Logo weiterlesen.de

Daniel Stökl Ben Ezra

Qumran

Die Texte vom Toten Meer und das antike Judentum

Mohr Siebeck GmbH & Co. KG

Inhaltsverzeichnis

  • Widmung
  • Vorwort
  • Transkriptionsregeln
  • Teil 1: Historische und philologische Einleitung
    • 1 Die Bedeutung der Qumranrollen und ihre Entdeckungs- und Forschungsgeschichte
      • 1.1 Die Bedeutung der Funde von Qumran
      • 1.2 Die Entdeckung 1946/1947
      • 1.3 Schriftrollenfunde am Toten Meer vor 1947
      • 1.4 Weitere Entdeckungen der ersten Jahre (1949–1952)
      • 1.5 Die „Scrollery“ (1952–1960)
      • 1.6 Der akademische Skandal par excellence (1960–1990)
      • 1.7 Die Veröffentlichung (1990–2010)
    • 2 Wie liest man ein Fragment? Anatomie der ältesten jüdischen Bücher
      • 2.1 Buchform und Layout (Kodikologie)
      • 2.2 Vom Fragment zur Transkription
      • 2.3 Schrift (Paläographie)
    • 3 Vom Fragment zur Rolle: Konstruktion, Editionen und Hilfsmittel
      • 3.1 Vom Fragment zu Fragmentengruppen
      • 3.2 Von der Fragmentengruppe zur Reihenfolge
      • 3.3 Abkürzungssystem
      • 3.4 Alte Fotos und neue Bildtechniken
      • 3.5 Editionen und Hilfsmittel
    • 4 Kurze Geschichte Judäas in hellenistisch-römischer Zeit
    • 5 Religiöse Bewegungen in Judäa
  • Teil 2: Steine, Rollen, Krüge: Archäologie der Texte von Qumran und ihrer Umgebung
    • 6 Grundzüge der Archäologie und Aufteilung in Siedlungsphasen
      • 6.1 Wie funktioniert eine Ausgrabung?
      • 6.2 Chronologie der Siedlungsphasen von Khirbet Qumran
    • 7 Leben in und um Qumran: Gebäude und Objekte
      • 7.1 Die wichtigsten Gebäude und Objekte
      • 7.2 Friedhöfe
      • 7.3 Im Keller: Höhlen im Mergelplateau
      • 7.4 Schriftrollenhöhlen im Kliff bei Qumran
      • 7.5 Höhlen ohne Schriftrollen im Kliff
      • 7.6 Ein Feshkha
      • 7.7 Wege und Pfade um Qumran
      • 7.8 Exkurs: Die anderen Handschriftenfunde am Toten Meer
    • 8 Festung, Villa, Töpferei? Qumran im Kontext
      • Exkurs: Das sogenannte Jachad-Ostrakon
    • 9 In und out: Überblick über die Schriftrollen, Autorgruppen, Besitzer und Gegner
      • 9.1 War Qumran eine Geniza?
      • 9.2 Qumran als Bibliothek? Ein Überblick über die Schriftrollenbestände
      • 9.3 Drei Ausreißer?
  • Teil 3: Die Geburt der ältesten Buchreligion: Die Rollen von Qumran und die Hebräische Bibel
    • 10 Kanon und Kreativität: Konturen der „Bibel“ und „parabiblischer“ Literatur im Zweiten Tempel
      • 10.1 Kanon und Heilige Schriften
      • 10.2 Die traditionellen Bibeln
      • 10.3 Frühe Zeugnisse zur Kanonsgeschichte
      • 10.4 Konturen Heiliger Schriften in Qumran
    • 11 Kopie, Korrektur, Kreativität: Textkritik und Redaktionskritik „biblischer“ und nicht-biblischer Bücher
      • 11.1 Textunterschiede und Textkritik
      • 11.2 Textunterschiede und Redaktionskritik
      • 11.3 Reworked Pentateuch oder Pentateuch?
      • 11.4 Textkritik und nicht-biblische Schriftrollen
    • 12 Gottes Wort verstehen: Auslegungstechniken und -themen
      • 12.1 Rewritten Scripture
      • 12.2 Spin-Offs, Sequels, Prequels
      • 12.3 Quellen biblischer Bücher?
      • 12.4 Pescharim und andere Kommentare
      • 12.5 Hilfsschriften
      • 12.6 Übersetzungen
  • Teil 4: Der Jachad: Quellen, Organisation und Religion der Bibliotheksbesitzer
    • 13 Die Quellen des Jachad
      • 13.1 Die Damaskusschrift (D) (Zadokidisches Werk)
      • 13.2 Die Gemeinschaftsregel (S) und verwandte Texte (Sa und Sb)
      • 13.3 Hymnenrolle (H)
      • 13.4 Milchama-Texte (M)
      • 13.5 Andere Texte: Berakhot, Pescharim, Flor, Test, 11Q13
    • 14 Jachad und Neuer Bund: Organisationsformen
    • 15 „Pflanze der Gerechtigkeit“: Ursprung, Geschichte und Protagonisten
    • 16 „Das Gute und Rechte vor Dir tun“: Rituale des Jachad
      • 16.1 Riten des Lebenszyklus: Kindheit, Beitritt und Bestattung
      • 16.2 Kalender, Fest- und Wochentagsliturgien
      • 16.3 Tagzeitenliturgie: Morgen- und Abendgebet, Gemeinschaftsmahl und ewiges Studium
      • 16.4 Gebet vs. Opfer
      • 16.5 Reinheit
    • 17 „Einen Mann im Herzen erleuchten“: Zur Ideologie des Jachad
      • 17.1 Gott, Engel, Mensch
      • 17.2 Dualismus
      • 17.3 Doppelte Prädestination
      • 17.4 Mysterium, Esoterik, Geheimlehren und Schriftauslegung
      • 17.5 Präsente Eschatologie, Auferstehung
  • Teil 5: Schlüsselloch Qumran: Neue Einblicke ins antike Judentum
    • 18 „Das Ende der Tage“: Eschatologie, Apokalyptik und Messianismus – Qumran und das christliche Judentum
    • 19 „Das Verborgene erkennen“: Weisheit, Wissenschaft und Magie
    • 20 „So lasst unsre Lippen Stiere opfern“: Liturgie, Gebet, Mystik
      • 20.1 Gebete: Qumran und das synagogale Gebet
      • 20.2 Mystik: Qumran und die Hekhalotliteratur
    • 21 „Gottes Willen ordnen“: Tora und Halakha – Qumran und das Rabbinische Judentum
  • Abbildungsverzeichnis
  • Allgemeine Bibliographie
    • 1 Übergreifende Internet-Datenbanken und digitale Handschrifteneditionen
    • 2 Datenbanken auf CD-Rom
    • 3 Kataloge
    • 4 Textausgaben
      • Hebräische und griechische Bibeln
      • Philo und Josephus
      • Pseudepigraphen
      • Texte aus Qumran und anderen Orten um das Tote Meer
      • Neues Testament
      • Rabbinische Literatur
      • Hekhalot
      • Jüdische Liturgie
      • Klassische Autoren zu Juden und Judentum
    • 5 Archäologie
    • 6 Hilfsmittel
      • Konkordanzen
      • Kodikologie und Paläographie
      • Wörterbücher
      • Grammatiken
      • Bibelzitate und -anspielungen
      • Enzyklopädien und Nachschlagewerke
      • Bibliographien
    • 7 Moderne Einleitungen
      • Alte Geschichte der Levante
      • Antikes Judentum
      • Entdeckungs- und Forschungsgeschichte
      • Hebräische und griechische Bibel
      • Qumran
      • Neues Testament
    • 8 Auswahl zentraler Konferenzbände außerhalb von STDJ
  • Anhang
    • 1 Karten und Pläne
    • 2 Zeittafel
    • 3 Glossar
  • Quellenverzeichnis
    • 1. Hebräische Bibel
    • 2. Apokryphen und Pseudepigraphen
    • 3. Qumran
    • 4. Philon von Alexandrien
    • 5. Josephus
    • 6. Neues Testament
    • 7. Frühchristliche Literatur
    • 8. Klassische Literatur
    • 9. Gnostische Literatur
    • 10. Rabbinische Literatur
  • Personenregister
  • Sachregister
  • Archäologische Loci

|V|Meinen Jerusalemer Lehrern

|VII|Vorwort

Dieses Lehrbuch ist Ausdruck meiner Überzeugung, dass sich die Welt des frühen Judentums – und darunter fällt auch das Urchristentum – nur im parallelen Studium aller antiken jüdischen Quellen, schriftlichen wie archäologischen, begreifbar machen lässt. Auch sind alle Methodologien, Philologie, Geschichte, Archäologie, Religions- und Sozialwissenschaften und nun auch die Informatik, wo sie vergangene Welten mit Licht erhellen können, zu verwenden.

Ich danke meinen Schülern in Paris und in Bern, die mit mir einige der hier enthaltenen Materialien erprobt haben. Sehr herzlich möchte ich Jonathan Ben-Dov, Katell Berthelot, René Bloch, Yehuda Cohn, Lutz Doering, Gilles Dorival, Jörg Frey, Florentino García-Martínez, Charlotte Hempel, Jodi Magness, Dennis Mezzi, Konrad Schmid, Günter Stemberger, Herzeleide Stökl, Jonathan Stökl, Eva Tyrell und Eibert Tigchelaar sowie dem Lektor meinen Dank aussprechen, die sich mit zahlreichen Korrekturen und Hinweisen viel Mühe gegeben haben, das Buch oder das ihm zugrundeliegende Projekt vor einigen Fallen zu bewahren. Verbliebene Fehler möge der Leser mir zur Last legen.

|XIII|Transkriptionsregeln

Entsprechend den Regeln der Lehrbuchreihe wird ein der deutschen Sprache angemessenes stark vereinfachtes Transkriptionssystem angewandt, das Konsonanten im Allgemeinen mit den folgenden Äquivalenten wiedergibt und Vokale nach der vereinfachten modernen hebräischen Aussprache ergänzt. Personennamen sind allgemein nach der griechischen Weise transkribiert (Demetrios statt Demetrius).

alef

’ / ø (am Wortanfang und -ende)

‎‏א‏‎

bet

b / v

‎‏ב‏‎

gimel

g

‎‏ג‏‎

dalet

d

‎‏ד‏‎

he

h / ø (am Wortende)

‎‏ה‏‎

waw

w / o / u

‎‏ו‏‎

zain

z

‎‏ז‏‎

chet

ch

‎‏ח‏‎

tet

t

‎‏ט‏‎

jod

j / i

‎‏י‏‎

kaf

k / kh

‎‏כ‏‎

lamed

l

‎‏ל‏‎

mem

m

‎‏מ‏‎

nun

n

‎‏נ‏‎

samekh

s

‎‏ס‏‎

ajin

‘/ ø (am Wortanfang und -ende)

‎‏ע‏‎

pe

p / f

‎‏פ‏‎

tsade

tz

‎‏צ‏‎

qof

q

‎‏ק‏‎

resch

r

‎‏ר‏‎

schin

sch

‎‏ש‏‎

tav

t

‎‏ת‏‎

|1|Teil 1: Historische und philologische Einleitung

|3|1 Die Bedeutung der Qumranrollen und ihre Entdeckungs- und Forschungsgeschichte

Allegro, John, Die Botschaft vom Toten Meer, Frankfurt 1957.

Burrows, Millar, Die Schriftrollen vom Toten Meer, München 1957;

Burrows, Millar, Mehr Klarheit über die Schriftrollen, München 1959.

Cross, Frank, Die antike Bibliothek von Qumran und die moderne biblische Wissenschaft, Neukirchen-Vluyn 1967.

Dimant, Devorah/Kottsieper, Ingo (Hgg.), The Dead Sea Scrolls in Scholarly Perspective. A History of Research, Tübingen 2012.

Fields, Weston, The Dead Sea Scrolls. A Full History. Vol. 1, Leiden 2009.

Golb, Norman, „Who Were the Maġārīya?“, Journal of the American Oriental Society 80 (1960) 347359.

Israeli, Raphael, Piracy in Qumran. The Battle over the Scrolls of the Pre-Christ Era, New Brunswick 2008.

Maier, Johann/Schubert, Kurt, Qumran-Essener. Texte der Schriftrollen und Lebensbild der Gemeinde, München 1991.

Milik, Józef, Ten Years of Discovery in the Wilderness of Judaea, London 1959.

Reiner, Fred, „C.D. Ginsburg and the Shapira Affair. A Nineteenth-Century Dead Sea Scrolls Controversy“, The British Library Journal 21 (1995) 109127.

Rengstorff, Karl-Heinrich, Hirbet Qumran und die Bibliothek vom Toten Meer, Leiden 1960.

Schiffman, Lawrence, Reclaiming the Dead Sea Scrolls, New York 1994.

Segal, Moshe, A Grammar of Mishnaic Hebrew, Oxford 1927.

Stec, David, The Genizah Psalms. A Study of MS 798 of the Antonin Collection, Leiden 2013

Stegemann, Hartmut, Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus, Freiburg 1993, 102007.

Tov, Emanuel, The Discoveries in the Judaean Desert Series: History and System of Presentation. In: ders. (Hg.), The texts from the Judaean desert: Indices and an introduction to the ‚Discoveries in the Judaean desert‘ series, (DJD 39) Oxford 2002, 125.

Trever, John, Das Abenteuer von Qumran, Kassel 1967.

Vermes, Géza, The story of the scrolls, London 2010.


1.1 Die Bedeutung der Funde von Qumran

Qumran – wenige Worte haben im letzten Jahrhundert eine größere, fast magische Anziehungskraft auf Erforscher des Judentums und Christentums, Scharlatane und Sensationslustige, Journalisten und Kriminalautoren, Fachleute und Laien ausgeübt als der Name |4|des Fundortes der Qumran-Rollen am Toten Meer. Filmreif ist nicht nur die Entdeckungsgeschichte durch Beduinen, der erste Ankauf am Vorabend des UNO-Votums zum Teilungsplan des britischen Mandatsgebiets Palästina, sondern auch die Beteiligung des israelischen Geheimdiensts an späteren „Erwerbungen“, der dreißigjährige Krieg um ihre Publikation, Verdächtigungen, der Vatikan verhindere die Veröffentlichung wichtiger Schriften, antisemitische Ausfälle zentraler Beteiligter, „Pirateneditionen“ durch Reverse Engineering junger Computerfreaks, Gerichtsprozesse um Diebstahl geistigen Eigentums und Annahme falscher Identitäten, um andersdenkende Forscher zu diffamieren. Manchen Forschern fiel es nicht leicht, in derartig ungewöhnlichen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Doch ganz objektiv haben nur wenige archäologische Funde eine ähnliche Neuinterpretation bekannter Daten in gut erforschten Forschungsgebieten ausgelöst. Die Fakten sprechen für sich:

Die Fragmente von mehr als 1000 Schriftrollen stellen die größte Sammlung antiker religiöser Schriftengrößte Sammlung antiker religiöser Schriften dar. Die frühesten datieren aus dem dritten Jahrhundert v. Chr., die jüngsten aus dem ersten Jahrhundert n. Chr., einer Schlüsselperiode für die Geburt zweier noch heute lebendiger Religionen: rabbinisches Judentum und Christentum. Vor 1946 gab es eine große Lücke zwischen der vermuteten Redaktionszeit der jüngsten Bücher der Hebräischen Bibel in der hellenistischen Zeit (zweites Jahrhundert v. Chr.) und den ältesten erhaltenen hebräischen Handschriften vom Ende des ersten Jahrtausends n. Chr. Dazwischen liegen zwar die Redaktionszeiten der klassischen rabbinischen Texte, Mischna, Talmud, Midrasch. Doch auch sie waren bis ins frühe Mittelalter nur mündlich überliefert. So bleibt, selbst wenn man die Redaktionszeit des frühesten dieser Texte, der Mischna, im dritten Jahrhundert als Maßstab nimmt, immer noch eine Kluft zwischen dem zweiten Jahrhundert vor und dem dritten Jahrhundert nach Christus.

Mit der Entdeckung gibt es plötzlich Reste hunderter hebräischer und aramäischer Bücher aus eben dieser unbekannten Zwischenzeit. Die entdeckten Handschriften von Büchern der Hebräischen Bibel, ungefähr ein Viertel aller um Qumran gefundenen Rollen, sind immerhin etwa 1000 Jahre älter als die bis dato älteste vollständige Bibelhandschrift. Sie geben völlig neue Einsichten in die Textgeschichte. Zum Beispiel liefern sie für die antike griechische Übersetzung der Bibel (die sogenannte Septuaginta) Belege, dass es den dahinter liegenden hebräischen Text wirklich einmal gegeben hat. Ja, für manche Bücher geben sie sogar Einblick in den Vorgang der Fortschreibung. Nicht nur das! Differenzen in der Orthographie relativieren die traditionelle Tiberiensische Vokalisierung. |5|Die Kanongeschichte kann völlig neu aufgerollt werden. Ohne Zweifel haben die Rollen und Fragmente unser Verständnis der Überlieferung und Überarbeitung der Bücher der Hebräischen Bibel und ihrer Übersetzungen grundlegend geändert.

Die Rollen von Qumran verschaffen uns die Möglichkeit, das Judentum des Zweiten Tempels Direktzugangdirekt zu studieren. Bis 1946 war dies nur indirekt möglich. Man vergisst oft, dass wir bis auf ein paar Papyrusfragmente alle anderen Texte, Flavius Josephus, Philon, Pseudepigraphen und Apokryphen nur dank christlicher Schreiber aus der Antike und dem Mittelalter haben. Auf jüdischer Seite ist neben der Hebräischen Bibel nur die rabbinische Literatur überliefert worden, die zu einem neuen Kanon des nun erst entstandenen rabbinischen Judentums geworden ist. Alles, was nicht in die christliche oder die rabbinische Sichtweise passte, wurde nicht weiter abgeschrieben. Auf christlicher Seite hieß das oft, dass nur Schriftstücke, die in der Perspektive der kopierenden Mönche einen Beitrag zum Verständnis des Neuen Testamentes leisteten, der Mühe des Abschreibens wert waren. Dazu gehörten neben der Septuaginta und den anderen Übersetzungen der Hebräischen Bibel in erster Linie Josephus (eine der ganz wenigen antiken Quellen, die Jesus, Jakobus und Johannes den Täufer erwähnen); Philon von Alexandrien (der manchen als zum Christentum konvertierter jüdischer Philosoph galt); Schriften wie 1. Henoch, die im Neuen Testament zitiert werden, oder 4. Esra und die Psalmen Salomos, die über die Ankunft des Messias sprechen. Und wo diese Zeugnisse christologisch nicht deutlich genug waren, wurden sie im Laufe der Zeit von den christlichen Kopisten „verbessert“ oder überhaupt erst in die Quellen hineingeschrieben (z.B. in den Testamenten der Zwölf Patriarchen).

Die Rabbinen verzichteten ganz auf die eigenständige Überlieferung nachbiblischer vorrabbinischer Texte und integrierten allenfalls gewisse Traditionen in ihre neuen Kompositionen. Die von rabbinischen und christlichen Schreibern überlieferten Texte und Traditionen schränken also unsere Wahrnehmung des antiken Judentums auf diejenigen Texte und Traditionen ein, die späteren orthodoxen Kreisen genehm waren.

Qumran ermöglicht den direkten Einblick in gewisse Teile des Judentums des Zweiten Tempels ohne die Selektionsgeschichte der christlichen und jüdischen Tradition. Bis 1946 nur äthiopisch, griechisch, lateinisch oder syrisch überlieferte Schriften wie 1. Henoch, das Jubiläenbuch, Tobit oder Sirach wurden in ihrem hebräischen oder aramäischen Original zugänglich. Für eine Anzahl zentraler Genres jüdischer Literaturgeschichte geben die Qumranrollen das älteste Zeugnis ab: für die ersten exegetischen Werke, die den zitierten |6|Text explizit von seiner Auslegung trennen; bestimmten Themen gewidmete halakhische Traktate; liturgische Gebetsbücher; magische Schriften, mystische Vorstellungen, vorher für unmöglich gehaltene Verbindungen von Weisheit und Apokalyptik. Erst in den letzten Jahren sind die Qumranrollen als Zeugnisse für das antike Judentum, nicht nur einer exklusiven jüdischen Sekte, dem Jachad, wirklich ernst genommen worden.

Auch wenn wir die Standardthese vertreten, die die Besitzer der Bibliothek mit den Essenern identifiziert, werden wir in diesem Lehrbuch für die Gruppe hinter diesen Schriftrollen ihre Selbstbezeichnung verwenden, also „JachadJachad“ (und „jachadisch“), um nicht durch die Verwendung von „Essenern“, „Sekte“ oder „Qumrangruppe“ soziologische oder geographische Vorentscheidungen für die Interpretation treffen zu müssen. Auch in englischen Publikationen sind viele dazu übergegangen, neutral von „Yahad“ (und „Yahadic“) zu sprechen.

Die neu entdeckten halakhischen Handschriften gestatten Einsicht in die unterschiedlichen Lehrmeinungen, die in den jüdischen Strömungen zum Ende der Zeit des Zweiten Tempels eine Rolle spielten. Juristische Fachtermini, literarische Genres, Ableitungen aus biblischen Texten stimulieren die Diskussion zu den Entstehungsumständen auch des rabbinischen Judentums.

Und doch wäre all dies vermutlich nur für einen begrenzten Kreis von Spezialisten und Freunden des antiken Judentums von herausragender Bedeutung gewesen, gäbe es da nicht noch die zeitliche, geographische und oftmals inhaltliche Nähe zu Jesus, Johannes dem Täufer und Paulus, zum Urchristentum und seinen Schriften. Bis 1946 musste man zum Studium des Neuen Testamentes vor allem gute Griechischkenntnisse vorweisen. Jesus sprach zwar Aramäisch. Doch dafür gab es keine zeitgenössische Literatur. Hebräisch selbst aber galt meist als tote Sprache, auch wenn Segal angefangen hatte zu beweisen, dass dem nicht so war. Vergleichsliteratur zum Neuen Testament waren die Schriften des hellenistischen Judentums, Kirchenväter und klassische Autoren. Dazu kamen auch die Schriften der Hebräischen Bibel, des Alten Testamentes, relevant allerdings nicht in ihrer hebräischen Fassung, sondern in griechischer Übersetzung, in der Form der Septuaginta. Das Studium der restlichen hebräischen Literatur – Mischna, Talmud, Midraschim – diente in den allermeisten Fällen dazu, die große Differenz des Christentums zum rabbinischen Judentum herauszustreichen. Von jüdischer Seite konnte das Christentum als marginale Interpretation hellenisierter Strömungen des Judentums des Zweiten Tempels abgetan werden.

|7|Mit der Entdeckung der Qumranrollen gab es plötzlich ein großes Korpus hebräischer Literatur aus den hellenistischen und römischen Epochen mit Bezügen auf exegetische und halakhische Traditionen der rabbinischen Literatur, aber ebenso oft auch mit Kontrasten. Ohne Übertreibung kann man feststellen, dass vor allem auch aufgrund der aus den Qumranrollen gewonnenen Erkenntnisse das Urchristentum in seinen unterschiedlichen Strömungen heute viel stärker im Judentum des Zweiten Tempels verwurzelt gesehen wird, genauer als eine weitere Strömung innerhalb des mannigfaltigen antiken Judentums Judäas/Palästinas.

Vieles von dem, was vorher als christliches Proprium gegolten hatte, war nun erstmals in antiken jüdischen Texten attestiert, noch dazu auf Hebräisch. Besonders große Aufmerksamkeit galt der Messianologie. Eine eschatologische Heilsfigur als Sohn Gottes? Ein leidender Messias? Die Deutung bestimmter prophetischer Texte auf den Messias? Prophetisch inspirierte Schriftauslegung? Seligpreisungen? Ein Kultmahl mit Brot und Wein? Ausdrücke wie „Werke des Gesetzes“? Nicht alles ist stichhaltig, aber die Präsenz all dieser Punkte in den Qumranrollen muss zumindest diskutiert werden.

Und für die Historiker kommt noch dazu, dass – im Gegensatz zum Urchristentum – die Schriftrollen mit archäologischem KontextSchriftrollen einen archäologischen Kontext haben. Wenn man die Siedlung als Wohnsitz der Eigentümer der Rollen identifiziert, wie es die Mehrheit weiterhin tut, können Rolle und Siedlung, Text und Kontext, Anspruch und Wirklichkeit, Ideal und Realität, Reinheitsliturgie und Mikve, Gleichheitsideal und Friedhof miteinander in Beziehung gesetzt werden. Bis vor wenigen Jahren war dieser Punkt vielleicht der umstrittenste, doch haben die Erkenntnisse der modernen Physik und Chemie hier neue Sicherheiten gewonnen. Wie würden sich Historiker des frühen Christentums oder der tannaitischen rabbinischen Literatur über ähnliche Entdeckungen freuen! Bis zu den ersten archäologisch verifizierten christlichen Bauwerken in Dura Europos und Megiddo müssen wir bis ins dritte Jahrhundert warten – ohne darin bislang die Literatur ihrer Bewohner in ähnlicher Masse gefunden zu haben. Die christlichen Papyri stammen fast ausschließlich von antiken Müllhalden in Ägypten, nur selten aus Bauten mit archäologischem Kontext. Die schiere Masse der Qumranrollen stellt alles andere in den Schatten. Alle christlichen griechischen Papyri bis zum fünften Jahrhundert zusammengenommen entsprechen etwa der Hälfte der Zahl der Qumranrollen.

Auch auf sprachwissenschaftlichem Gebiet haben die Qumranrollen unsere Kenntnis der hebräischen Sprache revolutioniert. Das in den Qumranrollen bezeugte Hebräisch schließt eine große Lücke |8|zwischen den jüngeren Werken der Hebräischen Bibel und den ältesten Straten der rabbinischen Literatur. Dies gilt – vor allem auch aufgrund der Bar Kosba Texte von anderen Fundorten um das Tote Meer – auch für das Aramäische.

Schließlich profitiert auch die antike Buchkunde, Kodikologie (Lehre über den Aufbau von Büchern) und Paläographie (Erforschung der Geschichte der Schrift). Für das Studium einer Religion, die genau in dieser Periode begann, das Buch mehr und mehr ins Zentrum ihres Kultes zu stellen, ist das Wissen über die physische Beschaffenheit von Büchern absolut fundamental. Gab es neben Rollen noch andere Buchformen? Gab es schon Rollen, die die ganze Tora einschlossen? Inwiefern bestimmten Inhalt oder Zweck das Layout einer Rolle? Gab es private Abschriften heiliger Texte? Wie unterscheiden sie sich von liturgischen Rollen? Welche Zusatzzeichen erfanden die Schreiber, um Lesen und Vorlesen zu unterstützen (Aufteilung in Paragraphen, Titel)? Wie wurden Korrekturen angezeigt?

1.2 Die Entdeckung 1946/1947

Die Entdeckungsgeschichte ist legendär. Letzte Wahrheiten sind schwierig zu erreichen. Wir schreiben das Jahr 1946 oder 1947. Der Zweite Weltkrieg ist beendet. Großbritannien bereitet sich darauf vor, das seit der Eroberung 1917 unter sein Mandat gestellte Palästina zu verlassen. Seit 1936 brechen immer wieder Unruhen zwischen Arabern und Juden aus. Beide wissen, es werde eine größere Auseinandersetzung geben, sollte es zur Gründung eines jüdischen Staates kommen. Praktisch ist es ein Bürgerkrieg auf kleiner Flamme.

Ende 1946 oder Anfang 1947 sucht Mohammad edh-Dhib („der Wolf“) vom Beduinenstamm Ta‘amireTa‘amire in den Berghängen auf der Nordostseite des Toten Meeres unweit von Jericho nach einer verirrten Ziege, vielleicht auch nach einem geeigneten Versteck, denn Waffenschmuggel ist eine gute Verdienstquelle für die Bewohner der Wüste. Wir werden es nie genau wissen. Edh-Dhib gibt an, sich in den Schatten eines Felsen gesetzt und spielerisch Steine in eine nahegelegene Öffnung geworfen zu haben. Als er Geschirr zerspringen hört, flieht er zunächst zu seinem Stamm, um am nächsten Tag mit seinem Cousin zurückzukommen. Durch die kleine Öffnung dringen sie in die Höhle ein und finden inmitten unzähliger Scherben acht intakte Krüge, die sich bis auf einen als leer entpuppen. Dieser Krug enthält kein Gold, sondern nur drei in Tuch eingewickelte Rollen in einer ihnen unbekannten Schrift. |9|Obgleich sie enttäuscht sind, keinen Schatz vorgefunden zu haben, kehren sie noch einmal in die Höhle zurück und entnehmen ihr noch vier weitere Rollen.

Sie versuchen, ihre Funde bei Antiquitätenhändlern in der nächstgelegenen Stadt, Bethlehem, zu Geld zu machen. Ein Händler namens Faida Salahi (George Isaiah) erwirbt drei Rollen. Ein anderer, Khalil Iskandar Schahin (19101993), genannt KandoKando, erwirbt vier andere. Kando hält die Schrift für Syrisch und bringt sie ins St. Markus Kloster in Jerusalem. Der frisch ernannte syrische Metropolit Mar Athanasius Jeschua SamuelMar Athanasius Jeschua Samuel (19091995) kauft ihm diese vier Rollen ab und zeigt sie in den Sommermonaten verschiedenen Gelehrten und Mittelsmännern an der École Biblique et Archéologique und der jüdischen Nationalbibliothek im in Zonen aufgeteilten Jerusalem. Kein Fachmann hält sie für antik.

Der Archäologe und Epigraphiker der Hebräischen Universität, Eliezer SukenikEliezer Sukenik (18891953), wäre ohne Zweifel der beste Ansprechpartner, doch weilt er im Freisemester im Ausland. Am 24. November 1947 kontaktiert ein armenischer Mittelsmann Salahis den jüdischen Professor und zeigt ihm am Jaffator durch einen Stacheldrahtzaun ein Fragment. Sukenik stellt aufgrund seiner vorherigen Arbeiten zu antiken Inschriften sogleich Ähnlichkeiten der Schrift fest, bemerkt auch orthographische Besonderheiten und vermutet, die Rollen könnten tatsächlich antik sein. Doch ist bislang kein einziger antiker hebräischer Text auf Pergament bekannt. Sicher ist sich seit dem Skandal um die Shapira-Fragmente Ende des 19. Jahrhunderts so schnell niemand mehr.

Die sogenannten Shapira-FragmenteShapira-Fragmente waren fünfzehn Lederfragmente in paläohebräischer Schrift mit einem Text ähnlich dem des Deuteronomiums. Ein Antiquitätenhändler namens Moses Shapira hatte sie 1878 von Beduinen erworben. Diese gaben an, die in Leinen gewickelten Texte um 1865 in einer Höhle im Wadi Mujib auf der jordanischen Seite des Toten Meeres gefunden zu haben. Nach anfänglich großem Aufsehen scheiterte er 1883 mit Verkaufsverhandlungen an Museen in Berlin und London und wurde sogar der Fälschung bezichtigt. In der Folge nimmt sich Shapira das Leben. Form, Inhalt und Entdeckungsumstände der Qumranrollen widerlegen einen Teil der vormals gegen die Authentizität der Fragmente angeführten Argumente. Dass sie seit 1888 vermisst sind, macht neuen Untersuchungen allerdings einen Strich durch die Rechnung.

Nur fünf Tage später ist die Abstimmung in der Vollversammlung der frisch gegründeten Vereinten Nationen über die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat. An eben diesem Tag wagt es Sukenik (dessen einer Sohn, Matti, im Krieg fällt, während der andere, Yigael Yadin, wenig später Oberbefehlshaber |10|der israelischen Streitkräfte sein wird) in einem arabischen Bus nach Bethlehem zu fahren. Er kauft Salahi zwei seiner drei Rollen ab. Es handelt sich um die Kriegsregel (1QMilhama) und die Hymnenrolle (1QHodayota). Mit der Abstimmung in den Abendstunden bricht der Bürgerkrieg offen aus. Trotzdem schafft es Sukenik Ende Dezember 1947, auch die zwei Krüge und die dritte und letzte Rolle im Besitz Salahis, die „kleine“ Jesajarolle (1QIsaiahb), noch zu erwerben.

Als Sukenik erfährt, dass die Rollen aus einer Höhle im Nordosten des Toten Meeres stammen, kommt ihm ein heute berühmter Passus aus Plinius dem Älteren in den Sinn, der die Essener hier verortet (s.u. S. 78). Sukenik kennt auch den von Jeremia erwähnten Usus, Texte in Tongefäßen vor Ratten und Würmern zu schützen: „So spricht der Herr der Heere, der Gott Israels: Nimm diese Urkunden, die versiegelte Kaufurkunde und auch die offene, und leg sie in ein Tongefäß, damit sie lange Zeit erhalten bleiben.“ (Jer. 32,14). Der Talmud erwähnt das Begräbnis einer unbrauchbar gewordenen Torarolle in einem Krug (bMeg 26b). Sukenik schließt daraus: die Schriftrollen kommen aus einer essenischen Geniza.

Das Wort GenizaGeniza wird von der Wurzel g-n-z („verbergen“) abgeleitet und bezeichnet allgemein einen Ort, an dem Schriften gesammelt werden, die den Gottesnamen enthalten (oder enthalten könnten) und nach der jüdischen Tradition deshalb nicht einfach weggeworfen werden dürfen. Normalerweise werden die in einer Geniza angesammelten Schriften nach einiger Zeit auf einem Friedhof beerdigt. Seit wann diese Institution besteht, ist unklar. Die ältesten schriftlichen Erwähnungen sind talmudisch (bShab 115a). In der mittelalterlichen Kairoer Geniza wurden Dokumente gefunden, die sonst nur in Qumran belegt sind (s.u. S. 14).

In den ersten beiden Monaten des Jahres 1948 verhandelt Sukenik erfolglos auch mit Mar Samuel, dessen vier Rollen er ebenfalls erwerben möchte. Die Amerikaner sind schneller. Am 19. Februar 1948, etwa ein Jahr nach ihrer Entdeckung, werden Samuels Rollen zur American School of Oriental Research gebracht, dem heutigen Albright-Institut nördlich der Altstadt. Ein Postdoktorand, John TreverJohn Trever (19162006), vertritt dort den gerade auf Forschungsreise im Irak weilenden Direktor, Millar Burrows. Er erkennt, dass die große Rolle eine Jesajahandschrift ist. Außerdem hat er eine Sammlung mit Dias zur Geschichte des Bibeltextes bei sich, unter denen auch ein Foto des Nash-Papyrus ist, so dass auch er das mögliche hohe Alter der Qumranrollen erkennt.

|11|Der Nash-PapyrusNash-Papyrus, heute in Cambridge, wurde Ende des 19. Jahrhunderts von W. Nash in Ägypten erworben. Dieses (fragmentarische) Einzelblatt enthält den Dekalog gefolgt vom Schma. Es handelt sich um die einzige andere damals bekannte vorchristliche hebräische Handschrift. Vielleicht war sie ein liturgischer Merkzettel oder aber ein Amulett. 1903 von Stanley Cook veröffentlicht, wurde sie von ihm zunächst auf das zweite Jahrhundert n. Chr. datiert. 35 Jahre später konnte William Albright bereits mehr aramäisches und nabatäisches Vergleichsmaterial für seine minuziöse paläographische Studie verwenden und die Schrift in das zweite vorchristliche Jahrhundert datieren. Ein Foto ist auf der Webseite https://cudl.lib.cam.ac.uk/view/MS-OR-00233/1 einsehbar.

Ein glücklicher Zufall will, dass Trever ein talentierter Fotograf ist und die Erlaubnis aushandeln kann, die Rollen zu fotografieren. Bis heute gehören seine Fotos zu den wichtigsten Urkunden, denn im Laufe der Geschichte haben auch diese „großen“ Rollen immer wieder unter abbrechenden Fragmenten gelitten. Trevers Fotos werden zum führenden amerikanischen Experten William Albright geschickt, der das hohe Alter der Schrift bekräftigt. Am 12. April 194812. April 1948 informiert Burrows die Weltöffentlichkeit mit einer PressemitteilungPressemitteilung zum ersten Mal über die Entdeckung der ältesten biblischen Handschrift aus dem ersten Jahrhundert v. Chr., der „großen“ Jesajarolle (1QIsaiaha = 1QIsaa), eines Habakukkommentars (1QPesher Habakuk = 1QpHab), des „Manual of Discipline“ einer unbekannten Sekte, „möglicherweise der Essener“ (Gemeinschaftsregel = 1QSerekh Hayahad = 1QS) und einer vierten nicht identifizierten Rolle (des späteren Genesisapokryphons), „entdeckt im Kloster St. Markus“. Kurz darauf publiziert auch Sukenik eine Pressemitteilung über die Rollen im Besitz der Hebräischen Universität.

Am 14. Mai 1948 ruft David Ben Gurion die Gründung des Staates IsraelsGründung des Staates Israels aus. Die arabischen Nachbarstaaten reagieren mit offenem KriegKrieg, und es wird nach einer ohnehin schon unsicheren Zeit nun völlig unmöglich, offizielle archäologische Expeditionen durchzuführen. Dennoch wagen es einige der involvierten Mittelsmänner, illegale Erkundigungen in der Höhle fortzusetzen und weitere Fragmente zusammenzutragen. Während der Belagerung Jerusalems bringt Sukenik das Kunststück zustande, die erste wissenschaftliche Studie über die Rollen zu veröffentlichen.

Die kulturpolitische Bedeutung der KoinzidenzBedeutung der Koinzidenz der Entdeckung der letzten Überreste einer jüdischen Bibliothek mit hebräischen Texten aus der Zeit des Zweiten Tempels inmitten der Geburtswehen des neuen Staates Israel ist kaum zu überschätzen. Sie kommt einem Telefonanruf aus der Vergangenheit nahe. In einem Staat |12|mit neugegründeten Städten wie Tel Aviv ohne antike Gebäude, mit einer sehr jungen Bevölkerung und wenig alten Leuten, gab es plötzlich Texte aus der Zeit des letzten jüdischen Staates 2000 Jah re zuvor, von denen viele ohne größere Schwierigkeiten von Schulkindern entziffert werden konnten! Nicht von ungefähr sollte der junge Staat später viele Kräfte daran setzen, die Rollen in Jerusalem zusammenzutragen und auszustellen. Sie waren immer auch ein politisch unschätzbares Zeugnis der jüdischen Alteingesessenheit im Heiligen Land, eine Verbindung des wiedergeborenen Staates zu den letzten jüdischen Regenten im Lande.

1.3 Schriftrollenfunde am Toten Meer vor 1947

Die Entdeckungen von 1946 oder 1947 waren keinesfalls die ersten Handschriftenfunde vom Toten Meer. Der Kirchenvater Eusebios von Cäsarea in Palästina (ca. 260340) gibt einen Bericht des OrigenesOrigenes (ca. 184254) wieder:

In den Hexapla setzte er (Origenes) bei den Psalmen neben die bekannten vier Ausgaben nicht nur eine fünfte, sondern auch eine sechste und siebte Übersetzung und bemerkt, daß eine derselben zu Jericho in einem Krug (en pithō) zur Zeit des Antoninus (188217), des Sohnes des Severus, aufgefunden worden sei. (Eusebios, Kirchengeschichte, VI 16, modifizierte Übers. von Kraft 1967, zur Hexapla, s.u. S. 195)

Der aus Palästina stammende Epiphanios von SalamisEpiphanios von Salamis (310403) berichtet vielleicht vom selben Vorfall und einem anderen, wenn er schreibt:

Und in der Zeit des Severus wurde eine fünfte Übersetzung in einem Krug versteckt in Jericho gefunden, und in den Zeiten des Antoninus eine sechste Übersetzung in Emmaus, ebenfalls in einem Krug versteckt. (Nach M. Stone und R. Ervine, The Armenian Texts of Epiphanius of Salamis De Mensuris et Ponderibus 1718 (CSCO 583, tomus 105, Leuven, 2000, 87).

Von anderen Handschriftenfunden am Toten Meer berichtet um 800 n. Chr. Timotheos I. von Seleukia KtesiphonTimotheos I. (727/729823), Patriarch von Seleukia Ktesiphon / Bagdad in einem Brief an seinen Korrespondenten Sergius, Metropolit von Elam:

Wir erfuhren von glaubwürdigen Juden, die eben als Katechumenen im Christentum unterrichtet wurden, daß vor zehn Jahren in der Nähe von Jericho in einem Felsenhause Bücher gefunden wurden. Es heißt nämlich, daß der Hund eines jagenden Arabers einem Thiere folgend eine Höhle betrat und nicht zurückkam. Sein Herr folgte ihm und fand im Felsen ein Häuschen und darin viele Bücher. Der Jäger ging nach Jerusalem und teilte es den Juden mit. Sie kamen in Menge heraus und fanden die Bücher des alten (Testamentes) und andere in hebräischer Schrift. Und da der Erzähler |13|ein Schriftkundiger und Schriftgelehrter war, fragte ich ihn um manche Stellen, die in unserem neuen Testamente als aus dem alten angeführt, aber dort nirgends erwähnt werden, weder bei uns Christen, noch bei den Juden. Er sagte: sie sind vorhanden und finden sich in den dort gefundenen Büchern. […] Es sagte aber jener Hebräer zu mir: „Wir fanden in jenen Büchern mehr als 200 Psalmen Davids“. Ich schrieb nun an jene darüber. Ich denke jedoch, dass diese Bücher niedergelegt wurden von dem Propheten Jeremias, oder von Baruch, oder von einem andern aus denen, welche das Wort Gottes hörten und davon bewegt wurden. Als nämlich die Propheten in göttlichen Offenbarungen die Eroberung, Plünderung und Verbrennung, die über das Volk wegen seiner Sünden kommen sollten, erfuhren, da verbargen sie, fest überzeugt, daß keines der Worte Gottes zu Boden fällt, die Schriften in Felsen und Höhlen und versteckten sie, damit sie nicht im Feuer verbrennen, noch von den Plünderern geraubt werden sollten.

Oskar Braun, „Ein Brief des Katholikos Timotheos I. über biblische Studien des 9. Jahrhunderts“, Oriens Christianus 1 (1901) 299313, hier 301305.

Als viertes Zeugnis gelten die in mittelalterlichen Sektenkatalogen erwähnten „MagharierMagharier“ (wörtlich „Höhlenmenschen“). Der Karäer Jaqub Qirqisani aus dem frühen zehnten Jahrhundert führt ihren Namen darauf zurück, dass sie nach ihren in einer Höhle gefundenen Büchern heißen (arab. maġariya, dt. Höhle, vgl. hebr. me‘ara). Es ist nicht ganz klar, ob Qirqisani sie der Gegenwart oder der Vergangenheit zurechnet, doch stehen sie in seinem Sektenkatalog zwischen den aduqiya (Sadduzäern/Zadokiten) und den Nachfolgern Jesu. Nach einer zweiten Quelle, Muhammad asch-Schaharastani (10861153), lebten die asketischen Magharier vierhundert Jahre vor Arius, dem „Gründer“ der Arianer (ca. 250336 n. Chr.). Die Magharier würden also aus der Zeit des Zweiten Tempels stammen. Nach dem berühmten muslimischen Gelehrten Muhammad Al Biruni (9731048) feierten die Magharier Neujahr und Pessach (Mazzotfest) immer an einem Mittwoch. Wir werden noch sehen, dass dies mit dem in Qumran bezeugten 364-Tage-Jahr übereinstimmt (s.u. S. 291). Die unterschiedlichen Nachrichten sind zwar nicht einfach auf einen historischen Nenner zu bringen (Golb). Allerdings wurden frühmittelalterliche Handschriften von nur aus Qumran bekannten Texten in der Geniza der Kairoer Ben Ezra-Synagoge gefunden. Die Geniza ist das fünfte Zeugnis für frühere Handschriftenfunde.

|14|Die Geniza der Kairoer Ben Ezra SynagogeGeniza der Kairoer Ben Ezra Synagoge ist die bekannteste und für die Qumranforschung wichtigste Geniza. Im Gegensatz zu anderen Genizot wurde sie über 900 Jahre lang nicht entsorgt. Auch wurde die Synagoge nie zerstört. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich hier Hunderttausende von Dokumenten, Rechnungen, Bücherlisten, Heiratsurkunden, Einkaufslisten, Verträgen, Briefen, Notizen, kleinen und großen Fragmenten von Handschriften der Bibel, der Mischna, der Talmudim, Midraschim oder anderer theologischer, philosophischer, exegetischer, mystischer, medizinischer oder anderer wissenschaftlicher und unwissenschaftlicher Werke angesammelt. Selbst Autographen von Maimonides fanden sich hier.

Verschiedene europäische Handschriftensammler reisten im 19. Jahrhundert nach Kairo und brachten aus dieser und anderen Genizot Handschriften nach Hause. Zu ihnen gehörte Abraham Harkavy, der Karäer Abraham Firkovitch und die gelehrten Zwillingsschwestern Agnes Lewis und Margaret Gibson. Letztere machten den Cambridger Talmuddozenten Solomon Schechter auf den großen historischen Wert der Kairoer Dokumente aufmerksam. Schechter ging daraufhin nach Kairo und brachte Hunderttausende Fragmente nach Cambridge, in die größte Sammlung (heute: „Taylor-SchechterTaylor-Schechter“, abgekürzt T.-S.T.-S.). Andere besonders wichtige Kollektionen sind in St. Petersburg, Oxford, New York (Jewish Theological Seminary) und Manchester. Viele ursprünglich zusammenhängende Schriften wurden leider auf unterschiedliche Sammlungen aufgeteilt. Diese riesige Abfallhalde gibt Judaisten, Wirtschaftshistorikern, Religionswissenschaftlern, Philosophen, etc. einen unvergleichlich detaillierten Einblick in die Denkwelt, die soziale Struktur und die internationale Vernetzung einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden des 10.–13. Jahrhunderts. Seit jüngstem bietet das Friedberg Genizah Projekt (https://www.genizah.org) Interessierten Zugang zu Fotos, Katalogen und Transkriptionen von Fragmenten fast aller Sammlungen.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden in dieser Kairoer Geniza einige mittelalterliche Handschriften von vier Texten gefunden, die nicht in der Hebräischen Bibel stehen und schnell den Verdacht erregten, Abschriften antiker Texte zu sein: die Damaskusschrift (CD), das Aramäische Levi Dokument (ALD), Sirach und die Genizapsalmen. Die Damaskusschrift ist sonst nur aus Qumran bekannt und daher Kronzeuge dafür, dass einige Vorlagen dieser Genizatexte vielleicht aus Handschriftenfunden aus der Zeit des Timotheos stammen.

Zum Aramäischen Levi Dokument (ALD) s.u. S. 226 und 283f Zu den beiden Handschriften der Damaskusschrift (CD), s.u. Teil 4, S. 240f Sirach, eine Weisheitsschrift, die bis dato nur aus christlichen Bibeln bekannt war (s.u. S. 180 und 340f) wird auch hier und da im Talmud zitiert. Für die nicht nur aus Qumran bekannten Texte ist daher unklar, ob die Genizafragmente auf Handschriftenfunden in Höhlen bei Qumran basieren oder ob die Texte kontinuierlich weiter überliefert worden waren. Das Alter der Genizapsalmen (s. Stec) ist umstritten, denn unter den Qumranrollen wurden keine Paralleltexte gefunden.

|15|1.4 Weitere Entdeckungen der ersten Jahre (19491952)

Mit dem WaffenstillstandWaffenstillstand am 7. Januar 1949 befinden sich Qumran, die Beduinen um den Nordteil des Toten Meeres, Bethlehem mit den Geschäften Kandos und Salahis und die westlichen Forschungsinstitutionen Jerusalems unter jordanischer Verwaltung. Schließlich gelingt es Captain Akkash al-Zebn von der arabischen Legion die Höhle zu lokalisieren. Sogleich organisiert der Direktor der jordanischen Antiquitätenbehörde, der Engländer Gerald Lankester Harding (19011979), zusammen mit Roland de Vaux (19031971), dem Direktor der französischen École Biblique et Archéologique in Jerusalem, eine archäologische Expedition. Sie finden einige Objekte, antike Keramikscherben auch von Krügen und zahlreiche Fragmente, von denen einige zu den Rollen Sukeniks gehören. Fundort und ungefähres Alter sind damit bestätigt (s.u. Archäologie). Als später noch weitere Höhlen entdeckt werden, erhält diese Höhle das Sigel „Höhle 1Höhle 1“.

Auch wenn die Rollen nun nicht mehr für Fälschungen gehalten werden können, kommen immer wieder Zweifel über das AlterZweifel über das Alter der Handschriften auf, auch unter Experten von Weltruf. Der Editor des Jewish Quarterly Review Solomon Zeitlin (18861976) hält sie aufgrund der Ähnlichkeiten mit der Damaskusschrift der Geniza für Reste einer mittelalterlichen karäischen Bibliothek. Der eminente Oxforder Semitist Godfrey Driver (18921975) datiert sie zunächst um 500 n. Chr., später ordnet er sie Zeloten des jüdischen Aufstandes um 70 n. Chr. zu. Auch der weltbekannte Genizaspezialist Paul Kahle (18751964) hält frühchristliche Zeiten für die wahrscheinlichste Abfassungszeit. Jacob Teicher (19041981) aus Cambridge, Begründer des Journal of Jewish Studies, identifiziert die Besitzer der Rollen mit der judenchristlichen Gruppierung der Ebioniten, also auch in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten. Um Zweifel bezüglich der Richtigkeit der paläographischen Datierung aus der Zeit des Zweiten Tempels aus dem Weg zu räumen, werden schon 1950 die ersten physikalischen Untersuchungen durchgeführt, die frisch entwickelten 14C Tests (s.u. S. 43). Der Preis ist hoch. Für die Tests wird das größte der Leinentücher, in das eine der Rollen eingewickelt war, geopfert. Aber das Ergebnis 30 n. Chr. ± 200 Jahre widerlegt die These einer mittelalterlichen Provenienz.

In der Zwischenzeit schmuggelt Mar Samuel „seine“ vier Rollen auf verschlungenen Wegen in die USA. Er hat großen Erfolg damit, sie in Ausstellungen zu präsentieren, aber – wegen der unsicheren Rechtslage – weit weniger, sie zu verkaufen. Schon im März 1950März 1950 kann Burrows erste Editionenerste Editionen des Habakukkommentars und der „großen“ Jesajarolle, und 1951 dann auch von der Gemeinschaftsregel |16|vorlegen. Allerdings senken diese Veröffentlichungen das Interesse, die Rollen zu erwerben, denn mit Ausnahme der letzten ungeöffneten Rolle (dem späteren Genesisapokryphon) ist ihr Inhalt ja nun bekannt. Erst im Juli 1954 sollte es Yigael Yadin, der Sohn Eliezer Sukeniks, inzwischen selbst einer der führenden israelischen Archäologen, schaffen, über Mittelsmänner die in New York zum Verkauf angebotenen Rollen für die immense Summe von 250000 Dollar zu erwerben und nach Israel zu bringen.

Für die fragmentarischen Texte aus Höhle 1 stellt Roland de Vaux zügig ein Editorenteam zusammen. Mit dem Polen Józef Milik (19222006) und dem Franzosen Dominique Barthélemy (19212002) gewinnt de Vaux zwei junge katholische Priester und phantastisch begabte Wissenschaftler.

Ende November 1951 führen sie archäologische Sondierungen in der nahe der Höhle 1 gelegenen Siedlung durch. Während der Arbeit tauchen auf dem Schwarzmarkt neue, andersartige Fragmente auf. De Vaux schließt schließlich einen Handel mit den Beduinen, „gemeinsame Ausgrabungen“ an ihrem Ursprungsort zu führen, Höhlen im Wadi MurabbaatWadi Murabbaat, ca. 18 km südlich von Qumran. Doch kaum haben die Archäologen ihre Ausgrabungen ins Wadi Murabbaat verlagert, kehren die Beduinen nach Qumran zurück und entdecken dort eine weitere Höhle („Höhle 2Höhle 2“) mit Fragmenten von ca. 30 Rollen. Als das den Wissenschaftlern bekannt wird, durchkämmen sie in einer zweiwöchigen Suchexpedition – natürlich mit Beduinen als Assistenten – unzählige Löcher und Höhlen in den Klippen über Qumran (s.u. S. 124127). Nur eine Höhle (Höhle 3Höhle 3), wesentlich weiter im Norden, enthält auch einige wenige Fragmente und einen bis heute einzigartigen Fund: zwei Teile einer beschriebenen Kupferrolle.

Ende März wird es so heiß und die „Krankheitsfälle“ und Absenzen der Beduinen so häufig, dass die Wissenschaftler ihre Weiterarbeit auf den Herbst verschieben müssen. Die schnell wieder gesundeten Beduinen hingegen finden im September Höhle 4 mit tausenden Fragmenten„Höhle 4“ mit tausenden Fragmenten nicht in den Felswänden, sondern in einem der fingerartigen Ausläufer des Mergelplateaus nur 70 m neben den Ruinen der Siedlung, wo die Archäologen schon mehrere Wochen gegraben haben. Was für ein Pech! Die Archäologen entdecken zwar direkt daneben Höhle 5Höhle 5 mit einigen wenigen Texten, doch nur um zu erfahren, dass die Ta‘amire kurz zuvor im Felsabhang noch eine Höhle 6(sechste) Höhle mit Schriftrollen ausfindig gemacht haben.

|17|1.5 Die „Scrollery“ (19521960)

Mit der Entdeckung von Höhle 4 wird es klar, dass viel Zeit, Geduld und große Geldmengen für den Ankauf der im Besitz der Beduinen befindlichen tausenden von Fragmenten sowie ein größeres Editorenteam notwendig werden. Verschiedene westliche Institutionen (die Universitäten McGill, Oxford, Manchester, Heidelberg und McCormick, daneben auch die Biblioteca Vaticana, und All Souls Church) stellen größere Beträge zur Verfügung, erhalten im Gegenzug das Recht auf Fragmente (nach der Veröffentlichung) und dürfen Gelehrte für das Editorenteam benennen: das Team der „ScrolleryScrollery“.

Das gesuchte Profil schränkt den möglichen Bewerberkreis stark ein: Die Arbeit verlangt langjährige Präsenz in (Ost‑)Jerusalem. Zusätzlich zu exzellenten wissenschaftlichen Qualitäten sind gute Gesundheit und Unabhängigkeit von bestehenden familiären und beruflichen Pflichten unumgänglich. Dies schließt den Großteil der etablierten Wissenschaftler aus. Dazu ist ausgerechnet jüdischen Wissenschaftlern, von denen einige durchaus Wesentliches hätten beitragen können, die Einreise nach Jordanien untersagt. Zu de Vaux als Chefeditor und fähigem Administrator und den ohnehin schon an der École Biblique arbeitenden katholischen Priestern Józef Milik, Pierre Benoit (19061987) und Maurice Baillet (19231988) – Dominique Barthélemy muss wegen Krankheit Jerusalem verlassen – stoßen 19531954 sechs weitere junge Doktoranden und Postdoktoranden und bilden das EditionsteamEditionsteam: Aus den USA der Presbyterianer Frank Moore Cross (19212012) und der katholische Priester Patrick Skehan (19091980); aus England der Anglikaner John Strugnell (19302007) und der Agnostiker John Allegro (19231988); aus Frankreich der katholische Priester Jean Starcky (19091988). Das einzige deutsche Mitglied, Claus-Hunno Hunzinger (1929–), wurde später durch Maurice Baillet ersetzt. Von den Mitarbeitern in der Scrollery sind Strugnell und Milik zweifellos die begabtesten Editoren. Milik, „der schnellste Mann mit einer Rolle“, entziffert nicht nur die äußerst schwierige Kursivschrift der Texte aus der Bar Kosba Revolte, sondern – während seine Kollegen Mittag essen – auch die wichtigste der drei kryptischen Schriftarten. Seine linguistischen Fähigkeiten, seine Beobachtungsgabe und sein Gedächtnis für die kleinsten Details der Unterschiede in Schrift, Papyrus und Leder sind phänomenal. Strugnell steht ihm in nichts nach. Finanziert wird das kostspielige Projekt durch ein sechsjähriges Mäzenat des amerikanischen Millionärs John D. Rockefeller. Dazu gehören auch die sogenannten „PAM FotosPAM Fotos“ (Palestine Archaeological Museum, heute Rockefeller Museum) |18|des Fotografen Najib Anton Albinas. Diese Infrarotfotos sind in vielen Fällen die besten Zeugen für den ursprünglichen Zustand vieler Fragmente (s.u. S. 5860), die nachdunkeln, an den Rändern Buchstaben verlieren und zu Gelatine werden. Kaffee, Zigaretten und direktes Sonnenlicht, auf Rückseiten geklebter Tesafilm sowie das für die kurzzeitige Kontrastverstärkung aufgetragene Rizinusöl tun das Ihrige dazu.

Ein ausgeklügeltes AnkaufssystemAnkaufssystem sorgt dafür, dass fast alle Rollen schließlich auf den Tischen der Scrollery landen und nicht in den Safes privater Sammler, was die Editionsarbeit enorm erschwert oder gar unmöglich gemacht hätte. Beduinen werden pro beschriebenen Quadratzentimeter bezahlt (was allerdings leere Ränder für den Verkauf uninteressant macht), mit Zulagen für große Fragmente, damit sie möglichst ganz übergeben werden.

In der vierten Ausgrabungskampagne vom Februar–April 1955 werden innerhalb der Umschließungsmauer Qumrans vier Höhlen (Höhlen 7, 8, 9 und 10Höhlen 7, 8, 9 und 10) mit wenigen Fragmenten entdeckt. Im Sommer 1955 erscheinen der erste Band der neuen Editionsserie Discoveries in the Judaean Desert (DJD)Discoveries in the Judaean Desert (DJD) (anfänglich Discoveries in the Judaean Desert of Jordan [DJDJ]) mit den archäologischen Funden und Fragmenten aus Höhle 1 und quasi zeitgleich – allerdings posthum – Sukeniks Edition der Rollen im Besitz der Hebräischen Universität: die Hymnenrolle (1QHa), Kriegsregel (1QM) und die „kleine“ Jesajarolle (1QIsab).

Wie üblich sind es die scharfäugigen Beduinen, die im Februar 1956 die letzte größere Entdeckung einer Höhle mit Schriftrollen bei Qumran machen, Höhle 11Höhle 11. Wissend, dass jeder Schnipsel Gold wert ist, räumen sie sie vollständig aus und machen so leider jede genaue archäologische Untersuchung zunichte. Man kann nicht genug betonen, dass der Schwarzmarkt um antike Texte und Objekte zwar oftmals dafür sorgt, dass Objekte größten öffentlichen Interesses gesucht und gefunden werden, doch durch ihre Dekontextualisierung gleichzeitig unersetzliches Wissen für immer zerstört (s.u. Archäologie, S. 91). Anders als die Höhlen 2 bis 10 enthält Höhle 11 neben Fragmenten auch ganze Rollen, u.a. die Psalmenrolle mit vorher unbekannten Psalmen, eine bis heute verschlossene Ezechielrolle, eine Levitikusrolle in paläohebräischer Schrift und die Tempelrolle, die bis 1967 bei Kando bleiben sollte und dabei zur Hälfte zerfällt.

An anderen Orten gehen die Entdeckungen von Schriftrollen durch Beduinen oder Archäologen bis in die jüngsten Jahre weiter. Die meisten dieser Funde stammen aus der zweiten Revolte unter Bar Kosba (132135 n. Chr.): 1952 Wadi Murabbaat und Nahal Hever, 19601961 Wadi Seiyal, Nahal Mishmar und wiederum |19|Nahal Hever, 1986 und 1993 Ketef Jericho, 2002 Ein Gedi und 2004 Nahal Arugot. 19621963 entdecken Beduinen Dokumente aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. in Wadi Daliyeh. 19631965 findet Yadins Team in der Festung Masada Texte aus der Zeit des Zweiten Tempels und aus der folgenden römischen Besetzung (s.u. S. 129132).

Ingenieure in Manchester schaffen es 1956, die Kupferrolle auseinander zu sägen, so dass man endlich die einzelnen Stücke lesen kann. Eine Liste mit unglaublichen Schätzen! John Allegro macht sich auf die Suche, findet aber nichts, abgesehen von Hohn und wachsender Verachtung seiner Kollegen. Im Sommer 1956 veröffentlicht Allegro die erste Synthese eines Scrollery-Mitarbeiters über die Qumranrollen: Ein die kühnsten Erwartungen übertreffender absoluter Bestseller, von dem in drei Wochen 40000 Exemplare verkauft werden. Dazu tragen allerdings auch seine Überinterpretationen bei, die in unzähligen Texten christianisierende Hinweise finden. Unter anderem behauptet er, der Lehrer der Gerechtigkeit sei gekreuzigt worden.

Kurz darauf veröffentlichen Vermes, Milik (1957 frz., 1959 engl.), Cross (1958) und de Vaux (1959) ihre klassischen Synthesen und etablieren den bis in die neunziger Jahre gültigen KonsensKonsens: Die Schriftrollen gehörten Essenern, die von 130 v. Chr. bis 68 n. Chr. in der Siedlung wohnten. Die apokalyptische Gruppe hatte sich wegen Streitigkeiten um die Legitimität der Hasmonäer als Hohepriester in Jerusalem in die Wüste zurückgezogen und erwartete in größtmöglicher Isolation das nahe Ende der Zeit. Abgesehen von den Rollen mit biblischen Texten oder bekannten Apokryphen geht man davon aus, dass die große Mehrheit der Texte von ihren essenischen Besitzern auch verfasst wurden. Die meisten Gegenvorschläge – z.B. von del Medico und Rengstorff, die vorschlagen, die Texte seien eine Geniza von Bibliotheken aus Jerusalem – perlen an diesem Konsens ab. Das wird so bleiben bis zum lautstarken Auftreten Norman Golbs und den archäologischen Neuinterpretationen der Donceels in den 90er Jahren. In Deutschland wird der Konsens durch Hartmut Stegemann nuanciert, der in den Essenern keine isolierte Sekte, sondern eine breite Bewegung sieht.

Anlässlich der Suezkanalkrise im Oktober 1956 werden die Fragmente aus Angst vor einem Krieg von Jerusalem in einen Banksafe in Amman gebracht. Das Team zerstreut sich in alle vier Winde. Die Editionsarbeit an den Fragmenten kommt zu völligem Stillstand. Die politische Situation ist unklar. Erst im März 1957 kehren die Fragmente nach Jerusalem zurück – teilweise von Schimmel befallen. Man beschließt, eine Konkordanz zu erstellen, um die Arbeit an den nicht-biblischen Fragmenten zu erleichtern. Die KonkordanzKonkordanz |20|für die Mitglieder der Scrollery wird schließlich 1960 fertiggestellt, allerdings nicht über das Team hinaus verbreitet. 1990 wird sie eine entscheidende Rolle bei der inoffiziellen Veröffentlichung der Texte aus Höhle 4 spielen.

Die ganze Zeit über publizieren die Mitglieder des Editionsteams in den unterschiedlichsten Zeitschriften und Sammelbänden vorläufige, nicht offizielle Editionen. 1960 beendet Rockefeller sein finanzielles Engagement – in weiser Voraussicht: Dreißig Jahre später wartet ein Großteil der Texte aus Höhle 4 immer noch auf die Veröffentlichung!

1.6 Der akademische Skandal par excellence (19601990)

Mit der Auflösung der Scrollery kommt auch die intensive Arbeitsphase der Mitglieder der Scrollery zu ihrem Ende. Jordanien hat nicht die für die weitere Arbeit notwendigen finanziellen Mittel. Ist bis 1960 die Hauptarbeit erledigt worden (Konkordanz!), wird die Editionsarbeit von 1960 bis 1990 nun nur im Schneckentempo vorangehen. In DJD erscheinen bis 1990 nur sechs weitere Bände, vier davon vor 1970. Die Gründe für die Verschleppung der HerausgabeVerschleppung der Herausgabe sind vielfältig: einige Editoren bearbeiten ein zu großes Quantum an Texten (Milik ca. 200 Rollen mit tausenden von Fragmenten!). Die Alkoholabhängigkeit der zwei produktivsten und begabtesten Mitarbeiter fördert nicht die Effizienz. Mehrere Mitarbeiter treten schon früh sehr verantwortungsvolle Posten an, die ihnen nur noch kurze Forschungsaufenthalte in den Semesterferien erlauben (Cross schon seit 1954). Später werden Jordaniens Verstaatlichung des Rockefeller Museums und Israels Eroberung des Ostteils Jerusalems mit dem Rockefeller Museum und der École Biblique et Archéologique ein politisches Umdenken erfordern, das nicht allen leicht fallen wird. Die meisten Mitarbeiter haben eine stark antiisraelische Haltung, die bei einigen auch die Schwelle zum Antisemitismus überschreitet.

Doch der Hauptgrund ist wohl der Perfektionismus fast aller Teammitglieder. John Strugnell publiziert in der Revue de Qumrân 1970 eine vernichtende, doch wegweisende Rezension in Buchlänge zu Allegros mangelhafter Edition seiner Fragmente aus Höhle 4. Welche Arbeit und welcher Druck hinter der Editionsarbeit stehen, kommt im Vorwort des von Maurice Baillet edierten DJD-Bands (1982) auf erschütternde Weise zutage:

In Anbetracht seiner Unvollkommenheiten wird dieses Werk vielleicht strenge Rezensenten finden. Wenigstens werde ich die Genugtuung haben, mein Bestes gegeben zu haben. Geliebter Leser, vergesse nie, dass es unter |21|Qualen, manchmal gar unter Tränen geschrieben worden ist. Du magst erahnen, dass sein Autor, durch das Hintertürchen dem Höhle 4 Team beigetreten, froh ist, heute durch das Haupttor davonzukommen. (Baillet, DJD 7, xiv).

Bei der Eroberung des Westjordanlandes 1967 fällt Israel nicht nur das Rockefeller Museum mit den Fragmenten und den Fotos, sondern auch Bethlehem und damit der Antiquitätenladen Kandos in die Hände. Der bestens informierte Yadin entsendet ein Kommando, das die Tempelrolle konfisziert (Kando wird später mit 108000 Dollar „entschädigt“). Sie war in einem Schuhkarton unter den Bodenplanken von Kandos Haus versteckt. Leider hat das in der Zwischenzeit durchgesickerte Putzwasser die Hälfte der Rolle unwiederbringlich zerstört.

1977 veröffentlicht Yadin die Tempelrolle. Es ist die erste wichtige Qumranrolle, deren Analyse zunächst nur Forschern zugänglich ist, die Ivrit lesen. Die Publikation der Tempelrolle als WasserscheidePublikation der Tempelrolle wird sich als Wasserscheide für die Deutung der Gesamtbibliothek erweisen. Bis dato drehen sich die meisten Veröffentlichungen um die Theologie und Exegese der Besitzer der Rollen. Nun steht plötzlich die Halakha im Zentrum. Plakativ gesagt folgt dreißig Jahren christianisierender Lektüre der Rollen nun eine Epoche der „Rejudaisierung“, einer Heimholung Qumrans in die jüdischen Studien (vgl. den Titel von Schiffmans einflussreicher Einleitung).

Noch auf einer anderen Ebene läutet die Publikation der Tempelrolle eine Wende ein. Während Yadin die essenische Autorschaft der Tempelrolle befürwortet, mehren sich die Stimmen dagegen. Dies ist die erste große vorher unbekannte hebräische Rolle, die die pan-essenische Deutung in Frage stellt.

Im Jahr 1977 ertönt auch der erste wirklich laute Aufschrei über die Verschleppung der Veröffentlichung der Qumrantexte. Kein Geringerer als Géza Vermes (19242013), Professor in Oxford, spricht vom „akademischer Skandal par excellenceakademischen Skandal par excellence des 20. Jahrhunderts“, wenn nicht drastische Schritte zu ihrer schleunigen Herausgabe unternommen würden. Es sollte noch dreizehn Jahre dauern. In der Zwischenzeit geben die an großen Universitäten beschäftigten Mitglieder der Scrollery die Texte an ihre Doktoranden weiter. Anderen Wissenschaftlern hingegen wird Zugang zu Rollen und Fotos verwehrt. So haben Doktoranden Macht, Thesen anderer, und seien es noch so hochangesehene Experten, mit dem kurzen Hinweis auf unveröffentlichte Qumrantexte umzukippen. Diese Situation verschärft den Verdruss der außenstehenden Wissenschaftler. Immerhin wird Ende der 80er Jahre das Editionsteam hier und da um Außenstehende erweitert.

|22|Strugnell hat für die Analyse eines weiteren halakhischen, aber im Gegensatz zur Tempelrolle äußerst fragmentarischen Texts in seiner Verantwortung, 4QMMT4QMMT (Miqsat Maase Hatora = „einige Werke der Tora“), schon 1979 den jungen israelischen Linguisten Elisha Qimron als Experten für das „mischnische“ Hebräisch gewonnen. 1984 stellt Qimron auf einer Konferenz in Jerusalem erstmals den Text vor: es handle sich um einen frühen Brief des „Lehrers der Gerechtigkeit“ an seinen Kontrahenten, den „gottlosen Priester“, bevor sich beide Parteien auseinander entwickelt haben. Der Text enthält halakhische Diskussionen zu ca. zwanzig Punkten, in denen den Schreibern und Adressaten Positionen beigemessen werden, wie sie die Sadduzäer vertraten, während parallel gegen eine dritte Gruppe, die pharisäische Positionen vertritt, polemisiert wird. Dass ein so zentrales Dokument 35 Jahre lang unveröffentlicht bleiben konnte, erregt erhebliches Aufsehen, und lässt verwundert fragen, welche anderen zentralen Texte gleichfalls unveröffentlicht geblieben seien.

1.7 Die Veröffentlichung (19902010)

Sechs Jahre später ist der Text immer noch nicht publiziert, nicht einmal in einer vorläufigen Edition. Der Druck in akademischen Kreisen und der interessierten Weltöffentlichkeit, vor allem auch durch die Zeitschrift Biblical Archaeology Review wird immer größer. Und dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Welt wird Zeuge einer Kriminalgeschichte der Wissenschaft, die schließlich zur schnellen Veröffentlichung aller Rollen führt.

Zunächst veröffentlicht die maßgebliche israelische Tageszeitung Haaretz ein Interview mit dem schwer alkoholkranken John StrugnellStrugnell, inzwischen Chefeditor von DJD, in dem er das Judentum als „horrible religion“ bezeichnete, welche „zu existieren aufhören sollte“. Im Sturm der Entrüstung muss Strugnell seinen Posten als verantwortlicher Herausgeber von DJD und auch seinen Posten in Harvard „aus Krankheitsgründen“ verlassen. Angesichts seiner engen freundschaftlichen Beziehungen und Zusammenarbeit mit vielen jüdischen Wissenschaftlern ist die Schärfe dieser Aussagen vielleicht wirklich seiner Krankheit zuzuschreiben und war nicht Strugnells Grundhaltung.

Strugnells Nachfolger wird Emanuel TovEmanuel Tov (*1941), ein Schüler von Frank Cross und Shemaryahu Talmon, Professor an der Hebräischen Universität und Editor der griechischen Zwölfprophetenrolle von Nahal Hever (8HevXIIgr). Tov wird sich als äußerst effizienter Chefadministrator erweisen, doch wird er schon |23|kurz nach seiner Ernennung vor neue Tatsachen gestellt: Die Huntington Library will allen Interessierten Zugang zu Fotos der Qumranrollen, auch der unveröffentlichten, gewähren. Erst jetzt wird öffentlich bekannt, dass aus Vorsorge vor möglichen Kriegen insgeheim mehrere Kopien der PAM-Fotoserien angefertigt und verteilt worden waren: seit 1972 am Hebrew Union College in Cincinnati, und seit den 80er Jahren auch im Oxforder Center for Postgraduate Hebrew Studies, im Ancient Biblical Manuscripts Center in Claremont, Kalifornien und in der Huntington Library in Kalifornien.

Alle Bibliotheken haben Verträge unterschreiben müssen, die den Zugang zu den Fotos verhindern, mit Ausnahme der Huntington Library, die eigentlich Daten zu ganz anderen Themen und Zeiten sammelt als die anderen Zentren und mehr oder minder zufällig die Qumran-Negative erhalten hat. Sie stammen aus der Stiftung einer wohlhabenden Dame, die einen Teil der Sicherheitskopien finanziert hat, sich dann mit dem Zentrum in Claremont überwirft und ihr privates Double Huntington überlässt. 1991 veröffentlichen Robert Eisenman und James Robinson die Mehrzahl der PAM Fotos in A Facsimile EditionFacsimile Edition of the Dead Sea Scrolls (1991). Nun hat alle Welt Zugang zu fast allen bislang unveröffentlichten Fotos, wenn auch nicht immer in guter Abbildungsqualität.

Diese Edition enthält im Vorwort von Hershel Shanks auch eine unautorisierte Transkription von 4QMMT. Qimron verklagt Shanks auf Schadenersatz und gewinnt. Da es sich um einen antiken Text handelt und nicht um einen modernen, war dieser Ausgang nicht ohne weiteres vorauszusehen. Qimron und Strugnell wird das Copyright für ihre Rekonstruktion eines von einem antiken Autor verfassten Textes zugesprochen.

Ein in jenem Band veröffentlichtes Fragment, das angeblich einen vorchristlichen Messias erwähnt, der eines gewaltsamen Todes starb (4Q285 frg. 7), lässt die Wogen in der Presse hoch schlagen. Die wissenschaftliche Debatte hingegen stellt schnell klar, dass es im Gegenteil der Messias ist, der (einen Gegner) tötet. Diese Episode illustriert den Sensationshunger der Presse und völlig unbegründete Theorien, dass sich die Veröffentlichung verzögere, weil der Vatikan das Christentum relativierende Handschriften verborgen halten möchte (z.B. Verschlußsache Jesus).

Ebenfalls 1991 bringen Ben Zion Wacholder und AbeggWacholder (19242011) und sein Doktorand Martin Abegg den ersten Band mit Transkriptionen der unveröffentlichten Texte heraus A Preliminary EditionPreliminary Edition of the Unpublished Dead Sea Scrolls: The Hebrew and Aramaic Texts from Cave Four. Sie hatten von Strugnell eine der wenigen per Hand kopierten Konkordanzen des Editorenteams erhalten. Abegg |24|gibt für seinen (blinden) Lehrer Wacholder, der zeitlebens auf die Herausgabe dieser Texte wartete, Zeile für Zeile der Konkordanz für jedes Wort in seinem Kontext in einen Computer ein. Daraus rekonstruiert er dann in „Reverse Engineering“ die vollständigen Transkriptionen der späten fünfziger Jahre, die der Konkordanz als Grundlage gedient hatten. (Das ist so, als würde man mit Google books den Text eines Buches rekonstruieren, obgleich man immer nur auf Abschnitte von 23 Zeilen Zugriff hat).

Tov agiert sehr schnell. Ohnehin ist er damit beschäftigt, das Team auf über 80 Mitarbeiter zu erweitern, die entweder mit den bisherigen Editoren zusammenarbeiten oder von ihnen ihre vorläufigen Niederschriften „ererben“. Viele der neuen Mitarbeiter sind Israelis. Einige decken wichtige Gebiete wie Halakhageschichte ab, für die vorher kein Teammitglied Experte war. 1993 veröffentlicht Tov eine hervorragende Mikrofiche-EditionMikrofiche-Edition aller Fotos und schließt so die Lücke zwischen offiziellen und inoffiziellen Mitteln, an die unveröffentlichten Texte zu gelangen. Sein Organisationstalent und seine effiziente Genauigkeit machen es möglich, dass in den darauffolgenden achtzehn Jahren jedes Jahr ein bis zwei Bände erscheinen können, bis zum Abschluss von Discoveries in the Judaean DesertAbschluss von Discoveries in the Judaean Desert im Jahre 2008.

Jean-Baptiste Humbert, der Nachfolger von de Vaux als Chefarchäologe, engagiert für die Veröffentlichung der endgültigen Ausgrabungsberichte das belgische Ehepaar Robert Donceel und Pauline DonceelDonceel-Voute, Spezialisten für frühchristliche Mosaike. Diese überraschen die Forscherwelt mit einer de Vaux Interpretation auf den Kopf stellenden These: Qumran wäre eine Villa, wie man aus unveröffentlichten Funden schließen könne, die zahlreiche Luxusgüter wie Glas und hochwertige Keramik enthalten. Ein von de Vaux als Schreibsaal identifizierter Raum sei ein Triklinium (Speisezimmer). Die Schriftrollen hätten mit der Siedlung und ihren Bewohnern nichts zu tun. Kurze Zeit später publiziert der Genizaspezialist Norman GolbNorman Golb sein Buch Who wrote the Dead Sea Scrolls?. Auch er trennt die Rollen von der Siedlung, seiner Ansicht nach ein Fort. Seine Bewohner halfen im jüdischen Aufstand Flüchtlingen aus Jerusalem, die ihre Schriftrollen nach Qumran gebracht hatten. Die Schriftrollen stellen also einen Querschnitt durch Jerusalemer Bibliotheken dar.

Wirklichen Zugang zu (fast) allen nicht-biblischen Rollen erhält die spanische Weltöffentlichkeit 1992 durch Florentino García-Martínez (1942–) GesamtübersetzungGesamtübersetzung Textos de Qumran, 1994 ins Englische übersetzt. 1995 erscheint die erste deutsche Komplettübersetzung durch Johann Maier. Eine neue Etappe beginnt mit der Publikation von elektronische Datenbankenelektronischen Datenbanken der Texte und |25|Fotos, zuerst 1997 von Alexander und Lim, dann bei Brill und bei Accordance (s.u. S. 61). Seit 2012 sind alle historischen und viele neue Fotos auch über die Internetseiten der Israelischen Antiquitätenbehörde frei zugänglich, allerdings (noch) ohne Transkriptionen (s.u. S. 60). Dies wird sich mit dem neuen Scripta Qumranica Electronica Projekt in den nächsten Jahren ändern. Mehr und mehr eröffnen chemisch-physikalische Untersuchungen der Schriftrollen neue Einsichten in ihre Geschichte. Vor allem aber kann, seitdem die Allgemeinheit Zugriff auf alle Texte hat, die Gesamtsammlung in ganz anderer Weise verstanden werden. Nun ist es klar, dass die als essenisch definierten Texte, die bis 1977 die Diskussion bestimmten, nämlich die großen Texte aus Höhle 1 und die Texte Allegros, nicht die Mehrheit unter den nicht-biblischen Texten darstellen. Jetzt wird aus der Bibliothek einer marginalen Sekte wirklich das, was Hartmut Stegemanns und Norman Golbs ursprünglich diametral entgegengesetzte Sichtweisen schließlich vereint: eine essenische Auswahl aus der breiten Masse der hebräischen und aramäischen Literatur unterschiedlicher Gruppen des Judentums des Zweiten Tempels.

|27|2 Wie liest man ein Fragment? Anatomie der ältesten jüdischen Bücher

S. auch Literatur zu Kapitel 3

Cross, Frank, The Development of the Jewish Script. In: Wright, George Ernest (Hg.), The Bible and the Ancient Near East. Essays in Honor of William Foxwell Albright, Garden City 1961, 133202.

Cross, Frank, Palaeography and the Dead Sea Scrolls. In: Flint, Peter/VanderKam, James (Hgg.), The Dead Sea Scrolls After Fifty Years, Leiden 1998, Bd. 1, 379402.

Doudna, Greg, Dating the Scrolls on the Basis of Radiocarbon Analysis. In: Flint, Peter/VanderKam, James (Hgg.), The Dead Sea Scrolls After Fifty Years, Leiden 1998, Bd. 1, 430471.

Johnson, William, Bookrolls and Scribes in Oxyrhynchus, Toronto 2004.

Jull, Timothy/Donahue, Douglas/Broshi, Magen/Tov, Emanuel, „Radiocarbon dating of scrolls and linen fragments from the Judean desert“, Radiocarbon 37 (1995) 1119.

Leach, Bridget/Tait, John, Papyrus. In: Nicholson, Paul/Shaw, Ian (Hgg.), Ancient Egyptian Materials and Technology, Cambridge 2000, 233253.

McLean, Mark, The Use and Development of Palaeo-Hebrew in the Hellenistic and Roman Periods, (unpubl. Ph.D. diss., Cambridge, Mass: Harvard University, 1982).

Nir-El, Yoram/Broshi, Magen. „The Red Ink of the Dead Sea Scrolls“, Archaeometry 38 (1996) 97102.

Nir-El, Yoram/Broshi, Magen. „The Black Ink of the Qumran Scrolls“, Dead Sea Discoveries 3 (1996) 157167.

Poole, John/Reed, Ronald, „The Preparation of Leather and Parchment by the Dead Sea Scrolls Community“, Technology and Culture 3 (1962) 126.

van Strydonck, Mark/Nelson, D. Erle/Crombé, Philippe/ Bronk Ramsey, Christopher./Scott, E. Marian/van der Plicht, Johannes/Hedges, Robert, Les limites de méthode du Carbone 14 appliquée à l’archéologie. In: Evin, Jacques/Oberlin, Christine/Daugas, Jean-Pierre/Salles, Jean-François (Hgg.), Actes du 3ème Congrès International 14C et Archéologie, Paris 1999, 433448.

Tov, Emanuel, Scribal Practices and Approaches Reflected in the Texts Found in the Judean Desert, Leiden 2004.

Yardeni, Ada, Textbook of Aramaic, Hebrew and Nabatean Documentary Texts from the Judaean Desert and Related Material, Jerusalem 2000.


Wer liest, dass in Qumran Reste von etwa 1000 Schriftrollen gefunden worden sind, ist sich vielfach nicht im Klaren darüber, dass davon nur fünfzehn Texte wirklich noch wie Rollen aussehen. Fast alle anderen „Rollen“ sind in Wirklichkeit aus kleinen Fragmenten (ca. 15000 allein für Höhle 4) von der Größe einer Linse bis zu |28|einer DIN A4-Seite rekonstruiert und manche würden sogar sagen konstruiert (Tigchelaar).

Die ca. 15 wirkliche Qumranrollen15 wirklichen Qumranrollen sind die beiden Jesajarollen (1QIsaa und 1QIsab), das Genesisapokryphon (1QGenAp), der Habakukkommentar (1QpHab), die Gemeinschaftsregel (1QS), die Kriegsregel (1QM) und die Hymnenrolle (1QHa) aus Höhle 1, die Kupferrolle (3Q15) aus Höhle 3 und die Levitikusrolle (11Q1 = 11QpaleoLev), eine (ungeöffnete) Ezechielrolle (11Q4), die Psalmenrolle (11Q5 = 11QPsa), die Apokryphen Psalmen (11Q11), die Sabbatopferlieder (11Q17), das Neue Jerusalem (11Q18), die Tempelrolle (11Q19) aus Höhle 11. Dazu kommen einige wenige Einzelblätter wie 4Q175.

Jedes noch so kleine Detail, das man über den ursprünglichen Aufbau einer Schriftrolle in Erfahrung bringen kann, hilft bei der Editionsarbeit. Zunächst wusste man nur relativ wenig über den Aufbau von jüdischen Schriftrollen aus dieser Zeit. Einiges konnte man im rabbinischen Traktat Sopherim und aus dem Talmud lernen (doch sind diese viel jünger), anderes aus den griechischen Papyri aus Ägypten übertragen (doch gab es dort kaum Pergamente). Heute, nach Vollendung der Arbeit und dank der hervorragenden Studie von Emanuel Tov haben wir es leichter. Gutes Verständnis der hier nur sehr skizzenhaft erwähnten Grundlagen der Buchkunde der Rollen vom Toten Meer ist unabdinglich dafür, Fallstricke der Arbeit an höchst fragmentarischen Texten zu umgehen.

Eine ParabelParabel, um die unvorstellbare Schwierigkeit der Edition der Qumranrollen greifbar zu machen: eine Prinzessin schenkt ihrem Verehrer 1000 Puzzles (die 1000 Schriftrollen). Jedes Puzzle hat zwischen zehn und 10000 Teile (die Fragmente). Einige Puzzles zeigen das gleiche Bild wie ein anderes, aber nicht das gleiche Format oder nicht die gleiche Pappe (verschiedene Manuskripte der gleichen Komposition). Sie schüttet jedes vollständige Puzzle in eines von elf großen Fässern (die elf Höhlen), allein in Fass 4 sind zwei Drittel aller Puzzles. Dann wirbelt sie die Puzzleteile in jedem Fass durcheinander. Schließlich wirft sie 95 % der Puzzleteile aus jedem Fass weg (Verlust durch Ratten, Insekten, Feuchtigkeit, Wind und Plünderer)! In Fass 4 bleiben so fünfzehntausend Puzzleteile von ca. 600 Puzzles. Nun verlangt sie von ihrem Verehrer, ihr zu sagen, welche Teile einmal zu welchem Puzzle gehört haben und was auf den Puzzles für Motive und Details dargestellt waren.

|29|2.1 Buchform und Layout (Kodikologie)

Für Texte ein überzeugendes Layout zu erstellen ist eine hohe Kunst und beeinflusst nachhaltig unsere Rezeption des Inhaltes. Eine schön gesetzte Buchseite und ein gekritzeltes Notizblatt mögen exakt dieselben Worte enthalten, doch die Präsentationsform entscheidet, wie wir sie aufnehmen. In einer textorientierten Gesellschaft hat jeder Text „sein“ Format. Ein wissenschaftliches Buch sieht anders aus als ein Roman, eine Bedienungsanleitung ist anders aufgebaut als ein Comic.

Seit der Spätantike werden Bücher als Kodex veröffentlicht. Das wissenschaftliche Studium der Buchformen heißt Kodikologie. Vor der allmählichen Verbreitung des Kodex ab dem zweiten Jahrhundert n. Chr. war die klassische Buchform der Antike überall die Schriftrolle, lat. volumen (Johnson), so auch in Qumran. Daneben gab es für sehr kurze Texte noch das Einzelblatt. Dies ist jedoch selten (z.B. 4Q175).

Eine RolleRolle besteht aus einem oder mehreren Bögen aus Papyrus, Pergament oder Leder. Anstelle von Seiten wie in einem Kodex muss der Text einer Rolle in Spalten oder Kolumnen (engl. columns) aufgeteilt werden. Zunächst berechnet der Schreiber daher, wie viel Bögen (engl. sheets) er benötigen wird, und kauft die entsprechende Menge präparierten Beschreibmaterials. Dann markiert er Kolumnen, so dass Kolumnen und Zwischenraum möglichst gleichmäßig breit sind und das Auge die Textblöcke gut trennen kann. Bei Pergamentrollen werden zumeist auch die Zeilen mit einem scharfen Knochen o.ä. in den Beschreibstoff eingeritzt (s. KhQ 2393 in DJD 6, 25). Oft sind Bruchkanten von Fragmenten an exakt diesen Linien! Bei Papyrusrollen ist dieser Arbeitsgang nicht nötig, denn die Fasern auf der meist verwendeten Vorderseite (recto) verlaufen in Schreibrichtung. Als dritter Schritt wird die Rolle beschrieben. Zuletzt werden die Bögen miteinander verklebt (Papyrus) oder mit Flachs oder Sehnen vernäht (Pergament). Manchmal geschieht dies auch schon vor der Beschreibung.

Das FormatFormat steht in engem Verhältnis zur Textmenge, zur Qualität und zum Sitz im Leben. Lange Texte benötigen großformatigere und längere Rolle als kurze. Wertvolle Texte haben einen breiteren Rand und engere Spalten. Desweiteren hängt die Höhe stark von der Länge ab. Damit die Rolle eine Rolle bleibt, durfte sie nach dem Aufrollen nicht zu dick im Verhältnis zu ihrer Höhe sein. Aber auch für die Handlichkeit war es wichtig, die Proportionen zu wahren. Liturgische Rollen waren weniger hoch (Tov 90).

Oben und unten wird Freiraum gelassen, die sogenannten MargenMargen, da hier die größten Chancen bestehen, dass die Rolle beschädigt |30|wird und Text verloren geht. Aus dem gleichen Grund haben Rollen oft vorne und hinten eine oder mehrere unbeschriebene Spalten als eine Art Schutzumschlag, das Protokoll und das Eschatokoll. An das Eschatokoll kann ein Stab (griech. omphalos, lat. umbilicus) befestigt werden, um die Rolle leichter unbeschädigt eng rollen zu können. In Qumran sind davon nur zwei gefunden worden. Wahrscheinlich hatten viele Rollen keinen fest verbundenen Stab.

Ähnlich wie bei modernen Puzzles spielen die Randstücke bei der Rekonstruktion eine große Rolle, da man aus ihnen oft die Breite oder Höhe einer Spalte oder die Position eines Fragments auf der ursprünglichen Rolle berechnen kann. Wenn man wiederum die Höhe einer Rolle kennt, kann dies Schlüsse über den möglichen Umfang der Rolle erlauben, denn Höhe und Länge einer Rolle stehen wie gesagt in gewissen Proportionen zueinander.

Wenn wir also nur noch das Anfangsblatt einer Rolle mit geringer Höhe und nur jeweils acht bis neun Zeilen Text in einer Spalte finden, können wir daraus schließen, dass sie wohl zu klein war, um z.B. das ganze Buch Genesis enthalten zu haben. Findet man ein Fragment mit Nahtresten, weiß man, dass diese Rolle aus mindestens zwei Pergamentbögen bestand, usw.

Gegenüber Kodizes haben Rollen den Nachteil, dass man Stellen nicht einfach aufschlagen kann, sondern suchen muss, wie man es noch heute in Synagogen erleben kann. Auch muss man den Text nach der Lektüre wieder zurückrollen (ähnlich wie man es früher mit Videokassetten oder Mikrofilmen machen musste). Der Anfang des Textes sollte außen stehen, das Ende innen. Durch nur einseitige Beschriftung wird bei Rollen die Hälfte des Schreibmaterials verschwendet. Dafür scheint nie Text von hinten durch.

Für die Lektüre einer Rolle benötigt man zwei Hände, um den gelesenen und den noch zu lesenden Teil zu trennen. Hingegen ist die Berechnung der benötigten Bogenzahl einfacher als bei einem Kodex, da man bei Bedarf ein weiteres Blatt ankleben kann. Es ist nicht möglich, ein Blatt aus der Mitte einer Rolle herauszureißen, ohne dabei die Rolle zu zerteilen. Aber wenn man will oder dies wegen eines beschädigten Blattes nötig ist, kann man leichter als bei einem Kodex ein Blatt ausschneiden, ein anderes einsetzen und die Enden wieder zusammenfügen. So ein Reparaturblatt ist z.B. in der Tempelrolle eingesetzt worden (11QTa I–V). Auch eingerissene Stellen können genäht werden (z.B. 1QIsaaXII oder XVI). Manchmal wurden beschädigte Stellen auch mit einem Flicken geflickt (z.B. 11QTaXXIIIXXIV).

Pergamentrollen können mit einem Lederriemen zusammengebunden werden, damit sie sich nicht von alleine ausrollen. Dieser kann fest am Protokoll angenäht sein (wie bei 4Q448 zu sehen).

|31|Abb. 1:

4Q448 mit Verschluss

Abb. 2:

Rekonstruktion einer Schriftrolle

|32|Festes Zusammenrollen schützt die Rolle vor Schäden. Für längere Verwahrung konnten Rollen in Tücher eingehüllt werden und in Holzkästen (capsa) oder in Krüge gelegt werden, wie das Zitat von Jeremia 32,14 oben, S. 10 belegt. Zedernöl war ein zusätzlicher Schutz vor Nagern und Insekten.

In antiken BibliothekenBibliotheken wurden Rollen wie heute Weinflaschen in ein paar Lagen übereinandergelegt. Anzeichen für derartige Regale sehen viele in den in regelmäßiger Höhe angebrachten Löchern in Höhle 4. Wie konnte man die gewünschte Rolle finden? Dazu waren in griechischen Bibliotheken an der Seite der Rolle mit einer Schnur Etiketten mit Angaben zum Inhalt des Buches angehängt. In Qumran haben wir dafür allerdings gar keine Belege. In fünf Fällen ist der Titel einer Rolle quer auf ihre Rückseite geschrieben, so dass man, ohne die Rolle öffnen zu müssen, erkennen kann, was sie enthält (z.B. 1QS, 4Q249). In den meisten Fällen scheint dies aber nicht der Fall gewesen zu sein. Wir wissen also nicht, wie die jeweilige Rolle lokalisiert werden konnte.

Unterschiedliche Materialien dienen zum Schreiben. Man unterscheidet zwischen SchreibgerätSchreibgerät (z.B. Calamus, Feder, Finger, Meißel, Stein), BeschreibstoffBeschreibstoff (z.B. Leder, Pergament, Papyrus, Stein, Metall, gebrannte und ungebrannte Keramik, Holz, Palmblätter, Knochen, Wachstafeln) und SchreibstoffSchreibstoff (z.B. Rußtusche, Eisengallustinte, Zinnobertusche, Kohle, Kreide).

Die meisten Qumranrollen sind auf präparierten TierhäuteTierhäuten geschrieben, die mindestens seit 2000 v. Chr. als Beschreibstoff benutzt werden. Zu Leder oder Pergament verarbeitet hat Haut hervorragende Qualitäten. Sie ist weich, glatt, je nach Tier großflächig, relativ dünn und doch reißfest und kann Tinte und Tusche gut aufnehmen. Je nach Tier ist die Farbe homogen hell und bietet einen augenfreundlichen Kontrast zum Schreibstoff. Die Qumranrollen zeigen, dass sie unter optimalen Bedingungen extrem lange hält. Durch Zusammennähen können Bögen zu Rollen vernäht werden, um auch umfangreiche Texte aufzunehmen. Nur die Handlichkeit setzt dem Grenzen.

Bei der Präparierung wird zunächst die abgezogene Haut für die Konservierung in eine Salzlösung eingelegt. Dann wird sie eingeweicht, um das Salz und möglichst viele Haare, Fett und Verunreinigungen zu entfernen. Danach wird sie auf einem Rahmen befestigt, getrocknet und noch einmal mit Messern oder Bimssteinen sehr gründlich glatt gerieben. Möchte man die Haut zu Leder machen, wird sie abschließend gegerbt, d.h. mit speziellem Gerbstoff behandelt. Anders als Leder wird PergamentPergament gewöhnlich nicht gegerbt, sondern durch sehr große Spannung, bei der sich die Kollagenfasern in Schichten parallel legen, hergestellt (Poole/Reed). Dies |33|macht Pergament im Gegensatz zu Leder extrem formbeständig. Die meisten Qumranrollen sind wie Pergament durch Spannung hergestellt worden, doch sind sie – anders als die meisten antiken Pergamente – mit Gerbstoff behandelt worden, im Unterschied zu Leder allerdings nur sehr oberflächlich.

Die beiden FleischseiteSeiten einer Haut haben unterschiedliche Qualitäten. Die Fleischseite ist glatter, die HaarseiteHaarseite weist Poren auf. Spätere rabbinische Vorschriften unterscheiden zusätzlich zwischen ungespaltenem Leder, (gvil, auf der Haarseite beschrieben), feinem gespaltenem Leder (klaf, auf der Fleischseite beschrieben) und dyskhistos/dixystos/dixestos (auf der Haarseite beschrieben). Fast alle Qumranrollen sind aus ungespaltenem Pergament. Dieses wurde fast immer auf der helleren Haarseite beschrieben, die zur Rußtusche den stärkeren Kontrast bietet.

Um PapyrusPapyrus herzustellen, werden entrindete Papyrusstauden in dünne gleichmäßig breite Streifen geschnitten und in Wasser eingelegt (Leach/Tait). Die nassen Streifen werden eng längs nebeneinandergelegt. Auf diese erste Schicht wird eine zweite ebensolche Streifenschicht quer aufgelegt. Mit Druck werden beide Schichten übereinander geklebt und bilden ein haltbares Ganzes. Schließlich schneidet man die Ränder so, dass gleichformatige Bögen entstehen, die zu Rollen zusammengeklebt werden können. Dabei werden die Blätter so gelegt, dass auf einer Seite die Papyrusfasern immer in Schreibrichtung verlaufen. Diese nennt man recto. Die andere Seite heißt verso. Die Recto-Seite des Papyrus hatte also gegenüber Pergament den Vorteil, dass man wegen der Faserrichtung keine zusätzlichen Linien ziehen musste, um gerade zu schreiben. Das erste Schutzblatt, das Protokollon, wurde gewöhnlich mit recto nach außen angeklebt.

Nur etwa ein Achtel aller Qumrantexte sind auf Papyrus geschrieben. Davon sind viele Dokumente oder Privatabschriften in semikursiver Schrift. Papyrus ist leichter korrigierbar als Pergament, da man die Tinte nur abwaschen muss, während sie in das Pergament tief eindringen kann. Die spätere rabbinische Halakha verbietet, biblische Texte auf Papyrus zu schreiben. Im Vergleich zu Pergament zerfällt Papyrus in viel kleinere, oft rechteckige Fragmente, die den Rändern der Papyrusstengel folgen (s.o. das Zitat von Baillet, S. 21f). Dafür bleibt normalerweise der gute Kontrast zwischen Tinte und Hintergrund erhalten, so dass man weniger auf Infrarotfotos angewiesen ist. Sowohl bei Leder/Pergament als auch bei Papyrus gibt es große Qualitätsunterschiede im Blick auf Dicke und Festigkeit, Glätte und farbliche Homogenität, Weichheit sowie Narben, Löcher und Sichtbarkeit von Adern.

|34|Um Materialkosten zu sparen, wurden Papyri manchmal komplett abgewaschen oder Leder/Pergamente abgeschabt und mit einem anderen Text wieder beschrieben. Dies nennt man PalimpsestPalimpsest von griech. palin (wieder) und psēstos (abgeschabt) (4Q249, 4Q457a, 4Q457b, 4Q468e, s. Tov, 73). Wenn eine Rolle beidseitig beschrieben ist (vgl. Ez. 2,10 und Apk. 5,1), spricht man von Opisthograph, von griech. opisthen (von hinten) und graphein (schreiben) (Tov, 6873). Das ist abgesehen von Gebetsriemen und Dokumenten selten. Fast immer enthalten Qumranrollen nur einen einzigen Text (Ausnahmen sind z.B. 1QS und das Opisthograph mit 4Q509 + 4Q505 auf der einen Seite und 4Q496 + 4Q506 auf der anderen).

Dokumente wurden oft zunächst auf eine Tonscherbe als eine Art Kladde geschrieben. Glatte Tonscherben gab es im Überfluss und umsonst. Man nennt derartige Texte Ostrakon (pl. Ostraka). Andere weitverbreitete Medien sind Stein und Mosaik. Inschriften auf Stein gibt es in Qumran kaum, auf Mosaik gar nicht. Die Kupferrolle ist auf Metall geschrieben worden (s.u. S. 163f), das – abgesehen von Amuletten – nur selten für Texte verwendet wurde.

Fast alle Qumranrollen wurden mit schwarzer RußtuscheRußtusche geschrieben (Nir-El/Broshi, „The Black Ink“). Eisengallustinte ist in Qumran noch nicht bezeugt. Wie moderne chinesische Stangentusche wurde Rußtusche in festen Blöcken verkauft. Vor jeder Benutzung wurde ein kleines Stück von diesem Block an einem Stein zu Pulver zerrieben und dann in einem Tintenfass mit Wasser vermischt, in welchem die Rußteilchen und Bindemittel schweben. Einmal auf dem Beschreibstoff aufgetragen verdunstet das Wasser und die kleinen Rußteilchen haften dank Bindemittel auf der Oberfläche und bieten einen hervorragenden Kontrast. Anders als Tinte, in der der Farbstoff völlig aufgelöst ist und die Flüssigkeit selbst farbig ist, dringt Tusche nicht in den Beschreibstoff ein und kann einfach wieder abgekratzt oder abgewaschen werden.

Einige wenige Rollen wie das Genesisapokryphon zeichnen sich durch ein Kupferfraß genanntes Phänomen aus: das Leder ist genau dort zerfressen, wo ursprünglich einmal Buchstaben standen. Diese Rollen sind sehr viel schwerer zu entziffern und in einem wesentlich schlechteren Erhaltungszustand. Vielleicht liegt dies an anderen Bindemitteln oder an Metallen – wie Kupfer –, die der Tusche zugesetzt wurden. Schließlich wurde ganz selten, genau gesagt in vier Fällen (z.B. 4QNumb), auch zinnoberrote Tusche benutzt, um Textabschnitte farblich ähnlich wie Rubriken in mittelalterlichen Handschriften zu kennzeichnen.

|35|Als Schreibgerät diente wahrscheinlich hauptsächlich ein aus Schilf geschnittenes Schreibrohr, lat. calamus, hebr. qulmus. Die Schøyen-Sammlung besitzt einen angeblich aus Höhle 11 stammenden CalamusCalamus. Schilfrohre sind billig und praktisch und relativ leicht herzustellen sowie individuell anpassbar. Man kann die Spitze eines Schreibrohrs unterschiedlich anspitzen, um die Ansatzpunkte und die Proportionen von waagerechten und senkrechten Strichen zu ändern oder individuellen Schreibwinkeln gerecht zu werden (s.u. Paläographie).

2.2 Vom Fragment zur Transkription

Da der Text nicht überall lesbar war, entwickelten die Editoren ein System, um sichere, wahrscheinliche und mögliche Lesungen von Rekonstruktionen zu unterscheiden.

Lücken im Fragment werden durch eckige Klammern angedeutet. Text[ ]TextText[ ]Text

Wird in derartigen Lücken Text rekonstruiert, wird er in die eckigen Klammern der Lücke gesetzt, und zwar sowohl im hebräischen Original als auch in der Übersetzung. Text[Rekonstruierter Text]TextText[Rekonstruierter Text]Text

Ein von einem der antiken Schreiber als gelöscht markiertes Wort wird mit geschweiften Klammern angezeigt. Text{gelöscht}TextText{gelöscht}Text

Wenn ein Teil einer Zeile leer ist, steht dort vacatvacat (lat. leer).

Margen oben oder unten werden explizit gekennzeichnet (z.B. „top margin“).

Eine wahrscheinliche Lesung eines unvollständigen Buchstabens wird durch einen kleinen Punkt über diesem Buchstaben angedeutet. א̇‏‏‏‎א̇‏‏‏‎

Eine mögliche, aber unsichere Lesung eines unvollständigen Buchstabens wird durch einen offenen Kreis über diesem Buchstaben angedeutet: ‎‏ד֯‏‎‎‏ד֯‏‎

Bei beiden Fällen ist speziell für Nichthebraisten besondere Vorsicht geboten, denn dies wird in den Übersetzungen im besten Fall mit einer Fußnote angegeben, im Normalfall gar nicht.

Ist der Buchstabenrest so klein, dass man nur noch angeben kann, dass hier etwas stand, aber nicht was, steht statt eines Buchstabens nur ein großer Kreis.

Wird in der Übersetzung ein Wort ergänzt, das im Original dort nicht steht, aber für die Verständlichkeit notwendig ist, steht diese (Ergänzung)(Ergänzung) in runden Klammern.

Als Grundregel gilt: Je kleiner die Fragmente, desto mehr unvollständige und daher unsichere Buchstaben und Worte. Steht in einer |36|Zeile nur ein Wort oder gar ein Teilwort ohne Kontext oder sind viele Buchstaben „bepunktet“ ist die Übersetzung oft hypothetisch. Auch wer kein Hebräisch kann, sollte immer auch auf die Transkription des Fragmentes schauen. Die Zeilennummer lässt klar erkennen, wo der Editor die Lesart für sicher oder nur für möglich hält.

Wer des Hebräischen mächtig ist, kann sich an folgendem Fragment spielend einüben. Andere können zumindest ihr Verständnis des Transkribierungssystems testen. Wie viele Zeilen hat das Fragment? Können wir seinen Platz in der Kolumne bestimmen (oben, unten, rechts, links)? Gibt es andere Merkmale (z.B. Linierung oder Nahtlöcher)? Können Sie den Leerraum zwischen Wörtern von dem zwischen Buchstaben unterscheiden? Welche Schriftart ist in der Schriftentabelle der Schrift dieses Fragments am ähnlichsten? Machen Sie sich dann an die fünf klar lesbaren Wörter. Zwei Hinweise: Waw und Jod werden in dieser herodianischen Schrift nicht unterschieden. He unterscheidet sich von Chet darin, dass es links ein Vordach hat, während Chet zwei Stangen mit durchhängender Wäscheleine ähnelt. Lassen Sie sich bei der Entzifferung des letzten Wortes der dritten Zeile nicht durch das Loch und die für Sie etwas ungewöhnliche Orthographie verwirren!

Abb. 3:

4Q286 fr 20a

Wenn Sie die fünf ganzen Worte entziffert haben, versuchen Sie sich an den Buchstabenresten. Wie viele Buchstaben sind vor dem |37|Wort in der ersten Zeile erkennbar? Spielen Sie alle Möglichkeiten durch! Warum kann es (normalerweise) kein Nun oder Tzade sein? Welcher Buchstabe bleibt als einzige Möglichkeit übrig? Wie viele Buchstabenreste sehen Sie in der zweiten Zeile vor den beiden gut lesbaren Worten? Für den ersten Buchstaben gibt es nur eine Möglichkeit und für den letzten auch! Sehen Sie den relativ undefinierbaren Buchstabenrest in der vierten Zeile? Wie viele Buchstaben können Sie in der fünften (!) Zeile ausmachen, zwei oder drei? Besuchen Sie die Webseite des Leon-Levy Archivs der IAA und lokalisieren Sie 4Q286! Finden Sie ein Foto mit „Ihrem“ Fragment? Vergrößern Sie es, bis Sie die drei Buchstabenreste sehen! Ähnelt Ihre Transkription der unten angegebenen? Achten Sie vor allem auf die Punkte und Kreise. Wenn Sie wissen wollen, wie die Editorin auf die umfänglichen Rekonstruktionsvorschläge gekommen ist, schauen Sie sich den Kommentar der Editorin Bilhah Nitzan in DJD 11, S. 42 an.

4Q286 20a 15

1

מחשב]ת֗ צדק‏‎

]   [

] gerechtes [Denke]n

2

‎‏ מצות]מה יוכיחנו וירחם‏‎

]   [

nach] ihren [Geboten] wird er uns ermahnen und er wird sich erbarmen

3

‎‏  מיום] ל֗[יו]ם֗ לוא‏‎

]   [

von einem Tag] zum [ander]en [wird er] nicht

4

‎‏   אנש]י֯ היחד‏‎

]   [

die Männ]er der Gemeinschaft (jachad)

5

‎‏   מעשי] ר֗מ֯[י]ה֯‏‎

]   [

Taten] der Arg[li]st

2.3 Schrift (Paläographie)

Aus der Schrift lässt sich aber oft noch viel mehr Information ableiten, als nur der Text. Diese Kunst nennt man Paläographie, die wissenschaftliche Kunde der Schrift. Es ist eine unverzichtbare, sehr komplexe und etwas technische Disziplin, die es ermöglicht, nicht nur Schriften nach ihren Stilen zeitlich und geographisch einzuordnen, sondern darüber hinaus Einblicke in Wissensvermittlung und Technologiegeschichte zu gewinnen.

Erst die Entdeckung der Qumranrollen hat es ermöglicht, die Geschichte der Schriften Judäas in der hellenistisch-römischen Zeit und damit die Entstehung der sogenannten Quadratschrift näher erforschen zu können. Vor 1947 gab es für die hellenistisch-römische Epoche in Judäa nur wenige Zeugnisse: den Nash-Papyrus |38|(s.o. S. 11), nur einige wenige meist sehr kurze Inschriften, darunter die datierbare Uzziah-Inschrift, doch nichts auf Pergament. Nun sind in der Antike nur Dokumente, also Verträge oder Briefe, explizit mit einem Datum versehen. Literarische Texte – wie in Qumran – sind fast immer undatiert. Wo präzis datierte Fixpunkte für Schriften fehlen, muss man mit einer über typologische Verwandtschaften konstruierten Entwicklungsreihe Vorlieb nehmen. In historisch „kalten“ Epochen, d.h. entwicklungsarmen Epochen, in denen sich eine Schrift nur sehr langsam entwickelt, kann dies unmöglich sein. Je schneller sich eine Schrift in der untersuchten Zeitspanne entwickelt, desto leichter wird die Erstellung einer Reihenfolge. Glücklicherweise ist die Zeit vom dritten Jahrhundert v. Chr. bis zum ersten Jahrhundert n. Chr. die „heißeste“ Epoche in der Entwicklung der Schrift in Judäa.

Zur Zeit des Ersten Tempels benutzte man im Königreich Juda eine aus dem Phönizischen entstandene Schrift. Sie wird meistens „PaläohebräischPaläohebräisch“ genannt, um sie vom regulären „Hebräischen“ zu unterscheiden (palaios = griech. alt). Mit der Eroberung Judas, erst durch die Babylonier, dann durch die Perser, wechselte das Curriculum der Schreiberschulen zur aramäischen Kanzleischrift, die im Gesamtimperium üblich war wie im Mittelalter Latein. Wir haben keine literarischen hebräischen Handschriften aus dem sechsten, fünften oder vierten Jahrhundert v. Chr., aber die meisten Forscher vermuten, dass in der Perserzeit auch hebräische literarische Texte mit aramäischer Kanzleischrift geschrieben wurden.

Bis zu den Eroberungszügen Alexanders des Großen Ende des vierten Jahrhunderts v. Chr. blieb die aramäische Sprache und die aramäische Kanzleischriftaramäische Kanzleischrift das überall im persischen Weltreich benutzte Kommunikationsmittel. Sie scheint durch das Schulungssystem der Schreiber an allen Enden des Imperiums sehr einheitlich gewesen zu sein. Schreibsystem, Erziehungssystem und Politik gehören oft eng zusammen. Z.B. unterscheiden sich im heutigen französischen und deutschen Schulsystem die Formen für bestimmte Schreibschriftbuchstaben. Mit der Zerschlagung des Imperiums drifteten die Schriften in den einzelnen Regionen auseinander und es entwickelten sich ganz allmählich Lokalschriften. Bei den Nabatäern in Petra wurden die Buchstaben immer dünner und immer länger. In Edessa bei den Syrern wurden die Buchstaben mehr und mehr miteinander verbunden, ähnlich wie heute im Arabischen. In Judäa wurden Breite und Höhe der Buchstaben immer weiter angeglichen. Diese Entwicklungstendenz führte gegen Ende der Zeit des Zweiten Tempels zur Entstehung der sogenannten Quadratschrift, wo die Grundform der meisten Buchstaben in ein Quadrat passt. Da auch diese Schrift zunächst ein auf Judäa regional |39|begrenztes Phänomen ist, nenne ich sie mit einigen anderen Paläographen „judäische Schriftjudäisch“. Andere bezeichnen sie entweder als Quadratschrift (doch trifft dies erst auf das Endstadium der Entwicklung im zweiten Jahrhundert n. Chr. zu) oder als Hebräisch, (doch führt dies zu Verwechslungsmöglichkeiten mit der sogenannten Paläohebräischen Schrift), oder als Jüdisch (doch schreiben Juden außerhalb von Judäa bis in die Spätantike zumeist mit den jeweiligen Lokalalphabeten, d.h. z.B. griechisch oder lateinisch oder punisch).

Für einen typologischer Vergleichtypologischen Vergleich gruppiert man die Zeugnisse zunächst nach 1. Schreibstoff und Beschreibstoff, 2. Sprachen (in Qumran hebräisch-aramäisch, griechisch und nabatäisch), 3. Schrifttypen (z.B. paläohebräisch, judäisch und kryptisch) und 4. Hauptschriftgattungen bzw. Schriftregister (ein Kontinuum zwischen den beiden Extremen kursive Schreibschrift und formelle Buchschrift). Man kann nämlich nicht einfach von Buchstabenformen in datierten Inschriften auf die Abfassungszeit von Pergamenten mit ähnlichen Buchstabenformen schließen. Schriften auf unterschiedlichem Material oder mit unterschiedlichem Register haben jeweils ihre eigenen Anforderungen und können sich unterschiedlich entwickeln.

Schließlich stellt man innerhalb einer Gruppe eine typologische Reihe der Buchstabenformen auf, die die Genese am besten erklären kann. Man kann sich dabei nicht auf einzelne Buchstaben stützen, sondern muss das gesamte Alphabet genau untersuchen und möglichst alle Formen als Entwicklung aus der Vorform und als Vorform für den Nachfolger erklären können.

Für die Klassifizierung judäischer Schriften benutzen quasi alle Paläographen das in den fünfziger Jahren von Frank CrossFrank Cross entwickelte paläographisches ModellModell, das von Yardeni meisterhaft auch auf die kursiven Schriften übertragen wurde. Cross unterscheidet einerseits chronologisch zwischen protojüdischen (ca. 250150 v. Chr.), hasmonäischen (15030 v. Chr.), heriodianischen (ca. 30 v. Chr. – 70 n. Chr.) und post-herodianischen Typen und andererseits zwischen kursiven, semikursiven, semiformellen und formellen Schriftgattungen. Die chronologischen Hauptphasen werden dann noch einmal in früh, mittel und spät unterteilt, so dass man den Eindruck gewinnt, in Zeiträume von 2530 Jahren datieren zu können. Das ist jedoch übertrieben. Vergleiche mit den Resultaten der Radiokarbondatierung haben tatsächlich die ungefähre Übereinstimmung mit Cross allgemeiner Anordnung der Entwicklungsphasen ergeben (also dass hasmonäische Rollen durchschnittlich älter sind als Fragmente in herodianischer Schrift), allerdings mit teilweise weit auseinanderliegenden Angaben für Einzelrollen.

|40|Abb. 4:

Paläographie 1

Abb. 5:

Paläographie 2

|42|Ein Problem mit einer fast ausschließlich aus typologischen Vergleichen konstruierten Reihe ist, dass sich die einzelnen Etappen nicht (oder nur schlecht) absolut datieren lassen, sondern nur |43|relativ. Man weiß also nicht wirklich, ob der frühherodianisch genannte Schrifttyp zeitlich näher am späthasmonäischen oder am mittelherodianischen Schrifttyp liegt. Klassische Papyrologen und Mediävisten halten die für Qumranrollen vertretenen Datierungszeiträume von nur einem Vierteljahrhundert zu Recht für übertrieben optimistisch. Auch wenn es leider nicht immer geschieht, sollte man aus Vorsicht die Zeitabschnitte von 25 Jahren immer noch um ca. 25 Jahre in beide Richtungen verlängern, da ein Schreiber lange leben kann. Datierungen sind mit großer Vorsicht zu genießen. Trotzdem ist paläographische Datierung meist präziser als Radiokarbon (s. Kasten).

Schon in den ersten Jahren spielte die Physik eine große Rolle in der Qumranforschung, als die frisch entwickelte RadiokarbonRadiokarbon- oder Kohlenstoffisotopenanalyse (14C14C) an Tüchern aus Höhle 1 ausprobiert wurde (Jull u.a.). Seitdem wird diese Analyse auf zahlreiche historische Objekte mit organischen Bestandteilen angewendet. Das Prinzip beruht darauf, dass Kohlenstoff aus unterschiedlichen Isotopen besteht, von denen das sogenannte 14C radioaktiv ist und mit einer konstanten Halbwertszeit allmählich zerfällt, während 12C stabil bleibt. Alle Lebewesen nehmen über ihren Stoffwechsel, vor allem aus der Luft, Kohlenstoff auf, sowohl 12C als auch 14C. Wenn sie sterben, hört die Kohlenstoffaufnahme abrupt auf. Wenn man die Proportion des stabilen 12C zu dem noch nicht zerfallenen 14C misst und berechnet, wie viel 14C eigentlich hätte vorhanden sein müssen, kann man ungefähr den Zeitpunkt bestimmen, an dem die Kohlenstoffaufnahme abbrach. Die Proportion von 12C zu 14C in der Luft ist allerdings nicht ganz konstant. Es sind daher sogenannte Kalibrationskurven nötig, um diesen Faktor in die Berechnung mit einzubeziehen (Doudna).

Als Resultat werden meistens zwei Zeiträume angegeben, von denen der kürzere mit etwa 68 %iger Wahrscheinlichkeit σ1 („Sigma 1“) das Jahr enthält, der verlässlichere ist jedoch der wesentlich längere σ2 („Sigma 2“)-Zeitraum mit etwa 95 %iger Wahrscheinlichkeit. Die Genauigkeit nimmt mit größerem Alter ab. Für 2000 Jah re alte Objekte ist der Zeitraum für eine Präzision von σ1 etwa 100 Jahre lang, für σ2 hingegen oft 200 Jahre und mehr, also viel länger als paläographische Analyseresultate. Viele Forscher verwenden in erster Linie σ1-Zeiträume, weil die σ2-Zeiträume ihnen im Vergleich zur Paläographie zu lang vorkommen, doch sind Wahrscheinlichkeiten von 68 % für historische Analysen viel zu niedrig! Man sollte daher grundsätzlich nur σ2-Zeiträume in Betracht ziehen. Darüber hinaus ist, anders etwa als bei regulären Glockenkurven, wo die mittleren Werte häufiger vorkommen als die Randwerte, bei 14C jedes Jahr gleich wahrscheinlich.

Es ist relativ leicht, 14C-Ergebnisse durch Auftragen von sehr alten oder sehr jungen kohlenstoffhaltigen Flüssigkeiten in die eine oder andere Richtung zu verfälschen. Zum Beispiel trugen die Mitarbeiter der Scrollery in den ersten Jahren auf Stellen mit verdunkeltem Pergament Rizinusöl auf, das für eine gewisse Zeit den Kontrast erhöhte und das Fragment lesbar machte. Dies hatte allerdings den Preis, dass dieses Fragment überall dort, wo Rizinusöl aufgetragen worden war, bei einem Test zu „junge“ 14C-Proportionen aufweisen würde. Falls sie aus Erdöl produzierte Mittel verwendet hätten, würde der gegenteilige Effekt eintreten.

Der 14C-Test misst nur das Endjahr der Kohlenstoffaufnahme für das Lebewesen, aus dem das Objekt gemacht wurde, gibt uns also eigentlich nur einen terminus a quo. Theoretisch ist es möglich, dass eine Schriftrolle lange aufbewahrt wurde, bevor sie beschrieben wurde. Manchmal wurden alte Objekte aus Holz wiederverwendet. Strydonck beschreibt auf luzide Weise Vorteile und Grenzen der Kohlenstoffdatierung.

Sehr kurz zusammengefasst kann man die Entwicklung von der aramäischen Kanzleischrift zur Quadratschrift des zweiten Jahrhunderts n. Chr. mit einigen grundlegende Beobachtungengrundlegenden Beobachtungen folgendermaßen beschreiben: Die anfänglich sehr ungleich großen Buchstabenkörper werden mit der Zeit immer homogener, so dass man schließlich zusätzlich zur Linie, an der die Buchstaben hängen, auch eine Linie, auf der die meisten Buchstaben sitzen, zeichnen kann. Außerdem werden viele Buchstaben etwa gleich breit wie hoch ( Quadratschrift). Schluss-Mems und Samekhs sind in den älteren Schriften noch offen, später geschlossen. Die durchgehende und korrekte Verwendung von diffenzierten Medialformen und Endformen einiger Buchstaben nimmt zu, desgleichen auch die Zahl der Zierhaken (keraia) an den oberen Enden bestimmter Buchstaben mit den herodianischen Schriften.

In Qumran sind außer der judäischen Schrift noch sechs andere Schriften bezeugt: Die Forscher waren überrascht, einige Texte in Paläohebräisch vorzufinden, denn eigentlich dachte man, diese Schrift wäre nur noch auf Münzen und Siegeln verwendet worden. Dazu gibt es drei verschiedene sogenannte kryptische Alphabete (Geheimschriften) für Hebräisch. Alle griechischen Texte aus Qumran wurden mit griechischen Buchstaben geschrieben. Und schließlich finden sich ausnahmsweise auch Texte in Nabatäisch. Für die Datierung des Paläohebräischen dieser Periode und für die der kryptischen Alphabete ist die Paläographie bislang unzuverlässig.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Qumran" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen