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Quest for Fantasy #1

Alfred Bekker, Hendrik M. Bekker

Quest for Fantasy #1

9 Romane und Erzählungen - 950 Seiten: Cassiopeiapress





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Quest for Fantasy #1

von Alfred Bekker, Hendrik M. Bekker, Mara Laue 

© by authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Dieses Ebook enthält folgende Erzählungen und Romane:

Nebelwelt – Das Buch Whuon (von Alfred Bekker)

Die Legende von Wybran (von Hendrik M. Bekker)

Groheim – Stadt der Magier (von Hendrik M. Bekker)

Die Dunkelelbin und die Feuerschale von Sundam (von Hendrik M. Bekker)

Am Ende eines langen Tages (von Hendrik M. Bekker)

Keduan – Planet der Drachen (von Alfred Bekker)

Das Schwert der Zentauren (von Mara Laue)

Der Dieb von Ashkor (von Hendrik M. Bekker & Alfred Bekker)

Die Banshee von Blackmore (von Mara Laue)

Der Umfang dieses Buchs entspricht 950 Taschenbuchseiten.

NEBELWELT - Das Buch Whuon

Fantasy-Roman von Alfred Bekker

Thagon, der Magier von Aruba, beschwört die Schattenkreaturen der Hölle. Grausige, orkähnliche Schattenkreaturen und Wolfskrieger stehen in seinem Dienst. Schonungslos greift er nach der Macht in den Reichen der Menschen, indem er deren Herrscher durch willfährige Doppelgänger zu ersetzen versucht. Der Barbar Whuon und seine Gefährten treten ihm entgegen - und werden bald selbst zu Gejagten...

Die Stadt der Magier

Die Karawane war endlos.

Langsam schleppte sie sich durch die große Wüste Tykiens. Gorich saß müde auf seinem Rappen und ließ sich daherschaukeln. Unbarmherzig brannte die Sonne auf die Erde herab. Der Wüstensand wurde durch den Hufschlag der Pferde aufgewirbelt.

Neben Gorich ritt Whuon, der, wie Gorich, nicht aus Tykien, sondern aus Thyrien stammte. Zusammen waren sie aus ihrem Heimatland ausgezogen, um ferne Länder kennenzulernen.

Die Karawane war von Himora, der Stadt am Rande der Wüste, aufgebrochen und ihr Ziel war Sorgarth, an der hügeligen Küste Tykiens.

„Hast du schon von den Wolfsmenschen gehört, Whuon?“, wollte Gorich wissen. Der andere nickte.

„Ja! Sie sollen angeblich in der großen Wüste leben. Aber gesehen hat sie noch niemand!“

„Die Geschichte der Wolfsmenschen wird wohl nur reine Dichtung sein, Whuon.“

Whuon nickte wieder.

„Es gibt so viele Mythen und Legenden über dieses Land. Eine Legende besagt zum Beispiel, dass der ganze Kontinent, auf dem die bekannte Welt liegt, vor Jahrtausenden einmal eine Eiswüste war.“

Gorich blinzelte in die Sonne.

„Eine Eiswüste, sagst du?“

„Ja! Auch so ein Märchen, das man sich in der Gegend von Himora seit Jahrhunderten erzählt.“

„Aber die meisten Legenden enthalten einen Kern Wahrheit!“

„Es ist bei dieser kaum anzunehmen, Gorich.“

„Der Mensch neigt dazu, das Phantastische und ihm Ungewohnte abzulehnen.“

Langsam begann sich ein heftiger Wind zu erheben, der den Sand hoch emporschleuderte.

„Hoffentlich gibt es keinen Sturm“, meinte einer der anderen Männer. Gorich zuckte mit den Schultern. Er hatte einen Sandsturm in der tykischen Wüste noch nie erlebt, aber aus Berichten von Einheimischen wusste er, wie wild und zerstörerisch sie sein konnten.

„Wir dürfen uns auf keinen Fall verlieren!“, rief Yarum, der Führer der Karawane. Der Wind wurde rasch heftiger. Schon konnte man kaum noch etwas erkennen. Wie ein dichter Nebel hüllte der aufgewirbelte Sand Gorichs Umgebung ein. Sein Pferd galoppierte, wild zerrte der Wind an seinen Kleidern. Vor sich vermochte er gerade noch Whuon zu erkennen. Gorich durfte auf keinen Fall den Kontakt zu den anderen verlieren. Wer den Kontakt verlor, für den gab es kein Überleben. Verzweifelt versuchten Gorichs Augen den aufgewirbelten Sand zu durchdringen.

Und dann war er allein.

Er konnte niemanden mehr sehen.

„Whuon!“, schrie er verzweifelt.

„Whuon! Wo bist du?“

Aber seine Schreie wurden vom Wind verschluckt.

Unbarmherzig gab er seinem Rappen die Sporen, in der Hoffnung, doch noch auf die anderen zu stoßen.

Gorich hielt den Arm vor das Gesicht, um sich vor dem Sand zu schützen, der auf ihn herniederprasselte.

Sein Pferd galoppierte noch immer vorwärts.

Wenn er die anderen nicht wiederfand, dann war es mit ihm vorbei!

„Whuon!“, schrie er in höchster Verzweiflung.

Brutal trieb er seinen Rappen weiter.

Mit aller Kraft krallte er sich an seinem Reittier fest, denn der Wind war so heftig geworden, dass er ihn fast aus dem Sattel riss. Er sah und hörte nichts mehr. Er spürte nur noch den Schweiß seines Rappen, an den er sich mit letzter Kraft klammerte.

Gorich wusste nicht, wohin er ritt. Wenn der Sturm zu Ende war, dann würde er sich irgendwo in der Wüste wiederfinden.

Er wusste nicht, ob er vielleicht die ganze Zeit im Kreis geritten war. Der Gedanke ließ ihn erschauern. Er versuchte, an etwas anderes zu denken.

Da erkannte er vor sich das Hinterteil eines Pferdes und wenig später den ganzen Reiter. Es war Yarum, der Karawanenführer.

„Yarum!“, rief Gorich. Der Karawanenführer drehte sich zu dem Thyrer um. Gorich trieb seinen Rappen zu noch größerer Eile an und hatte Yarum bald eingeholt. Da sah er auch Whuons hagere Gestalt. Aber sonst sah er niemanden mehr.

„Wo sind die anderen?“, rief er zu Yarum hinüber.

„Ich weiß es nicht! Wir haben sie verloren!“

„Wohin reiten wir?“

„Ich weiß es nicht! Vielleicht nach Himora zurück, vielleicht in Richtung Sorgarth oder direkt in die Wüste hinein. Vielleicht aber auch im Kreis!“

Angst ergriff Gorich. Sollte ihre Lage wirklich so aussichtslos sein?

„Können wir denn nichts tun?“, rief er.

„Wir können nur hoffen“, meinte Whuon lakonisch.

Hoffen, was war das schon. Was konnte Hoffen nützen?

Ein Schrei gellte. Man konnte ihn kaum hören, denn der Wind verschluckte ihn. Es war ein Todesschrei! Jemand musste von seinem Reittier abgeworfen worden sein – für ihn würde es keine Rettung mehr geben.

Aber der Schrei beruhigte Gorich eigentümlicherweise auch. So wusste er wenigstens, dass die anderen noch in der Nähe waren. Sie alle ritten dahin – ohne Sinn und ohne Ziel.

Gorich hoffte nur eines: Dass diese Spuk bald ein Ende hätte.

„Wir müssen langsamer werden!“, rief Whuon.

„Warum?“, wollte Gorich wissen.

„Weil wir doch nicht wissen, wohin wir reiten!“

Yarum nickte und zügelte sein Pferd. Die anderen folgten seinem Beispiel. Aber die Pferde ließen sich nicht wirklich beruhigen.

Sie waren jetzt etwas langsamer, aber noch immer schnell genug. Mit fliegenden Mänteln hetzten sie durch die endlose Wüste. Von den anderen vernahmen sie kein Lebenszeichen mehr.

Und dann – es war wie ein Wunder – ließ der Wind auf einmal nach. Es vergingen nur wenige Minuten, und der Spuk war ebenso schnell vergangen, wie er gekommen war. Die Wüste war wieder glatt. Blutrot leuchtete am Horizont die Sonne.

„Die Stürme Tykiens sind nur kurz in der Dauer – dagegen umso heftiger in der Wirkung“, meinte Yarum. Gorich nickte matt.

„Das habe ich zu spüren bekommen. Weißt du, wo wir sind?“

„Ich glaube, dass wir direkt in die Wüste hineingeritten sind.“

Die Vermutung des Karawanenführers wirkte auf Gorich nicht gerade ermutigend.

„Seht! Dort hinten!“ Whuon deutete zum Horizont. Dort waren die verwitterten Ruinen einer Stadt zu sehen.

„Ob dieser Ort noch bewohnt ist?“, fragte Gorich.

Yarum zuckte mit den Schultern.

„Hier bin ich noch nie gewesen“, bekannte er.

Gorich blickte zur Sonne, die blutrot am Horizont stand.

„Bald wird es Nacht sein! In den Ruinen könnten wir übernachten“, meinte der Thyrer.

Yarum machte ein besorgtes Gesicht. Seine Stirn legte sich in Falten.

„Man erzählt sich so allerhand über die Ruinen in der Wüste“, brachte Yarum schließlich heraus.

„Was denn zum Beispiel?“, fragte Whuon mit einem spöttischen Unterton, den Yarum nicht bemerkte.

„Man sagt, dass es dort Zauberer und Monstren gäbe!“

„Und du glaubst es, nicht wahr?“, lachte Whuon.

„Egal! Wir übernachten in den Ruinen. Dort sind wir vor wilden Tieren sicher“, sagte jetzt Gorich.

Wenig später hatten sie die Stadt erreicht. Sie war vollkommen verfallen und es sah nicht so aus, als würde hier noch jemand leben. Dennoch machte Yarum einen zunehmend unruhigeren Eindruck.

Er schien die Legenden, die man sich in der Gegend um Himora erzählte, wirklich ernstzunehmen.

In einem halb verfallenen Gebäude schlugen sie ihr Lager auf. Vor der Tür zündeten sie ein Feuer an.

Schweigend aßen sie ihre mitgebrachten Vorräte.

Langsam versank die Sonne am Horizont und es wurde dunkel. Nur der Mond strahlte hell und unnatürlich.

„Wir sollten uns nun hinlegen. Morgen haben wir einen anstrengenden Ritt vor uns“, mahnte Whuon. Aber Yarum schüttelte den Kopf.

„Ich bin dafür, dass wir eine Wache einteilen“, sagte der Karawanenführer.

„Vollkommen unnötig!“, entfuhr es Whuon und Gorich nickte. Yarum zuckte mit den Schultern.

„Wie ihr meint …“

Er wickelte sich in seine Decke. Auch die anderen legten sich zurecht und schliefen ein.

Etwas hatte Whuon geweckt!

Er sah unter seiner Decke hervor: Es war nichts zu sehen, aber etwas zu hören. Er vernahm ein Geräusch, wie menschliche Schritte es verursachten.

Whuon warf die Decke zur Seite und griff nach seinem Schwert. Schweigend blickte er auf seine Gefährten hinab – sie lagen schlafend zu seinen Füßen.

Wer konnte außer ihnen das Geräusch verursacht haben? Befand sich am Ende doch noch jemand außer ihnen hier in dieser verfallenen Wüstenstadt?

Da! Da war es wieder!

Ja, es waren eindeutig Schritte. Doch sie waren schneller. Und was war das? Huschte da nicht eine schwarze Gestalt zwischen den Ruinen umher?

Whuon weckte die anderen.

„Was ist, Whuon?“, schimpfte Gorich ungehalten.

„Wir sind nicht allein in den Ruinen“, gab Whuon zur Antwort.

„Dann sind die alten Legenden also doch wahr!“, entfuhr es Yarum.

„So ein Unsinn!“, rief Gorich.

„Ich habe sie gehört – und einen von ihnen gesehen!“

„Du hast geträumt, das wird alles sein!“

„Still, Gorich!“

Die drei schwiegen. Im Hintergrund hörte man leise Schritte.

„Wahrhaftig!“, entfuhr es Gorich. Er sprang auf und griff nach seinem Schwert. Er nickte Whuon zu, was dieser mit Genugtuung zur Kenntnis nahm.

„Du hattest doch recht, Whuon. Was tun wir nun?“

„Wir satteln unsere Pferde. Im Notfall müssen wir schnellstens von hier verschwinden können.“

Yarum nickte heftig und packte seine Sachen zusammen. Die anderen folgten seinem Beispiel.

Whuon schwang sich dann auf sein Pferd.

„Wir werden jetzt die Stadt durchreiten und nach diesen oder dem Wesen suchen.“

Langsam durchritten sie verfallene Straßen, die an sich schon ein geisterhaftes Bild lieferten.

Auf einer Sanddüne am Rande der Stadt sahen sie dann schließlich eine Gruppe von Reitern. Sie waren in schwere Mäntel gewickelt und in den Händen hielten sie gefährliche Schwerter und Lanzen. Langsam bewegten sie sich auf die Stadt zu.

Ihre Köpfe! Whuon erschrak! Sie besaßen Köpfe wie sie Wölfe besaßen!

Die Wolfsmenschen!

„Was machen wir nun?“, wollte Gorich von Whuon wissen, doch dieser wusste es auch nicht.

„Ihren Gebärden nach kommen sie nicht in friedlicher Absicht“, meinte Whuon schließlich.

„Verschwinden wir!“, rief Yarum in panischer Angst. Whuon nickte. Die drei sprengten also in entgegengesetzter Richtung zurück. Doch auch von dieser Seite kam ein Trupp Wolfsmenschen langsam auf sie zu. Es gab kein Entrinnen mehr.

„Wir werden uns wehren!“, rief Yarum wütend.

„Nein“, erwiderte Whuon. „Es wäre zwecklos!“

„Was sollen wir dann tun? Uns vielleicht ergeben?“, rief Yarum spöttisch. Whuon zuckte mit den Schultern.

„Kämpfen ist auf jeden Fall zwecklos, Yarum!“

Die unheimlichen Wolfsmenschen kamen immer näher.

„Ich möchte nur wissen, was die von uns wollen?“, meinte Gorich.

Whuon blickte stumm zu den unheimlichen Gestalten hin.

„Ergebt euch!“, hallte eine gewaltige Stimme durch die Ruinen.

„Es ist die einzige Möglichkeit“, meinte Gorich und Whuon nickte zustimmend.

„Wir ergeben uns!“, rief Whuon zu dem Monstrum.

Einige der Monstren stiegen von ihren Pferden herab und entwaffneten die drei. Dann nahmen die Wolfsköpfigen sie in die Mitte und führten sie in die Wüste. Es war erstaunlich, wie gut sie sich trotz der Dunkelheit zurechtfanden. Sie schienen den Weg genau zu kennen. Whuon fiel auf, dass keiner der Wölfe sprach. Sie wankten alle stumm auf ihren Reittieren dahin und gaben keinen Laut von sich. Auch die Pferde gaben nichts von sich. Sie wieherten nicht, sie schnaubten nicht. Sie setzten einfach stur ein Bein vor das andere – sie bewegten sich wie Maschinen, nicht wie lebende Wesen. Schweigend zog diese Karawane des Grauens daher. Stunden vergingen. Am Horizont ging die Sonne langsam auf – in wenigen Augenblicken würde es wieder drückend heiß sein.

Aber am Horizont tauchte auch noch etwas anderes auf!

Es war eine riesige Kuppel. Sie mochte so groß wie eine ganze Stadt sein.

„Das ist Aruba!“, rief Yarum aus.

„Was ist das?“, wollte Whuon wissen.

„Die Stadt des Magiers. Sie spielt in den tykischen Sagen eine große Rolle.“

„Bist du dir sicher?“

„Ja, Whuon! In der Sage wird sie stets als großer Kuppelbau beschrieben. Ich hätte es kaum für möglich gehalten, dass sie tatsächlich existiert!“

In der Kuppel öffnete sich ein großes Tor, als der Trupp der Wolfsmenschen sie erreichte.

Whuon und seine Freunde wurden hineingeführt. Das Tor schloss sich blitzschnell. Der Raum, in dem sie sich nun befanden, war in einem Halbdunkel gehalten. Hell loderten Fackeln an den Wänden. Whuon und die anderen wurden angewiesen, von ihren Pferden zu steigen. Gespenstisch anmutende Wolfsmenschen führten sie eine schmale Treppe hinauf.

Eine Tür wurde aufgestoßen, ein dunkles Verlies offenbarte sich. Die Tür wurde zugemacht und verschlossen – die drei befanden sich jetzt allein in ihrem Gefängnis.

Dieser Raum war düster – nur einige Fackeln spendeten etwas Licht.

„Das haben wir nun davon, dass wir uns ergeben haben!“, schimpfte Yarum.

„Wenn wir ihnen Widerstand geleistet hätten, dann hätten sie uns schon in der Stadt umgebracht“, gab Whuon zu bedenken.

Gorich ging ratlos hin und her.

„Es ergibt sich die Frage, was wir jetzt tun“, meinte er zu Whuon.

„Ich würde sagen, dass wir erst abwarten, bevor wir etwas tun!“

„Abwarten! Abwarten! Wir müssen etwas tun!“, rief Yarum.

„Und was soll deiner Meinung nach getan werden, Yarum?“, erkundigte sich Whuon ruhig. Aber der Karawanenführer zuckte mit den Schultern.

Gorich klatschte wütend seine Hände zusammen.

„Wir können wirklich nichts tun“, sagte er leise, wobei er sich in die Lippe biss.

„Da wir jetzt nichts zu tun haben, können wir uns in unserem Gefängnis ja ein wenig umsehen. Wer weiß, ob es uns später einmal nützlich sein kann, wenn wir uns hier zurechtfinden“, meinte Whuon. Gorich und Yarum nickten langsam.

Whuon nahm eine Fackel von der Wand und ging vorne weg – die anderen folgten.

Aus der Ferne hörten die drei eine Musik erklingen. Sie war nur sehr leise, aber dennoch deutlich zu hören.

Whuon leuchtete auf einen Haufen menschlicher Gebeine.

„Wir waren offenbar nicht die ersten, die man hierher brachte und ermordete“, meinte er kaum hörbar.

„Woran mögen sie gestorben sein?“, erkundigte sich Gorich.

Whuon zuckte mit den Schultern.

„Wir werden es wohl bald erfahren“, prophezeite er.

Sie gingen weiter. Und wieder war diese Musik da – es war eine geheimnisvolle, mystische Melodie, die man aus weiter Ferne hören konnte. Die Melodie schien immer gleich weit entfernt zu sein.

„Diese Musik – woher kommt sie?“, fragte Gorich.

„Es ist der Gesang der Gorgosch“, sagte Yarum abwesend.

Whuon blickte den Karawanenführer erstaunt an.

„Wer sind die Gorgosch?“, fragte er.

„In den Sagen sind die Gorgosch eine Rasse von Ungeheuern und Monstren, die von den Magiern von Aruba gezüchtet worden ist – genau wie die Wolfsmenschen. Sie erzeugen diesen Gesang.“

„Hoffen wir, dass die alten tykischen Sagen diesmal unwahr sind“, sagte Gorich.

Da ertönte plötzlich ein Brüllen!

Aus dem Dunkel trat ein gigantisches Monstrum!

Es besaß sechs riesige Arme und zwei stämmige Beine.

Der Kopf war im Verhältnis zum Körper sehr groß.

Riesige gelbe Zähne guckten aus dem Maul hervor.

Whuon kam es so vor, als ob die Musik lauter und heftiger geworden war. Aber das konnte natürlich Einbildung sein.

Schweigend wichen die drei vor dem grauenhaften Monstrum zurück, während es Schritt für Schritt näherkam. Es war unverkennbar, dass dieses Wesen nicht in friedlicher Absicht kam.

Da blieb Whuon stehen.

Mutig hielt er dem Untier die Fackel entgegen und berührte es mit ihr. Schmerzerfüllt zuckte das Monstrum zurück und ließ ein markerschütterndes Brüllen hören.

Whuon trat einen Schritt vor und berührte das Untier wieder mit der brennenden Fackel.

Zuerst war es sehr erschrocken, doch dann schlug es wild um sich. Whuon musste sich Mühe geben, der gefährlichen Pranke des Monstrums auszuweichen.

Gorich und Yarum sahen gebannt zu, wie Whuon mit dem Untier Katz und Maus zu spielen begann.

Der Thyrer wurde immer tollkühner und wagte sich immer dichter und dichter an seinen Gegner heran.

Dann fing der Arm des Untiers Feuer.

Wütend und brüllend und sich verzweifelt windend lief der Gorgosch in die Dunkelheit hinein.

„Ihm nach!“, rief Whuon.

Die drei rannten dem Gorgosch in die Dunkelheit nach.

Sie folgten dem Gebrüll und der Musik, die stets aus der gleichen Entfernung zu kommen schien.

Man sah den brennenden Arm als Fackel in der Dunkelheit zucken. Der Gorgosch rannte in einen Stollen hinein, der mitten in der Wand seinen Eingang hatte.

„Wir müssen ihm folgen! Vielleicht weiß er, wie man aus diesem Verlies herauskommt“, meinte Whuon. Es schien jetzt alles sehr einleuchtend: Man hatte sie offensichtlich in dieses Verlies gesperrt, damit sie als Frischnahrung für das Monstrum dienen konnten.

Der Gorgosch rannte den langen Gang entlang – und die drei Menschen ihm nach. Doch das Ungeheuer wurde immer langsamer, bis es zusammenbrach. Erbarmungslos wurde es von den Flammen verzehrt.

Schweigend gingen Whuon und die anderen an dem brennenden Kadaver vorbei. Ein übler Geruch verbreitete sich in dem nun plötzlich hell erleuchteten Gang.

„Vielleicht gibt es noch mehr von ihnen“, meinte Yarum. Whuon wagte gar nicht, daran zu denken. Schweigend wandten sie sich ab und gingen den Gang weiter. Es blieb abzuwarten, welche Überraschungen noch in diesen finsteren Gängen auf sie warteten. Der Gang endete dann schließlich mit einer verschlossenen hölzernen Tür. Vorsichtig versuchte Whuon sie zu öffnen. Was mochte sich hinter ihr befinden? Ein Nest der Gorgosch? Oder noch etwas viel Schlimmeres, das selbst diese Monstren in den Schatten stellte?

Jedenfalls ließ sich die Tür nicht öffnen. Sie brachen, ohne viel Geräusch, das Schloss heraus – und traten in einen gigantischen Saal!

Die drei befanden sich auf einem riesigen Balkon in diesem Saal. Von dem Balkon führte eine schmale Treppe hinunter. Whuon spähte nach unten. Er sah, wie sich einige Dutzend Männer an einem Tisch versammelt hatten. Sie wurden von Wolfsmenschen bewirtet.

„Das müssen die Magier sein!“, flüsterte Yarum.

„Es gab vor langer Zeit einmal einen Magier, und es spricht alles dafür, dass es ihn heute auch noch gibt. Sein Name war Thagon. Zunächst führte er ein ganz normales Leben. Er heiratete und hatte Kinder und ging seinen Geschäften nach. Aber dann – er war rund 40 Jahre alt – bemerkte er seine außergewöhnlichen Fähigkeiten und auch die seiner Kinder, die einen Teil seiner Fähigkeiten geerbt hatten. Die Leute trieben ihn in die Wüste, als sie seine Fähigkeiten bemerkten. Zunächst zog er mit seinen Kindern dann in der Welt herum und scharte andere Magier um sich, die sich ihm gern anschlossen, da auch sie auf Unverständnis stießen. Mit ihnen zog er dann in die abgelegene tykische Wüste und gründete die Stadt Aruba!“

Whuon blickte auf die Schar von merkwürdigen Gestalten unter ihm. Es schien zu stimmen, was der Karawanenführer ihm da erzählte. Die alten Mythen waren wahr!

Whuon hatte den Mythen nie geglaubt, und vielen Menschen musste es wie ihm gehen. Aber nun musste er wohl an sie glauben und ihren Wahrheitsgehalt anerkennen.

„Nun hört mir zu!“, brüllte ein ausgesprochen langer und dürrer Mann. Er war in einen schweren Kapuzenmantel gehüllt wie die Wolfsmenschen ihn trugen.

Die anderen hörten auf, sich untereinander zu unterhalten. Ihre Blicke waren auf den Dürren gerichtet.

„Das muss Thagon sein!“, murmelte Yarum zu Whuon gewandt.

„Ich habe nun einen Weg gefunden, wie wir den tykischen Staat unter unsere Kontrolle bringen könnten!“, rief Thagon. Er wandte seinen Blick von einem Magier zum anderen.

„Aber das setzt voraus, dass wir zusammenhalten!“

Thagons Züge drückten eine maßlose Gier aus.

„Wie willst du das schaffen, Thagon?“, fragte ein anderer laut.

Thagon sah ihn scharf an.

„Das wirst du gleich zu sehen bekommen!“ Er lachte leise in sich hinein und rief einem der Wolfsmenschen einige unverständliche Worte zu. Das Monstrum nickte hierauf höflich und verließ den Saal.

„Es ist vermessen, gegen den König in Tyk ankämpfen zu wollen! Er ist der mächtigste Herrscher der bekannten Welt. Was sollen wir mit unserem Zauber gegen ihn tun? Wir könnten seine Gedanken lesen und ähnliche Scherze mit ihm treiben, aber …“

Thagon unterbrach selbstgefällig den Redner.

„Ja, ihr Schwachköpfe! Ihr könnt wirklich nur unnütze, naive Scherze treiben, die mit wirklicher Macht noch nichts zu tun haben. Und das ist auch gut so! Wer weiß, was ihr mit dieser Macht anstellen würdet? Aber ich bin mit euch auch nicht zu vergleichen! Ich habe Macht! Ich habe mehr Macht, als ihr euch auch nur vorstellen könnt! Seht die Wolfsmenschen an! Wärt ihr in der Lage, so etwas herzustellen und zu steuern? Und die Gorgosch! Für sie gilt das Gleiche! Und ich bin noch zu viel mehr imstande! Ich kann noch ganz andere Monstren erschaffen! Allein durch meine Phantasie kann ich zum Beispiel Trugbilder herstellen, die für jeden, der sie nicht erkennt, absolut tödlich sein können.“

Der Wolfsmensch kam mit einer großen, schwarzen Kiste zurück, die er auf dem Boden absetzte.

„Und nun seht! Hiermit will ich die Macht in Tykien übernehmen!“ Thagon deutete auf die Kiste.

Der Magier wies einen der Wolfsmenschen an, die Kiste zu öffnen. Vorsichtig wurde der Deckel von ihr genommen und ein menschlicher Körper wurde sichtbar. Es war ein weißhaariger Mann. Er trug die Kleider eines Königs – die Kleider des Königs von Tykien!

Einer der anderen Magier beugte sich über den Körper.

„Kein Zweifel“, sagte er, „es ist Rakiss, der König von Tykien. Aber er ist tot!“

Der Magier stand auf und wandte sich an Thagon.

„Du hast ihn umbringen lassen!“, rief er aus. Heftig schüttelte er den Kopf.

„Und damit willst du uns helfen? So willst du die Macht übernehmen – mit einem Mord? Ich glaube, du hast dich verrechnet!“

„Du irrst, Lugolo!“, sagte Thagon kalt. „Zunächst will ich euch gar nicht helfen. Ich helfe immer nur mir selbst. Und zweitens habe ich König Rakiss nicht ermorden lassen!“

„Aber er ist tot!“, schrie Lugolo.

„Soll ich ihn zum Leben erwecken?“

Lugolo wurde bleich.

König Rakiss stieg nun aus der Kiste.

„Sein Herz war bestimmt tot!“, rief Lugolo.

„Es schlägt auch jetzt nicht. Es wird nie schlagen!“

„Aber …“

„Dies ist nicht König Rakiss, sondern eine Kopie von ihm. Ich gedenke, sie gegen das Original in Tyk auszutauschen.“

„Wie willst du die Kopie in den schwerbewachten Hof von Tyk bringen?“, fragte eine Stimme, aber Thagon ging nicht auf den Frager ein.

Der Magier stellte sich statt dessen großmächtig auf.

„Ich werde noch weitere Kopien von anderen wichtigen Personen des tykischen Staates produzieren und sie gegen die Originale eintauschen. So werde ich die Kontrolle über Tykien bekommen!“

„Und woher weißt du, dass deine Kopien in deinem Sinne handeln?“, fragte jemand.

Thagon grinste.

„Ich lenke sie direkt durch geistige Befehle. Was diese Kopien sehen, sehe ich mit. Was sie wissen, weiß ich auch.“

Thagon hörte abrupt zu reden auf. Alle starrten ihn gespannt an. „Ich spüre die Anwesenheit von jemandem, der nicht in diesen Saal gehört“, sagte Thagon ganz leise.

Whuon erstarrte. Der Thyrer blickte auf den zunächst ratlosen Magier herab.

„Wir müssen weg!“, flüsterte Yarum. Whuon nickte nur.

In diesem Moment trafen sich die Blicke des Magiers und die Whuons. Es war ein hasserfüllter Blick, den Whuon empfing.

Hastig sprangen der Thyrer und seine Gefährten auf und wollten weg. Doch sie rannten gegen eine unsichtbare Mauer, die sie nicht zu bezwingen vermochten. Sie war hart wie Stein und doch unsichtbar.

„Kommt zu mir!“, rief Thagons befehlende Stimme an die drei Verzweifelten gewandt.

Langsam stiegen Whuon und die zwei anderen die schmale Treppe hinunter.

Die versammelten Magier blickten sie stumm an.

„Sie werden alles mitangehört haben“, meinte Thagon kaum hörbar.

„Wir müssen sie in die Tiefschlafkammern bringen!“, rief eine Stimme dazwischen. Und Thagon nickte grimmig.

„Ja! Da können sie uns keinen Schaden antun.“ Thagon wandte sich an die herumstehenden Wolfsmenschen.

„Bringt sie in die Schlafkammern!“, befahl er.

Die Wolfsköpfigen nahmen die drei in ihre Mitte und führten sie durch ein Labyrinth von Gängen und Türen in einen Raum, der vollkommen mit Glaskammern angefüllt war.

In diesen Glaskammern lagen Menschenkörper. Sie lagen starr da, als schliefen sie. Einige dieser Menschen hatte Whuon gekannt. Sie hatten ihn auf der Karawane begleitet.

Nein! Er wollte nicht eingeschläfert werden!

Brutal rannte Whuon den nächsten Wolfsmenschen neben sich um und entriss ihm sein Schwert. Mit einem gewaltigen Fußtritt schleuderte er dann diesen Wolfsmenschen gegen seine Artgenossen.

Zuerst waren die Monstren unentschlossen, aber dann stürmten sie mit vereinter Kraft auf Whuon ein, der sich nur mit Mühe ihrer Schwertstreiche erwehren konnte.

Wieder und wieder musste er ihre wütenden Hiebe parieren, doch er brauchte keinen Schritt zurückzuweichen.

Yarum und Gorich, die sich inzwischen auch bewaffnet hatten, versuchten nun Whuon zu helfen. Heftig wütete der Kampf, und keine Seite war bereit nachzugeben.

Dicht an Whuons Ohr zischte eine Lanze vorbei und über sich sah der Thyrer ein Schwert.

Mit letzter Kraft gelang es ihm, den furchtbaren Hieb abzufangen.

Seine Gegner ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.

„Wir müssen hier heraus!“, rief Yarum. Der Karawanenführer blickte sich nach einer Tür um, und seine Augen fanden schließlich auch eine. Laut schreiend lief Yarum zur Tür – die anderen folgten ihm zögernd. Hinter der Tür eröffnete sich wieder ein langer Gang, den die drei nun entlanghasteten – immer gefolgt von den Wolfsmenschen. Whuons Geist wurde nur von einem Gedanken beherrscht.

Er musste nach Tyk, der mächtigen Hauptstadt Tykiens, gelangen und den echten König Rakiss warnen!

Hinter sich hörte er das wilde Brüllen der Wolfsmenschen und vor sich hatte er den Gang, von dem er nicht wusste, wohin er führte.

Schließlich erreichten sie eine Halle, in der Hunderte von Pferden standen. Ein Tor, welches nach draußen führte, stand weit offen. Ein Trupp Wolfsmenschen führte gerade einige Gefangene nach Aruba.

„Nehmen wir uns Pferde!“, rief Gorich. Whuon machte einen Satz und landete auf dem Rücken eines Schimmels. Auch die anderen nahmen sich Pferde. Mit ihnen preschten sie an den Wolfsmenschen vorbei in die Wüste. Blitzschnell schloss sich das Tor von Aruba – aber um den Bruchteil einer Sekunde zu spät.

Die drei Reiter trieben ihre Pferde der aufgehenden Sonne entgegen.

Nichts konnte sie aufhalten.

Whuon wusste, was sie als nächstes tun würden.

Sie mussten Rakiss von Tyk warnen.

Sie waren vermutlich die einzigen, die von dem Komplott gegen die Menschheit etwas wussten.

Hoffentlich war es noch nicht zu spät.

Hoffentlich erreichten sie die Stadt Tyk rechtzeitig.

Hoch wirbelte der Sand auf, als Whuon und die anderen daher eilten.

Thagon

„Thagon ist in der letzten Zeit merkwürdig geworden“, meinte Lugolo zu Voilad.

„Ja! Er verbringt viel Zeit in seinen geheimen Räumen, von denen niemand weiß, was in ihnen ist“, seufzte Voilad.

„Ich habe das Gefühl, dass Thagon uns alle, die wir hier in Aruba sind, in der Hand hat.“

„Du übertreibst, Lugolo.“

„Nein, das tue ich nicht. Sieh dir doch nur diese Kopie von König Rakiss an!“

„Wer sagt denn, dass dies auch wirklich eine Kopie ist? Vielleicht ist es am Ende doch der echte König.“

„Das glaube ich nicht, Voilad!“

„Vielleicht hast du ja recht, aber, wenn er wirklich so mächtig wäre, wie er immer tut, dann frage ich mich, warum er sich unserer nicht schon lange entledigt hat.“

„Vermutlich braucht er uns noch!“

„Aber wozu? Bis jetzt hat er uns noch nie richtig in Anspruch genommen. Seine Pläne von der Eroberung Tykiens und so weiter sind ja ganz gut. Es fragt sich nur, für wen sie gut sind! Für Thagon auf jeden Fall. Aber wie steht es mit uns? Was springt für uns dabei heraus? Gar nichts, sage ich! Gar nichts!“

Lugolo zuckte mit den Schultern.

„Ich würde zunächst abwarten!“, sagte er wenig überzeugend.

Der Magier schüttelte den Kopf.

„Aber wir dürfen ihn nicht aus den Augen verlieren!“

„Ja!“, sagte Voilad bedächtig. „Eigentlich wäre es das Beste, ihn zu beseitigen!“

„Bis jetzt gäbe es keinen Ersatz für ihn. Er hat von uns allen die größten Kräfte. Ich weiß nicht, ob es uns überhaupt gelingen würde, ihn auszuschalten“, sagte Lugolo besonnen.

„Der Doppelgänger von Rakiss von Tyk darf auf keinen Fall in Tyk ankommen!“

„Warum nicht, Voilad?“

„Weil Thagon dann das Land von Tykien ganz allein unter seiner Kontrolle hätte. Es wäre für uns dann um so schwieriger, ihn zu erledigen. Mit dem Abwarten ist es also nichts. Wir müssen handeln. Jetzt müssen wir handeln, ehe es zu spät ist!“

Lugolo kratzte sich nachdenklich an seinem spitzen Kinnbart.

„So gesehen hast du recht. Aber was können wir schon gegen ihn tun? Er hat die Wolfsmenschen und die Gorgosch!“

„Das ist noch eine Schwierigkeit. Vielleicht geht Thagons Geist in einen der Wolfsmenschen über, wenn man ihn tötet. Wer weiß? Aber wir müssen natürlich sicher sein, dass es stimmt. Wir dürfen kein Risiko eingehen!“

„Nein, Voilad. Ein Risiko können wir uns nicht leisten. Und einen Fehlschlag noch viel weniger. Es muss absolute Sicherheit geben!“

„Absolute Sicherheit gibt es nie“, gab Voilad zu bedenken.

Lugolo lächelte. Aus seiner Kleidung holte er einen leicht gebogenen Stab mit einem Knopf daran.

„Hiermit werden wir ihn ganz sicher zur Strecke bringen können!“

„Was ist das?“

„Eine Waffe aus längst vergangener Zeit – aber äußerst wirksam. Wenn man auf den Knopf drückt, schießen vorne Feuerstrahlen heraus!“

„Das wird ihn zu Fall bringen! Einer solchen Waffe hat er nichts entgegenzusetzen!“

„Machen wir die Sache gleich ab!“

Voilad machte ein ernstes Gesicht.

„Wir dürfen nichts übereilen“, sagte er.

„Je länger wir zögern, desto größer die Möglichkeit, dass Thagon uns entlarvt. Wir müssen blitzschnell und völlig unerwartet handeln. Nur so können wir zum Erfolg kommen“, gab Lugolo zu bedenken. Dabei fuchtelte er mit der Waffe in der Luft herum.

„Nun gut“, gab Voilad nach. Mit dem Finger deutete er auf Lugolos Waffe.

„Aber du wirst schießen, Lugolo!“

„Ich?“, tat er erstaunt.

„Ja, du!“

„Oh nein, mein Freund. So einfach kommst du nicht davon. Jeder von uns muss seinen Teil beitragen. Mein Teil ist die Waffe.“

Voilad nickte düster.

„Gut! Dann werde ich es tun“, sagte er kaum hörbar.

Behutsam öffnete Voilad die Tür zu Thagons geheimen Zimmern. Lugolos Waffe hielt er unruhig in der Hand.

Voilad blickte in ein relativ kleines Zimmer.

Thagon saß auf einem Schemel und betätigte sich an einer merkwürdigen Maschine, die Voilads Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Der Magier sah Voilad scheinbar ahnungslos an.

„Was willst du, Voilad?“, fragte er mit einem Lächeln auf den Lippen. Voilad besann sich auf seine Aufgabe. Er hob Lugolos Waffe und hielt sie auf Thagon. Die Lippen des Magiers waren noch immer zu einem spöttischen Lächeln geformt.

Voilad drückte ab und der Strahl, der aus der Waffe geschossen kam, traf Thagon, der als verkohlte Leiche zu Boden fiel.

Zuerst war Voilad über seine Tat erschrocken.

Aber dann machte dieses Gefühl einer tiefen Befriedigung Platz.

Er hatte es geschafft!

In diesem Augenblick ertönte hinter ihm ein hässliches Lachen. Blitzartig drehte Voilad sich um. Vor ihm stand Thagons Gestalt.

„Nein!“, rief er.

Eine Hand legte sich von hinten auf seine Schulter.

Voilad zuckte zusammen.

Er drehte sich erneut um und blickte wieder in Thagons Augen. Voilad wich fluchtartig einige Schritte zurück, aber die beiden Thagon-Gestalten folgten ihm.

„Warum wolltest du mich umbringen?“, fragte einer der beiden Thagons.

Entsetzt blickte Voilad auf die verkohlte Leiche auf dem Boden.

„Warum wolltest du mich töten?“, wiederholte der andere Thagon die Frage.

„Ich … ich wollte dich nicht töten, ich …“

Wieder legte sich eine Hand auf seine Schulter. Sie war kalt – unmenschlich kalt.

Zuckend drehte Voilad sich wieder um und er sah einen weiteren Thagon.

„Warum lügst du mich an?“, fragte dieser ruhig.

„Es … es stimmt doch, was ich …“

„Du lügst schon wieder!“, rief einer der anderen Thagons.

Voilad beobachtete die verkohlte Leiche am Boden. Sie regte sich! Stolpernd und taumelnd stand sie auf.

Ihr Gesicht war vollkommen entstellt und kaum noch zu erkennen.

„Was habe ich dir getan?“, fragte der entstellte Thagon.

Voilad wollte zur Tür hinausstürmen, aber zwei der Thagons hielten ihn brutal fest.

„Du bleibst hier“, sagte der entstellte Thagon.

„Wer … wer von euch ist denn nun Thagon?“, keuchte Voilad.

„Wir alle sind Thagon. Und doch ist niemand von uns Thagon“, sagte eine Stimme.

Unsichtbare Hände entrissen ihm Lugolos Waffe.

Eines wusste Voilad.

Diese Dinge, die er hier sah, waren keine Trugbilder, sonst hätte er sie als Magier sofort erkannt. Jeder dieser Thagons musste absolut echt sein.

„Was … was habt ihr mit mir vor?“, fragte Voilad.

Er blickte von einem Thagon zum anderen. Seine Blicke blieben dann schließlich an dem Entstellten hängen.

„Ihr wollt mich töten!“, stellte er fest, wobei ihm gar nicht auffiel, dass er den Plural benutzte.

Angsterfüllt wollte er sich aus der Umklammerung der beiden Thagons losreißen, aber sie hielten ihn mit eisernem Griff. Langsam und unbeholfen trat der entstellte Thagon dicht an Voilad heran.

Der Magier roch den Geruch von verbranntem Menschenfleisch.

Zwei blinde Augen starrten ihn an.

„Wir wollen dich nicht töten. Wir verbannen dich!“

„Verbannen? Wohin?“

„In ein Land, aus dem du nie wieder zurückkehren kannst, da es in einer anderen Zeitstufe liegt. Lugolo wird dir in dieses Land folgen, denn er wollte mich auch töten.“

Vor ihnen materialisierte ein schwarzes Dreieck. Es stand im Nichts wie auf festem Boden.

Es schien eine Art Tor durch die Zeit und den Raum zu sein. Die beiden Thagons packten Voilad und warfen ihn in die Schwärze des Dreiecks. Wenige Sekunden später war von ihm keine Spur mehr zu sehen. Das Dreieck war wieder schwarz und leer. Langsam entmaterialisierte es.

*

Thagon saß in seinem finsteren Raum.

Vor ihm stand die Reihe seiner Doppelgänger. Sie standen leblos da – Puppen gleich.

Thagon benötigte nur einen geistigen Impuls, um sie zum Leben zu erwecken.

Diese Doppelgänger standen immer unter Thagons direkter Kontrolle. Einem der Kunstmenschen dieser Reihe gehörte zur Zeit sein besonderes Augenmerk. Es war kein Doppelgänger, der ihn darstellte, sondern der Doppelgänger von Rakiss von Tyk.

Auf diese Puppe setzte er seine ganze Hoffnung.

Wenn sie in Tyk die Herrschaft übernehmen würde, dann würde damit er die Herrschaft übernehmen. Niemand würde etwas merken.

Aber da waren Whuon, Gorich und Yarum. Sie wussten über alles Bescheid. Sie konnten ihm eventuell gefährlich werden.

Allein schon ihr Wissen über die Stadt Aruba bedeutete für Thagon eine gewisse Bedrohung. Gegen sie musste er etwas unternehmen. Er wusste, wo sich die drei befanden, denn er konnte ihre Gedanken lesen. Er fragte sich, wie er sie bekämpfen sollte.

Vielleicht sollte er ihnen Trugbilder schicken.

Thagon überlegte. Stumm besah er sich die Reihen der Doppelgänger der verschiedensten Leute. Darunter befanden sich auch Doppelgänger seiner selbst.

Thagon lachte in sich hinein.

Es war immer wieder merkwürdig, sich selbst als Puppe zu sehen.

Und wenn er dann in seine eigenen Augen starrte, dann fragte Thagon sich immer wieder, ob seine Puppen auch wirklich kein eigenes Bewusstsein besaßen.

Er hatte Hunderte von Kontrollen durchgeführt, aber ganz sicher war er sich nie.

Was wäre nun, wenn diese Puppen eigene Seelen hätten?, dachte er. Es war ja möglich, dass sie nur unterdrückt existierten und er sie nicht wahrnehmen konnte.

Schaudern packte den Magier.

Welch unvorstellbaren Vergewaltigungen wären diese Bewusstseine ausgesetzt?

Würden sie sich dann nicht eines Tages gegen ihn auflehnen?

Thagon schüttelte diese Vision von sich.

Diese Puppen konnten kein Bewusstsein haben! Er hatte es so oft überprüft, es konnte kein Versehen geben.

Dennoch musste er vorsichtig sein. Besonders gegenüber seinen eigenen Doppelgängern, denn sie hätten ja (mit einem eigenen Ich) sein Wissen übernommen.

Zunächst gab es andere Gefahrenherde abzuwehren.

Einer dieser Gefahrenherde befand sich jetzt irgendwo in der Wüste zwischen Himora und Sorgarth …

Wüstenstaub

Staub wirbelte auf, als die drei Reiter durch die Wüste preschten.

Brutal trieben sie ihre Pferde an – sie befanden sich in höchster Eile.

Whuon wusste, dass sie nicht weit kommen würden, wenn sie nicht bald auf eine Karawane oder eine Oase trafen. Er wusste dies, aber er wusste auch, wie aussichtslos die Hoffnung darauf war, dass sie tatsächlich auch nur irgendeinen Menschen trafen. Sie mussten so lange durchhalten, bis sie in Gebiete kamen, in denen Yarum sich sicher auskannte.

Aber in dieser Einöde wusste nicht einmal der Karawanenführer Bescheid.

Gnadenlos trieben die drei ihre Pferde in die Wüste.

Wie lange würden die Tiere noch durchhalten?

Die ganze Nacht und den ganzen Tag schon waren sie gehetzt worden. Die Männer hatten ihnen kaum eine Pause gegönnt, da sie fürchteten, dass die Wolfsmenschen ihnen in die Wüste folgen würden.

Whuon war klar, dass die Tiere bald am Ende ihrer Kräfte waren.

Zunehmend wurden sie langsamer, und immer öfter musste ihnen eine kurze Pause zugestanden werden.

Es war ein Wunder, dass sie überhaupt so lange mitgemacht hatten, dachte Whuon.

Aber sie mussten durchhalten!

Nach der Sonne bestimmten sie ungefähr die Richtung, in die sie reiten mussten, wenn sie Sorgarth erreichen wollten. Aber sonst hatten sie keine Möglichkeiten zur Orientierung.

Nicht nur bei den Tieren hatte der Ritt Spuren hinterlassen, sondern auch bei den Menschen.

Sie hingen müde im Sattel und ließen sich von ihren Pferden daherschleppen.

Gorich war der einzige unter ihnen, dem es gelang, ein wenig im Sattel zu schlafen.

Gewaltsam versuchte Whuon, seine Augen offenzuhalten.

Überall konnten Gefahren lauern. Schon im nächsten Moment konnten am Horizont Wolfsmenschen oder gar Gorgasch erscheinen.

Er durfte nicht schlafen, so sehr er sich auch danach sehnte. Leise fluchend trieb er sein Pferd zu noch größerer Eile an. Aber sein Reittier wurde von Schritt zu Schritt schwächer. Es würde nicht mehr lange dauern, und es würde zusammenbrechen und nie wieder aufstehen.

Müde blinzelte Whuon in die Sonne.

Niemand sagte ein Wort. Schweigend und zu Tode erschöpft zogen sie daher. Ohne Mut und ohne Hoffnung.

Da!

Whuon wollte seinen Augen nicht trauen!

Am Horizont tauchte eine Ruinenstadt auf.

Whuon rieb sich die Augen. Aber die Stadt blieb. Der Thyrer glaubte nicht daran, dass noch Menschen in ihr lebten. Aber vielleicht gab es noch einen Brunnen.

„Seht!“, rief er erfreut.

Jetzt erst bemerkten die anderen die Ruinen. Müde und mit einem Schimmer der Hoffnung in ihren Zügen blickten sie auf die verwitterten Ruinen.

„Wir sind in die falsche Richtung geritten!“, stellte Gorich bitter fest. Er wandte sich an Whuon.

„Dies wird die Stadt sein, in der uns die Wolfsmenschen gefangen nahmen.“

Whuon blickte misstrauisch zu den Ruinen.

„Da bin ich mir nicht sicher“, sagte er zuversichtlich.

Der Hoffnungsschimmer, der aufgeglimmt war, war nach Gorichs Bemerkung fast ganz wieder zertreten worden.

Rasch rückte die Stadt näher. Es musste früher eine große Stadt gewesen sein – gewiss so groß wie Himora.

„Nein, dies ist eine andere Stadt“, behauptete Whuon, als sie durch die öden und verkommenen Straßen ritten.

„Die könnte Gral-Syrrha sein. In den alten Schriften wird von dieser Stadt berichtet. Sie soll so groß wie Sorgarth gewesen sein. Eines Tages ist sie von einem Sandsturm verschlungen worden“, erklärte Yarum.

Gorich zuckte mit den Schultern.

„Dieses Schicksal scheint Gral-Syrrha mit vielen Städten in dieser Region zu teilen.“ Yarum nickte. „Die Wüste rückt unaufhaltsam vor. Nach und nach wird sie auch die letzten Inseln menschlicher Zivilisation, die sich bisher in diesem Meer des Chaos halten konnten, verschlingen.“

„Da! Ein Brunnen!“, rief Whuon.

Tatsächlich befand sich auf einem etwas größeren Platz ein Brunnen.

Whuon sprengte auf den Brunnen zu.

Er sprang von seinem Tier und blickte in den Brunnen.

„Es ist noch Wasser in ihm. Nicht viel, aber es wird für uns reichen“, stellte der Thyrer fest. Er nahm einen der herumliegenden Eimer und ließ ihn an einem an einer Winde befestigten Seil hinunter. Glücklich zog er den ersten Eimer Wasser hoch, den er seinem Pferd überließ.

„Weißt du, wo Gral-Syrrha lag, Yarum?“, fragte Gorich.

Der Karawanenführer nickte.

„Ja. Ich habe jetzt einen Anhaltspunkt für unsere Position.“

Gorich und Yarum stiegen nun auch von ihren Pferden und tränkten sich und ihre Tiere.

„Ich denke, dass wir es riskieren können, die Nacht hier zu verbringen“, meinte Whuon zuversichtlich.

Gorich nickte ihm zu.

„Es sieht alles ungefährlich und ruhig aus“, bestätigte er.

„Es sieht so aus. Aber der Schein kann trügen“, warnte Yarum.

„Wir werden Wachen einteilen müssen“, kündigte Whuon an.

Am Horizont senkte sich blutrot die Sonne. Sie sandte ihre letzten Strahlen über die ewig wandernden Sanddünen der großen Wüste von Tykien.

„Ich bin todmüde“, bekannte Gorich.

„Das sind wir alle“, gab Whuon bissig zurück.

„Wo schlagen wir unser Lager auf?“, fragte Gorich.

Whuon blickte sich um. Da erblickte er ein langes schwarzes Katzenwesen von ungewöhnlicher Größe, das sich von hinten angeschlichen hatte. Auf 12 Beinen lief es auf sie zu. Es war ein mächtiges Tier. Spitze Reißzähne blitzten in dem gefräßigen Maul, und die roten Augen funkelten hässlich und grausam.

Whuon fragte sich, woher dieses Tier so plötzlich gekommen war. Lebte es in der Wüste?

Oder in den Ruinen von Gral-Syrrha?

Gorich riss sein Schwert aus dem Gürtel und stapfte grimmig auf das Tier zu, während Yarum die Pferde zu beruhigen suchte.

Das Katzenwesen stieß ein barbarisches Schreien aus.

Mit einem gewaltigen Satz war es bei Gorich. Die scharfen Krallen des Untiers schlugen nach dem Thyrer.

Für einen Moment trafen sich Gorichs Blicke mit denen der Raubkatze. Das Tier entblößte die mörderischen Reißzähne.

Gorich stieß einen Schrei aus und stürmte mit dem Schwert in der Hand auf das Katzenwesen zu. Seine Klinge schnitt den Pelz des Tieres auf.

Erschrocken wich das Monstrum einige Schritt zurück und stieß ein markerschütterndes Fauchen aus.

Yarum kostete es viel Mühe, die Pferde unter Kontrolle zu halten.

Wütend trat das Katzenwesen einen Schritt auf Gorich zu.

Auch Whuon näherte sich nun dem Kampfgeschehen. Er postierte sich breitbeinig hinter Gorich.

In den Augen des Tieres blitzte nackte Mordlust.

Kostbare Sekunden vergingen mit Nichtstun.

Da plötzlich sprang das Katzenwesen. Gorich stolperte und da war das Monstrum direkt über ihm.

Es hob die Pranke zum tödlichen Schlag.

Aber Whuon war schneller.

Wütend war er herangestürmt und hatte dem Wesen mit einem Hieb die Pranke vom Restkörper getrennt.

Dadurch fand Gorich Gelegenheit, dem Untier sein Schwert in den Körper zu rammen. Leblos sackte der massige Körper zur Seite. Gorich zog seine Waffe aus dem Leib der Katze und stand auf.

Langsam beruhigten sich die Pferde.

„Das war Rettung in letzter Minute“, gestand Gorich. Whuon nickte müde. „So ungefährlich scheint diese Stadt doch nicht zu sein“, brummte er düster. Grimmig blinzelte er zur untergehenden Sonne.

„Wir können nur hoffen, dass uns heute Nacht nicht noch mehr von diesen Bestien begegnen!“, rief Yarum.

Whuon deutet mit dem Schwert auf den Kadaver des Katzenwesens.

„Wir könnten ihn essen“, sagte er leise.

„Essen?“, empörte sich Yarum.

„Ja!“

Der Karawanenführer verzog missmutig das Gesicht. Der Gedanke an diesen Braten schien ihm nicht zu gefallen.

„Mir scheint, Yarum, du willst lieber verhungern als eine unappetitliche Speise zu dir nehmen“, stellte Whuon spottend fest. Gorich hatte unterdessen einige der Holzeimer zu Brennholz verarbeitet und sie schön aufgeschichtet.

Späte brieten sie dann das Fleisch des Katzenwesens.

Als sie dann aßen, stellte sich Yarum zwar zunächst etwas an, sah dann aber auch ein, dass er ohne Essen nicht leben konnte. Missmutig würgte er einen Brocken nach dem anderen hinunter. Auch Whuon musste zugeben, dass das Fleisch der Bestie nicht gerade schmackhaft war, aber im Augenblick besser als nichts.

„Hoffentlich stört uns heute Nacht niemand“, sagte Gorich.

„Wir müssen Wachen einteilen“, stellte Whuon nur fest. Aber diese Feststellung genügte, um bei Yarum Erregung hervorzurufen.

„Hör mal, Whuon! Ich bin todmüde!“

Whuon nickte.

„Das bin ich allerdings auch.“

„Ich kann unmöglich …“

„Keine Sorge, Yarum. Ich werde sowieso die erste Wache übernehmen. Du kannst von mir aus gegen Morgen dran kommen“, beruhigte der Thyrer. Yarum nickte erleichtert.

Die anderen legten sich also hin und Whuon hielt Wache.

Er saß da und spähte in die Dunkelheit.

Hinter jeder der alten Ruinen konnte in diesem Augenblick ein Monstrum hervorschauen.

Whuon hatte das Schwert griffbereit im Gürtel.


*


Whuon war wohl etwas eingenickt. Mit Schrecken bemerkte er dies. Hastig blickte er sich um. Eine riesenhafte Tarantel schlich sich durch die Straßen auf die drei Freunde zu.

Whuon weckte eilig die anderen. Gebannt sahen sie auf das Untier. Nein! Das konnte es nicht geben, das konnte nicht sein! Aber es gab die Tarantel doch. Oder etwa nicht?

Hatte Thagon nicht etwas von Trugbildern gesagt, die er erzeugen konnte und die für jeden, der sie nicht erkannte, absolut tödlich waren? Whuon versuchte sich zu erinnern.

Und das Katzenwesen! Wenn es ein Trugbild gewesen war, welches absolut tödlich war, wie hatten Gorich und Whuon es dann besiegen können?

Auf der anderen Seite hätte Thagon ihnen ja auch zehn dieser Bestien auf einmal schicken können. In diesem Falle hätten sie keine Chance gehabt. Aber Thagon schien mit ihnen spielen zu wollen.

Diese Tarantel! Auch sie musste ein Trugbild sein. Wie hätte sie in dieser todbringenden Einöde überleben können?

Diese Tarantel muss ein Trugbild sein!

Seine Gedanken schrien es förmlich.

Ein Trugbild! Die Tarantel ist ein Trugbild!

„Ein Trugbild!“, schrie er schließlich, wobei er die Augen für einen Moment angestrengt zukniff. Yarum und Gorich sahen ihn kopfschüttelnd an.

„Steh auf und hilf uns!“, riefen sie. Aber Whuon ließ sich nicht beirren. Wenn die Tarantel ein Trugbild war, dann konnte er dieses Trugbild auch aus seinem Geist verbannen.

Der Thyrer öffnete nun die Augen.

Die Tarantel war nun nur noch eine transparente Masse. Sie schien wie eine Projektion. Er sah auch, wie Yarum und Gorich auf das Tier zustürmten.

„Bleibt hier!“, rief Whuon.

„Habt ihr nicht gehört? Ihr sollt stehenbleiben!“

Aber es hörte niemand auf ihn. Da lief Whuon mit großen Sätzen den beiden nach. Gorich packte er von hinten und schleuderte ihn einige Meter zurück. Yarum bekam die gleiche Abreibung.

„Bist du wahnsinnig?“, brachte Yarum heraus.

„Hört mir gut zu! Die Tarantel da ist ein Trugbild! Sie existiert nicht in der Wirklichkeit und sie kann euch auch nichts anhaben. Aber nur dann, wenn ihr mir glaubt!“

„Da ist sie! Hinter dir, Whuon!“, rief Yarum, von Angst gepackt.

„Hör mir doch wenigstens zu, du Narr!“, war Whuons Antwort.

Er wandte sich in höchster Verzweiflung an Gorich.

„Versucht so zu tun, als ob die Bestie gar nicht da wäre!“

Whuon war verzweifelt. Wenn es ihm nicht gelang, seine Freunde zu überzeugen, dann war es um sie geschehen.

Die transparent gewordene Tarantel kam immer näher.

„Die Bestie gibt es nicht! Ihr müsst mir glauben!“

„Halt den Mund, du Idiot!“, rief Yarum. Er griff nach seinem Schwert und wollte an Whuon vorbeistürmen. Aber der Thyrer hielt ihn mit eisernen Griffen fest. Mit einem Fußtritt schleuderte er Yarum wieder zu Boden. Er fiel etwas unglücklich, schlug hart gegen einen Holzeimer und sackte bewusstlos zusammen – und das war sein Glück.

Gorich versuchte inzwischen, sich die grauenhafte Bestie wegzudenken. Es war schwer. Sehr schwer, aber es gelang ihm schließlich. Die Tarantel wurde auch vor seinen Augen transparent, durchsichtig, blass.

„Sie ist weg“, sagte Gorich leise.

Er wandte sich an Whuon. „Du hast mir schon wieder das Leben gerettet.“

Whuon lächelte nur.

„Sag mir, wie bist du bloß auf die Idee mit dem Trugbild gekommen?“, fragte Gorich nun.

„Thagon, der Magier aus Aruba, sagte etwas von tödlichen Trugbildern. Und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass in dieser öden Gegend ein so großes Tier leben kann.“

Gorich und Whuon gingen zusammen zu Yarum, der reglos am Boden lag.

„Er wollte kämpfen. Aber er hätte diesen Kampf nie gewonnen“, stellte Whuon fest. Gorichs Blick suchte den Kadaver des Katzenwesens. Trotz der tiefen Schwärze der Nacht hätte man den riesigen Fleischbrocken, von dem sie nur einen kleinen Teil gegessen hatten, sehen müssen. Aber er war nicht da.

„Wo ist unser Braten?“, fragte Gorich beunruhigt.

Whuon blickte zu der Stelle, wo der Kadaver gelegen hatte.

„Er war auch nur ein Trugbild. Aber unsere Bewusstseine haben die Trugbilder besiegt.“

Whuon legte sich bequem hin.

„Ich glaube, Gorich, dass du jetzt an der Reihe bist mit der Wache“, sagte er.

Ja, dachte Gorich, dies war ihr erster Sieg gegen die Magier von Aruba. Er würde der erste von vielen Siegen sein.


*


Thagon stützte den Kopf mit den Händen ab.

Er saß noch immer in seinem geheimen Zimmer. Vor ihm standen die Reihen der Doppelgänger – stumm und leblos.

Thagon hatte eine schlimme Niederlage erlitten. Eine Niederlage, wie sie schlimmer nicht hätte sein können.

Er war es gewöhnt zu siegen. Diesmal hatte er verloren. Jemand hatte seine Trugbilder erkannt und besiegt.

So etwas war noch nie vorgekommen.

Zumindest Whuon würde in Zukunft seine Trugbilder auf Anhieb erntlarven können. Damit war Thagons Hauptwaffe erledigt.

Er konnte sie nicht mehr oder zumindest nur sehr eingeschränkt gegen seine Hauptfeinde und Mitwisser einsetzen.

Aber Thagon besaß andere Waffen, die er noch einsetzen konnte. Und sie waren nicht minder gefährlich.

Der Blick des Magiers fiel auf das schimmernde Dreieck, das im Nichts stand wie auf einem festen Untergrund. Es war seine neueste Schöpfung. Es war ein Tor durch Raum und Zeit.

Wenn man durch dieses Dreieck sprang, konnte man in jede beliebige Zeit und an jeden beliebigen Ort gelangen. Thagon war stolz auf das Tor durch Raum und Zeit. Es war von so komplizierter Beschaffenheit, dass nicht einmal die anderen Magier von Aruba es begreifen würden, wenn er es ihnen zeigte. Aber Thagon hielt seine Erfindung geheim. Die einzigen, die sie gesehen hatten, waren Lugolo und Voilad. Aber die beiden Rebellen waren beide in einer Zeitstufe der Vergangenheit gefangen. Sie konnten ihm nicht mehr gefährlich werden. Mit diesem Tor würde er auch Rakiss’ Doppelgänger nach Tyk bringen.

Seine Gedanken konzentrierten sich jetzt wieder auf Whuon, Yarum und Gorich. Er musste irgendwas gegen sie tun.

Nein! Es durfte nicht irgendwas sein. Es musste sorgsam durchdacht sein.

Er rieb sich mit der Hand das Kinn und zupfte an seinem kurzen Bart. Sorgarth – das war das Ziel Whuons.

Thagon wusste, was er tun würde. Er wandte sich an eine der Puppen, die in einer langen Reihe vor ihm standen. Viele von ihnen waren die Doppelgänger anderer, aber ebenso viele besaßen nur ein konturenloses, weißes Gesicht. Sie stellten niemanden dar. Sie mussten erst geformt werden.

Der Magier nahm eine dieser Puppen über die Schulter und legte sie auf einen großen Holztisch.

Nun ging er daran, die Puppe zu formen. Er setzte ihr Haare auf den Kopf und formte ihre Gesichtszüge.

Zum Schluss gab er der Puppe auch noch einen Namen.

„Ich werde dich Branton nennen“, murmelte er.

Thagon ließ die Puppe durch einen geistigen Impuls aufstehen und auf das Tor durch Raum und Zeit zugehen.

Bevor er diese Puppe durch das Tor gehen lassen würde, musste er sie genau überprüfen. Es konnte ihm ja trotz aller Vorsicht passiert sein, dass er ein Wesen mit eigenem Bewusstsein erzeugt hatte – und nicht nur eine seelenlose Puppe.

Thagons geistige Fühler drangen in Brantons Körper ein und tasteten in ihm nach einem Bewusstsein. Er ging äußerst genau und sorgfältig vor. Es durfte kein Vertun geben.

Da spürte sein geistiger Fühler einen Kontakt mit einem fremden Gedanken!

Thagon erschauerte.

Der Magier begann, noch intensiver zu fühlen. Dennoch verlor er den Kontakt zu dem fremden Gedanken wieder und dann spürten seine Geistesfühler nichts mehr.

Nein, er konnte Branton nur durch das Tor gehen lassen, wenn es keine Zweifel daran gab, dass er wirklich keine Seele besaß.

Mit Hilfe eines geistigen Impulses ließ Thagon die Puppe wieder zurück in ihre Reihe treten. Es fiel dem Magier auf, wie schwer Branton auf seinen Impuls reagierte.

Oder war es Einbildung? Thagon hoffte es zumindest.

Stumm starrte er Branton an – und seine Puppe starrte zurück. Der Magier musste sich auf Branton absolut verlassen können, sonst konnte er ihn nicht gebrauchen.

Der Branton-Körper musste ebenso schnell auf seine geistigen Impulse reagieren, wie es sein eigener tat.

Wieder durchstreiften Thagons geistige Fühler Branton. Aber diesmal wurden sie nicht fündig. Thagon durchströmte ein Gefühl der Erleichterung, aber er blieb beunruhigt. Aus einem Schrank holte er Kleider, wie sie in Sorgarth Mode waren, und gab sie Branton zum Anziehen. Als die Puppe sich angekleidet hatte, gab ihr Thagon noch ein kleines Fläschchen.

„Hier“, sagte er dazu.

Die Puppe würde wissen, was sie mit dem Inhalt der Flasche anzustellen hatte, denn Brantons Gedanken waren Thagons Gedanken. Dann ließ Thagon die Puppe durch das Tor gehen. In Nullzeit würde sie Sorgarth erreichen und auf Whuon und seine Freunde warten.

Die drei würden Sorgarth nicht verlassen, dessen war sich der Magier sicher.

Er wandte sich vom Tor ab und setzte sich wieder. Er stützte seinen Kopf mit den Händen ab und konzentrierte sich.

Er konzentrierte sich auf seine Arbeit – auf seine teuflischen Erfindungen.


*


Whuon, Yarum und Gorich hatten in dem kleinen Dorf Kwua-nema übernachtet.

Für Whuon grenzte es an ein Wunder, dass die Eingeborenen von Kwua-nema in dieser Wüste überleben konnten.

Und die Leute von Kwua-nema machten durchaus nicht den Eindruck von Menschen, die täglich um ihre Existenz bangen mussten. Sie waren fröhlich und guter Dinge. Man hatte sie in Kwua-nema freundlich aufgenommen, gut versorgt und ihnen sogar noch Proviant mitgegeben.

Zunächst hatte Yarum geglaubt, auch dieses friedliche Dorf sei eine weitere Falle des einsamen Magiers von Aruba. Aber es hatte sich als anders herausgestellt.

Nun ritten die drei weiter in Richtung Sorgarth. Sie kamen jetzt zunehmend in Gebiete, in denen sich Yarum auskannte. Sie hatten jetzt keine Angst mehr, die Wolfsmenschen könnten ihnen gefolgt sein, und so gönnten sie sich in der Nacht etwas Ruhe. Die Reise verlief friedlich und normal – fast zu friedlich.

Stück um Stück kamen sie Sorgarth näher.

Schon sah man im Sand die ersten Gräser wachsen und aus der Wüste wurde langsam eine riesige Savanne.

Sie näherten sich jetzt offenbar dem fruchtbaren Küstenland von Tykien. Am Himmel tauchten kleine Gebirgszüge auf.

Von Tag zu Tag verbesserte sich die Stimmung der drei Abenteurer. Nun sahen sie auch schon ab und zu Antilopen-Herden an Wasserstellen trinken und Wildpferde über die Ebene donnern.

Die Nächte verbrachten sie in Gasthäusern, die es in den kleinen Städten dieser Gegend zu Genüge gab.

Und dann gelangten sie nach Sorgarth.

Der Lärm der Großstadt betäubte sie fast.

Stumm staunend ritten sie durch die breiten Straßen der Stadt. Gegen Sorgarth war Himora nur ein kleines Dorf!

Doch Whuon verlor über all diesem Trubel das Ziel nicht aus den Augen.

„Reiten wir zum Hafen“, sagte er zu den anderen.

„Wollen wir nicht noch in Sorgarth übernachten?“, fragte Yarum gähnend. Aber Whuon schüttelte den Kopf.

„Wir müssen so schnell wie möglich nach Tyk!“

„Morgen ist auch noch ein Tag, Whuon. Lass uns nun ein Quartier suchen!“

„Wir gehen zum Hafen, Yarum!“

Der Karawanenführer nickte. Er hätte sich gern noch am Trubel der Großstadt berauscht.

Sie gelangten an den Hafen. Hunderte von Segelschiffen lagen hier. Whuon stieg ab und wandte sich an einen im Hafen patrouillierenden Soldaten. Er schwitzte unter seiner schweren Rüstung. Missmutig und verdrossen stand er da und sah den Fischern zu, wie sie ihre Netze flickten.

„Heh!“, sprach Whuon den Soldaten an. Der Mann drehte sich um. Auf seinem Brustpanzer war das Wappen Tykiens aufgetragen.

„Was ist?“

„Wann fährt das nächste Schiff nach Tyk?“

„In die Hauptstadt?“

„Ja!“

„Dort! Die SEDELLAH läuft jeden Moment aus.“

Der Soldat hatte auf ein mittelgroßes Schiff gedeutet.

„Danke“, rief Whuon flüchtig. Er ging zusammen mit seinen Freunden zum Anlegeplatz der SEDELLAH. Ihre Pferde hatten die drei mitgenommen.

„Fährt dieses Schiff zur Hauptstadt?“, wollte Whuon von dem herumlungernden Bootsmann wissen. Dieser nickte.

„Ja, wir fahren nach Tyk. Warum? Wollt ihr mit?“

„Ja!“

„Was ist mit den Tieren?“

Der Bootsmann deutete flüchtig auf die Pferde der drei.

„Sollen sie die Reise mitmachen?“, fragte er.

„Ja!“, sagte Whuon entschlossen. Der Bootsmann nickte bedächtig. Er nannte einen Preis und die drei legten ihr letztes Geld zusammen, um ihn zu bezahlen. Dann gingen sie mit ihren Tieren an Bord.

Ein Mann stürmte den Landesteg entlang. Am Liegeplatz der SEDELLAH blieb er stehen. Er trug die typische Kleidung eines Kaufmanns aus Sorgarth.

„Ich bin Branton, ein reicher Kaufmann von hier“, sagte der Kaufmann, wobei er sich breitbeinig aufstellte.

Der Bootsmann sah ihn an.

„Mir ist es egal, wer du bist. Was willst du?“

„Fährt dieses Schiff nach Tyk?“

„Ja!“

„So bin ich richtig hier! Ich bezahle gut, wenn ich mitgenommen werde!“

Der Bootsmann nickte.

„Komm her!“



Whuon konnte seine Blicke nicht von dem Fremden abwenden, der sich Branton nannte. Irgendetwas an seinen Bewegungen erinnerte ihn an jemanden. Wenn ihm doch nur einfiele, an wen ihn Branton erinnerte! Aber sein Gedächtnis schwieg.

Die SEDELLAH stach nun in See.

Der mächtige Bug durchschnitt die See wie ein Pflug die Erde.

Die Reise hatte erst wenige Tage gedauert und Whuon und die anderen waren am Essen, da setzte Branton sich zu ihnen.

Und wieder erinnerten ihn seine Bewegungen an jemanden.

Diesmal ließ ihn sein Gedächtnis nicht im Stich! Diese Bewegungen! Sie erinnerten ihn an Thagon, den Magier.

Whuons Gesicht verfinsterte sich unwillkürlich.

Sollte ein Agent des Magiers hier auf dem Schiff sein?

Es war möglich, aber es konnte auch Einbildung sein. Es war so vieles Einbildung. Whuon versuchte also, wieder ein freundliches Gesicht zu machen. Er wollte sich nichts anmerken lassen.

„Wer seid Ihr, mein Freund?“, fragte Branton mit einer sanften, tiefen, aber doch bestimmten Stimme.

„Mein Name ist Whuon. Und wer seid Ihr?“

„Branton. Ich bin Kaufmann in Sorgarth. Und woher kommt Ihr?“

„Meine Heimat ist Simacra, das liegt in Thyrien.“

Der Thyrer wechselte einen sorgenvollen Blick mit Yarum und stopfte sich dann einen Bissen in den Mund.

„Mit welchem Ziel wollt Ihr nach Tyk?“, fragte Gorich nun an Branton gewandt.

„Oh, ich habe in der Hauptstadt Geschäftspartner, mit denen ich verhandeln will.“ Der Kaufmann ließ ein verlegenes Lächeln über seine Lippen huschen. Mit einem Tuch wedelte er sich frische Luft zu.

Branton holte eine Flasche hervor.

„Hier, meine Herren! Echter Wein aus Lakornidien. Wollt Ihr auch kosten, meine Freunde?“

Whuon schüttelte den Kopf.

„Nein danke. Ich bin nicht durstig. Später vielleicht.“

Branton wandte sich an die anderen.

„Und was ist mit Euch?“

„Gut, wir trinken etwas“, sagte Gorich. Er sandte einen strafenden Blick an Whuon.

„Stell dich nicht so an und trink auch etwas. Es wäre sonst unhöflich gegenüber unserem tykischen Freund.“

Freund?

Whuon wusste nicht so recht, ob er Branton als seinen Freund akzeptieren sollte oder nicht.

Schließlich stimmte er einem Wein aber doch zu.

Branton schenkte aus und dann hoben sie die Gläser.

Whuon nahm einen Schluck. Der Wein war tatsächlich gut. Er schien wirklich aus den lakornidischen Anbaugebieten um Lethrea zu stammen.

Aber was war das?

Vor Whuons Augen verschwamm Brantons Gestalt. Für den Bruchteil einer Sekunde umhüllte tiefe Schwärze ihn. Dann merkte er, wie sich sei Geist von seinem Körper trennte. Er schwebte zur Decke des Essraums und sah seinen Körper am Boden liegen. Aber nicht nur seinen Körper sah er dort liegen, sondern auch die seiner Gefährten. Und er sah noch mehr! Er sah, wie Branton sich über die Körper beugte und sich davon überzeugte, dass sie tot waren. Aber Whuon hatte nicht viel Zeit, sich dieses merkwürdige Schauspiel anzusehen. Sein Geist wurde durch eine unsichtbare Kraft nach oben hin beschleunigt. Er durchdrang die Wände, als wären sie nicht vorhanden.

Dann hatte er das Schiff verlassen. Er sah es wie ein Beobachter aus der Luft. Aber auch das Schiff wurde schnell, sehr schnell immer kleiner und verschwand schließlich. Um ihn herum waren nur Wolken. Er flog mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit, einer Geschwindigkeit, so groß, dass die Menschen in Tykien, Lakornidien oder Thyrien sie sich nicht vorzustellen vermochten.

Ein Gefühl der Freiheit durchströmte ihn. Er war frei wie ein Vogel. Aber er war auch ein Gefangener, denn er konnte die Beschleunigung seines „Geistkörpers“ nicht abbremsen. Er wurde von einer geheimnisvollen Macht in die Höhe geschleudert, und er, Whuon, hatte dieser Macht nichts entgegenzusetzen.

Die Erde war weit unter ihm.

Die Schwärze des Weltraums umhüllte Whuon. Die Erde wurde immer kleiner. Auch sie verschwand schließlich im unendlichen Meer der Sterne. Mit einer ungeheuren Geschwindigkeit schoss er durch das Universum. Und diese Geschwindigkeit wurde laufend erhöht! Whuon war sich bewusst, dass er keinen Körper mehr besaß. Er war jetzt nur noch Geist.

Die Erde war weit unter ihm.

Jetzt ließ er die ganze Milchstraße hinter sich und seine Geschwindigkeit steigerte sich noch immer.

Es war ein berauschendes Gefühl, so frei und ohne Körper durch das Universum zu fliegen.

Und dann war es Whuon, als stieße er gegen eine unsichtbare Mauer und durchbräche sie. Die Schwärze um ihn herum war weg. Helle Lichterscheinungen blitzten auf.

Aber Whuon hatte das Gefühl, immer noch zu schweben.

Die Leuchterscheinungen verschwanden allmählich.

Der Thyrer vermochte wieder sich zu orientieren. Zu seiner Verwunderung sah er einen Menschen. So sehr Whuon sich auch Mühe gab, er konnte das Gesicht dieses Mannes nicht erkennen.

Der Mensch saß da und starrte auf etwas, das vor ihm auf dem Boden lag.

Mit Schrecken erkannte Whuon, worauf dieser Mensch blickte!

Es war das Universum! Es war sein Universum, das Universum, in dem die Erde lag!

Whuon wusste nicht, warum er dies erkannte. Irgendwelche fremden Gedanken sagten es ihm.

Dieser Mann ohne Gesicht! Sollte er der Schöpfer des Universums sein?

Der Mann kam Whuon vertraut vor. Irgendwie spürte der Thyrer eine gewisse Verbundenheit mit ihm.

Erst jetzt bemerkte Whuon, dass es nicht nur ein Mann war, sondern drei. Sie waren plötzlich zu beiden Seiten des Gesichtslosen aufgetaucht. Sie schienen die gleiche Gestalt wie der Gesichtslose zu haben, die gleiche Figur, die gleichen Haare.

Aber eines hatten sie dem Gesichtslosen voraus!

Sie besaßen ein Gesicht. Sie hatten dasselbe Gesicht, aber es sagte bei jedem etwas anderes aus.

Bei dem einen war es zu einem liebevollen Lächeln geformt. Seine Augen leuchteten freundlich.

Der andere war hingegen das glatte Gegenteil. Sein Blick war hasserfüllt und grimmig. Seine Stirn lag in tiefen Falten. Der Gesichtslose musste sich vor langer Zeit gespalten haben. Er war jetzt zwei Persönlichkeiten: Gut und Böse.

Das Böse zog Whuons Geist förmlich an. Er konnte dem Sog nicht widerstehen, so sehr er auch wollte.

Er wurde in den Körper des Bösen aufgenommen.

Whuon lauschte den Geistern, die in dem Körper des Bösen zu Hause waren. Es waren grimmige, feindselige Stimmen.

„Wir sind die bösen Gedanken des Universums. Wir sind alles Böse im Universum.“

„Er gehört zu den guten Gedanken! Was will er hier?“

„Ja! Was will er hier? Soll er doch zu den guten Gedanken gehen und uns in Ruhe lassen!“

Die Geister kamen auf Whuon zu. Er konnte sie direkt „fühlen“.

„Er ist gut. Er passt nicht hier her!“

„Er muss weg!“

„Ja! Er muss weg!“

„Tod den guten Gedanken! Es lebe das Böse!“

„Es lebe das Böse!“

„Geh, Whuon! Du bist ein guter Gedanke. Du passt nicht zu uns.“

„Ich bin überhaupt kein Gedanke! Ich bin ein Mensch!“

Whuon schrie es den Geistern entgegen.

„Alle Menschen sind nicht mehr als Gedanken. Entweder sind sie Gedanken des Guten oder Gedanken des Bösen. Du bist ein Gedanke des Guten und deshalb kannst du nicht hierblieben!“ Whuon wurde wieder aus dem Körper des Bösen verdrängt, in den man ihn unfreiwillig hineingebracht hatte.

Sein Geist schwebte nun auf den Guten zu.

„Komm zu mir“, sagte der Mann mit dem freundlichen Lächeln zu Whuon. Der Thyrer folgte der Einladung gerne. Er ging in den Körper des guten Mannes ein.

Wieder lauschte Whuon den Geistern. Aber diese hier waren viel freundlicher als die, die er zuvor kennengelernt hatte.

„Er ist ein guter Gedanke! Er ist einer von uns!“

„Ja! Er ist einer von uns.“

„Lasst ihn bei uns!“

„Seid ihr Gedanken?“, fragte Whuon.

„Ja. Und du bist auch einer. Alles im Universum besteht aus Gedanken.“

„Aus Gedanken? Aus wessen Gedanken? Wer denkt?“

„Aus den Gedanken des Bösen und des Guten.“

„Wart ihr auch einmal Menschen?“

„Ja! Und wir werden auch wieder Menschen werden. Unsere Reinkarnation steht bevor. Unsere Wiedergeburt kommt bestimmt.“

„Wann werdet ihr wiedergeboren?“

„Das ist bei jedem verschieden. Aber du, Whuon, du bist nicht gestorben und deshalb kannst du hier nicht hin. Du musst zurück zur Erde. Du musst zurück zu deinem Körper.“

„Aber ich will nicht.“

„Es geht nicht danach, was du willst. Du hast dich den Gesetzen des Universums zu beugen. Du hast eine Lebensaufgabe. Sie ist gelöst, wenn dein Gedanke zu Ende gedacht ist. Wenn dein Gedanke, also du, zu Ende gedacht ist, dann kannst du hierhin kommen, um für eine neue Lebensaufgabe konditioniert zu werden, die du dann nach deiner Reinkarnation wahrnehmen kannst.“

„Noch eine Frage! Wie oft bin ich schon hier bei euch gewesen? Wie oft bin ich schon wiedergeboren worden?“

„Du hast unzählige Leben gelebt. Durch deine Person wurden unzählige Gedanken zu Ende gedacht – genau wie bei uns allen.“

„Aber warum erinnere ich mich nicht an meine früheren Leben?“

„Wenn ein Gedanke zu Ende gedacht ist und für ein neues Leben konditioniert wird, dann braucht er seine Erinnerungen nicht mehr. Sie würden ihm beim Denken seines Gedankens, beim Leben seines Lebens hinderlich sein.“

Whuon schwieg eine Weile. Er musste das neu erfahrene Wissen erst verarbeiten.

Schließlich fragte seine geistige Stimme: „Wessen Gedanken sind wir denn nun? Wer denkt uns?“

„Wir sind die Gedanken des guten, der Hoffnung, der Ordnung, des Lichts und des Lebens. Die anderen aber sind die Gedanken des Bösen, der Finsternis, des Chaos, der Verzweiflung, der Dunkelheit und des Todes.“

„Wer ist das Gute? Wer ist das Böse? Ist das Gute eine Art Gott?“

Doch Whuon bekam diesmal keine Antwort. Seine geistige Stimme blieb ungehört. Statt dessen murmelten die Geister: „Du musst zurück in deinen Kosmos und deine Erde und deinen Körper! Komme wieder, wenn du gestorben bist, wenn dein Leben gelebt, dein Gedanke gedacht ist.“

„Aber warum?“

„Stelle jetzt keine Fragen mehr! Du musst zurück, wir flehen dich an!“

„Was hätte es für euch für Folgen, wenn ich doch bliebe?“

„Keine. Aber für deinen Kosmos hätte es Folgen. Befolge unseren Rat und geh. Grundsätzlich wollen die Gedanken des Guten niemanden zu etwas zwingen, aber in diesem Fall würden wir es tun – um des Universums willen. Geh nun, Whuon aus Thyrien!“

„Ich will aber nicht!“

„Du musst, Whuon! Deine Lebensaufgabe ist nicht erfüllt, dein Gedanke nicht zu Ende gedacht.“

„Dann denkt ihr ihn zu Ende!“

„Du musst deine Aufgabe selbst erfüllen, das nimmt dir niemand ab!“

Whuon wurde aus dem Körper des Guten hinausgestoßen.

Er sah das Etwas, das sein Universum darstellte und merkte, wie es ihn anzog. Er stürzte förmlich in dieses Universum hinein.

Wieder trat sein Geist die lange Reise durch den Weltraum an. Langsam sah er die Galaxis, in der die Erde sein musste. Und bald sah er auch seine Sonne – eine von vielen Sonnen im unendlichen Sternenmeer.

Und dann sah er seine Welt: die Erde!

Er sah sie als blaue Kugel im schwarzen Universum schimmern.

Und schon tauchte er in die Atmosphäre der Erde ein. Schnell ging es hinab. Unter sich nahm Whuon das weite, klare Meer wahr und eine Küste. Ob es die Küste Tykiens war?

Als er weiter hinabgegangen war, erkannte er ein Schiff, wie es sich von den Wellen hin und herschaukeln ließ und wie es mit ihnen kämpfte.

Sein Geist fiel genau auf das Schiff, durchdrang die Planken und gelangte in einen der Schiffräume. Hier fand er seinen Körper wieder. Er lag auf einem Lager aus Decken. Zwei Gestalten beugten sich über ihn. Es waren Gorich und Yarum.

Whuon sah sich nun seinem Körper gegenüber. Er stürzte direkt auf ihn zu – und in ihn hinein.


*


Whuon öffnete die Augen. Er blickte in die Augen seiner Gefährten. War das, was er soeben erlebt hatte, Traum oder Wirklichkeit? Oder war es beides?

Im Augenblick sah es nach einem Traum aus. Das Erlebte schien für Whuon in eine Vergangenheit zu rücken, eine ferne Vergangenheit.

„Was war mit mir?“, erkundigte er sich bei seinen Freunden.

Gorich holte die Flasche mit dem Wein hervor. Sie war noch halb voll und ein köstlicher Duft stieg Whuon in die Nase.

„In diesem Wein war eine Droge, die unsere Bewusstseine durch die Dimensionen reisen ließ. So konnte Branton unsere Körper überwältigen und …“

„Wo sind wir?“, fragte Whuon hastig.

„Auf der Rückreise nach Sorgarth!“

„Was?“

„Ja, Branton hat die Mannschaft dazu überredet. Er bot ihnen einen Batzen Geld dafür.“

Whuon nickte düster.

„Und was ist dieses für ein Raum?“

„Es ist der Essraum! Erkennst du ihn nicht?“

Whuon blickte sich langsam und bedächtig um. Tatsächlich! Es war der Raum, in dem sie gegessen hatten.

„Ich werde etwas gegen Branton unternehmen!“, knirschte Whuon grimmig. Er sprang auf und marschierte in Richtung Tür.

Doch Yarum hielt ihn bei der Schulter.

„Wir können hier nicht raus, Whuon!“

„Nein! Wieso nicht?“

„Eine unsichtbare Mauer verhindert es. Sie ist an allen Ausgängen vorhanden. Du kannst mir glauben.“

Whuon ließ sich wieder auf das Lager fallen.

„Wir können nichts tun?“, fragte er.

„Nein. Wir können nichts tun.“

„Dann sagt mir, was ihr auf eurer Reise durch die Dimensionen erlebt habt. Wart ihr auch bei dem Schöpfer des Universums?“

„Du warst bei dem Schöpfer des Universums, Whuon? Erzähle uns!“, rief Gorich.

„Wie sah er aus, der Schöpfer?“, fragte Yarum.

„Es war ein Mann.“

„Ein Mann?“, fragte Gorich.

„Ja. Aber er hatte kein Gesicht. Und im Grunde war es auch nicht ein Mann, sondern zwei. Vor vielen Ewigkeiten musste sich der eine Mann geteilt haben, in einen guten Teil und einen bösen. Ich lernte, dass alle Menschen nur Gedanken sind. Gedanken des Bösen oder des Guten. Und ich lernte auch, dass jeder Gedanke zu Ende gedacht werden muss, oder anders gesprochen: Wenn ein Mensch stirbt, dann ist sein Gedanke zu Ende gedacht. Sein Gedanke, sein Bewusstsein, sein Geist oder wie immer man es nennen mag, kehrt dann zurück zu dem Geist des Bösen oder des Guten, je nach dem, woher er kam. Dort werden den Bewusstseinen, deren Körper tot sind, die Erinnerungen gelöscht, und sie werden für eine neue Lebensaufgabe konditioniert, für einen neuen Gedanken, den sie dann nach ihrer Reinkarnation, ihrer Wiedergeburt, darstellen werden.“

Gorich sah Whuon ernst an.

„Wenn das wahr ist, was du sagst, wenn wir wirklich nur Gedanken sind, dann müsste jeder von uns ja allein durch das Denken einen eigenen Kosmos, ein eigenes Universum geschaffen haben, von dem ich nichts ahne, von dem auch ihr nichts ahnt.“

„Es würde alles nach dem selben Prinzip gehen, Gorich. Denn auch du hast deine gute und deine schlechte Seite, auch wenn du vielleicht ein Gedanke des Guten bist!“, behauptete Whuon.

„Aber wo hätte da der Mann ohne Gesicht seinen Platz?“, fragte Yarum.

Whuon zuckte mit den Schultern.

„Ich glaube, dass dieser Mann nicht wirklich so existierte, wie ich ihn sah, sondern dass er vielmehr ein Symbol war.“

Whuon wandte sich nach diesen Worten an Gorich.

„Was hast du erlebt, Gorich?“

Der Thyrer setzte sich auf einen der herumstehenden Stühle.

„Meine Erlebnisse sind nicht so interessant wie deine, Whuon. Aber vielleicht sind sie es doch wert, dass ich sie weitergebe. Ich bin nicht wie du, Whuon, durch den Raum, sondern durch die Zeit gereist, und zwar in die Vergangenheit.

Und zwar erlebte ich die Vergangenheit als eine Art Beobachter. Es war eine schillernde, märchenhafte Welt, in die ich verschlagen worden war. Es gab Wagen, die von selbst fuhren, ohne dass sie von Tieren gezogen wurden. Es gab metallene Vögel, in denen die Menschen flogen. Aber es gab auch Schiffe, mit denen man bis zu den Sternen segeln konnte. Aber es machte mir den Eindruck, als wäre der Mensch jener Zeit für seine eigene Zeit nicht reif genug, denn er baute nicht nur schöne Dinge, sondern auch Waffen. Waffen, so schrecklich, dass es sich heute niemand mehr vorstellen könnte, wie schrecklich sie waren.

Auf der Erde entstanden schließlich zwei große Machtblöcke, welche sich gegenseitig in ihren Waffen zu übertreffen versuchten. Es gab einige vernünftige Leute auf beiden Seiten, die vor einem weiteren Wettrüsten warnten, aber sie wurden nicht gehört. Man tat sie als Weichlinge oder Feindspione ab.

Man störte sich nicht an ihren Warnungen. Man rüstete weiter, erfand immer bessere, schnellere, schrecklichere, tödlichere Waffen. Aber keiner der beiden Machtblöcke wagte schließlich den entscheidenden Schritt, den Schritt zum Krieg. Die Verantwortlichen schreckten vor der Kraft ihrer eigenen Waffen zurück. Doch durch einen schrecklichen Zufall kam es dann doch zum Krieg. Man setzte die schrecklichen Waffen ein und sie waren noch furchtbarer als man gedacht hatte. Für die Menschheit ging das Licht aus. Die blühenden Zivilisationen der Erde sanken in Schutt und Asche. Aber die Waffen waren so mächtig, dass sie nicht nur die Städte der Menschen in Schutt sinken ließen, sondern ganze Kontinente mit ihren Strahlen verseuchten. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Magier und Wüstenmonstren.

Gegen Ende des Krieges, der übrigens nur von sehr kurzer Dauer war, fand dann noch eine kosmische Katastrophe statt. Ein anderer Himmelskörper prallte gegen die Erde und veränderte ihre Lage im Kosmos. Dadurch veränderte sich das Klima der Erde. Zu der Zeit des großen Krieges lag die Insel, auf der die heute bekannte Welt liegt, tatsächlich unter einer Eisschicht. Wo heute Lutonien liegt, das war früher der Südpol der Erde. Heute liegt er ganz woanders. Jedenfalls flohen die Menschen von den anderen Ländern auf die heute bekannte Welt, denn sie war als einziger Kontinent kaum vom Kriege betroffen. Zudem schmolz das Eis sehr rasch und innerhalb weniger Jahrzehnte war es ganz zerschmolzen. Jenseits des Tralonischen Meeres bildete sich dann eine neue Polkappe, und sie existiert heute noch.

Die Menschen, die den schrecklichen Krieg überlebt hatten, flohen also hierher - und sie sind unsere Vorfahren. Viele von denen, die in dieses Land kamen, waren aber schon durch die harte Strahlung, welche die alten Waffen hinterließen, verdorben. Sie waren die Magier oder zumindest ihre Vorfahren.“

Die anderen schwiegen einen Augenblick. Schließlich sagte Yarum: „Die alten Mythen sind demnach also wahr!“

Gorich nickte schwer. Auch ihm schien diese Einsicht gekommen zu sein, wenn sie sich auch bei dem Thyrer nur schwer durchzusetzen vermochte.

Nun ergriff Whuon das Wort. Er wandte sich an Yarum.

„Und was hast du gesehen, Yarum?“, fragte er den Karawanenführer. Das Gesicht des Mannes aus der Wüste verdüsterte sich.

„Ich sah in die Zukunft, in eine unvorstellbar ferne Zukunft, in der es keine Menschen mehr gibt, in der die Erde wüst und leer ist.“ Mehr sagte der Karawanenführer nicht.


*


Thagon lag mit geschlossenen Augen auf seinem Lager. Er steuerte den Branton-Körper durch seine geistigen Impulse – für sie spielten Entfernungen keine Rolle.

Der einsame Magier war zufrieden. Er hatte Whuon und die anderen gefangennehmen können. Er hatte alles erreicht, was er hätte erreichen können.

Er musste den Körper, den er Branton nannte, für einen Moment aus seiner direkten Kontrolle entlassen, denn es gab noch andere Dinge, die er zu tun hatte. Er stand von seinem Lager auf und ging zu der langen Reihe der Doppelgänger und Kunstmenschen. Er wandte sich an den Doppelgänger des Rakiss von Tyk. Durch geistige Impulse veranlasste er ihn, durch das Tor durch Raum und Zeit zu gehen, das leicht flackerte.

Thagon rieb sich die Hände. Jetzt würde er die Herrschaft übernehmen – zunächst nur über Tykien, aber später über die ganze Welt.

Befriedigt sah er zu, wie Rakiss in das schwarze Dreieck stürzte, das das Tor durch Raum und Zeit war oder einfach das Tor. Er legte sich wieder auf sein Lager.

Seine Gedanken suchten nach Branton und versuchten die Kontrolle zu übernehmen. Aber was war das?

Da war etwas, was sich dem Geist des Magiers widersetzte und ihn aus dem Körper Brantons hinauszutreiben suchte.

Thagon schauderte. Dann hatte Branton also doch ein eigenes Bewusstsein!

Mit geistiger Gewalt zwang er das fremde Bewusstsein nieder und übernahm schließlich doch die Kontrolle.

„Ich muss noch viel vorsichtiger sein“, murmelte er zu sich selbst. Er durfte Branton keinen Moment mehr aus der Gedankenkontrolle entlassen. Er konnte nicht wissen, wie das fremde Bewusstsein reagieren würde, was mit seinem Körper tun würde. Der einsame Magier wagte gar nicht daran zu denken, dass die Möglichkeit bestand, dass alle seine Doppelgänger und Puppen eigene Bewusstseine besaßen.

Thagon hoffte nur, dass es anders war, als er befürchtete.



Yarum

„Wie kommen wir hier nun bloß heraus?“, rief Yarum.

„Es würde uns wenig nützen, wenn wir nun ausbrächen. Wo sollten wir hin? Sollten wir vielleicht nach Tyk schwimmen?“, fragte Gorich.

Ein spöttisches Lächeln legte sich um seine Lippen.

Whuon blickte aus dem Fenster. Es war offen, aber er konnte dennoch nicht hindurch. Er blickte auf die See.

Am Horizont schimmerte etwas. Es sah wie ein kleines Dreieck aus. Dieses Dreieck stand in der Luft wie auf festem Boden.

„Seht!“, rief er zu den anderen. Sie eilten herbei und staunten mit Whuon über dieses merkwürdige Gebilde, das rasch größer wurde.

Ob dies Brantons Ziel war?

„Hat einer von euch dieses Dreieck schon gesehen?“, erkundigte sich Gorich.

„Nein“, rief Whuon entschlossen. „Ich habe es bestimmt noch nicht gesehen.“

„Ich auch nicht“, gab Yarum zu erkennen.

Das Dreieck wuchs nun zu monströser Größe heran. Es war jetzt viel größer als das Schiff.

Die SEDELLAH hielt genau auf das monströse Dreieck zu.

Merkwürdig, dachte Whuon. Das Dreieck strahlte schwarzes Licht ab. Nur noch wenige Augenblicke, dann würde die unergründliche Schwärze des Dreiecks die SEDELLAH verschlingen.

Whuon war nicht wohl bei dem Gedanken. Aber was konnte er tun? Machtlos musste er zusehen, wie die SEDELLAH auf das Dreieck zusegelte und ihm entgegenstrebte.

Whuon lief zur Tür und wollte hinausstürzen, aber da hielt ihn die unsichtbare Mauer zurück.

Es war wahr, was ihm die anderen gesagt hatten: Sie war hart wie Stein, aber dennoch durchsichtig.

„Wir müssen etwas tun!“, rief er, aber für diesen Ausruf erntete er von Gorich und Yarum nur verständnislose Blicke.

Die SEDELLAH fuhr jetzt in das schwarze Dreieck hinein.

Schwärze umgab Whuon, undurchdringliche, tiefe Schwärze. Der Thyrer konnte nicht einmal seine eigenen Hände erkennen, wenn er sie vor seine Augen hielt.

Die Dunkelheit war schrecklich.

Da wurde es plötzlich etwas heller. Man konnte wieder alles erkennen. Die anderen, die an Deck waren, liefen jetzt scharenweise zu Whuon und den anderen in die Kajüte. Sie passierten die unsichtbare Mauer, als wäre sie nicht vorhanden.

„Was wollt ihr hier?“, fragte Whuon einen der Seeleute.

Aber er bekam keine Antwort. Der Mann sah ihn nur mit leeren Augen an. Die Fenster waren von den Seeleuten geschlossen worden, aber durch die offene Tür sah Whuon den dichten Nebel, der das Schiff umgab.

Schließlich wurde die Tür geschlossen. Whuon sah sich um, aber Branton fand er nirgends.

Müde setzte er sich wieder zu Yarum und Gorich.

„Wo sind wir nur?“, fragte Yarum.

„Ich weiß es nicht. Habt ihr den Nebel gesehen?“, meinte Whuon.

Die anderen nickten.

„Er sah nicht wie normaler Nebel aus. Es war eine besondere Art von Nebel“, sagte Whuon.

„Wo ist Branton?“, fragte Whuon einen anderen Mann.

„Er ist draußen!“, gab der Mann Antwort.

Der Thyrer erhob sich, um den merkwürdigen Kaufmann aus Sorgarth aufzusuchen.

„Geht nicht zu ihm!“, rief der Seemann beschwörend. Seine Augen hatten einen ängstlichen Glanz.

Whuon achtete nicht auf ihn. Er ging zur Tür und riss sie auf. Er konnte nur hoffen, dass ihn die unsichtbare Mauer diesmal nicht aufhalten würde.

Er ging durch die Tür hindurch, als wäre sie gar nicht da, die unsichtbare Mauer, die er fürchtete. Er schlug die Tür hinter sich zu. Dichter Nebel hüllte das Schiff ein. Die Sichtweite betrug nur wenige Meter. An der Reling stand eine finstere Gestalt. Es war Branton.

Sie lehnte sich über die Reling und blickte in den endlosen Nebel. Hier draußen war es beißend kalt, aber der Thyrer ließ sich dadurch nicht stören. Er stellte sich neben Branton an die Reling. Dieser schien ihn gar nicht zu bemerken.

Whuon blickte über die Reling hinab in die Tiefe. Aber er konnte kein Wasser sehen. Ebenso vernahm er nicht das Rauschen des Meeres und das Schlagen der Wellen gegen den Schiffsrumpf. Er sah nur Nebel, undurchdringlichen Nebel.

„Wo sind wir hier?“, wandte sich der Thyrer an Branton.

Der Tyker aus Sorgarth drehte sich zu ihm um.

„Zwischen den Dimensionen“, antwortete Branton. Und wieder erinnerten Whuon die Züge des Kaufmanns an die Thagons, des Magiers.

„Was hast du mit uns vor, Branton?“, fragte Whuon nicht gerade freundlich.

„Kannst du dir das nicht selbst denken?“ Branton lachte schallend.

„Wir reisen zusammen in eine andere Zeit“, sagte er schließlich.

„In eine andere Zeit?“

„Ja! Oder auch auf eine Welt in einer anderen Dimension. Ich weiß es nicht genau. Du wirst schon sehen, wenn wir unser Ziel erreicht haben!“

„Dann war das Dreieck eine Art Tor durch die Dimensionen“

„Ja.“

Whuon beobachtete, wie das Schiff scheinbar von selbst dahergondelte. Die Segel hingen schlaff von den Masten, aber dennoch fuhr die SEDELLAH.

„Wer steuert das Schiff eigentlich?“

„Ich.“

„Du? Du stehst doch nur hier an der Reling herum und döst in den Nebel.“

„Trotzdem steuere ich dieses Schiff. Schiffe, mit denen ich fahre, berühren selten Wasser.“

Branton wandte sich von dem Thyrer ab und ging weiter das Deck entlang. Der Wind zerrte an seinen Kleidern, obwohl gar kein Wind vorhanden war!

Whuon schüttelte den Kopf und ging wieder zu den anderen in die Kajüte. Hier war die Stimmung sichtlich gedrückt. Die Seeleute brummten mürrisch vor sich hin. Und auch Whuons Laune war nicht gerade die beste.

Der Thyrer wandte sich an einen Mann, der in der Nähe von Yarum und Gorich saß.

„Wer ist hier der Kapitän?“, fragte Whuon.

„Dort, der Mann mit den weißen Haaren, das ist Aworn, unser Schiffsführer.“

Whuon ging zu dem Mann, den man ihm beschrieben hatte.

„Du bist Aworn?“

„Ja, der bin ich. Was gibt es?“

„Welches Ziel hat dir dieser Branton gegeben?“

„Ich sollte zurück nach Sorgarth segeln. Aber ich fürchte, dass wir uns des Nebels wegen hoffnungslos verirren werden.“

„Wer steuert zur Zeit das Schiff?“

„Branton. Er erklärte sich bereit, den Kahn durch den Nebel zu steuern. Du warst doch gerade bei ihm. War er etwa nicht am Ruder?“

„Nein, dort war er nicht.“

„Nicht?“ Aworn blickte sich angstvoll um.

„Ich habe ihn gefragt, wer das Schiff steuere. Er antwortete mir, dass er es steuere.“

Aworn sah Whuon mit einem merkwürdigen Leuchten in den Augen an.

„Er machte mir gleich einen merkwürdigen Eindruck. Aber er bezahlt mich und meine Leute gut und das ist das einzige, was zählt.“

„Weißt du, wo wir uns jetzt befinden, Aworn?“

Der Kapitän zuckte mit den Schultern.

„Niemand weiß das jetzt genau. Irgendwo vor der tykischen Küste müssten wir jetzt sein, obwohl ich zugeben muss, dass dieser Nebel für diese Gegend äußerst merkwürdig ist.“

„Dieses Schiff befindet sich ganz sicher nicht vor der tykischen Küste. Auch vor keiner anderen Küste dieser Welt.“

„Du machst Scherze.“ Aworn ließ ein Gelächter erklingen.

„Ich mache keine Scherze, Aworn“, sagte Whuon ernst.

Er sah den Kapitän scharf an. Die Augen des Thyrers funkelten wild.

„Der Rumpf dieses Schiffes schwimmt nicht im Wasser. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“

Aworn wandte sich lachend an den Bootsmann.

„Hast du das gehört, Shunock?“

Shunock nickte lächelnd.

„Geht selbst nach draußen und beugt euch über die Reling, bevor ihr urteilt!“, rief Whuon wütend.

Aworn warf Shunock einen amüsierten Blick zu und nickte schließlich spöttisch.

„Gut, wir werden mit dir nach draußen gehen und sehen, ob es stimmt, was du uns erzählst. Aber ich warne dich! Es geht dir an den Kragen, wenn du die Unwahrheit gesagt hast!“ Aworn funkelte Whuon bei diesen Worten belustigt an.

„Also los! Zeige uns, was du uns zeigen wolltest.“

Aworn und Shunock folgten Whuon nach draußen.

Sie gingen zu Reling und blickten hinunter.

„Du hattest doch recht!“, entfuhr es Aworn. „Wir schwimmen im Nebel.“

Der Schiffsführer drehte sich um.

„Wo ist Branton?“, fragte er schließlich Shunock.

„Ich weiß nicht. Er muss hier irgendwo sein.“

„Branton!“, rief Aworn.

Shunock wandte sich unterdessen an Whuon.

„Als wir alle vor dem Nebel und der Kälte in die Kajüte flüchteten, da berührten wir mit Sicherheit noch richtiges Wasser, Whuon!“

Der Thyrer nickte. Er konnte Shunocks Aufgewühltheit wohl verstehen.

„Branton!“, hallte Aworns Stimme durch den alles verschlingenden Nebel.

„Hier bin ich!“, rief Branton zurück. Die finstere Gestalt kam auf die drei zu. Die schweren Schritte ließen die Planken geisterhaft knarren.

„Branton, du bist uns eine Erklärung schuldig!“, knurrte der Kapitän. Branton blieb in einiger Entfernung stehen.

„Warum seid ihr nicht in der Kajüte?“, fragte er ruhig.

„Schau einmal über die Reling, Branton!“, befahl Aworn nicht gerade freundlich.

„Was soll dort schon sein?“, wollte Branton wissen.

„Eben, dort ist nichts! Kein Wasser!“

„Das ist mir bekannt.“

„Du hast mir versprochen, dass das große Dreieck dem Schiff nicht schaden würde.“

„Es schadet ihm doch auch nicht, wenn es einmal nicht auf Wasser segelt, oder?“

„Wo sind wir?“ Aworns Stimme klang drohend, aber Branton ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Wir sind auf einer Reise.“

„Das kann ich mir auch denken. Ich will eine genaue Auskunft!“

„Die kann ich dir nicht geben, Aworn.“

Die Hand des Schiffsführers glitt zu seinem Schwert.

Mit einer schnellen Bewegung zog er es aus dem Gürtel.

„Es ist mein Schiff, Branton, und deshalb kann ich eine genaue Auskunft von dir erwarten. Sprich also! Was ist mit uns geschehen, als wir durch das riesige Dreieck gingen?“

Branton sah die Klinge des Seemannes, aber sie schien ihn kaum zu beeindrucken.

„Rede, oder ich werfe dich über die Reling!“, rief Aworn. Die finstere Gestalt blickte unbeteiligt auf den Kapitän. Dann brach Branton zusammen. Er stürzte auf die knarrenden Schiffsplanken.

„Was ist mit ihm?“, fragte Shunock.

Whuon beugte sich über den seltsamen Mann.

„Er ist tot“, stellte er fest. Aworn und Shunock wechselten einen entsetzten Blick.

„Wodurch könnte er gestorben sein?“, erkundigte sich Aworn langsam.

Whuon zuckte mit den Schultern.

„Er ist nicht verwundet oder so. Er scheint völlig in Ordnung zu sein, aber sein Herz steht still – ganz eindeutig.“

Das Schiff begann jetzt merklich zu schwanken.

Es änderte häufig die Richtung und kämpfte mit unsichtbaren Wellen. Der Steuermann! Branton hatte die SEDELLAH gesteuert – auf welche Art auch immer. Und nun war Branton tot – und niemand steuerte mehr das Schiff.

Ja!, dachte Whuon. Das musste es sein. Deshalb schwankte das Schiff so und änderte so oft seinen Kurs.

Durch den Nebel sah Whuon grelle Blitze zucken. Es war schwer zu sagen, wie weit sie entfernt sein mochten. Jedenfalls fuhr die SEDELLAH direkt auf diese Blitze zu.

Verzweifelt sah der Thyrer zu Branton. Er würde dieses Schiff nicht mehr steuern können.

„Die Blitze! Wir fahren genau auf die Blitze zu!“, schrie Shunock. Whuon rannte mit großen Sätzen zum Ruder.

Mit schnellen Bewegungen drehte er es hin und her. Doch die SEDELLAH ließ sich nicht steuern. Das Steuerblatt hing im Nebel – es hatte keinen Einfluss auf den Kurs des Schiffes.

Verzweifelt und ohnmächtig sah Whuon zu den näherkommenden Blitzen hinüber.

Wegen der gewaltigen Schwankungen, die man natürlich auch im Innern des Schiffes spüren konnte, waren einige Seeleute wieder an Deck erschienen. Unschlüssig und unbeholfen starrten sie durch den Nebel zu den immer greller werdenden Blitzen.

Whuon kam unterdessen zurück zu Aworn und Shunock.

„Warum hat das Ruder nicht reagiert?“, fragte Aworn grimmig an den Thyrer gewandt. Whuon zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Es hing im Nebel. Es konnte gar nicht wirksam sein.“

„Aber wie hat Branton denn den Kahn gelenkt?“

„Jedenfalls nicht mit dem Ruder.“

„Seht!“, rief Shunock plötzlich aus. Seine langen Finger deuteten auf die Leiche Brantons. Sie hatte sich bewegt.

„Er lebt!“, entfuhr es einem der anderen.

Aworn beugte sich über den geheimnisvollen Tyker aus Sorgarth. Langsam und zögernd öffnete Branton die Augen.

Sein Gesicht nahm sofort wilde Züge an.

Mit einer ruckartigen Bewegung stand er auf.

„Habe ich euch nicht gesagt, dass ihr in der Kajüte bleiben könnt? Was tut ihr hier?“

„Aber das Schiff schaukelt und ändert oft den Kurs. Und vor uns haben wir die gefährlichen Blitze.“ Aworn hatte dies gesagt.

Branton wandte seine Blicke zu den Blitzen hin und nickte langsam.

„Und außerdem warst du tot, Branton“, fügte Shunock noch hinzu.

„Tot?“, rief der Kaufmann verwundert aus. „Ich war tot?“

„Jedenfalls hatte es den Anschein“, berichtigte sich der Bootsmann. Der düstere Kaufmann nickte wieder. Da packte Aworn ihn bei den Schultern.

„Jetzt steuere unser Schiff an den Blitzen vorbei! Hast du mich verstanden?“, brüllte Aworn. Branton nickte ein weiteres Mal und riss sich aus Aworns festem Griff. Im nächsten Augenblick schon änderte die SEDELLAH den Kurs. Sie fuhr jetzt nicht mehr auf die Blitze zu.

„Nun zufrieden?“, fragte der Kaufmann an Aworn gewandt.

„Nein!“, antwortete der Schiffsführer entschlossen.

„Nein?“

„Du bist mir noch eine Antwort auf die Frage schuldig, wo wir uns befinden, Branton!“

Die Blicke derer, die an Deck gekommen waren, richteten sich auf den Kaufmann aus Sorgarth.

Dieser zuckte nur mit den Schultern.

„Wenn ihr es gerne wissen möchtet, so will ich es euch sagen.“

Merkwürdig, dachte Whuon, welche Wandlung sich im Charakter des Kaufmannes abgespielt hatte. Er war nicht mehr der alte. Er war wesentlich freundlicher, und er hatte auch nicht mehr dieses hinterhältige Lächeln.

„Wir befinden uns auf einer Reise durch den Raum zwischen den Dimensionen. Hier gibt es keine Zeit, keinen Raum, keinen Stoff. Das große Dreieck, das Tor durch Raum und Zeit oder einfach nur das TOR, brachte uns in diesen Zwischenraum, der im eigentlichen Sinne gar kein Raum ist. Mit dem Tor kann man nun in Nullzeit von einem Ort zum anderen oder von einer Zeit in die andere reisen. Wir meinen zwar, dass wir eine lange Reise zurücklegen müssten, aber das ist Einbildung. Es kommt uns lediglich so vor. In Wirklichkeit vergeht keine Sekunde, wenn man von Ort zu Ort, von Zeit zu Zeit reist. Ein Beweis für das eben Gesagte: Hat einer von euch bis jetzt Hunger verspürt? Wir reisen schon eine ganze Weile in diesem Raum-Zeit-Korridor und normalerweise hättet ihr längst etwas gegessen. Also, wer verspürt Hunger?“

Niemand meldete sich.

„Seht ihr? Ihr könnt gar keinen Hunger bekommen haben, denn seit unserem Durchgang durch das Tor ist ja noch keine Sekunde vergangen. Für unser subjektives Empfinden hingegen ist eine Menge Zeit verstrichen.

Nun, jedenfalls ist das Tor die Schöpfung eines Magiers aus der Wüste Tykiens. Er versteht es auch zu bedienen. Bis eben war ich nur eine lebendige Puppe dieses Magiers, nichts weiter. Doch dieser Magier hatte aus Versehen nicht nur einen Körper, sondern mit diesem Körper auch einen Geist geschaffen. Ich habe mich jetzt aus der Geisteskontrolle dieses Magiers entwunden. Ihm ist es dennoch gelungen, mir den größten und wichtigsten Teil meiner Erinnerungen zu löschen. So habe ich den größten Teil des Wissens des Magiers nicht mehr, insbesondere, wie man mit dem Tor umgeht. Aber ich habe die Kraft behalten, dieses Schiff mit Hilfe meines Geistes durch den Korridor der Dimensionen zu führen.

Nach dem ursprünglichen Plan des Magiers sollte die SEDELLAH in der Wüste Tykiens wieder aus dem Korridor auftauchen. Denn er sucht drei Leute, die sich auf diesem Schiff befinden und die seine Mitwisser sind. Jetzt bin ich auch einer dieser Mitwisser und ihr alle seid ebenfalls zu Mitwissern geworden.“

Ein kleines Gemurmel entstand unter den Seefahrern, welchem aber durch Aworn sofort ein Ende bereitet wurde. Branton fuhr fort: „Dieser Magier, Thagon ist sein Name, strebt die Herrschaft über die ganze Welt an. Der König von Tykien ist bereits gegen eine Puppe mit seinem Aussehen ausgetauscht und damit hat er in diesem Lande praktisch die Macht übernommen. Wir können also unmöglich dorthin zurückkehren. Was wir aber tun müssen, das ist, dass wir die anderen Länder vor Thagons expansiven Plänen warnen.“

Ein Gemurmel der Zustimmung entstand.

„Dazu müssen wir aber erst aus diesem Korridor zwischen Raum und Zeit, wie du es nennst, heraus“, rief einer der Seeleute.

Branton nickte betrübt.

„Und dies wird uns vermutlich niemals gelingen.“

„Warum nicht?“, fragte Shunock aufgebracht.

„Weil ich dieses Schiff zwar innerhalb dieses Korridors lenken kann, aber nicht aus ihm heraus. Dazu wäre das TOR nötig, und das ist in Thagons Besitz. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, wie der Magier daran interessiert sein könnte, uns aus dem Korridor zu entlassen.“

„Dann sind wir also Verbannte“, murmelte Aworn.

„Verbannte für alle Zeiten“, fügte Whuon hinzu. „Denn hier gibt es ja keine Zeit, also werden wir auch nicht altern!“

Branton wandte sich an die anderen.

„Gehen wir in die Kajüte“, forderte er auf.

„Aber das Schiff! Wer steuert das Schiff?“, fragte Aworn.

„Ich. Aber was soll uns schon passieren? Hier gibt es nichts, was uns gefährlich werden könnte“, lachte der Kaufmann. Aber sein Lachen wirkte etwas gezwungen.

„Und die Blitze?“, fragte Whuon.

„Die Blitze? Das waren nur Risse im Korridor.“

„Wäre es nicht möglich, durch einen dieser Risse zurück in unsere Welt zu kommen?“

„Oh, Whuon! Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es uns gelingt, überhaupt einen der Risse zu erreichen. Wenn wir einen gefunden haben, der groß genug für uns ist, dann brauchen wir durch diesen Riss nicht unbedingt auf die Erde zu kommen. Wer weiß, vielleicht werden wir auf einer anderen Welt abgesetzt!“

Betrübt gingen die Männer in die Kajüte. Whuon sah jetzt, dass alle an Deck gekommen waren, um Branton anzuhören. Niemand war in der Kajüte geblieben.

„Wir sind immer noch besser dran als die Leute, die auf der Erde geblieben sind. So sind wir wenigstens nicht dem Machthunger dieses Magiers ausgesetzt“, meinte Gorich ironisch.


*


Die SEDELLAH bewegte sich noch immer durch den geisterhaft und unheimlich erscheinenden Nebel.

Whuon wollte sich nicht damit abfinden, für alle Ewigkeiten im Korridor zwischen den Dimensionen gefangen zu sein.

Aber es gab keine Chance zur Rückkehr zur Erde.

Oft stand Whuon an der Reling der SEDELLAH und sah den Blitzen, den Rissen im Korridor der Dimensionen, zu. Unruhig und unregelmäßig zuckten sie durch die ewige Nacht und den ewigen Nebel des Korridors. Der Thyrer wünschte sich nichts mehr als das, dass die SEDELLAH doch von einer solchen Spalte zwischen den Dimensionen verschlungen würde. Und dabei war es ihm schon fast egal, auf welche Welt er verschlagen würde. Jede Welt musste besser sein als der nebelige Korridor.

Wie so oft, so stand er auch diesmal draußen an der Reling. Er ließ sich durch die beißende Kälte nicht stören.

„Eine schlimme Sache, in die wir da hineingeraten sind“, hörte er hinter sich eine Stimme. Es war Aworns Stimme, es war die Stimme des Schiffsführers.

Aworn trat neben Whuon an die Reling, während sich der Thyrer etwas verstört umdrehte.

„Branton sagt, dass wir keine Chance hätten, einmal zurückzukehren“, murmelte Aworn.

„Und er hat auch wohl recht damit“, setzte Whuon noch lustlos und mürrisch hinzu.

Aworn zuckte mit den Schultern.

„Ich meine, dass es zu früh zum Aufgeben ist. Vielleicht gelingt es uns trotz allem, einen der Risse im Korridor zu erreichen, Whuon.“

„Das ist unwahrscheinlich, Aworn!“, stieß Whuon hervor.

„Wir haben ja auch viel Zeit, es immer und immer wieder zu probieren, mein Freund. Eins steht jedenfalls fest: Wenn wir nichts unternehmen, haben wir überhaupt keine Chance, unsere Heimatwelt je wieder zu erreichen.“

„Und was soll deiner Meinung nach getan werden?“

„Wir müssen Branton davon überzeugen, dass es unbedingt notwendig ist, dass wir einen der Risse ansteuern.“

„Und wenn uns dieser Riss nicht in unsere Welt, sondern in eine ganz andere führt?“

Aworn zuckte mit den Schultern.

„Kann es schlechtere Welten geben als diesen Korridor zwischen den Dimensionen, der streng genommen gar keine Welt ist?“

„Was wissen wir von anderen Welten, Aworn? Was haben wir für eine Vorstellung davon, was es für Welten geben könnte? Nein. Es wäre nicht gut, wenn wir uns auf einen Sprung ins Ungewisse einließen.“

„Natürlich ist das nicht gut, wenn wir ins Ungewisse springen, aber willst du für alle Ewigkeiten hier in diesem Zwischenraum hausen?“

„Das gewiss nicht. Mich zieht es auch zurück zur Erde, besonders weil ich dort eine Aufgabe zu erledigen habe – und ihr alle mit mir! Wir müssen die anderen Länder vor Thagon warnen, denn er wird nicht lang brauchen, um die vollständige Macht in Tykien an sich zu reißen. Und dann wird er mit Hilfe der tykischen Heere und seiner magischen Waffen über die anderen Länder herfallen und sie unterwerfen. Gegen seine Kreaturen haben die Menschen kaum eine Chance.“

Whuons Gesicht hatte sich bei diesen Worten verfinstert, und Aworn bemerkte dies.

„Hoffentlich ist es nicht ganz so schlimm, wie du sagtest.“

„Es ist so schlimm, Aworn. Du kannst mir glauben.“

„Ich kann mir diese Sachen schlecht vorstellen, den Magier …“

„Ich verstehe dich, Schiffsführer, aber wenn du auch nur einmal einen Wolfsmenschen oder einen Gorgasch oder sonst eine von den Kreaturen dieses Magiers gesehen hättest, dann würdest du ebenso reden wie ich.“

Aworn nickte nur.

„Das kann schon sein.“

Die beiden Männer schwiegen eine Weile. Gedankenverloren starrten sie beide in den unergründlichen Nebel.

Unbeirrbar bahnte sich die SEDELLAH ihren Weg durch das Nichts. Wild zuckten die Blitze durch den Nebel – sie waren blitzschnell da und genauso schnell wieder verschwunden.

Sie würden sehr viel Glück brauchen, wenn sie durch einen der Risse der Unendlichkeit des Korridors entfliehen wollten, dachte Aworn bei sich. Whuon hingegen wurde von einem Schuldgefühl zerrissen. Waren nicht er und seine Freunde daran schuld, dass die SEDELLAH nun bis in alle Ewigkeit in der Unendlichkeit herumgondeln würde? Wild zuckten die Blitze durch den Nebel des Zwischenraums – und sie ließen grelles Licht in das Halbdunkel des Korridors. Grimmig sah der Thyrer den Blitzen zu, von denen er wusste, dass sie kaum einen von ihnen erreichen würden.

Aber was war das?

Whuon erschrak.

In der Ferne tauchte etwas Steinfarbenes aus dem Nebel auf. Waren es nicht die Zinnen einer Burg?

„Aworn!“, stieß er hervor und deutete in die Richtung, wo er das Steinfarbene wahrgenommen hatte. Der Schiffsführer sah in die angegebene Richtung und erschrak ebenfalls.

„Was ist das?“, rief er aus. Doch Whuon zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht“, bekannte er.

„Es werden unsere überreizten Sinne sein, die uns zu täuschen versuchen“, sagte Aworn schließlich entschlossen. Aber Whuon konnte es nicht glauben. Das, was die beiden zu sehen geglaubt hatten, verschwand nun hinter den dichten Nebelschwaden und wurde für Whuon und Aworn unsichtbar.

„Es war wohl doch nur eine Sinnestäuschung“, meinte schließlich auch der Thyrer.

„Es muss eine Täuschung gewesen sein“, fügte Aworn hinzu. „Oder was könnte deiner Meinung nach hier im Nichts sein?“

„Nun, wir sind ja auch auf irgendeine Art und Weise hier“, erinnerte Whuon. Der Thyrer schritt langsam zu dem mächtigen Bug der SEDELLAH und Aworn folgte ihm.

Whuon ließ die eben gesehene Erscheinung nicht los. Hatte das Ding nicht wie ein Teil einer Burg ausgesehen?

Er wusste, dass dies nicht sein konnte, und so verscheuchte er rasch solcherlei Gedanken wieder.

Irgendwie sträubte er sich dagegen, die Erscheinung als Wirklichkeit zu akzeptieren – und er fühlte, dass es Aworn ebenso erging.



Aworn

Whuon und Aworn standen noch immer am Bug der SEDELLAH und sahen den Blitzen zu, wie sie sich ihren Weg durch den Nebel des Korridors bahnten und sich durch nichts aufhalten ließen. Irgendwo im Nichts würde ihr Weg dann enden.

Da!

Whuon erstarrte.

Da war es wieder! Durch den Nebel schimmerten die Zinnen einer Burg.

„Da!“, rief Whuon, und jetzt hatte es auch Aworn gesehen.

Der Nebel gab immer größere Teile der Burg frei.

„Es ist tatsächlich eine Burg“, stieß Aworn hervor.

„Branton!“, schrie Whuons kräftige Stimme. Der Thyrer wiederholte seinen Ruf.

Der seltsame Tyker kam an Deck – und die anderen Besatzungsmitglieder waren ihm gefolgt. Sie hofften, dass endlich etwas passieren würde, denn in der engen Kajüte war es sehr langweilig.

„Was ist?“, rief Branton herüber, aber er konnte sich seine Frage sehr bald selbst beantworten, als er die mächtigen Zinnen einer Burg aus dem Nebel auftauchen sah. Wie erstarrt blieben die Männer stehen.

Aworn wandte sich an Branton.

„Weißt du, was dies für eine Burg sein könnte?“, fragte er.

Aber der Tyker zuckte nur mit seinen Schultern.

„Wie soll ich es wissen?“

„Ich dachte, im Korridor gäbe es nichts als Nebel“, nörgelte Shunock, der Bootsmann.

„Das dachte ich auch“, zischte Branton.

Die Burg war nun vollständig zu sehen. Hell leuchteten ihre Zinnen und Türme in der Dunkelheit.

Eine Felsbrücke führte durch das Nichts zu ihr hin.

„Vielleicht gibt uns diese Burg eine Möglichkeit zur Rückkehr in unsere Welt“, rief Gorich strahlend aus. Und als er sah, wie sich Yarums und Shunocks Gesichter bei diesem Ausruf erhellten, da schöpfte er wieder Hoffnung.

„Kannst du machen, dass die SEDELLAH an der Brücke anlegt?“, wandte Aworn sich an Branton. Dessen Gesicht verfinsterte sich.

„Du willst doch nicht etwa diese Burg betreten?“, fragte er besorgt. Doch der Schiffsführer begegnete ihm nur mit einem hoffnungsvollen Lächeln.

„Doch, Branton. Ich will dort hin!“

„Hast du dir deinen Schritt gut überlegt?“, fragte der Mann aus Sorgarth.

Aworn nickte heftig.

„Gut“, sagte Branton, wobei er die SEDELLAH auf die Brücke zulenkte. Die Pfeiler dieser merkwürdigen Brücke standen im Nichts, genau wie auch die Burg.

Shunock schlang ein Tau um einen der Pfeiler und machte die SEDELLAH so fest.

„Wen es nun in diese Burg zieht, der möge gehen“, sagte Branton leise, fast flüsternd.

Aworn ging als erster. Mutig, aber dennoch vorsichtig, betrat er die Brücke. Sie hielt stand, ja, sie schwankte nicht ein bisschen. Whuon, Gorich und Yarum folgten dem Schiffsführer. Sonst schien sich niemand dazu bereitzufinden, die Nebelburg zu besuchen. Man sah Aworns Zügen an, dass er es lieber gehabt hätte, wenn ihm mehr gefolgt wären. Der Schiffsführer wandte sich an Shunock.

„Pass mir auf das Schiff auf, Bootsmann.“

Und an die anderen gewandt: „Ihr werdet sehen, wir kommen zurück!“

Ein letztes Mal grüßte Aworn, dann drehte er sich um und ging zusammen mit seinen Gefährten die nebelige Brücke entlang. Vorsichtig setzten sie einen Fuß vor den anderen. Wer wusste schon, was hier für Fallen lauerten.

Yarums Hand griff zum Schwertknauf.

„Ob in diesen Gefilden jemand lebt?“, fragte der Karawanenführer.

„Was viel interessanter wäre: Wie hat man sie hier im Nichts erbauen können?“, meinte Gorich.

„Sie könnte aus unserer Welt stammen. Oder aus einer Welt, die der unsrigen ähnlich ist“, meinte Whuon.

„Wie sollte sie hierher gelangt sein?“, wollte Gorich wissen.

„Wahrscheinlich auf dieselbe Art und Weise, auf die wir auch hierher gelangten“, ließ sich Aworn vernehmen. Whuon zuckte mit den Schultern.

„Das wäre eine Möglichkeit. Eine andere wäre, dass diese Burg durch einen der Raum-Zeit-Risse hierher gelangte.“

„Diese ganze Geschichte gewinnt in meinen Ohren immer mehr an Glaubwürdigkeit. In allen Epochen der Geschichte der Menschheit sind Menschen oder Dinge auf ungeklärte Weise verschwunden“, sagte Gorich.

„Dann müsste diese Zwischenwelt ja voll von verschwundenen Dingen und Menschen sein“, stieß Yarum erschrocken hervor.

Gorich nickte leicht. Ihm war selbst nicht ganz wohl bei dem Gedanken.

Die vier Männer hatten nun die Burg erreicht. Ihre mächtigen Türme und Mauern ragten weit in den Nebel hinein. Das Tor stand weit auf. Die Burg machte einen verlassenen Eindruck.

„Ich bezweifle, dass hier noch eine Menschenseele lebt“, bekannte Yarum. Die anderen hatten die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sie sagten nichts zu der Bemerkung des Karawanenführers.

Die Vier betraten jetzt den großen Burghof, in dessen Mitte ein Brunnen stand.

Aus einem der Häuser kam jetzt gut ein Dutzend Krieger.

Sie trugen merkwürdige Rüstungen, und auch ihr Aussehen war nicht das Aussehen normaler Menschen. Sie besaßen eine grüne Haut! Mit gezückten Lanzen und Schwertern kamen sie auf die vier Männer von der SEDELLAH zu. Diese blieben stehen.

„Die sehen nicht gerade friedlich aus“, brummte Aworn, sein Schwert aus dem Gürtel ziehend. Gorich folgte seinem Beispiel, und Yarum hatte die ganze Zeit über seine Hand schon am Schwert gehabt.

Nur Whuon zögerte.

„Sollten wir nicht erst mit ihnen versuchen zu reden?“, fragte er. Der Thyrer verabscheute die Gewalt und ging einem Kampf wann immer es ging aus dem Wege. Doch jetzt schien es so, als gäbe es an diesen Männern keinen Weg vorbei, die da in kriegerischer Haltung, die Hand an der Waffe, auf sie zukamen.

„Sie sehen nicht so aus, als kämen sie aus unserer Welt“, meinte Aworn dazu.

„Mag sein, dass sie aus einer anderen Welt stammen. Hier ist alles möglich“, fügte Gorich hinzu.

Der Trupp der grimmigen Krieger vor ihnen hielt an. Inzwischen hatte auch Whuon sein Schwert gezogen.

Der Thyrer und die anderen blickten in angsterfüllte Augen, in Augen, die schon so manch Schreckliches gesehen haben mochten. Ein großer, mächtiger Mann trat vor. Er überragte alle seine Leute um mindestens einen Kopf. Er schien ihr Anführer zu sein.

„Wer seid ihr?“, rief er.

„Mein Name ist Aworn, und wir sind mit einem Schiff gekommen“, rief der Schiffsführer zurück.

„Und ich bin Thrak von Aggrgor, der Lord dieser Burg!“

„Wir sind in friedlicher Absicht hier!“ Wie zur Bekräftigung seiner Worte steckte Aworn sein Schwert wieder in den Gürtel. Zögernd folgte Thrak von Aggrgor seinem Beispiel. Und nach und nach steckten alle ihre Waffen wieder ein.

Thrak schritt nun mit freundlicher Miene auf Aworn zu. Sein grünes Gesicht mutete merkwürdig fremdartig an.

„Dies ist Burg Aggrgor“, stellte er die Burg vor. Thraks Blicke gingen von einem zum anderen. Er musterte sie durchdringend.

Schließlich blieben seine Augen auf Aworn hängen.

„Ihr kommt mit einem Schiff, sagst du?“

Aworn nickte nur.

„Könntet ihr uns nicht mitnehmen? Wir sind nicht viele.“

„Du willst Burg Aggrgor verlassen?“, fragte Whuon erstaunt.

Thrak nickte.

„Ja. Wir wollen raus aus diesem Korridor zwischen den Dimensionen. Wir wollen in unsere Welt und Zeit zurück.“

„Das wollen wir auch. Weißt du denn, wie man in seine Welt zurückkehren kann?“, erkundigte sich Aworn.

Thrak von Aggrgor nickte.

„Ja, das weiß ich. Es gibt im Korridor zwischen den Dimensionen eine Stadt, sie heißt Aryn. In dieser Stadt oder Burg lebt ein Magier, der es versteht, zwischen den Dimensionen zu reisen. Sein Name ist Yllon.“

„Mit Magiern haben wir schlechte Erfahrungen“, brummte Whuon. „Aber ich fürchte, dass es für uns die einzige Möglichkeit ist, in unsere Welten zurückzukehren – wenn es überhaupt eine Möglichkeit gibt.“

Thrak von Aggrgors Gesicht war ernst geworden. Seine grüne Stirn hatte sich in tiefe Falten gelegt.

„Es wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben, als diesem Magier einen Besuch abzustatten“, murmelte Aworn. Er wandte sich wieder an Thrak von Aggrgor.

„Weißt du den Weg nach Aryn, Thrak?“

Der Herr von Burg Aggrgor schüttelte betrübt den Kopf.

„Nein, wir werden Aryn suchen müssen. Aber es wird ein gefahrvoller Weg sein. In diesem Korridor der Dimensionen lauern ungeahnte Gefahren.“

„Gefahren?“, tat Whuon erstaunt.

„Ja. So unwahrscheinlich es auch klingen mag, aber diese Zwischenwelt hat auch Lebensformen hervorgebracht. Sie sind düster und gefährlich.“

„Gut, Thrak. Dann kommt jetzt mit zum Schiff!“, rief Aworn.


Sie erreichten wieder die gespenstische Nebelbrücke. In der Ferne sahen sie die Silhouette der SEDELLAH.

Schritt um Schritt kamen sie dem Schiff näher, bis sie es schließlich erreicht hatten. Sie sprangen an Deck und wurden von den an Bord Gebliebenen freudig begrüßt. Dennoch war die Freude gedämpft. Die Leute vom Schiff machten bedenkliche Gesichter.

„Was ist mit euch los?“, fragte Whuon hierauf verwundert.

„Branton ist krank“, antwortete Shunock. „Er wird kaum imstande sein, die SEDELLAH zu steuern.“

„Wo befindet er sich?“, fragte Whuon spontan.

Shunock deutete mit der flachen Hand auf die Kajüte. „Wir haben ihm ein Lager zurechtgemacht. Er schläft jetzt. Es wäre besser, wenn er jetzt von niemandem gestört würde.“

Whuon nickte nur. Wer außer Branton war dazu imstande, die SEDELLAH durch den Strom der Dimensionen zu lenken?

Ohne Branton würden sie nie nach Aryn kommen.

Unterdessen berichtete Aworn den anderen von Aryn und dem Magier, der dort wohnen sollte – Yllon.

Aber der Schiffsführer berichtete auch von den Gefahren, die hier angeblich lauern sollten.

Whuon hörte Aworn nicht zu. Er wandte seinen Blick nach Burg Aggrgor. Eines stand fest: Ohne Branton würden sie nie von hier weg können.

„Shunock!“, rief der Thyrer. Der Bootsmann kam herbei. „Shunock, was ist es für eine Krankheit, die Branton befallen hat?“

Das Gesicht des Bootsmannes verdüsterte sich.

„Es ist keine normale Krankheit, keine, die wir kennen. Aber sieh selbst …“

Shunock führte Whuon in die Kajüte, wo der Mann aus Sorgarth lag. Sein Gesicht war fast weiß, seine Augen glühten sonderbar. Er starrte ins Leere und murmelte hin und wieder unverständliche Worte. Oder waren es überhaupt Worte?

Dann wand sich Branton wieder und fasste sich an den Kopf und schrie. Sein Gesicht war angstverzerrt.

Der Tyker bäumte sich auf und ließ sich wieder zurücksinken. Reglos blieb er dann liegen.

Der Magier von Aruba holte sich seine Puppe zurück!

Whuon erschreckten seine eigenen Gedanken. Schweigend setzte er sich. Sein Blick war noch immer auf den Kranken gerichtet.


*


Mit düsteren Gedanken saßen Aworn und Whuon in der Kajüte. Wieder bäumte Branton sich auf, schlug um sich, schrie und ließ sich dann wieder zurück auf sein Lager sinken.

„Können wir denn gar nichts für ihn tun?“, rief Whuon voller Verzweiflung aus.

„Ich fürchte, dass wir machtlos sind“, bekannte Aworn.

„Wenn er stirbt, haben wir keine Chance, je nach Aryn zu gelangen. Wir würden für alle Zeiten auf Burg Aggrgor verbannt sein“, stieß Whuon grimmig hervor.

Die Blicke des Thyrers waren wie gebannt auf Branton gerichtet.

„Hoffentlich kommt er durch.“

„Das hoffe ich auch, Whuon. Aber wir sollten dennoch versuchen, dieses Schiff selbst steuern zu lernen.“

„Wie stellst du dir das vor, Aworn?“

Der Schiffsführer zuckte mit den Schultern.

„Wir können es wenigstens probieren.“

Aber Whuon schüttelte verbissen den Kopf.

„Wir haben ja nicht einmal einen Anhaltspunkt, wo wir anfangen könnten. Wir haben ja keinen blassen Schimmer davon, wie Branton uns bisher durch das Meer der Dimensionen geschleust hat.“

„Wir wissen aber mit ziemlicher Sicherheit, dass er mit Hilfe seines Geistes uns zu steuern vermochte. Warum sollte es uns nicht auch gelingen?“

„Branton ist das Geschöpf eines Magiers. Es wäre nicht unwahrscheinlich, wenn er auch einen Teil der Fähigkeiten dieses Zauberers geerbt hätte.“

Aworn nickte.

„Das ist möglich“, bekannte er.

Seine Augen funkelten Whuon an.

„Irgendetwas müssen wir doch tun! Wir können doch nicht tatenlos zusehen, wie … wie … Er sprach den Satz nicht zu Ende, sondern schlug mit der Faust auf den Tisch.

Branton murmelte wieder unverständliche Worte und stieß ab und zu einen gellenden Schrei aus. Aworn sprang auf und ging auf Brantons Lager zu. Es zermürbte ihn, dass er nicht helfen konnte. Er wagte es nicht, den Mann aus Sorgarth anzufassen.

Mit leeren Augen starrte Branton den Schiffsführer an. Es war ein verzweifelter, angsterfüllter Blick, der sich in Aworns Augen bohrte.

Schließlich fasste er den Kranken doch an. Er versuchte ihn zu beruhigen. Doch Branton schien Aworn nicht zu erkennen. Wütend riss er sich los und schleuderte den Kapitän mit ungeheurer Wucht durch den Raum.

Branton stand von seinem Lager auf und taumelte durch die Kajüte. Dabei stieß er grunzende Laute aus und hin und wieder einen Schrei.

Er nahm einen der Tische, hob ihn hoch und schleuderte ihn durch das Zimmer – in Aworns Richtung. Im letzten Moment konnte der Schiffsführer ausweichen.

Whuon versuchte, Branton zu halten, aber der Mann aus Sorgarth riss sich mit einem einzigen Ruck los und stürmte weiter durch die Kajüte. Er schien ohne Ziel, ohne Sinn zu laufen. Er lief im Kreis, stolperte, lief gegen die Wände, stolperte wieder …

Es war ein grauenhaftes Bild.

Aworn nahm nun alle seine Kräfte zusammen und sprang.

Er stürzte Branton zu Boden, aber schon versuchte dieser, sich den Griffen des Kapitäns zu entwinden.

Whuon kam herbei und half Aworn. Gemeinsam zerrten sie den Kranken auf das Lager und hielten ihn fest. Mit blutunterlaufenen Augen starrte er sie wütend an.

Hätten sie nur ein wenig ihre Griffe gelockert, so hätte er sofort wieder versucht auf die beiden loszugehen.

Whuon erschreckte die Wut in den Zügen des Kranken. Es war eine Wut, die aus der Verzweiflung geboren war.

Langsam erlahmte Brantons Widerstand. Seine Kraft ließ nach und er fiel in einen unruhigen Schlaf.

Whuon und Aworn ließen ihn los und setzten sich wieder.

„Wir werden in Zukunft auf ihn aufpassen müssen“, murmelte Whuon ernst. Man sah ihm an, wie ihn diese Bilder erschüttert hatten.


*


Thagons geistige Fühler drangen in Brantons Körper ein und versuchten, Besitz von ihm zu ergreifen.

Zu dumm, dachte der einsame Magier, dass sich Branton jetzt im Korridor zwischen den Dimensionen aufhielt. Dort konnten seine Kräfte nicht zur Gänze wirksam werden. Aber auf der anderen Seite war es auch wieder gut.

Brantons Bewusstsein setzte dem Magier erbitterten Widerstand entgegen. Es war einfach nicht aus dem Körper zu verdrängen. Verdammt! Wäre er doch nur vorsichtiger gewesen! Hätte er doch besser aufgepasst und alles nachgeprüft!

Aber was nützten diese Vorwürfe nun? Gar nichts. Er musste sich jetzt voll auf den geistigen Kampf mit Brantons Bewusstsein konzentrieren. Der Widerstand war ungewöhnlich groß.

Woher nahm Branton nur diese Kraft?

Woher diese geistigen Energien?

Es war Thagon unerklärlich, wie ein ganz normaler Mensch ihm solchen Widerstand entgegensetzen konnte.

Aber Branton war eben doch kein ganz normaler Mensch. Er war eine Puppe. Oder zumindest war er einst eine von Thagons Puppen.

Jedem seiner geistigen Angriffe kam die ehemalige Puppe zuvor. Als ob die Puppe vorausahnen könnte, was Thagon als nächstes tun würde!

Natürlich, das war es!

Die Puppe war ein Teil seiner selbst oder ihm doch sehr ähnlich. Sie besaß einen großen Teil seiner Erinnerungen, sie schien zu wissen, wer sie geschaffen hatte. Sie schien überhaupt mehr zu wissen als dem einsamen Magier lieb sein konnte.

Der geistige Kampf hatte ihn matt und müde gemacht. Noch einmal nahm er alle seine geistigen Kräfte zusammen und versuchte gegen Brantons Barrieren anzurennen. Aber auch dieser Angriff blieb erfolglos. Einen weiteren Angriff konnte Thagon nicht wagen. Er war zu geschwächt. Er gab Branton also frei, aber er würde nicht aufgeben. Er würde nicht aufgeben, bis er Brantons Bewusstsein aus seiner Puppe verbannt hatte. Zunächst musste er sich jedoch zurückziehen.


*


Branton schlug die Augen auf. Er richtete sich auf und sah sich um. Er lag auf einem weichen Lager. Sein Blick fiel auf Whuon und Aworn, die ihn erstaunt anstarrten.

„Wie geht es dir, Branton?“, erkundigte sich Whuon besorgt.

„Mir geht es gut“, antwortete Branton lakonisch. Er versuchte aufzustehen, doch schien er zu schwach.

Das erste Mal seit unserer Rückkehr von Burg Aggrgor, dass er sich normal benimmt, dachte Aworn.

„Was war mit dir, Branton?“, fragte jetzt Whuon.

Branton sah den Thyrer wild an.

„Ich habe gekämpft! Mein Geist hat um seinen Körper gekämpft, den mir Thagon wieder entreißen wollte.“

„Dann steckt Thagon also dahinter“, stellte Whuon grimmig fest.

„Ja. Er wollte aus mir wieder eine Puppe machen!“

„Er kann dich auch hier noch erreichen?“, tat Aworn erstaunt.

Branton nickte.

„Er erreicht mich überall.“

„Nun hör mir mal zu“, gebot Aworn. „Wir haben auf dieser Nebelburg Menschen getroffen, die ebenfalls in ihre Welt zurückkehren wollen. Sie sind an Bord und sie wissen, wo es eine Möglichkeit zur Rückkehr gibt.“

Branton schien von dem Gedanken an Rückkehr gar nicht sonderlich begeistert zu sein.

„Aber“, fuhr Aworn fort, „wir brauchen deine Hilfe. Du musst die SEDELLAH nach Aryn, der Stadt zwischen den Dimensionen, steuern. Dort soll der Magier Yllon leben, und dieser soll uns in unsere Welt zurückbringen können. Wirst du die SEDELLAH steuern können?“ Branton machte einen sehr schwachen Eindruck. Dennoch nickte er.

„Ich werde es versuchen“, hauchte er.

„Wann, meinst du, können wir ablegen?“, wollte Whuon wissen.

„Jetzt gleich!“


*


Seit einer guten halben Stunde hatte die SEDELLAH die Brücke von Burg Aggrgor zurückgelassen. Schon lange war sie nicht mehr zu sehen – dichter Nebel hatte sie eingehüllt.

Branton steuerte das Schiff sicher durch den Nebel – von seinem Lager aus. Sein Geist bahnte ihm einen Weg durch das Meer der Dimensionen. Zu Aworn und Whuon, die noch immer in der Kajüte saßen, hatte sich nun auch Thrak von Aggrgor gesellt. Seine grüne Haut glänzte matt.

„Was weißt du über Aryn?“, wurde er von Whuon gefragt.

„Nicht mehr, als ihr auch schon wisst.“

„Und den Weg dorthin?“

„Mein lieber Whuon! Hier gibt es keine Zeit und keinen Raum. Es gibt also auch keine Richtungen. Es ist völlig egal, wohin wir fliegen. Wir müssen hier im Korridor der Dimensionen unserem Willen folgen, nicht einer Richtung. Wenn wir den Willen dazu haben, Aryn zu finden, dann werden wir es auch – aber zuvor werden wir noch einige Gefahren zu bewältigen haben.“

Whuon nickte.

„Du sprachst bereits davon. Wie sehen sie konkret aus?“

„Oh, sie sind vielfältig …“ Der Lord von Burg Aggrgor sprach den Satz nicht zu Ende, denn nun stürmte Shunock in die Kajüte.

„Schnell! Kommt nach draußen! Wir werden von merkwürdigen … Wesen … angegriffen!“

Whuon und Aworn erhoben sich rasch und wollten mit Shunock nach draußen stürmen, da hörten sie Brantons Stimme.

„Nehmt mich mit!“, riefen seine bleichen Lippen, aus denen jeder Blutstropfen geschwunden zu sein schien.

Aworn und Shunock kehrten von der Tür zurück und halfen dem blassen, kranken Mann beim Gehen. Langsam gingen sie mit ihm nach draußen – Whuon und Thrak folgten.

Branton zitterte vor Kälte – trotz seines warmen Mantels. Er lehnte sich an den Mast.

In der Ferne sahen die Männer einige Dutzend Reiter durch den Nebel reiten. Sie ritten auf dem Nebel, als wäre er fester Grund. Es waren grauenerregende Gestalten. Ihre schwarzen Mäntel flatterten ihnen nach, ihre mächtigen Äxte schwangen sie über dem Kopf. Es war unverkennbar, welches Ziel sie hatten. Ihr Ziel musste die SEDELLAH sein.

Whuon wandte sich an Thrak.

„Waren das die Gefahren, von denen du sprachst?“

„Ja.“

„Wer sind sie?“

„Sie sind die Räuber des Kosmos. Sie suchen ganze Welten heim und rauben sie aus.“

„Dann ist es ihnen möglich, zwischen den Dimensionen zu reisen?“

„Ja. Leider. Irgendwo zwischen den Dimensionen sollen sie ihr Schloss haben, wo sie ihre Reichtümer angehäuft haben.“

Whuon wandte den Blick sinnend zu den Reitern hin.

„Sie reiten daher, wie auf festem Boden …“

„Aber in Wirklichkeit berühren die Hufe ihrer Pferde nur selten feste Erde“, meinte Thrak dazu. Er zog mit einer schnellen Bewegung sein Schwert, denn die schwarzen Reiter waren jetzt nahe herangekommen.

Ein markerschütternder Schlachtruf gellte aus der Kehle eines der gespenstischen Reiter.

„Wehrt euch!“, hörte Whuon danach die Stimme Gorichs rufen.

Triumphierend schwenkte der erste Reiter seine Axt. Er holte zu einem gewaltigen Hieb gegen die Leute auf dem Schiff aus. Doch unsichtbare Hände entrissen ihm seine Waffe. Der düstere Krieger fluchte in einer unbekannten Sprache.

Branton schleppte sich weiter an den düsteren Krieger heran. Die Männer vom Schiff sahen, wie Brantons blasses Gesicht grün anlief. Es war ein unnatürliches, giftiges Grün. Dann hielt er seine flache Hand dem Reiter entgegen.

Der düstere Krieger achtete nicht darauf. Statt dessen zog er mit einer raschen Bewegung ein Schwert hervor.

Da kam ein greller Strahl aus Brantons Hand, der den schwarzen Ritter direkt traf. Leblos stürzten Pferd und Reiter in die Unendlichkeit des Nebels. Plötzlich wurden sie nicht mehr von ihm getragen, als wäre er fester Boden.

Die anderen Reiter schien dies zu erschrecken. Zögernd wichen sie zurück. Bald waren sie nicht mehr zu sehen.

Branton fiel hierauf kraftlos zu Boden.

Gorich und Shunock bemühten sich um ihn und trugen ihn in die Kajüte zurück.

„Jetzt wissen wir es: Branton ist ein Magier!“, sagte Gorich leise.

Whuon nickte leicht.

„Aber er hat uns allen das Leben gerettet, das sollten wir nie vergessen – was für ein Monstrum dieser Branton auch sein mag“, fiel Thrak von Aggrgor ein.

Whuon musste dem Burgherrn von Aggrgor zustimmen, wenn er auch gegen jede Art von Magiern ein gewisses Misstrauen hegte.

„Hoffentlich kehren diese schwarzen Reiter nicht zurück“, gab Whuon seiner Hoffnung Ausdruck.

„Ja“, stimmte Gorich ihm zu. „Wir wissen nicht, ob Branton einen zweiten Angriff auch noch abwehren könnte. Er sieht ziemlich krank und erschöpft aus.“

„Sie werden zurückkehren“, murmelte Thrak.

„Du bist schon mit ihnen in Berührung gekommen, Thrak?“, rief Whuon erstaunt aus. Der Lord nickte, und seine Züge verdüsterten sich.

„Nur ein Einziger von ihnen griff einst Burg Aggrgor an. Zehn meiner besten Leute fielen in diesem Kampf. Es war grauenvoll, wie er gewütet hat.“

Whuon bemerkte, wie sich die Hände des Lords zu Fäusten ballten. Er konnte ihn wohl verstehen.


*


Branton hatte sich zum Bug der SEDELLAH geschleppt. Er lehnte sich an die Reling, um nicht zusammenzubrechen.

Es waren nur wenige an Deck. Die meisten waren in der Kajüte und vergnügten sich mit Kartenspielen und anderen Dingen.

Whuon beteiligte sich nicht an solchen Dingen. In jedem anderen Fall hätte er gern mitgespielt, aber die Lage erschien ihm als zu ernst, als dass er jetzt spielen konnte. Er lief an Deck hin und her und warf manchmal einen Blick zu Branton, dem Magier.

In seinem Mantel und mit seinem bleichen Gesicht wirkte er wie ein Gespenst. Vielleicht war er auch eines, überlegte Whuon.

Schwankend stand Branton an der Reling.

Nun ging Whuon auf den Magier zu. Der Thyrer stellte sich neben ihn an die Reling.

Branton schien ihn nicht zu bemerken. Seine Blicke waren in den Nebel gerichtet.

„Wie fühlst du dich, Branton?“, erkundigte sich Whuon.

„Es geht mir besser. Ich werde stärker, das spüre ich“, gab der Magier zur Auskunft.

„Und was ist mit Thagon?“

„Er wird es nicht wagen, mich ein zweites Mal anzugreifen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werde ich stärker sein als Thagon – vielleicht bin ich es auch schon.“

Whuon graute bei diesen Worten. Es war gut möglich, dass Branton seine Macht ebenso missbrauchen würde, wie Thagon es getan hatte. Aber auf der anderen Seite hatte der Magier sie vor den schwarzen Reitern gerettet und damit seine Loyalität zu den anderen auf dem Schiff bewiesen.

Whuon starrte wieder in den Nebel und sah den vorbeiziehenden Schwaden zu.

Schimmerte durch den Nebel nicht etwas Schwarzes? Hatten sich die schwarzen Reiter doch noch nicht vollständig zurückgezogen? Verfolgten sie die SEDELLAH?

Branton schien Whuons Erwägungen zu erahnen, denn er sagte: „Solange ich lebe, werden sie es nicht wagen, die SEDELLAH ein zweites Mal anzugreifen.“

Seine Stimme verriet Entschlossenheit.

Solange er lebt, dachte Whuon. Aber wie lange lebte Branton noch? Sein Zustand konnte sich jeden Augenblick wieder verschlechtern, und was dann?

Ein markerschütternder Kriegsruf hallte durch den Nebel. Er ließ Whuon erstarren.

„Sie greifen doch an“, murmelte der Magier tonlos. Seine schwachen Hände ballten sich grimmig zu Fäusten. Er wandte sich an den Thyrer.

„Geh! Zieh dich zurück!“, rief er. Whuon sah ihn fassungslos an.

„Tu was ich dir sage! Hast du nicht gehört?“

Zögernd wich Whuon zurück. Er spürte, dass eine große Gefahr in der Luft lag – und das schien auch der Magier zu ahnen.

Einige Seeleute kamen aus der Kajüte gepoltert. Sie hatten den dämonischen Schrei gehört.

Branton drehte sich zu ihnen um.

„Bleibt wo ihr seid!“, riefen seine bleichen Lippen.

Dann drehte er sich wieder in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war – dort vermutete er seinen Gegner.

Für den Bruchteil einer Sekunde lief des Magiers Gesicht wieder grün an – er schien seine Kräfte zu sammeln.

Wieder hallte ein markerschütternder Kriegsruf durch den Nebel.

Diesmal war er lauter als vorher. Etwas Schwarzes flatterte und schimmerte durch die Nebelwand. Ein Krächzen war zu hören.

Ein schwarzer, grauenerregender Vogel kam aus dem Nebel zum Vorschein. Er hatte gewisse Ähnlichkeiten mit einem Geier und war so groß wie ein erwachsener Mann. Dem Vogel folgte ein ebenso schwarzer Reiter. In der Hand schwang er eine rot leuchtende Axt, die wohl schon so manchen auf dem Gewissen hatte. Auch dieser Reiter war relativ groß. Der Vogel krächzte und der Reiter schrie seine schrecklichen Rufe in den Nebel.

Es war kein gewöhnlicher schwarzer Reiter – und Branton erkannte dies. Sein blasses, krankes Gesicht färbte sich grün, seine Hand streckte sich dem Reiter entgegen – wie er es schon einmal getan hatte. Wieder fuhr ein unnatürlich greller Lichtstrahl aus der Hand und traf den düsteren Mann. Das Pferd stoppte in seinem Lauf, aber der Reiter saß noch immer auf ihm und schwenkte seine Axt. Brutal trat er seinem Pferd in die Weichen und trieb es vorwärts – auf den Magier zu, der seine Hand immer noch erhoben hielt. Ein weiterer Strahl fuhr aus der Hand auf den Reiter. Mit einer tödlichen Sicherheit traf er den Reiter. Wieder wurde er gestoppt, aber der Strahl gefährdete ihn nicht ernstlich. Ob es unter den schwarzen Reitern auch so etwas wie Magier gab?, überlegte Whuon besorgt.

Zumindest musste dieser hier sehr viel mehr Energie besitzen als seine schwachen Artgenossen.

Der Düstere war jetzt nahe an der SEDELLAH. Er hob seine Axt zu einem schrecklichen Hieb, aber er schlug nicht. Stattdessen entfuhr der Axt ein grüner Strahl, der für Branton bestimmt war. Getroffen brach der Magier zusammen.

Branton wand sich verzweifelt am Boden. Mit letzter Kraft wandte er sich dem schwarzen Reiter zu und hielt ihm zitternd und bleich seine flache Hand entgegen. Der Strahl, der diesmal aus ihr herausgeschossen kam, war nicht in grellem Weiß wie die anderen, sondern rot. Der Strahl traf den Reiter.

Ein Schrei gellte aus der jetzt heiseren Kehle des Schrecklichen. Doch war es nun kein Kriegsgeschrei, sondern ein Todesschrei. Krampfhaft hielt er sich an seinem Pferd fest und zerfiel zu Staub. Wenige Augenblicke später geschah mit dem Pferd dasselbe. Aber auch Branton regte sich nicht mehr.

Whuon sprang zu dem Magier hin, aber er war schon tot.

Über sich vernahmen die Leute von der SEDELLAH ein Krächzen. Angsterfüllt blickten sie in die Höhe und sahen den mannsgroßen Vogel des Reiters, der sie mit wütenden Augen von oben herab anstarrte.

Die Bestie stürzte sich auf den toten Branton und hackte auf die Leiche ein. Whuon gelang es im letzten Moment, aus dem Weg zu springen.

Es war so, als wollte sich der Vogel an dem Magier noch nach seinem Tod für den Tod des Reiters rächen. Als er jedoch merkte, dass kein Leben mehr in der bleichen Gestalt Brantons war, da wandte sich die finstere Bestie den anderen zu. Wild flatterte sie mit den Flügeln, und aus ihrem Schnabel drang wieder ein lautes Krächzen. Die Männer vom Schiff zogen zur Vorsicht ihre Schwerter und Whuon wich zu den anderen zurück.

„Ohne Branton sind wir machtlos“, murmelte Aworn grimmig. Der Schiffsführer packte seine Waffe fester.

Die Augen der schwarzen Bestie leuchteten rot und wild. Auf ihren plumpen Beinen kam sie einige Schritte näher an die anderen heran.

„Es hilft nichts, wir müssen sie erschlagen“, hörte Whuon Gorich sagen.

Noch einen Schritt kam das Ungeheuer näher und noch einen. Mutig und entschlossen stürmte Gorich auf das Biest zu. Wild hackte der überdimensionale Schnabel nach ihm, aber er verstand es, auszuweichen und den Gegner zu täuschen.

In grimmiger Verzweiflung kamen nun auch die anderen herbei. Whuon folgte Gorich, und auch Thrak von Aggrgor und Awonr machten Anstalten, sich dem Monstrum zu nähern.

Wild bäumte sich der Riesenvogel auf, wild krächzte er und noch viel wilder stieß sein Schnabel nach den Angreifern.

Gorich gelang es, einige platzierte Hiebe anzubringen und dadurch das Ungeheuer zu schwächen. Zum ersten Male musste es etwas zurückweichen.

Wütend hieb nun auch Thrak auf das Monstrum ein.

Schließlich gelang es Gorich, dem Tier den Todesstoß zu versetzen. Leblos fiel es auf die Planken. Wie auch der düstere Reiter, so zerfiel auch der Vogel zu Staub.

„Der Kampf hat uns Branton gekostet. Wer soll nun die SEDELLAH steuern?“, fragte Gorich besorgt.

Verwundert sah der Thyrer dann aber, dass die SEDELLAH auch nach Brantons Tod noch unbeirrbar in einer Richtung durch das Meer der Dimensionen fuhr.

„Dann … dann lebt der Magier noch“, rief Gorich überrascht aus. Thrak von Aggrgor legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Nein, er ist tot.“

„Aber wer steuert dann das Schiff, Thrak?“

„Wir, Gorich.“

„Wer ist ‚wir’?“

„Wir alle steuern die SEDELLAH nach Aryn. Durch unseren Willen, dorthin zu gelangen. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht vorstellen.“

Der Mann von Burg Aggrgor nahm die Hand wieder von Gorichs Schulter und betrachtete nachdenklich den weißen Staub, zu dem der Vogel zerfallen war.

„Wir sollten den Staub von Bord schaffen“, meinte er.


*


Jetzt, nach dem Tod des Magiers, wurden Wachen eingeteilt. Sie patrouillierten zu jeder Zeit auf der SEDELLAH herum, denn nun waren sie schutzlos den schwarzen Reitern ausgeliefert. Als einzige Waffen gegen diese finsteren Gestalten besaßen sie ihre Schwerter, aber was mochten die schon ausrichten?

Man hatte die Leiche des Magiers in die Kajüte tragen wollen, aber sie war zuvor zu Staub zerfallen wie der schwarze Reiter und seine Vogelbestie.

Es dauerte nicht lange, da tauchten aus dem Nebel auch schon düstere Gestalten auf – die schwarzen Reiter!

Branton brauchten sie nicht mehr zu fürchten – der Magier war tot. Mit ihren furchterregenden Äxten ritten sie durch den Nebel. Ein unmenschliches Kriegsgeheul begleitete sie.

Die Wachen schlugen Alarm, aber es war schon zu spät. Der erste Reiter befand sich bereits auf der SEDELLAH. Mit einer erschreckenden Leichtigkeit kämpfte er die Wachen nieder. Seine riesige Axt erhob sich und schnellte hinunter und streute Tod und Verderben über die Männer der SEDELLAH. Ein zweiter Reiter setzte die Hufen seines Pferdes auf die Planken der SEDELLAH. Und richtete nicht weniger Schaden an.

Verzweifelt suchte man sich zu wehren.

Whuon schlug einem der Pferde in die Beine, und es stürzte zu Boden. Sein Reiter glitt von seinem Rücken auf die rutschigen Planken. Mit Schrecken bemerkte Whuon, dass kein Blut aus den Wunden des zum Krüppel geschlagenen Pferdes troff.

Doch der Thyrer überwand den Schrecken und wandte sich der furchterregenden Gestalt des gestürzten Reiters zu, der sich von dem Sturz rasch erholte. Er griff nach seiner Axt und stürmte mit gewaltiger Wucht auf den Thyrer zu, der im letzten Moment dem tödlichen Schlag des schwarzen Mannes ausweichen konnte. Das Schwert Whuons und die Axt des Reiters prallten erbarmungslos aufeinander. Es lag eine unmenschliche Kraft in dem Düsteren, der sein Gesicht durch eine schwarze, düstere Maske schützte, so dass Whuon sein Gesicht nicht erkennen konnte.

Grimmig standen sich die beiden Gegner gegenüber und schlugen aufeinander ein.

Der Düstere wagte einen überraschenden Ausfall gegen den Thyrer, welcher einige Schritte zurückweichen musste. Dabei stolperte er über den herumliegenden Leib eines Erschlagenen und fiel zu Boden.

Über sich sah er die Maske des Reiters. Und er sah die schwarze, grauenhafte Axt über sich und auf ihn zuschnellen. Im letzten Augenblick gelang es ihm, sich zur Seite zu rollen, und die Axt des Finsteren schlug in die Holzplanken der SEDELLAH.

Noch bevor der Reiter seine Waffe aus dem Holz gezogen hatte, sprang Whuon auf und stieß ihm sein Schwert in den Leib.

Doch was war das?

Aus der Wunde floss nicht ein Tropfen Blut!

Schnell riss Whuon sein Schwert aus dem Leib des anderen, als er sah, dass sein Schlag wirkungslos war. Bei einem normalen Menschen hätte dieser Hieb den sicheren Tod zur Folge gehabt. Aber nicht bei diesem finsteren Gesellen. Er riss seine Axt aus dem Holz und holte zu einem erneuten Schlage aus. Mit letzter Kraft gelang es Whuon, den Hieb zu parieren.

Er wusste, dass er gegen einen solchen, schier unverwundbaren Gegner kaum eine Chance hatte.

Drohend kam die düstere Gestalt auf den Thyrer zu. Wieder holte der Reiter zu einem seiner gefährlichen Schläge aus und auch diesmal konnte Whuon nur mühsam parieren. Eine ungeheure Wucht lag hinter den Schlägen dieses Monstrums.

Das Grauen packte den Thyrer. Wieder musste er einige Schritt zurückweichen. In einem Augenblick, da sich der Reiter eine Blöße gab, holte Whuon zu einem gewaltigen Hieb aus und schlug dem Düsteren den Kopf vom Leibe.

In einem hohen Bogen flog sein Haupt in den Nebel. Noch bei seinem Flug zerfiel es zu Staub.

Der Reiter schwankte etwas. Die Axt schlenkerte unkontrolliert in seiner Hand. Doch er fiel nicht zu Boden, sondern torkelte weiter auf Whuon zu. Er war jetzt blind – seine Augen waren mit seinem Haupt von seinem Körper getrennt worden.

Der Thyrer erkannte dies, steckte sein Schwert wieder an seinen Ort und warf sich mit aller Gewalt gegen den Reiter.

Der versuchte verzweifelt, die Reling zu ertasten und sich an ihr festzuhalten. Doch er fand sie in seiner Blindheit nicht.

Whuon hatte all seine Kräfte zusammengenommen. Mit dieser Wucht schleuderte er das Monstrum gegen die Reling. Sie brach und der Düstere stürzte in den Nebel. Whuon musste sich sehr bremsen, um nicht mit dem Reiter in die Unendlichkeit zu fallen.

Der Thyrer atmete für einen Moment auf.

Aber da sah er den zweiten Reiter, der die SEDELLAH erreicht hatte. Auch sein Pferd war wohl schon zerstückelt worden, denn er lief zu Fuß.

Gorich, Thrak von Aggrgor, Aworn und einige andere umringten ihn und kämpften mit ihm.

In seinem Körper steckten schon mehrere Lanzen, aber sie schienen den düsteren Reiter nicht zu stören. Kein Blut floss aus seinen Wunden.

Mit furchtbaren Hieben lichtete er die Reihen derer, die ihn umringten.

Immer wieder bohrten sich Lanzen in seinen Körper, aber sie machten ihm nichts aus, außer, dass sie ihm seinen schwarzen Umhang zerfetzten und aufrissen.

Da hieb Gorich dem Monstrum den Kopf vom Leib, und das Ungeheuer torkelte blind umher.

Jetzt hatten die Männer leichtes Spiel mit ihm.

Whuon sah erschrocken, wie einige Dutzend der schwarzen Reiter nun aus dem Nichts auftauchten. Aber sie waren offenbar nicht zum Kämpfen gekommen. Einer von ihnen schwang ein Seil über dem Kopf, was er dann am Bug der SEDELLAH befestigte. Andere Reiter, die ebenfalls Seile hatten, taten dasselbe.

Mit einer dämonischen Kraft zogen die schwarzen Pferde der Finsteren die SEDELLAH durch den Nebel.

Wohin mochten sie das Schiff bringen?



Schwarze Reiter

Tatenlos mussten die Männer der SEDELLAH zusehen, wie die mächtigen Pferde der schwarzen Reiter das Schiff durch den Nebel zogen. Es war ungewiss, wohin der Weg ging. Zumindest war es für Whuon und die anderen eine große Erleichterung, dass sie jetzt nicht mehr den peinigenden Angriffen der Reiter ausgesetzt waren. Aber die Bedrohung war noch lange nicht aus der Welt geschafft.

Whuon wandte sich an Thrak von Aggrgor.

„Du weißt mehr über die finsteren Reiter als ich. Hast du nicht eine Ahnung, wohin man uns bringen könnte?“

Thrak zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß leider in diesem Punkt nicht mehr als du. Sie können uns überall hinbringen – in jede Welt und jede Zeit.“

„Aber wir brauchen wohl nicht darauf zu hoffen, dass man uns nach Aryn bringt“, grinste Gorich.

„Sind diese Reiter überhaupt lebende Wesen?“, fragte Whuon jetzt wie zu sich selbst.

„Ich habe mir die Frage auch schon gestellt“, gab Thrak zu erkennen. „Aber ich bin zu keinem Schluss gekommen. Es ist einiges an diesen Reitern, was merkwürdig ist und was nicht in das Bild passt, das ich mir von lebenden Wesen mache. Zum Beispiel ihre Unverwundbarkeit.“

„Nein, das spricht doch nicht dagegen, dass diese Reiter Lebewesen sind. Andere Welten, andere Wesen“, meinte Whuon.

„Ist das nicht alles egal?“, fragte Gorich gelangweilt.

„Durchaus nicht. Vielleicht sind sie nur Trugbilder“, spekulierte Thrak.

Whuon wollte dazu etwas sagen, aber in diesem Moment sah er in der Ferne etwas Schwarzes auftauchen.

„Dort!“, rief der Thyrer.

Die anderen blickten in die Richtung, in die er mit der Hand deutete.

„Ob das unser Ziel ist?“, fragte Gorich.

„Verdammt! Man kann nicht genau erkennen, was es ist!“, fluchte Thrak. Sein grünes Gesicht zeugte von Neugier.

Langsam erkannten die drei etwas mehr. Aus dem Nebel tauchten schwarze Männer auf. Sie waren pechschwarz – genau wie die Reiter.

„Ob dies die Heimat der schwarzen Reiter ist?“, fragte Gorich.

Zwischen den düsteren Gebäuden liefen düstere Gestalten herum und ab und zu sah man auch eines der tiefschwarzen Pferde.

Als die Reiter mit der SEDELLAH hinter sich in die schwarze Stadt kamen, wurden sie durch ein freudiges Gebrüll begrüßt.

Merkwürdige, nachtschwarze Gestalten umringten das Schiff und begafften es. Aber sie ließen es im Übrigen in Ruhe.

Die Reiter lösten das Seil, an dem sie das Schiff gezogen hatten und ließen die SEDELLAH stehen. Sie stand tatsächlich auf festem Boden – der natürlich, wie alles in dieser schwarzen Stadt, schwarz war.

„Dieses scheint tatsächlich die Heimat der Reiter zu sein“, stimmte Whuon Gorich jetzt zu. Er wusste nicht, ob er glücklich oder besorgt darüber sein sollte, dass man sie hierhergebracht hatte. Der Thyrer fragte sich, warum die finsteren Reiter nicht weitergekämpft hatten. Sie hatten die besten Aussichten, diesen Kampf zu gewinnen – die Zahl der Gefallenen bewies es.

Ein schwarzer Mann, der seine Artgenossen um mindestens einen Kopf überragte, kam jetzt auf die SEDELLAH zu. Hinter seinem Gürtel steckte eine furchteinflößende Axt und auf seiner Schulter hockte ein kleiner Vogel – einem Geier sehr ähnlich.

In einiger Entfernung blieb er stehen und schrie zu den Leuten der SEDELLAH: „Folgt mir!“

Die Stimme war laut und befehlend, aber sie war besser als der wilde Kriegsruf, den diese Kreaturen außerdem noch auszustoßen vermochten.

Zögernd kletterten die Überlebenden des Kampfes mit den beiden schwarzen Reitern von Bord – Aworn ging als erster, danach folgte Whuon.

Whuon blickte in die kalten starren Züge der Maske, die der Düstere trug, und diese Züge ließen ihn erschrecken. Ein seltsames Feuer brannte in den Augen des Düsteren.

Mit gemischten Gefühlen verließen sie ihr Schiff und folgten dem nicht gerade freundlichen Reiter.

„Ich bin gespannt, wo man uns nun hinbringt“, gestand Gorich an Whuon gewandt.

Der schwarze Riese bahnte den Leuten vom Schiff einen Weg durch die glotzende Menge der schwarzen Menschen.

Whuon besah sich die Häuser dieser Düsteren. Sie wirkten ruinenhaft, zumindest aber sehr alt. Nirgends sah er Gebäude jüngeren Jahrgangs.

„Wie alt mag diese Stadt sein?“, flüsterte der Thyrer.

„So alt wie das Universum oder noch älter“, kam die Antwort von Gorich. „Jedenfalls hat es den Anschein“, verbesserte er sich rasch.

„Älter als das Universum?“, fragte Whuon skeptisch. Er dachte an die Dinge, die er beim Schöpfer des Universums erlebt hatte.

„Aber dieser Zwischenraum gehört doch auch zum Universum!“

Gorich zuckte mit den Schultern. Ihm waren diese Dinge im Moment egal. Er fragte sich in seinem Innern verzweifelt, wie Whuon jetzt über solche Dinge nachdenken konnte. Es war für ihn fast unbegreiflich.

Der Finstere führte die Abenteurer vor ein Haus, das sich nicht merklich von den übrigen unterschied. Dennoch schien es eine besondere Funktion innezuhaben.

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