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R.E.V.E.

I. Kein Traum

 

 

 

Kein Traum

 

 

 

Es ist kein Traum, denn er fühlt sich zu real an

Oder sind Träume nichts anderes, als eine andere Wirklichkeit?

 

1. Das Ziel der Reise

Es gab weder Wind noch Regen. Der Mond war nie zu sehen und die Sterne ließen sich nur erahnen. Die Jahreszeiten existierten nicht. Leben und Tod waren zwei Seiten einer Medaille. Lediglich ihr Abglanz war in dieser Sphäre zu sehen.

Die Menschen suchten diese Welt meist unbewusst auf. Die meisten wussten gar nicht, dass sie fast jede Nacht hierher reisten. Viele versprachen, sich daran zu erinnern, doch fast alle vergaßen, was sie hier erlebten. Der Schleier, zur untersten Ebene, war dünn, aber für die Menschen dort nicht zu durchdringen.

Wenn sie nur wüssten, welches Potenzial sie besaßen. Giral seufzte und ließ sich auf den Boden sinken. Seine Hände fuhren durch den glänzenden Sand. Er malte einen Kreis und konzentrierte sich auf das Bild der Erde. Der Wächter lächelte leicht.

Nichts seltsames, alles lief nach Plan. Die Entwicklung schritt voran, die Menschen lebten und lernten vielleicht etwas. Manche schafften es sogar, durch die Lücken des Schleiers zu blicken.

Irgendwann, sagte er sich, irgendwann würde seine Aufgabe hier vorbei sein. Doch dazu mussten noch viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende vergehen. Die Menschen lernten nur langsam, manche mussten die Lektionen dutzende Male wiederholen, bis sie begriffen.

Giral lächelte besonnen. Zum Glück hatte er sich nicht dafür entschieden, diese Erfahrung zu machen. Auf einmal spürte er einen Windhauch. Er war kaum wahrnehmbar und ließ nur zwei Sandkörnchen erbeben. Der Wächter schloss die Augen. Die Veränderung in dieser Sphäre war so leicht, dass sie keine Störungen hervorrief. Trotzdem war Giral alarmiert. Er verließ seinen Platz und ließ seine Sinne nach der Ursache dieser winzigen Störung fahnden. Selbst wenn dieser hauchdünne Luftzug nichts bedeuten mochte, ein kleiner Stein auf dem Gipfel des Berges war ins Rollen gekommen.

Der Wecker riss Rivanee aus ihrem Schlaf. Mit einer Hand griff sie nach dem lauten Ungetüm und drückte den Ausschalt-Knopf. Doch der Wecker verstummte nicht, sein Klingeln wurde immer kreischender. Rivanee verfluchte den Gegenstand und beförderte ihn mit einem Tritt an die Wand.

»Schon gut«, murmelte sie immer noch schlaftrunken und tapste aus dem Bett. Sie fühlte sich wie gerädert. Die halbe Nacht hatte sie wach gelegen. Genauso wie die Nächte zuvor.

Seit geraumer Zeit plagten sie Einschlafstörungen. Sie schwebten wie hungrige Mücken über ihrem Bett und stachen nach ihr, sobald sie ein Auge zumachen wollte. Aus heiterem Himmel war es ihr vor zwei Wochen nicht mehr gelungen einzuschlafen. Nichts half dagegen. Tabletten, Tees oder gymnastische Übungen verfehlten ihre Wirkung.

Rivanee betrachtete sich im Spiegel und erstarrte. Unter ihren grünbraunen Augen hatten sich tiefe Schatten gebildet und ihr braunes Haar stand ihr wirr vom Kopf ab.

»Mach deinen verdammten Wecker aus«, erklang es aus dem Flur.

Also war ihr Bruder Ronan auch schon wach. Rivanee grinste in sich hinein. Bei dem Gedanken, dass ihr Wecker auch ihn aus seinem Tiefschlaf geholt hatte, wurde sie sofort viel munterer. Warum sollte sie auch als einzige leiden?

»Er geht gleich aus«, rief sie ihrem Bruder zu, »oder in ein bis zwei Stunden.«

Wieder einmal trödelte sie zu lange am Frühstückstisch und vergaß dabei auf die Uhr zu sehen.

»Immer musst du laufen«, tadelte ihre Mutter sie und gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange.

»Wenn ich wieder vernünftig schlafen kann, dann bin ich morgens auch nicht mehr so müde.«

»Als ob du früher jemals pünktlich losgegangen wärst.« Rivanees Mutter schüttelte den Kopf. »Doktor Tresan wird deine Schlaflosigkeit sicherlich bald in den Griff bekommen. «

»Ich hoffe es«, erwiderte Rivanee und stürmte aus dem Haus. Seit einer Woche wurde sie von diesem Psychologen untersucht. Er versuchte den Grund für ihr Einschlafproblem herauszufinden. Bisher waren die Sitzungen wenig erfolgreich verlaufen. Rivanee sah auf ihre Armbanduhr und schauderte. Noch zehn Minuten bis zum Unterrichtsanfang. Das würde sie niemals pünktlich schaffen.

Es sei denn, sie nahm wieder mal die Abkürzung durch die Schrebergärten. Sie sandte ein stummes Gebet in den Himmel. Hoffentlich war Frau Dister noch nicht da.

Sie sprang über einen kleinen Zaun und bahnte sich ihren Weg durch akkurat angelegte Blumenbeete.

Mist. Sie warf eine Gieskanne um. Ein lautes Scheppern zerriss die morgendliche Stille.

Rivanee zog den Kopf ein.

Kein Gezeter?

Die Gartenbesitzerin war nirgends zu sehen. Im Gegensatz zu Rivanee war sie wohl mit einem tiefen Schlaf gesegnet.

Wenn die alte Frau sie erwischte, würde sie nicht nur zu spät kommen, sondern auch in Gefahr geraten, für jede zertrampelte Blume Gartendienst abzuleisten. Rivanee kletterte über den Zaun und lief einen kleinen Pfad zwischen hohen Hecken entlang.

In der Ferne erkannte sie bereits das Dach ihrer Schule. Vier Türme ragten in den blassblauen Himmel. Das Gebäude selbst war eine Burg. Ein renoviertes Relikt aus einem früheren Jahrhundert. Die fuchsfarbenen Ziegel, hohen Bogenfenster und verzierten Türen wirkten in diesem Viertel wie ein staubiges Andenken an eine längst vergessene Zeit. Rivanees Schule war von modernen Glasbauten umringt. Ein Kontrast wie Tag und Nacht.

Normalerweise freute sie sich, das 'vergessene Schloss', wie sie ihre Schule nannte, zu betreten. Doch heute hatte sie wenig Lust auf den langen Schultag.

Ihre Gedanken schweiften wieder zu ihrer Schlaflosigkeit zurück. Wenn Doktor Tresan nicht bald eine Lösung für ihr Problem finden würde, dann…

Plötzlich prallte sie gegen ein Hindernis und wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen. Sie hatte ihn gar nicht kommen sehen.

Wie kam er so plötzlich hierher? Sie hätte schwören können, dass er vor wenigen Sekunden noch nicht hier gewesen war.

»Entschuldigung.« Rivanee biss sich auf die Unterlippe. Missmutig betrachtete sie das Opfer ihrer Unachtsamkeit. Der Junge fuhr sich durch sein dunkelblondes Haar und musterte sie wie ein lästiges Insekt. Er war um einiges größer als sie.

Die Mundwinkel seiner vollen Lippen hingen herab. Seine Augen fixierten sie angriffslustig. Rivanee zuckte zusammen. Sie hatte noch nie eine eisblaue Iris gesehen. Wie frostige Zapfen stachen sie in ihre Haut.

»Schläfst du oder was?« Seine hellen Augen funkelten bedrohlich. Sie hätte ihn als gutaussehend bezeichnet, wenn er sie nicht so wütend angestarrt hätte. Rivanee fiel auf, dass er einen indigofarbenen Stein in der Form eines Tropfens um den Hals trug. Ein sehr seltsames Schmuckstück für einen Jungen.

»Vielleicht solltest du dir eine Brille besorgen.« Seine Stimme war beinahe so kalt wie der Frost in seinen Augen.

»Ich sagte doch schon, es tut mir leid.« Rivanee erholte sich von ihrer Starre und wurde langsam sauer. Sie hatte noch nie erlebt, dass ihr jemand so viel Feindschaft entgegenbrachte, ohne sie zu kennen. Sie rieb sich die Arme und versuchte diese Kälte loszuwerden. Dieser Typ war ihr unheimlich.

»Hoffentlich hast du dir nichts gebrochen.« Sie zog die Nase kraus und ließ ihn stehen. Auf diese Art von Menschen konnte sie getrost verzichten. Was fiel ihm ein, sie so anzuschnauzen? Schließlich war er aus dem Nichts aufgetaucht.

Ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihr, dass sie zu spät war. Sie keuchte schwer, als sie die Schultür erreichte.

»Ach Rivanee, du bist unverbesserlich.« Der Hausmeister begrüßte sie lachend. »Du weißt doch, dass der Unterricht bereits vor drei Minuten angefangen hat.«

»Drei Minuten? Ich habe mich verbessert«, entgegnete sie und hastete zur Treppe. Der Mathematikunterricht fand ausgerechnet in der obersten Etage statt. Rivanee fragte sich, wer sich diese Stundenpläne ausdachte, die arme Schüler dazu zwangen, am frühen Morgen so viele Treppen zu steigen. Auf den Fluren herrschte gähnende Leere. Mit gesenktem Kopf öffnete Rivanee die Tür zum Klassenraum und schlich zu ihrem Platz. Frau Almors schrieb gerade etwas an die Tafel.

»Rivanee Lennet. Wenn es für das Zuspätkommen Zensuren gäbe, wärst du die Klassenbeste.« Die Lehrerin drehte sich um und schenkte ihr ein kühles Lächeln.

»Ein paar gute Noten könnte ich wirklich gebrauchen«, erwiderte Rivanee. Mathematik war eines ihrer schlechtesten Fächer. Wenn ihre Mutter wüsste, was sie sich in der letzten Klausur geleistet hatte…

»Das ist sehr gut, denn wir schreiben jetzt eine Kontrolle. Damit habt ihr alle die Möglichkeit, euren Schnitt zu verbessern.« Die Lehrerin unterbrach ihre Gedankengänge. Einige Schüler protestierten lautstark, andere seufzten genervt. Frau Almors war für unangekündigte Kontrollen bekannt.

»Wenn ihr in den vergangenen Wochen gut aufgepasst habt, wird euch die Arbeit leicht fallen.«

Rivanee konnte sich nicht einmal an den Stoff der letzten Mathematikstunde erinnern. Sie setzte sich mit einem flauen Gefühl im Magen. Sie liebte ihren Platz in der Fensterreihe. Hier konnte sie mit einem Blick auf den Schulhof vor komplizierten Gleichungen fliehen. Sie betrachtete eine vorbeifliegende Amsel und wünschte sich an einen anderen Ort. Fern von Zahlen und Vektoren.

»Hast du eine Ahnung von Differentialrechnung?«, fragte ihre Banknachbarin und sah sie hilflos an. Rivanee zog die Augenbrauen hoch.

»Lina, du kennst mich. Sehe ich so aus, als wäre ich ein Streber? Aber mit deiner Unkenntnis und meiner Unwissenheit schaffen wir es bestimmt.« Sie klopfte ihrer Mitschülerin auf die Schulter und rechnete aus, wie viele Fünfen sie sich in diesem Halbjahr noch erlauben konnte. Ihre Mutter würde sie zum Nachhilfeunterricht verdonnern, wenn sie ihr Zeugnis sah. Zum Glück lag dieser Tag noch in weiter Ferne. Frau Almors verteilte die Zettel und ermahnte die Klasse, nicht zu betrügen oder zu spicken.

»Als ob mir das etwas bringen würde«, murmelte Rivanee und fuhr sich durch ihr schulterlanges Haar. Die Zahlen und mathematischen Formeln bereiteten ihr bereits jetzt Kopfschmerzen.

Lina stupste sie von der Seite an.

»Was hast du bei Aufgabe drei geschrieben?«, murmelte sie voller Panik. Rivanee hatte noch nicht einmal die erste Aufgabe gelöst.

Im nächsten Halbjahr würde sie sich in diesem Fach zu Lukas setzen. Er sah mit seinen wilden Haaren und seiner quadratischen Brille bereits mit 16 wie ein Wissenschaftler aus und beherrschte Fächer wie Physik und Mathematik im Schlaf. Mit ihm an ihrer Seite würden sich Rivanees Noten sicherlich stark verbessern.

»Hast du eine Lösung?« Linas Stimme wurde drängelnder.

»Nein!«, zischte Rivanee leicht gereizt.

»Hast du eine Frage, Rivanee?« Frau Almors blickte von ihrer Lektüre auf und musterte das Mädchen scharf.

»Keine, die sie mir beantworten würden.«

»Du hast ein ziemlich großes Mundwerk«, entgegnete die Lehrerin kopfschüttelnd. »Beeil dich, du hast nicht mehr viel Zeit.«

Auf einmal wurde die Tür geöffnet und der Direktor kam in den Klassenraum. Frau Almors sprang von ihrem Stuhl auf, als ob jemand sie mit einer Nadel gepikst hätte.

»Herr Fannert. Was möchten Sie?«, fragte sie beinahe unterwürfig. Rivanee schüttelte den Kopf, wie konnte man sich nur so verbiegen? Sie hielt nicht viel von Autoritäten.

»Ich möchte der Klasse 10a einen neuen Schüler vorstellen. Vincane Sevas«, sagte der Direktor in einem feierlichen Ton und deutete mit seinen Händen zur Tür. Rivanee horchte auf. Seit wann wurde ein neuer Mitschüler vom Schuloberhaupt persönlich in die Klasse geführt und wie ein Star hofiert?

Der Neue schien nur auf diesen Moment gewartet zu haben. Hocherhobenen Hauptes schritt er in das Klassenzimmer.

»Nicht der«, entfuhr es Rivanee plötzlich, als sie sah wer gerade hereinkam. Es war der unheimliche Typ, den sie heute Morgen umgerannt hatte. Er blickte nicht mehr so grimmig drein doch freundlich wirkte er auch nicht. Gleichgültig betrachtete er seine neuen Mitschüler.

»Kennst du ihn?«, flüsterte ihr Lina ins Ohr.

»Ja, nein. Er ist ein Trottel«, murmelte Rivanee, als sie plötzlich Vincanes Blick auf sich spürte. Hatte er sie womöglich gehört? Seine seltsamen blauen Augen schienen die Wärme aus ihrem Körper zu saugen. Schnell schaute sie woanders hin. Dieser Mensch wurde ihr immer unsympathischer.

»Ein hübscher Trottel«, meinte Lina mit Kennermiene. Rivanee seufzte.

»Du findest mit Sicherheit einen Besseren als ihn.«

In der nächsten Stunde hatten sie Geschichte. Sie konnte nicht umhin, dem Neuen einen Blick zuzuwerfen.Wie eine Statue saß er in der zweiten Reihe und blickte starr noch vorne. Herr Wilke hatte wohl noch nie so einen aufmerksamen Zuhörer in seinen Geschichtsstunden gehabt.

Dies lag daran, dass sein Unterricht gähnend langweilig und knochentrocken war. Doch der freundliche, aber überaus vergessliche Lehrer schien das einfach nicht zu bemerken. Rivanee und Sento spielten jedenfalls lieber Schiffe versenken, als ihm bei seinem Vortrag über das Mittelalter zuzuhören.

»Komischer Typ, oder?«, fragte ihr Banknachbar, während er ein weiteres X markierte. Rivanee war am Verlieren, aber das störte sie heute ausnahmsweise nicht. Dieser Vincane lenkte immer wieder ihre Aufmerksamkeit ab.

»Du hast Recht Sento. Wer Herrn Wilke zuhört, ohne einzuschlafen, ist wirklich seltsam«, stimmte sie ihrem Kumpel zu.

Auf einmal klopfte es an der Tür. Der Geschichtslehrer unterbrach seinen endlosen Vortrag und ging gemächlich zur Tür.

Ein hübsches Mädchen mit dunklen Augen betrat den Raum. Ihre schwarzblauen Haare glänzten seidig.

»Wow. Hoffentlich hat sie sich nicht im Raum geirrt«, murmelte Sento und grinste breit. Rivanee fand ebenfalls, dass dieses Mädchen eine Augenweide war. Mit geschmeidigen Schritten stellte sie sich zu Herrn Wilke, der neben ihr noch zerknitterter als sonst wirkte. Hinter ihr erschien ein Junge, der ihr in Schönheit in nichts nachstand. Die beiden mussten Geschwister, wenn nicht sogar Zwillinge sein. Als der neue Schüler die Blicke der anderen bemerkte, strich er sich schüchtern sein Haar hinters Ohr. Rivanee lächelte bei dieser unbeholfenen Geste.

»Stellt euch doch vor«, forderte Herr Wilke sie auf.

»Wir heißen Evyana und Elaris Soal. Wir sind neu in dieser Stadt und hoffen, dass wir uns schnell hier einleben.« Das dunkelhaarige Mädchen zeigte ein perlweißes Lächeln.

»Das hoffe ich auch«, fügte ihr Bruder hinzu und lächelte zurückhaltend. Elaris Stimme war erstaunlich tief und klangvoll.

»Hey du hast verloren.« Sento wedelte mit seiner Hand vor Rivanees Gesicht. »Aber das scheint dir egal zu sein.«

Ein breites Lächeln hatte sich in ihrem Gesicht festgesetzt.

»Drei neue Mitschüler an einem Tag und das mitten im Schuljahr. Findet ihr das nicht ein Bisschen seltsam?«, fragte Zarea, Rivanees beste Freundin. Sie standen mit Sento bei den alten Weiden am Rand des Schulhofs. Sie versteckten sich hinter den herabhängenden Ästen vor den patrouillierenden Lehrern.

»Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht.« Rivanee hielt die ganze Zeit Ausschau nach den neuen Schülern. Sie wollte einen genaueren Blick auf Elaris werfen.

»Du verrenkst dir noch den Hals, Vani. « Sento knuffte sie in die Seite. »Hältst du etwa Ausschau nach diesem Vincane?«

Rivanee zeigte ihm einen Vogel.

»Dieser Trottel kann mir gestohlen bleiben.«

»Wie fandet ihr die Mathearbeit?«, mischte sich Zarea wieder ins Gespräch.

»Frag lieber nicht.« Rivanee senkte den Kopf. »Mathe ist nicht meine Welt.«

»Das sagst du bei jedem Fach.« Sento verdrehte die Augen.

»Das stimmt nicht. Musik ist…« Plötzlich kam ein Ball auf sie zugeschossen. Er war so schnell und präzise, dass Rivanee nicht eine Sekunde zum Reagieren hatte.

»Pass auf.« Sento stieß sie zur Seite. Das Mädchen stolperte und landete hart auf dem Boden. Mit einem lauten Geräusch prallte das Geschoss von Sentos Unterarmen ab.

»Alles in Ordnung mit euch?« Zarea war nicht in der Ziellinie des Balles gewesen und kam schnell zu ihren Freunden geeilt. Rivanees Hände waren aufgeschürft, aber ansonsten fehlte ihr nichts.

»Das war kein Ball, das war ein tödliches Wurfgeschoss.« Sento rieb sich die Unterarme. Sie hatten sich dunkelrot verfärbt. »Soll ich dir aufhelfen, Vani?«

»Es geht schon, Sento.« Rivanee erhob sich ächzend. »Wer auch immer dafür verantwortlich ist, kann sich auf qualvolle Stunden gefasst machen.«

Sento deutete nach vorne.

»Ich hätte mir denken können, von wem dieser Schmetterball kam.« Zarea zog die Augenbrauen hoch. Rivanee sah von ihren rauen Händen auf und sog die Luft ein.

Der Blonde kam mit lässigen Schritten auf die Dreiergruppe zu. In seinem Gesicht zeigte sich sogar der Ansatz eines Lächelns. Dieses konnte nicht echt sein, denn seine Augen waren so kühl wie sonst.

»Vincane«, knurrte Rivanee. Dieser Mensch gehörte ab heute zu den Leuten, mit denen sie nichts zu tun haben wollte.

»Ah Sento. Danke, dass du meinen Ball gefangen hast«, sagte er und nahm seinem verdutzten Mitschüler den Gegenstand ab. Er wollte sofort wieder kehrt machen, als ob nichts passiert wäre, aber Rivanee baute sich vor ihm auf. Was nicht so einfach war, denn Vincane überragte sie um mindestens einen Kopf.

»Du solltest besser zielen.« Ihre Stimme war messerscharf. »Das Tor ist dort hinten und nicht hier. Vielleicht bist du derjenige, der eine Brille braucht.«

Vincane sah ihr in die Augen. Rivanee begann wieder zu frösteln. Sein Blick war eisig. Er ließ ihre Gedanken gefrieren.

»Nein, du solltest mehr schlafen, dann merkst du auch, was um dich herum geschieht. Schlafmütze.« Seine Mundwinkel zogen sich nach oben. Aber auch dieser Versuch des Lächelns scheiterte und ließ ihn wie ein Raubtier aussehen.

Rivanee kochte fast über vor Wut. »Hey, pass beim nächsten Mal gefälligst besser auf.«

Vincane überhörte sie und ging zum Fussballplatz zurück. Sie wollte ihm hinterherlaufen, aber Zarea hielt sie zurück.

»Lass ihn in Ruhe. Von ihm scheint eine negative Energie auszugehen.«

»Wenn er noch mal so etwas abzieht, kann er etwas erleben.« Sento massierte sich die grellroten Unterarme.

»Es bleibt nur zu hoffen, dass die Geschwister nicht so unausstehlich sind wie dieser Vincane.« Zareas Stirn umwölkte sich.

Gelangweilt blätterte Rivanee in einer Zeitschrift. Sie saß in der Praxis von Doktor Tresan. Vielleicht würde diese Sitzung sie endlich von ihren Einschlafproblemen heilen. Sie hatte es satt, drei Nachmittage in der Woche in dieser gelbgetünchten Arztpraxis zu verbringen. Immer wieder starrte sie das Bild an der Wand gegenüber an. Flauschige, beige Hundewelpen tobten über eine Weide. Sie wünschte sich, dass die kleinen Hunde aus dem Rahmen sprangen und ihre Langeweile vertrieben. Natürlich geschah es nicht. Ihre Fantasie war lebhafter, als die unbewegliche Realität.

Rivanee drehte eine braune Haarsträhne um ihren Finger und blickte auf die Uhr. Geschlagene 30 Minuten wartete sie hier nun schon auf ihren Termin. Es sah Doktor Tresan überhaupt nicht ähnlich sie so lange im Wartezimmer sitzen zu lassen. Zu seinen Terminen erschien sie nämlich ausnahmsweise pünktlich.

Sie gähnte und schloss die Augen. Vielleicht konnte man trainieren einzuschlafen. Falls es dazu überhaupt Übungen gab. Eine Tür wurde geöffnet und Doktor Tresan betrat den Warteraum.

»Rivanee, ich habe dich erwartet.« Herr Tresan war ein schlanker Arzt mittleren Alters. Seine Stimme wirkte immer beruhigend auf Rivanee.

»Wie du siehst, hat meine Therapie Wirkung gezeigt.«

Sie sah ihn fragend an.

»Ich habe immer noch Einschlafstörungen, Herr Tresan.«

»Ich werde dir das Gegenteil beweisen.« Der Arzt nickte ihr aufmunternd zu. Plötzlich begann er zu schweben. Seine Füße lösten sich vom Boden. Er stieg in die Luft wie ein Heißluftballon.

Rivanee riss die Augen auf. Seit wann konnten Psychologen fliegen?

»Das kannst du auch.« Herr Tresan schwebte ein Stück höher und berührte das Hundebild. Wie von Geisterhand begannen die Welpen herumzutollen.

»Ich muss träumen«, murmelte Rivanee und versuchte aufzustehen. Doch jemand schien sie am Stuhl festgeklebt zu haben. Es gelang ihr nicht, ihre Gliedmaßen zu bewegen. Sie konnte nicht einmal ihren Kopf bewegen.

»Gehört das zu ihrer Therapie?« Panik brandete in ihr auf.

Mit geweiteten Augen erkannte sie, dass ein Hund seinen Kopf aus dem Bild streckte. Mit einem Satz war das Tier auf dem Linoleum und rannte zu ihr. Es wedelte aufgeregt mit dem Schwanz und schnüffelte an ihren Beinen.

»Okay, das geht zu weit.« Mit aller Kraft versuchte Rivanee aufzustehen. Doch ihr Körper versagte ihr den Dienst. Ihre Muskeln schienen sich in eine zähe Gummimasse verwandelt zu haben. Der Welpe bellte und begann ihr Knie abzulecken.

»Nein!«, kreischte sie, als seine feuchte Zunge ihre Hose berührte.

»Alles in Ordnung, Rivanee?« Herr Tresan öffnete die Tür zum Warteraum und sah sie verdutzt an. Selbst die Arzthelferin war ins Wartezimmer geeilt. Rivanee keuchte und starrte das Hundebild an. Die Welpen rührten sich nicht von der Stelle. Auch der Psychologe stand auf festem Boden.

Die Wasserflasche auf dem Glastisch war umgekippt und die Flüssigkeit rannte an ihrem Bein hinunter.

»Entschuldige, dass du so lange warten musstest. Ich habe etwas herausgefunden, das deine Schlafstörung möglicherweise schnell beheben kann. Ich hätte nicht vermutet, dass dir das Warten so viel ausmacht.«

Rivanee war peinlich berührt. Hatte sie soeben wirklich aus vollem Hals geschrien? Sie war zwar nicht zurückhaltend, doch sie erhob selten ihre Stimme. Es fehlte nur noch, dass Herr Tresan sie als verrückt einstufte und ihrer Mutter eine weitere Therapie empfahl.

»Ich muss eingeschlafen sein.« Rivanee fuhr sich über die Stirn.

Der Arzt lachte freudig auf.

»Fantastisch. Du bist eingeschlafen und hattest keinerlei Probleme damit.«

»Hoffen wir, dass es nachts auch so gut funktioniert«, murmelte Rivanee.

Und hoffentlich ohne diese Nebenwirkung. Sie konnte in ihren Träumen auf fliegende Psychologen verzichten. Es war kaum zu glauben, dass dieses Erlebnis ein Traum sein sollte. Alles war ihr so echt vorgekommen. Sie folgte Doktor Tresan in sein Zimmer. Auf dem Tisch lag ein großer durchsichtiger Stein.

»Das ist ein Bergkristall«, meinte der Arzt, nachdem er sich gesetzt hatte. »Wenn du dich heute Nacht in dein Bett legst, wird er dir helfen einzuschlafen.«

Rivanee musste dem Drang widerstehen, sich die Augen zu reiben. Herr Tresan schwebte zwar nicht mehr in der Gegend herum, aber dafür gab er ihr sehr seltsame Ratschläge. Vielleicht träumte sie immer noch.

»Ich bin zwar ein Verfechter der klassischen Psychologie, doch ich schlage gerne neue Pfade ein. Vor allem, wenn die üblichen Mittel nicht zum gewünschten Ziel führen.«

»Wie soll mir ein Kristall helfen?« Rivanee betrachtete den Stein. Er war so groß wie ihre Hand und hatte drei Spitzen. Sie sahen aus wie kleine Stalagmiten, die vor Jahrhunderten erstarrt und von den Launen der Natur geformt worden waren. Rivanee verspürte das Bedürfnis, ihn in die Hand zu nehmen.

»Nur zu«, ermunterte Herr Tresan sie, als ihre Hand nach dem Kristall greifen wollte. Zögernd nahm sie den durchscheinenden Stein und betrachtete ihn ehrfurchtsvoll. Er schien eine kaum wahrnehmbare Energie auszustrahlen.

»Was soll ich damit machen?« Rivanee fand den Bergkristall faszinierend. Doch sie war skeptisch. So ein Gegenstand würde ihren Problemen sicher kein Ende bereiten.

»Vertrau mir.« Doktor Tresan berührte ihre Fingerspitzen.

Rivanee fand diese Sitzung mehr als seltsam. Sie wollte schon etwas sagen, als ihre Hände zu prickeln begannen. Wärme floss wie Honig ihre Arme hinauf und kroch in ihr Herz.

»Was machen sie?«, fragte sie verwundert.

»Nichts.« der Arzt zog rasch seine Hände zurück und kratzte sich verlegen am Hinterkopf, als ob er selbst nicht glauben wollte, was er gerade getan hatte. »Lege diesen Kristall neben dein Bett. Du wirst sehen, deine Einschlafprobleme werden Schnee von gestern sein.«

Mit gerunzelter Stirn verließ Rivanee den Raum. Die Sitzungen waren noch nie so kurz gewesen und hatten ihr noch nie so viel Kopfzerbrechen bereitet.

Beinahe zu spät.

Sie atmete schnell.

Beinahe hätten sie den entscheidenden Moment verpasst.

»Es ist meine Schuld«, seine Stimme vermischte sich mit dem Rascheln der Blätter.

»Nein.«

»Ich wusste es nicht.«

»Du trägst keine Schuld. Wir haben es noch rechtzeitig geschafft« Sie verbarg sich hinter einer knorrigen Eiche. Ein Schatten löste sich aus der Baumkrone.

»Sie sind auch hier«, wisperte er.

»Sie warten schon lange«, erwiderte sie. In ihren Augen spiegelte sich ein dunkles Gewässer.

»Ronan, mach die Musik leiser.« Rivanee hämmerte an die Tür ihres jüngeren Bruders. Er hatte in weiser Voraussicht abgeschlossen. Die Bässe drangen durch den Türspalt in den Flur. Ihre Füße vibrierten im schnellen Rhythmus der lauten Klänge.

»Ronan!« Er wusste genau, wie allergisch sie auf seine Lieblingsmusik reagierte. Doch es interessierte ihn nicht.

»Mach diesen Lärm aus.«

Rivanees Eltern waren noch nicht zu Hause und auf sie hörte er nicht.

»Ronan, du wirst noch taub.« Sie seufzte resigniert. Selbst wenn dieser Stein ihr beim Einschlafen helfen sollte, würde es dieser Lärm unmöglich machen ein Auge zu schließen. Missmutig stapfte Rivanee in ihr Zimmer, als es plötzlich still wurde. War ihr kleiner Bruder zur Vernunft gekommen?

Dafür war er zu stur. Seine Anlage musste einen Kurzschluss haben.

»Das passiert mit Leuten, die grauenhafte Musik hören«, frohlockte Rivanee und zog sich in Windeseile aus. Ihre Sachen landeten auf dem Boden. Dieser war so überfüllt mit Schulbüchern, Heftern und Kissen, dass sie sich zum Bett schlängeln musste. Auf dem Weg hob sie ihren Wecker auf und freute sich, dass er die morgendliche Wurfattacke überlebt hatte. Der Bergkristall in ihrer Hand schenkte ihr eine ungekannte Zuversicht.

Obwohl sich Herr Tresan in dieser Sitzung seltsam verhalten hatte, durchflutete sie ein warmes Gefühl. Rasch schlüpfte sie in ihr Nachthemd und krabbelte unter die Decke. Vielleicht würde es heute klappen. Sie bauschte gerade ihre Kissen auf, als ihre Tür mit einem Ruck aufgerissen wurde.

»Was hast du mit meiner Anlage gemacht?« Ronan war kurz vor dem Explodieren. Seine braunen Augen traten beinahe aus ihren Höhlen. Sein kurzes Haar stand zu allen Seiten ab.

»Ich?« Rivanee musste sich ein Lächeln verkneifen.

»Spiel nicht die Unschuldige.« Ihr jüngerer Bruder erhob drohend die Zeigefinger. »Das warst du ganz bestimmt. Nachdem du mir beinahe die Tür eingerannt hast, ist das Lied wie von Geisterhand ausgegangen.«

Rivanee prustete los. »Oh Ronnie, heute ist einfach ein komischer Tag. Meinst du, ich habe plötzlich Zauberkräfte entwickelt? Die Vorstellung wäre schön, dann müsste ich nicht mehr deine Musik ertragen. Als Musik kann man diesen Lärm eigentlich gar nicht bezeichnen.«

»Du hast irgendetwas mit meiner Anlage gemacht«, beharrte Ronan.

»Meinst du nicht, ich hätte es schon vor Monaten getan, wenn ich könnte? Ich reagiere allergisch auf Lärm.«

»Argh.« Ihrem Bruder fiel kein passendes Argument mehr ein, also stampfte er mit dem Fuß auf und knallte die Tür zu.

»Gute Nacht«, Rivanee bekam sich nicht mehr ein.

Sie legte den Kristall auf den Nachttisch und betrachtete ihn liebevoll. Das Licht ihrer Nachtlampe spielte mit dem Stein und warf bunte Schatten an die Wand.

2. Der Traum

 

 

Rivanees Tür wurde mit einer unheimlichen Wucht aufgerissen. Mit einem Ruck saß sie kerzengerade im Bett und keuchte erschrocken auf. Schweiß perlte von ihrer Stirn.

Das konnte nur ihr Bruder gewesen sein. Er war sicherlich immer noch wütend, weil seine Musikanlage nicht mehr funktionierte.

»Ronan, hör endlich auf mit den Türen zu knallen.«

Er sollte lernen seine Wut anders rauszulassen. Ihr Bruder trieb sie manchmal zur Weißglut. Nun musste sie Wohl oder Übel aufstehen und ihre Tür schließen. Dabei wollte sie endlich einschlafen. Dieser Bergkristall schien kein Wundermittel gegen Schlafprobleme zu sein. Sie musste mit ihrer Mutter reden. Sie wollte gerade die Tür zuziehen, als sie einen Blick in den Flur warf.

»Unmöglich«, murmelte sie verwundert und suchte nach dem Lichtschalter. Der Flur führte nicht wie sonst an dem Zimmer ihrer Eltern vorbei zur Treppe ins Wohnzimmer, sondern zog sich unendlich in die Länge. Rivanees Herz begann zu rasen. Sie drehte sich um und starrte zum Nachttisch. Der Kristall stand immer noch dort, aber etwas hatte sich verändert. Er leuchtete wie eine Qualle in den düsteren Tiefen des Ozeans. Rivanee schloss die Augen.

Träumte sie?

Zögernd machte sie ein paar Schritte zurück in ihr Zimmer, als sie bemerkte, dass ihr Bett nicht leer war. Rivanees Herzschlag beschleunigte sich, je näher sie dem Bett kam. Sie sah eine geöffnete Hand vom Bettende herunterhängen und schauderte.

Wer war das?

Plötzlich wurde sie von einem markerschütternden Geräusch aufgeschreckt. Ein schwarzer Schatten kroch über die Fensterscheibe. Er war fließend wie eine Schlange und dunkel wie Pech. Rivanee erkannte winzige, leuchtend rote Augen, die sie fixierten.

Sie unterdrückte einen Aufschrei und tapste rückwärts aus dem Zimmer. Panisch tasteten ihre Finger nach dem Lichtschalter im Flur. Doch es schien keinen mehr zu geben.

»Ronan, Mutti?«, schrie sie und rannte blindlings in ihr Verderben. Mit ihren Händen versuchte sie sich an den Wänden abzustützen, aber sie waren verschwunden. In der Ferne sah sie ein schwaches Glimmen.

Mit Entsetzen erkannte sie, dass es der Kristall von Doktor Tresan war, der ein helles blaues Licht aussandte. Rivanee blieb stehen und drehte sich um. Ihr Zimmer war verschwunden. Sie stand mitten auf einem Flur im Nirgendwo.

»Wenn das die Lösung meines Problems ist, möchte ich gerne bis zum Rest meines Lebens Einschlafschwierigkeiten haben«, flüsterte Rivanee. Sie hatte Angst laut zu sprechen. Sie fürchtete sich weiterzugehen, doch ebenso konnte sie hier nicht stehen bleiben.

Auf einmal spürte sie einen kalten Lufthauch. Ein Flügelschlagen durchbrach die Stille. Rivanee schirmte sich die Augen ab, als ein starker Wind aufkam. Je näher das Flügelschlagen kam, desto heller wurde es in diesem seltsamen Raum.

Nun konnte sie etwas erkennen, auch wenn es so düster war wie in einer bewölkten Nacht. Die Wände des endlosen Korridors zerflossen wie heißes Wachs. Geometrische Muster tauchten auf und verschwanden wieder in der flüssigen Masse. Rivanee sah Zahlen, Buchstaben und unbekannte Zeichen.

Eine Gestalt landete graziös vor ihren Füßen. Es war ein Mann mit silbergrauen Flügeln, die sanft um seinen Körper schwangen. Sein markantes Gesicht war von braunen Haaren umrahmt. Im Licht schimmerten sie kupferfarben. Rivanee versuchte die Augen des Mannes hinter einer pechschwarzen Maske zu erahnen.

So ähnlich hatte sie sich immer Engel vorgestellt. Nur, dass sie keine eng anliegenden Mäntel trugen und ihr Antlitz nicht verbargen.

»Rivanee.« Der Fremde streckte seinen Arm aus. Diese Stimme. Sie hatte sie schon einmal gehört.

Unmöglich.

»Hey.« Rivanee war unschlüssig, ob sie seine Hand ergreifen sollte oder nicht. Ihre Gedanken waren so zäh wie Gummi. Sie konnte diese Stimme nicht kennen. Es ergab einfach keinen Sinn.

»Woher kennst du meinen Namen?«, brachte sie mühsam hervor.

»Es war nicht schwer, ihn herauszufinden. Ich musste mich nur erinnern.« Die Stimme des Engels war sanft und einladend. »Die Umstände waren günstig. Ich habe den richtigen Faden des Schicksalsnetzes verfolgt.«

Rivanee rieb sich die Augen. Doch dieser Traum verblasste nicht. Ihre Augen schmerzten bereits unter dem Druck ihrer Knöchel.

»Schicksalsnetz?« Sie hatte nicht den blassesten Schimmer wovon er sprach. Der Engel mit den grauen Schwingen seufzte.

»Erinnerungen sind Segen und Fluch zugleich.« Seine Flügel bewegten sich. Rivanee stolperte zurück. Die Angst wurde zu einem Knoten, der ihr Herz erbarmungslos einengte. Alles was sie wollte, war aus diesem Alptraum zu erwachen.

»Ich habe dich nicht ohne Grund hierher geführt«, fuhr er fort.

»Wo sind wir hier?« Rivanee betrachtete die fließenden Symbole an der Wand. Sie hatten die Form von Kreisen und Dreiecken angenommen.

»Ihr Menschen reist jede Nacht in diese Welten und doch können sich nur die wenigsten von euch daran erinnern.« Der Engel lachte wohlklingend.

»Wir befinden uns am Eingang der Obsidiansphären.«

»Wo?« Rivanee überlegte, ob Doktor Tresan ihr in einem unachtsamen Moment vielleicht eine starke Spritze verabreicht hatte, die ihr nun diesen Traum bescherte.

»Du bist ohne die Einflüsse eines bewusstseinsverändernden Mittels hier. Wie ich bereits sagte, habe ich dich hierher geführt«, betonte der Mann.

Rivanees Mund klappte auf. Der Engel hatte soeben ihre Gedanken gelesen.

»Ich kann nicht nur das.« Er kam auf sie zu und blieb wenige Zentimeter vor ihr stehen. Er war viel größer und seine Schwingen wirkten bedrohlich. Rivanee unterdrückte ein Zittern und versuchte seine Augen auszumachen. Plötzlich sah sie in den Schlitzen der Maske zwei giftig grüne Punkte.

»Für einen Engel bist du ziemlich furchteinflößend.« Rivanee wich mehrere Schritte zurück.

»Wer hat gesagt, dass ich ein Engel bin.« Sein Mund verzog sich zu einer dünnen Linie.

Rivanee ging rückwärts. Sie musste Abstand gewinnen.

»Ich sollte besser gehen. Meine Mutter bringt mich um, wenn sie nach Hause kommt und feststellt, dass ich nicht in meinem Bett bin. Sie kann ziemlich wütend werden. War nett dich kennen zu lernen, aber ich muss jetzt wirklich gehen.«

Rivanee drehte auf dem Absatz um und begann zu laufen. Sie rannte so schnell wie sie konnte, aber ihre Beine bewegten sich wie in Zeitlupe. Je mehr Kraft sie hineinlegte, desto langsamer wurden ihre Bewegungen. Sie hörte ein kurzes Flügelschlagen und der düstere Engel landete vor ihr.

»Wer hat gesagt, dass du wieder nach Hause gehen darfst?«

Der Mann griff in seinen Mantel und umklammerte ein Amulett. Er flüsterte etwas Unverständliches. Daraufhin begannen schwarze Fäden aus seiner Hand zu kriechen.

»Nein.« Rivanees Stimme zitterte stärker als ihre Hände.

Sie wollte fliehen, aber er hielt sie mit einer unsichtbaren Macht an diesem Fleck. Die Fäden verdichteten sich und fielen auf die Erde. Entsetzt starrte Rivanee zu Boden und sah, dass sich die schwarzen Linien zu einen Masse formierten. Sie unterdrückte einen Aufschrei, als dieser schwarze Klumpen drei lange, messerscharfe Krallen ausfuhr.

Eine der Krallen bewegte sich an ihrem Hosenbein hoch. Sie biss sich auf die Unterlippe. Sie befand sich in einem Alptraum, aus dem es keinen Ausweg gab. Die zweite Kralle hatte Rivanees Witterung aufgenommen und kroch auf das andere Bein zu.

»Sie werden sehr erfreut sein dich zu sehen, Rivanee. Er wird sehr erfreut sein«, tönte der böse Engel. Als er ihren Namen aussprach, richteten sich die Härchen auf ihren Armen auf. Die Art, wie er jeden Buchstaben betonte, war gruselig.

»Die Erinnerung ist Segen und Fluch zugleich. Wie schade, dass du keinen Zugriff auf deine Erinnerungen hast«, hauchte der Mann.

»Was willst du von mir? Ich kann dir nichts geben. Lass mich nach Hause gehen.« Rivanee stockte, als sie sah, dass der Rest des Klumpens sich zu einem Spinnennetz formierte. Wie war sie nur in diesen Alptraum hineingeraten?

»Das kann ich leider nicht. Denn...« Er hielt inne.

Auf einmal fielen die Krallen von ihr ab und begannen zu brennen. Ein Lichtblitz sauste an ihr vorbei und traf das immer größer werdende Netz. Es zischte und begann sich aufzulösen.

»Ruf deine Kreatur zurück, Diener der Iphilem«, ertönte eine weibliche Stimme. Sie kam Rivanee vage bekannt vor.

Doch woher?

»Milophar«, zischte der düstere Engel und verlor seine Selbstbeherrschung. Aufgebracht wandte er sich an Rivanee.

»Du entkommst mir nicht. Bald wirst du die Obsidiansphären kennenlernen.« Sein Flügelschlagen wirbelte Staub auf und brachte das Mädchen zum Niesen.

»Alles in Ordnung?« Die Stimme war so dicht an Rivanees Ohr, dass diese wild herumfuhr.

»Evyana?« Rivanee war vollkommen baff. Sie hätte nie im Leben erwartet, ihre neue Mitschülerin in dieser zwielichtigen Welt zu treffen.

»Es tut mir leid, wir sind beinahe zu spät gekommen«, meinte die Schwarzhaarige und strich ihr über den Arm. »Nicht zum ersten Mal.«

»Wir hätten nicht vermutet, dass deine erste bewusste Reise dich zu den Pforten der Obsidiansphären führen würde.« Elaris erschien hinter seiner Schwester. In Rivanees Kopf bildeten sich unzählige Fragen. Mit jeder Sekunde kamen neue hinzu.

»Moment. Wovon sprecht ihr überhaupt. Was sind die Obsidiansphären?«

Evyana und Elaris sahen sich vielsagend an.

»Wir werden es dir mit der Zeit erklären.« Elaris lächelte ihr aufmunternd zu. Seine Anwesenheit schenkte ihr Ruhe, selbst wenn sie immer noch genauso viel wusste wie zuvor.

»Wir sollten von hier verschwinden. Die Iphilem spüren, dass wir vor ihren Pforten lauern. Dieser Teil des Sphärenkorridors führt in die dunklen Traumwelten. Bald schicken sie ihre Kreaturen aus.« Evyana deutete zum Ende des Flurs. Der leuchtende Bergkristall war verschwunden, dafür war ein riesiger Wasserfall aufgetaucht. Es war nur kein Wasser, was aus über hundert Metern Höhe floss. Es war anthrazitfarbenes Gestein.

»Wohin?«, fragte Rivanee und sah zum anderen Ende des Flures, der nicht mehr in das Haus ihrer Eltern führte, sondern in einer Sackgasse mündete.

Sie saßen in der Falle.

»Halt dich fest.« Elaris bot ihr an, auf seinen Rücken zu klettern.

»Was habt ihr vor?« Rivanee schwante Übles.

»Keine Angst. Es wird nicht weh tun«, meinte Evyana zuversichtlich.

»Worauf wartest du?«, hakte sie nach, als Rivanee immer noch keine Anstalten machte sich an Elaris zu klammern.

»Etwas nähert sich dem Tor.«

Rivanee warf einen Blick zum Gesteinswasserfall und vernahm trommelnde Laute. Es war ein kaum hörbares Stakkato. Der Boden vibrierte leicht. Ihre Nackenhaare richteten sich auf.

»Gut, lasst uns von hier verschwinden.« Sie brauchte keine weitere Aufforderung. Sie wollte nicht wissen, was sich hinter diesem Portal auf sie zubewegte.

»Halt dich gut fest. Es geht ganz schnell«, sagte Elaris. Mit einem Mal wurde Rivanee bewusst, dass sie ihn umarmte. Seine dunklen Haare kitzelten in ihrer Nase und sie spürte wie sich seine Muskeln anspannten. Heute morgen hatte sie ihn zum ersten Mal im Geschichtsunterricht gesehen und nun befand sie sich in einer völlig abstrusen Situation.

»Bist du bereit?« Evyana riss sie aus ihren Gedanken.

»Klar.« Rivanee klang sicherer, als sie war.

Sie wollte gerade fragen, wohin sie die Geschwister bringen würden, als Elaris hochsprang. Es war kein einfacher Sprung. Sie flogen viele Meter in die Luft.

Das Gesetz der Schwerkraft hatte jemand ausgeschaltet, denn anstatt zurückzufallen hoben sie immer weiter ab. Rivanee warf einen Blick in die Tiefe.

Der Boden war verschwunden. Sie sah feine Wirbel. Bunt schattierte Wolken stoben an ihnen vorüber. Sie verlor sich in den vielfarbigen Mustern. Sie musste sich jedes Detail dieses seltsamen Traumes merken.

Rivanee fragte sich, wie viel Zeit vergangen war, als sie landeten. Die bunten Wolken verzogen sich und offenbarten eine wundersame Landschaft.

Sie befanden sich auf einer Wiese mit hellblauem Gras. Am Horizont erkannte sie ein violettes Gebirge. Die höchsten Spitzen vermischten sich mit einem magentafarbenen Himmel.

»Was ist das? Ein Traum?« Rivanee sah die beiden Geschwister prüfend an. Sie hatte vom ersten Augenblick an gespürt, dass die beiden anders waren.

»Glaubst du wirklich, dass du träumst?« Elaris strich sich eine Strähne aus der Stirn. In der Ferne war ein Glockenschlagen zu vernehmen.

»Wir sehen uns morgen.« Evyana nickte ihr zu. »Wir werden dir unsere Welt zeigen.«

Ein dichter Nebel umhüllte die Geschwister und ließ sie verschwinden.

»Ihr könnt euch doch nicht einfach auflösen!« Rivanee wollte am liebsten mit den Füßen aufstampfen. Die beiden hatten keine ihrer Fragen beantwortet, sondern sie komplett im Ungewissen gelassen. Sie bückte sich und berührte das seltsame Gras. Es war tatsächlich blau, so blau wie der Morgenhimmel. Das Glockenschlagen wurde lauter.

Rivanee spürte ein seltsames Kribbeln am Handgelenk und sah, dass ihre Fingerspitzen langsam unsichtbar wurden.

»Was geht hier vor?«

»Rivanee. Steh auf. Du kommst wieder mal zu spät zur Schule.« Die Stimme ihrer Mutter übertönte die Glocken. Das blaue Gras verschwamm.

Das Mädchen fuhr im Bett hoch.

»Es war tatsächlich ein Traum«, murmelte Rivanee benommen und starrte auf ihren Nachttisch. Der Bergkristall stand immer noch dort.

»Herr Tresan hat ein Wunder vollbracht.« Ihre Mutter streckte ihren Kopf durch die Tür. »Als wir nach Hause kamen, hast du wie ein Murmeltier geschlafen.«

Rivanee überlegte, ob sie ihrer Mutter von ihrem nächtlichen Erlebnis erzählen sollte.

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