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Realtalk

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KAPITEL 1

REALTALK-VIDEO

Digga! Es ist vorbei! Ich kann nicht mehr, ich bin am Arsch. Dieser ganze Wahnsinn nimmt kein Ende. Jetzt ist auch noch meine Freundin weg. Sie war die einzige Stütze in meinem Leben die letzten Monate. Sie hat diesen Film mitgemacht. Meinen ständigen Ausreden Glauben geschenkt, dem ständigen Gelaber, es würde sich was ändern. Es hat sich einfach mal gar nichts geändert, Digga. Ich bin zu schwach, es fuckt mich ab. Und jetzt habe ich auch sie verloren. Sie war das erste Mädchen in meinem Leben, das ich wirklich ernst genommen habe. Sie war nicht nur meine Freundin, sie war eigentlich alles für mich. Scheiß mal auf den ganzen Schein. Die Klicks, die Kohle, den Fame. Alles nur Show, Bruder. Ich bin heftigst am Arsch, und ich habe keinen Plan, ob ich das alles jemals wieder auf die Reihe bekomme.

Die Tür ist zu, sie ist weg. Es ist Schluss, und ich bin der einsamste Mensch der Welt. Ich kann nicht aufhören zu heulen. Kein Plan, was ich machen soll mit mir, mit meinem Leben, diesem ganzen Trümmerhaufen.

Ich bin die letzten Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre auf der Flucht. Ich fliehe, so blöd das klingt, vor der Realität. Vor der Verantwortung, die ich zu tragen habe. Die ich so lange vor mir hergeschoben habe. Ich will keine Verantwortung! Läuft doch alles, Digga. Schau dir meine Videos an, seit Jahren alles cool. Mein Lifestyle ist krass, ich bin krass. Habe ich mir alles selbst aufgebaut, von meinem Kinderzimmer aus. So ungefähr kommt das jedenfalls draußen bei den Menschen an, die mich und mein Leben auf YouTube begleiten. Jetzt mal Realtalk, Freunde: Alles fake!

Ich bin am Ende. Ich muss dieses Video machen, ich muss mich stellen. Es klingt, als wäre ich ein Verbrecher … Und ja, ich bekenne mich schuldig. Ich habe Scheiße gebaut. Jahrelang war ich dumm. Gutgläubig und naiv. Und ich habe viel damit kaputtgemacht. Immer in dem Glauben, etwas Gutes zu tun. Alles wird gut. Irgendwann … Aber ich will nicht mehr weglaufen vor der Realität, vor der Verantwortung, vor dem wahren Leben. Ich will nicht mehr lügen, nicht mehr verschweigen, was abgeht. Das passt gar nicht zu mir. Ich bin nur ein ganz normaler Junge, der seinen Traum lebt. Bloß ist aus diesem Traum inzwischen ein Albtraum geworden.

Ich muss diesem ganzen Mist ein Ende setzen. Aber wenn ich jetzt auch noch meine Freundin verliere, bricht meine Welt endgültig zusammen. Sie ist die Einzige, die mir neben meinen Eltern überhaupt noch etwas bedeutet. Die mir die Kraft gibt, die mir selbst fehlt. Wie soll ich das denn ohne sie alles packen?

Wir sind erst letztes Jahr im August zusammengekommen. Klar, wir kannten uns schon länger, aber das hat alles etwas Zeit gebraucht. Ich habe sie in meinem tiefsten Down kennengelernt. Ich hatte keinen Bock mehr. Keinen Bock auf YouTube, keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß mit der Familie, keinen Bock mehr wegzurennen vor dem Finanzamt. Ich hatte den Glauben an alles verloren, was ich die Jahre vorher zelebriert hatte. Und dann kam sie, hörte sich alles an, stand zu mir und zog mich aus der Depression raus. Ich hatte plötzlich wieder Bock zu leben. Sie hat mir nie das Gefühl gegeben, ich müsste ihr gefallen oder gar was vorspielen. Sie hat mich so gemocht, wie ich bin.

Und in nicht mal einem halben Jahr Beziehung habe ich alles kaputtgemacht. Dabei ist sie das erste Mädchen, von dem ich sagen kann, dass ich sie tatsächlich über alles. Aber jetzt ist sie weg. Sie ist durch die Terrassentür raus, sie hatte es leid. Die ganzen Lügen.

»Drogen, Schulden & Schwester-Video« – so werde ich meine Offenbarung auf YouTube später nennen. Die Probleme, an denen mehr zerbrochen ist als nur die Beziehung zu meiner Freundin, haben nämlich viele Gesichter.

Jetzt liege ich im Bett und heule. Kein Plan, wie es weitergehen soll. Ich rufe Marcel an, ich muss ihm sagen, was ich vorhabe. Er ist seit Jahren mein bester Freund, er weiß auch Bescheid über die Show, die ich die ganze Zeit abgezogen habe.

»Digga! Sie ist weg. Sie hat Schluss gemacht. Es ist vorbei!«

»Dein Ernst, Digga? Was ist passiert?«

»Nichts, Bruder. Alles für ’n Arsch. Ich habe ihr die ganze Zeit versprochen, ein Video zu machen, in dem ich mich den Problemen stelle, von all den Lügen erzähle und den Menschen sage, was wirklich abgeht, aber …«

»Bro, das hast du mir auch schon paarmal gesagt. Also lass machen!«

Marcel und ich hatten in letzter Zeit tatsächlich schon mehrmals über das Video gesprochen. Das Video, in dem ich praktisch blankgezogen habe vor meinen Zuschauern auf YouTube. Das Video, über das plötzlich in den Medien berichtet wurde, weil es so was vorher noch nicht gegeben hatte. Das Video, das mein Leben verändern sollte. Dass ich dafür extra zu ihm nach Berlin fahren würde, war ursprünglich gar nicht geplant gewesen. Er sollte an seinem Laptop zu Hause hocken und ich an meinem in München. Auf entspannt quatschen, alles mal rauslassen, was sich angestaut hat. Das zumindest war der Plan. Auf entspannt quatschen … Was für ein Joke!

Es ist die Nacht von Freitag auf Samstag. Meine Freundin hat mich verlassen, ich liege heulend im Bett, und bald werde ich mich entschließen, nach Berlin zu fahren. Raus hier, direkt zu Marcel. Und das Realtalk-Video raushauen. Ich habe nichts mehr zu verlieren und keine Ausreden mehr, warum ich noch länger warten soll. Immer hat mich irgendwas davon abgehalten, ich kann nicht genau erklären, was es war. Wahrscheinlich war ich es einfach selbst. Insgeheim hoffte ich, dass alles gut wird, der interne Familienkrieg mit meiner Schwester, die Schulden, die Scheinwelt … Eines Tages würde ich bestimmt aufwachen, und alles wäre nur ein schlimmer Traum.

Auf der einen Seite wollte ich nichts mehr, als die Maske abziehen, sagen, was wirklich abgeht, und den ganzen Druck von meinen Schultern loswerden. Aber auf der anderen Seite wollte ich mich nicht als Opfer darstellen oder sogar als Lügner oder Betrüger dastehen. Warum ich dieses Video also nicht längst gedreht hatte, dieses Video, das ich meiner Freundin versprochen habe und mir und meinen Zuschauern schuldig war? Weil ich Schiss hatte. Vor den Reaktionen. Davor, was passiert, wenn es erst draußen ist. Denn dass man ein einmal veröffentlichtes Video nicht mehr aus dem Netz kriegt, das weiß ich spätestens, seit ich meine Schwester in knappen Klamotten auf ein Thumbnail gepackt habe.

Immer wenn ich an dieses Enthüllungsvideo dachte, schwirrten mir tausend Gedanken durch den Kopf. Ich hatte Angst, alles zu verlieren, was ich mir über die Jahre aufgebaut hatte. Mit einem Video – alles weg. So ein Seelen-Striptease, der auch Mitglieder der eigenen Familie bloßstellt, das ist kein Spaß. Dass ich immer zu meiner Familie gehalten habe, hat mich ja überhaupt erst in diese Situation gebracht! Egal, wie dumm manche Entscheidungen von mir waren, die Familie stand immer an erster Stelle. Klar, so blind vor Vertrauen und naiv zu sein wie ich, dafür gibt es im Nachhinein keine Entschuldigung, aber wer will sich denn selbst als Opfer darstellen? Ich nicht.

Irgendwas muss ich aber machen. Nach Berlin fahren, zu Hause bleiben, meine Freundin suchen? Ich will mit jemandem reden, weil ich nicht mehr klar denken kann. Ich rufe also einen Kumpel an und erzähle auch ihm die Kurzversion. Eine halbe Stunde später bin ich auf dem Weg zu ihm. Er hat mich mit einem ganz miesen Trick aus dem Bett gelockt: »Nicht mal ein halbes Gramm Gras, aber für den kleinsten Joint der Welt wird es reichen.«

Ich habe seit Monaten nicht mehr gekifft. Seit ich mit meiner Freundin zusammengekommen bin, habe ich die Finger davon gelassen. Nur zwei oder drei Züge, und der Joint wird mich wegbeamen. Gerade kann ich mir nichts Besseres vorstellen, als stoned zu sein.

An der Tanke decke ich mich mit dem Nötigsten ein. Croissants, Tiefkühlpizza, Ben & Jerry’s, das komplette Ekelpaket für Fressflashs, wenn man dicht ist. Ich will mich einfach nur beruhigen und endlich pennen.

Bei meinem Kumpel angekommen, packe ich den ganzen Schund aus, wir rauchen und essen. Wie erwartet, flasht es mich total weg. Ich erzähle ihm noch mal knapp, was mit meiner Freundin abgegangen ist, aber nicht mehr so ausführlich wie Marcel. Einfach keine Lust, vor ihm so emotional zu werden und auf blöd auch noch rumzuheulen. Stattdessen gucken wir uns »Best of Messi«-Videos an. Ich kenne die zwar alle auswendig, aber sie sind trotzdem das beste Mittel, um mich abzulenken und nicht an meine Freundin zu denken.

Irgendwann lege ich mich hin. Mein Kopf kommt nicht zur Ruhe. Ich muss nach Berlin, zu Marcel, dieses verdammte Video aufnehmen. Mein Bro und ich müssen zusammen dieses Video machen. Wir haben diesen ganzen YouTube-Film gemeinsam angefangen, Marcel war von Anfang an am Start. Ich muss das mit ihm zusammen durchziehen.

Gegen Mittag wache ich komplett verstrahlt auf. Ich habe das Gefühl, als hätte ich drei Tage gepennt. Ab jetzt funktioniere ich nur noch. Autopilot. Ab nach Hause, duschen, Sachen packen, ab nach Berlin zu Marcel. Und endlich dieses verdammte Video machen und hochladen. Es gibt kein Zurück mehr. Ich bin so abgefuckt und wütend auf mich. Ich kann mich selbst nicht mehr ertragen. Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen?

Ich packe ein paar Sachen zusammen, laufe mit der Tasche die Treppen in meiner Wohnung runter und – bretter mich übelst hin. Wie in einem schlechten Joke falle ich auf den Hintern und slide mit dem Arsch Stufe für Stufe runter. Ich komme gar nicht mehr klar vor Schmerzen, mein Steißbein tut mies weh, und ich bleibe eine Viertelstunde lang einfach am Boden liegen. Aber es hilft alles nichts. Nicht noch eine scheiß Ausrede, warum ich das jetzt nicht durchziehe. Ich muss los.

Die sechs Stunden im Auto kommen mir vor wie eine Stunde. Ich pumpe Musik und spiele die letzten Jahre im Kopf noch einmal ab. All die Dinge, die passiert sind. Die guten und die schlechten. Aber ich bin an dem Punkt angekommen, wo ein paar wenige schlechte Dinge und Entscheidungen die vielen geilen Erlebnisse und Erfahrungen als Geisel genommen haben. Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich mich über nichts mehr freuen kann, weil ich weiß, dass mich die wenigen, aber schwerwiegenden Dinge irgendwann mit aller Härte einholen werden.

Was kann ich im Video, meinem Offenbarungseid, tatsächlich offenlegen? Wie weit kann ich gehen? Wie viel muss raus? Diese Fragen beschäftigen mich immer und immer wieder während der Fahrt. Und ich komme immer wieder zu demselben Schluss: Alles muss raus! Keine Show mehr. Es reicht!

Nur, wie soll ich das verpacken? Alles aus den letzten Jahren in 10 bis 15 Minuten zusammenfassen? Seit 2015 spiele ich nach außen den Coolen, obwohl mir die Probleme schon damals bis zum Hals standen. Die ersten Konto-Pfändungen, irgendwann flogen wir aus der Villa, weil ich die Miete nicht zahlen konnte, noch mehr Pfändungen, Strafzahlungen …

Ich wollte doch nur meiner Schwester was Gutes tun! Aber ich bin auf sie und ihren Mann reingefallen und stecke jetzt in diesem Teufelskreis fest. Stand heute habe ich gut 200.000 Euro Schulden. Fuck.

Je näher ich Berlin komme, desto entschlossener werde ich. Das Video ist der letzte Ausweg, um mich und mein Leben noch auf die richtige Bahn zu bringen. Die Trennung war der Auslöser, der letzte Alarm, um zu erkennen, dass ich mit mir selbst ins Reine kommen muss. Der berühmte Tropfen, der das Fass einfach zum Überlaufen bringt.

Ich denke darüber nach, wie es war, der Anton von früher zu sein, der Anton als Teenager. Unbekümmert, lebenslustig, motiviert. Der in allem etwas Positives sieht und Bock auf das Leben hat. Diesen Jungen gibt es nicht mehr. Die Lebensfreude ist verschwunden. Alle Ambitionen und Träume sind weg. Als Jugendlicher habe ich mir ausgemalt, wie es sein könnte mit 30 Jahren. Meine Familie, mein Haus, mein Auto, mein Boot. Das alles wollte ich mir erarbeiten und ein schönes Leben führen.

Nie war ich weiter davon entfernt als jetzt im Auto auf dem Weg nach Berlin.

Aber wie soll ich das alles in 15 Minuten packen? Den ganzen Wahnsinn in so kurzer Zeit den Leuten beibringen, die mir folgen, meine Videos gucken, mein Leben finanzieren und mich als Person feiern, weil ich bin, wie ich bin. Schlechter Scherz! Die werden alle angepisst sein. Wäre ich als Zuschauer auch. Ich habe die Kommis schon vor Augen: »Anton, du Opfer/Lügner/Heuchler …«

Ich fahre weiter und fange einfach an zu erzählen, was mir auf der Seele brennt. Dabei stoppe ich die Zeit, um ein Gefühl dafür zu kriegen. Schnell merke ich, dass ich viel länger brauchen werde, um auch nur das Wichtigste zu offenbaren. Über die Konsequenzen will ich lieber gar nicht weiter nachdenken. Aber eins ist klar: Das Video wird mich ficken. Dass es solche Wellen schlagen würde, hätte ich aber nie erwartet.

Je länger die Fahrt dauert, desto mehr reflektiere ich, in was für einem Teufelskreis ich seit Jahren bin. Verdrängung macht krasse Sachen mit einem. Nach meinem jetzigen Kenntnisstand wurden meine Familie und ich einfach nur verarscht. Mein Schwager hat uns hinters Licht geführt. Er hat meine Schwester manipuliert und so auch mich gekriegt. Ich war wie ein Gefangener dieses Horrors, eine Geisel seines falschen Spiels, das mich in den finanziellen Ruin getrieben hat. Wie konnte ich nur so dumm sein? Wieso habe ich das alles nicht gecheckt?

Ich habe die letzten Jahre nur funktioniert, ohne richtig nachzudenken. Weil ich es nicht wahrhaben wollte. Ich wollte nicht der Idiot sein, dem das alles passiert. Ich wollte, dass es den Menschen, die ich liebe, besser geht. Ich war jung und konnte plötzlich einen so megawichtigen Beitrag leisten … Das hat mich leichtsinnig gemacht. Alles aus Liebe zu meiner Schwester. Ich wollte sie und ihre Familie nie hängen lassen. Ich wollte ihnen ein schönes Leben bieten. Ich wollte sie teilhaben lassen. Aber sie haben mich ruiniert. Ich steh vor dem Nichts.

Am frühen Abend komme ich bei Marcel an. Er hat eine fette Penthouse-Wohnung in Berlin, wo er mit seiner Freundin und seinem Hund lebt. Bei Marcel ist alles geregelt. Zwei junge und zufriedene Menschen, erfolgreiche YouTuber, finanziell safe, ein glückliches Paar. Alles Dinge, von denen ich Welten entfernt bin.

Ich hätte auch so ein unbeschwertes Leben haben können, hätte ich mein Hirn mal häufiger benutzt und nicht nur mit dem Herzen entschieden.

Ich erzähle Marcel und seiner Freundin noch mal das Wichtigste im Schnelldurchlauf. Den Rest wissen sie schon von einem Abend auf der Gamescom 2018, als ich ihnen alles gebeichtet habe. Dass ich nicht nur pleite bin, sondern verschuldet. Hoch verschuldet. Dass ein beschissener Betrüger mich ausgenommen hat bis aufs Letzte. Dass ich allen was vorgemacht habe. Marcel hat nur ungläubig den Kopf geschüttelt. Kein Nachbohren, kein Finger-in-die-Wunde-Legen, kein Belehren. Er hat einfach nur zugehört.

Ein halbes Jahr ist das jetzt her. Ein halbes Jahr, in dem ich versucht habe, so zu tun, als wäre alles normal. In dem ich versucht habe zu überspielen, wie gebrochen ich bin, wie fake meine Fassade ist. In ein paar Stunden wird es jeder wissen, der auf mein Video klickt. Bislang ist das über drei Millionen Mal passiert. Holy Shit.

»Komm, Anton! Bringen wir es hinter uns, Bro. Die Welt soll wissen, was bei dir abgeht.«

»Safe, Bruder. Es gibt kein Zurück mehr. Es gibt nur diesen einen Weg, lass machen.«

Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen, verspüre aber auch keinen Hunger. Ich will einfach nur vor Marcels Cam und loslegen. Wir überlegen kurz, uns Stichpunkte zu machen, um etwas geordneter zu sein und nichts zu vergessen, aber das verwerfen wir sofort, als wir in Marcels Aufnahmezimmer sitzen. Wir einigen uns darauf, nichts vorzubereiten oder zu planen.

Für Marcel ist diese ganze Sache ein echtes Risiko. Darüber haben wir allerdings erst im Nachhinein mal gesprochen, als das Video längst öffentlich war. Wir hatten ja keine Ahnung, wie die Menschen das Video aufnehmen würden. Wenn es in die Hose gegangen wäre und ich einen heftigen Shitstorm ausgelöst hätte, hätte er ja auch einiges abgekriegt, obwohl er nichts damit zu tun hatte und nur helfen wollte.

Für mich steht in diesem Moment aber auch vieles, wenn nicht sogar alles auf dem Spiel. Ich weiß: Wenn ich jetzt verkacke und die Menschen mir nicht glauben – was ja auch irgendwie verständlich wäre –, dann höre ich auf mit YouTube, dann hat das alles keinen Sinn mehr.

Jetzt aber geht es nur darum, real zu sein. Es muss passieren, denn ich habe schon seit Monaten kein Video mehr aufgenommen, das für mich persönlich von großer Bedeutung gewesen wäre. Ich hatte nur noch krampfhaft versucht, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Entsprechend sind die Views zurückgegangen. Die Leute merken so was einfach, auch wenn es ihnen vielleicht nicht bewusst ist.

Umso wichtiger, dass die Menschen das neue Video klicken und es positiv aufnehmen. Dieses Video bedeutet mir alles. Es soll Balsam für meine Seele werden. Offenbarung und Befreiungsschlag zugleich, der Schritt ins gute Leben zurück. Es darf nicht schiefgehen.

»Lass einfach draufloslabern, Anton. Vergiss einfach, dass du aufgenommen wirst. Du hast lange genug was vorgespielt, damit ist es jetzt vorbei, Digga. Du legst einfach los, und ich stelle dir immer wieder eine Frage, wenn was unklar ist, so wie vorhin im Wohnzimmer.«

Marcel gibt mir eine gewisse Sicherheit, obwohl er selbst extrem aufgeregt ist. Ihm wird wohl auch bewusst, dass das hier mein ganzes Leben verändern kann. In die positive, aber auch in die negative Richtung.

Er sagt, ich sei intelligent, sprachbegabt und eben nicht nur einer von hundert Zockern. Ich soll mir alles von der Seele reden.

Die Aufnahme fühlt sich wirklich so an, als würde ich nur ihm die ganze Story erzählen: Die Offenbarung des Anton R. aka Realtalk des ViscaBarca. Ein kompletter Seelen-Striptease. Ich habe vorher alles tausendmal im Kopf durchgespielt, dann geht es los:

»Drogen, Schulden & Schwester-Video – Warum mein Leben die Hölle ist.«

KAPITEL 2

AUS LIEBE ZUM SPIEL

Um zu verstehen, wieso ich im Februar 2019 ein Video über meine Vergangenheit drehen musste, gehen wir ganz viele Jahre zurück.

Ich konnte kaum richtig laufen, da hatte ich schon einen Controller in der Hand. Und ich war noch nicht mal in der Schule, da saß ich das erste Mal vor dem Fernseher und habe gezockt. Super Mario, Digga, bestes Spiel ever! Wir hatten zuerst eine Super-Nintendo-Konsole in der Wohnung. Die hatte meine Schwester zum Geburtstag bekommen. Ich war eigentlich noch viel zu jung, aber ich spielte trotzdem mehr damit als sie. Was immer noch nicht oft war, weil meine Eltern es mir nur selten erlaubten.

Seit meiner Kindheit habe ich das Zocken zwar heftig gefeiert, das übliche Zocker-Klischee aber nicht wirklich erfüllt. Ich saß nicht stundenlang vor dem Fernseher, um Spiele durchzuballern, bis mir die Augen zufielen. Das hätte ich natürlich gern gemacht, aber keine Chance, meine Eltern waren übertrieben streng. Mehr als ein bis zwei Stunden täglich war nicht drin, danach musste ich das Ding ausmachen, egal, wie sehr ich gebettelt habe.

Nach der Super-Nintendo-Konsole folgten viele weitere. Ich wünschte mir immer den neuesten Hype, sodass sich mit der Zeit alles Mögliche angesammelt hat. Die Sega Dreamcast und die PlayStation – da hab ich Crash Bandicoot, dieses Spiel mit dem Fuchs, geliebt. Und natürlich GTA: San Andreas, da war ich auch krass drin.

Aber egal was ich gespielt habe, ich musste es immer gut beherrschen, sonst wurde ich schnell wütend. Mein Ehrgeiz hat mich zerfressen. Ich habe nie einfach nur aus Spaß und Zeitvertreib gespielt, ich wollte gewinnen und gut sein. Das ging schon als Kind bei Super Mario World los. Wenn ich Bowser, den Bossgegner im Endlevel, nicht gleich geschafft habe, bin ich direkt durchgedreht. Ich war immer schon sehr verbissen.

Wenn ich zurückdenke, war ich als Kind genauso, wie ich es heute bin. Aber wäre ich nicht so extrem ehrgeizig gewesen, hätte ich nicht versucht, der Krasseste zu sein, dann gäbe es heute zwar Anton, aber ganz sicher keinen ViscaBarca.

Dass ich mal im Internet bekannt sein würde, weil ich besonders gut Spiele zocken kann, das hätten sich Mama und Papa in ihren schlimmsten Albträumen nicht ausgemalt. Die beiden sind sehr konservativ, weshalb es das Allerwichtigste war, anständig zu sein, in der Schule sehr gut zu performen und bestenfalls auch in der Freizeit viel zu lernen.

Mein Papa ist ein ganz spezieller Kandidat. Er wollte mir als Kind nicht mal erlauben, in den Fußballverein einzutreten. Er war bei allem sehr kritisch, aber besonders beim Fußball. Man sollte denken, Eltern feiern es, wenn der eigene Sohn Bock auf einen Mannschaftssport hat und zusammen mit anderen Kids regelmäßig an der frischen Luft einem Ball hinterherrennt. Aber nicht so mein Papa. Er hat es null eingesehen, warum man so viel Geld für Fußballschuhe und das ganze Fußballoutfit ausgeben sollte. Auch der Zeitaufwand am Wochenende – das Kind zu Spielen fahren, dort herumhängen und zugucken – war ihm viel zu viel, obwohl es nur um den nahen Umkreis meiner Heimatstadt Bayreuth ging.

Ich war darüber heftigst traurig, verstand einfach nicht, warum mein Papa mich nicht im Fußballverein anmelden wollte, obwohl die Gebühr nur 30 Euro im Jahr betrug. Papa ist eben ein Typ, der es im Alltag sehr schlicht und geregelt mag. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, wollte er seinen Tee trinken und Zeit mit der Familie verbringen. Das war ihm heilig. Er hatte keine Lust, durch die Gegend zu fahren, nur damit ich irgendwo kicken konnte.

Aber irgendwann hat mein ständiges Betteln doch Gehör gefunden, und er meldete mich bei Sportring Bayreuth an. Ich muss da zehn oder elf gewesen sein und ging schon aufs Gymnasium. Mit der Anmeldung tat Papa sich letztlich einen größeren Gefallen als mir. Ab da musste er nämlich nicht mehr mit mir raus zum Bolzer oder in den Park, um mit mir zu kicken. Es reichte, mich ab und zu zum Training oder zu Spielen zu fahren. Und ich musste nun nicht mehr bitten: »Komm, Papa, lass mal kicken gehen«, und ihn an den Füßen aus der Wohnung ziehen. Typische Win-win-Situation also.

Ich habe es sofort geliebt, im Verein zu spielen. Ich war Stürmer, spielte mal Links-, mal Rechtsaußen, und war beliebt bei den anderen Jungs. Unsere Mannschaft war richtig stark und hat viele Spiele gewonnen. Was kann es Geileres geben, als mit einem coolen Team zu zocken!

Ich habe krass aufgespielt, und so kam es nach etwa zwei Jahren, dass sogar der große Verein, die Spielvereinigung Bayreuth, auf mich aufmerksam wurde. Deren Jugendmannschaft war in der Bezirksoberliga, das war so ziemlich die stärkste Liga, in der ich im Umkreis hätte spielen können.

Für mich war es eine große Ehre, dass die mich in ihrem Team haben wollten, und natürlich sah ich es als Chance an, mich weiterzuentwickeln, mit krasseren Kickern zusammenzuspielen und gegen bessere Gegner anzutreten. Welcher Junge träumt nicht davon, es zum Profi zu schaffen? Und das hier war der erste Step. Dachte ich zumindest.

Der neue Coach hat mich einfach zerlegt, Digga. Anfangs war er noch ganz korrekt, ab und zu ein bisschen cholerisch, aber eigentlich auszuhalten. Er hat sich eben reingesteigert, im Training und im Spiel sowieso. Er war extrem verbissen, musste unbedingt gewinnen. Ich dachte mir nicht viel dabei, bin ja ein ähnlicher Typ. Zwar nie laut, aber schon extrem ehrgeizig und immer aufs Gewinnen aus.

Von Woche zu Woche wurde es jedoch schlimmer. Anfangs war ich selbstsicher, habe gut performt und regelmäßig Tore gemacht. Ich hatte einen Stammplatz und fühlte mich richtig gut. Aber dann machte ich ein, zwei schlechte Spiele, war unauffällig, leistete mir einige Fehler, und schon ging es los. Immer öfter schrie er mich an, machte mich vor der Mannschaft runter.

»Rinas! Was ist eigentlich los mit dir!«

»Totalausfall!«

»Schlechtester Mann auf dem Platz!«

»Was machst du überhaupt hier?«

»Für nichts zu gebrauchen!«

Das waren nur ein paar seiner Ausbrüche, die er mir in jedem Spiel entgegenbrüllte, um mich vor der Mannschaft bloßzustellen. Dabei kam er in den Besprechungen immer ganz nah zu mir und schrie dann wie ein Verrückter. Es hat nicht lange gedauert, bis ich komplett gefickt war. Wenn ich den Ball bekam, hatte ich Angst, Fehler zu machen, aus Schiss vor seinem nächsten Ausbruch. Das war Gift für mein Spiel. Ich war nicht mehr frei im Kopf, hatte keinen Spaß und konnte nicht frei aufspielen. Es war wie Treibsand, der mich nach unten zog. Meine Leistungen wurden immer schlechter, und ich wurde ständig ausgewechselt.

Ich bin eher feinfühlig, sensibel, gar nicht so der Harte, den nichts treffen kann. Damals habe ich sehr oft mit den Tränen gekämpft, wenn er mich wieder mal attackierte. Er schrie zwar auch andere an, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich als Opfer ausgesucht hatte.

Natürlich versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen, auch um vor den anderen keine Schwäche zu zeigen, aber das gelang mir nicht wirklich gut. Und man merkte meinem Spiel komplett an, wie angespannt ich war, wie viel Schiss ich hatte zu versagen.

Schließlich kamen auch noch körperliche Defizite hinzu. Ich bekam immer häufiger Krämpfe beim Training und im Spiel. Einfach so. Obwohl das zuvor so gut wie nie passiert war. Ich traute mich aber nicht, den Trainer um eine Pause zu bitten, wenn ich einen Krampf hatte, sodass meine Leistung noch mieser war.

»Anton! Was war denn da draußen schon wieder los?«

»Nichts, wieso?«

»Du hast dich null bewegt. Mit dir im Team spielt man mit einem Mann weniger!«

Ich wollte nicht sagen, dass ich Krämpfe hatte. Dann hätte er mich vor der Mannschaft bloß als Pussy dargestellt, die nach Ausreden sucht und nichts draufhat. Das musste ich mir nicht geben. Stattdessen habe ich alles wieder und wieder über mich ergehen lassen.

Irgendwann war mir der Spaß am Fußball vergangen. Dieser Trainer war wie ein Virus, der mich befallen, der meinem Geist die Liebe zum Spiel genommen und meinen Körper geschwächt hat. Ich konnte nicht mehr und verließ den Verein.

Weil ich einfach wieder Spaß haben wollte, ging ich zu meinem alten Team zurück. Hier war die Atmosphäre komplett anders, sodass auch mein Selbstvertrauen sofort wieder da war. Hier fühlte ich mich wohl, wurde von den Jungs zum Kapitän gewählt, übernahm Verantwortung und brachte meine Leistung. Das Klima im Team war top, sehr familiär und respektvoll. Und wenn wir mal eine deftige Klatsche kassiert haben, ging es trotzdem weiter. Niemand schrie rum wie ein Geisteskranker, niemand wurde zum Sündenbock gemacht.

Wenn ich nicht mit den Jungs auf dem Fußballplatz stand oder in der Schule saß, zockte ich auf der Konsole. Diese Leidenschaft war ein Teil von mir geworden, zumal meine Eltern die Zügel inzwischen etwas lockerer gelassen hatten. Ich hatte sogar einen Fernseher im Zimmer, sodass sie auch nicht mehr ganz so strikt kontrollieren konnten, wie viel ich spielte.

Mit 13 suchtete ich vor allem FIFA und PES auf der PlayStation 3. Damals kaufte ich mir auch mein erstes Ego-Shooter-Spiel: FarCry. Das war allerdings wie immer mit riesigem Theater verbunden, und wie immer spielte mein Vater die Hauptrolle. Als Kopf der Familie traf er nämlich so gut wie alle Kaufentscheidungen. Man musste also zu ihm gehen und mit ihm aushandeln, ob dies oder jenes denn gerade wirklich notwendig sei.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Mein Papa ist der beste. Ich liebe ihn von ganzem Herzen. Als junger Mann ist er aus Kasachstan nach Deutschland gekommen und hat sich hier ein gutes Leben erarbeitet. Sich und uns, also Mama, meiner Schwester und mir. Aber er wollte immer ganz genau wissen, was mit der Kohle passierte, die er verdient hat. Und das betraf nicht nur mich. Wenn Mama sich random ein neues Parfüm gegönnt hat, fragte er direkt nach, warum und wieso und ob das denn wirklich sein müsse und man könne mit dem Geld ja safe was Besseres anfangen. Wegen solcher Kleinigkeiten gab es immer wieder Stress bei uns zu Hause.

Keine große Überraschung also, dass ich mit meinen 13 Jahren ebenfalls unter ganz genauer Beobachtung stand. Für ein neues Spiel musste ich tagelang, manchmal sogar über Wochen betteln und ihn überreden. Ich versprach, mich gut zu benehmen, zu lernen, sehr gut in der Schule zu sein, den üblichen Scheiß eben. Das Problem dabei: Ich benahm mich schon gut und war sehr gut in der Schule, also hatte ich nicht viel Neues anzubieten.

Schule war meinem Vater immer das Wichtigste, aber das war okay für mich. So richtig gelernt habe ich eigentlich selten, ich habe im Unterricht einfach aufgepasst, das hat mir gereicht, um Einser und Zweier zu schreiben. Ebenso wenig war ich einer, der sich zu Hause eingesperrt hat, um auf der Konsole zu zocken ohne Ende. Ich kam nach Hause, habe erst mal zwei oder drei Stunden gezockt, Need for Speed oder FIFA zum Beispiel. Aber dann war ich draußen beim Fußball, entweder am Bolzer oder eben beim Training. Ich glaube, das war der springende Punkt, warum manches Anflehen bei meinem Vater Gehör fand und er sich auch im Falle von FarCry doch noch überreden ließ. Ich war ein braves Kind mit ganz normalen Hobbys und schlug nie über die Stränge. Wäre ich einer gewesen, der tagelang nicht aus seinem Zimmer kam und nur noch auf der Konsole spielte, dann wäre mein Vater safe eingeschritten und hätte mir das Ding weggenommen. Aber so weit kam es nie. Ich machte ja meine Schule, brachte gute Noten nach Hause, ging mit Kumpels ins Kino, spielte Fußball. Ich eckte nicht an, und so kauften mir meine Eltern auch mal ein Spiel, obwohl es natürlich nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Nichts von dem, was ich tat, ging auch nur ansatzweise ins Extreme, deshalb waren meine Eltern, besonders mein Vater, nicht in Sorge, ich könnte abdriften, wenn ich mal ein Ego-Shooter-Spiel zockte. Ich sage es mal so: Sie hatten mich im Auge, aber sie drückten es auch mal zu für mich.

Irgendwann lernte ich einen Typen aus der Parallelklasse kennen. Er war ebenfalls in der Fußball-AG, und wir freundeten uns an. Er nahm mich auch in seine PlayStation-Freundesliste auf, eine Art Online-Netzwerk innerhalb des PS-Kosmos, das es ermöglichte, online mit- oder gegeneinander zu zocken. Natürlich bekam er mit, dass ich FarCry spielte und meinte eines Tages:

»Anton, Alter! Lass doch dieses FarCry mal sein, das juckt einfach niemanden!«

»Nein, Digga. Bestes Spiel!«

»Niemals! Du musst CoD spielen, das ist heftig!«

»CoD?«

»Call of Duty, Alter! Modern Warfare 2. Das Spiel ist übertrieben heftig. Jeder hypt das gerade. Probier das mal.«

Ich hatte das Spiel damals überhaupt nicht auf dem Schirm. FarCry dagegen hatte ich überall im Schaufenster gesehen, und mir gefiel sehr, wie es im Spiel abging. Im Single-Player-Modus fuhr man in der Wüste herum und musste bestimmte Missionen erfüllen, Gegner zur Strecke bringen, sich nicht erwischen lassen, ein typisches Ballerspiel eben. Aber da mein Kollege immer wieder davon laberte, wie krass CoD war und wie gut er darin sei, war ich angefixt. Wenn er es so krass feiert, dann muss ich das auch mal durchziehen, dachte ich.

Aber da gab es diese mächtige Hürde zwischen einem neuen Spiel und mir: meinen Papa. Wie sollte ich ihn bloß davon überzeugen, dass ich schon wieder ein neues Spiel brauchte? Ich hatte ja vor Kurzem erst FarCry bekommen.

Diesmal ließ er sich gar nicht auf eine Diskussion ein.

»Nein! Die nächsten Monate gibt es erst mal kein Spiel mehr. Es reicht, Anton!«

»Aber die anderen …«

»Die anderen interessieren mich überhaupt nicht. Schau lieber, dass du gute Noten bekommst und deine Schule richtig machst.«

»Ich habe nur gute Noten …«

»Anton! Es reicht jetzt. Basta!«

Ich musste mir also was einfallen lassen.

Mein Papa ist Programmierer und liebt es, sich mit Elektronik und Technik zu beschäftigen. Darum ging er auch gerne in Elektrofachhäuser und guckte sich das neue Zeug an. Gucken ja, kaufen nein, das war seine Devise. Um ihn ganz unauffällig in die Games-Abteilung locken und dort wegen CoD anbetteln zu können, fragte ich ihn daher eines Tages, ob er nicht Lust hätte, mit mir zu Media Markt zu gehen. Kaum im Markt angekommen, verschwand er wie üblich in der TV-Ecke, wo er sich die riesigen LED-Fernseher anschaute, und ich verzog mich in die Abteilung mit den Konsolen. Irgendwann suchte er mich und wusste selbstverständlich, wo er mich finden würde.

»War ja wieder klar, wo du dich rumtreibst. Komm, wir gehen.«

»Papa, guck mal, ich brauche …«

»Nein. Du brauchst nichts, Anton. Du hast alles.«

»Call of Duty, Papa, das spielt jetzt jeder, bitte!«

»Du bist nicht jeder, Anton. Du hast erst ein neues Spiel bekommen. 60 Euro hat das gekostet, es reicht jetzt.«

»Ich muss aber …«

»Du musst gar nichts. Du bist nicht einmal 14 Jahre alt, das Spiel ist ab 18 Jahren freigegeben.«

»Das sagt doch gar nichts aus über …«

»Wir gehen, los jetzt!«

Ich ließ nicht locker und quatschte ihn weiter voll. Ich würde noch mehr für die Schule tun, noch bessere Noten kriegen, diese ganze Show. Auf dem Weg zum Ausgang schien er völlig unbeeindruckt, kannte dieses Spielchen ja auch schon lange genug. Ich zog ihn an der Jacke, flehte ihn an – und plötzlich ließ er sich erweichen. Keine Ahnung, woher das kam, aber er kaufte mir das Spiel tatsächlich.

So fing es an. Ich hatte das Spiel, das mein Leben verändern sollte. Es ging alles sehr schnell. Im CoD-Netzwerk lernte ich Leute kennen, die schon sehr weit waren und das Spiel richtig draufhatten. Aber da ich nicht ganz unbegabt war und mit FarCry bereits ein ähnliches Spiel gespielt hatte, fiel es mir sehr leicht, mich auf das neue Spiel einzustellen.

Bei CoD geht es, ganz vereinfacht gesagt, darum, möglichst schnell eine möglichst große Anzahl an Gegnern aus dem Weg zu räumen und dabei selbst so selten wie möglich zu sterben. Ich war kein kompletter Idiot, meine anfängliche Quote war 1:1. Ich brachte also 20 Gegner um und starb bis dahin 20-mal. Für einen Anfänger ist das schon recht gut, die meisten killen anfangs fünf Gegner, werden dabei aber 20-mal gekillt. Ich hatte also durchaus ein bisschen Talent. Und natürlich wurde ich auch durch die Leute, die ich im Netzwerk kennenlernte und die viel besser waren als ich, selbst mit der Zeit immer besser. Ich schaute zu, wie sie spielen, guckte mir ihre Plays ab, suchte aber auch auf YouTube gezielt nach Tipps. Ganz simpel: »Call of Duty Tipps Deutsch«.

Dort fand ich zwei spezielle Jungs, die ich mir zum Vorbild nahm: xTheSolution und Tezzko. Die beiden haben ihre Gameplays aufgenommen und online zur Verfügung gestellt, ich konnte also genau beobachten, wie sie vorgingen. Ich studierte ihre Laufwege und Taktiken. Wo laufen sie hin? Worauf achten sie? Wie verhalten sie sich in bestimmten Situationen?

Es ist im Grunde ganz einfach: Man muss andere auschecken, die krass sind. Genau wie im Fußball. Welche Schusshaltung hat Messi? Wie bewegt er sich? Zieht er eher nach außen oder in die Mitte? Welche Dribblings wendet er im Eins-gegen-Eins an? Das versucht man dann ähnlich umzusetzen und steigert sich rein, bis man es eben kann.

So lief das ein paar Jahre. Ich hatte großen Spaß am Zocken, habe es aber nie übertrieben. Ich habe mich nie tagelang im Zimmer eingeschlossen, um vor dem Fernseher zu hocken. Dazu war es mir viel zu wichtig rauszugehen. Ich mochte sportliche Herausforderungen jeder Art. Tennis, Schwimmen, Leichtathletik, ich habe sogar eine ganze Zeit lang gekegelt. Die Kegelbahn war nur hundert Meter Luftlinie von unserer Wohnung entfernt. Das war praktisch. Außerdem war ich verdammt gut im Kegeln, sogar einer der besten meiner Altersklasse.

Aber irgendwann wurden es zu viele Verpflichtungen. Neben der Schule beanspruchte mich das Zocken ja auch immer mehr. Ich musste Prioritäten setzen, und die oberste Priorität hatte für mich immer der Fußball. Ich habe nie ein Training fürs Zocken sausen lassen. Als ich jedoch einen Muskelfaserriss bekam, der mich einige Zeit außer Gefecht setzte, spielte ich gezwungenermaßen nur noch CoD und wurde immer besser. Zwei Monate lang hing ich nur noch an der Konsole.

Sobald meine Verletzung auskuriert war, ging ich zwar wieder zum Training, kam aber nicht mehr wirklich in den Flow. Immer wieder wurde ich von Kleinigkeiten zurückgeworfen. Mal zwickte die Leiste, dann der Oberschenkel, dann das Knie. Irgendwas passte einfach nicht, also ging ich zum Arzt.

Anfangs schien noch alles cool, der Orthopäde verordnete mir Einlagen, weil ich eine Sehnenverkürzung hatte. Aber die Leistenschmerzen blieben, es wurde nicht wirklich besser, und so schickte man mich zu einem Spezialisten. Die Schockdiagnose: »Verdacht auf Bandscheibenvorfall«.

Diese drei Worte hallen immer noch in meinen Ohren. Bandscheibenvorfall! Mit 15! Ciao, Fußball! Das ging mir ununterbrochen durch den Kopf. Es stellte sich zwar heraus, dass es kein typischer Bandscheibenvorfall war, sondern eine schwere Entzündung der untersten Bandscheibe, aber durch das Zocken vorm Fernseher, dieses stundenlange Liegen auf dem Bauch mit angehobenem Kopf, hatte ich mir einen Haltungsschaden eingehandelt. Ich musste unzählige Male zum Kernspin und immer wieder zu Untersuchungen, was mich extrem abgefuckt hat.

Mindestens acht Monate lang kein Fußball und ständige Schmerzen waren das Ergebnis. Ich war komplett verzweifelt und habe den Film geschoben, dass ich womöglich nie wieder kicken kann. Rückblickend natürlich Quatsch, aber dieser Vorfall war tatsächlich der Grund, warum ich mit dem Fußball aufhörte und mich ganz der Zockerei widmete. Wenn man körperlich eingeschränkt ist, hat man nicht mehr allzu viele Optionen.

Es blieb nur die Konsole, die diese scheiß Situation überhaupt erst verursacht hatte. Das, was ich am meisten liebte – Fußball – konnte ich nicht weiter ausüben. Die eine Leidenschaft hatte sozusagen die andere ausgestochen. Ich war zum Zocken verdammt.

KAPITEL 3

DAS ERSTE VIDEO

Im November 2012 passierte etwas Entscheidendes, das meine Karriere als Gamer nachhaltig beeinflussen sollte: Black Ops 2, der neunte Teil von Call of Duty, kam auf den Markt.

Wenn ich so zurückblicke, dann hat das Spiel mit Black Ops 2 seinen größten Hype erlebt und Zocker hervorgebracht, die bis heute in der Szene und darüber hinaus bekannt sind. MontanaBlack, MarcelScorpion oder ApoRed sind alles Jungs, die durch CoD, besonders durch Black Ops 2, bekannt wurden und immer noch auf YouTube – und nicht nur da – sehr erfolgreich unterwegs sind.

Was an Black Ops 2 so besonders war, kann ich gar nicht genau sagen. Es lag mir einfach. Ich kam sofort rein und performte gut. Mit dem Fußball war ich durch, das Kegeln hatte ich sowieso nie wirklich ernst genommen, was mir blieb, war daher eh nur das Zocken. Damit habe ich mich zwar selbst zerlegt und meine Bandscheibe so beschädigt, dass ich nicht mehr kicken konnte, aber ich bin niemand, der in Selbstmitleid versinkt. Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich irgendwo anders eine neue, also beschäftigte ich mich bald nicht mehr damit, was ich nicht machen konnte, sondern damit, was ich in Zukunft machen würde.

Das gesundheitliche Dilemma hatte Anfang 2012 begonnen. Ich war also schon fast ein Jahr aus dem Fußball raus, als ich mir kurz vor Weihnachten – und damit kurz vor meinem 16. Geburtstag –wie jedes Jahr Gedanken darüber machte, was ich mir wünschen sollte. Zwei kleinere Geschenke oder doch ein fettes Ding für beide Anlässe zusammen?

Diesmal musste ich allerdings nicht lange überlegen. Ich hatte ein klares Bild davon, was ich wollte, und freute mich sogar, am 27. Dezember Geburtstag zu haben, obwohl der zwischen den Feiertagen sonst eigentlich immer untergeht. Ich wünschte mir eine Elgato, ein Aufnahmegerät, mit dem man seine Plays von der PlayStation auf den PC überträgt, wo man das Ganze dann schneiden und ins Internet stellen kann. Auf YouTube guckte ich schon lange die hochgeladenen Plays der anderen Zocker, was mich motivierte, mindestens genauso gut zu sein – und auch solche Videos machen zu wollen.

Mein Plan ging zwar nicht ganz auf, weil ich keine Elgato bekam, dafür aber einen ordentlichen Batzen Geld, mit dem ich mir das Gerät selbst kaufen konnte. Ich bestellte sofort über Amazon, aber wegen der Feiertage würde es noch eine gefühlte Ewigkeit dauern, bis ich das Ding zu Hause hatte. Geduld ist nicht gerade meine Stärke. Deshalb suchte ich in der Zwischenzeit nach anderen Möglichkeiten, um mein einminütiges CoD-Gameplay ins Internet stellen und von anderen bewerten lassen zu können. Ich war mir absolut sicher, dass ich Talent besaß und das Game besser beherrschte als die meisten, dass andere von meinen Skills profitieren und es feiern würden.

Stundenlang googelte ich und googelte – dann hatte ich endlich etwas gefunden: ein Tool, das ins Spiel selbst integriert war und mit dem man kurze Videos des eigenen Spiels direkt auf YouTube hochladen konnte.

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