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Quest for Fantasy #2

Alfred Bekker, Hendrik M. Bekker

Quest for Fantasy #2

Romane und Erzählungen - 900 Seiten





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Quest for Fantasy #2

von Alfred Bekker, Hendrik M. Bekker und Antje Ippensen

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

Dieses Ebook enthält folgende Erzählungen und Romane:

Mjöllnirs Diebstahl (von Hendrik M. Bekker)

Mein Freund, der Zwerg (von Hendrik M. Bekker)

Dway'lion der Magier (von Alfred Bekker)

Gefährten der Magie (von Alfred Bekker)

Abstieg in die Tiefe Teil 1 und 2 (von Hendrik M. Bekker)

Zeit der Werwölfe (von Alfred Bekker)

Riyala – Tochter der Edelsteinwelt Teil 1: Kristallmagie (von Antje Ippensen)

Riyala – Teil 2: Der dunkel glitzernde Weg (von Antje Ippensen)

Riyala – Teil 3: Unter dem Eis funkelt die Nacht (von Antje Ippensen)

Edros Suche: Insel der Verzweiflung (von Alfred Bekker & Hendrik M. Bekker)

Radswid und die Insel der Verzweiflung (von Hendrik M. Bekker)

McGrath 1: Magische Ermittlungen aller Art (von Hendrik M. Bekker)

McGrath 2: Thanatos (von Hendrik M. Bekker)

Dämonenmeister (von Alfred Bekker)

Balthasars Basar (von Hendrik M. Bekker)

Der Umfang dieses Ebook entspricht 900 Taschenbuchseiten.

Mjölnirs Diebstahl

von Hendrik M. Bekker


Wer einen Gott bestiehlt, kann nicht auf Gnade hoffen...


Kapitel 1: Diebstahl

Grollend war Donner zu hören, er eilte ihm voran.

Thor, Sohn des Odin, stand auf seinem einachsigen Wagen und hielt in beiden Händen die Zügel seiner monströsen Ziegenböcke, denen Schaum vor den Mäulern stand. Sie zogen ihn und seinen Wagen über die Wolken wie über eine feste Straße.

Langsam lichtete sich vor ihm der dichte Wolkenteppich und gab den Blick frei auf schroffe steile Klippen und eine wogende See. Der Streitwagen sank niedriger und kam am Rand der Felsklippen auf festen Untergrund auf, wobei Thor noch eine Weile den Rand der Klippen entlangfuhr, bevor er die Zügel zog und den Wagen zum Stehen brachte.

„Du wolltest mich sprechen, Njörd?“, rief Thor in Richtung der brausenden Klippen gewandt. Einen Moment antwortete ihm nur das Brausen der Wellen.

Er klemmte seine Daumen hinter Megingjarder, seinen breiten mit Metallplättchen besetzten Gürtel, den er stets bei sich trug. Er verlieh ihm Kraft und Stärke, mehr als er als Gott allein schon besaß. Das Wasser wurde noch unruhiger und Gischt spritzte Thor ins Gesicht. Eine große Welle baute sich auf und schwappte über die Klippen hinweg, doch bevor sie Thor berühren konnte, ballte sich das Wasser in Form eines Menschen und Njörd stand vor ihm, ein Mann, über drei Schritte groß, so dass er eine Handbreit größer war als Thor. Doch anders als Thor, der mit einer warmen Hose und einem geschnürten Hemd bekleidet war, über dem er seinen schweren warmen Mantel trug, war Njörd nackt. Nicht völlig, denn er war gar nicht ein rechter Mensch. Er sah aus wie ein Mensch, der nur aus Wasser besteht. Seine Haut war ständig in Bewegung und die Oberfläche zitterte immer leicht wegen des beständigen starken Nordwindes.

„Thor“, begrüßte Njörd den Gott des Gewitters und reichte ihm die Hand. Thor ergriff sie, sie fühlte sich seltsam an. Fest und nass, wie Steine auf dem Grund eines Sees. Sie erinnerten ihn an diese schlicküberzogenen Steine. „Ich muss dich warnen, die Joten wissen von deinem Plan“, erklärte Njörd. Sein Gesicht, erst noch unscharf, begann, umso länger er vom Meer getrennt war, langsam immer stärker menschliche Züge anzunehmen.

„Meinem Plan?“, erwiderte Thor ausweichend. Njörd konnte nichts davon wissen, dass Thor mit einigen anderen Göttern vorhatte gegen eine große Gruppe der Bergriesen in die Schlacht zu ziehen. Noch war es zu kalt, doch bald würde es wärmer werden und der geeignete Zeitpunkt wäre da, die Frostriesen zu dezimieren. Sie waren seine Erzfeinde, seit jeher.



„Thor, Thor?“, fragte eine Stimme. Thor öffnete müde die Augen und blickte sich um. Er saß auf einem bequemen Holzstuhl vor der Feuerstelle eines kleinen Festsaales. Um ihn herum lagen einige andere Männer des Menschengeschlechts auf Stühlen oder Bänken und schliefen ihren Rausch aus.

Loki, ein Gott wie Thor, stand vor ihm und es war seine Stimme, die ihn geweckt hatte. „Es ist Zeit, du solltest das Heer der Menschen zusammenrufen, damit wir in einer Woche gegen die Riesen ziehen können“, erinnerte ihn Loki, warum er hier war.

„Du hast recht“, stimmte ihm Thor zu und hielt sich seinen brummenden Schädel. Es mochte viel geredet werden über die Fähigkeiten der Götter und vieles war wahr. Doch irgendwann war es selbst einem Gott zu viel des Mets.

„Nimm deinen Hammer in die Hand, sie werden von seinem Leuchten beeindruckt sein und nicht Merken, dass ein verkaterter Gott zu ihnen spricht“, bemerkte Loki spitz.

Thor griff an seinen Gürtel und wollte Mjölnir nehmen, doch er griff ins Leere. Er war nicht wie sonst an seinem Gürtel befestigt. Er blickte sich auf dem Boden der Halle um. Er war nirgendwo zu sehen.

„Wo ist er?“, fragte er an Loki gewandt. Loki war schon immer dafür bekannt gewesen Streiche zu spielen.

„Ich hab ihn nicht, ruf ihn doch“, erwiderte Loki. Thor konzentrierte sich auf die Worte, die seinen Hammer mit Hilfe von Magie zu ihm bringen würden. Doch nichts geschah. Er konnte ihn nirgendwo in seiner Nähe spüren. „Er ist weg, jemand verbirgt ihn vor mir“, stellte er fest. Er fixierte Loki mit den Augen.

„Sieh mich nicht so an, ich war es nicht, was hätte ich für einen Nutzen von dem Ding?“, sagte Loki. Thor musterte ihn. Der Hammer verlieh große magische Fähigkeiten, allein schon wenn man ihn in den Händen hielt. Dazu kamen die Runen, die man in ihn eingeritzt hatte, so dass er die meisten Rüstungen mühelos zerschlagen konnte. Sicherlich hätte Loki sich dann aber nicht hierhingestellt und den Unschuldigen gespielt. Er hätte ihn benutzt. Es sei denn, ging es Thor durch den Kopf, er hatte eines seiner Spielchen vor.

„Finde heraus, wer ihn hat“, blaffte Thor ihn an. Er hatte stechende Kopfschmerzen.

„Wieso ich? Du hast dein Spielzeug verloren“, erwiderte Loki. Thor, der gefolgt von Loki langsam zum breiten Tor der Halle gegangen war, drehte sich um. „Weil du, und ich habe das noch keinem gesagt, aber ich habe dich dabei gesehen, Freya ihren Mantel geklaut hast. Du weißt, dass sie dich an einen großen Stein binden und im Meer versenken würde, wenn sie das erfährt? Du hast den Mantel, damit bist du schneller in Asgard und kannst dich umhören“, erklärte Thor und stieß das Tor auf. Vor ihm lag eine kleine Siedlung, die sich an die Seite eines Berges klammerte. Es waren Häuser aus groben großen Steinen, aus den Kaminen quoll dicker dunkler Rauch. Erhellt wurde das Ganze von der langsam aufgehenden Sonne.

Loki sah Thor einen Moment von der Seite an und Thor überlegte, ob er sich der Anweisung fügen würde. Dann zuckten seine Mundwinkel und er zog aus seinem ledernen Rucksack, den er trug, einen langen Mantel, der aus Federn zu bestehen schien. Es waren dunkle große Federn. Er warf sich den Mantel um und bevor er sich schloss, begann er sich schon zusammenzuziehen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen verwandelte sich Loki nun in einen mächtigen Adler, der sich in die Luft erhob und mit beeindruckender Geschwindigkeit zum Horizont flog.

Thor sah ihm eine Weile nach und fragte sich, ob es das gewesen war, was Njörd ihm hatte sagen wollen. Das Treffen mit dem Meeresgott war nicht nur ein Traum gewesen, es war vor einiger Zeit passiert. Damals hatte er hohnvoll zu Njörd gesagt, dass er selbst ganz gut zurechtkäme und die Riesen niemals intelligent genug sein würden ihm etwas anzuhaben. Waren sie es? Oder war es Loki, der ein Spiel spielen wollte?

„Herr?“, fragte eine Stimme vorsichtig neben ihm. Es war Drötgr, ein bärtiger Mann mit den ersten grauen Strähnen in seinem buschigen schwarzen Bart. Sein Haupthaar trug er stets kahlgeschoren, weswegen er im Angesicht des Kampfes stets vor Schweiß glänzte. „Ist etwas nicht zu Eurer Zufriedenheit?“

Er war ein Anhänger Thors, Thor hatte den Ort schon öfter besucht und Drötgr hatte ihn einst als kleiner Junge zum ersten Mal gesehen. Seitdem war er mit einem kleinen hammerförmigen Amulett herumgelaufen, das er aus einem Stück Holz geschnitzt hatte.

„Nein, es ist alles in Ordnung. Aber wir werden unseren Feldzug gegen die Joten ein wenig verzögern müssen. Es gibt Dinge, die ich in Asgard zu erledigen habe“, erklärte Thor. Drötgr nickte langsam. „Wie Ihr befehlt, Herr.“

Thor wandte sich von ihm ab und rief laut nach Tanngnjostr und Tanngrisnir, den beiden Ziegenböcken, die seinen Wagen zogen. Donner war am Horizont zu hören. In einiger Entfernung konnte Thor rasch näher kommende dunkle Wolken sehen, ihnen voran eilten die beiden Ziegenböcke, die größer als normale waren und sogar auf die Entfernung bedrohlich wirkten.

Thor wanderte hinaus, weg von den Behausungen der Menschen auf eine steile Wiese, die kaum bewachsen zu sein schien. Langsam war es dunkler geworden, dichte schwarze Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, sie folgten Thors Wagen, wohin dieser auch fuhr. Der Wagen sank niedriger und setzte ein ganzes Stück von Thor entfernt auf dem Boden auf. Dabei flogen Erdbrocken hoch, denn er war viel zu schnell. Seine Ziegenböcke meckerten, doch es klang nicht wie bei normalen Ziegen. Es klang eher so wie wenn Eisen auf Eisen schlug. Hart, leicht knirschend.

Sie wurden langsamer, während sie sich ihm näherten und anfingen einen leuchtenden Bogen zu laufen. Einige Meter vor ihm kam der Wagen schließlich zum Stehen.

Ohne ein weiteres Wort trat Thor auf den Wagen und ergriff die Zügel. Während der Wagen an Fahrt gewann, rief er gegen den Fahrtwind an: „Nach Asgard“, und die Ziegen antworteten mit ihrem seltsamen Ruf. Schnell wurde die Welt unter ihm kleiner, als er an Höhe gewann und sich aufmachte in das Reich seines Geschlechts, der Asen.



Thors Wagen hatte gerade erst die Regenbogenbrücke überquert, die die Welten Asgard und Midgard miteinander verband, da spürte er, wie der Ring, den er an der linken Hand trug, warm wurde. Odin, sein Vater, verlangte mit diesem Signal sein Erscheinen. Ohne Umschweife hatte er sich in der Versammlungshalle der Asen einzufinden. Sie trafen sich in Gladsheim. Von außen wirkte der gigantische Bau bereits beeindruckend, auch wenn Thor ihn schon unzählige Male gesehen hatte. Doch im Inneren überragte die kuppelförmige Halle alles, was er je in der Welt der Menschen zu Gesicht bekommen hatte. Die Decke bestand aus vielen hunderten Segmenten, die Schilden ähnelten. Aber sie waren nicht aus Eisen oder Holz, wie die meisten Schilde, sondern alle aus golden schimmernden Materialien und verziert mit Mustern aus kleinen Edelsteinen. Mehrere hundert Rubine bildeten Runen, die jede Form von Magie unterdrückten, außer die Odins. Es war seit jeher Brauch, dass sich die Asen, wenn es etwas von großer Wichtigkeit gab, hier versammelten. Es war neutraler Boden, dens Odin war der einzige hier mit Macht und niemand zweifelte seine Vormachtstellung an.

Als Thor die Halle betrat, waren bereits einige andere anwesend, doch er achtete nicht sonderlich auf sie. Sie saßen an einem langen Tisch, an dessen Kopfende ein schwerer großer steinerner grantitfarbener Thron stand, auf dem seltsame Muster und Verzierungen zu sehen waren. Thor wusste, das sie eine Bedeutung hatten, doch hatte Odin ihm nie verraten, was sie bezwecken sollten. Sie schimmerten silbern, aber auf eine Weise, die wirkte wie flüssig.

Thor stellte sich neben Odin und ging auf ein Knie herunter.

„Vater“, begrüßte er ihn und blickte vor Odin auf den Boden. Er wusste, dass Odin vom Verschwinden des Hammers wissen musste. Odin hatte einst ein Auge geopfert, um von einer Quelle trinken zu können, die ihm die Fähigkeit der Weissagung verlieh. Manche munkelten, dass er tatsächlich alles sah, was geschehen sollte, selbst wie das Ende der Welt aussehen würde. Aber Thor hielt das für Übertreibungen. Odin hatte ein stoppeliges Kinn und dichte dunkle Augenbrauen. Seine schulterlangen Haare waren dünn und mehr grau als schwarz. Tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht, Sorgenfalten, die sich über die Jahre tief eingebrannt hatten.

„Mein Sohn, ich sehe, dass du Mjölnir nicht bei dir trägst“, sagte er. Thor erhob sich vom Boden und nickte. Er setzte sich zu Odin und den anderen an den Tisch.

„Ja, Vater, er wurde mir gestohlen. Ich habe versucht ihn mit Magie zu rufen, doch es funktioniert nicht. Jemand verhindert es. Der Dieb muss mächtig sein, einer der Asen vielleicht“, erklärte er. Es war ihm unangenehm. Ein Gott, der seine heilige Waffe verlor, eine Waffe, die in den falschen Händen sogar einen Gott töten konnte.

„Ich weiß“, stellte Odin fest. Er wirkte nicht sonderlich besorgt. Eher erschöpft und unzufrieden, wie oft in letzter Zeit. „Loki kam her. Er war sehr aufgeregt.“

Thor blickte am Tisch entlang und dort saß er, im Gespräch mit einem bärtigen gutmütig dreinblickenden Mann, Balder. Er trank lachend aus einem Horn.

„Er sitzt hier und amüsiert sich? Er“, setzte Thor an, doch Odin unterbrach ihn. Er sprach kaum lauter als Thor und doch schwieg dieser sofort beim Klang der Stimme seines Vaters.

„Er kann nichts für dich tun“, erklärte Odin. Auf den fragenden Blick Thors hin huschte ein Lächeln über das bärtige Gesicht des Einäugigen. Über seinem geopferten Auge trug er eine schmale goldene Platte, in die ein Bernstein eingelassen war, der fast aussah wie ein mystisches neues Auge. Thor wusste, dass es keinen direkten Effekt hatte auf die seherischen Fähigkeiten seines Vaters. Er vermutete, dass es reine Angeberei war.

„Was soll ich jetzt tun?“, platzte es aus Thor heraus. Odin lächelte wieder verstohlen. „Setz dich“, sagte er. „Hab etwas Geduld.“

Thor setzte sich widerwillig hin und griff nach einem Hähnchenschenkel, auf dem er herumkaute, der ihm aber nicht wirklich schmeckte. Was wollte sein Vater? Hatte er einen Blick auf seine Zukunft erhaschen können?

Währende Thor so dasaß, wurde das Treiben am Tisch bunter. Die Gespräche wurden lauter und man prostete sich fröhlich zu. Niemand achtete sonderlich darauf, als die Tür zur Halle geöffnete wurde und mit schweren Schritten jemand zum Tisch eilte. Erst als Loki zufällig in die Richtung sah und aufschrie, wandte sich die Aufmerksamkeit dem Eindringling zu.

Es war ein Jote, ein etwas mehr als vier Schritt großer Riese in einer schwarzen Rüstung. Ein breites Schwert, das runenüberzogen war, hing an seiner Seite und er hatte einen Helm auf, der eine dämonische Fratze darstellte. Er stellte sich zu Odins Thron und nahm den Helm ab. Dann nickte er dem Göttervater zu.

„Odin, Herr von Asgard“, begrüßte er ihn. Odin nickte zurück. Er wusste, dass der Riese sich nicht verneigen würde. Die Götter und Riesen waren seit ewigen Zeiten im Krieg und ein Nicken war alles an Ehrerbietung, das man sich gegenseitig zugestand.

„Ich bringe Euch Nachricht“, erklärte der Riese. „Mein Meister, Thrym der Eisriese, Herr der Jötuun-Feste, erbietet Euch und Eurem Sohn seine Grüße. Er hat gehört, dass Eurem Sohn ein Spielzeug abhandengekommen ist. Er wäre bereit mit Information über den Ort, an dem Euer Sohn es verlor, zu Diensten zu sein.“

„Für welchen Preis?“, fragte Thor zerknirscht. Er wusste nicht, wie Thrym den Hammer bekommen hatte, aber er würde ihn dafür zahlen lassen. Doch ohne den Hammer war er dem Riesen nicht gewachsen.

„Für Freyas Hand“, stellte der Bote klar. Er blickte dabei zu Freya hin, die weiter von Thor weg am Tisch saß und entgeistert zu einer Antwort ansetzte. Odin unterbrach sie aber sofort: „Wir werden das Angebot überdenken und Thrym unsere Entscheidung mitteilen“, stellte er klar. Der Riese nickte und setzte seinen Helm auf. Währenddessen wandte er sich ab und verließ mit schnellen Schritten die Halle.

„Wie ist er überhaupt nach Asgard hineingekommen?“, bemerkte Loki, der sich zu Thor gesetzt hatte. „Eigentlich müsste er, wenn er zu Fuß ist, an Heimdall vorbei, er bewacht die einzige Brücke nach Mitgard.“

„Es gibt magische Mittel und Wege“, erklärte Odin. „Doch das geht dich nichts an, Loki.“

Er traute Loki nicht sonderlich, denn so oft er den Göttern schon gute Dienste geleistet hatte, so oft hatte er auch schon Schabernack mit ihnen getrieben.

„Ich werde keinesfalls einen Riesen heiraten“, stellte nun Freya fest. „Dazu könnt ihr mich nicht zwingen“. Sie strich sich dabei eine Strähne ihres langen blonden Haares aus dem Gesicht. Sie trug ein fließendes weißes Gewand, das zwar immer über den Boden glitt, doch nie dreckig wurde.

Sie diskutierten eine Weile darüber, was zu tun sei. Thor war dafür, mit einigen anderen Göttern zusammen die Festung Thryms zu stürmen und ihn zu töten für den Frevel. Odin hielt dagegen, dass dabei einige Götter ihr Leben lassen würden, da der Hammer Thrym kaum zu bändigende Kräfte verleihen würde. So wurde die Idee bald verworfen, denn Odin war überzeugt davon und man nahm an, dass er in die Zukunft gesehen hatte.

Nach dem ein oder anderen Trinkhorn voll Met stand Loki plötzlich auf und begann zu lachen. Schallend lachte er, so dass ihm schon einzelne Tränen aus den Augenwinkeln liefen, und fragte Freya nach einem ihrer Kleider.

„Ich beglückwünsche dich zum Finden deiner weiblichen Seite“, erwiderte sie schnippisch, „doch denke ich, dass dir die Rundungen dazu fehlen für eines meiner Kleider.“

„Durchaus, holdes Weib, doch ist es nicht für mich“, erwiderte Loki und setzte sich wieder. „Ich habe eine Idee...“



Kapitel 2: Lokis Plan

„Das ist eine schlechte Idee, immer noch“, stellte Thor fest. Er stand in einem von Freyas Kleidern vor einem großen in Holz gefassten Spiegel und sah sich an. Er sah aus wie Freya, was er einem Zauber Lokis verdankte. Er wusste nicht, wo Loki ihn gelernt hatte, doch dieser hatte ihm nach längerem Suchen ein Armband mit einem roten Stein gegeben. Nachdem Freya es getragen hatte und Thor es nun anlegte, begann er für alle Umstehenden wie selbige auszusehen. Loki erklärte, dass diese Wirkung nicht allzu lange anhalten würde und sie sich beeilen mussten, weswegen Thor es wieder abnahm. Nun stand wieder er, der Gott des Donners, vorm Spiegel, in einem Frauenkleid.

Er schüttelte den Kopf.

„Es wird funktionieren“, stellte Loki fest, der neben ihm stand.

Sie bestiegen Thors Wagen und begleitet von Donner fuhren sie Richtung Utgard, wo die Festung Thryms lag. Weite schroffe Berge erhoben sich unter ihnen und bildeten seltsame Formationen. Die Erde wirkte wie mehrmals aufgerissen und wieder zugeschüttet, wobei ungewöhnliche Formationen aus ihr herausragten. Immer wieder glaubte Thor etwas zu sehen, das einer Festung in seinen Umrissen ähnlich sah, doch er wusste, dass es nur Einbildung war. Viele Festungen der Riesen sahen von Weitem aus wie Teil der Landschaft und vieles, was aussah wie eine Festung, war Landschaft. Krieg auf ihrem Gebiet gegen sie zu führen, war schon immer kompliziert gewesen.

Ihr Wagen wurde begleitet von dunklen donnernden Wolken.

„Glaubst du wirklich, dass es eine gute Idee war deinen Wagen zu nehmen, Thor?“, fragte Loki. Er blickte nervös auf die schwarzen Wolken hinter ihnen.

„Wie sollten wir beide sonst so schnell herkommen?“, erwiderte Thor schlicht und wusste, dass Loki nichts erwidern würde. Natürlich war sein Streitwagen keinesfalls das, was man als unauffällig bezeichnet hätte, doch war kaum ein Reittier oder eine Magie schneller als dieser Wagen.

Sie steuerten auf eine große Gebirgsformation zu, die aussah als wäre mit einem gewaltigen Hammer ein Loch in den Gipfel des Berges geschlagen worden, so dass seine Spitze hohl war. Als sie näher kamen, wurden deutlich, dass das der Hof einer gigantischen, aus der Kuppe des Berges geschlagenen Festung war. Überall entlang der vermeintlichen Bergkuppe waren Vertiefungen und Höhleneingänge zu sehen, Wehrgänge und Luken. Einige Riesen waren zu sehen, die Katapulte montierten oder reparierten. An anderer Stelle waren feingliedrigere Wesen zu sehen, Elfen, wie Thor vermutete. Sie waren eigentlich Verbündete von ihm und seinem Vater, doch einzelne verdienten sich trotzdem immer wieder bei den Riesen.

Er gab Loki die Zügel, denn es würde sich nicht für Freya geziemen den Wagen selbst zu lenken. Dieser flog in einem Bogen immer tiefer und hinein in den großen Burghof, auf dem man eine Armee hätte versammeln können.

„Beeindruckend, nicht wahr?“, fragte Loki. Er hatte den Weg gekannt, da er schon einmal in dieser Feste gewesen war. Nicht als sie Thrym gehörte, sondern noch seinem Vater. Loki hatte damals, nach eigener Aussage, einige kleinere Geschäfte mit ihm erledigt. Was das konkret hieß, wusste keiner und Loki weigerte sich Auskunft zu geben. Er war immer schon derjenige der Götter gewesen, auf den am wenigsten Verlass war. Er war vorrangig aus Eigennutz an den meisten Aktionen beteiligt. Auch dieses Mal fragte sich Thor, wieso er ihnen half. War es, weil er, Thor, dann in Lokis Schuld stand? Oder hatte er einen anderen Grund ihn in diese Festung der Riesen zu begleiten. Thor war noch nicht hier gewesen, diese Festung lag so weit im Gebiet der Riesen, dass er es bei seinen Angriffen nie bis hierher geschafft hatte. Er wäre ohne Loki verloren. Er legte das Armband an, so dass er das Aussehen Freyas annahm.

Sie landeten auf dem Burghof, wo bereits eine Truppe von zwanzig Riesen in schweren eisernen Rüstungen auf sie wartete. Ihre Gesichter waren verbogen hinter Helmen mit dämonischen Fratzen, ähnlich der des Boten. Sie trugen Schwerter umgegürtet, die mit Runen reich verziert waren, und einige hatten auch magische Symbole auf ihren Rüstungen, die sie widerstandsfähiger machen sollten. Thor fragte sich, ob Loki deswegen einst hier gewesen war. Loki war der Runen mächtig, was man nicht von vielen behaupten konnte. Eine Rune aufzumalen und wirklich zu wissen, was welche Runen bewirkte, waren verschiedene Dinge. Wer hier die Rüstungen verbessert hatte, war kein Anfänger, wurde Thor klar.

„Freya, Tochter des Njörd, und Loki“, stellte Loki Thor und sich selbt vor. Einer der Riesen, der den anderen vorzustehen schien, blickte sie eine Weile an. Keiner seiner Soldaten bewegte sich währenddessen, dann nickte er abrupt mit seiner Dämonenfratze und es bildete sich eine Gasse für sie.

Loki führte Thor durch diese Gasse, wobei er lächelte und Thor den Arm darbot. „Hak ein, Holde“, sagte er grinsend. Thor verkniff sich eine Erwiderung und sezte ein Lächeln auf, während er, geführt von Loki, die Gasse zwischen den Soldaten entlangschritt. Sie wurden in eine große Festhalle geführt, die gigantisch war doch winzig wirkte im Vergleich zum Hof draußen. Alles war geschmückt mit Gold und Edelsteinen, kunstvolle Skulpturen aus ewigem, nie schmelzendem Eis standen in der Halle und stellten Schlachten dar, in denen die Riesen die Asen und andere Feinde geschlagen hatten. An einer langen Tafel saßen viele Riesen in prächtigen Rüstungen in bronzenen und goldenen Farben. Aber auch solche mit grauen eisernen Rüstungen saßen an der Tafel. Sie trugen ihre Helme nicht und Thor sah, dass viele Narben und Schrammen hatten, es schien entweder eine kampferfahrene Truppe zu sein oder Narben waren vielleicht auch eine Art Statussymbol.

„Ah, Freya“, dröhnte die Stimme Thryms, der sie gesehen hatte und von der Festtafel aufstand, um zu ihnen zu kommen. Er lächelte breit und ein zufriedenes Grinsen zeichnete sich ab. Er hatte kurzes, schwarzes Haar und eine Narbe quer über das Gesicht, die aber schon seit Langem verheilt sein musste. Er trug eine mattschwarze Rüstung, die übersät war mit silbernen Runen. Dazu bildeten mehrere fingernagelgroße bernsteinfarbene Edelsteine, die in die Rüstung eingelassen waren, ein Muster auf seinem Oberkörper, das vielleicht auch ein magisches Zeichen darstellte.

„Habt ihr euch also entschieden euch meinem Willen zu beugen?“, fragte Thrym großspurig. Verhaltenes Lachen von der Festtafel, deren volle Aufmerksamkeit die Neuankömmlinge nun hatten, war zu hören.

„Ich konnte die mächtigen Asen davon überzeugen sich Eurem Willen zu beugen, Eure Hoheit. Wie ich sehe, benutzt Ihr immer noch die Rüstung, die ich Eurem Vater fertigte. Wo ist er, wenn ich fragen dürfte?“, antwortete Loki. Auf Thryms Gesicht erschien ein breites Grinsen.

„Tot, erschlagen von mir. Er war schwach, ich kann die Riesen besser führen“, erklärte er. „Dann lasst uns Hochzeit feiern.“

Er sah Thor auf eine seltsame, gierige Weise an. Thor versuchte keine Miene zu verziehen und sich daran zu erinnern, dass er für den Joten aussehen musste wie Freya.

„Erst einmal wollen wir den Hammer sehen“, unterbrach Loki Thrym. Einige Riesen am Tisch hatten sich erhoben und waren losgeeilt, alles vorzubereiten.

„Ich habe ihn, Ihr bekommt ihn nach der Heirat“, erklärte Thrym.

„Nein, zeigt ihn“, sagte Thor. Er sah Thrym direkt in die Augen. Sein Blick ließ keinen Kompromiss zu.

„Wenn Ihr wollt, Ihr seht ihn bereits“, erklärte er und deutete grinsend auf eine große Eisskulptur, die weiter hinten in der Halle stand. Dort in dem ewigen Eis war der Hammer eingeschlossen in einer Figur, die Thor kniend vor Thrym zeigte. Der Hammer war in Thryms Brust eingelassen und schimmerte matt. Thor wollte ihn zu sich rufen, besann sich aber darauf, dass es bereits vorher nicht geklappt hatte, Thrym musste das Eis mit einem Zauber belegt haben.

„Nun denn, schreiten wir zur Tat“, erklärte Loki. Er setzte sich neben den Platz, an dem Thrym bis vor Kurzem an der Tafel gesessen hatte und Freya/Thor setze sich zu ihm. Nach alter Sitte wurde nun den zukünftigen Ehepartnern das Essen gereicht, das sie traditionell einnehmen sollten.

Thor begann sich reichlich aufzufüllen und schlang herunter, wie es seine Art war, bevor Loki dazwischengehen konnte.

Thrym legte die Stirn in Falten, überrascht vom plötzlichen Appetit, den seine doch so schlanke Zukünftige an den Tag legte.

„Sie hat gefastet die letzten Wochen“, erklärte Loki. Thor blickte auf und erinnerte sich der Maskerade, so dass er begann weniger und langsamer zu essen.

Während sie aßen, warf Thrym immer wieder Blicke auf seine zukünftige Braut, gebannt von der Schönheit, die der Zauber erzeugte.

„Nun“, erhob Loki nach einer Weile die Stimme. „Wollt Ihr nicht Eurer Gattin ein Brautgeschenk machen? Es ist durchaus alte Sitte bei den Asen, der Frau symbolisch den größten wertvollsten Besitz zu überreichen, wie Ihr sicher wisst“, erklärte Loki. Thor wusste, dass das frei erfunden war und keineswegs Sitte war, bei allen. Doch Thrym war so gefangen von der Schönheit Freyas, dass er nur abwesend nickte und zur Eisskulptur schritt. Einer seiner Getreuen wandte sich leise an ihn. Er schien es nicht gutzuheißen, den Hammer einer Göttin in die Hände zu geben, die ja eigentlich mit den Riesen verfeindet war. Doch Thrym war geblendet von ihrer Schönheit und ignorierte sein eindringliches Reden.

Er schritt zur Eisskulptur und strich mit der Hand darüber. Währenddessen murmelte er ein Wort, das Thor leider nicht verstand. Die Skulptur dampfte und der Hammer schmolz heraus, so dass sein Griff herausragte und Thrym ihn ungeduldig herausziehen konnte. Danach dampfte die Skulptur weiterhin, bis sie wieder ihre alte Form angenommen hatte und erneut erstarrte.

Thrym ging mit dem Hammer zu Freya, die ihm einige Meter entgegengekommen war.

„Willst du, Freya, meine Frau sein, mich lieben und ehren, wie auch unseren Bund? Willst du alles mit mir teilen, was dein ist, wie ich mit dir teile, was mein ist?“, sprach Thrym. Thor nickte und ergriff den Hammer. Ein blauer Funke sprang vom Griff auf ihn über und Thors magische Verkleidung löste sich in tausende kleine Teile auf, die wie von einem unsichtbaren Wind zerstäubt wurden. Die Magie des Hammers war so groß, dass kein Zauber außer dem Mjölnirs auf Thor wirken konnte.

„Verrat“, brüllte jemand von der Festtafel, an der einige Riesen bereits begriffen hatten, was vor sich ging, und aufgesprungen waren. Wer bewaffnet war, zog sein Schwert. Thrym stand ungläubig vor Thor, mit schreckensgeweiteten Augen. Thor holte zu einem Seitwärtshieb aus, der den Riesen umgeworfen hätte, wenn er nicht im letzten Moment nach hinten ausgewichen wäre. Er war immer noch ein ganzes Stück größer als Thor, weswegen dieser nun seine Kraft konzentrierte und den Hammer auf Thrym richtete. Blitze schossen daraus hervor und überzogen Thryms Körper mit der Kraft des Himmels. Er schrie auf, doch die Rüstung begann zu leuchten und schien einen Teil der Blitze zu absorbieren. Die Runen flammten hell leuchtend auf. Thrym stand mit verbranntem Gesicht vor Thor, nur dort, wo er keine Rüstung gehabt hatte, schienen die Blitze ihm überhaupt Schmerzen bereitet zu haben!

Thor blickte wütend zu Loki, der ihm nicht gesagt hatte, wie mächtig diese Rüstungen waren. Loki hingegen war verschwunden. Dort, wo er eben noch gesessen hatte, war lediglich ein großer Riese zu sehen, der genüsslich etwas aß und Thor zuwinkte. Loki musste eine magische Illusion geschaffen haben. Die anderen Riesen waren nicht mehr am Tisch sondern hatten Thrym und Thor eingekreist.

„Er gehört mir!“, brüllte Thrym mit schmerzverzerrtem Gesicht und sie hielten sich zurück. Thrym zog sein breites Schwert und hieb damit nach Thor, der es immer wieder parierte. Thrym legte soviel Kraft und Wut in die Schläge, dass Thor Mühe hatte einige davon abzublocken.

Thor duckte sich unter einem Hieb weg, den Thrym geführt hatte und den er mit soviel Kraft geschlagen hatte, dass er leicht aus dem Gleichgewicht kam. Thor schlug mit aller Kraft und mit magischer Verstärkung, so dass Mjölnir dunkelrot und heiß leuchtete, gegen das Knie des Riesen. Das Kniegelenk zerbrach knackend zusammen mit der Rüstung und sein Bein knickte in einem unnatürlichen Winkel ab. Thrym brüllte und brach auf sein Knie herunter, so dass er nun ungefähr auf Augenhöhe mit Thor war. Dieser holte zu einem Schlag aus, den Thrym zwar blockte, doch Thor spürte, dass den Riesen seine Kräfte verließen.

„Lasst es Euch eine Lehre sein, niemand hat das Recht einen Gott zu bestehlen“, sagte Thor wutentbrannt und holte zu einem horizontalen Schlag. Der Hammer traf den Kopf Thryms, der dabei zerbrach. Mit einem Abdruck Mjölnirs an der Schläfe, aus der Blut sickerte, krachte Thrym auf den Boden.

Bereits als er ausgeholt hatte, waren einige Riesen mit ausholenden Schritten aus dem Kreis ausgetreten und auf Thor zugerannt. Nun wurde er von vier Riesen gleichzeitig attackiert. Er duckte sich unter einem vertikalen Hieb eines Riesen mit dunkelroter Rüstung weg und sprang einem weiteren dabei auf die Brust. Mit voller Kraft stieß er sich von dessen Brustharnisch ab, so dass der ins Stolpern geriet und Thor einen Rückwärtssalto machen konnte auf die Schultern eines anderen Riesen. Er schlug diesem seinen Hammer ins Gesicht, so dass von den groben Gesichtszügen nur eine breiige Masse übrig blieb.

Mehrere Riesen konnte Thor aus den Augenwinkeln sehen, die den Saal verließen, während er von den Schultern des umfallenden sprang und zwischen den Beinen eines anderen landete. Er schlug diesem auch gegen das Kniegelenk und wich zur Seite, um nicht vom fallenden Riesen begraben zu werden. Ein anderer schaffte es seinen Arm zu packen zu bekommen, mit dem er seinen Hammer hielt. Mit aller Magie, die er sammeln konnte, ließ Thor Blitze seinen Arm entlang auf den Arm des Riesen zucken. Dessen Rüstung begann wie die Thryms zu leuchten und die Blitze zu absorbieren, doch wie bei Thrym begann das Gesicht des Riesen zu verbrennen, so dass er vor Schmerz aufschrie und Thor losließ.

Er wirbelte herum und stieß den Riesen, der sich mit der Hand ins Gesicht fasste und noch immer schrie, um, so dass dieser auf den Rücken fiel und sich weiter vor Schmerzen wand.

Thor blickte sich um, es kamen weitere Riesen durch alle möglichen Eingänge in die Halle und wollten ihn offensichtlich angreifen. Zu viele, selbst für ihn. Vor allem zu viele in diesen seltsamen Rüstungen, die Loki ihnen scheinbar gefertigt hatte. Er sah sich um und Loki war nicht mehr zu sehen.

Thor nahm Anlauf und sprang einem Riesen, der durch das Hauptportal kam, mit dem Stiefel ins Gesicht. Während dieser, aus dem Gleichgewicht gebracht, umkippte, sprang Thor weiter hinaus auf den gigantischen Platz auf dem noch immer sein Wagen stand. Riesen stürmten auf den Platz, doch nur wenige standen nahe genug zu Thor, dass sie ihn angreifen konnten. Er schleuderte auf mehrere Blitze, und wich einigen Hieben aus, bis er an seinem Wagen war. Er sprang auf den Streitwagen und ohne ein Wort sagen zu müssen, rannten seinen Böcke los, direkt in den Himmel. Eine dunkle Gewitterwolke bildete sich um den Wagen, der sie verbarg, so dass keiner der von den Riesen abgefeuerten Pfeile traf.

Thor blickte zufrieden den Hammer in seinen Händen an und lenkte den Wagen in Richtung Midgard.

Es gab einen Feldzug gegen die Riesen vorzubereiten...



Mein Freund der Zwerg

von Hendrik M. Bekker


„Du wirst heute Abend länger bleiben, und zwar für jede Minute, die du zu spät warst, eine Viertelstunde“, keifte mich Herman Rilisky an. Er leitete das Museum, in dem ich mein Praktikum verbrachte. Wobei „abarbeitete“ vielleicht eher passte. Eigentlich war es eine tolle Idee gewesen, zumindest solange es nicht Realität war. Man muss ein schulisches Praktikum machen, um Erfahrungen in der richtigen Berufswelt zu sammeln, du hast einen Monat keine richtige Schule, keine Hausaufgaben. Klang super. Okay, das Finden eines Jobs war schon schwerer, denn was bleibt einem jungen, eher bequemen, geschichtsinteressierten Kerl an Auswahl, wo man ein Praktikum machen könnte. Irgendwie bin ich dann beim Museum gelandet, ein Kumpel eines Freundes meiner Tante, hatte mir dazu verholfen, vielleicht war da aber auch noch irgendein anderer Verwandter mit beteiligt, was weiß ich.

Jedenfalls, war ich heute einmal wieder zu spät, ich hatte verschlafen und durfte nun vier Stunden länger arbeiten, so viel konnte ich im Kopf schon mitrechnen.

Ich arbeitete mehr oder weniger als Mädchen für alles, ich war Putzkraft, Dinge-Herum-Schieber und eigentlich für alles da, was anfiel.


Ich verbrachte die nächsten Stunden damit, das zu tun, was die Putzfrauen irgendwie nie so richtig hinbekamen, nämlich hier sauber zu wischen. Ich gebe zu, ich bin selbst kein sehr ordentlicher Mensch, aber Rilisky konnte dafür sorgen, dass man seinen Charakter gerne änderte. Er war irgendwas über 60, sicher nicht mehr lange von der Rente entfernt und hatte mit Geschichte wenig am Hut, er war das, was ich einen lupenreinen Bürokraten und Erbsenzähler nennen würde. Was ihm auch alles menschlich fehlte, das machte er durch sein Organisationstalent wieder weg. Ansonsten wäre er vermutlich auch nicht immer noch der Leiter dieser Einrichtung. Während langsam das Licht der untergehenden Montagssonne hinter den Fenstern schwächer wurde, kam ich schlussendlich in der hintersten Abteilung der sechs Oberbereiche an. Finsteres Mittelalter. Hier gab es alles, von Rüstungen, Schwertern bis hin zu Kirchenverzierungen, wie zum Beispiel Gargoyles und anderen Teufelsfratzen, die Dämonen fernhalten sollten. Plötzlich tippte mich jemand an der Schulter an und ich nahm meinen Kopfhörer aus dem Ohr.
„Hab's schon gehört, du musst länger arbeiten“, zirpte eine Stimme, die dafür sorgte, dass sich meine Eingeweide zusammenzogen. Alina Rose, Neffin von Rilisky und in meiner Schulstufe. Wir hatten uns unabhängig voneinander hier beworben, anders war es auch nicht zu erklären, dass wir beide hier waren. Sie verabscheute mich und vor allem meinen besten Freund, den sie als „widerlichen, fetten Sack“ bezeichnete. Sie selbst war der Prototyp einer Puppe. Helles Gesicht, wasserstoffblondes Haar und Schminke, die geradezu dazu einlud, Witze zu reißen. Sie selbst gehörte allerdings in meiner Stufe zur Highsociety, zumindest bezeichnete sich diese Gruppe selbst als sehr elitär. Was elitär an überteuerter Markenkleidung und diskriminierendem Verhalten war, hatte sich mir nie ganz erschlossen.

„Tja, shit happens“, erwiderte ich und blickte wieder demonstrativ in Richtung meines Moppes, bis sie sich abwandte. Sie hätte mich zu gerne aufgezogen, denn sie wusste genau, dass ich nicht ansatzweise die üblichen verbalen Angriffe loslassen konnte wie sonst, immerhin konnte sie über Rilisky dafür sorgen, dass meine Praktikumsbewertung sehr, sehr, sehr schlecht ausfiel. Und das wollte ich ihr nicht gönnen.

Einen Moment blickte sie mich noch an, wandte sich dann ab und ich konnte die nächsten Minuten jeden ihrer Schritte von mir weg hören, denn ihre Pfennigabsatz-Stiefel klickten laut, sehr laut.


Etwas später, ich war gerade fast fertig, kam Rilisky noch einmal vorbei. Er meinte, da ja noch etwas von der abzuarbeitenden Zeit da wäre, könnte ich mich ja mal dem Aufräumen der Kellerräume widmen, damit würde ich sowieso die nächsten Tage zubringen.

Entgegen Riliskys Hoffnung war ich sogar wirklich dankbar dafür, denn die Kellerräume waren immer faszinierend für mich, dort fühlte ich mich wieder wie ein Dreijähriger, der die Welt entdeckt. Dort lagen haufenweise Exponate.

Bald staubte ich im Keller einen Gegenstand nach dem anderen ab und räumte ihn fein säuberlich in Kisten ein, die Kisten dann meist in Regale.

Die meisten Dinge hier waren bereits gut verpackt, doch selbst wenn ich etwas kaputt gemacht hätte, hätte es vermutlich erst jemand in Jahren gemerkt, denn die Dinge hier interessierten scheinbar niemanden mehr.

Ich allerdings hatte meinen Spaß an Steinschlossgewehr-Repliken, Schwertern mit zerbrochener Klinge, Dolchen und alten Folianten, die allerdings meist nicht älter als 80 Jahre waren oder Nachbildungen. Die wirklich alten Stücke waren weitaus besser verpackt und in einem anderen Raum als dem, in dem ich war.


Irgendwann fand ich eine Abschrift eines Buches örtlicher Legenden und Mythen, die gut geschrieben war, und begann langsam darin zu lesen. Irgendetwas über einen Dämon, der in einem großen, würfelförmigen Felsen gebannt worden war. Was mich besonders daran interessierte, war, dass ich einen großen, würfelförmigen Felsbrocken hier unten bereits einmal gesehen hatte. Ich ging nach hinten in den Raum und fand dort den gesuchten Stein. Es war eine einzelne H-förmige Rune darauf eingraviert.

Ich schrieb mir eine Notiz in mein Handy, um am nächsten Tag mal Steven, einen der Museumsführer zu fragen, was es mit dem Stein auf sich hätte. Gerade als ich mich abwandte, piepte meine Uhr. Mitternacht. Verdammt, ich hatte gnadenlos meinen Feierabend verpasst und die Überstunden würden mir niemals angerechnet. Klasse.

Etwas summte hinter mir. Ich blickte mich um. Es hatte etwas von einer Resonanz, so wie bei manchen elektrischen Geräten. Während ich mich umsah, fiel mein Blick auf den Stein. Er wirkte seltsam, seine Oberfläche schien flüssig zu sein. Ich blinzelte, das musste am Licht hier unten liegen, meine Augen spielten mir scheinbar einen Streich.

Dann geschah etwas, das mich laut aufschreien ließ. Eine Hand kam heraus. Ich stolperte rückwärts und riss dabei einige Gegenstände hinunter. Einer davon brachte mich dann wohl zu Fall und ich schlug hart mit dem Kopf auf den steinernen Boden. Es wurde dunkel um mich herum.


„Hey, Junge, geht es dir gut?“, brummelte eine mir unbekannte Stimme. Ich öffnete vorsichtig ein Auge, langsam kam die Erinnerung daran zurück, was geschehen war. Ein bärtiges Gesicht war über mich gebeugt und blickte mich neugierig und irgendwie nervös an.

„Ja, danke, ich...“, begann ich, doch dann schreckte ich zurück. Das bärtige Gesicht saß auf einem Körper, der höchstens 1,20 Meter groß war. Breitschultrig und in einem ledernen Wams saß dort vor mir der Klischee-Zwerg, wie man ihn aus den Fantasy-Verfilmungen im Kino kannte.

„Ruhig, es geht keine Gefahr von mir aus. Ich bin Oanarr, ein Dvergatal der alten Zeit und wer bist du?“, erklärte der Zwerg und reichte mir seine Hand. Er wirkte irgendwie unbeholfen.

„Niclas, Niclas Schmidt“, erwiderte ich verdattert und gab ihm die Hand.

„Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe“, erklärte Oanarr. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass hier jemand ist.“

„Du bist also wirklich aus dem Stein gekommen? Ich hab das WIRKLICH gesehen?“

„Oh ja, hast du und ich wünschte auch, es wäre anders“, erwiderte Oanarr und setzte sich auf eine der herumstehenden Kisten. Er blickte mich an und räusperte sich unbeholfen.

„Entschuldige, aber was machst du hier?“, fragte er dann, als wäre ich ein Eindringling.

„Ich arbeite hier“, erklärte ich.

„Als was? Hier war seit Jahren keiner mehr, wenn ich den Stein verließ“, erwiderte der Zwerg.

„Naja, hier unten liegen halt alle möglichen Dinge, die man nicht mehr braucht, was machst du hier?“

„Ich bin hier, weil er hier ist“, sagte Oanarr nach einem Moment und deutete dann auf den Stein.

„Wie?“

„Ich bin verflucht“, begann er. „Ich bin an diesen Stein gebunden, am Tage muss ich in ihm ruhen, in der Nacht bin ich frei zu gehen, wohin ich will, doch wird es Tag, zwingt mich unsagbarer Schmerz dazu, zum Stein zurückzukehren. Wenn ich es nicht tue, leide ich Qualen, bis ich beim Stein bin oder die Nacht erneut hereinbricht.“

Ich blickte ihn sprachlos an, irgendwo in mir war der rationale Teil meines Gehirns gerade dabei, Selbstmord zu begehen und der Rest meines Verstandes akzeptierte somit vorerst, dass hier ein Zwerg mir seine Lebensgeschichte erzählte.

„Ich kann mich deswegen nicht allzu weit von dem Brocken hier entfernen“, fuhr Oanarr fort. „Ich verbringe meine Zeit damit, mir hier unten anzusehen, was da ist oder die Bücher zu lesen.“

„Daher kannst du auch meine Sprache, nicht wahr?“, erkannte ich plötzlich. Ich erinnerte mich an verschiedenste Wörterbücher, die hier gelegen hatten.

„Richtig.“

„Wie alt bist du ?“, fragte ich verdutzt.

„Insgesamt? Ich denke fast ein Dutzend Jahrhunderte, aber weißt du, ich zähle nicht mehr, schon lange nicht mehr. Der Fluch verhindert meinen Tod, auf sehr makabere Weise“

„Makaber?“

„Sterbe ich, so erwache ich aufs Neue wieder im Stein. Ich will ehrlich sein, ich habe es bereits mehrere Male probiert“, erklärte Oanarr und seufzte.

„Isst du?“, fragte ich nach einer Weile des Schweigens, in der Oanarr verloren vor sich hin starrte.

„Manchmal“, erwiderte er. „Ich benötige es nicht zwingend.“

„Wieso wurdest du verflucht?“, kam es mir auf einmal in den Sinn.

„Ich...“, begann Oanarr, doch dann polterte etwas. Jemand kam die Treppe hinunter. Als ich mich wieder ihm zuwandte, trat er gerade in den Stein hinein. Es war als würde er in einen See steigen, die Oberfläche des Steins schlug Wellen.

„Niclas?“, fragte Herr Schont, als er die Treppe hinunter kam. Er war der Nachtwächter und hatte eine gedehnte kölsche Sprechweise.

„Samma wat machst du denn noch hier unten?“

„Ich arbeite meine Überstunden ab“, erklärte ich und blickte noch einmal zum Stein. Seine Oberfläche war wieder vollkommen glatt als wäre nichts gewesen.

„Ach, hat Herman wieder rumjemotzt? Lass stecken und geh, dat passt schon. Is schon spät jenuch“, erwiderte Schont und blickte mich erwartungsvoll an. An jedem anderen Tag hätte ich ihm freudig gedankt, aber heute nicht. Doch was sollte ich machen? Ich wollte sein Angebot keinesfalls ausschlagen, denn noch mochte er mich. Wobei mir schleierhaft war, wieso, ich glaube aber, es lag daran, dass ich ihm in den Pausen zuhörte, es schien sich hier sonst kaum jemand mit ihm zu beschäftigen.

„Danke, hast was gut bei mir“, erwiderte ich und setzte ein freundliches Lächeln auf.


Unfreundlich weckte mich eine männliche Stimme, die mir erklärte, dass das Wetter heute keinesfalls angenehm würde. Mein Radiowecker plärrte weiter, während ich mich verschlafen aus dem Bett quälte. Ich wankte ins Bad, dabei kamen mir die Ereignisse der letzten Nacht wieder in den Sinn. Hatte ich das alles nur geträumt? Oder war es echt? Ich war unsicher. Aber es konnte doch nicht echt sein. Oder?

Ich nahm mir vor, heute wieder bis nachts zu bleiben.


Der restliche Tag wälzte sich ereignislos hin, bis es endlich Abend wurde. Ich hatte freiwillig angeboten, wieder im Keller aufzuräumen, und genau das tat ich bis Mitternacht. Rilisky war anfangs skeptisch wegen meines plötzlichen Eifers, aber nachdem er mich mehrmals kontrolliert hatte, schien er beruhigt. Irgendwie wirkte er, als wäre das sein Verdienst.

Wieder gegen Mitternacht fing die Oberfläche des Steins an, Wellen zu schlagen. So als würde er sich aus etwas Harzartigem ziehen, wand Oanarr sich aus dem Stein.

Schnaufend blickte er mich überrascht an.

„Wieder hier?“, fragte er und setzte sich zu mir auf eine alte Holzkiste, in der irgendetwas vor sich hin moderte. Ich reichte ihm ein Wurstbrot, das ich noch übrig hatte, und nickte.

„Hier, probier mal, du kommst ja nicht oft zum Essen“, sagte ich. Verdutzt blickte er das Brot an. Dann biss er hinein, so dass Krümel in seinen Bart fielen.

„Danke“, sagte er, „ich komme wirklich nicht oft dazu. Es ist so, dass ich durch den Fluch eigentlich nichts brauche, aber wenn ich nichts esse, bekomme ich trotzdem Hunger. Allerdings gewöhnt man sich daran, es gab jetzt eine Weile schon nichts mehr für mich.“

Eine Weile saßen wir schweigend da, bis Oanarr anfing mir Geschichten zu erzählen. Aus einer Zeit, als die Menschen hier noch in Stämmen gelebt hatten und die Elfen noch den Kontakt pflegten zu ihnen. Über sein Leben in der verborgenen Zwergenstadt Svartalfheim.


Am nächsten Tag fand ich wieder einen Grund, um Mitternacht im Keller zu sein, so dass wir uns erneut unterhalten konnten. Oanarr wirkte sehr überrascht, mich wieder zu sehen.

„Dachtest du nicht, dass ich wiederkommen würde?“, fragte ich ihn, als ich die Überraschung in seinem Gesicht sah.

„Nein, doch ich war nicht ganz sicher“, erklärt er.

„Soll ich dir wieder eine Geschichte aus alter Zeit erzählen?“, fragte er nach einem Moment der Stille. Ich nickte. Daraufhin erzählte er mir von harten Kämpfern und wie er einst gemeinsam mit anderen Zwergen und Menschen auszog, einen Drachen zu erschlagen. Wie sie dessen Knochen nach dessen Tod weiterverarbeiteten zu allerlei Gegenständen. Unter anderem zu einer kleinen Flöte, die Oanarr noch immer bei sich trug. Er zeigte mir sogar, wie man darauf spielen konnte. Sie hatte einen hohen, fröhlichen Klang.

Bald kam die Zeit, dass mein Praktikum sich dem Ende neigte.

„Mach dir keine Gedanken deswegen“, beruhigte Oanarr mich, als ich ihm erklärte, dass ich bald nicht mehr zu ihm kommen können würde.

„Wieso? Ich mag dich, du bist mir ein Freund geworden, ich will nicht, dass wir uns nicht mehr sehen“ erwiderte ich aufgebracht.

„Dies ist so oder so das letzte Mal, dass wir uns treffen“ sagte er. Er deutete auf die Rune im Felsen. Sie schien weniger tief eingeritzt zu sein, sie schien zu verblassen.

„Wieso? Was bedeutet das?“

„Ich bin frei“, sagte Oanarr. Er grinste schief.

„Frei?“

„Ich war verflucht, der Verräter am Stammesführer der Menschen wurde verflucht, solange zu leben, bis er Reue empfindet. Und die Freundschaft eines Menschen gewinnt“, erklärte Oanarr. Langsam schien er älter zu wirken. „Ich habe die Reue in meinen Herzen vor langer Zeit gefunden, doch wie sollte ich einen Menschen finden und seine Freundschaft gewinnen? Die meisten, die ich traf in den Jahren, hatten Angst. Bis auf dich. Du hast mich befreit“, erklärte Oanarr und reichte mir seine kleine Flöte.

„Aber...“, wollte ich ansetzen, doch in diesem Moment fing Oanarr an zu zerlaufen. So als würde er zu Sand. Oder Asche. Er schien nun um die Zeit zu altern, die er bereits lebte.

„Ich danke dir“, hörte ich Oanarr noch sagen. Alles geschah wie in Zeitlupe. Er, sowie alles was er bei sich trug, zerfiel zu feinem grauen Pulver.

Weg war er.



Dway’lion, der Magier

von Alfred Bekker

"Bring mir Wein!", rief der Herrscher von Ishkor seinem winzigen, gnomenhaften Diener zu. "Hast du nicht gehört, bring mir Wein!"

"Ja, Herr!" beeilte sich der Zwerg zu antworten. Er lief auf allen Vieren davon und kam einen Augenblick später mit einem Krug voller Wein zurück und reichte diesen seinem Herrn. Dieser sah den Zwerg nicht einmal an, während seine Hand nach dem Krug griff und ihn auf der breiten, steinernen Lehne seines Thrones abstellte.

Der Zwerg kauerte in einer Ecke.

Aber in seinen Augen blitzte es kaum merklich.

Dway'lion beugte sich über die weiße Kugel vor ihm auf dem Tisch. Sanft strich er mit der Hand über ihre Außenhaut, die daraufhin eine andere Farbe annahm. Sie wurde hellblau. Der Magier lächelte.

Diese Kugel war der Schlüssel zu seiner Macht.

Mit ihr war es ihm gelungen, die Drachen und Tiermenschen zu beschwören und sie auf dieser Welt materialisieren zu lassen. Es hatte ihn viel Mühe gekostet, sie in seinen Besitz zu bringen, denn ehedem war sie das Auge eines Zyklopen gewesen. Vermutlich war der arme Riese längst qualvoll gestorben, denn auf der einsamen Insel, auf der Dway'lion ihn einst aufgestöbert hatte, gab es ohne Augenlicht wohl kaum ein Überleben. Mit Hilfe dieses Auges hatte der Magier Dway'lion ein Weltreich erobert. Mächtige Städte, wie Ladon, Salii oder Palniarak waren zu Kolonien herabgesunken. Ishkor, die Stadt Dway'lions, würde eines Tages jeden Winkel der Erde beherrschen, jede noch so abgelegene Insel, jedes noch so verwunschene Tal.

Dway'lion strich nochmals über das Zyklopenauge, wobei sich die Farbe abermals änderte und steckte es dann in die weiten Taschen seines Gewandes. Ein furchterregendes Monstrum betrat nun den Raum. Es besaß den Körper eines Menschen, aber den Kopf eines Löwen. Der Löwenmann warf sich untertänig vor Dway'lion auf die Knie und erst, als der Magier ihm das Zeichen dazu gab, stand er langsam wieder auf. In seinen Augen loderte ein kaltes Feuer. Seine Mähne war zerzaust und seine messerscharfen Zähne blitzten gefährlich. In der Hand hielt er ein angsteinflößendes Schwert.

"Was willst du?", fragte Dway'lion knapp und hochmütig.

"Graf Khatiss will mit Euch reden, Herr!"

"Gut, dann führe ihn herein."

"Wie du befiehlst, Herr."

Der Löwenmann warf sich nochmals auf die Knie und verließ dann den Raum. Aber schon wenig später kehrte er mit einem aristokratisch wirkenden Mann zurück. Auch dieser fiel vor dem ishkorischen Herrscher auf die Knie. Der Magier liebte derartiges Theater.

"Ich grüße Euch, Herr!", stieß der Aristokrat hervor.

Dway'lion nickte gönnerhaft und gab ihm das Zeichen, dass er sich erheben könne.

"Nun, was gibt es, Graf Khatiss?"

Khatiss hatte in der Hierarchie der Ishkori eine hohe Stellung inne. "Wie ich hörte, wollt Ihr schon jetzt mit dem Feldzug gegen Gardul und die Barbaren von den Thyrn-Inseln beginnen, Herr!"

"Ja, das ist richtig."

"Ich halte diesen Entschluss für falsch."

Dway'lions Brauen zogen sich zusammen und gaben seinem Gesicht etwas Drohendes. In seinen Augen brannte es gefährlich.

Graf Khatiss sagte: "Ich will es Euch erklären, Herr!"

Der Herrscher der Ishkori war nahe daran, laut aufzubrüllen und zu toben. Aber diesmal zügelte er sein Temperament und blieb ruhig. "Redet, Graf! Redet!"

"Nun, die barbarischen Thyrnesen dürften kaum eine Schwierigkeit für uns bedeuten und auch die Mauern von Gardul sind keine unüberwindlichen Hindernisse, aber..."

"Verdammt nochmal, warum soll der Feldzug dann nicht stattfinden?", warf der Magier erbost ein.

"Wir sollten uns konsolidieren, Herr! Wir müssen die Macht zunächst im Inneren festigen, sonst..."

"Was redet Ihr da für einen Unsinn, Graf Khatiss! Keine Macht der Welt ist in der Lage, mir entgegenzutreten! Ich brauche keinen Gegner - woher er auch immer kommen mag – zu fürchten, denn ich bin unbesiegbar!"

"Da bin ich mir keineswegs sicher", flüsterte Graf Khatiss.

Dway'lion funkelte den Grafen böse an.

"Was soll das heißen?", brummte er.

Khatiss zuckte mit den Schultern, aber der Herrscher von Ishkor gab sich damit nicht zufrieden. Er packte den Grafen bei den Schultern und schüttelte ihn. Dieser wagte es nicht, gegen seinen Herrn irgendwelchen Widerstand zu leisten. Er ließ es einfach über sich ergehen und zeigte dabei eine erstaunliche Gelassenheit.

"Was wolltet Ihr mit Eurer geradigen Bemerkung sagen, Graf?"

"Ich wollte damit nur sagen, dass auch Ihr nicht unsterblich seid, Herr!"

Dway'lion erblasste und Khatiss fuhr fort.

"Ein Meuchelmörder hätte oft genug Gelegenheit, Euch niederzustrecken. Ihr habt viele Gegner innerhalb Eures Reiches, deshalb müsst Ihr Eure Macht erst festigen. Ihr müsst das Chaos abschaffen, welches zur Zeit noch in den eroberten Ländern herrscht, denn Chaos und Verwirrung können sich nur begünstigend auf eine Rebellion auswirken. Gardul und die Thyrn-Inseln können warten!"

Dway'lion ließ sich matt lächelnd auf seinem Thron nieder.

Mit der Hand fühlte er nach dem Zyklopenauge in seiner Tasche. Meine Macht ist geliehen! dachte er. Ohne dieses Auge wäre ich nicht mehr als Khatiss.

Er blickte den Grafen nachdenklich an.

"Gardul und die Thyrn-Inseln können warten, mein Herrscher!", hörte er ihn noch einmal sagen. Es klang wie eine Beschwörung.

"Nein!", sagte Dway'lion dann schließlich in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

"Aber...", entfuhr es dem hilflosen Khatiss.

Sein Gegenüber schüttelte jedoch energisch den Kopf.

"Nichts wird warten! Der Eroberungszug wird wie geplant verlaufen!"

In das Gesicht des Magiers war etwas Strenges, Kompromißloses getreten.

Khatiss war verzweifelt. "Aber sehr Ihr denn die Gefahr nicht? Es wird Revolten und Aufstände geben! Ich habe gehört, dass in den Tavernen von Ladon und Salii bereits aufrührerische Reden geführt werden und sich in den kroshitischen Wäldern bereits Horden von Banditen zusammengerottet haben!"

Dway'lion winkte ab.

"Aber das sind doch keine Gefahren für das Imperium von Ishkor!", lachte der Magier.

Graf Khatiss' Gesichtsmuskeln zuckten unruhig.

"Dünkt Euch nicht zu sicher und mächtig! Eine solche Einstellung, wie Ihr sie an den Tag legt, hat schon so manchen Herrscher Leben und Macht gekostet!"

Dway'lion sprang mit vor Zorn gerötetem Gesicht auf und funkelte den Grafen böse an.

"Hinaus!"

Er schien sich im Zustand höchster Erregung zu befinden, aber Graf Khatiss konnte das nicht aus der Ruhe bringen. Er wusste nur zu gut um das cholerische Temperament des Magiers.

"Hinaus!", brüllte der Herrscher abermals und deutete zur Tür. Langsam und etwas zögernd erhob sich der so Verwiesene.

"Ich habe es gut mit Euch gemeint, Herr!"

Doch der in Wut geratene Magier hörte dies gar nicht.

"Hinaus! Auf der Stelle!", brüllte er, worauf Khatiss scheu den Raum verließ.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Dway'lion sich wieder beruhigt hatte. Er stand von seinem Thron auf und trat ans Fenster. Die wenigen Höflinge und ihre Damen, die auf dem Innenhof des Palastes herumspazierten, bemerkten ihren Herrscher nicht.

Hängen, rädern, kreuzigen sollte man diesen Khatiss! durchfuhr es den Magier mit Grimm. Düstere, wütende Gedanken des Zorns waren es, die seine Seele schüttelten.

Khatiss! Er hatte es gewagt, seine Stimme gegen den Herrscher zu erheben! Nein, das konnte und wollte Dway'lion nicht dulden. "Wache!", rief er und der grauenerregende Löwenmann erschien.

"Ihr befehlt, Herr?"

"Graf Khatiss soll festgenommen werden!"

"Ja, Herr."

Der Löwenmann verschwand und Dway'lion atmete tief durch.

Er ließ sich auf seinem Thron nieder und blickte auf den Weinkrug, der noch immer auf der breiten, steinernen Armlehne stand. Er nahm ihn und trank. Er hatte den Krug noch nicht abgesetzt, da fühlte er Schwindel. Der Krug rutschte ihm aus der Hand und zersprang auf dem Boden. Ein unmenschlicher Schmerz erfasste ihn. Er versuchte, sich zu erheben. Sein Blick ging in Richtung des zwergenhaften Dieners, der mit einem zufriedenen Lächeln in der Ecke kauerte und wartete, bis der Herrscher von Ishkor gestorben war. Auf allen Vieren, fast einem Affen gleich, kam der Zwerg dann auf den Toten zu, um in dessen Kleidern nach dem Zyklopenauge zu suchen...

Gefährten der Magie

von Alfred Bekker



Kapitel 1: Thobin, der Dieb

„Da ist er!“

Thobin wirbelte herum. Er sah, wie sich die Männer der Stadtwache von Aratania durch die enge Gasse drängten. Ein mit Stoffballen überladener Karren, der von einem vierarmigen zylopischen Riesen gezogen wurde, kam ihm entgegen.

„Vorsicht, Vorsicht!“, rief der gerade mal hüfthohe Gnom, der oben auf dem Wagen saß.

„Aus dem Weg!“, riefen die Stadtwachen.

Thobin sprang zur Seite, geradewegs in eine Türnische hinein während der zylopische Riese den Karren an ihm vorbeizog.

Dass die Männer ihn verfolgten hatte seinen Grund. Thobin presste die Hand an die Brust. Unter dem Gewand aus grober Wolle, das ihm bis über die Hüfte reichte und von einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde, verbarg er einen Schatz.

Ein Schatz allerdings, der ihm nicht gehörte.

Und das war auch der Grund dafür, dass die Stadtwachen ihn verfolgten.

Thobin schnellte aus der Türnische heraus und rannte weiter die Gasse entlang. Der breite Karren des Riesen versperrte nun seinen Verfolgern den Weg.

Gut so!, dachte er.

Thobin trug weiche Fellstiefel, die ihm bis zu den Knien reichten. In diesen Stiefeln hatte er kleine Werkzeuge und einen Dolch verborgen. Alles, was ein richtiger Dieb so brauchte, um die Schlösser von Türen und Truhen zu öffnen. Am Gürtel trug er einen etwas längeren Dolch, eine kleine Ledertasche, in der er neben ein paar gestohlenen Münzen noch ein paar Kleinigkeiten aufbewahrte und einen Wurfhaken am Seil.

Thobin hetzte in Richtung des Endes der Gasse. Dort musste er auf den Markt am Hafen stoßen. Auf diesem Markt war stets so viel los, dass er leicht in der Menge untertauchen konnte.

Doch dann bogen mehrere bewaffnete Stadtwachen genau von dort um die Ecke.

„Packt den elenden Dieb!“, rief einer von ihnen.

Thobin blieb stehen. Er riss den Wurfhaken aus dem Gürtel, schleuderte ihn kurz entschlossen empor, sodass er sich an einem Dächer festhakte. Das Seil, das am unteren Ende des Hakens befestigt war, reichte gerade. Er fasste es mit beiden Händen, zog es kurz stramm und überprüfte, ob es ihn halten konnte. Der Haken saß. Thobin schwang sich empor. Mit den Füßen stieß er sich an der Wand ab, während er am Seil hinauf kletterte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Die pure Angst trieb ihn in die Höhe und ließ ihn auch die schmerzenden Arme vergessen.

Selbst das wertvolle Buch unter seinem Wams war plötzlich nicht mehr so wichtig.

Thobin hatte immer schon ein großes Klettertalent gehabt. Solange er sich erinnern konnte, war das so gewesen. Schwindelgefühl oder Ermüdung kannte er dann kaum. Wenn er Wände empor kletterte, kam er sich manchmal vor wie eine Spinne. Es erschien ihm einfach, und er fühlte sich leicht, und er hatte nie verstanden, weshalb anderen das so viel schwerer fiel.

Als die Wächter sich genähert hatten, befand sich Thobin bereits ein ganzes Stück über ihnen. Unerreichbar für ihre Spieße und Hellebarden. Er hatte das untere Ende des Seils zu sich heraufgezogen, so dass keiner der Verfolger es ergreifen konnte.

Thobin hörte sie fluchen.

„Warte nur, wir kriegen dich noch, du elender Dieb! Und dann geht es dir schlecht!“

Er zog sich bis hinauf auf das Dach, wickelte das Seil auf und löste den Wurfhaken, den er daraufhin wieder an seinem Gürtel befestigte. In einem der feucht-kalten Kerker von Aratania hatte er bereits mal eine kurze Zeit zubringen müssen, ehe ihm sein Geschick bei der Öffnung von Schlössern schließlich zur Flucht verhalf. Dorthin wollte er auf jeden Fall nie wieder zurück.

Thobin blickte sich kurz um. Von hier oben hatte man einen Blick bis zum Hafen, in dem hunderte von Schiffen aus aller Herren Länder angelegt hatten. Aratania – die Hauptstadt des Reiches Aratan – erstreckte sich so weit das Auge reichte. Die Stadt war einziges Gewirr aus Straßen, Mauern und Häusern. Und in der Mitte erhob sich der Palast des Großkönigs. Thobin kannte hier jeden Winkel, jede Gasse, jede Straße und jedes Tor in den verschiedenen Stadtmauern. Und so schwer es manchmal auch für einen ehrlichen Dieb war, sein Auskommen zu finden und den Wächtern zu entkommen, so wenig konnte er sich vorstellen, irgendwo anders zu leben. Die Straßen dieser Stadt waren sein Zuhause. Thobin hetzte behände über die rutschigen Schindeln, sprang auf das Dach des nächsten Hauses, lief weiter und überwand auf diese Weise innerhalb kurzer Zeit fast ein ganzes Stadtviertel.

Zwischendurch tastete er nach dem Buch unter seinem Wams.

Es muss sehr wertvoll sein, ging es ihm durch den Kopf. Wie sonst war es zu erklären, dass die Stadtwache ihn so hartnäckig verfolgte?

Geschahen nicht jeden Tag in den unübersichtlichen, oft sehr engen Gassen von Aratania viel schlimmere Verbrechen? Wurden nicht wertvollere Dinge gestohlen, als ein altes Buch, das nun wirklich nicht zu den prächtigsten Exemplaren in der Bibliothek gehört hatte!

Wenn es wenigstens einen Einband mit Goldrand gehabt hätte! Dann hätte Thobin es verstehen können, dass man ihn so hartnäckig jagte.

Aber irgend etwas besonderes musste es mit diesem Buch auf sich haben. Schließlich hatte Thobin es nicht aus eigenem Antrieb gestohlen, sondern dafür einen Auftrag erhalten. Und sein Auftraggeber hatte ihm so viel Silber dafür versprochen, dass Thobin davon das ganze nächste Jahr hätte leben können.

Er erreichte das Ende des Daches und blickte auf eine menschenleere Gasse herab. Sie war so schmal, dass kaum zwei erwachsene Männer nebeneinander gehen konnten. Thobin ließ sich mit Hilfe seines Seiles und des Wurfhakens an der Mauer hinab. Dann rollte er das Seil um den Haken und steckte beides wieder hinter den Gürtel.

Am Ausgang der winzigen Gasse wurde es plötzlich dunkel. Ein Soldat der Stadtwache stand dort.

Er hielt einen Speer in der Linken und griff mit der Rechten zu einer Einhand-Armbrust, die er am Gürtel trug. Der Soldat richtete die Waffe auf Thobin. „Stehen bleiben, elender Dieb!“, rief er.

Thobin wirkte einen Moment wie erstarrt. Er sah auf der rechten Seite die Abzweigung zu einem schmalen Gang. Er wusste zwar nicht, wohin der führte, aber das war ihm im Augenblick auch gleichgültig. Hauptsache so schnell wie möglich weg von hier!

Drei, vier Schritte waren es bis dort. Die Gedanken rasten nur so in Thobins Kopf. Konnte er es bis dorthin schaffen, ohne dass ihm der Soldat mit dem Bolzen seiner Einhand-Armbrust traf?

„Kommt hier her!“, rief dieser seinen Leuten zu. Dabei drehte er halb den Kopf. Diesen Augenblick nutzte Thobin aus. Er rannte los. Drei Schritte, das musste doch zu schaffen sein! Der Soldat drückte die Einhand-Armbrust ab. Es machte klack und der Bolzen zischte genau in Kopfhöhe durch die Luft. Thobin erreichte gerade die Stelle, an der der kleine Gang abzweigte, drehte sich halb herum und sah aus den Augenwinkeln heraus etwas auf sich zufliegen.

Doch der Bolzen veränderte plötzlich seine Flugbahn. Er stieg etwas empor und zischte haarscharf über seinen Kopf hinweg und prallte dann gegen das Gemäuer auf der rechten Seite.

Thobins Augen waren in diesem Moment vollkommen schwarz geworden. Pure Finsternis füllte sie und nichts Weißes war darin noch erkennbar.

Der Soldat erschrak sichtlich.

Thobin selbst konnte natürlich nicht sehen, was mit seinen Augen geschehen war. Er sah nur das Entsetzen im Gesicht des Wächters.

Mit einem Satz war der junge Dieb dann in dem noch schmaleren Gang verschwunden. Er rannte vorwärts. Es war finster hier. Er trat auf etwas Weiches. Mit einem durchdringenden Miauen stob eine Katze zwischen seinen Füßen davon, die sich hier wohl auf die Lauer nach Beute gelegt hatte.

Hinter sich hörte er Lärm, der von den Soldaten der Stadtwache herrührte, die ihm nach wie vor auf den Fersen waren. Jenes Buch, das er unter seinem Wams trug, musste wirklich von äußerst großer Bedeutung sein und er verfluchte sich schon dafür, diesen Auftrag überhaupt angenommen zu haben. Es war das erste Mal gewesen, das er nicht für sich selbst, sondern im Auftrag eines anderen gestohlen hatte. Etwas, das eigentlich dem Ehrenkodex der Straßendiebe von Aratania widersprach. Und es war ja nun auch prompt danebengegangen. Das muss wohl die Strafe dafür sein!, ging es Thobin durch den Kopf.

Er erreichte eine Mauer.

Na großartig!, durchfuhr es ihn ärgerlich.

Hinter sich hörte er die Schritte der Wächter.

Er saß in der Falle!

Thobin nahm erneut sein Wurfseil, ließ den Haken über die Mauer fliegen und zog sich dann wenig später empor. Gerade, als er rittlings oben auf der Mauer saß, sah Thobin sich noch einmal kurz um. In der Dunkelheit des engen Ganges bemerkte er eine Bewegung, Stimmen, Schritte...

Thobin sprang auf der anderen Seite herab und landete in einem Hinterhof. Ein Mann mit einem Schwert in der Hand stand ihm gegenüber. Er war kräftig, das Gesicht kantig und der Blick seiner meergrünen Augen wirkte durchdringend. Seine hervorspringende Nase erinnerte an einen Falken, das Haar hatte bereits graue Strähnen.

Neben ihm stand ein Trork. So nannte man die fellbehängten Bewohner des Wilderlandes. Sie überragten normalerweise selbst den größten Mann noch um mehr als die Hälfte und wirkten wie eine Mischung aus Trollen und Orks. Zottelig hing ihnen das Haar herab und zumeist standen ihnen lange Zähne als Hauer aus dem tierhaften Maul heraus.

Dort, wo normalerweise die Augen hätten sein müssen, war bei einem Trork gar nichts.

Nur die blanke Stirn – denn Trorks besaßen keine Augen. Sie hatten andere Sinne, um sich zu orientieren. Sinne, die allerdings niemand wirklich zu verstehen vermochte, außer ihnen selbst. Dieser Trork hielt in seiner rechten, sechsfingrigen Pranke einen gewaltigen Hammer.

Thobin begriff, dass er offenbar geradewegs in eine Schmiedewerkstatt geraten war. Rauch quoll aus dem Abzug eines Ofens hervor.

Der Trork knurrte leise vor sich hin.

„Sei still, Shrrr!“, schimpfte der grauhaarige Mann mit dem Schwert, an dessen Griff Thobin ein leuchtender Rubin auffiel, der dort eingelassen war. Stirnrunzelnd trat der Grauhaarige etwas vor, während der Trork ihm tatsächlich gehorchte und zu knurren aufhörte.

Der Mann mit dem Schwert lauschte kurz den Stimmen der Stadtwachen. Dann deutete er auf einen Stapel alter, mottenzerfressener Decken und Lumpen. „Los! Versteck dich!“

Thobin ließ sich das nicht zweimal sagen.



Kapitel 2: Faragan, der Abenteurer

Die Lumpen, unter denen sich Thobin verbarg, stanken entsetzlich. Thobin musste einen Brechreiz unterdrücken. Allerdings konnte er es doch nicht lassen, wenigstens mit einem Auge aus seinem Versteck herauszublinzeln.

Inzwischen hatte es der erste Verfolger geschafft, die Mauer zu überwinden. Da die Soldaten ja weder ein Seil noch einen Haken zur Verfügung gehabt hatten, war das nicht so ganz einfach gewesen.

Es war der Kerl mit der Einhand-Armbrust. Er landete mit einem federnden Satz auf dem Boden. Inzwischen hatte er längst einen neuen Bolzen in die Waffe eingelegt. Er spannte sie jetzt.

„Wo ist der Kerl hin, der sich gerade über die Mauer schwang?“, fragte der Soldat schroff.

Der Trork knurrte wieder.

„Ganz ruhig, Shrrr!“, mahnte ihn der Grauhaarige mit dem Schwert. „Der Junge ist wie ein Wahnsinniger an uns vorbei gestürmt! So als wäre eine ganze Schar von Höllendämonen hinter ihm her.“ Mit dem Schwert deutete der Grauhaarige auf den offenen Eingang zu seiner Schmiedewerkstatt. „Auf der anderen Seite ist eine Tür, die zur Straße führt. Dort ist er hin! Beeilt euch, wenn ihr ihn noch aufhalten wollt!“

Der Soldat zögerte. Ein zweiter kletterte gerade über die Mauer. Ein dritter folgte.

„Na los, worauf wartet ihr?“, setzte der Grauhaarige noch hinzu.

„Ich kenne dich irgend woher“, sagte der Soldat mit der Einhand-Armbrust, während die beiden anderen Männer bereits die Tür zur Straße erreicht hatten, sie aufrissen und ins Freie liefen.

„Das muss ein Irrtum sein!“

„Nein, das glaube ich nicht! Wie heißt du?“

„Mein Name ist Faragan – und ich diente einst in der Garde des Großkönigs von Aratan!“

Der Soldat nickte leicht. „Ein Veteran also. Vielleicht werden wir noch einmal wiederkommen, um dich nach Einzelheiten über diesen flüchtigen Dieb zu befragen.“

Faragan hob die Schultern. „Ich kann dir darüber nicht mehr sagen, als du auch gesehen hast“, behauptete er.

Der Soldat folgte den beiden anderen und verließ das Haus des Schmieds durch die zur Straße gewandte Tür. Man hörte, wie sie wenig später wieder ins Schloss fiel.

Der Trork stieß ein wildes Knurren aus – so laut, dass ein paar Tauben, die auf einem der höheren Dächer ganz in der Nähe saßen und auf den Hinterhof herab blickten, augenblicklich davon stoben.

„Ist ja schon gut, Shrrr“, meinte Faragan an den Trork gerichtet. „Ich kann die Stadtwachen einfach nicht leiden. Und dass ich früher selbst mal dazugehörte könnte durchaus etwas damit zu tun haben. Aber das ist ein anderes Thema...“

Der Trork antwortete ihm mit einem tiefen, brummenden Laut, der schließlich in eine Art Gurgeln überging.

Faragan ging zu dem Stapel Lumpen, spießte ein paar davon mit dem Schwert in seiner Hand auf und ließ sie zur Seite gleiten, sodass Thobin darunter zu sehen war.

„Du kannst wieder hervor kommen, Dieb!“, sagt er in einem Tonfall, der Thobin überhaupt nicht gefiel.

Der Geruch der Lumpen war so scharf, dass er nur sehr schwer erträglich war. Ein Geruch, der Thobin an irgend etwas erinnerte, nur konnte er im Moment nicht so recht sagen, was es war. Es fiel ihm einfach nicht ein. Thobin verzog das Gesicht und stand unsicher auf. Er wagte sich gar nicht vorzustellen, wie lange dieser Gestank in seinen Kleidern bleiben würde.

Aber dafür hatten ihn die Soldaten des Königs nicht in die Hände bekommen und das war wichtiger als alles andere.

Einen Moment lang dachte Thobin darüber nach, dass der Geruch natürlich jetzt wohl auch von dem wertvollen Buch ausging, was er unter dem Wams trug. Wie sein Auftraggeber das Gesicht verzog, wenn der diesen übelriechenden kleinen Band ausgehändigt bekam, das mochte sich Thobin im Moment gar nicht weiter vorstellen. Er wird den Preis für meine Dienste drücken wollen, ging es dem Straßendieb sofort durch den Kopf.

Faragan wandte sich an den Trork. „Shrrr, sieh mal vor der Tür nach, was sich auf der Straße so tut!“

Der Trork erwiderte dies mit einem Knurrlaut und ging. Vorher warf er noch den großen Schmiedehammer auf den Boden.

Faragan musterte Thobin von oben bis unten und trat etwas näher. „Was hast du gestohlen, dass so viele Wachsoldaten hinter dir her sind?“, fragte er und senkte dabei das Schwert mit dem rubinbesetzten Griff.

„Ich? Ich weiß nicht.. Jedenfalls also...“

Thobin stotterte irgend etwas vor sich hin, was keinerlei Sinn ergab.

„Keine Angst, ich tue dir nichts“, sagte Faragan. Er deutete auf die ausgebeulte Stelle unter Thobins Wams. „Ist dort deine Beute... Meine Güte, nach dem gewaltigen Aufstand, den die Stadtwache hier veranstaltete, musst du ja die Kronjuwelen des aratanischen Großkönigs an dich gebracht haben oder irgend etwas anderes, das vergleichbar wertvoll wäre!“

„Es ist nur ein Buch, Herr!“, sagte Thobin.

„Ein Buch?“ Faragan runzelte die Stirn.

„Ja, ich bin in eine Bibliothek eingestiegen und habe ein Buch gestohlen.“

„Juwelen, etwas zu essen, meinetwegen auch noch ein gutes Schwert – für all das hätte ich Verständnis, aber bei der Hitze des Sonnengottes, was um alles in der Welt willst du mit einem Buch?“

„Herr, ich bin sehr wissbegierig“, behauptete Thobin. Dass er für dieses Buch eine hohe Summe an Silber angeboten bekommen hatte, erwähnte er ebenso wenig wie die Tatsache, dass er überhaupt nicht lesen konnte.

Inzwischen kam der Trork zurück.

„Sind draußen immer noch Soldaten?“, fragte Faragan.

Der Trork nickte und machte ein paar Zeichen mit den großen Pranken, von denen jede sechs Finger hatte.

Faragan schien diese Mischung aus Zeichen und Lauten zu verstehen.

Er wandte sich wieder an Thobin. „Ich kann dir nicht empfehlen, auf die Straße zu gehen. Offenbar sind die fest davon überzeugt, dass du hier irgendwo in diesem Viertel stecken musst...“

„Verflucht...“, murmelte Thobin.

„Hast du Hunger? Shrrr, mein Trork-Freund, und ich wollten gerade sowieso eine Pause machen und wenn du willst, kannst du mit uns essen...“

„Nun, ich...“

„Du siehst aus wie ein hungriger Straßenjunge, und es würde mich brennend interessieren, warum so einer wie du, Bücher anstatt ein paar Früchte auf dem Markt stiehlt...“

Im Moment hatte Thobin ohnehin keine andere Wahl, schließlich hatte er keine Lust, den Wachen geradewegs in die Arme zu laufen, sobald er das Haus verließ und auf die Straße ging.

Also war es in jedem Fall besser, Faragans Gastfreundschaft anzunehmen.

Das Haus gestand nur aus einem einzigen Raum, der Werkstatt und Wohnung zugleich war. Bevor sich Thobin an den großen Zisch setzte, sah er zunächst einmal durch eines der Fenster auf die Straße. Die Fenster waren nicht verglast, sondern wurden mit Holzläden geschlossen. Am Tag standen die Holzläden offen, aber die Öffnung war dann mit einem Vorhang aus Alabaster verhängt, den Thobin jetzt etwas zur Seite schob, um sehen zu können, was auf der Straße los war. Tatsächlich! Auf der anderen Straßenseite waren mehrere der Soldaten zu sehen, die ihn verfolgt hatten. Sie sprachen miteinander. Einer von ihnen fuchtelte ziemlich aufgeregt mit den Armen herum. Offenbar waren sie ziemlich ratlos.

„Setz dich ruhig!“, meinte Faragan. „Wenn sie nochmal zurückkommen, wird uns schon etwas einfallen.“

Faragan stellte Brot und Milch auf dem Tisch. Außerdem einen großen Holzeimer mit Haferbrei. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis Thobin begriff, dass der Inhalt dieses Eimers ausschließlich für den Trork namens Shrrr gedacht war.

Sie setzten sich.

Thobin schlang ohne lange zu überlegen ein Stück Brot herunter. Er hatte tatsächlich ziemlich großen Hunger. Seit mehr als anderthalb Tagen hatte er schon nichts mehr gegessen. So lange dauerte die Hatz auf ihn schon und er war so sehr damit beschäftigt gewesen, den Soldaten zu entkommen, dass an Essen überhaupt nicht zu denken gewesen war. Dafür fiel ihm jetzt umso mehr auf, wie sehr ihm der Magen schon seit geraumer Zeit geknurrt hatte.

Nachdem er dann auch noch eine kräftigen Schluck Milch zu sich genommen hatte, fragte er an Faragan gerichtet: „Warum tust du das für mich?“

„Weil ich diese Wach-Soldaten nicht mag!“

„Und woher kannte dich der Soldat?“

„Er muss sich geirrt haben!“

„Aber er schien sich ziemlich sicher zu sein!“

Shrrr grunzte vor sich hin. Mit seinen sechsfingrigen Pranken nahm er jeweils einen riesigen Klumpen aus dem Eimer mit Haferbrei und stopfte ihn sich ins Maul. Ziemlich geräuschvoll schluckte er jeden Happen herunter und rülpste anschließend in verschiedenen Tonlagen, was ihn zu erfreuen schien.

„Auch wenn du es nicht gewohnt bist, aber wir haben einen Gast!“, wandte sich Faragan an den Trork. Dieser stutzte und machte eine Geste, die Erstaunen ausdrückte. Anschließend aß er etwas weniger geräuschvoll. „Shrrr denkt, dass ich mich nicht so haben soll!“, grinste Faragan.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, stellte Thobin fest.

„Und du bist ein ziemlich hartnäckiger Quälgeist! Wie heißt du überhaupt?“

„Thobin, Sohn eines unbekannten Vaters und einer bei meiner Geburt verstorbenen Mutter. Ich wuchs im städtischen Waisenhaus von Aratania auf, bis ich es geschafft habe, von dort zu entfliehen.“

„Und von da an hast du dich als Dieb durchgeschlagen?“

„So ist es. Aber sei unbesorgt, jemanden, der mir geholfen hat, würde ich nicht bestehlen.“

„Und warum nicht?“

„Weil das gegen die Diebesehre wäre, die unter den Straßendieben von Aratania gilt! Also kannst du ganz unbesorgt sein, Faragan!“

Shrrr stieß einen grollenden Laut aus und Faragan musste schmunzeln. „Mein Trork-Freund scheint dir nicht so richtig zu trauen“, meinte Faragan.

„Versteht er denn überhaupt so richtig, was wir sagen?“, erkundigte sich Thobin. Die Trorks lebten schließlich weit ab im Wilderland und man erzählte sich alle möglichen und wundersamen Geschichten über diese wilden Gesellen und ihr noch wilderes Land. Da die meisten dieser Geschichten von Zentauren erzählt wurden und die Zentauren die uralten Feinde der Trorks waren, wurden diese natürlich als grausame Bestien und ungehobelte Wilde dargestellt, die sich vom Fleisch der Riesenmammuts ernährten, aber auch gerne jeden anderen Besucher des Wilderlandes aufspießten und am Feuer brieten, wenn ihnen danach war. Dass sich Shrrr offenbar hauptsächlich von Haferbrei ernährte, hatte Thobin daher vom ersten Augenblick an gewundert.

Nur äußerst selten gab es Trorks in Aratania zu sehen. Es gab inzwischen hier und da ein paar Handwerker, die sie wegen ihrer Stärke als Träger, Schmiedegehilfe oder Wächter beschäftigten.

Und genau das war auch wohl hier der Fall.

„Verlass dich drauf, er versteht jedes Wort, auch wenn er selbst kein Wort herausbringt. Aber ich habe mir das ehrgeizige Ziel gesteckt, ihm die Schönheiten unserer Sprache noch beizubringen.“

Wie zur Bestätigung dieser Worte ließ Shrrr daraufhin einen kräftigen Knurrlaut folgen, der mit einem ohrenbetäubenden Schnalzen endete. Thobin verzog das Gesicht. „Ah, das tut ja in den Ohren weh!“, beklagte er sich. „Kaum zu ertragen!“

„Na hör mal - ein Straßendieb, der so empfindlich wie ein Elb ist! Wer hat denn so etwas schon mal gehört!“, meinte Faragan lachend. Er beugte sich nach vorn. „Du wolltest wissen, warum ich dir helfe! Es ist ganz einfach. Früher gehörte ich selbst zur Garde des Großkönigs und war ein geachteter Mann, aber ich geriet unter falschen Verdacht. Angeblich hätte ich mit Dieben gemeinsame Sache gemacht, sie absichtlich entkommen lassen und ihnen sogar geholfen, ihre gestohlene Ware zu verkaufen. So warf man mich nach Jahren treuer Dienste mit Schimpf und Schande aus der Garde von Aratan, obwohl mir niemand eine Schuld nachweisen konnte.“

„Dann ist dir übel mitgespielt worden“, musste Thobin zugeben.

„Seitdem muss ich mich als Söldner, Reiseführer und hin und wieder sogar als Waffenschmied durchschlagen, obwohl ich damals kurz davor stand, zum Hauptmann aufzusteigen! Aber stattdessen sind die befördert worden, die mich damals verdächtigten... Aber ich will mich nicht beklagen. Ich hätte auch im Kerker landen können... Jedenfalls freue ich mich, den Soldaten des Königs eins auswischen zu können. Und wenn man mich schon dafür gestraft hat, dass ich mit Dieben gemeinsame Sache gemacht habe, dann soll es doch wenigstens der Wahrheit entsprechen, oder?“ Faragans Lachen klang rau und heiser. Thobin spürte, dass es ihn immer noch wurmte, auf so unrühmliche Weise aus der Garde des Großkönigs ausgeschieden zu sein.

Thobin hatte inzwischen aufgegessen. Er stand auf, ging noch einmal zum Fenster und schob den Alabaster-Vorhang zur Seite, um hinaus sehen zu können. „Ich will dir ganz sicher nicht länger als unnötig zur Last fallen, Faragan, aber da dort draußen immer noch ein paar Soldaten herumlaufen, wäre ich dir sehr dankbar, wenn ich zumindest bis zum Einbruch der Dunkelheit noch hier bleiben könnte...“

Shrrr verschluckte sich an einer große Portion Haferbrei, die er sich gerade in diesem Augenblick in seinen Rachen hinein geschlungen hatte. Er fuchtelte mit den Armen herum und stieß dann einen tiefen Grunzlaut aus.

„Tja, ich glaube, mein Freund hier ist nicht so besonders begeistert von der Idee“, meinte Faragan.

Wie zur Bestätigung nickte Shrrr und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dabei stieß er einen dumpfen Brummlaut aus, der wie eine Bestätigung klang.

„Er denkt wohl, dass du dich damit selbst in Gefahr bringst, wenn du mich länger beherbergst“, stellte Thobin fest.

„Ja, so könnte man das ausdrücken“, stimmte Faragan zu. „Und wenn du da noch lange am Fenster herum hängst, wird die Gefahr wohl noch größer, da dann damit zu rechnen ist, dass irgendwann einer der Soldaten bemerkt, dass da jemand andauernd die Straße beobachtet.“

„Ich würde ja gerne meines Weges ziehen“, versicherte Thobin. „Aber ich fürchte, dass ich damit die Aufmerksamkeit der Soldaten auf mich ziehe – und nicht nur auf mich, sondern auch auf euch beide! Es würde dann ziemlich schnell klar, dass ihr mir geholfen habt!“

Faragan nickte. Er erhob sich von seinem Platz. „Das ist ein Problem.“

„Ich mache dir einen Vorschlag, Faragan!“

„Ich höre?“

Thobin griff sich dorthin, wo das Buch sein Wams ausbeulte und erklärte: „Ich habe eine ziemliche Summe in Silber in Aussicht, wenn ich dieses Buch meinem Auftraggeber gegeben habe! Davon würde ich dir, sagen wir, ein Drittel abgeben, wenn ich hier noch eine Weile bleiben könnte.“

Faragan schien zu überlegen. Er kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Dann bist du in Wirklichkeit gar nicht so wissbegierig wie du behauptet hast. Und ich soll darauf vertrauen, dass du wirklich zurückkommst und mir meinen Anteil am Silber bringst?“

„Was ist das Leben ohne Vertrauen, werter Faragan!“, erwiderte Thobin.

„Da hast du sicher recht“, gab Faragan zu. „Aber das ganze erscheint mir dich etwas windig. Wer ist denn derjenige, dem du das Buch versprochen hast?“

„Das darf ich leider niemandem sagen“, erklärte Thobin in fast feierlichem Ernst. „Tut mir leid, aber daran kann ich nichts ändern. Schließlich bin ich ein ehrenhafter Dieb.“

„Ja, ich verstehe schon. Und ich bin jemand, der nicht so dringend auf ein paar Silbermünzen angewiesen ist, dass er sie deswegen auch von einem Dieb annehmen würde. Also, lass dein Geld da, wo es ist. Ich will es nicht! Schon deshalb, weil ich ja nicht weiß, wem es vorher gehört haben mag.“

„Aber...“

„Ich habe dir eine anderen Vorschlag zumachen...“

„Und der wäre?“

„Zeig mir erstmal das Buch, da du gestohlen hast. Dann kann ich das Risiko vielleicht abschätzen und ahne, warum man dich so verfolgt... Keine Sorge, ich gebe es dir zurück, und selbst wenn ich das nicht täte, hättest du sicher das nötige Diebestalent, um es mir jederzeit wieder abzunehmen. Was ist? Traust du mir nicht? Dazu hast du keinen Grund, schließlich habe ich dich vor den Soldaten gerettet!“

Thobin zögerte. Er holte das Buch schließlich doch unter der Kleidung hervor. Es wirkte unscheinbar und war nur so groß wie die Handfläche eines Mannes. Er trat an Faragan heran und und gab es ihm.

„Kannst du es lesen?“, fragte Thobin.

Faragan sah es sich an, blätterte darin herum und schüttelte dann den Kopf. „Nein. Das ist Elbenschrift und obwohl ich schon in Elbiana gewesen bin, vermag ich die Schrift zwar wiederzuerkennen, aber nicht zu lesen. Hast du eine Ahnung, was für ein Buch das ist?“

„Nein.“

„Hat den Auftraggeber dir das nicht gesagt?“

„Mit wurde nur gesagt, wo es sich in der Bibliothek befindet und man zeigte mir ein Abbild der Elbenrune auf dem Einband“, erklärte Thobin. „Das war alles!“

„Und wer, wenn ich fragen darf, hat dir den Auftrag dazu gegeben?“

„Er wird Pendrasil genannt und ich hatte das Gefühl, dass er nicht von hier kommt. Er sprach mich in einem Gasthaus an, wo ich gerade damit beschäftigt war, die Gäste um das Silber in ihren Taschen zu erleichtern... Viel von ihm gesehen habe ich nicht – nicht einmal sein Gesicht, denn er trug eine weite Kutte und hatte die Kapuze immer tief herab gezogen, sodass sein Antlitz immer im Schatten lag...“

Faragan schüttelte den Kopf. „Du machst mit jemandem Geschäfte, dem du nicht einmal in die Augen schauen kannst? Meine Güte, dir muss man noch viel beibringen, wie mir scheint. Du erinnerst dich wirklich an nichts weiter als an den Namen?“

„Seine Hand hatte sechs Finger“, erklärte Thobin.

Shrrr stieß sofort einen Knurrlaut aus. Er hob seine eigene, ebenfalls sechsfingrige Pranke empor.

„Ist ja schon gut, ich weiß, was du sagen willst“, versicherte Faragan und der Trork beruhigte sich daraufhin etwas. Dann wandte sich Faragan wieder an Thobin. „Sechs Finger? Bist du dir da sicher?“

„So wahr ich die schärfsten Augen aller Diebe von Aratania habe!“, versicherte Thobin.

„Ein Abkömmling des legendären Volkes der Sechs Finger?“ Faragan zuckte die Achseln. Niemand wusste, was mit diesem Volk geschehen war, das einst den ganzen Zwischenländischen Kontinent beherrscht hatte. Die Sechsfingrigen waren verschwunden. Allerdings gab es einige Völker, die offenbar von ihnen abstammten, wie die Gnome von Hocherde oder die Trorks des Wilderlandes.

Faragan gab Thobin das Buch zurück. „Ich habe keine Ahnung, worin der besondere Wert dieses Buches liegt und du magst Geschäfte machen, mit wem du willst. Aber eines Tages wirst du im Kerker oder am Galgen enden, wenn du so weitermachst.“

„Ich tue nur, was ich am besten kann – und ich habe nicht vor, mich erwischen zu lassen“, versicherte Thobin.

„Das haben viele vor dir auch schon gesagt. Und ihre Knochen bleichen heute in den Kerkern unter dem Palast des Großkönigs... Nein, du könntest mehr aus deinem Leben machen.“

Thobin sah Faragan etwas verwundert an. Er runzelte die Stirn, denn irgendwie war ihm nicht so recht klar, worauf Faragan hinaus wollte.

„Wie meinst du das?“, fragte er daher.

„Ich könnte einen Gehilfen brauchen.“

„Um einen schweren Schmiedehammer zu schwingen, bin ich wahrscheinlich nicht der Richtige“, gab Thobin zurück.

„Nein, für grobe Sachen habe ich ja auch Shrrr. Aber manchmal brauche ich auch andere Talente. Und du scheinst geschickt zu sein, so dass man dir einiges beibringen kann... Was ist? Die einzige Bedingung ist, dass du mich nicht bestiehlst, denn dann ginge es dir schlecht...“

Zur Bekräftigung ließ Shrrr ein dumpfes Grollen hören.

Thobin dachte einen Moment nach. Von draußen hörte er Schritte. Schritte, die weder Faragan noch Shrrr bereits gehört hatten. Thobin hatte schon immer ein besonders gutes Gehör gehabt. Er konnte Menschen am Schlag ihres Herzens wiedererkennen und wenn er sich darauf konzentrierte, vermochte er den Schritt eines Menschen bereits zu hören, wie niemand anderes es konnte.

„Einer der Soldaten kommt“, sagte er.

Faragan war irritiert.

Shrrr stieß ein gurgelndes Geräusch aus. Offenbar spürte der augenlose Trork mit seinen besonderen Sinnen dasselbe.

„In die Truhe da vorne!“, bestimmte Faragan und deutete auf eine schwere Holztruhe. „Aber wenn hinterher etwas fehlt, bringe ich dich eigenhändig zum städtischen Kerker!“

Thobin ließ sich das nicht zweimal sagen. Als er die Truhe öffnete und hinein kletterte, polterte bereits jemand gegen die Tür.

„Einen Moment!“ rief Faragan.

Er öffnete die Tür, nachdem von Thobin nichts mehr zu sehen war. Draußen stand tatsächlich jener Soldat mit der Einhand-Armbrust, der Thobin zuvor schon auf den Fersen gewesen war.

„Habt Ihr den Dieb erwischt?“, fragte Faragan.

„Nein. Halt die Augen offen. Jeder, der diesem Nichtsnutz Unterschlupf gewährt, wird schwer bestraft!“

„Das ist mir schon klar“, erwiderte Faragan.

Der Soldat blickte zum Tisch. „Dort haben drei Personen gegessen“, stellte er fest. „Ich sehe hier nur zwei!“

„Ich habe meinen Lehrjungen ausgeschickt, um ein paar Besorgungen zu machen“, log Faragan. „Aber vorher wollte er noch was essen, weil ihm der Magen so sehr knurrte. Nun, es soll ja niemand von mir behaupten, dass ich einen Lehrling hungern lasse!“

„So, so“, murmelte der Soldat. „Wie auch immer, halt die Augen auf. Es ist übrigens auch eine Belohnung auf den Kopf dieses Diebes ausgesetzt. Wer zu seiner Ergreifung beiträgt, bekommt zwei Silberstücke!“

„Dann werde ich die Augen besonders weit offen halten“, versicherte Faragan.

Wenig später war der Soldat gegangen. Thobin hörte seine Schritte noch längere Zeit. Er kletterte aus der Truhe heraus, in der sich Kleidungsstücke, Waffen und Riemen befanden, die wohl zum Zaumzeug eines Pferdes gehörten.

„Gilt dein Angebot jetzt auch noch, da du von der Belohnung erfahren hast?“, fragte Thobin.

Faragan nickte.

„Es gilt.“

„Die zwei Silberstücke wirst du von mir bekommen. Und auch dieses Versprechen gilt!“

Kapitel 3: Pendrasil, der Finstere

Thobin blieb also in Faragans Haus. Und obwohl der Trork Shrrr dem Straßendieb zuerst sehr kritisch gegenüberstand, schien auch der ungestüme, augenlose Riese sich an Thobin zu gewöhnen.

Davon abgesehen verstand Thobin auch immer besser, was Shrrr mit seinem Geknurre und Gegurgel jeweils wollte. Mitunter hatte der Straßendieb sogar das Gefühl, erspüren zu können, was der Trork dachte. Das war ihm schon früher so gegangen und gehörte zu den besonderen Fähigkeiten, die für ihn seit frühester Kindheit selbstverständlich waren. Er konnte auch bei sehr wenig Licht viel besser sehen, als andere Menschen. Katzenauge hatte man ihn deswegen früher manchmal genannt. Sein Gehör war äußerst empfindlich und ab und zu kam es vor, dass er glaubte, Gedanken hören zu können. Etwa dann, wenn er sich sehr stark in jemanden hinein versetzte, sich auf denjenigen einstellte und versuchte, vorherzusehen, was er als nächstes tun würde.

Für einen Dieb war das eine sehr praktische Fähigkeit, die ihm schon oft gute Dienste geleistet hatte. Dass andere Menschen darüber nicht verfügten, war ihm erst nach und nach aufgefallen.

Zu diesen Fähigkeiten gehörte es auch, mit der Konzentration von Gedanken die Flugbahn eines Armbrustbolzens abzulenken. Aber das war etwas, worauf er sich wirklich nur im Notfall verlassen wollte. Denn manchmal funktionierte es und manchmal auch nicht. Woran das dann lag, konnte er nicht erklären. Auf jeden Fall war es das Beste, bewaffneten Stadtwachen immer auszuweichen.

In den nächsten Tagen verließ Thobin Faragans Haus nicht.

Und das war auch sicher das Beste, was er tun konnte, denn in den Straßen des Hafenviertels von Aratania sah man in diesen Tagen besonders viele Soldaten der Stadtwache. Es sprach sich herum, dass ein besonders dreister Dieb in die Bibliothek des Großkönigs eingebrochen war, die bis dahin alle für vollkommen einbruchssicher gehalten hatten. Und es machte auch die Runde, dass der Dieb offenbar eine wertvolle magische Schrift gestohlen hatte.

Herolde verkündeten lauthals an den Straßenecken, dass jeder, der dieses Buch ankaufen würde, mit schlimmster Bestrafung zu rechnen hätte und als genauso schuldig angesehen würde wie der Dieb selbst.

Damit sollten wohl die Schwarzhändler von Aratania abgeschreckt hatten, von denen bekannt war, dass der Großteil ihrer Waren gestohlen waren oder aus anderen zweifelhaften Quellen stammten.

In der dritten Nacht, die Thobin in Faragans Haus verbrachte, klopfte es weit nach Mitternacht an der Tür.

Faragan und Shrrr erwachten sofort.

Thobin hingegen hatte sich längst von seinem Lager, das aus zwei Strohsäcken bestand und neben dem Ofen zu finden war, erhoben. Er war bereits auf halbem Weg zu Tür, als Faragans Stimme ihn zurückhielt.

Es war ziemlich dunkel. Nur die Glut des Ofenfeuers spendete einen schwachen Lichtschimmer. Für Thobins Auge reichte das und Shrrr orientierte sich ja ohnehin mit seinen Trork-Sinnen. Nur Faragan konnte bloß ein paar Schatten sehen.

„Sag mal, erwartest du etwa Besuch oder hast du Sehnsucht nach dem Kerker?“, flüsterte der ehemalige Gardist des Großkönigs. „Verschwinde! Versteck dich oder flieh durch den Hinterausgang, du Narr! Über Mauern klettern kannst du doch!“

Es klopfte erneut, diesmal heftiger.

„Aufmachen!“, ertönte eine dumpfe, sehr tiefe Stimme.

„Einen Moment!“, rief Faragan laut, ging zum Ofen und entzündete mit einem Holzspan eine Öllampe, sodass es etwas heller war.

„Das ist für mich“, behauptete Thobin flüsternd. „Keine Sorge, es ist kein Soldat!“

Shrrr bestätigte das durch ein Knurren. Offenbar sagten die geheimnisvollen Trork-Sinne ihm dasselbe. Faragan hingegen griff nach seinem Schwert. Er schien der Sache nicht zu trauen.

Der Türriegel löste sich von selbst.

Mit einem Ruck flog jetzt die Tür zur Seite.

Als ob eine unsichtbare Hand sie zur Seite gerissen hätte, knallte sie nur so gegen die Wand.

Eine dunkle, nur als schattenhafter Umriss erkennbare Gestalt stand dort im Freien, gekleidet in eine bodenlange Kutte deren Kapuze tief ins Gesicht gezogen war. Auch der Schein der Öllampe erhellte die Finsternis darunter nicht.

„Warum lässt du mich warten?“ Der Düstere sprach diese Worte nicht laut aus. Es war nur ein Gedanke, der Thobin erreichte. Ein Gedanke, der so intensiv und aufdringlich war, dass er in seinem Kopf schmerzte.

Thobin stöhnte auf.

„Pendrasil!“, entfuhr es ihm.

„Ich habe dir angekündigt, dass ich dich finden werde, nachdem du deinen Auftrag ausgeführt hast, Straßendieb!“, stellte Pendrasil fest – und diesmal nicht nur mit einem eindringlichen Gedanken, sondern auch mit seiner sehr tiefen, dröhnenden Stimme.

Der Düstere trat einen Schritt in den Raum hinein.

Dann streckte er seine linke Hand aus. Der schwache Schein der Öllampe zeigte sechs Finger, so knorrig wie die Finger einer Totenhand. „Gib mir, was mein ist!“

Thobin, der das gestohlene Buch in Elbenschrift die ganze Zeit über stets unter seinem Wams getragen und nie aus den Augen gelassen hatte, holte es nun hervor. Dass Pendrasil irgendwann einmal auftauchen würde, um sich die Beute abzuholen und ihn auszuzahlen, hatte er gewusst – nur nicht, wann das der Fall sein würde. Zwar hatte es den jungen Dieb anfangs verwundert, dass Pendrasil weder Ort noch Zeit für dieses Treffen festlegen wollte, aber der seltsame Sechsfingrige hatte ihm versichert, ihn überall aufspüren zu können. Vermutlich mithilfe von Magie. Aber da Pendrasil ihm bereits eine Münze im voraus gegeben hatte und die Menge an Silber, die Thobin für seinen Diebstahl erhalten sollte, so fantastisch hoch war, hatte er alle Zweifel beiseite geschoben.

Thobin hielt das Buch in Elbenschrift in der Rechten, aber er zögerte, es Pendrasil zu geben.

„Na, los!“, verlangte der Düstere und Thobin spürte plötzlich, wie eine unheimliche Kraft an dem Buch zu ziehen begann. Wenn er es nicht fest im Griff gehabt hätte, dann wäre es ihm in diesem Moment zweifellos einfach aus der Hand gerissen worden.

„Was ist mit dem Silber, dass du mir versprochen hast?“, fragte Thobin, der inzwischen ein sehr mulmiges Gefühl bei der Sache hatte.

„Gib mir das Buch!“, dröhnte jetzt ein Gedanke so schmerzhaft in Thobins Kopf hinein, dass ihm für einen Moment schwindelig wurde. Er machte taumelnd einen Schritt zurück.

Thobin versuchte alles an innerer Kraft zu sammeln, um sich gegen diesen Einfluss zu wehren. Der düstere Magier – oder wie immer man Pendrasil auch bezeichnen mochte! - hatte offenbar überhaupt nicht die Absicht, Thobin den Lohn für seine Dienste auszuzahlen.

„Gib her!“, drang nun ein weiterer Gedanke wie ein Pfeil in Thobins Geist ein. Er spürte wie ihm das Buch durch magische Kraft aus der Hand gerissen wurde. Einen Augenblick später umfassten es Pendrasils Finger.

Thobin schwankte. „Heh!“ rief er, aber es klang nur wie ein schwaches Ächzen.

„Was soll das?“, mischte sich Faragan ein. „Nennst du das einen fairen Handel!“ Faragan hatte nur eine einzigen Schritt nach vorn gemacht, da hob Pendrasil die andere Hand. Ein Blitz fuhr aus den dürren Fingern, traf Faragan und schleuderte ihn bis zur Wand. Das Schwert wurde ihm dabei aus der Hand gerissen. Zitternd steckte es im nächsten Moment im Holz eines Deckenbalkens.

Shrrr wütendes Knurren schien der Magier bereits als Ankündigung eines Angriff aufzufassen. Auch den Trork traf ein Blitz aus Pendrasils Hand. Shrrr wurde gegen ein Regal geschleudert, in dem sich allerlei Tongefäße und Krüge befanden. Das alle ging nun zu Bruch und stürzte auf den aufbrüllenden Trork ein.

Ehe Thobin noch in der Lage war, etwas zu sagen oder zu tun, hatte sich Pendrasil bereits umgedreht und war gegangen. Die Tür wurde genauso gewaltsam und wie von selbst geschlossen, wie in dem Moment, als Pendrasil Faragans Haus betreten hatte. Mit einem Knall schlug sie zu.

Das gibt’s doch nicht!, durchfuhr es Thobin, nachdem er wieder einigermaßen klar denken konnte.

Er griff nach seinem Wurfseil und dem Haken. Beides lag neben seinem Lager. Dann schnellte zur Tür und versuchte, sie aufzureißen. Doch das ging nicht. Obwohl nicht einmal der Riegel davor geschoben war, ließ sie sie sich zunächst nicht öffnen. Thobin nahm seinen gesamten Willen zusammen. Manchmal ließen sich Dinge einfach mit dem Willen beeinflussen. So wie die Bahn eines Armbrustbolzens. Er rüttelte am Türknauf, dann ließ sie sich öffnen.

Thobin rannte ins Freie.

Die Straße war dunkel. Selbst in den Gasthäusern war jetzt kein Betrieb mehr. Öllampen, die die ganze Nacht über entzündet waren, leistete man sich höchstens in den Stadtvierteln der Reichen oder im Palast des Großkönigs. Die einzige Ausnahme waren die Leuchtfeuer am Hafen, die Tag und Nacht brannten. Da die Straße, an der Faragans Haus lag, zum Hafen führte, leuchtete deren Licht von dort herüber. Der Magier war als dunkler Umriss zu sehen. Er ging schnellen Schrittes Richtung Hafen.

„So weit kommt es noch, dass sich ein ehrlicher Dieb bestehlen lassen muss“, murmelte Thobin vor sich hin. Er rannte hinter dem Magier her und schleuderte dann seinen Wurfhaken. Aber anstatt, dass sich das Seil um die Füße des Magiers schlang, wurde es durch die Kraft der Magie abgelenkt und zurückgeworfen. Der Wurfhaken kam auf ihn zu. Thobin sprang zur Seite. Der Haken verfehlte ihn knapp, umkreiste ihn mehrfach auf eine Weise, die allen Naturgesetzen widersprach und wickelte Thobin mit seinem eigenen Seil ein. Innerhalb eines Augenblicks lag Thobin eingewickelt und gefesselt am Boden. Er konnte sich nicht mehr rühren und versuchte verzweifelt, sich zu befreien.

Pendrasil hatte sich bisher nicht einmal umgedreht. Aber jetzt blieb zumindest stehen.

„So ein Narr wie du sollte nicht versuchen, sich mit mir anzulegen!“, erreichte Thobin im nächsten Moment ein so schmerzhafter Gedanke, dass Thobin am liebsten laut aufgeschrien hätte.

Pendrasil drehte sich nun langsam herum. „Vergiss dieses Buch. Vergiss, dass du mich je getroffen hast...“

Thobin spürte einen ungeheuren Druck in seinem Kopf. Die geistige Kraft des Magiers schien es darauf abgesehen zu haben, ihn zu brechen. Aber Thobin wehrte sich. Nein, er wollte nichts von dem vergessen, was geschehen war. Ganz im Gegenteil. Eines Tages trafen sie sich vielleicht wieder und dann würde er sich holen, was ihm zustand!

Thobin spürte, wie es ihm immer schwerer fiel, überhaupt einen Gedanken zu fassen.

Der Magier griff an seinen Gürtel und holte mit seinen langen, knorrigen Fingern irgend etwas aus dem Lederbeutel, den er dort befestigt hatte, heraus.

Dann warf er Thobin etwas zu.

Eine Münze.

Sie schimmerte kupferfarben und begann in der Dunkelheit zu leuchten. Dann schoss eine Flamme daraus empor und erhellte für einige Augenblicke die ganze Straße bis zum Hafen.

„Lauf mir nie wieder über den Weg... Straßendieb!“

Thobin hörte Schritte und dann ein Knurren, wie es nur von einem Trork wie Shrrr stammen konnte.

„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Faragan und begann damit, Thobin von seinen Fesseln zu befreien. „Du hast dich da mit einem wahren Ungeheuer eingelassen... Bei allen Göttern, solche Magie habe ich noch nie gesehen!“

Und Shrrr schien derselben Ansicht zu sein, denn er gab einen tiefen Brummlaut von sich.

Thobin schüttelte das Seil ab und raffte es mitsamt dem Haken einfach zusammen. „Er ist zum Hafen!“, rief er.

„Also dieser Kerl hat Kräfte, die ich weder verstehe noch denen ich irgend etwas auch nur entfernt Gleichwertiges entgegensetzen könnte“, gab Faragan zu bedenken. „Und so, wie ich das gerade mitgekriegt habe, ist das bei dir dasselbe! Also kann ich nur empfehlen, sich mit dem Kerl nicht noch anzulegen!“

„Feigling“, murmelte Thobin und rannte in Richtung Hafen – dorthin, wo der Magier verschwunden war.

Unzählige Schiffe lagen an den Kaimauern vertäut. Die Leuchtfeuer markierten genau, wo die äußere Hafenmauer verlief, die einen weit ins Meer hineinreichenden Halbkreis beschrieb. Dazu schien ein fahler Vollmond vom Himmel.

Ein Schiff war gerade ausgelaufen. Die Segel hatte man nicht gesetzt, da Windstille herrschte. Es war allerdings auch nicht das Platschen von Rudern zu hören, die ins Wasser getaucht wurden. Obwohl das Schiff weder ruderte noch segelte, nahm es ziemlich Fahrt auf. Eine geisterhafte, magische Kraft bewegte es geradewegs auf das freie Meer zu.

Am Bug stand der düstere Magier und blickte zurück. Er schien Thobin zu bemerken und winkte ihm zu.

Der Gedanke, den Pendrasil dem Dieb jetzt sandte, war nicht in Worte zu fassen. Er bestand einfach nur in einem triumphierenden Gelächter, das dröhnend in Thobins Kopf widerhallte.

Faragan und Shrrr erreichten wenig später ebenfalls den Hafen.

Sie fanden Thobin an der Kaimauer stehend, wie er dem entschwindenden Schiff des Magiers nachsah.

„Ich fürchte, ich werde dir wohl kaum zwei Silberstücke zahlen können“, meinte er. „Mein Auftraggeber hat mich geprellt!“

Faragan legte Thobin eine Hand auf die Schulter.

„Vielleicht wäre dies der Moment, dich von diesem unsicheren Diebesgewerbe zu verabschieden!“, meinte er. „Du siehst doch, was dabei passieren kann – und im Endeffekt bist du dich noch glimpflich davongekommen!“

„Glimpflich? Ich habe mein Diebesgut verloren und bin um meinen Lohn betrogen worden? Das nennst du glimpflich?“, ereiferte sich Thobin.

„Es gibt schlimmeres.“

„Ja, ich weiß, ich hätte im Kerker enden können – und ausgeschlossen ist das ja auch noch immer nicht!“

„Oder dieser Magier hätte dir das Seil mit Hilfe seiner Kräfte so um deinen Körper gewickelt, dass du erwürgt worden wärst...“

Thobin atmete tief durch.

Nein, dachte er. Das konnte er nicht – obwohl er es vielleicht versucht hat... Die eigenartige Kraft, die in Thobins Innerem schlummerte, und die er selbst einfach nur seinen Willen nannte, hatte das verhindert. Davon war der junge Dieb inzwischen überzeugt.

Auf den Gedanken, dass er selbst vielleicht auch so etwas wie ein Talent zur Magie hatte, war er bisher nicht gekommen. Allein der Gedanke war für ihn schon zu absurd gewesen, als dass es sich gelohnt hätte, weiter darüber nachzudenken. Davon abgesehen hatte es immer andere, einleuchtendere Erklärungen für das eine oder andere eigenartige Geschehnis gegeben.

„Sieh das alles mal von der anderen Seite: Du bist dieses verfluchte Buch los und das bedeutet auch, dass es niemand mehr bei dir finden und dich deswegen festnehmen kann“, hörte er Faragan sagen und Shrrr schien diese Sichtweise zu teilen, denn er ließ einen zustimmenden Grunzlaut hören.

„Kommen andere Tage und bessere Beute“, murmelte Thobin. „Altes Diebessprichwort...“

Kapitel 4: Emwén, die Heilerin

Thobin blieb auch die nächsten Tage in Faragans Haus, half hier und da in der Schmiedewerkstatt mit und sah ansonsten interessiert zu.

„Die besten Waffen schmiedet man sich selbst“, sagte Faragan. „Dann weiß man, dass man sich auf eine Klinge auch verlassen kann und sie nicht schon beim ersten Übungskampf zu Bruch geht – was leider häufiger vorkommt, als man glaubt. Selbst bei der Garde hatten wir manchmal Schwerter... Ich sag dir, die waren von miesen Betrügen geschmiedet und dem Großkönig billig angeboten worden!“

Thobin erfuhr nun auch, warum die Lumpen, unter denen er sich bei seiner Flucht vor den Wächtern versteckt hatte, so furchtbar stanken. Faragan wickelte darin nämlich normalerweise Hühnerdreck ein, den er sich von Händlern auf dem Markt besorgte und später dem Stahl beimengte. „Ich habe mir alles selber beigebracht“, meinte er immer wieder und schien besonders darauf sehr stolz zu sein. „Und wenn du willst, zeige ich dir nach und nach, wie es geht...“

„Es sieht anstrengend aus“, meinte Thobin. „Anstrengender als die Arbeit eines Diebs. Aber vielleicht schadet es nichts, etwas dazuzulernen.“

„Das will ich meinen!“, stimmte Faragan zu.


Hin und wieder verkaufte Faragan auch eines seine Schwerter an ausgewählte Kunden. Hohe Herrschaften aus dem aratanischen Adel zumeist, die für eine einzelne Klinge mehr ausgeben konnten, als ein Handwerker in einem halben Jahr verdiente.



Mit der Zeit schwand bei der Stadtwache offenbar der unbedingte Wille, den Dieb des Buches in Elbenschrift doch noch zu fangen. Jedenfalls hörte man bald keine Herolde mehr von ausgesetzten Belohnungen sprechen und auch die Soldaten schienen nun mit anderen Dingen beschäftigt zu sein. Thobin wagte sich schließlich wieder ins Freie, erkundete die Lage auf dem Markt am Hafen und hörte zu, worüber die Leute redeten. Auch wenn es ihm schwer fiel, so hielt er sich doch beim Stehlen zurück. Schließlich wollte er jetzt auf keinen Fall irgendwie auffallen.

Inzwischen redeten die Leute fast nur noch von einer Betrügerbande, die mit falschen Gewichten auf dem Markt gute Geschäfte gemacht hatte. Aufgebrachte Bürger gingen auf Händler los und die Soldaten der Stadtwache hatten alle Hände voll zu tun, um sie auseinander zu bringen.

Gut so, dachte Thobin. Dann wird sich hoffentlich bald niemand mehr an mich erinnern.

Einen Augenblick blieb er bei einem Marktstand stehen, an dem eine Tinktur angeboten wurde, die angeblich die Haare färben konnte. Thobin überlegte, ob das nicht etwas für ihn war, den schließlich musste er ja nach wie vor stets damit rechnen, dass ihn einer der Soldaten, die ihm auf den Fersen gewesen waren, wiedererkannte. Und wenn er sein Äußeres etwas veränderte, war die Wahrscheinlichkeit dafür vielleicht etwas geringer.

Aber dann entschied er sich dagegen.

Als er ein paar Angehörige der Stadtwache sich durch die Menge drängeln sah, verdrückte er sich schnell seitwärts und verbarg sich hinter dem Handwagen eines Obsthändlers.



Es war ein paar Tage später, als Thobin erneut mitten in der Nacht durch ein Geräusch geweckt wurde. Er lag auf seinen Strohsäcken neben dem Ofen und hörte, wie zwei Pferde herangaloppierten und vor Faragans Haus anhielten. Jemand stieg aus dem Sattel. Es war eine leichte Person, wie Thobin sofort zu hören vermochte.

Es klopfte.

„Ist hier das Haus von Faragan, dem Meister des Schwertkampfes und der Schmiedekunst? So öffnet!“

Es war eine helle, klare und vor allem weibliche Stimme, die da ertönte.

Faragan war sofort auf den Beinen. Er entzündete eine Öllampe und wandte sich flüsternd an Thobin. „Verdanke ich dir jetzt wieder irgendeinen unangenehmen Besuch?“, wisperte er.

„Ich habe mein Diebeshandel nicht mehr ausgeübt seit ich bei dir wohne. Ehrenwort“, flüsterte Thobin.

„Das Ehrenwort eines Diebes.“

„Aber das ist mehr wert als das jener Händler, die auf dem Markt mit falschen Gewichten betrogen haben.“

Es klopfte erneut.

„Meister Faragan! Ich muss Euch dringend sprechen! Bitte öffnet mir!“, sagte die weibliche Stimme erneut, diesmal noch drängender.

Shrrr, der inzwischen auch wach war, ließ einen Laut hören, den Thobin nicht zu deuten vermochte und wie der junge Dieb ihn auch noch nie zuvor von dem Trork gehört hatte.

„Was meint er?“, wisperte Thobin an Faragan gerichtet.

„Diesmal hat er nur Blähungen“, erwiderte Faragan leise. „Versteck dich in der Truhe! Sofort!“ Laut fuhr er dann fort. „Noch einen Moment Geduld!“

„Ich bin einen weiten Weg geritten, um Euch zu finden, Meister Faragan! Und man hat mir Eure Dienste sehr empfohlen! Also lasst mich nicht vor der Tür stehen!“

Faragan wartete bis Thobin in der Truhe verschwunden war. Dann öffnete er. Shrrr hatte inzwischen noch eine weitere Öllampe entzündet, sodass es einigermaßen hell im Raum war. Trotz seiner gewaltigen sechsfingrigen Pranken war der augenlose Riese dabei überraschend geschickt.

Thobin blinzelte derweil durch einen winzigen Spalt im Holz der Truhe.

Er sah, dass eine Frau den Raum betrat.

„Was ist mit Eurem Begleiter?“, fragte Faragan und meinte damit wohl den zweiten Reiter, den Thobin gehört hatte.

„Er wird draußen warten und uns gegebenenfalls warnen...“

„Warnen?“

„Wenn Gefahr besteht. Ich werde Euch alles so rasch wie möglich erklären, Meister Faragan.“

„Nennt mich nicht Meister! Ich bin nie in die Schmiedemeisterzunft aufgenommen worden, weil ich auf andere Weise meine Arbeit zu tun pflege, als es die Regeln vorschreiben! Aber dafür sind meine Schwerter auch besser als das meiste Blech, das anderswo zusammen gehauen wird!“

„Ein Meister ist, wer die Fähigkeiten eines Meisters besitzt, unabhängig davon, ob er dafür anerkannt wird oder nicht.“

Sie schlug die Kapuze ihres Umhangs zurück, während Faragan kurz zu ihrem Begleiter hinaus blickte und dann die Tür schloss.

Das Licht der beiden Öllampen fiel in ein elfenbeinfarbenes Gesicht mit etwas schräg gestellten, dunklen Augen. Das blauschwarze, schimmernde Haar fiel ihr weit über die Schultern. Spitze Ohren stachen daraus hervor.

Eine Frau aus dem Volk der Elben, ging es Thobin durch den Kopf. Die Elben lebten weit im Norden in ihrem Reich Elbiana. Man sagte ihnen ein sehr langes Leben und eine besondere Begabung für die Magie nach.

Auf ihrer Brust trug die Elbin ein Amulett, das Thobin schon einmal gesehen hatte. Es bedeutete, dass diese Frau eine Heilerin war. Immer wieder kam es vor, dass Elbenheiler ihre Dienste auch in den Ländern der Menschen anboten und allein in Aratania gab es einige von ihnen, die durch ihre Kunst reich geworden waren.

Die Elbin wandte den Kopf, ließ den Blick durch den Raum schweifen, so als suchte sie etwas und wandte sich dann an Faragan.

Thobin konnte sich nicht erinnern, schon jemals ein so schönes und ebenmäßiges Gesicht gesehen zu haben. Ihre Stimme klang sanft und voll. Ein eigenartiger Zauber ging davon aus.

„Ich bin Emwén, Heilerin aus Elbenhaven“, sagte sie. „Und da draußen wartet Ylandor auf mich, ein Hauptmann aus der Leibwache von Elbenkönig Daron. Er soll mich begleiten und auf mich aufpassen... Ihr müsst Faragan sein!“

„Der bin ich!“, versicherte der Angesprochene und deutete neben sich. „Und dies ist mein Gefährte Shrrr, vor dem Ihr Euch nicht zu fürchten braucht!“

Ein dumpfer Ton kam zur Bestätigung aus dem Maul des Trork.

Die Elbin verzog schmerzverzerrt das Gesicht.

„Nicht“, murmelte sie. „Wir Elben haben sehr empfindliche Sinne. Ein solcher Ton dröhnt mir fast unerträglich in den Ohren. Wenn man mich doch wenigstens vorwarnen könnte, dann wäre es für mich möglich, dass ich mich darauf einstelle und mein Gehör etwas abschirme...“

Der Trork machte eine hilflose Geste. Man sah ihm an, dass er eigentlich gerne noch irgendeinen Laut hinterher geschickt hätte, aber stattdessen öffnete er nur das Maul und atmete einmal tief durch.

„Shrrr hatte bisher wenig Umgang mit Elben“, sagte Faragan entschuldigend. „Aber ich bin mir sicher, dass er sich darauf einstellen wird...“

„Danke.“

„Und nun sagt mir bitte, weshalb Ihr mich mitten in der Nacht aus dem Bett holt und was Ihr von mir wollt!“

„Einen Moment...“ Emwén blickte sich erneut suchend um. „Es ist hier noch eine weitere Person im Raum. Ich höre ihr Herz schlagen. Es ist... seltsam...“ Sie ging auf die Truhe zu. Thobin sah den Saum des Kleides aus fließender Elbenseide, das sie unter dem Umhang trug. „Ich möchte nicht, dass wir während unseres Gespräches belauscht werden.“

„Keine Sorge“, gab Faragan zurück. Er trat neben sie, klopfte mit den Knöcheln seiner Hand auf den Deckel der Truhe. „Du kannst herauskommen, Thobin. Erstens hast du wohl für den feinen Gehörsinn dieser Dame dein Herz zu schnell schlagen lassen und zweitens beschäftigt die Stadtwache auch keine Elbenheilerinnen, sodass wohl keine Gefahr für dich besteht!“

Thobin hob den Deckel der Truhe empor und kletterte daraus hervor.

Er fühlte sich ziemlich unwohl in seiner Haut.

„Sei gegrüßt“, wandte er sich an Emwén.

„Du auch“, erwiderte die Heilerin mit einem freundlichen Lächeln. Von ihrem jugendlich wirkenden Äußeren her glaubte Thobin, dass sie nicht älter als er selbst war. Andererseits alterten Elben auf eine andere Art als Menschen und es konnte ebenso gut sein, dass sie bereits Jahrhunderte alt war.

„Das ist mein Gehilfe Thobin. Er wohnt auch hier und es besteht kein Grund, vor ihm etwas geheim zu halten, was wir miteinander zu besprechen haben“, erklärte Faragan.

Er klopfte Thobin auf die Schulter und setzte dann noch hinzu: „Womit auch immer Ihr mich beauftragen mögt, werte Heilerin, so werden mir Thobin und Shrrr vermutlich dabei helfen, sodass ich ihnen dann ohnehin alles sagen müsste, was es über die Angelegenheit zu wissen gilt!“

Emwén hob den Kopf. „Wie Ihr meint, Faragan!“

Die Elbin zögerte noch. Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen und fand sie schließlich. „Es ist der Elbenkönig Daron persönlich, der mich zu dieser Mission ausgesandt hat“, sagte sie. „Und was auch immer hier in diesem Raum heute besprochen wird, es muss unter uns bleiben.“

„Darauf gebe ich mein Ehrenwort!“, erklärte Faragan fast schon feierlich.

„Wie allgemein bekannt ist, ist König Daron streng genommen ein Halbelb, weil seine Mutter eine Menschenfrau war. Der König und seine Zwillingsschwester Sarwen, die jetzt dem Schamanenorden der Elben vorsteht, waren die allerersten Halbelben, auch wenn man ihnen das äußerlich nicht ansieht. Man dachte, dass sie neben den magischen Fähigkeiten ihrer Elben-Vorfahren auch deren lange Lebensspanne geerbt hätten, aber es gibt Anzeichen dafür, dass das nicht so ist.“

„Das ist bedauerlich, aber nichts wobei ich zu helfen vermag“, erklärte Faragan.

Emwén lächelte. „Ihr braucht niemanden zu bedauern. Ein Elb wird so alt, dass niemand genau weiß, wo das Höchstmaß liegt. Jahrtausende, ganze Zeitalter... Bei Halbelben liegt die Lebensspanne aber vielleicht nur bei tausend Lebensjahren.“

Shrrr konnte sich eines erstaunten Brummlautes nicht enthalten. Wie alt ein Trork wurde, hatte noch niemand erforscht. Und die Trorks galten als so unzivilisiert und wild, dass niemand annahm, sie könnten es selbst schon erforscht haben. Aber das war vielleicht ein Irrtum.

„Tausend Jahre! Meine Güte, das ist aber um einiges mehr als die Lebensdauer eines Menschen“, meinte Thobin.

Emwén wandte den Kopf in seine Richtung und ihre dunklen Augen musterten ihn. Zwischen ihren schräg gestellten Augen entstand plötzlich eine kleine Falte. „Mit dir stimmt etwas nicht!“, nahm Thobin einen Gedanken in aller Deutlichkeit wahr, der zweifellos von Emwén stammte.

Laut sagte die Elbin: „Es bedeutet, dass unser König bereits in etwa fünfhundert Jahren sterben könnte. Wenn das bekannt wird, könnte es zu Unruhen in unserem Reich kommen – denn es gibt nicht wenige, die es ablehnen, dass ein Halbelb der König von Elbiana geworden ist.“

„König Daron ist sicher in einer bedauernswerten Lage“, sagte Faragan etwas spöttisch. „Zu wissen, dass man in fünfhundert Jahren bereits wahrscheinlich sterben muss, das kann einen schon um den Verstand bringen – wobei ich mich natürlich frage, wie Ihr das vorherzusagen vermögt...“

„Seid versichert, dass die Heiler der Elben so etwas untersuchen können!“, versetzte Emwén jetzt etwas ärgerlich. Und gereizt. „Mir vertraut König Daron allerdings – ebenso wie Ylandor. Denn König Daron und ich sind von demselben Problem eines für elbische Verhältnisse kurzen Lebens betroffen.“

„Oh“, murmelte Faragan. „So seid auch Ihr auch eine Halbelbin?“

„Es gab in den letzten Jahrhunderten immer häufiger Verbindungen zwischen Elben und Menschen, aus denen Kinder hervorgingen.“ Emwén holte aus einer Tasche, die sie am Gürtel trug, ein in fein gearbeitetes Leder gebundenes Buch hervor und legte es auf den Tisch in der Mitte des Raumes. Thobin glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Er konnte zwar die elbische Schrift nicht lesen – aber die Elbenrune, die den Einband verzierte, erkannte der Dieb sofort ...

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