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Rhein.Gold. Liebe.Tod.

PROLOG

Bei Flusskilometer 105,3 liegt Gold im Rhein. Es ruht etwa acht Meter vom Ufer entfernt in drei Metern Tiefe auf dem Flussgrund. Versenkt wurde es dort in einer milden Januar-Nacht. Dieses Rheingold wurde nicht wie der Schatz der Nibelungen mit Mord und Heimtücke gescheffelt. Und es nimmt sich im Vergleich zu jenem legendären Hort auch recht bescheiden aus: Es sind nur zwei Ringe - - - immerhin aus massivem Gold und Silber. Sie standen für eine große Liebe. Doch die ging Hand in Hand mit einem großen Betrug.

Kurz nach Mitternacht sank der Goldschmuck auf den Grund des Rheins. Dort liegt er noch heute.

Während der Strom unbeeindruckt von der goldenen Beigabe in einer Schleife träge nach Südwesten weiterfloss, blieben am Ufer ein Mann und eine Frau zurück. Voll innerer Wut und Verzweiflung, weil sie ihren Kampf um Wahrheit und Glaubwürdigkeit verloren hatten.

Die Natur hatte das Finale des menschlichen Super-GAUs romantisch perfekt in Szene gesetzt: Der Himmel wolkenlos und mit einem Vollmond protzend, der den Rhein in silbriges Licht tauchte. Die Bezeichnung Super-GAU ist mit Bedacht gewählt: Die Versenkung der Ringe fand in Sichtweite zu einem Kernkraftwerk statt. Die roten Positionslichter des 144 Meter hohen Kühlturms blinkten im Sekunden-Takt. Liebe an. Liebe aus.

Doch die nächtliche Versenkung der beiden Ringe markiert nicht den Schlusspunkt in der Tragödie dieses Paares, das jahrelang für alle Freunde und Bekannten ein absolutes Traumpaar gewesen ist.

Denn sechs Monate und sechzehn Tage nach jener VollmondNacht am Rhein wird der Mann tot sein.

******

1. KAPITEL

Sieben Jahre zuvor hatte alles so wunderbar begonnen.

Robert war an einem Freitagabend von einem Segelurlaub aus Holland zurück gekehrt. Er mochte den friesischen Teil der Niederlande. Die Menschen waren offen, herzlich und wussten zu feiern. Seit etlichen Jahren traf sich Robert mit Freunden aus Norddeutschland und genoss das einfache Leben an Bord eines gecharterten 12 Meter langen Kajüt-Seglers. Eine Woche lang diktierten ihm nicht Interview-Termine, Themen-Konferenzen und Redaktionsschluss-Zeiten den Alltag, sondern ausschließlich der Wind und die Strömungen von Ebbe und Flut.

Und wenn er die Yacht bei Windstärken von bis zu 6 oder gar 7 unter optimal getrimmten Segeln mit acht Knoten sicher durch das Ijsselmeer und die Nordsee steuerte, dann fühlte sich der große Blonde ein bisschen wie jener John Maynard in der Ballade von Theodor Fontane: "John Maynard war unser Steuermann, aushielt er, bis er das Ufer gewann. Er hat uns gerettet, er trägt die Kron. Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn."

Robert hatte eine Schwäche für Pathos. Filme, in denen sich Menschen für andere opfern, hatten ihn schon als Kind zu Tränen gerührt. Dank eines erfahrenen Skippers war er bei seinen bisherigen Törns allerdings noch nie in die Verlegenheit gekommen, sein Leben für andere in die Waagschale werfen zu müssen. Die sieben Tage auf den Gewässern vor der holländischen Küste und in alten Häfen wie Leuwarden, Hoorn oder Enkhuizen waren ein Manifest reiner Lebensfreude. Entschleunigung, Teamgeist, leckeres Essen, guter Wein und gute Gespräche - - - das war es, was diese Tage unter Segeln ausmachten.

Während hinter ihm die Waschmaschine lief, stand Robert vor dem Badezimmer-Spiegel und inspizierte sein Gesicht. Die Natur hatte es gut mit ihm gemeint; abgesehen von den lichter werdenden blonden Locken wies nichts darauf hin, dass er schon den 52. Geburtstag hinter sich hatte. Wer erstmals seine Bekanntschaft macht, schätzt den 1,90 Meter-Mann deutlich jünger. Der Blick aus seinen blau-grauen Augen war aufmerksam, und sein Mund formte die Andeutung eines Lächelns.

Robert hatte allen Grund für gute Laune, denn das Wochenende hielt ein weiteres erfreuliches Ereignis bereit: am nächsten Abend würde er mit seiner Band "The Shark-Whisperers" in einer Musik-Kneipe auftreten.

Die räumlichen Verhältnisse in dem Lokal waren alles andere als berauschend. Dort, wo üblicherweise nur ein Pianist am Flügel sitzt, sollte sich nun eine fünfköpfige Band tummeln. Kein Problem für den Wirt, der sechs Quadratmeter Platz für fünf Musiker plus Instrumente und Beschallungsanlage für vollkommen ausreichend befand. Die Band rückte Tische und kämpfte um jeden halben Quadratmeter zusätzlichen Platz.

Nach dem Sound-Check war noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Konzertbeginn. Robert stand mit seinen Bandkollegen im milden Licht des September-Abends auf dem mit Platanen gesäumten Platz vor dem Lokal, als sie auftauchte.

Die schlanke Frau hatte seinen Blick schon vom ersten Moment an gefesselt. Sie steuerte direkt auf ihn zu. Ihr glattes braunes Haar war seitlich gescheitelt und fiel ihr bis in den Nacken. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit den grünen Augen zeigte eine Spur von Melancholie; doch die verschwand im nächsten Moment in einem wunderbaren Lachen. Robert hatte diese Frau noch nie gesehen, aber sie faszinierte ihn schon in diesen ersten Augenblicken ihrer Begegnung. Die Unbekannte war attraktiv und strahlte eine große Würde aus.

Leider galt ihr Lachen nicht ihm, sondern der Sängerin an seiner Seite. Frau kennt sich. Ella machte sie mit einander bekannt. Und so erfährt er den Namen dieser Schönheit, die sein weiteres Leben so dramatisch bestimmen sollte: Belinda.

Ella erzählte, wie sie sich bei einem Kirchenmusik-Projekt kennen gelernt hatten. Belinda singt und spielt Gitarre. Robert freute sich: da hatten sie also schon die erste Gemeinsamkeit. Er fragte Belinda, ob er ihr einen Prosecco spendieren dürfe. "Oh, vielen Dank, das wäre sehr nett." Für viel Small-Talk blieb dann kaum mehr Zeit. Robert musste seine beiden Gitarren stimmen; dann ging das Konzert auch schon los.

Nach drei Songs kam der einzige im Repertoire der Band, bei dem Robert die Hauptstimme singt: Hey Gyp von Donovan. Es geht darum, dass der Schotte auf die sinnenfrohe Janis Joplin scharf ist, die ihn aber abblitzen lässt. Dabei wollte Donovan die amerikanische Ausnahmesängerin über ihr Faible für schnelle Autos für sich gewinnen und verspricht ihr Ami-Schlitten bis hin zum Ford Mustang. Doch Janis will für einmal nicht Sex, sie will Liebe.

An diesem Abend sang Robert den Song nur für Belinda ("…just gimme some of your love"). Seine Augen suchten und fanden immer wieder ihr Gesicht. Er kannte diese Frau gerade mal eine halbe Stunde, aber sie hatte bereits einen Abdruck auf seiner Seele hinterlassen.

In der Konzertpause zog es ihn zu seiner neuen Bekanntschaft. Sie flohen vor dem Thekenlärm ins Freie vor das Lokal. Dort erzählte ihm Belinda, dass dies der erste Abend ist, an dem sie nach langer Zeit wieder einmal ausgeht. Robert erfährt, dass sie einen 17-jährigen Sohn und eine 14-jährige Tochter hat, mit denen sie alleine lebt. Denn vor sechs Jahren ist sie mit den Kindern aus dem Haus ihres alkoholsüchtigen Mannes geflohen.

"Ich bin auch allein erziehend und lebe mit Frau Sonntag und Meister Flocke zusammen - - - zwei Miezen, mit denen ich die Wohnung teile."

Belinda lachte: "Dann kann ich mich in Erziehungsfragen bei Bedarf ja an dich wenden."

Sie erzählte von ihrer Arbeit als Bibliothekarin. Während sie sich noch über die jeweiligen musikalischen Vorlieben unterhalten, wird nach Robert gerufen: Das Konzert soll weitergehen.

Titel wie Sweet about me, Baby love und Nutbush city-limits rauschten durch seine Gehörgänge. Aber Robert war von einem ganz anderen Rausch erfasst. Und der hatte einen schönen Namen: Belinda.

Nach der letzten Zugabe der Shark-Whisperers stand Robert gleich wieder an ihrer Seite vor dem Lokal, über dem nun ein Sternenhimmel funkelte. Mitten in ihre Unterhaltung platzte der Klingelton von Belindas Handy. "Da muss ich rangehen, es ist mein Sohn", sagte sie nach einem Blick auf das Display. Robert hörte, dass sich der Junge Sorgen macht, weil es schon nach 1 Uhr war, aber die Mama noch nicht zuhause ist. "Ich werde auch bald losfahren", so ihre beruhigende Auskunft.

"Das habe ich noch nie erlebt, dass ein Sohn sich um die Mutter sorgt, wenn die im Ausgang ist. In aller Regel ist es doch umgekehrt! Chapeau vor deinem Sohnemann!"

Das zauberte erneut ein Lachen auf Belindas Gesicht.

Dann bedankte sie sich für den schönen Abend und verabschiedete sich auch vom Rest der Band.

Robert blickte ihr nach und wünschte sich, dass Belinda sich einmal nach ihm umdrehen würde: um zu sehen, ob er ihr nachschaut, um zu sehen, ob sie sich umdreht. Tat sie aber nicht…

Rasch hatte ihn dann wieder die Konzert-Routine im Griff: Instrumente und Mikros einpacken, Beschallungsanlage abbauen, Autos beladen; small-talk mit dem zufriedenen Wirt; die Gage kassieren; Fahrt zum Probenraum; ausladen und alles einräumen. Schließlich noch ein kurzes Fazit mit den Bandkollegen - - und dann ab nach Hause, unter die Dusche und ins Bett.

Und dort war Belinda wieder bei ihm. Aber leider nur in seinen Gedanken. Doch die schob schon bald des Todes sanfter Bruder beiseite.

******

Am nächsten Morgen kamen die Erinnerungen. Er sah Belinda. Ihr wunderbares Lachen… Aber im nächsten Moment stellte sich bei Robert eine unschöne Erkenntnis ein: Er wusste von Belinda weder den Nachnamen noch ihre Telefonnummer. Keine schöne Situation für einen Menschen, dessen Herz seit vergangener Nacht in einem anderen Takt schlug. Aber ein Telefonat mit Ella genügte, und schon hatte er die gewünschten Informationen.

Und nun? Gleich mit der Tür ins Haus fallen und Belinda sofort anrufen, wie sein Herz ihn drängte?

Robert entschloss sich erst einmal zu einer Namens-Recherche im Internet. So erfuhr er einiges über Belindas Wirken in der Bibliothek eines Städtchens an der Schweizer Grenze und konnte aus dem Wochenplan ersehen, dass sie freitags frei hat.

Er wartete zwei Tage, dann rief er sie an. Er nannte seinen Vornamen und fragte vorsichtshalber, ob sie sich an ihre Begegnung bei dem Konzert erinnere.

Sie lachte: "Wie könnte ich das vergessen…"

"Ich möchte dich fragen, ob ich dich zum Essen einladen darf… "

Für einige Sekunden herrschte absolute Stille, und Robert hielt den Atem an. Dann antwortete Belinda: "Ja, warum nicht?" In Roberts Herzregion setzte Steinschlag ein…

Die Suche nach einem Termin wurde dann allerdings gleich zum Stolperstein: Wegen Arbeit und Kindern kam wohl nur ein Wochenende in Frage. Aber für die nächsten vier lautete Belindas Antwort jedes Mal: "Da geht es leider nicht!"

War das etwa die Reaktion einer Frau, die sich nicht traut, einem Mann offen einen Korb zu geben? Oder wollte sie seine Beharrlichkeit auf die Probe stellen und die Ernsthaftigkeit seiner Absichten testen?

Belindas Gründe klangen allerdings einleuchtend: Jahresausflug ihres Sportvereins; ein Seminar zur beruflichen Weiterbildung; Jahrestreffen mit ihrer Clique aus der Schulzeit; schließlich der Geburtstag ihrer Mutter.

In Robert rasten die Gedanken. War das etwa schon der Anfang vom Ende? Das konnte doch nicht wahr sein! Im nächsten Moment reagierte der Kopfmensch. Wohl wissend, dass Belinda freitags frei hat, fragte er scheinheilig: "Arbeitest du denn an allen Wochentagen?" Und siehe da: schon für den nächsten Donnerstagabend war das erste Date gebongt.

Drei Tage warten. 4320 Minuten, 259.200 Sekunden, in denen Vorfreude und Ungeduld ohne Unterlass mit einander rangen. Robert rief sich immer wieder Belindas Gesicht in Erinnerung, ihre grün-grauen Augen und ihr Lachen, das ihn so gefangen genommen hat.

Sie war eine brünette Schönheit, und die 50-Jährige benötigte dazu keinerlei kosmetische Hilfsmittel. Belinda hatte schöne Zähne und eine sehr angenehme Stimme.

Und sie war barfuß in spitzen, schwarzen Pumps gekommen — darauf fuhr Robert richtig ab.

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2. KAPITEL

Sie hatten sich auf 20 Uhr in einem Lokal am Rheinufer verabredet. Lange hatte Robert sich Gedanken über die Wahl des Restaurants gemacht. Belinda hielt sich gerne in der Natur auf - also raus aus der Stadt. Das Lokal sollte für jemanden, der ortsfremd ist, leicht zu finden sein. Aber die Qualität der Speisen musste eben auch stimmen. Deshalb hatte er sich für die Gaststätte inmitten von Grün am Rheinufer entschieden: Mit dem neuen Augstern in den "Rhein-Stern". Robert war im Sternzeichen des Wassermanns geboren und das Rendezvous an einem Fluss aus seiner Sicht absolut standesgemäß…

Er hatte voller Ungeduld vor dem Lokal auf Belindas Ankunft gewartet. Sie spannte ihn zehn Minuten auf die Folter. Dann fuhr sie in einem blauen Kleinwagen vor. Schon beim Aussteigen schenkte sie ihm ihr strahlendes Lachen. "Tut mir leid, dass ich etwas zu spät bin, aber ich musste zuhause nochdringend etwas regeln."

Als sie das Lokal betraten, registrierte Robert voller Genugtuung die Blicke der männlichen Gäste, die an Belinda in ihrem sandfarbenen Leinenkleid hafteten, bis das Paar an seinem reservierten Tisch saß. Ihr Platz bot einen schönen Blick auf den Rhein und den Baumbestand am Ufer.

Im milden Licht der Abendsonne stießen sie zum Apéro mit Kir Royal an: "Auf die Musik!"

Belinda erzählte, wie sehr seine Einladung sie in Aufregung versetzt hatte. "Ich habe eigentlich absagen wollen. Aber dann habe ich mir überlegt, dass ich irgendwann wieder unter Leute gehen muss. Und nach sechs Jahren Männer-Abstinenz ist es jetzt wohl einfach Zeit geworden."

Robert war überrascht: "Du bist doch eine äußerst attraktive Frau, da muss es doch genügend Interessenten geben…"

Die hatte es gegeben. Aber Belinda hat sie alle abblitzen lassen. "Sobald ein Mann mehr von mir wollte, hab' ich ihn abgekanzelt und dann stehen lassen."

Sie schilderte in groben Zügen ihre Lebensgeschichte. Aufgewachsen in einem Dorf im Südschwarzwald, war sie eine amouröse Spätzünderin: "Mit 18 hatte ich meinen ersten richtigen Freund; er war einige Jahre älter als ich und hat als langhaariger 'Gammler' bei meiner Mutter keine Gnade gefunden."

Und dann das: Der erste "richtige" Sex hatte gleich zur Schwangerschaft geführt. Belinda zog zuhause aus und landete in einer langjährigen Ehe, die wegen der Untreue ihres Partners immer wieder Krisen durchlief.

"Ich habe geglaubt, dass mein Mann beim zweiten Kind endlich Verantwortung für die Familie übernehmen würde. Aber es wurde nicht besser." Ihr Alltag habe am Ende nur noch aus Streit bestanden, der auch vor den Kindern nicht mehr zu verheimlichen gewesen sei.

"Als seine Ausfälle unter Alkoholeinfluss unerträglich wurden, habe ich das Nötigste gepackt und bin mit den Kindern in das Haus meiner Eltern gezogen." Belinda fand als gelernte Buchhändlerin eine Teilzeit-Anstellung in einer kommunalen Bibliothek und zog schließlich in eine eigene Wohnung. "Meine eigenen Bedürfnisse stellte ich in der Freizeit völlig hinten an, ich lebte nur für meine Kinder."

Belindas Schilderung hatte gerade einmal die Vorspeise überdauert. "Und du? Wie ist dein Liebesleben bisher gewesen?"

Die nächsten anderthalb Stunden redete fast nur noch Robert. Und das versetzte ihn am Ende selbst in größtes Erstaunen: "Das habe ich noch nie gemacht. Sonst bin ich immer derjenige, der gut zuhören kann und dafür gelobt wird."

Aber er spürte ein unsichtbares Band zwischen sich und Belinda. Es kam ihm so vor, als würde er diese Frau nicht erst seit wenigen Stunden, sondern schon seit Langem kennen.

Robert erzählte von seinen jugendlichen Schwärmereien für Mädchen, die allerdings nie erwidert worden waren. Oder nicht erwidert werden konnten, weil er zu feige war, sich den Angehimmelten zu offenbaren. "Ich hatte Angst, einen Korb zu bekommen!" Das änderte sich erst mit seinem 18. Geburtstag und führte zu einer Handvoll Party-Liebschaften, die allerdings meist nur ein paar Wochen Bestand gehabt hatten. Dann endlich, mit 20 Jahren, die erste erfüllte Liebesbeziehung, die ihn sechs Jahre lang auf Amors Pfaden in die Schweiz geführt hatte.

SIRENA

"Candy's room" - - - das war damals, im Januar 1980, ihr gemeinsamer Song gewesen. Den ersten Kuss hatten sie sich zu Springsteens Ballade gegeben, die von einem einfachen, aber markanten Piano-Riff lebt. Sirena hieß die 19-jährige, kunstbegeisterte Gymnasiastin, die in einem Schweizer Dorf unweit der Grenze lebte. Sie hatten sich auf der Party eines gemeinsamen deutschen Bekannten kennen gelernt. Kurz darauf war Robert von Sirena zu einer Fete eingeladen worden, wo sie ihm zu vorgerückter Stunde, leicht beschwipst, buchstäblich in den Schoß gefallen war.

Der Springsteen-Song war immer dabei, wenn sie sich in den Tagen danach in Sirenas Zimmer zurückzogen, um sich im Kerzenschein und umweht vom Duft ihres Opium-Parfums den ersten sexuellen Genüssen hinzugeben. Monatelang hatten sie sich in leidenschaftlichem Petting verausgabt, das für Sirena stets mit einem Orgasmus endete. Bei Robert reichte es nie zum Samenerguss. Dafür gelang ihm ein Bildungs-Höhepunkt, und er legte ein ordentliches Abitur hin.

Robert war damals Gitarrist in einer Rock-Band. Seine Lockenpracht reichte bis auf die Schultern, und er leistete sich einen auffälligen Kinnbart. Vor allen Dingen pflegte der junge Rebell einen durchaus eigenwilligen Kleiderstil: Man sah ihn in eng sitzenden, schwarz-rot gestreiften Jeans und leuchtend grünem T-Shirt, aber auch in purpur-farbenen Latzhosen und blau gemustertem Fischerhemd.

Schillernd waren auch Roberts musikalischen Vorlieben: Er begeisterte sich für Hard-Rock-Heroen wie Black Sabbath oder UFO, sowie den abgefahrenen Jazzrock der französischen Formation Magma; aber auch für Akustik-Gitarristen wie Leo Kottke und Werner Lämmerhirt, sowie Folk-Rocker wie Ougenweide oder die bretonische Band Tri Yann.

Es war die Zeit der legendären "Rockpalast"-Übertragungen. Die Essener Gruga-Halle war die deutsche Kathedrale des Rock, und als Hohepriester zelebrierten internationale Stars wie Rory Gallagher, Johnny Winter, ZZ Top und The Police ihre musikalischen Hochämter.

Nach seinem Abitur war Robert im Juni mit zwei Freunden zu einem vierwöchigen Arbeitsurlaub auf die Nordseeinsel Föhr gereist. Dort hatten ihn regelmäßig Sirenas Briefe erreicht, die mit Opium-Parfum besprenkelt waren und ihn schier um den Verstand brachten. Sie enthielten das Versprechen: "Wenn du wieder zurück bist, können wir mit einander schlafen." Verhütung mit der Pille braucht Vorlaufzeit. Stevie Wonders "I wish" war zu Roberts Lieblings-Song avanciert…

Im Juli und August hatten sie ihren "Summer of Love" zelebriert. Sirenas sympathische Eltern hatten beste Voraussetzungen geschaffen und waren vier Wochen mit dem Wohnwagen in Südfrankreich und Italien unterwegs. Sirena und Robert hatten den Auftrag, auf das Haus aufzupassen und das Wasser im Swimming-Pool frisch zu halten.

******

Auf der elterlichen Gegenseite am deutschen Rheinufer war allerdings Krieg ausgebrochen.

Als Robert seiner Mutter eröffnet hatte, vier Wochen allein mit Sirena in deren Elternhaus Ferien zu machen, hatte die Antwort gelautet: "Wenn du das machst, bist du nicht mehr mein Sohn!"

Für seine Mutter war alles Sexuelle anrüchig. Sie führte aber auch einen juristischen Aspekt ins Feld: Tatsächlich galt damals in der Schweiz noch der Kuppelei-Paragraf. Sex mit Minderjährigen war strafbar, und leider war frau bei den Eidgenossen erst mit 21 volljährig. Robert wollte aber weder vor seiner Mutter und schon gar nicht vor überholten Gesetzen kapitulieren. Er packte sein Bündel, hinterließ einen Brief zum Abschied und bestieg den Zug in die Schweiz.

Sein erster Beischlaf war also eine Straftat - - - und Robert genoss es! Sirena hatte auf der Reitstellung beharrt. Die stand im klaren Widerspruch zu allem, was Robert in Aufklärungsbüchern gelesen hatte. Aber Sirena wollte es so und nicht anders.

Sie hatten sich bei Kerzenschein erst lange genussvoll gegenseitig stimuliert. Dann legte Robert sich auf den Rücken und ließ Sirena aufsteigen. Er überließ ihr die Führung. Ihr Lustempfinden war nur einmal kurz ins Stocken geraten. Aber schon nach wenigen Momenten senkte sich Sirenas Becken noch tiefer auf sein Glied, und er nahm ihren Rhythmus auf. Dann regierte die reine Lust. Sie kam zuerst zum Höhepunkt.

Als er in ihr gekommen war, stieg sie ab, wobei Sperma und etwas Blut auf seinen Schenkel tropften. Sirena hatte sich mit einem feuchten Tuch gesäubert und danach an ihn geschmiegt. "Hast du Schmerzen?", hatte Robert wissen wollen. Doch Sirena legte ihm nur den Zeigefinger auf die Lippen und schmiegte ihren Kopf an seine Brust.

Es war für Robert der intensivste Sommer seines Lebens: Sein über Jahre aufgestauter Liebeshunger brach sich Bahn und wurde von Sirena in gleichem Maße erwidert. Sex am und im hauseigenen Swimmingpool; Sex in der Abgeschiedenheit eines Weinbergs (nur ein Motorsegler war Zeuge); Sex im warmen Abendlicht zwischen Tannen; und natürlich zu allen Tages- und Nachtzeiten in "Candy's Room". Sie schwelgten in himmlischen Gefühlen und lebten lustvoll in ihrem eigenen Paradies.

Sirena hatte Ende Juli zu ihrem 20. Geburtstag eine Pool-Party gegeben, bei der sich zu vorgerückter Stunde etliche Nackte im Wasser tummelten. Auf dem Plattenteller drehte sich Stevie Wonders "Higher Ground", und es schwebte zwei Tage lang ein Hauch von Woodstock über dem Anwesen in der Schweizer Provinz…

Ab Oktober waren Robert und Sirena in eine Wochenend- Beziehung gewechselt, weil er 100 Kilometer entfernt ein Studium begann. Sein Montag-bis-Freitag-Motto hatte erneut "I wish" gelautet, denn er wünschte in den Nächten in seiner Studentenbude die Freitagnachmittage herbei, an denen er mit dem Zug zu seiner temperamentvollen Geliebten dampfen würde. Selbstbefriedigung stand so häufig auf seinem Tagesplan, wie Vorlesungen in Mediävistik, Linguistik oder Staatsphilosophie.

Das Leben meinte es gut mit ihm und Sirena. Sie genossen sich und ihre Lust, die Energie und Lebensfreude spendete. Der Höhenflug hatte fünf Jahre gedauert. Dann beschlossen Robert und Sirena, in eine Art offene Beziehung überzugehen. Sie wollten neue Erfahrungen machen können, ohne sich zu verlieren. Sirena stürzte sich gleich in ein Abenteuer. Dabei hielt sie ihren Haupt-Geliebten bei den sakrosankten gemeinsamen Wochenend-Nächten über alles auf dem Laufenden.

Das ging so lange gut, bis Robert sich Monate später nach einem Klassentreffen mit einem früheren Schwarm einließ. Sirena war rasend vor Eifersucht gewesen.

"Unsere Beziehung dümpelte so dahin. Ein halbes Jahr später habe ich mich in eine Frau aus Sirenas Bekanntenkreis verliebt. Sie war ein paar Jahre älter als ich und hatte ein Kind. Dass sie meine Gefühle erwiderte, fand ich wahnsinnig toll. Denn ich hatte zu jener Zeit gerade einen Roman gelesen, in dem ein 17-Jähriger sich in ein Liebesabenteuer mit seiner 30-jährigen Lehrerin stürzt. Das hat mich damals ungeheuer fasziniert."

Robert nahm den letzten Bissen seines Putensteaks in den Mund und kaute genüsslich das zarte Fleisch. Im Licht der Abendsonne glitt ein Ruderboot rheinabwärts. Robert bewunderte die absolut synchrone Blattführung der vier Skuller und wischte sich dann mit der Serviette den Mund ab. "Zehn Jahre lang war ich mit der alleinerziehenden Mutter zusammen."

PIA

Die älteste Erinnerung, die er an Pia hat, war der Anblick der damals 30-Jährigen auf ihrem Balkon in einem weißen Badeanzug mit einer aufgedruckten großen roten "4" auf der Brust. Pia hatte mädchenhafte Brüste, ein breites Becken und einen schönen Po. Ihre weichen Gesichtszüge mit den braunen Mandel- Augen wurden von kinnlangem, kräftigem, dunklem Haar eingerahmt, das sie mit einem Seitenscheitel trug.

Pia hatte eine achtjährige Tochter und war eine Tennispartnerin von Sirena. Robert hatte bei einer Club-Party ihre Bekanntschaft gemacht. In der Folge trafen sie sich oft zu Dritt in Pias Wohnung zu Spieleabenden oder gemeinsamen Essen. Aber wenn Sirena zu einem neuen Schwarm unterwegs war, zog es Robert auch solo zu der attraktiven jungen Mutter.

Bei einem Wald-Spaziergang hatte Pia ihn das erste Mal geküsst. Zuvor war Robert minutenlang auf einem Pfad bergaufwärts hinter ihr her gegangen und hatte den Blick auf ihrem viel versprechenden Gesäß ruhen lassen… In der folgenden Nacht hatten sie erstmals mit einander geschlafen. Pia hatte eine wunderbare Paradiespforte, in der sich seine Zunge verlieren konnte. Es war für ihn ein Hochgenuss, sie solchermaßen gleich zu mehreren Höhepunkten zu bringen. Und er selbst machte erstmals die Erfahrung, dass sein Geschlecht von einer Frau mit dem Mund verwöhnt wurde.

Sirena war fassungslos gewesen, als Robert ihr eröffnete, dass Pia mehr war als eine kurze Affäre. Die Schweizerin hatte unter wüsten Beschimpfungen beiden die Freundschaft gekündigt.

„Ich habe mich mit Bedacht in dieser Mutter-Kind-Konstellation bewegt, um nicht als Störenfried ins kindliche Abseits zu geraten“, erzählte Robert im „Rheinstern“. Die Achtjährige hatte seine Ankunft im Familienalltag durchaus mit Wohlwollen aufgenommen. Aber in ihr schlummerte auch eine Angst. Nach zwei Monaten hatte das Kind ihn und Pia eng umschlungen beim Schmusen in der Badewanne überrascht. Die kindliche Empörung entlud sich in fünf Worten: "Das ist aber meine Mama!" Kehrtwendung auf dem Absatz und Abgang.

Für Robert waren weiterhin vertrauensbildende Maßnahmen angesagt. Die folgten in Form gemeinsamer Spieleabende, Vorlesestunden und Unternehmungen in der freien Natur.

Pia hatte eine lebenslustige, freundliche Art und war allgemein beliebt. Sie hatte es als Bankmitarbeiterin bereits zu einer Eigentumswohnung gebracht; Robert war nach dem Studium wieder in die Heimat zurück gekehrt, arbeitete für einen Zeitungsverlag und bezog eine Mietwohnung. An der Seite von Pia sollte er alsbald eine kaufmännische Blitzschule durchlaufen.

"Nach einem Jahr streckten wir die Fühler nach einer gemeinsamen Eigentums-Wohnung aus. Wir suchten etwas Großzügiges, das Raum zum Atmen ließ." Aber im bezahlbaren Bereich bot der Immobilienmarkt entweder zu kleine Wohnungen oder solche mit indiskutablen Zuschnitten: "Was sollten wir mit einem acht Quadratmeter kleinen Kinderzimmer anfangen?"

Schließlich waren sie nach langer Suche ganz unverhofft in einem zentral gelegenen sanierten Altbau fündig geworden. Pia und er konnten zu Fuß zur Arbeit. Sie hatten unmittelbar vor dem gemeinsamen Kauf der Wohnung geheiratet und genossen ihr Familienglück im neuen Domizil.

"Und warum hat die Ehe mit Pia nicht gehalten?", unterbrach Belinda Roberts kurze Redepause.

"Ich glaube, dass ihr die berufliche Karriere wichtiger geworden war als die Familie.

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