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Quest

Inhalt

Ouvertüre

Der Tempel allen Wissens

In der Namenlosen Zone

Das Wrack

Die Herrscher der Morgenröte

Die Legende der Zwölf

Die Sphäre

Katapultpunkte

Kettenreaktion

Der Mittelpunkt des Mittelpunkts

Protoleben

Coda

OUVERTÜRE

Die wohl erstaunlichste Entdeckung, die Menschen machten, als sie aufbrachen, um den Weltraum zu erkunden, war die, dass alles Leben im Universum miteinander verwandt ist.

Das heißt nicht, dass man nicht eine kaum fassbare Vielfalt an Lebensformen vorgefunden hätte. Leben existiert unter den extremsten Bedingungen, an den unerwartetsten Orten und in den absonderlichsten Erscheinungsformen. Doch auf der niedrigsten Stufe sind all diese Formen miteinander verwandt. Man hatte damit gerechnet, unendliche Fremdartigkeit anzutreffen, Leben auf Siliziumbasis etwa auf kochend heißen Planeten, denkende Steine, intelligente Magnetfelder, gasförmige Geistwesen und anderes, das auszudenken die Fantasie nicht ausreicht. Aber bei aller Fremdartigkeit, die man tatsächlich antraf und die tatsächlich oft alle Fantasie übertraf, fand man doch unerwartet stets Gemeinsamkeiten. Alles Leben im Universum basiert auf Kohlenstoffverbindungen. Mehr noch - alles Leben im Universum ist aus Aminosäuren gemacht. Sogar was darüber hinausgeht - Zellbildung, Strukturen innerhalb von Zellen, Fortpflanzung, Speicherung von Erbinformation -, weist hinreichende Ähnlichkeiten auf, um als verwandt bezeichnet zu werden. Das Leben im Universum ist eins.

Letztlich war dies ein glücklicher Umstand. Wäre es anders gewesen, hätten Menschen niemals andere Planeten zu ihrer Heimat machen können. Jede Lebensform wäre für immer eingesperrt gewesen auf dem Planeten, auf dem sie entstanden ist, für alle Zeiten an dessen Schicksal gekettet. So aber war es möglich, fremde Welten zu erschließen, zu terraformen, ihre Flora und Fauna genetisch zu adaptieren und zu einem Teil des menschlichen Lebensraumes zu machen.

Aber wie war das zu erklären? Die Gesetze der Evolution, soweit man sie kannte, galten überall, auf jedem Planeten, in jeder Galaxis. Doch sie reichten nicht aus, die offenbare Verwandtschaft allen Lebens zu erklären. Es war undenkbar, dass alle Formen des Lebens sich unabhängig voneinander so ähnlich entwickelt haben konnten. Hier mussten andere, umfassendere Gesetze am Werk sein.

Man kam einer Antwort auf die Spur, als man organische Moleküle in den Schweifen und Kernen von Kometen entdeckte, jenen Vagabunden des Alls, die jahrtausendelang durch die dunklen, kalten Abgründe zwischen den Sternen ziehen und oft nicht wiederkehren, weil sie auf ihrem Weg in das Schwerefeld einer anderen Sonne geraten und daraufhin ihre Richtung ändern. Es war nicht vorstellbar, dass sich organische Moleküle dieser Komplexität in Kometenköpfen hätten bilden können. Nicht nur, dass die für chemische Reaktionen erforderlichen Temperaturen nicht erreicht wurden, es war auch nicht ersichtlich, woher ein für die evolutionäre Entwicklung von Biomolekülen notwendiger Selektionsdruck hätte rühren können. Anders gesagt: Wenn sich in Kometen hätte Leben bilden können, wäre es ein auf Kometen beheimatetes Leben geworden, das sich mit Planeten nicht abgegeben hätte.

Die Herkunft der Biomoleküle in Kometen erklärte sich erst, als man feststellte, dass belebte Planeten einen feinen, aber ständigen Strom organischer Substanzen abgeben. Durch eine Vielzahl planetarer Prozesse - Vulkanausbrüche, Orkane, Meteoriteneinschläge - gelangen derartige Substanzen bis in die äußersten Schichten der Atmosphäre, wo sie von dem vom Zentralgestirn ausgehenden Sonnenwind erfasst und ins All hinausgetrieben werden. Durchquert nun ein Komet diese Wolke des Lebens, nimmt er die organischen Moleküle auf und speichert sie in seinem eisigen Kern.

Tiefgekühlt überstehen sie die unermesslich lange Reise, bis der Komet einst wieder in die Nähe einer Sonne gelangt. Vielleicht ist es eine fremde Sonne, vielleicht besitzt sie Planeten, und vielleicht ist einer davon für die Entwicklung von Leben geeignet. Bei der Annäherung des Kometen an die Sonne beginnt der Kometenkopf zu dampfen, der typische, durch den Lichtdruck stets von der Sonne wegweisende Schweif bildet sich, und mit etwas Glück durchquert ihn ebendieser für Leben geeignete, aber noch sterile Planet. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass einige der organischen Moleküle, die der Komet mit sich trägt, auf die Oberfläche des Planeten gelangen. Das Faszinierende ist, dass bereits ein einziges Molekül ausreicht, um eine fruchtbare Welt mit Leben zu infizieren.

Alles Weitere ist Sache der normalen Evolution. Durch Variation und Selektion bilden sich Einzeller, Mehrzeller, schließlich eine an die Verhältnisse auf dem Planeten angepasste, im ganzen Universum einzigartige Vielfalt von Arten, die so nur hier entstehen konnte.

Auf diese Weise verbreitet sich das Leben im All. Nur so lässt sich die Beobachtung erklären, dass es wesentlich mehr belebte Planeten gibt, als es selbst nach den optimistischsten Annahmen für die statistischen Grundlagen molekularer Evolution geben dürfte. Das Universum birst geradezu vor Leben. Es gleicht mehr einem Dschungel als einer Wüste. Die Sterne scheinen danach zu hungern, Leben bestrahlen zu dürfen.

Doch wie hat alles angefangen? Auch wenn es von Kometen und Magnetstürmen durch das All getragen wird und sich über unauslotbare Abgründe hinweg von Stern zu Stern fortpflanzt, muss das Leben ursprünglich doch auf einem Planeten entstanden sein. Tatsächlich zeigt eine nüchterne Rechnung, der man das bekannte Alter des Universums und die einigermaßen abschätzbare Zahl von potenziell lebensfreundlichen Planeten zugrunde legt, dass die Wahrscheinlichkeit für die spontane Entstehung von Leben knapp eins beträgt. Mit anderen Worten, nach allem, was wir wissen, kann es nur so sein, dass alles Leben im Universum sich ursprünglich auf einem einzigen Planeten entwickelt und von dort aus nach und nach über das All ausgebreitet hat.

Und hier betreten wir das Reich der Legenden. Jede Kultur, sei sie menschlich oder nichtmenschlich, kennt eine Sage, in der von einem - und nur einem - Ursprung allen Lebens die Rede ist. Solange diese Kultur nur ihren eigenen Planeten bewohnt, vermutet sie diesen Ursprung an einem sagenhaften Ort auf ebendieser Welt. Doch wird dieser Ort niemals gefunden, und so wandelt sich der Mythos, sobald die Schwelle zum Weltraum überschritten wird. Irgendwo im Universum, sagt die Legende fortan, auf irgendeinem der zahllosen Planeten, auf denen die Schöpfung experimentiert hat, muss vor unvorstellbar langer Zeit alles seinen Anfang genommen haben, muss das Leben ursprünglich entstanden sein. Niemand hat diesen Planeten je gefunden, aber die Überlieferungen aller Völker werden nicht müde, davon zu erzählen - von dem Ort, an dem einst die Dunkelheit endete und das Leben begann. Es ist ein sagenhafter Ort. Unvorstellbare Schätze, heißt es, warten dort auf den Entdecker. Manche Sagen wollen wissen, dass auf dieser Welt die Unsterblichkeit zu finden sei.

Eine Legende schließlich - die älteste von allen - behauptet, auf diesem Planeten sei es möglich, Gott zu begegnen …

In diesen Stunden schien Eftalan Quests physische Präsenz auf fast unheimliche Weise zuzunehmen. Er lag in seinem Sessel, eine massige Gestalt ohnehin, aber in der Dunkelheit, die er dann bevorzugte, wie ein Gebirge von Mann wirkend, wie ungeheures Urgestein, mit grimmiger Entschlossenheit erduldend, was sie ihm zufügen musste.

Die Bewegung, mit der er den Vortrag unterbrochen hatte, war unerwartet gekommen. Vileena spürte, dass er sie erwartungsvoll ansah, auch wenn sie seine Augen in ihren Höhlen nicht ausmachen konnte. Seine Hand bebte. Sie lag im fahlen Lichtkegel der winzigen Kommunikatorlampe, den Finger auf der Unterbrechertaste, und sah aus, als gehöre sie nicht zu ihm.

»Verstehst du?«, fragte er.

Im Klang seiner Stimme war etwas, das sie an ein gequältes Tier denken ließ. In der unerwarteten Stille - sogar das unterschwellige, allgegenwärtige Flüstern der Schiffsmaschinen war leiser als sonst, weil sie seit Tagen antriebslos im Raum schwebten - schienen ihre Ohren empfänglich für die kleinsten Nuancen geworden zu sein.

Sie sah den Schweiß auf seinem Schädel schimmern wie einen frischen Anstrich. Anstatt zu antworten, griff sie nach seiner anderen Hand und fühlte den Puls. Der wütende, kraftvolle Schlag vom Anfang war einem gehetzten, jagenden Trommeln gewichen. Sie drosselte die lautlos arbeitende Apparatur, die sorgfältig dosierte Medikamente in Quests Körper pumpte.

Quest drückte eine andere Taste, setzte die Aufzeichnung zurück. Er liebte es, sich in diesen qualvollen Stunden mit Vorträgen abzulenken, aber dieser schien eine besondere Bedeutung für ihn zu haben.

… die Überlieferungen aller Völker werden nicht müde, davon zu erzählen - von dem Ort, an dem einst die Dunkelheit endete und das Leben begann. Die Stimme des Sprechers ließ einen vergessen, dass man sich in einem abgeschlossenen Raum befand; die Dunkelheit ringsum schien bei diesen Worten die Dunkelheit des Weltraums zu sein. Es ist ein sagenhafter Ort. Unvorstellbare Schätze, heißt es, warten dort auf den Entdecker. Manche Sagen wollen wissen, dass auf dieser Welt die Unsterblichkeit zu finden sei …

Wieder unerwartet: ein Schlag der Kommandoglocke.

Quests Hand zuckte zurück in den Lichtkegel, unterbrach den Vortrag erneut.

»Verstehst du nun?«, fragte er noch einmal, drängender, mit einem Anflug von Heiserkeit.

Vileena starrte in das pulsierende Rot des Rufsignals. »Ich glaube nicht«, erwiderte sie zögernd. »Vielleicht weigere ich mich zu glauben, dass es so sein könnte, wie ich ahne.«

Eftalan Quest stieß ein heiseres Lachen aus. »Ja. Doch genauso ist es.«

Die Kommandoglocke wurde ein zweites Mal geschlagen, ein sonorer, metallischer Ton.

»Du bist …« Sie hielt inne. Als Heilerin durfte sie so etwas nicht sagen.

»Wahnsinnig?«

Vileena holte Atem, so tief, als bekäme sie nie wieder Gelegenheit dazu. »Vielleicht gibt es Grenzen, die ein Mensch nicht überschreiten sollte.«

Nun tauchten seine Augen aus der Dunkelheit auf. Eine grausige Kälte schimmerte darin.

»Wenn man nichts zu verlieren hat«, sagte er, und es klang wie eine gewalttätige Beschwörung, »kann man alles tun.«

Ein drittes Mal schlug die Kommandoglocke, und nun hieb seine Hand, als führe sie ein Eigenleben, auf die Antworttaste. »Quest!«

Die Stimme aus dem Lautsprecher klang lärmend geschäftig. »Hiduu hier, Erhabener Kommandant. Wir haben soeben das Signal erhalten.« Im Hintergrund metallische Maschinengeräusche, das Sirren hochfahrender Triebwerke, eine Kakofonie verschiedener akustischer Signale.

»Gut«, erwiderte Quest. »Endlich. Dann gehen Sie vor wie geplant.«

»Ich bestätige, Kommandant. Der Einsatzbefehl ist erteilt.«

»Korrekt. Einsatzbefehl ist erteilt.«

Quest ließ die Taste los und sah Vileena an.

»Es beginnt«, sagte er.

Der Tempel allen Wissens

1

Die Luft wurde dünner, je höher sie kamen, und der schneidende Wind, der durch das Tal zog, hatte die beiden Sucher verstummen lassen. Bailan führte ihre Jibnats an den Zügeln, er kannte den Weg, aber auch er hatte nur noch Augen für den Pfad. Gerade hatten sie den Schrein des fünften Gründers passiert. Die Strecke bis zum nächsten Schrein nannte man in der Bruderschaft das Tal der Bewährung. Wenn es Suchern, die mit ihren Fragen zum Pashkanarium kamen, nicht wahrhaft ernst war, kam hier meist der Punkt, an dem sie umkehrten.

Der Schrein und der Jibnat-Pfad waren die einzigen Landmarken menschlichen Ursprungs weit und breit. Nichts wuchs hier oben in den Bergen des Nordmassivs, abgesehen von dem mageren, blaugrünen Gras, das nicht einmal Jibnats satt machte. Die Berge rechts und links des unerbittlich ansteigenden Talbodens ragten empor, als müssten sie den Himmel stützen, schienen einen erschlagen zu wollen mit ihrer schieren Wucht. Tatsächlich fühlte man sich hier dem Himmel näher als der Erde. Dunkelblau spannte sich das Gewölbe über ihnen, ein majestätischer Dom, der den Wanderer Ehrfurcht lehrte.

Nicht ganz dunkelblau. Bailan kniff die Augen zusammen. Hier und da tauchten die orangeroten Schlieren am Himmel auf, die das Nahen des Winters ankündigten. Sie durften keine Zeit verlieren. Noch ein paar Tage, und ab dem Schrein des dritten Gründers würde Schnee fallen. Dann würde der Weg zum Pashkanarium wieder unpassierbar sein bis zum Frühjahr.

»Bailan!«, rief einer der beiden Männer. »Rast!«

Bailan blieb stehen und drehte sich zu den beiden um, vor Anstrengung keuchend. Die Jibnats glotzten ihn mit geblähten Nüstern an. Auch sie spürten den Winter nahen.

»Schon wieder?«, rief er zurück. »Wir haben doch erst …«

»Nur einen Moment«, erwiderte der Mann. Er keuchte ebenfalls, obwohl er nicht selber gehen musste. Die dünne Luft machte beiden zu schaffen. »Ich muss mich erleichtern.«

Dagegen war schwer etwas zu sagen, auch wenn es dem Novizen merkwürdig vorkam. Sie hatten wenig gegessen auf dieser Reise; es wollte ihm nicht ganz einleuchten, wo das alles herkam, von dem sich in einem fort einer der beiden erleichtern musste.

Er veranlasste die Reittiere, sich hinzulegen, sodass der Mann absteigen konnte. Mit schiefem Grinsen löste der Fremde die kleine Schaufel von ihrer Halterung am Geschirr des Jibnats und stapfte los, auf der Suche nach einem geeigneten Platz hinter einem der zahllosen Felsbrocken. Bailan sah ihm zu, wie er ein kleines Loch in den harten Boden grub, und blickte weg, als er Anstalten machte, die pelzene Überhose herabzulassen.

Er warf dem anderen einen Blick zu. Der schien davon nichts zu bemerken. Die Hände fest um den Sattelknopf gekrallt, hockte er auf dem Rücken seines Jibnats und verrenkte sich beinahe den Hals bei der Betrachtung der Bergrücken, zwischen denen sie dahinpilgerten. Bailan fühlte Unbehagen, ihn dabei zu beobachten. Es war kein Staunen in diesem Blick, keine Ehrfurcht. Der Mann betrachtete die monumentalen Berge, als überlege er, wie man eine Brücke von einem zum anderen bauen könne.

Bailan war nun schon einige Jahre Novize und hatte, wie es eine der Pflichten eines Novizen war, schon oft Sucher den Pfad von der Ebene hinauf zum Tempel geführt. Manche Sucher hatten es sich anders überlegt und waren wieder umgekehrt, andere waren im Pashkanarium geblieben, um gleichfalls ein Novizat anzutreten. Manche hatten Antworten auf ihre Fragen gefunden und waren glücklich heimgekehrt, andere hatten den Weg umsonst auf sich genommen. Das konnte man nie vorher wissen.

Aber diese beiden Männer waren irgendwie anders. Sie hatten die samtbraune Haut der Zentralweltler, ihre für eine Welt wie Pashkan untaugliche Kleidung, ihre reichlich geziert wirkenden Umgangsformen. Aber woher sie tatsächlich stammten, war ihnen nicht zu entlocken gewesen. Es war Bailan auch nicht ganz klar, wie sie nach Pashkan gelangt waren; ein Landeboot habe sie abgesetzt, hatten die Leute am Raumhafen erzählt, das sofort wieder gestartet sei, mehr wusste man nicht. Und da waren sie dann gestanden und hatten einen Führer zum Pashkanarium gebucht. Seine Frage, ob sie von Gheerh kämen, hatten sie verneint, aber weiter nichts dazu gesagt.

Der eine, der sich unentwegt die Berge ansah, hieß Dawill oder so ähnlich. Er war etwas untersetzt, hatte dunkle Haare und schien derjenige der beiden zu sein, der das Sagen hatte. Der andere hatte sich mit dem Namen Kuton vorgestellt, aber Dawill nannte ihn Tennant, wenn sie miteinander sprachen. Tennant war groß und mager und unruhig. Man hatte das Gefühl, dass ihm die Pilgerfahrt ein schlechtes Gewissen bereitete. Bailan hatte sogar überlegt, ob Tennant möglicherweise ein Anhänger des Philosophen Phtar war, dessen Lehre jegliches Wissen als Quelle allen Unglücks verurteilte. Doch dann war ihm eingefallen, dass die Anhänger Phtars in der dritten Generation nach dessen Ableben sogar das Lesen und Schreiben aufgegeben hatten und nicht mehr imstande gewesen waren, Phtars Lehre weiterzugeben, sodass die Bewegung ausgestorben war. Das Pashkanarium war vermutlich der einzige Ort im Universum, an dem man Phtars Lehren noch kannte.

»Wie weit ist es noch?«, wollte Dawill unvermittelt wissen.

Bailan schrak beinahe zusammen. »Wir haben den Schrein des fünften Gründers passiert«, erklärte er.

»Den fünften?« Der Mann drehte sich mit gerunzelter Stirn im Sattel um und musterte den Weg, den sie gekommen waren. Diese grandiose fadendünne Linie durch die Einsamkeit. »Wir haben doch schon jede Menge Schreine passiert - mindestens … zehn oder noch mehr …?«

»Sie werden in umgekehrter Reihenfolge gezählt. Wir werden noch vier Schreine passieren, ehe wir das Pashkanarium erreichen.«

Der andere, Tennant, war fertig mit seinem Geschäft. Aus den Augenwinkeln sah Bailan ihn die Hose hochziehen und das Loch wieder sorgfältig zuschaufeln. Einmal hatte er zu sehen geglaubt, wie Tennant einen kleinen Gegenstand in das Loch gelegt hatte, nachdem er seine Notdurft verrichtet hatte. Möglicherweise hatte er sich das aber auch nur eingebildet. So genau wollte er überhaupt nicht hinschauen.

»Noch vier Schreine, hmm?« Dawill nickte nachdenklich, betrachtete wieder die Felswände. »Und wie lange wird das dauern?«

Eine der Regeln der Bruderschaft besagte, dass der Weg zum Tempel dazu diente, die Entschlossenheit des Suchers zu prüfen, und dass man ihm deswegen keine Vorstellung von dessen zeitlicher Dauer geben durfte. »Das kann ich nicht sagen«, erklärte Bailan deshalb. »Aber wir müssen uns beeilen, um anzukommen, ehe es zu schneien beginnt.«

Dawill nickte Tennant zu, der müde herangestapft kam. Schon die wenigen Schritte bergauf hatten ihn völlig erschöpft. »Hast du gehört? Der Junge sagt, dass es möglicherweise schneit.«

Tennant war zu sehr außer Atem, um darauf zu antworten. Er blieb neben seinem Jibnat stehen, stützte sich auf den Sattel und rang nach Luft.

»Es müsste doch möglich sein, zum Pashkanarium zu fliegen, oder?«, fragte Dawill, Bailan eindringlich ins Auge fassend. Wie er es sagte, klang es, als wisse er genau, dass das nicht ging, und wolle nur hören, was der Novize darauf sagen würde.

»Nein«, erklärte Bailan ruhig. Jeder Sucher fragte das, und meistens in dieser Gegend, im Tal der Bewährung. »Der Schild zerstört alles, was sich dem Tempel über die Berge nähert.«

»Der Schild, soso. Das ist also keine Legende?«

»Nein.«

»Interessant«, meinte Dawill und sah seinen Begleiter an. »Oder, was meinst du?«

Tennant nickte nur. Sein Gesicht war aschfahl.

»Ich habe mal«, fuhr Dawill nachdenklich fort, »so eine Geschichte gehört … Irgendwas mit einem Krieger, der einen Ordensbruder verfolgt. Er hat ihn gerade eingeholt und will ihn umbringen, da geht der Schild herunter und sein Schwert verglüht daran. Oder so ähnlich, kennst du die? Ich dachte, das ist eine Legende.«

»Die Legende vom Speerwerfer, ja«. Bailan musste lächeln. Das war eine seltsam populäre Geschichte, die viele Sucher kannten, obwohl sie, wenn sie sich jemals tatsächlich zugetragen haben sollte, aus einer der ersten dunklen Epochen stammen und damit Tausende von Jahren alt sein musste. »Ob das je so geschehen ist, weiß man nicht, aber den Schild gibt es wirklich.«

»Und ein Schwert würde daran tatsächlich verglühen?«

»Genau wie ein Flugschiff oder eine nukleare Bombe. Nichts kann ihn durchdringen.«

»Und wer hat diesen Schild errichtet?«, wollte Dawill wissen. »Die Gründer der Bruderschaft? Die in diesen Schreinen« - sein Finger huschte eine imaginäre Linie auf und ab, die ihren bisherigen Weg durch das Massiv darstellen sollte - »beigesetzt sind?«

»Ja. Die Geräte dafür haben sie allerdings von den Eloa erhalten.«

»Das ist dieses sagenhafte nichtmenschliche Volk, das die Pashkan-Bruderschaft initiiert hat, nicht wahr?«

»Die Bruderschaft der Bewahrer«, korrigierte Bailan, der allmählich ungeduldig wurde. Wollte Tennant ewig so stehen bleiben? Da sagte er ihnen, dass sie sich beeilen mussten, und sie taten, als sei das völlig ohne Belang. »Die Eloa gehörten zu den ersten Wesen mit Bewusstsein im Universum überhaupt, vor unsagbar langer Zeit. Sie haben uns Menschen in unserer Frühzeit beschützt und gefördert. Ehe sie gingen, haben sie die Gründer ermutigt, die Bruderschaft der Bewahrer zu gründen, um das Wissen der Menschheit zu sammeln in den hellen Zeiten und zu bewahren durch dunkle Zeiten. Denn Wissen ist ein kostbares, verderbliches Gut - wird es nicht bewahrt, geht es verloren, und mangelndes Wissen ist die größte Ursache von Leid.« Er nickte bekräftigend. »Das ist es, was wir glauben.«

Dawill nickte. Natürlich hatte er das gewusst. Das stand in jedem Buch über Pashkan und die Bruderschaft. »Du sagst, die Eloa gingen … Weiß man, wohin sie gingen?«

»Nein.«

»Aber es gibt Informationen im Pashkanarium über die Eloa, oder? Und über andere nichtmenschliche Völker?«

Bailan hob die Augenbrauen. »Ich hoffe, ihr seid nicht deswegen gekommen. Diese Informationen gibt es, aber sie lagern im Allerheiligsten und sind nur unseren Hohepriestern zugänglich.«

»Warum das denn?« Er schien nicht beeindruckt. Endlich machte sich auch Tennant wieder daran, sein Jibnat zu besteigen. »Es gibt doch über Nichtmenschliche praktisch nur Gerüchte. So gut wie niemand hat jemals Kontakt mit einem nichtmenschlichen Volk gehabt. Da wären solche Informationen doch sehr nützlich, oder?«

Bailan zuckte mit den Schultern. »Das sind die Regeln. Allgemein zugänglich ist nur das Wissen der Menschheit.« Er schnalzte mit den Zügeln, und die zottigen Leiber der Jibnats erhoben sich schwankend. »Ich denke, dass es einen Grund für diese Regeln gibt. Auch wenn ich ihn noch nicht kenne.«

Dawill trat seinem Jibnat unerwartet in die Seite, worauf es erschrocken ein paar Schritte vorwärts machte und unmittelbar neben Bailan zu stehen kam, sodass er auf den Novizen herabsehen konnte.

»Es heißt immer, die Pashkan-Brüder erachteten Neugier als die größte Tugend«, meinte der Mann von einer fremden Welt. »Da sollte dich die Frage, was es in eurem Allerheiligsten zu erfahren gibt, doch bis aufs Blut quälen, oder?« Er lächelte ein schmales, schlaues Lächeln. »Und weißt du was? Ich wette, genauso ist es.«

Bailan antwortete darauf nicht, sondern zerrte an den Zügeln und setzte den Weg fort, so rasch es ging. Aber er hatte allerhand nachzudenken in den Stunden, die kamen.

Die Zeit verging, wie sie immer vergangen war. Sie folgten dem Pfad, Schritt um Schritt, Tag um Tag. Wenn es abends so dunkel war, dass man nichts mehr erkennen konnte, schlugen sie das Nachtlager auf, um morgens, sobald es hell wurde, wieder weiterzuziehen. Das Holz, das sie während des ersten, wärmeren Teils der Pilgerfahrt gesammelt hatten, war bereits aufgebraucht, weil sie zu früh angefangen hatten, abends Lagerfeuer zu entzünden. So schlüpften sie nur im Schein einer Lampe, die den beiden Suchern gehörte, in ihre Schlafsäcke - Bailan in seinen schlichten Fellsack, die beiden Fremdweltler in kompliziert aussehende Schlafsäcke aus einem seidig glänzenden Material - und schliefen wie die Toten. Die Jibnats grasten indes im Dunkeln den mageren Wuchs ringsum ab, soweit es ihre Anleinung erlaubte, und morgens standen sie schon wieder da, aus geblähten Nüstern schnaubend, als könnten sie es nicht erwarten, weiterzutrotten. Wenn man nicht gewusst hätte, dass sie nur wenig Schlaf brauchten, hätte man meinen können, sie schliefen überhaupt nicht.

Als sie den Schrein des zweiten Gründers passierten, hing Tennant nur noch bleich und leidend im Sattel. Dawill dagegen musste in einem fort seine Notdurft verrichten, nach jeder Biegung des Tals beinahe. Die jäh aufragenden Klippen schienen ihn mehr denn je zu faszinieren.

Endlich kam der Schrein des ersten Gründers in Sicht. Bailan konnte nicht verhindern, dass sich ein breites Grinsen in seinem Gesicht ausbreitete - zum Glück wandte er den beiden Suchern den Rücken zu, sodass sie es nicht bemerkten. Unmittelbar nach dem Schrein war der höchste Punkt des Pilgerpfades überschritten, und an diesem Punkt bekamen die Reisenden das Pashkanarium auch zum ersten Mal zu Gesicht. Und das, fand Bailan, war immer der Höhepunkt des Weges und aller Mühen wert.

Schritte. Knirschen. Das Schaben der Jibnat-Hufe auf dem Geröll. Keuchen. Pfeifende Atemgeräusche. Und dann, ohne Vorwarnung …

Bailan trat beiseite, die Jibnats mit den Zügeln bremsend, und beobachtete die Gesichter der beiden Männer. Wie sie sich ruckartig in den Sätteln aufrichteten. Wie ihre Kiefer herabsanken, ihre Augen hervorquollen, wie ihre Lungen das Atmen vergaßen.

Jeder Mensch in dieser Galaxis wusste, was das Pashkanarium war, und wusste, dass es groß war. Aber niemand hatte auch nur annähernd eine Vorstellung davon, wie groß. Der bloße Anblick traf jeden wie ein Schlag mit dem Hammer.

Das Pashkanarium war ein Tempel, errichtet über einem Tempel, der wiederum über einem Tempel erbaut worden war - und immer so weiter, Dutzende von Schichten, errichtet in Tausenden von Jahren, jede größer als das gesamte bisherige Bauwerk, es umschließend wie eine kreisrunde Burg mit konkav gewölbtem Dach. Allein das Dach des äußersten Tempels, das zu überqueren zu Fuß Stunden gedauert hätte, war ein Wunder für sich. Doch unter dieser Hülle lag der nächste Tempel, genauso gebaut, nur kleiner, und der Raum zwischen diesem und dem umschließenden Tempel war ausgefüllt mit Archiven, in denen das Wissen der Menschheit lagerte. Das war es, was die Mitglieder der Bruderschaft taten: überall in der Galaxis Daten, Informationen, Wissen sammeln, um es zu archivieren und für kommende Generationen zu erhalten. Wer immer ernsthafte Forschung betrieb, war eingeladen zu kommen und zu bleiben, solange er wollte. Das Pashkanarium war die größte Bibliothek des Universums, der Hort allen Wissens, das Gedächtnis der Menschheit. Was hier nicht zu finden war, war unbekannt. Und eines Tages würden die Brüder darangehen und die nächste Schicht des Tempels errichten, die nächste Schale, die wieder Platz bieten würde für das Wissen weiterer Jahrtausende.

Doch all das sah man nicht, wenn man den Pass überquerte. Was man sah, waren Mauern, die zum Himmel zu reichen schienen. Was man sah, waren unfassbar hohe Tore, so groß, dass man zwischen ihren Portalen eine Stadt hätte errichten können. Was man sah, war, wie die schroffen Formationen mächtiger Bergzüge jäh an den Wänden eines Bauwerks endeten, das sie überragte und wie Attrappen aussehen ließ. Wolken regneten ab an den Zinnen dieser himmelstürmenden Mauern, die ein Dach trugen, das bis zum Horizont zu reichen schien. Was man sah, war ein Bauwerk von solchen Ausmaßen, dass man sich fragte, wie die Kruste des Planeten es tragen konnte, ohne einzubrechen und alles in Asche und Lava versinken zu lassen.

Die beiden Männer verharrten fassungslos, und während in Dawills Gesicht allmählich ein Leuchten entstand, schien Tennant, der ohnehin seit einigen Tagen krank und blass aussah, noch mehr in sich zusammenzusinken, geradezu zu verschrumpeln wie eine vertrocknende Gariqui.

»Das ist unmöglich«, ächzte er schließlich. »Das klappt nie und nimmer …«

»Tennant!«, zischte sein Gefährte. »Reiß dich zusammen!«

»Schau dir das doch an!«, jammerte Tennant und streckte anklagend die Hand aus. »Wie soll denn das …?«

Dawill packte ihn grob am Kragen und schüttelte ihn. »Tennant Kuton! Du wirst sofort schweigen!«

Worauf der hagere Mann tatsächlich schwieg.

Bailan runzelte die Stirn und wandte seinen Blick wieder dem erhabenen Anblick des Pashkanariums, des Tempels allen Wissens, zu. Merkwürdig. Einen Dialog wie diesen hatte er noch nie gehört in dieser Situation. Er hätte ein umfangreiches Kompendium schreiben können über alle Ausdrücke des Staunens, der Ergriffenheit, der Fassungslosigkeit, die in den verschiedenen Dialekten des Reiches gebräuchlich waren. Aber diese beiden Männer benahmen sich anders als alle Sucher, die er jemals geführt hatte.

Doch was konnten andererseits zwei Männer im Schilde führen, die nichts bei sich trugen als das, was sie in den Satteltaschen ihrer Jibnats hatten, und von denen einer zudem ernsthaft krank zu werden schien? Das Pashkanarium hatte die Überfälle der Bilderstürmer, Angriffe aus dem Weltraum und die Verfolgungen der Dunklen Jahrhunderte überstanden. Es würde auch diese beiden seltsamen Männer kommen und gehen sehen.

Er fasste die Zügel wieder fester und setzte den Weg fort, der von nun an nur noch abwärts führte. In wenigen Stunden würden sie am Ziel sein.

Der Pfad hinab ins Tal war dazu angetan, einen Sucher Ehrfurcht zu lehren. Die Mauern schienen nicht näher zu kommen, sondern nur größer zu werden, bis sie schließlich, dunkelgrau und schrundig, vor einem in den Himmel ragten wie das Ende der Welt. Wenn man dann an ihnen in die Höhe sah - und jeder Neuankömmling tat das, unweigerlich - und die Wolken in die richtige Richtung zogen, wurde der Eindruck, jeden Moment von der umstürzenden Wand erschlagen zu werden, übermächtig. Doch an diesem Punkt war es immer noch eine Stunde Wegs bis zu der Pforte, die Einlass ins Innere des Pashkanariums gewährte.

Irgendwann begannen auch die Felder und Gärten, von denen sich die Brüder ernährten. Winterhartes Getreide wuchs hier und bergfestes Gemüse, auf umzäunten Wiesen grasten wollige Jibnats, fette Scharnacken und allerlei Geflügel, dem die Flügel zu stutzen man sich hier oben in der Einsamkeit nicht die Mühe zu machen brauchte. Es war eine große Landwirtschaft, die die Bruderschaft hier unterhielt - unterhalten musste -, doch vor der Kulisse des Pashkanariums wirkte alles wie Spielzeug.

»Dieses Portal …«, meinte Dawill, als sie die befestigten Wege erreichten, eine Brücke über ein kleines Rinnsal, das an den Rändern bereits zuzufrieren begann. »Wird es jemals geöffnet?«

Sie bewegten sich direkt darauf zu. Bailans Blick wanderte an den Pfeilern und Kanten empor, und er versuchte, sich vorzustellen, was die gewaltigen Torflügel anrichten würden, würde man sie jemals aufstoßen. »Das Portal ist für die Eloa gedacht, falls sie je wiederkommen«, sagte er.

»Ah«, machte Dawill, und er klang zum ersten Mal beeindruckt. »Die sind aber nicht so groß, oder?«

»Es heißt, sie werden in ihren Schwingenbarken kommen. Die Portale und die Arkadengänge im Inneren sind so gebaut, dass eine Schwingenbarke bis ins Allerheiligste fliegen kann.«

»So eine Art Raumschiff?«

»Vermutlich.«

Ihr Weg führte an einem Jibnat-Gehege vorbei, und die Tiere auf der Weide trotteten heran, als wollten sie ihre von Reitern geplagten Artgenossen begrüßen. Der Atem aus ihren beweglichen Nüstern verwehte als weißer Dunst im Wind.

Dawill nickte langsam, betrachtete die unglaublichen Mauern, die schwarzen Steine, die der Zeit zu trotzen schienen. »Und?«, fragte er. »Werden sie wiederkommen, die Eloa?«

Bailan zuckte mit den Schultern. »Wer kann das schon wissen?«

Die Pforte der Sucher war geradezu lächerlich klein und schmal: eher eine Schießscharte als eine richtige Tür, so niedrig, dass auch normal gebaute Menschen den Kopf einziehen mussten, und so eng, als wolle die Bruderschaft wohlbeleibten Leuten den Zutritt verwehren. Dawill und Tennant stiegen ab und starrten, einigermaßen verblüfft, den massiv ummauerten Zugang an, während Bailan die beiden Jibnats in ein nahe gelegenes Gatter führte.

Die stählerne Tür schwang beiseite, und von drinnen dröhnte der unverkennbare Bass Bruder Gralats: »Nur herein, und nennt Euer Begehr!«

Während er den Jibnats das Futter hinschüttete, das sie nach getaner Arbeit erwarteten, beobachtete Bailan die beiden Männer aus den Augenwinkeln. Seltsam. Einen Augenblick hätte man meinen können, sie würden jetzt noch umdrehen.

Aber dann machte Dawill den Anfang und trat zögernd durch die Öffnung, die mehr dem Zugang einer Höhle glich als der Tür zum Tempel allen Wissens. Tennant kam ihm nach und stieß sich prompt den Kopf am Türsturz. Bailan beeilte sich, ihnen zu folgen, denn das interessierte ihn mittlerweile brennend: was sie als Begehr nennen würden.

Die Pfortenkammer war ein einschüchternder, ungemütlicher Ort. Es roch nach Gruft, nach kaltem, feuchtem Fels und nach dem Ozon elektrischer Entladungen. Aus den Ecken richteten sich automatisch fokussierende Waffen auf die Neuankömmlinge, folgten mit verhaltenem Surren jeder ihrer Bewegungen. Bruder Gralat, ein großer Mann, der das Amt des Pfortenwächters bekleidete, seit Bailan sein Noviziat angetreten hatte, und der eine angesichts der kargen Ordenskost erstaunliche Körperfülle aufwies, stand hinter einem breiten, gemauerten, jahrhundertealten Tisch. Ein irisierend leuchtendes Detektorfeld in der Mitte des Raumes stellte unmissverständlich klar, welche Prozedur man über sich ergehen lassen musste, um durch das zweite Stahltor in der gegenüberliegenden Felswand gelassen zu werden.

Der Pfortenwächter maß die beiden Besucher mit einem Blick, in dem sich grundsätzliches Wohlwollen mit ebenso grundsätzlichem Misstrauen mischte. »Seid willkommen, Sucher«, sprach er die traditionelle Formel aus. »Zeigt mir, was Ihr mit Euch führt, und sagt mir, was Ihr zu wissen wünscht.«

Dawill schien dieses Ritual nicht sonderlich zu überraschen - im Gegensatz zu seinem Begleiter, dessen Blick immer wieder zu den dunklen Läufen der Waffen wanderte und der sich ziemlich unwohl unter ihnen zu fühlen schien. Aber er tat es Dawill nach, der seine Umhängetasche auf den Tisch hob und ihren Inhalt darauf ausbreitete.

»Bitte«, meinte Gralat mit einer einladenden Handbewegung zum Detektorfeld hin.

Dawill zögerte einen Herzschlag lang, trat dann aber entschlossen in den schimmernden Lichtzylinder. Nichts geschah. Keine Verfärbungen des Feldes, kein Alarmsignal. Das bedeutete, dass er keinerlei versteckte Waffen bei sich trug, keine Bomben, keine technischen Geräte, keine Gifte oder dergleichen. Der Detektor war in dieser Hinsicht nahezu unfehlbar.

Natürlich musste sich die Bruderschaft gegen Attentäter absichern. Immer wieder versuchten Abgesandte irgendwelcher dubioser Kulte im Pashkanarium Dokumente, die ihre Lehre als gottlos, verräterisch oder sonst wie verdammenswert erachtete, aufzuspüren und zu vernichten. Das war geradezu die klassische Art der Bedrohung in Zeiten der Dunkelheit. Aber wenn man den Überlieferungen glauben wollte - und Bailan sah keinen Grund, das nicht zu tun -, dann war dergleichen noch nie irgendjemandem geglückt.

Gralat nahm eines der Geräte aus Dawills Tasche und hielt es vor einen Analysator. »Das ist ein Funkgerät, nicht wahr?« Er drehte es in den Händen, bewunderte die moderne Machart. »Das wird Ihnen hier nichts nützen. Der Schild lässt keine Funksignale durch.«

»Es ist ein Kombinationsgerät«, erklärte Dawill und trat aus dem Detektorfeld, um Tennant Platz zu machen. »Ich will damit Bildaufzeichnungen machen. Soll ich es Ihnen

zeigen?«

»Ein Kombinationsgerät?« Bruder Gralat wiegte anerkennend den Kopf. »Erstaunlich.« Er drückte einen zierlichen Knopf, und eine hektische Folge holografischer Bilder - Reproduktionen aus Büchern, Sternatlanten, naturkundlichen Darstellungen - entstand in etwa zwei Handbreit Abstand vor der Schmalseite des Geräts. »Wirklich erstaunlich …«

»Sie entschuldigen«, meinte Dawill, nahm ihm das Gerät aus der Hand und schaltete die Wiedergabe ab. Offensichtlich hatte er es nicht so gern, wenn man mit seinen Sachen herumspielte.

Gralat hob die wild wuchernden Augenbrauen. »Ihr habt mir noch nicht gesagt, was Ihr zu wissen begehrt«, erinnerte er die Besucher und bedeutete Tennant mit einem Blick, das Detektorfeld wieder zu verlassen.

Dawill holte tief Luft und musste unwillkürlich husten. »Wir sind«, erklärte er, während er sich mit der flachen Hand auf die Brust klopfte, »an den ältesten Aufzeichnungen interessiert. Wir interessieren uns für die Ursprünge der Menschheit.«

Bruder Gralat tauschte einen raschen Blick mit Bailan, der vordergründig eine Aufforderung war, das Detektorfeld zu betreten. Aber der Novize konnte darin ein mühsam unterdrücktes Lächeln erkennen: die Ursprünge der Menschheit! Wie originell!

Jeder, der das Pashkanarium betreten wollte, gleich, ob er dem Orden angehörte oder nicht, musste ein Detektorfeld passieren. Das war unumstößliche Regel. Genauso unumstößlich wie die Regel, jeden Sucher mit seinem Anliegen ernst zu nehmen. Aber die Ursprünge der Menschheit waren nun einmal mit Abstand das beliebteste Thema. Bailan musste grinsen, während das Detektorfeld um ihn und in ihm zu flüstern schien. Bruder Illatu hatte ein komisches Talent, konnte einen zum Brüllen vor Lachen bringen, einfach, indem er sich hinstellte, mit harmlosem Gesicht und großen Augen und sagte: »Guten Tag, ich suche die Erste Erde …«

Bruder Gralat musste in diesem Augenblick bestimmt ebenfalls an Illatus Witze denken, aber er beherrschte sich mustergültig, führte die Gepäckkontrolle zu Ende und nickte mit einigermaßen ernsthaftem Gesichtsausdruck dazu. »Die Urspünge der Menschheit. Ein großes Thema …«

Bailan platzte fast, er musste sich wegdrehen. Das war von Bruder Illatu! Genauso ging es bei dem auch immer weiter!

»Ja«, erwiderte Dawill, während er seine Habseligkeiten wieder in seine Tasche stopfte. »Ich weiß.« Tennant sagte nichts. Er hatte genauso ein Kombinationsgerät wie Dawill auch.

»Im Pashkanarium«, erklärte der Pfortenwächter, »sollen sich Suchende nur in Begleitung eines Angehörigen unseres Ordens bewegen. Es ist ein großer und komplizierter Bau, in dem man sich ohne weiteres unrettbar verlaufen kann. Bruder Stem wird Euch in den Innersten Ring führen, der die ältesten Dokumente über die Menschheit enthält, und dort zu den Bereichen, die Euch interessieren. Der Novize, der Euch bisher begleitet hat, ist weiterhin für Euer leibliches Wohl zuständig, er wird für Unterkunft und so weiter sorgen … Bailan, du kannst jetzt das Detektorfeld verlassen. Oder glaubst du, es ersetzt die Dusche?«

Dawill und Tennant sahen einander verwundert an, als die beiden Ordensleute über diesen dürftigen Witz in schallendes Gelächter ausbrachen.

Bruder Stem war ein mageres altes Männchen, dem die Ordenskluft um die Knochen schlackerte, vor allem, weil er sich auf eine fahrige, abgehackt wirkende Weise bewegte. »Der Innerste Ring, ah ja. Verstehe«, sprudelte er los und nickte heftig mit dem Kopf dabei. »Dann hole ich uns mal einen Wagen, nicht wahr? Das ist weit. Zu weit zum Laufen. Besser, wir nehmen einen Wagen.« Sprach's und verschwand um die Ecke wie eine Flinkratte.

Der Pfortenwächter runzelte die Stirn. »Ich hatte ihm gesagt, dass Ihr einen Wagen braucht … Naja.«

Sie standen in dem breiten Gang, der hinter der Pfortenkammer parallel zur Außenmauer verlief. Es roch schon so, wie es überall im Pashkanarium roch - nach Staub, nach Leder, nach Jahrtausenden von Wissen.

»Jedenfalls«, fuhr Bruder Gralat fort und bedachte die beiden Sucher mit seinem wohlwollendsten Blick, »wünsche ich Euch, dass Ihr finden mögt, wonach Ihr sucht.«

»Danke«, sagte Tennant und hüstelte.

»Ich bin sicher, dass wir das werden«, setzte Dawill mit einem Nicken hinzu. Bailan meinte, den Schatten eines spöttischen Lächelns über sein dunkles Gesicht huschen zu sehen, so, als sei diese Bemerkung doppeldeutig gemeint gewesen - aber wie hätte sie das sein können?

Ein Surren wurde hörbar. Aus der Tiefe des Gangs kam Bruder Stem mit einem viersitzigen, elektrisch angetriebenen Wagen angebraust, rumpelte über die ausgetretenen Bodenplatten. Ein kleines spiegelndes Metallteil an der Lenkung blitzte immer auf, wenn er an einer der trüben, gelben Wandlampen vorbeifuhr.

»So«, machte er und brachte das Gefährt vor ihnen zum Stehen. »Alles eingestiegen und los geht's! Ist viel bequemer so, oder? Auf, auf, worauf wartet Ihr?«

Während sie einstiegen und Dawill unaufgefordert neben dem Fahrer Platz nahm, klopfte der Pfortenwächter Bruder Stem auf die Schulter und meinte: »Zügle dich ein bisschen, Bruder. Vielleicht wollen auch unsere Gäste ab und zu etwas erzählen, hmm?«

Bruder Stem nickte mit betrübter Miene, wollte etwas erwidern, ließ es dann jedoch.

Und los ging die Fahrt, kaum dass Bailan saß. Rumpelnd den Gang entlang und bei der nächsten Kreuzung im rechten Winkel ab, geradewegs auf das Zentrum zu. Türen, Treppen und schmale, dunkle Quergänge schossen vorbei. Kein Mensch war zu sehen. So groß die Bruderschaft auch war, sie verlor sich in dem endlosen Bau des Tempels.

»Und?«, hielt Bruder Stem das Schweigen schließlich nicht mehr aus. »Was gibt es Neues draußen im Reich? Der Pantap wohlauf?«

Dawill musterte den schmalen Alten amüsiert von der Seite, wie er da so saß, die Lenkung umklammernd, sagte aber nichts. Es war Tennant, der in die Konversation einstieg. Dem Pantap gehe es gut, ja.

»Trotz Krieg? Es ist doch noch Krieg, oder?«

»Ja, sicher.«

»Wir merken hier ja nichts davon. Ist weit weg. Aber man hat die beiden Schlachtschiffe abgezogen, die Pashkan bewacht haben. Jetzt ist nur noch das Wachfort übrig, das kann man nicht woanders hinbringen, jedenfalls nicht so leicht.« Er machte eine weit ausholende, wegwerfende Geste, mit der er Dawill beinahe ohrfeigte. »Was soll's, sag ich! Wir haben den Schild. Der schützt uns besser als alle Wachforts und Schlachtschiffe. Sollen sie uns doch Bomben auf den Kopf werfen, wir lachen da bloß.«

»Ich weiß nicht«, warf Dawill ein. »Der Schild reicht ja nicht überall bis zum Boden. Wenn die Bomben groß genug sind oder ungünstig fallen …«

»Ach, das hatten wir doch alles schon! Der Überfall der Bilderstürmer, Bailan, wann war das? Um zwölftausend?«

»Zwölftausendneunzehn«, bestätigte Bailan. »Nach der Zeitrechnung des Zweiten Direktoriums.«

»Genau. Zwölftausend. Damals haben sie uns eine Bombe in den Zugang zum Tal geworfen. Der lag damals woanders, im Süden, aber der Schild war auch etwa dreißig Armlängen hoch geöffnet.« Wieder eine eruptive Geste, diesmal in die Höhe. »Und was geschieht? Die erste Bombe bringt die Felswände rechts und links zum Einsturz und schließt damit den Schild komplett ab. Wir mussten bloß warten, bis der Spuk vorbei war, und dann einen neuen Zugang graben. Durch den seid ihr gekommen.«

»Nicht schlecht«, meinte Dawill versonnen.

»Und genauso wird dieser Spuk vorbeigehen«, prophezeite Bruder Stem. »Man muss sich das bloß mal vorstellen - aus einer anderen Galaxis! Nicht zu fassen. Stimmt doch, oder? Die kommen aus einer anderen Galaxis? Sind auch Menschen, aber eben …«

»Sie nennen es wohl das Kaiserreich«, sagte Tennant. »Niemand weiß, warum sie uns angreifen.«

»Was weiß das Pashkanarium eigentlich über das Kaiserreich?«, fragte Dawill und sah die beiden Ordensleute mit hintersinnigem Lächeln an. »Ich meine, bevor das alles losging, wusste ich nicht einmal, dass es in anderen Galaxien Menschen gibt.«

Bruder Stem lachte meckernd und bog wieder scharf in die Kurve. »Ja, ja - die Ursprünge der Menschheit. Ein großes Thema …«

Bailan musste unwillkürlich auch lachen, was ihre beiden Gäste wieder ziemlich irritierte.

Im nächsten Augenblick endete der Gang, spuckte sie aus in die Portalhalle, wo die beiden Sucher die Gesichter hoch- und die Augen aufrissen und alles vergaßen, worüber gerade gesprochen worden war. Jedem ging das so. Das Pashkanarium mochte von außen überwältigend wirken - von innen betrachtet sprengte es jedes Vorstellungsvermögen.

Hinter dem Portal lag - natürlich - eine Halle, eine große Schneise quer durch den ganzen Ring, die bis zum nächsten Portal im nächstinneren Ringwall führte. Groß? Es war ein Anblick, der einem den Atem rauben musste. Auf dem Weg bis zur Hallendecke schien die Sehkraft zu erlahmen. Die Portalhalle war so unfassbar groß, dass sich darin ein eigener Wetterkreislauf entwickelt hatte; im heißen, feuchten Sommer sammelte sich Luftfeuchtigkeit an, und sobald es Winter wurde, bildeten sich Wolken oben zwischen den titanischen Stützstreben, die von unten wie Haargespinst aussahen. Noch sah man nichts, aber in ein paar Wochen würde es regnen in den Portalhallen.

Und dazu diese Akustik … Es legte sich wie ein Druck auf die Ohren. Im ersten Moment, wenn man in die Halle kam, war jeder Widerhall verschwunden, sodass man das Gefühl hatte, sich im Freien zu befinden. Doch dann, ganz unmerklich, kamen die ersten Echos zurück, rollten mit so langer Verzögerung heran, von so weit entfernt, dass das Gehirn schier durchdrehte.

»Unglaublich«, hauchte Dawill. »Man hat mir davon erzählt, aber es zu sehen, ist wirklich … wie soll ich sagen …?«

Bruder Stem hielt mit vollem Tempo geradewegs auf die Pforte zu, die man nach dem Ausbau des Äußersten Rings so erweitert hatte, dass Fahrzeuge sie passieren konnten. »Weiter innen werden die Hallen kleiner«, verkündete er. »Aber auch die kleinen sind noch ganz schön groß, das kann ich Euch sagen!«

Auf halber Strecke legten sie eine Rast ein, setzten sich in einen leeren Versammlungsraum und verzehrten den Proviant, den Bruder Stem in einem Korb mitgebracht hatte.

»Riecht seltsam hier«, meinte Dawill und musterte die kahlen Wände. »Als wäre seit Jahren niemand hier gewesen.«

Bruder Stem nickte so heftig, wie er kaute. »Ist bestimmt so«, brabbelte er mit vollem Mund.

Er achtete darauf, dass die Beleuchtung abgeschaltet und die Tür wieder geschlossen wurde, ehe sie weiterfuhren.

Schließlich erreichten sie den Innersten Ring. Nach den Dimensionen, an die man sich in den äußeren Ringen gewöhnt hatte, kam einem hier alles sehr übersichtlich vor. Die Portalhalle war immer noch groß, gewiss, aber höchstens dreimal so groß wie der Thronsaal des Pantap. Die Gänge waren immer noch lang, gewiss, aber immerhin konnte man nun bei denen, die parallel zum Ringwall verliefen, eine Krümmung erkennen.

Zugleich jedoch war einem alles seltsam fremd, atmete ein Alter, das einen frösteln ließ. Türen trugen Aufschriften in alten, vergessenen Sprachen, in noch nie gesehenen Schriftzeichen. Man fasste an Wände aus massivem Sinit, jenem Gestein, das die Dichter als Metapher nahmen, wenn sie die Ewigkeit besingen wollten, und hatte nachher Felsstaub an den Fingern.

»Ich weiß nicht«, hörte Bailan Tennant murmeln. Dawill legte seinem Begleiter daraufhin die Hand aufs Knie, sagte aber nichts.

Auch Bailan wurde jedes Mal, wenn er in die Inneren Ringe kam, von einer eigenartigen Erregung erfasst. Von außen bis hierher zu fahren war, als mache man eine Zeitreise, und der Innerste Ring war so alt, dass man nicht anders konnte, als zu glauben, dass sich im Innersten, im Allerheiligsten, der Anfang aller Zeit finden musste. Wäre es nach Bailan gegangen, hätten die Sucher, die nach den Ursprüngen der Menschheit fahndeten, in hellen Scharen kommen können. Er würde nicht müde werden, sie hierher zu begleiten.

Sogar Bruder Stem wurde ein wenig ruhiger, zumindest für seine Verhältnisse. Er fuhr sie mit dem Elektrowagen so weit, bis die Gänge zu eng für Fahrzeuge wurden, und ließ sie aussteigen.

»Also, wie gesagt, Bailan wird sich um Euch kümmern«, meinte er dann, mit den Unterarmen auf die Lenkung gestützt und müde wirkend. »Er kann Euch sagen, wo welches Archiv zu finden ist und so weiter. Und die Zimmer und Waschräume, nicht wahr, Bailan?« Er zwinkerte wild mit den Augen.

»Alles klar«, nickte Bailan.

»Vergiss nicht, euch bei der Küche anzumelden«, erinnerte der Alte ihn und grinste die beiden Zentralweltler an. »Sonst kriegt ihr nichts zu essen, und die nächsten Sucher finden dann eure Skelette in den Bibliotheken …!« Unter wieherndem Gelächter brauste er mit seinem surrenden Karren davon.

Da standen sie nun mit ihren paar Habseligkeiten. Die Stille und die Vorstellung, wie viel gemauertes Gestein auf ihnen lastete, konnten einen schier erdrücken.

Dawill räusperte sich und deutete mit einer Handbewegung in die Richtung, in die Bruder Stem davongefahren war. »Sagte der Pfortenwächter nicht, dass er … ich meine …?«

»Ich kenne mich hier gut aus«, beeilte sich Bailan zu versichern. »Wirklich. Und wenn Ihr eine Übersetzung benötigt, weiß ich auch, welcher Bruder welche der alten Sprachen beherrscht.«

»So.« Der stämmige Mann schien nicht restlos überzeugt. Er nagte ein wenig an seiner Unterlippe, musterte Bailan und sah wieder den Gang entlang. »Er macht auf deine Kosten frei, oder wie sehe ich das?«

Bailan zögerte. Wie sollte er das erklären? Es war offizielle Regel, dass Sucher im Pashkanarium von einem Ordensbruder betreut wurden. Also hatte der Pfortenwächter das so formulieren müssen. Sollte er, der Novize, ihnen nun sagen, dass man Sucher, die sich für Themen wie den Ursprung der Menschheit interessierten, nicht für voll nahm? Dass sich diese Geringschätzung schon in der Auswahl Bruder Stems gezeigt hatte, der schließlich auch beschäftigt werden musste, aber nicht imstande gewesen wäre, jemanden zu betreuen, der etwa über die Geschichte der Direktorien forschte oder sich für Landbaumethoden auf Sumpfplaneten interessierte?

»Er weiß, dass ich gern hier im Innersten Ring bin«, meinte er schließlich lahm. »Und dass ich Euch hier so gut assistieren kann wie ein Vollbruder.«

Dawill nickte. Zumindest schien er sich damit abgefunden zu haben. Er musterte Bailan mit einem raschen Seitenblick. »Naja. Ich denke, wir werden zurechtkommen.«

War das nun anerkennend gemeint oder tadelnd? Schwer zu sagen. Bailan schulterte seine Tasche. »Ich nehme an, Ihr wollt zunächst ruhen nach der langen Reise? Die Unterkünfte befinden sich …«

»Nein«, unterbrach ihn Dawill. »Wir wollen so schnell wie möglich mit der Arbeit beginnen.«

»Gut«, meinte Bailan verblüfft. »Wie Ihr meint.«

Tennant nestelte ein zusammengefaltetes Papier aus seiner Brusttasche und reichte es Dawill. Der faltete es auf und hielt es Bailan hin, wobei er mit dem Finger auf eine Stelle zeigte. »Da wollen wir als Erstes hin«, erklärte er.

Bailan nahm das Blatt in die Hand. Die Zeichnung darauf war eine grobe, eine sehr grobe Skizze des Innersten Rings und seiner wichtigsten Archive. Die Stelle, auf die Dawill gezeigt hatte, war eine Bibliothek, die sowohl der Portalhalle als auch dem Allerheiligsten unmittelbar benachbart lag.

»Das Quolonuoiti-Archiv«, stellte Bailan fest. »Wieso ausgerechnet das?«

Dawill bleckte die Zähne zu einem freudlosen Lächeln. »Wir wollen natürlich anders vorgehen als alle, die vor uns da waren. Denn die sind ja zu keinem Ergebnis gelangt.«

»Aber das Quolonuoiti-Archiv enthält nur alte Gesänge, Lieder, Gedichte … Kochrezepte …«

»Wir wissen, was es enthält.«

»Woher?« Bailan hob das Papier in die Höhe. »Und woher habt Ihr diesen Plan?«

»Von jemandem, der schon einmal hier war«, erklärte Dawill. »Wir führen seine Arbeit fort.«

»Aber das ist nicht erlaubt.« Bailan drehte das Blatt mit der Skizze unschlüssig in den Händen. Irgendwie wollte ihm das alles überhaupt nicht gefallen. »Die Bruderschaft will nicht, dass der Bauplan des Tempels bekannt wird.«

»Schon gut«, meinte Dawill und zupfte ihm das Papier wieder aus den Fingern. »Du wirst das ja wohl kaum als Bauplan bezeichnen. Was ist - kannst du uns jetzt dorthin führen oder nicht?«

Es ging, zu Dawills Verblüffung, ein paar Treppen hinauf. Nicht weit, verglichen mit der Anzahl der Geschosse, die auch der Innerste Ring aufzuweisen hatte, aber immerhin. Das hatte auf Dawills Skizze nicht gestanden. Tatsächlich fanden sich in den weiter innen liegenden Ringen zu ebener Erde fast ausschließlich Funktionsräume. Das hatte vor allem damit zu tun, dass das Pashkanarium in seinen früheren Ausbaustufen noch von gelegentlichen Hochwassern bedroht gewesen war. Inzwischen hatte der Bau die meisten Flüsse und Bäche ringsum überwuchert, und es hätte wohl hundert Jahre ununterbrochen und in Strömen regnen müssen, um auch nur die erste Ebene unter Wasser zu setzen.

Dawill zeigte sich beeindruckt, als Bailan ihm diese Zusammenhänge erklärte. »Ich habe mich immer gefragt, warum die Bruderschaft das Archiv nicht unterirdisch angelegt hat«, meinte er.

»Oh«, machte Bailan. Was für eine Vorstellung! »Der Tempel steht auf massivem Sinit, der größten geschlossenen Felsplatte auf Pashkan. Das wäre …«

»Ziemlich in Arbeit ausgeartet«, nickte Dawill. »Verstehe.«

»Und wir haben ja den Schild.«

»Genau«, meinte der untersetzte Sucher mit seltsamem Lächeln. »Der Schild.«

Weite Gänge, schmale Gänge, Wandelhallen, Treppenschächte, Rampen, weite Aufgänge - die innere Struktur des Pashkanariums kam einem, wenn man das erste Mal versuchte, sich allein darin zurechtzufinden, wie der Albtraum eines Architekten vor. Nach einiger Zeit, vorausgesetzt, man war bis dahin nicht verloren gegangen, fielen einem bestimmte Muster auf, die sich zu wiederholen schienen. Und schließlich, ausgerechnet im Laufe des Studiums der alten Sprachen, begriff man: Die innere Architektur des Pashkanariums bildete die Zeichen des Utak nach, jenes uralten Alphabets, in dem die Gründer geschrieben hatten. Jede Ebene in jedem Ring verkörperte einen Spruch. Kannte man diesen Spruch, fand man sich zurecht. Sobald man alle Sprüche beherrschte, konnte man sich im gesamten Pashkanarium bewegen und hinfort darüber nachdenken, was die zum Teil sehr dunkelsinnigen Sätze bedeuten mochten.

Sie betraten eine Utak-Weisheit, die übersetzt in etwa »Wer eine Wahl hat, hat auch eine Verantwortung« lautete, bei der Spitze des Personen bestimmenden Lanta-Zeichens. Das Quolonuoiti-Archiv befand sich in der bauchigen Wölbung des letzten Nephots. Wenn man das wusste, war es leicht. Kein Wunder, dass die Bruderschaft dieses Geheimnis sorgfältig hütete.

»Bitte sehr«, verkündete Bailan, öffnete den Türflügel und schaltete das Licht ein. »Das Archiv des Fürsten Quolonuoiti.«

Die Köpfe der beiden Männer kippten nach hinten, ihre Münder klappten auf, ihre Blicke wanderten die Regale empor, die die Wände des Raumes komplett bedeckten, der so breit wie tief war und so hoch wie breit. Vier Galerien, durch schmale Treppen untereinander verbunden, liefen ringsum und erlaubten den Zugriff auf die Folianten, die gebundenen und gehefteten Bücher, die Handschriften, Drucke, Dokumente aus Papier, Folie, Glas und Metall. Hier und da hingen Gemälde an den Wänden, kostbare Kunstwerke, die schöne Frauen in verführerischen Posen darstellten. Der Fürst war den Annehmlichkeiten des Lebens sehr zugetan gewesen.

Bailan ging voraus, legte die Hand auf ein hölzernes Möbel. »Das ist der Katalog.« Die Archivräume in den inneren Ringen waren alle ähnlich aufgebaut, abgesehen vom Grundriss. »Und hier sind Arbeitstische, Lesepulte, Lesegeräte für Metallgravuren und so weiter.«

»Kolossal«, murmelte Tennant. Er schien nicht zugehört zu haben. Wie verzückt wanderte er die unterste Regalreihe entlang, strich mit ausgestreckten Fingern über Buchrücken, las murmelnd die Aufschriften.

Er beherrscht Utak!, erkannte Bailan verblüfft. Wieso erstaunte ihn das so? Irgendwie hatte er dem blassen, schmalen, fast krank aussehenden Mann nichts zugetraut. Dawill schien es zu sein, der bestimmte, wo es langging.

»Angenommen«, trat der murmelnd an seine Seite, »angenommen, einem von uns würde etwas passieren - könnten wir dann Hilfe rufen?«

»Etwas passieren?« Bailan riss die Augen auf.

»Krank werden, zum Beispiel«, erläuterte Dawill mit mühsam gezügelter Ungeduld. »Einer von uns könnte einen Anfall bekommen. Einfach umkippen.«

Bailan sah zu Tennant hinüber, der vor einem der Lesepulte im hinteren Teil des Raumes stehen geblieben war, auf dem, wer weiß, wie lange schon, ein Buch aufgeschlagen lag. Er hatte sein Kombigerät herausgezogen und begonnen, eine Art Tagebucheintrag zu sprechen: »… im Innersten Ring des Pashkanariums …«, hörte Bailan ihn sagen, »… den Archivraum erreicht, den wir gesucht haben …« Er sah wirklich aus wie ein Gespenst.

»Es gibt ein Interkomsystem«, erklärte der Novize beunruhigt. »Dort neben der Tür. Damit können wir Alarm …«

In diesem Augenblick drangen fremde, krachende Geräusche aus Tennants Kombigerät. Bailan hielt inne, starrte den dünnen Mann erschrocken an. Dann hörte er zu seiner maßlosen Verwunderung Wortfetzen heraus.

»Er spricht mit jemandem!«, rief er aus. Er sah Dawill an, den Arm ausgestreckt, auf Tennant zeigend. »Er … Ich dachte, das ist für Aufzeichnungen von … Mit wem spricht er?«

Der stämmige Mann legte ihm die Hand auf die Schulter, und diese Hand wurde plötzlich erdrückend schwer, sodass Bailan sich auf den nächsten Stuhl setzen musste. Er schaute hoch in Dawills dunkles Gesicht, las Wohlwollen in diesen Augen, aber auch unerbittliche Entschlossenheit.

»Mein Junge«, sagte der Mann, »es ist besser, du bleibst jetzt ganz still hier sitzen. Ich kann dich gut leiden. Ich möchte nicht, dass dir etwas passiert.«

2

Der Planet hing in der Schwärze des Alls, wie eine kostbare Blase aus hauchdünnem, farbigem Glas - leuchtend, grün und blau und braun, von weißen Schlieren überhaucht.

Ein gewaltiger Anblick aus dem Cockpit eines kleinen, antriebslos dahintreibenden Raumjägers.

Aber der Mann an den Steuerkontrollen sah nicht mehr nach draußen. So etwas konnte man nur begrenzte Zeit anschauen. Er beobachtete die Instrumente und rührte sich ansonsten nicht. Er wartete. Und er wusste, dass er noch lange Zeit würde warten müssen, länger als jemals zuvor in seinem Leben.

Er war nicht der Einzige. Ein ganzer Schwarm Jäger trieb, aus der Richtung der Sonne kommend, auf den Planeten zu, tot, schweigend, kaltes Metall. Doch während er darauf wartete, dass die ereignislose Zeit vorüberging, lagen die anderen Piloten alle in einem chemisch induzierten Tiefschlaf. Sie würden schlafen, bis ihnen eine automatische Injektionsmanschette auf einen Funkimpuls hin einen entsprechenden Antagonisten spritzte. Und er war es, der diesen Impuls würde auslösen müssen.

Wenn es so weit war.

Auf den Instrumenten war der Planet beinahe dunkel. Geringe Emissionen auf den Funkfrequenzen, nahezu Stille auf den höherdimensionalen Frequenzen. Die Welt war dünn besiedelt, und ihre Bewohner legten nicht viel Wert auf Technik.

Doch einen hellen Punkt gab es - außerhalb des Planeten, ihn in geringer Höhe umkreisend. Dieser Punkt war der Grund, warum die Jets sich mit ausgeschalteten Triebwerken und minimaler Energieleistung näherten. Dieser Punkt war die Ursache seines schier unerträglichen Wartens.

Sie würden, wenn alles nach Plan verlief - nach diesem Plan, der sich so schlicht und raffiniert angehört hatte im Besprechungsraum, und von dem er jetzt erst erlebte, was er ihm Übermenschliches abverlangte -, niemals durch die Sichtscheiben ihrer Cockpits sehen, wofür dieser Punkt maximaler Energieemission stand: ein Wachfort. Ein kleines Wachfort, der geringen strategischen Bedeutung des Planeten entsprechend, aber immer noch so stark bewaffnet, dass es mit einer einzigen Salve seiner Geschütze den gesamten sich nähernden Schwarm von Jägern in eine Wolke ionisierter Moleküle hätte verwandeln können.

Doch wenn alles nach Plan verlief - nach diesem Plan, der an Wahnwitz grenzte -, würde das Wachfort niemals von der Existenz dieser Jets erfahren.

Der Mann schloss die Augen. Vielleicht konnte er ein wenig dösen. Und wenn nicht, war es dennoch besser, die Uhr nicht zu sehen, die so quälend langsam die Stunden zählte.

Tage. Es waren noch Tage, die er würde warten müssen. Tage, die er sich nicht richtig würde bewegen können, nicht waschen, nicht kratzen. Tage, in denen er Konzentratnahrung essen und für alle Körperausscheidungen die Einrichtungen des Raumanzugs beanspruchen musste. Tage des Gestanks, Tage abgrundtiefer Langeweile. Die Ablenkungen - Musik, Lektüre - waren längst ausgeschöpft. Auf ihn warteten Tage, die seine bebenden Nerven bis an den Rand der Belastungsfähigkeit spannen würden.

Aber sie würden auf diese Weise den Ortungsring unbemerkt passieren - einfach, indem sie nichts taten.

Der Mann konzentrierte sich auf die Beobachtung seiner Atemzüge. Das hatte er geübt, ehe sie aus dem Mutterschiff ausgeschleust worden waren, das auf der anderen Seite der Sonne wartete. Jemand hatte es als heißen Tipp gehandelt, als die einzige Chance, die Zeit durchzustehen.

Es war verdammt hart, nichts zu tun.

Jagdschwarmführer Hiduu beobachtete die Kontinente, wie sie über das beobachtbare Rund wanderten und von der schmalen Dämmerungszone aufgesogen wurden. Angenehme Stunden lang fiel er in einen Zustand zwischen Wachen und Schlafen und glaubte, Gesichter in den Wolken, den Seen und Bergen zu erkennen, die ihrerseits ihn beobachteten, ihm zuerst freundlich zulächelten, um im Lauf der Zeit immer grimmiger dreinzublicken, bis er hochschreckte.

Wieder ein Rundblick. Kontrolle der passiven Ortung. Die Formation war unverändert, von minimalen Verschiebungen abgesehen.

Er drehte den Kopf, nach rechts, nach links, bis die Verspannungen im Nacken spürbar wurden. Er hätte wer weiß was dafür gegeben, jetzt aufstehen und losrennen zu können. Nie wieder würde er so etwas wie das hier auf sich nehmen, nie wieder. Und wenn er zurück war, würde er jeden Tag rennen, das ganze Schiff entlang, vom Bug zum Heck und zurück.

Er malte sich aus, welche Route er nehmen würde. Start hinter der Fernortung ganz vorn. Dann durch die Labors, am besten den Gang zwischen dem astronomischen und dem planetologischen Labor entlang. Die Quartiere umrunden, entweder die Rampe zum Sektor der Niederen hinunter oder auf der Promenade. Die Lagerräume entlang. Den Beibootschächten ausweichen - dazu würde er die Treppe eins höher nehmen müssen, die auf den Gang hinter den Waffensystemen führte. Doch solange keine Alarmbereitschaft herrschte, war das unproblematisch. Und dann, endlich, der Maschinenraum, mit seinen endlosen Laufstegen. Ha, wie das dröhnen würde, tschapp-tschapp-tschapp über die Metallroste! Nur nicht den Kopf anstoßen im Bereich der Energiestationen. Auf die Zustandsanzeigen achten im Triebwerksbereich. Den Abstrahlring umrunden und …

Das Signal.

Zuerst begriff er nicht. Hatte zu lange gewartet, um glauben zu können, dass es wirklich geschah. Da war nur ein gelbes Rechteck, das in regelmäßigen Abständen hell aufleuchtete. Ein seltsames, blinkendes Licht.

Dann, endlich, änderte sich die Interpretation. Er begriff, dass die Zeit der Qual vorüber war, und musste an sich halten, um nicht in Tränen auszubrechen. Sein Herz hämmerte plötzlich wild, als er die Taste unter dem Lichtsignal drückte.

»Wir befinden uns im Innersten Ring des Pashkanariums«, brach eine verzerrte Stimme überlaut aus den Lautsprechern. »Wir haben den Archivraum erreicht, den wir gesucht haben, direkt neben der Portalhalle, in der sich der Zugang zum Zentrum befindet. Die Frage ist im Augenblick, ob die Relais wie geplant funktionieren. Das wäre am besten durch eine Rückmeldung zu beweisen.«

Hiduu räusperte sich und griff nach dem Mikrofon. »Die Relais funktionieren. Ich kann Sie hören.«

»Dann sind die geforderten Bedingungen geschaffen«, kam die Antwort mit einem Herzschlag Verzögerung.

Hiduu fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er schwitzte, seine Haut fühlte sich klebrig an und schmutzig. Er musste zu sich kommen, vollkommen wach werden … Die Ortung sah gut aus. Das Wachfort lag im Planetenschatten. Zeit zu handeln.

»Ich aktiviere den Jägerschwarm«, erklärte er und drückte die Taste, die das vorbereitete Aufwecksignal an die anderen Jäger abstrahlte. Er startete die Aktivierungssequenz, die seine eigene Maschine nach und nach aus einem scheintoten Metallklumpen in ein voll einsatzbereites Fluggerät verwandeln würde. »Ich melde mich nach Rücksprache mit dem Kommandanten. Ende.«

Schalter drehen, Knöpfe drücken. Routinierte, tausendfach geübte Bewegungen. Mit jeder davon fand er weiter zurück in die Wirklichkeit. Die Richtantenne veränderte ihren Vektor, peilte den winzigen Satelliten an, der unsichtbar über der Korona der Sonne kreiste und die Funkverbindungen zum Mutterschiff weiterleiten würde, das auf der anderen Seite wartete. Ein Tastendruck strahlte das Rufsignal ab, überlichtschnell, zeitlos.

Keine Antwort.

Hiduu starrte den Planeten an, der erdrückend groß schräg über ihm zu hängen schien. Sie waren schon verdammt nah herangekommen. Innerhalb der nächsten Stunden hätte er die anderen ohnehin wecken müssen. Sie mussten entweder losschlagen oder abbrechen.

Und der Mann, der das zu entscheiden hatte, reagierte nicht. Hiduu gab das Rufsignal noch einmal, kontrollierte dabei die Borduhr, die nach Gheerhzeit ging wie alle Uhren der Flotte. Nein, es war nicht Nacht. Ausgeschlossen, dass der Kommandant schlief.

Er sah sich um. Die anderen Jäger glitzerten winzig und silbrig in der Ferne. Der Verband war etwas auseinandergedriftet in den letzten Tagen, aber das machte nichts, und es wäre auch nicht zu verhindern gewesen. Was war mit dem Kommandanten? Ausgeschlossen, ohne sein Wort zu handeln. Aber in dem Augenblick, in dem sie ihre Triebwerke zündeten, musste entschieden sein, in welche Richtung es gehen sollte.

Hiduu presste die Taste ein drittes Mal, und da, endlich, krachte es aus dem Lautsprecher.

»Quest!«

Der Tonfall dieser Stimme jagte Hiduu einen Schauder über den Rücken. Der Kommandant klang, als habe er diesen Augenblick in tagelanger äußerster Anspannung herbeigesehnt.

»Hiduu hier, Erhabener Kommandant«, sagte der Führer des Schwarms. »Wir haben soeben das Signal erhalten.« Er musste schreien, um das Geräusch des hochlaufenden Energiereaktors zu übertönen.

»Gut!«, kam es zurück. »Endlich. Dann gehen Sie vor wie geplant.«

»Ich bestätige, Kommandant. Der Einsatzbefehl ist erteilt.«

»Korrekt. Einsatzbefehl ist erteilt.« Die Verbindung wurde so jäh unterbrochen, wie sie aufgebaut worden war.

Hiduu verharrte einen Augenblick. Seine Wahrnehmung schien sich zu verändern in diesem winzigen Moment - oder war es der Stahl ringsum, der plötzlich stählerner wurde, der endlose Raum außerhalb des Jägers, der noch endloser, das Dröhnen der Maschine, das noch dröhnender wurde? Er kannte dieses Gefühl, diesen Zustand. Es ließ ihn ganz da sein, alles andere vergessen. Der Einsatz begann genau jetzt, in diesem Augenblick.

»Hiduu hier«, sprach er in das Mikrofon des Normalfunks, der die anderen Jäger und, über die Relais, die Bodengruppe erreichte. »Wir haben Einsatzbefehl.«

Bailan saß gehorsam auf seinem Stuhl und fragte sich, worauf die beiden Männer warteten. Abgesehen davon, dass er sich fragte, was zum Buchfraß hier eigentlich vor sich ging.

Dawill saß auf einem anderen Stuhl, nur ein paar Schritte entfernt. Es war schwer zu erkennen, ob er ihn beobachtete oder Tennant, der die erste Galerie erklommen hatte und in den Büchern dort schmökerte, als sei überhaupt nichts und als hätten sie alle Zeit der Welt. Das Kombigerät lag eingeschaltet auf dem Tisch, Dawills dunkle, massige Hand gleich daneben.

»Man kann nichts stehlen aus dem Pashkanarium«, sagte Bailan in die Stille hinein.

Tennant raschelte weiter in den Büchern. Dawill schien ihn nicht gehört zu haben, er saß weiter regungslos, in sich zusammengesackt da.

»Jedes Dokument ist markiert«, fuhr Bailan fort. »Das Detektorfeld entdeckt es unweigerlich.«

Er hörte Tennant leise lachen. Dawill drehte ihm seufzend das Gesicht zu. »Warum erzählst du uns das?«, fragte er.

Bailan erwiderte den Blick, schluckte schwer. »Ihr habt doch etwas vor!«

»Was denn?«

»Keine Ahnung.« Sein Bein fing an zu zucken, ohne dass er etwas dagegen hätte machen können. »Das will ich ja gerade herausfinden.«

Tennant lachte wieder. Es klang nervös. Das Blättern in den Büchern, erkannte Bailan, war reine Nervosität.

Dawill schüttelte den Kopf. »Lass es.«

»Nein!« Bailan sah die beiden an. Tennant, der an der Brüstung stand, die Hände so fest um den stählernen Handlauf geklammert, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Dawill, der ihn lauernd beobachtete und offenbar zu atmen aufgehört hatte. Er hatte eine kleine Narbe an der Schläfe, die mitten durch sein Clanzeichen lief und es seltsam verzerrte - und jetzt gerade schien diese Narbe weiß zu leuchten. »Nein, ich lasse es nicht. Ich weiß zwar nicht, was Ihr vorhabt, aber vielleicht kann ich Euch davon abhalten.«

»Das kannst du nicht, glaub mir.«

»Ihr wisst nicht alles über das Pashkanarium. Ihr ahnt nicht einmal, auf wie viele Arten man Euch überwachen, durchleuchten, untersuchen kann. Und Ihr wisst nicht, welche Strafen auf Euch warten.« Bailan stieß die angehaltene Luft mit einem schmerzvollen Stoß aus. Es musste gesagt werden. »Ich kann Euch gut leiden. Ich will nicht, dass man Euch tötet.«

Eine Pause trat ein, in der die beiden einen überraschten Blick tauschten.

Tennants Gestalt straffte sich, was allerdings an seiner grundsätzlich schiefen Körperhaltung nichts änderte. Er murmelte etwas wie »Das ist ja reizend« und wandte sich wieder den Buchrücken zu.

Dawill griff nach dem Kombigerät, schob es ein wenig umher und meinte dann: »Ich mache mir eher Sorgen um dich, Bailan. Du bist noch Novize. Du begleitest zwei Sucher, und diese beiden Sucher verstoßen gegen die Gesetze Pashkans. Was werden sie mit dir machen?«

Bailan zögerte. Das wusste er tatsächlich selber nicht.

»Aber wenn es dich so brennend interessiert …« Dawill studierte die Anzeige des Kombigerätes. »Du wirst das nicht wissen als Novize, aber der Hohe Rat eurer Bruderschaft hat vor etlichen Zehntagen einen Brief erhalten, vom Pantap persönlich. Der Brief enthielt die Aufforderung, der Regierung von Gheera bestimmte Dokumente zur Verfügung zu stellen, die sich im Pashkanarium befinden. Dokumente, denen die Regierung entscheidende Bedeutung im Krieg gegen die Invasoren zumisst. Doch der Rat«, sagte Dawill grimmig und knallte das Gerät zurück auf die Tischplatte, »weigerte sich.«

»Pashkan ist exterritorial«, erwiderte Bailan und runzelte die Stirn. »Die Bruderschaft genießt seit jeher einen Sonderstatus. Niemand, nicht einmal der Pantap, hat ihr zu befehlen.« Er konnte kaum glauben, was er hörte. »Abgesehen davon hat noch nie ein Dokument den Tempel wieder verlassen. Das wäre … ich weiß nicht. Ohne Beispiel.«

»Das mag sein«, meinte Dawill unbeeindruckt. »Aber einmal ist immer das erste Mal.«

Das konnte doch alles nicht wahr sein. Der Novize merkte plötzlich, dass er schon seit einer ganzen Weile angefangen hatte, den Kopf zu schütteln, ganz leicht, mit winzigen, fast unsichtbaren Bewegungen, als hätte ihn eine Nervenkrankheit befallen. »Aber was …?« Sein Blick irrte die hohen Regale empor, Tausende von Buchrücken, Faltschachteln und Schriftrollen entlang. »Hier gibt es doch nur … was weiß ich, Kochrezepte, Liebesgedichte, Trinklieder … Briefe von fürstlichen Verwaltern … Welche Dokumente hier könnten wichtig sein für einen Krieg?«

»Oh, Kochrezepte und Trinklieder können außerordentlich wichtig sein in einem Krieg«, lächelte der korpulente Mann, der auf seinem Stuhl hockte wie ein Sack nass gewordenen Cuja-Mehls. »Aber du hast recht. Es ist nicht dieses Archiv, das uns interessiert. Wir sind hier nur, weil es dem Zentrum des Pashkanariums unmittelbar benachbart ist. Was der Pantap benötigt, sind alle verfügbaren Informationen über die nichtmenschlichen Rassen.«

Das Begreifen des ungeheuerlichen Plans, in den er ohne sein Wissen verstrickt war, sprang Bailan an wie ein Tier, nahm ihm den Atem, brachte beinahe sein Herz zum Stillstand. »Das … das Allerheiligste? Ihr wollt ins Allerheiligste eindringen?«

Dawill nickte langsam. »Um genau zu sein: Wir werden es mitnehmen.«

Sie hielten sich nicht damit auf, eine saubere Formation herzustellen. Für das, was sie vorhatten, waren Formationen ohne Belang. Viel entscheidender war, dass das Wachfort in wenigen Augenblicken wieder hinter dem Rund des Planeten auftauchen würde, und bis dahin mussten sie aus dem Orbit verschwunden sein.

Die Triebwerke zündeten, wie ein Gewitter blauweißer Blitze zuckte es vor dem dunklen Hintergrund der Sterne. Die Jäger, klobige, massive stählerne Kolosse, warfen sich herum wie leichtes Spielzeug und tauchten hinab in die Lufthülle, in weiten, eleganten Flugbahnen voller Kraft und Behändigkeit. Für wenige Augenblicke glühte die Atmosphäre entlang dieser Bahnen auf, dann verglomm die verräterische Spur, und die dunklen Maschinen stürzten fast senkrecht hinab auf die südlichen Steppen Pashkans. Niemand lebte hier, abgesehen von Millionen kleiner Wühler, von denen die, die sich gerade an der Oberfläche befanden, innehielten und mit mummelnden Backen hinaufsahen in den Himmel, aus dem ein vielstimmiger, röhrender Schrei herabbrüllte und immer lauter und lauter wurde.

Die vorsichtigeren Wühler machten, dass sie wieder in ihre Bauten kamen. Jene, deren Neugier überwog, sahen, wie dunkle Punkte am Firmament sichtbar wurden, herabstürzend, schneller als fallende Steine, rasch größer und lauter werdend. Mit gnadenloser Wucht schienen sie sich in den Boden bohren zu wollen, doch im letzten Moment geschah etwas, etwas grell Blitzendes, und die übermächtigen Gebilde schossen mit Weltuntergangsdonner über die pashkanischen Wühler hinweg, wirbelten sie in hohem Bogen durch die Luft und ließen sie für Tage taub werden.

Die Jäger schossen nordwärts, auf das Große Massiv zu. Nach und nach ordneten sie sich dabei zu einer Kette. Sie flogen so dicht über dem Boden, dass sie ihn mit ihrer bloßen Lautstärke umpflügten. Das Steppengras presste sich flach nieder wie eine riesige Schleifspur, und wenn sie Wasserläufe, Seen oder Meeresbuchten überflogen, zerstob das Wasser hinter ihnen zu Wolken feinen Nebels. Steine platzten in der Druckwelle.

Wie man auf die bloße Idee kommen konnte …!

Bailan wusste nicht, was er sagen sollte. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, sah umher, musste sich vergewissern, dass er nicht träumte. Das Allerheiligste rauben zu wollen. Das war … nicht nur vermessen. Das war schon lächerlich. Diese beiden Männer? Er musste unwillkürlich grinsen.

Aber er hatte recht gehabt mit seinem Gefühl. Die ganze Zeit. Er hatte die ganze Zeit geahnt, dass die beiden keine normalen Sucher waren.

»Ein galaktischer Krieg ist ein Phantom«, sagte Dawill in die gespannte Stille hinein. Was redete er da bloß? »Man hört nichts davon, man sieht nichts davon. Es wird nur darüber geredet. In dem Moment, in dem man etwas davon am eigenen Leib spürt, ist es bereits zu spät.«

Natürlich würden sie scheitern. Alle waren sie gescheitert. Es hatte Kriege um das Pashkanarium gegeben, planetare Kriege, ausgetragen mit nuklearen Waffen, mit Giftgas, mit riesigen Belagerungsheeren. Das war lange her, aber in den umliegenden Tälern konnte man noch Spuren davon finden - glasig verschmolzene Felshänge, giftige Quellen, vergessene Schädelstätten. In späteren Zeitaltern waren gewaltige Raumschiffe über dem Tempel erschienen, um am Schild der Eloa zu scheitern, der armdicke Energiestrahlen ebenso leicht abwies wie geschleuderte Felsbrocken. Die Chronik des Ordens verzeichnete unzählige solcher Vorfälle.

Aber das waren Geschichten, die einem die älteren Ordensbrüder abends beim warmen Wein erzählten, um sich an den ungläubig staunenden Gesichtern der Novizen zu weiden. Er hätte sich nie träumen lassen, einmal selbst in eine solche Geschichte verwickelt zu werden.

Wie es aussah, würde er es sein, der sich in Zukunft an ungläubig staunenden Gesichtern weiden konnte.

Dawill griff wieder nach dem Kombigerät, verfolgte die Anzeige darauf. »Die Invasion ist auch so ein Phantom«, meinte er nachdenklich. »Viele Leute denken, man macht Witze, wenn man davon spricht. Dein redseliger künftiger Ordensbruder zum Beispiel. Andererseits kann man ihm das kaum zum Vorwurf machen, wenn sogar euer Hoher Rat so denkt.«

Bailan betrachtete die beiden Männer und spürte einen Stich bei dem Gedanken, mitzuerleben, wie sie ihr Leben verwirkten. Der Tempel war exterritoriales Gebiet, immer gewesen. Hier galten einzig die Gesetze der Bruderschaft. Und diese Gesetze sahen die Todesstrafe bereits für den Versuch vor, das Allerheiligste unerlaubt zu betreten.

»Aber die Invasion ist kein Witz«, versicherte der füllige Mann mit der dunklen Haut der Zentralweltler - der in naher Zukunft vor dem Ordensgericht stehen würde, vor dem auch er, Bailan, würde aussagen müssen. »Alles andere als das. Vermutlich ist es nicht einmal übertrieben, in ihr eine ernsthafte Gefahr für unsere gesamte Zivilisation zu sehen. Ernsthaft genug jedenfalls, um das zu tun, was wir tun werden.«

Tennant kam die Treppe herunter, seine Schritte scharrten klappernd auf dem Metall. »Was machst du da eigentlich?«, fragte er. »Dich vor dem Jungen rechtfertigen?«

»Ich vertreibe mir nur die Zeit«, erwiderte Dawill, der die Anzeige des Kombigeräts die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte. »Aber ich glaube, es geht gleich los.«

»Ihr werdet es nicht schaffen«, erklärte Bailan. Vielleicht gab es noch einen Ausweg, noch eine Rettung für die beiden. Bis jetzt hatten sie immerhin nur davon geredet, gegen die Gesetze zu verstoßen, aber sie hatten noch nichts getan. Wenn er sie davon überzeugen konnte, aufzugeben …

Dawill erhob sich schwerfällig und zog sich die Kleider zurecht, die ihn zu kneifen schienen. »Ich wundere mich, dass du nicht fragst, wie wir es überhaupt anstellen wollen«, sagte er. »Ich meine, das Allerheiligste forttragen - das kann man wohl kaum mit unseren zwei kleinen Umhängetaschen.«

Bailan spürte, wie sich seine Gedanken plötzlich verhaspelten. Was hatte er übersehen?

»In diesem Augenblick«, erklärte der Mann in beiläufigem Ton, »ist ein Schwarm Raumjäger hierher unterwegs. Sobald sie den Schild passiert haben, werden sie sich an unseren Peilsignalen orientieren. Natürlich ist auch ihre Ladekapazität beschränkt, doch für unsere Zwecke wird es genügen.«

»Den Schild passieren?«, hörte sich Bailan erwidern. Seine eigene Stimme klang ihm grässlich kieksend in den Ohren, und etwas an der Art, wie Dawill das sagte, ließ ihm ein vages Unbehagen kalt die Wirbelsäule hinaufkriechen. »Niemand kann den Schild passieren.«

»Wir haben ihn doch auch passiert.«

»Aber wir sind zu Fuß gekommen!«

Dawill lächelte kaum merklich, dann erklärte er ihm, was sie getan hatten und was sie vorhatten. Als Bailan begriff, schrie er unwillkürlich auf.

Die Jäger näherten sich dem Nordmassiv. Aus einem schmalen Strich am Horizont waren eindrucksvolle Berge erwachsen, die rasend schnell heranrückten. Das Kartenmaterial von Pashkan hatte sich als exakt erwiesen, wäre allerdings auch entbehrlich gewesen. Die Stadt mit dem Raumhafen war schon aus weiter Ferne auszumachen. Die Kette der Jäger schlug einen weiten Ausweichkurs ein. Natürlich würden sich die Menschen dort trotzdem wundern über den Lärm, der, scheinbar aus dem Nichts kommend, den Himmel erfüllte. Aber erstens lebten nach den langen Jahren des Friedens nur noch wenige, die das eigentümliche Geräusch tief fliegender Raumjäger auf Anhieb identifizieren konnten, und zweitens würden die Maschinen, bis der Schall die Stadt erreichte, diese bereits passiert haben. Es war nicht damit zu rechnen, dass man dort Maßnahmen ergreifen würde, und wenn, dann nicht schnell genug, um ihnen gefährlich zu werden. »Ich orte das Eingangsrelais«, gab Hiduu an seine Piloten durch, als ein farbiger Punkt auf seinen Schirmen aufleuchtete, genau an jener Stelle des symbolisch nachgezeichneten Terrains, an der er es erwartet hatte. »Achtet auf strenge Kettenformation. Tiefer gehen und das Programm der automatischen Steuerung aktivieren - jetzt!«

Er musste selber schlucken, als er seine eigenen Befehle befolgte. Die Felswände schienen nach ihm zu greifen. Alles in ihm wollte die Maschine hochziehen, fort von diesen zerklüfteten Hängen und gähnenden Schluchten, stattdessen drückte er sie hinab, hinein in eine Umgebung, für die sie nicht entworfen worden war.

Doch das Schlimmste war, den Steuerhebel loslassen zu müssen. Obwohl er sich sagte, dass Dawill ein erfahrener Pilot war, der wusste, worauf es ankam. Obwohl er wusste, dass kein menschliches Wesen imstande gewesen wäre, die Manöver zu fliegen, die in den nächsten langen Augenblicken geflogen werden mussten. Trotz alledem hielt er den Atem an, und er konnte die Hand nicht weiter als eine Spanne von dem Hebel wegnehmen, griffbereit - auch wenn jedes manuelle Eingreifen ihn unweigerlich an den Felsen zerschellen lassen würde.

So senkten sich die Kolosse aus dem All herab auf den Pilgerpfad, donnerten zwischen enger werdenden Bergschroffen dahin, eine Kette stählerner Albträume, alle nacheinander die exakt gleichen Flugbewegungen vollführend, so dicht über dem Boden, dass sie ihn zu streifen schienen. Ein Treck von Suchern, auf ihren Jibnats zurück zur Stadt unterwegs, erstarrte angesichts des unfassbaren Anblicks zur Bewegungslosigkeit - bis die Stoßfronten über sie hinwegfegten und sie bewusstlos zusammensanken.

»Du hast dich möglicherweise gewundert«, erklärte Dawill in diesem Augenblick einem fassungslosen Novizen der Bruderschaft von Pashkan, »dass wir auf der Reise hierher beide so große Probleme mit unserer Verdauung hatten. Wir hatten keine Probleme mit unserer Verdauung. Das war nur ein Vorwand, um ungestört kleine, batteriebetriebene Funkstationen, so genannte Relais, an den richtigen Stellen im Boden vergraben zu können.«

Sie jagten durch gähnende, steinerne Mäuler. Die Steuerhebel zuckten hin und her wie wahnsinnig. Felsen rasten heran und stürzten im letzten Moment aus dem Blickfeld. Mehr als einmal mussten die Jäger zur Seite kippen, um schmale Schluchten zu passieren. Sie streiften einen verkrüppelten Baum, alle an derselben Stelle, die danach nur noch Holzmehl war. Mehrere Piloten gaben später zu, die Augen zugemacht, zu den alten Göttern gebetet und mit dem Leben vorsichtshalber abgeschlossen zu haben.

»Es existiert eine ganze Kette solcher Relais von hier bis zum Eingang des Pilgerpfads. Über diese Relais können wir mit den Jägern Kontakt aufnehmen, trotz des Schilds. Und die einzelnen Relais sind so platziert, dass die Jäger anhand der Peilsignale, die in diesem Augenblick von den Relais ausgestrahlt werden, von der automatischen Steuerung durch die Schluchten des Felsmassivs geleitet werden - bis hin zu der Stelle, an der wir das Tal des Tempels betreten haben. An dieser Stelle ist der Schild ein Stück weit geöffnet. Die Öffnung ist verdammt klein - aber für einen Raumjäger gerade groß genug.« Dawill lächelte. »So passieren wir den Schirm - wir unterfliegen ihn.«

Wäre in diesem Augenblick jemand vor dem Schrein des ersten Gründers gestanden, er wäre getötet worden. Die Maschinen flogen nur noch hüfthoch, und die Druckwelle ihrer Manövriertragflächen pflügte rechts und links die spärliche Grasnarbe um. Es war Zufall, dass der Schrein nicht getroffen wurde. Kurz vor der Schirmöffnung gingen die Jäger noch einmal tiefer, setzten beinahe auf, immer noch mit beinahe Schallgeschwindigkeit. Niemand hatte jemals solche Manöver geflogen. Man hatte für die Programmierung dieses Kurses sämtliche Sicherheitsschaltungen der Automatik außer Kraft setzen müssen.

Aber die Jäger passierten den Schild des Pashkanariums.

Hiduu holte tief Luft, als das Tonsignal der Automatik ihn aufforderte, die Steuerung wieder zu übernehmen. Die Maschinen bremsten mit voller Kraft ab, der letzte Befehl des Programms. Vor ihnen erhob sich das unglaublichste Bauwerk der Galaxis.

Als einer der Piloten einen triumphierenden Schrei ausstieß, konnte Hiduu nicht anders, als es ihm gleichzutun.

Das Interkomsystem war uralt und klobig, für die Ewigkeit gebaut. Bailan stand mit dem Rücken davor, als könne er etwas retten, wenn er den beiden Männern den Zugang dazu verwehrte.

»Und wenn ich mich weigere?«

Dawill stemmte den ausgestreckten Arm gegen den Türstock. »Es ist nur zu eurem Besten«, erklärte er geduldig. »Die Jäger haben Partikelkanonen an Bord, Granaten, Strahler, Plasmakatapulte - alles, was du willst. Sie werden die Portale einfach aufschießen. Und ihr werdet hundert Jahre brauchen, um sie wieder zu reparieren. Gheerh-Jahre, wohlgemerkt.«

»Sie werden denken, ich mache mit Euch gemeinsame Sache.«

»In dieser Angelegenheit solltest du das auch. Aber ich kann selber mit ihnen sprechen, wenn dir das lieber ist.«

Bailan starrte den Mann an und spürte sein Herz schlagen. Im Blick dieser Augen war nichts Feindseliges. Dawill tat einfach, was er für unumgänglich hielt, und er würde ihm nichts tun. Außer, es wäre ebenfalls unumgänglich.

»Ja«, brachte er hervor. »Das ist mir lieber.«

»Also.«

Bailan drehte sich um und betrachtete den Tastenblock. Er beruhte auf dem komplizierten siebenziffrigen Utak-Zahlensystem, und wenn man die Nummer des Hohen Sekretärs darin umrechnete, dann … Schwierig. Das Gefühl von völliger Hilflosigkeit, von schwarzer Leere in seinem Kopf erleichterte die Sache nicht gerade. Er musste sich konzentrieren, musste einfach …

Er hielt das massive Gehäuse umfasst, und gerade als er die erste Taste drücken wollte, spürte er das kalte Metall in seiner Hand vibrieren. Dann hörte er ein fernes, krachendes Grollen, wie von einem schweren Gewitter. Nur dass kein Gewitter dieser Welt im Inneren des Pashkanariums hörbar gewesen wäre.

»Tja«, meinte Dawill gleichmütig. »Ich fürchte, das war das erste Portal. Du solltest dich wirklich beeilen.«

Die letzte kriegerische Auseinandersetzung um das Pashkanarium lag über tausend Jahre zurück, und damals wie heute hatte sich die Bruderschaft hauptsächlich auf den unzerstörbaren Schild der Eloa verlassen. Man hatte oft gehungert und ausgeharrt, aber selber ernsthaft zu kämpfen war nicht Sache der Brüder. So gab es entlang der Zinnen des Tempels nur einige wenige schwache Energiewerfer, die auf einer veralteten Technologie beruhten und ihrerseits völlig ungeschützt waren. Als sie aktiviert wurden, orteten die wie ein Insektenschwarm umherflitzenden Jäger sie sofort und zerstörten sie ausnahmslos, noch ehe eine von ihnen das zum Feuern notwendige Ladungspotenzial erreicht hatte.

Dann versammelten sich die Angreifer im Schwebeflug vor dem Außenportal. Was sie wollten, konnte niemand missverstehen. Doch der Gedanke, den Eindringlingen jenen Weg zu öffnen, der den Schwingenbarken der Erhabenen vorbehalten war, widerstrebte den Hohepriestern mehr, als vielleicht vernünftig gewesen wäre.

Jagdschwarmführer Hiduu übernahm die Arbeit höchstpersönlich. Nachdem er sich durch einen Blick auf die Uhr vergewissert hatte, dass sie eine angemessene Zeit gewartet hatten, fuhr er das auch für militärtechnische Laien unübersehbare Stirngeschütz aus, lud eine der kleineren Granaten und feuerte sie, als sich noch immer nichts regte, mitten auf das himmelhohe Portal ab.

Die Flügel des Portals mochten Wind und Wetter und der Zeit selbst widerstanden haben, gegen die Gewalt einer für den Sternenkrieg gedachten Waffe hatten sie keine Chance. Der Glutball der Explosion brannte ein Loch aus dem Metall, das allein ausgereicht hätte, um alle Jäger in Formation hindurchfliegen zu lassen, doch der Teil der Druckwelle, der in die Halle dahinter schlug und ringsum beträchtliche Verwüstungen anrichtete, wurde vom hinteren Ende reflektiert und blies einen Herzschlag später die Reste des Portals in hunderttausend Trümmern nach draußen.

In seinen Kopfhörern hörte Hiduu einen der Piloten bewundernd durch die Zähne pfeifen. Er verstand, wieso. Angesichts der gigantischen Größe des Bauwerks versagte jedes Gefühl für die wirklichen Proportionen, und man hatte den Eindruck, die Trümmerstücke in Zeitlupe durch die Luft wirbeln zu sehen.

Er befahl, vorzurücken und eine neue Schussposition einzunehmen. Und rasch, bitte. Die Schonfrist war vorüber, sie hatten keine Zeit mehr zu verlieren. Während sich die Jäger vorwärts bewegten, in die gähnende dunkle Höhle hinein, schob er den Regler des Geschützes um eins zurück. Noch kleinere Granaten hatte er allerdings nicht mehr.

Doch dann begriff ganz offensichtlich jemand jenseits dieser schwarzen, gebirgshohen Wände, worauf das alles hinauslaufen würde. Noch ehe sie die nächste Schussposition erreicht hatten, öffnete sich das zweite Portal.

Sie waren aus dem Archiv hinab in die Halle gegangen und sahen zu, wie sich die Portale öffneten. Der Lärm war unglaublich. Das Dröhnen von Hunderten von Motoren, die seit Jahrtausenden darauf gewartet hatten, die stählernen Flügel aufzuziehen, hallte von den turmhohen Wänden wider und prasselte auf sie nieder, schien ihnen die Zähne im Kiefer zerbröseln zu wollen. Als das erste fahle Licht durch die Torspalten fiel, gesellte sich das sirrende Fauchen der Raumschiffsmotoren dazu und trieb ihnen die Tränen in die Augen.

Und doch, fand Bailan, hatte es etwas Erhabenes. Wenn man sich dem anbrandenden Gebrüll ergab, schien es sich in Gesang zu verwandeln, in einen Chor himmlischer Mächte, vor ...

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