehört, er hätte mich in Casamarina gesehen.

»Schon wieder diese Verdächtigungen?«, antwortete ich mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete.

Mein Vater reagierte darauf nicht weiter, rief jetzt aber jeden Tag bei mir an. Sein siebter Sinn verriet ihm, dass er sich auf meine Beteuerungen nicht verlassen konnte.

Auch Paola rief mich an. Sie war in Tränen aufgelöst, weil ihre Familie von unserem Verhältnis erfahren hatte und sie nun nicht mehr aus dem Haus ließ. Aber Paola hatte bereits ihre Flucht organisiert. Die Sehnsucht nach mir war stärker. Ich erklärte Paola, dass ich erneut nach Casamarina müsse, sie aber sofort nach meiner Ankunft anrufen würde. Dann legte ich auf. »Sie muss tatsächlich verrückt nach mir sein«, dachte ich.

Auf der Flucht

Mein Cousin weckte mich im Morgengrauen. Ich müsse meine Sachen packen und sofort verschwinden. Die Polizei suche nach mir, um mich festzunehmen.

Während ich es mir in Linosa hatte gut gehen lassen, hatte der Rest meiner Bande in Casamarina weitere Raubüberfälle verübt. Einige waren am Vorabend verhaftet worden und hatten alles gestanden – dabei war auch mein Name gefallen. Ein Polizist hatte meinem Cousin gesteckt, dass Peppe Tempesta und die anderen ausgepackt hatten.

Meine Verwandten taten sofort alles, um mich zu beschützen. Einige Stunden bevor die Polizei an meine Tür klopfte, war ich bereits im Laderaum eines Fischerboots versteckt, das nach Casamarina fuhr. Ich konnte einfach nicht glauben, dass Peppe mich verraten hatte. Viele Jahre später erklärte er mir, dass er den Schlägen beim Verhör durch die Polizei standgehalten hätte, aber auf seinen Rechtsanwalt reingefallen wäre, der ihm gesagt hatte, auch ich hätte gestanden. Wenn man bedenkt, dass keiner von uns Erfahrungen mit solchen Situationen hatte, war das nur allzu gut verständlich.

In Casamarina angekommen, wurde ich umgehend von einem entfernten Verwandten weiter nach Ravasa gebracht, einem kleinen, nahe gelegenen Dörfchen. Mein Vater und meine Onkel hatten es zur Vorsicht vermieden, mich persönlich abzuholen. Die Angst, die Polizei könnte ihnen folgen, war zu groß.

Ich war nun offiziell zur Fahndung ausgeschrieben, war ein Flüchtiger, ein latitante. Ich zog von einem Dorf zum anderen, von einem Haus zum nächsten. Immer geschützt durch das weitverzweigte Netz der Großfamilie und Freunde. In kürzester Zeit kannte ich fast das gesamte Hinterland meiner Heimatprovinz.

Es war die Hölle, ein Leben in ständiger Angst. Einige Monate lang waren Dunkelheit, Stille und Einsamkeit meine einzigen Begleiter. Schon ein winziger Fernseher, der mir einmal zur Verfügung stand, war purer Luxus, auch wenn ich versprechen musste, ihn nie abends anzuschalten. Das mattblaue Licht, das durch die Ritzen der Fensterläden dringen würde, wäre zu verräterisch gewesen. Ich kam nie zur Ruhe, war mal zu Fuß, mal mit dem Rad unterwegs, immer bemüht unerkannt zu bleiben. Nein, dieses Leben war nichts für mich. Ich hatte es satt, mich ständig verstecken zu müssen und die Tage mit Kartenspielen, Fernsehen und Lesen totzuschlagen. Doch andernfalls wartete das Gefängnis.

Einer meiner Onkel bemerkte, wie schlecht es mir ging. Er war überzeugt, dass es besser für mich wäre, Sizilien zu verlassen und zu verreisen, damit ich etwas Abwechslung bekäme. Natürlich sprach er mit niemandem über seine Idee, wusste er doch, dass mein Vater und mein Großvater davon überzeugt waren, dass dieses Leben in ständiger Angst und voller Entbehrungen die gerechte Strafe für mich war. Ich sollte spüren, dass ein Leben als Krimineller so gar nichts Romantisches hatte.

Mein Onkel beschaffte mir dennoch einen falschen Pass und begleitete mich nach Mailand, wo ich einige Monate bei Sizilianern verbrachte, die bereits seit mehr als zehn Jahren ganz legal im Norden arbeiteten. Ich erholte mich von den Strapazen meines Lebens auf der Flucht.

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