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Mitternachtsträume

Jacquie D’Allessandro

Quellen der Lust

1. KAPITEL

Little Longstone, Kent, 1820

„Genevieve … die geheime Alabasterschatulle … der Brief darin beweist, wer das getan hat …“

Langsam näherte sich Simon Cooperstone, Viscount Kilburn, dem Cottage, das sich zwischen die alten Ulmen schmiegte. In Gedanken hörte er dabei wieder einmal die Worte des sterbenden Earl of Rigdemoor. Worte, die der Earl mit seinen letzten Atemzügen hervorgepresst hatte, nachdem er von Simon mit der Frage bedrängt worden war: „Wer hat auf Sie geschossen?“

Mit Glück würde Simon jetzt gleich die Antwort finden – und den Täter überführen, der versuchte, ihm den Mord an dem Earl anzuhängen.

Die radikalen Sozialreformen, die der Earl – von dem es hieß, er würde der nächste Premierminister werden – vertreten hatte, waren nicht überall populär. Schon zwei Wochen zuvor war ein Anschlag auf Ridgemoors Leben verübt worden, doch Simons Ermittlungen im Auftrag des Königs hatten ins Leere geführt. Jetzt war es zu spät. Wer immer Ridgemoor zum Schweigen bringen wollte, beim zweiten Versuch war es ihm gelungen. Ein Umstand, der in Simon Schuldgefühle weckte und den Eindruck, versagt zu haben.

Seit er sich vor acht Jahren als Spion für die Krone verpflichtet hatte, waren einige seiner Missionen gescheitert, doch niemals zuvor war dabei der Verdacht auf Simon selbst gefallen. Unglücklicherweise hatte sein Versagen diesmal genau das bewirkt – Ridgemoors Butler hatte ihn angetroffen, wie er sich über den Leichnam beugte, eine Pistole in den Händen. Simon war zum Stadthaus des Earls gegangen, nachdem er die Nachricht bekommen hatte, dass Ridgemoor ihm wichtige Informationen mitteilen wollte. Bedauerlicherweise war er zu spät gekommen. Der Butler hatte den Behörden gegenüber geschworen, dass niemand außer Simon das Haus betreten hatte, und tatsächlich waren alle Fenster von innen verschlossen gewesen.

Als Simon das Misstrauen in den Augen seiner Vorgesetzten aufflackern sah, wusste er, dass ihm Ärger bevorstand. John Waverly, dem Mann, dem er zur Rechenschaft verpflichtet war, hatte mit keinem Wort etwas davon erwähnt, dass er seinen Bericht anzweifelte. Aber Simon hatte sein Zögern gespürt, und das hatte ihn mehr verletzt als er zugeben wollte. Vor acht Jahren hatte Simon nichts von dem gewusst, was ein Spion zu tun hatte. Tatsächlich hatte er wenig gewusst, was über den Reichtum und die Privilegien hinausging, die sein Name und sein Titel mit sich brachten. Er wollte und brauchte eine Veränderung – musste etwas Sinnvolles mit seinem Leben anfangen – und John Waverly hatte ihn unter seine Fittiche genommen und ihn die Feinheiten seiner neuen Aufgabe gelehrt. Simon hatte in Waverly stets mehr gesehen als nur einen Vorgesetzten – er bewunderte und respektierte ihn, und er sah in ihm einen vertrauten Freund und Mentor.

Und als wäre Waverlys Unsicherheit noch nicht genug, erkannte Simon auch das Misstrauen in den Blicken von William Miller und Marc Albury, seinen engsten Kollegen, Männer, in denen er so etwas wie seine Brüder sah. Tatsächlich fühlte er sich Miller und Albury häufig enger verbunden als seinem leiblichen Bruder – Simon konnte seine Spionagetätigkeit weder seiner Familie noch seinen Freunden anvertrauen. Wären Miller, Albury oder Waverly in derselben Lage wie die, in der Simon sich jetzt befand, würde er ihnen eine Chance geben und ihnen vertrauen, auch wenn alle Beweise gegen sie sprachen? Er wollte das gern glauben, aber vielleicht würde er in einer ähnlichen Situation ebenso an ihnen zweifeln wie sie jetzt an ihm.

Da sowohl der König als auch der Premierminister verlangten, dass Ridgemoors Mörder möglichst schnell gefasst wurde, fürchtete Simon, Schnelligkeit würde in diesem Fall mehr zählen als Gründlichkeit. Und im schlimmsten Falle hieße das, dass der falsche Mann – nämlich er – für das Verbrechen gehängt werden konnte, vor allem, weil es keine Hinweise auf weitere Verdächtige gab. Aufgrund der vielen gescheiterten Missionen in den letzten Jahren glaubten Simon, Miller, Albury und Waverly ebenso wie ihre Kollegen, dass sich in ihren Reihen ein Verräter befand, aber bisher war es ihnen nicht gelungen, den Betreffenden auszumachen. Simon wusste nur, dass er es nicht war. Jetzt sah es unglücklicherweise so aus, als stände er mit diesem Wissen allein.

Weil er nicht wusste, wem er vertrauen konnte, wem sein Wohlergehen am Herzen lag, hatte er gelogen, als er gefragt wurde, ob Ridgemoor ihm etwas anvertraut hatte. Doch Waverly konnte genau wie Miller und Albury eine Lüge auf zwanzig Schritt Entfernung wittern, und so hatte Simons Verhalten seine Lage nur verschlimmert und ihr Misstrauen noch vertieft. Bisher war keine Anklage gegen ihn erhoben worden, aber sein Instinkt sagte ihm, dass dies nur eine Frage der Zeit war. Und deshalb brauchte er die Alabasterschatulle, von der Ridgemoor gesprochen hatte. Jetzt gleich. Damit er den Schuldigen ausmachen konnte, ehe ihm seine eigene Hinrichtung bevorstand.

Aufgrund der knappen Zeit hatte er Waverly gebeten, ihn freizustellen, damit er seine Unschuld beweisen konnte. Sein Vorgesetzter hatte ihn lange angesehen, dann hatte er genickt und gesagt: „Ich glaube, dass Sie gelogen haben – und dafür sollten Sie einen verdammt guten Grund gehabt haben – aber ich denke nicht, dass Sie Ridgemoor umgebracht haben. Dennoch, die Beweise gegen Sie sind überzeugend, und wenn die Oberen Ihren Kopf fordern, gibt es nicht viel, was ich oder irgendjemand sonst tun könnte, um Ihnen zu helfen. Ich gebe Ihnen vierzehn Tage, Kilburn. Bis dahin erzähle ich jedem, dass Sie sich von einem Fieber erholen, das vermutlich ansteckend ist – das sollte sie eine Weile fernhalten. Tun Sie, was Sie tun müssen, um Ihren Namen reinzuwaschen, und tun Sie es um Gottes willen schnell. Ich werde tun, was ich kann, um Ihnen dabei zu helfen.“

Mehr konnte Simon nicht verlangen. Und er hatte keine Zeit vergeudet: Die Ermittlungen, die er seit dem Mord an Ridgemoor angestellt hatte, hatten ihn hierher geführt – zum Haus von Mrs. Genevieve Ralston, die bis vor einem Jahr Ridgemoors Mätresse gewesen war. Hatten Ridgemoors letzte Worte bedeutet, dass Mrs. Ralston an dem Plan beteiligt war, ihn zu töten? Oder hatte sie ihn vielleicht selbst erschossen? Das schien ihm gut möglich zu sein.

Simon hatte herausgefunden, dass Ridgemoor sein jahrzehntelanges Verhältnis mit Mrs. Ralston vor einem Jahr gelöst hatte. Konnte sie als verstoßene Frau Rache gesucht haben? Oder waren es politische Motive, die sie leiteten? War sie vielleicht eine Feindin der Krone und hatte geholfen, Ridgemoor zu erledigen, ehe er Premierminister werden konnte?

Simons Informationsquellen zufolge verließ Mrs. Ralston ihr Anwesen in dem kleinen Dorf Little Longstone nur selten, und der Earl war in London ermordet worden. Aber eine Kutschfahrt nach London dauerte nur drei Stunden. Was wäre geschickter, als ein zurückgezogenes Leben zu führen und sich dann heimlich davonzuschleichen, um ein Verbrechen zu begehen?

An diesem Abend zum Beispiel hatte Mrs. Ralston ihr Cottage vor fünf Minuten verlassen. Sie hatte nur einen Diener, einen Riesen mit Namen Baxter, der – davon hatte Simon sich überzeugt – im Augenblick in der Dorfschenke saß, einen Krug Ale in der Hand. Wenn Mrs. Ralston vor Baxter ins Haus zurückkehrte, würde niemand wissen, dass sie den Abend nicht in ihrem Cottage verbracht hatte.

Niemand außer dem, den sie treffen wollte.

Und Simon.

Simon stand in den dunklen Schatten der Bäume, die ihr Heim umgaben, und hatte ihr nachgesehen, wie sie den Pfad hinunterging, der zu den heißen Quellen auf ihrem Anwesen führte sowie zu einigen benachbarten Cottages. Er hatte erfahren, dass eines dieser Häuser im Augenblick leerstand und ein anderes vor einigen Monaten an einen Künstler vermietet worden war, einem Mr. Blackwell.

War Mrs. Ralston zu den heißen Quellen unterwegs oder zu dem Künstler? Oder hatte sie ein anderes Ziel im Sinn? Simon wusste es nicht. Und so gern er ihr auch gefolgt wäre, gerade jetzt war ihr Cottage verlassen, und er musste die Gelegenheit nutzen, um die Alabasterschatulle zu finden, die den Beweis für seine Unschuld enthielt.

Lautlos hastete er den kurzen Weg zum Haus entlang. Er zwängte ein dünnes Stück Metall zwischen die Flügeltüren, die ihm am nächsten waren, und schob es geschickt über das Schloss. Das Glück war auf seiner Seite, denn just in diesem Moment verbargen Wolken den Mond und die Sterne.

Tief atmete er die kühle Luft ein, die bereits einen Hauch des nahenden Herbstes mit sich brachte, öffnete die Türen und schlüpfte in einen gut eingerichteten Wohnraum. Während seiner Suche achtete er darauf, alles so zurückzulassen, wie er es vorgefunden hatte, und bemerkte, dass Mrs. Ralston ein sehr gutes Auge für Möbel besaß.

Auch ihre Schwäche für Kunst war unübersehbar: Gerahmte Bilder bedeckten die cremefarbenen Wände, von Landschaften über Zeichnungen bis hin zu illustrierten Gedichten und Miniaturporträts.

Soweit er bisher herausgefunden hatte, seit er vor zwei Tagen ihren Namen zum ersten Mal gehört hatte, war Genevieve Ralston keine reiche Frau. Doch ihre Besitztümer sprachen von einigem Wohlstand. Wie konnte sie sich solche Dinge leisten? Waren es Geschenke von einem großzügigen Wohltäter – oder die Bezahlung für einen Mord?

Ein lautes Miauen störte seine Überlegungen, und er blickte zu Boden. Eine große schwarzweiße Katze sah zu ihm auf und schlug mit dem pelzigen Schwanz.

„Freund oder Feind?“, fragte er leise.

Die Katze strich an seinen Stiefeln entlang und legte sich dann zwischen seine Füße.

„Also Freund.“ Er hockte sich nieder, um das große Tier zwischen den Ohren zu kraulen, und wurde dafür mit dem lautesten Schnurren belohnt, das er je gehört hatte.

„Das gefällt dir, was?“ Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, während die Katze einen Laut ausstieß, der wie ein zufriedenes Seufzen klang.

„Du musst eine Dame sein. Du bist viel zu hübsch für einen Jungen.“

Noch einmal bewegte sie den Schwanz, dann ging sie gerade so weit weg, dass er sie nicht mehr erreichen konnte, und sah ihn dann an, als wollte sie sagen: Wenn du mich weiterhin streicheln möchtest, dann musst du schon hierher kommen.

Simon lachte leise. Eindeutig weiblich.

Er streckte den Arm aus, strich der Katze noch einmal über das Fell, und stand schließlich auf. „Auch wenn ich dir sehr dankbar bin, dass du kein großer Hund bist, so fürchte ich doch, dass ich keine Zeit mehr für dich habe.“

Jawohl. Die Zeit schritt voran, und nirgends in dem Wohnzimmer gab es eine Alabasterschatulle. Er ging weiter zum Speisezimmer, zur Bibliothek und ins Frühstückszimmer, gefolgt von der Katze, die ihm dabei unentwegt um die Beine strich. Kunstgegenstände und hervorragend gearbeitete Möbel füllten jeden Raum, doch er fand nichts, das der Schatulle, die er suchte, auch nur ähnlich sah. Simon bekämpfte seine Enttäuschung und stieg die Treppe hinauf zu Mrs. Ralstons Schlafzimmer. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, damit die ungemein neugierige Katze draußen blieb, sah er sich um und bemerkte, dass dieser Raum am üppigsten ausgestattet war. Durch die Fenster neben dem Himmelbett fiel Mondlicht herein und schien auf eine blassgrüne Tagesdecke und weiche Kissen. Gegenüber von dem Bett befand sich ein Frisiertisch mit einem ovalen Spiegel. An der anderen Wand standen ein reich geschnitzter Kleiderschrank sowie ein Paravent, dem gegenüber ein zierlicher Sekretär mit einem chintzbezogenen Stuhl.

An den blassgrauen Wänden hingen noch mehr gerahmte Bilder, aber das schönste Objekt in diesem Raum war eine lebensgroße Frauenstatue, die nichts trug außer einem geheimnisvollen Lächeln. Sie stand in der Ecke neben dem Sekretär, eine Göttin aus reinweißem Marmor, der im Mondlicht schimmerte. Eine ihrer schlanken Hände hielt sie einladend ausgestreckt, und Simon glaubte beinahe, ein Flüstern zu hören: Berühre mich. Mit der anderen Hand drückte sie einen Blumenstrauß an ihre Brust, ein Blütenblatt lag dabei an ihrer Brustwarze. Sie wirkte so lebensecht – Simon ertappte sich bei dem Wunsch, sie tatsächlich zu berühren, um sich davon zu überzeugen, dass sie nicht lebendig war.

Er löste seinen Blick von der Statue und ging zum Schrank hinüber. Eine Untersuchung des Inhalts ergab, dass Mrs. Ralston einfache, aber hervorragend gearbeitete Kleider aus edlem Material bevorzugte und mehr Hüte und Schuhe besaß, als eine einzelne Frau jemals verlangen konnte.

Er zog die Brauen hoch, als er in einem Stiefel ganz hinten in dem Schrank eine kleine Pistole mit einem Perlmuttgriff fand. Offenbar verspürte Mrs. Ralston den Wunsch nach Schutz, obwohl sie in einem verschlafenen kleinen Dorf lebte. Wovor? Oder vor wem? Fürchtete sie um ihre Sicherheit, weil sie sich schuldig gemacht hatte – wie etwa an dem Tod ihres früheren Liebhabers?

In Bezug auf diese Frau waren so viele Fragen offen, Fragen, von denen er vermutete, dass sie zu den Antworten führten, die ihm zu Ridgemoors Tod fehlten, dabei seine Unschuld bewiesen und ihn vor der Schlinge des Henkers retteten.

Er ging weiter zu dem Frisiertisch, hob den Parfümflakon aus geschliffenem Kristall an die Nase und schnupperte. Sie mochte den Duft von Rosen. Kleine Keramiktiegel auf dem Tisch enthielten verschiedenen Cremes und Lotionen.

In den ersten beiden Schubladen fand er Dutzende von Handschuhen in einer schwindelerregenden Vielfalt von Farben und Mustern. Verdammt, ihre Schwäche für Schuhe und Hüte war nicht annähernd vergleichbar mit ihrer Liebe zu Handschuhen. Die anderen Schubladen enthielten Chemisiers und Strümpfe von solcher Feinheit, dass sie beinahe durchsichtig waren. Simon wusste sehr gut, dass Unterkleidung umso teurer war, je durchsichtiger sie erschien. Offenbar hatte Mrs. Ralston sich gut zu versorgen gewusst. Weil sie in Geheimnisse und Mordpläne verwickelt war, die die nationale Sicherheit bedrohten?

Er schob die Hände zwischen die hauchzarten Wäschestücke und stockte, als seine Finger etwas Hartes berührten. Sein Herz schlug schneller, als er den Gegenstand aus seinem Versteck holte.

Eine Alabasterschatulle.

Mit einem zufriedenen Seufzen trat er in das silbrige Mondlicht und drehte die Schatulle, die etwa die von der Größe eines Buchs war, herum.

Eine rasche Untersuchung ergab, dass es keine gewöhnliche Schatulle war, sondern eine chinesische Rätselschatulle. Verdammt. Solche Schatullen hatte er bereits geöffnet – je nachdem, wie kompliziert das Muster der ineinanderzuschiebenden Teile war, konnte es ein paar Minuten oder mehrere Stunden dauern, bis er die richtige Kombination gefunden hatte, um den Deckel zu öffnen.

Er konnte nur hoffen, dass er nicht länger als ein paar Minuten brauchte.

Entschlossen zwang er sich zu der Ruhe, die ihm in vielen Jahren so oft genutzt hatte, bewegte die Finger mit festem Druck über die kühle, glatte Oberfläche und suchte nach einem Teil, das sich bewegen ließ.

Die Rätselschatullen, die er bisher geöffnet hatte, waren aus Holz gewesen mit kunstvollen Intarsienarbeiten, was das Öffnen etwas vereinfacht hatte. Diese Schatulle hingegen sah aus wie ein einziges Stück Alabaster und wies keine Muster auf außer den blassen Farbspielen, die das Mineral natürlicherweise mit sich brachte.

Einige Minuten vergingen, ehe er endlich die richtige Stelle drückte und ein kleines Stück Alabaster nach vorn glitt. Er machte weiter, berührte eilig wieder und wieder die Schatulle, bis er das nächste Teil fand, das an seinen Platz rückte.

Während der nächsten Viertelstunde war nichts zu hören als das Ticken der Uhr, während er die Schatulle herumdrehte und versuchte, das Muster zusammenzusetzen. Endlich schob er das Stück an seinen Platz, das den Deckel öffnete. Endlich. Gleich, in wenigen Sekunden, würde der Beweis, den er brauchte, ihm gehören. Simon holte tief Luft und hob dann langsam den Deckel.

Und blickte in einen leeren Hohlraum.

Mit gerunzelter Stirn betastete er das Innere der Schatulle, doch sie war tatsächlich leer. Verdammt.

Aber wo war der Brief? Der Beweis, den er brauchte, um seinen Hals zu retten? Er presste die Lippen zusammen. Offensichtlich hatte Mrs. Ralston den Beweis noch vor ihm gefunden.

Warum hatte sie ihn herausgenommen? Die Tatsache, dass sie es überhaupt getan hatte, deutete darauf hin, dass sie in irgendeiner Weise schuldig war. Hatte sie den Plan, Ridgemoor zu töten, allein gefasst, oder hatte sie mit anderen zusammengearbeitet? Welche Rolle spielte sie in dem tödlichen Ring, der ihn umschloss? Und was zum Teufel hatte sie mit der Information getan? Sie irgendwo anders im Haus versteckt?

Eine weitere schnelle Untersuchung der Schatulle bestätigte seinen Verdacht, dass es keine weitere Öffnung gab. Mit einem enttäuschten Seufzen schob er die Teile zurück an ihren Platz, legte die Schatulle wieder in ihr Versteck zwischen den durchscheinenden Wäschestücken und schloss die Schublade.

Was nun? Wo sollte er als nächstes suchen? Sein Blick fiel auf den Nachttisch, und er durchquerte den Raum. Auf der lackierten Holzoberfläche stand ein Blumenstrauß in einer Kristallvase, neben einer Öllampe und einem Buch. Simon warf einen Blick auf den Titel. „A Ladies’ Guide to the Pursuit of Personal Happiness and Intimate Fulfillment – eine Anleitung für Damen, um persönliches Glück und intime Erfüllung zu erreichen“ von Charles Brightmore.

Interessant. Dasselbe Buch war ihm schon bei seiner Durchsuchung der Bibliothek aufgefallen. Er erinnerte sich, dass es im Zusammenhang mit diesem Buch irgendeinen Skandal gegeben hatte, auch wenn er nicht besonders darauf geachtet hatte. Dennoch war es seltsam, dass Mrs. Ralston zwei Exemplare davon besaß. Konnte der Brief aus der Schatulle darin stecken? Er nahm den Band in die Hand und blätterte ihn durch, doch leider war seine Hoffnung vergebens. Gerade stand er im Begriff, das Buch zu schließen, als ihm ein Satz ins Auge sprang. Ihren Mann fesseln?

Er drehte sich herum, sodass er das Licht, das durchs Fenster hereinfiel, besser nutzen konnte, und las: „Die heutigen modernen Frauen sollten nicht zögern, sich zu holen, was sie haben wollen, sei es im Salon oder im Schlafzimmer – selbst wenn sie ihren Mann fesseln müssen, um es zu bekommen. Tatsächlich wird eine Fesselung im Schlafzimmer höchstwahrscheinlich zu sehr erfreulichen Ergebnissen führen …“

Simon zog die Brauen hoch. Offenbar hatte er sich geirrt, wenn er annahm, dass eine Anleitung für Damen lediglich Informationen über Mode und Etikette enthielt.

„Kein Wunder, dass das einen Skandal gegeben hat“, murmelte er.

Ein Bild erschien vor seinem inneren Augen – seine Hände, mit einer Seidenschnur an einen der Bettpfosten gefesselt. Er konnte das Gesicht seiner Wärterin nicht sehen, aber der Klang ihrer Stimme war voller sinnlicher Verheißungen, als sie flüsterte: „Du wirst mir alles geben, was ich will.“

Er blinzelte, und das Bild verschwand und ließ ihn leicht verblüfft und – er verzog das Gesicht und bewegte sich ein wenig hin und her – mehr als nur leicht erregt zurück. Neugierig geworden, blätterte er zu einer anderen Seite und las weiter: „Die heutige moderne Frau muss sich über die Bedeutung der Mode bei ihrer Suche nach intimer Erfüllung bewusst sein.“ Simon nickte. Ja, das entsprach schon eher dem, was er erwartet hatte. „Es gibt die richtige Zeit für ein Ballkleid, die richtige Zeit für ein Negligé und die richtige Zeit, um überhaupt nichts zu tragen …“

So viel zu seinen Erwartungen.

Vor seinem inneren Auge erschien ein weiteres Bild, diesmal sah er dieselbe Frau, die seine Hände gefesselt hatte. Noch immer war ihr Gesicht nur verschwommen und nicht zu erkennen, als sie sich das Negligé von den Schultern streifte. Der Satin bauschte sich zu ihren Füßen, und ihr nackter Körper bot sich seinen Blicken dar. Die rosa Brustspitzen hart und aufgereckt, die hellen Locken zwischen ihren Schenkeln verheißungsvoll schimmernd, als sie aus dem Stoff heraustrat und langsam mit verführerischem Hüftschwung auf ihn zu kam. „Wo bist du gewesen?“, flüsterte sie. „Ich habe auf dich gewartet.“

Simon schüttelte den Kopf, um das sinnliche Bild zu vertreiben. Verdammt, kein Wunder, dass dieses Buch so einen Aufruhr verursacht hatte. So etwas hatte er noch nie gelesen. Zugegeben, es gehörte nicht zu seinen Gewohnheiten, Anleitungen für Damen zu lesen. Zumindest bisher nicht. Selbst als er sich befahl, das verdammte Buch hinzulegen und weiterzusuchen, ertappte er sich dabei, wie er noch eine Seite umblätterte. Gerade als er einen Blick auf die Worte warf, hörte er das unverkennbare Geräusch einer Tür, die geöffnet und dann wieder geschlossen wurde.

Verdammt.

Eine Frauenstimme sagte sanft: „Hallo, süße Sophia. Hast du mich vermisst?“ Die süße Sophia antwortete mit einem lauten Miauen. „Ich habe dich auch vermisst. Wir spielen morgen wieder miteinander. Ich bin müde und gehe jetzt ins Bett.“

Verdammt, verdammt.

2. KAPITEL

Wütend, weil er es so ganz untypisch zugelassen hatte, abgelenkt zu werden, stellte Simon das Buch rasch zurück und sah sich in dem Zimmer um. Die beiden einzigen Fluchtwege boten die Tür – keine Erfolg verheißende Möglichkeit – oder eines der beiden Fenster, die sich in mindestens dreißig Fuß Abstand zum Boden befanden – keine sehr gesunde Möglichkeit. Abgesehen von dem vielleicht tödlichen Sturz würde er das Fenster offen lassen müssen, sodass sie sofort wissen würde, dass jemand im Zimmer gewesen war. Wenn ihm allerdings nicht sofort etwas einfiel, würde sie das natürlich ohnehin bemerken.

Verdammt schwierige Frau. Warum konnte sie an ihrem Schlafzimmer keinen hübschen Balkon haben? Und warum hatte sie nicht noch ein paar Stunden länger wegbleiben können?

Den Wandschirm und den Kleiderschrank beachtete er nicht – beides würde sie zweifellos benutzen, um sich für die Nacht fertig zu machen – sondern ging direkt zu der Statue in der Ecke. Kaum hatte er sich in den dunklen Schatten hinter der Marmorfigur verborgen, ging die Schlafzimmertür auf.

Während er noch innerlich fluchte, weil Mrs. Ralston so bald zurückgekehrt war, verhielt er sich ganz still und betete, sie möge rasch ins Bett gehen und einschlafen. Von seinem Versteck aus sah er, wie sie die Tür hinter sich schloss und dann zu dem Tisch neben dem Bett trat, um die Öllampe zu entzünden. Im goldenen Schein der Lampe schob sie die Kapuze ihres dunklen Capes zurück.

Simon blinzelte überrascht. Mrs. Ralston war wesentlich jünger, als er erwartet hatte. In der kurzen Zeit, die ihm für seine Nachforschungen geblieben war, hatte er herausgefunden, dass sie das Leben als Mätresse vor einem Jahr aufgegeben hatte, als Ridgemoor ihre Beziehung beendete. Diese Tatsache hatte Simon zu der Vermutung veranlasst, dass sie gealtert war und ihre Schönheit verloren hatte. Zusammen mit dem Umstand, dass der Earl ein Mann in den Fünfzigern und sie seit über einem Jahrzehnt seine Mätresse gewesen war, hatte ihn das an eine Frau in den Vierzigern denken lassen, mindestens. Aber diese Frau schien kaum älter als dreißig zu sein, wenn überhaupt.

Und ganz gewiss hatte sie nicht ihre Schönheit verloren. Die Frau, die im Schein der Öllampe vor ihm stand, sah atemberaubend aus.

Die hohen Wangenknochen und vollen Lippen verliehen ihr eine fremdartige und dennoch zarte Schönheit. Ihre Augenfarbe konnte er nicht erkennen, aber bei ihrer porzellanweißen Haut und dem honigblonden Haar, das sie aufgesteckt trug, tippte er auf Blau. Er ertappte sich, wie er darüber nachdachte, ob es wohl das Blau des wolkenlosen Sommerhimmels war oder das der stürmischen See. Oder das des Eises.

Im nächsten Moment verschwand jeder Gedanke an Eis, als sie ihren Umhang löste. Der Stoff glitt von ihren Schultern und offenbarte, dass sie darunter nur ein Chemisier trug. Ein nasses Chemisier. Ein nasses Chemisier, das sich an ihren Körper schmiegte, als wäre es auf ihre Haut gemalt worden. Mit durchscheinender Farbe.

Simon stockte der Atem, und für einen Moment vergaß er völlig, wo er war. Wer sie war. Und wie viel auf dem Spiel stand. Sein Gewissen – eine innere Stimme, die er schon vor langer Zeit zum Verstummen gebracht hatte – erwachte unerwarteterweise zum Leben und belehrte ihn darüber, dass Ehre und Anstand von ihm verlangten, den Blick abzuwenden. Sofort verbannte er sein Gewissen zurück in die dunklen Tiefen, aus denen es gekommen war, und hielt den Blick unerschütterlich auf die Gestalt vor ihm gerichtet.

Schließlich war sie eine verdächtige Person. Aus Gründen, die er noch nicht kannte, hatte sie das an sich genommen, was er holen wollte, noch ehe er es ihr stehlen konnte – den Brief, der ihm das Leben retten sollte. Es war enorm wichtig, dass er so viel wie möglich über sie erfuhr.

Und wahrhaftig – er erfuhr eine Menge über sie, so wie der Stoff sich an sie schmiegte. Langsam ließ er den Blick nach unten gleiten, über die festen, vollen Brüste mit den aufgerichteten Spitzen. Ihre schlanke Taille ging in runde Hüften über, die in wohlgeformte Schenkel. Die Locken zwischen ihren Schenkeln waren von derselben Honigfarbe wie ihr Haar.

Offenbar hatte Mrs. Ralston ein Bad in den heißen Quellen genossen. Es hieß, dass diese Wasser gut für den Körper waren, und sie war dafür der beste Beweis.

Sie leckte sich über die Lippen, und seine Aufmerksamkeit richtete sich auf ihren Mund. Er spähte in das Zwielicht. Waren ihre Lippen immer so voll, oder waren sie vom Küssen geschwollen? Hatte ihr jemand an den heißen Quellen Gesellschaft geleistet? Hatte Mrs. Ralston einen Liebhaber? Vielleicht den Künstler aus dem Nachbarcottage? Oder einen Komplizen, der ihr geholfen hatte, Ridgemoor zu töten? Gewiss würde es einer Frau mit ihrem Aussehen nicht an männlicher Gesellschaft fehlen. Ganz plötzlich stellte er sich vor, wie Mrs. Ralston in dem leise sprudelnden Wasser stand – und er, der sich zu ihr gesellte …

„Miau.“

Der Laut unterbrach Simons beunruhigende Fantasie, und er blickte nach unten. Sophia schlüpfte ins Dunkel und strich wieder um seine Stiefel. Verdammt. Offenbar besaß die Katze dieselbe unliebsame Angewohnheit wie ihre Besitzerin – an Orten aufzutauchen, an denen sie nicht erwünscht war. Und war das nicht typisch weiblich? Kaum schenkte man ihr die kleinste Aufmerksamkeit, verlangte sie nach mehr.

Er sah auf und unterdrückte ein Stöhnen. Den Umhang über dem Arm, kam Mrs. Ralston auf ihn zu. Ihm stockte der Atem – teils wegen des großen Risikos, entdeckt zu werden, und teils weil ihr Anblick ihn erstarren ließ. Er hatte schon viele atemberaubend schöne Dinge gesehen in seinem Leben, aber es würde ihm schwerfallen, etwas zu benennen, das dem Anblick der nassen, beinahe nackten Genevieve Ralston gleichkam.

Und apropos Erstarren – er blickte hinunter auf die vielsagende Beule, die sich in seiner engen Hose deutlich abzeichnete. Wie reizend. Es war schon peinlich genug, dass er möglicherweise entdeckt wurde. In so einem Zustand entdeckt zu werden war schlicht undenkbar. Er bemühte sich, seine Erregung mit purer Willenskraft zum Schwinden zu bringen, doch da sein Blick wieder auf die verführerische Gestalt fiel, scheiterte er dabei kläglich. Wirklich, Ridgemoor musste sehr verwöhnt gewesen sein, dass er dieser Frau überdrüssig wurde. Hatte sie sich rächen wollen, indem sie ihn ermordete?

Aber vielleicht war er ihrer gar nicht überdrüssig geworden, wie die Gerüchte es behaupteten. Vielleicht hatte sie ihn betrogen, und das hatte Ridgemoor dazu gebracht, die Beziehung so rasch zu beenden. Wie Simon nur zu gut wusste, konnten Frauen sehr perfide Geschöpfe sein. Und er bezweifelte nicht, dass diese spezielle Frau mehr war als nur eine abgelegte Mätresse, die sich aufs Land zurückgezogen hatte. Zumindest besaß sie eine Schatulle, die etwas enthielt, das für Simon und viele andere Leute lebenswichtig war – oder wenigstens hatte sie das enthalten, bis die Schatulle in ihren Besitz überging. Welchen anderen Grund als irgendeine Art von Schuldgefühl konnte sie veranlasst haben, den Brief herauszunehmen?

Sie legte ihren Umhang auf den Rücken eines Ohrensessels, der am Kamin stand, und er hielt wieder den Atem an. Einige spannungsgeladene Sekunden lang stand sie so nahe bei ihm, dass er nur den Arm hätte ausstrecken müssen, um sie zu berühren.

„Was machst du da in der Ecke, Sophia?“, fragte sie leise. „Ich hoffe, du hast keine Maus gefunden.“

Nein, eine Maus ist es nicht.

Sophia löste sich von Simons Stiefeln und ging zu ihrer Herrin. Mrs. Ralston streichelte die Katze liebevoll, dann trat sie zu ihrem Frisiertisch und zog ein sauberes Chemisier aus einer der Schubladen, während Sophia auf das Bett sprang und sich mitten auf der Tagesdecke zusammenrollte. Vor Erleichterung sog Simon langsam den Atem ein und bemerkte den Duft, den Mrs. Ralston hinterlassen hatte – derselbe leichte Rosenduft, der auch in dem Kristallflakon auf ihrem Frisiertisch war.

Sie stand mit dem Rücken zu ihm und streifte das nasse Chemisier von ihrem Körper, wobei sie so sachte die Hüften bewegte, dass er die Hände zu Fäusten ballte. Auf seiner Stirn erschienen kleine Schweißperlen, und obwohl er sich weiterhin bemühte, die Reaktion seines Körpers auf sie zu unterdrücken, verlor er diesen Kampf in dem Moment, als sie sich vorbeugte, um das Kleidungsstück aufzuheben. Die Bewegung, bei dem sie ihr wohlgeformtes Hinterteil in die Luft reckte, erlaubte ihm einen ungehinderten Blick auf ihre weiblichen Reize – ein unglaublicher, ihm jeden klaren Gedanken raubender Anblick, einschließlich des Gedankens, dass das Urteil „am Halse aufzuhängen, bis der Tod eintritt“, ihm möglicherweise in nicht allzu ferner Zukunft bevorstand.

Während er die Zähne zusammenbiss und ein Stöhnen unterdrückte, zog sie sich das frische Chemisier über den Kopf und ging – zum Glück! – zu ihrem Kleiderschrank, nahm einen Hausmantel heraus und legte ihn an. Der weiche Stoff schmiegte sich an ihren Körper wie eine zweite Haut, aber zumindest war sie bedeckt. Er hoffte, dass sie jetzt zu Bett ging.

Stattdessen kehrte sie zum Frisiertisch zurück und massierte eine Creme aus einem der Tiegel in ihre Hände, wobei sie ein paar Mal vor Schmerz das Gesicht verzog. Schließlich zog sie ein Paar Handschuhe an, das sie aus einer der Schubladen nahm.

Das erschien ihm seltsam. Trugen alle Frauen Handschuhe im Bett? Jedes Mal, wenn er die Nacht mit einer Frau verbrachte, sorgte er dafür, dass sie zuerst zu beschäftigt und dann zu erschöpft war, um an Dinge wie Handcreme und Handschuhe zu denken.

Seine Hoffnung, dass Mrs. Ralston sich nun endlich ins Bett legen würde, wurde zerstört, als sie die Arme hob und die Nadeln aus ihrem Haar zog, worauf ein Vorhang blonder Locken bis zu ihren Hüften fiel. Sofort stellte er sich vor, wie er die Hände durch diese Fülle gleiten ließ, die Strähnen um seine Finger wickelte und sie an sich zog.

Ganz kurz kniff er die Augen zu, um dieses unwillkommene, unerwartete Bild zu vertreiben. Was zum Teufel stimmte nur nicht mit ihm?

Sie stöhnte leise, und er riss die Augen auf, um zu sehen, wie sie das Ende ihres geflochtenen Zopfes mit einem blauen Band umwickelte, während er sich lustvollen Tagträumen hingegeben hatte. Ehe er darüber nachdenken konnte, warum sie so einen Laut von sich gab, kam sie wieder auf ihn zu. Er spannte jeden Muskel an. Hatte sie seine Gegenwart bemerkt? Gespürt, dass sie beobachtet wurde? Verdammt, es sah aus, als richtete sie den Blick direkt auf ihn. Wenn sie ihn entdeckte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sie zu überwältigen. Sofort stellte er sich etwas vor – aber nicht, dass er sie überwältigte, sondern dass sie ihn fesselte. Mit blauem Band an ihr Bett.

Verdammt. Dieser verdammte Ladies’ Guide hatte seine Sinne verwirrt.

Zu seiner Erleichterung setzte sie sich auf den zierlichen Stuhl vor ihrem Schreibsekretär. Doch diese Erleichterung währte nicht lange, denn sie entzündete die Kerze auf dem Tisch. Licht flackerte auf, und er zog sich so tief in den Schatten der Marmorstatue zurück, wie es nur möglich war. Was zum Teufel tat sie da nur?

Sie beantwortete die Frage, indem sie ein Blatt Papier aus einer Schublade zog und nach der Schreibfeder griff. Trotz seines Wunsches, sie möge sich so schnell wie möglich zurückziehen, damit er fliehen konnte, war Simons Interesse geweckt. Sie wollte einen Brief schreiben. Ein Brief, der ihm weitere Informationen geben konnte? Es schien ein seltsamer Zeitpunkt zu sein, um eine Botschaft zu schreiben – außer, es ging um ein Geheimnis.

Simon sah zu, wie sie einige Minuten lang schnell schrieb, aber dann begannen ihre Bewegungen langsamer zu werden. Sie runzelte die Stirn und presste die Lippen fest zusammen, bevor sie sich tiefer über das Blatt beugte. Anfangs hielt er das für Konzentration, doch dann fiel sein Blick auf die Hand, mit der sie die Feder hielt.

Jetzt umklammerte sie das Schreibwerkzeug in einer seltsamen Haltung. Nachdem sie noch ein paar Worte geschrieben hatte, hielt sie inne und bewegte langsam die Finger, als hätte sie Schmerzen. So, wie sie das Gesicht verzog, war es offensichtlich, dass etwas nicht stimmte. Hatte sie irgendeinen Unfall gehabt, bei dem ihre Hände verletzt wurden?

Mit derselben schmerzverzerrten Miene schrieb sie noch ein oder zwei Minuten weiter, dann stellte sie die Feder zurück in den Halter und schüttete Löschsand auf das Blatt. Nachdem sie das Blatt in die Schublade zurückgelegt hatte, blies sie die Kerze aus, stand auf und ging zu ihrem Bett. Er sah zu, wie sie den Hausmantel ablegte und schließlich die Öllampe löschte. Im silbrigen Schein des Mondlichts zog sie die Decken zurück und legte sich ins Bett. Sophia hob einen Moment den Kopf und rollte sich dann wieder zusammen. Mrs. Ralton schloss die Augen. Sie sah aus wie ein unschuldiger Engel – aber Simon ließ sich von Äußerlichkeiten nicht täuschen.

Es dauerte nicht lange, dann hörte er ihre tiefen, ruhigen Atemzüge. Er wartete noch ein paar Minuten ab, ehe er – zufrieden darüber, dass sie endlich schlief – aus seinem Versteck schlüpfte und lautlos den Raum verließ. Als er die Haustür hinter sich schloss, gelobte er, nicht nur herauszufinden, was Mrs. Genevieve Ralston mit seinem Brief gemacht hatte, sondern auch, welche Geheimnisse sie sonst noch verbarg. Vor allem, wenn diese Geheimnisse mit einem Mord zu tun hatten.

3. KAPITEL

„London ist hektisch und aufregend, und das Eheleben ist wunderbar. Das Einzige, was ich vermisse, bist du, meine liebe Freundin. Ich wünschte, du würdest zu einem Besuch in die Stadt kommen …“

Die Worte des Briefes verschwammen, als Tränen in Genevieves Augen traten, Tränen, die sie rasch wegwischte, als sie auf dem Korridor schwere Schritte vernahm. Gleich darauf trat ihr riesenhafter Diener, Baxter, in den Salon.

„Ich wollte nur sagen, dass …“ Er brach ab, stemmte die Hände in die Hüften und kniff die Augen zusammen. „Du bist aufgeregt. Was ist passiert?“ Ehe Genevieve antworten konnte, fiel sein Blick auf den Brief in ihrer Hand, und er sah sie verständnisvoll aus seinen dunklen Augen an. „Du bist traurig, weil du deine Freundin Lady Catherine vermisst.“

Genevieve schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und lachte kurz auf. „Ein wenig.“

„Mehr als ein wenig“, sagte Baxter schroff. Er sah sie einen Moment an, und sie hatte das Gefühl, als könnte er durch sie hindurchsehen. „Du bist nicht mehr dieselbe, seit sie geheiratet hat und nach London gezogen ist. Das ist jetzt drei Monate her. Ich hasse es, dich so unglücklich zu sehen.“

„Ich bin nicht unglücklich“, sagte Genevieve, ging zu ihrem Sekretär und schob den Brief in eine Schublade. Das stimmt, sagte sie sich. Ich fühle mich nur einsam. Jetzt hatte sie zu viel Zeit, um an Richard zu denken und den Schmerz, den es ihr bereitet hatte, nach zehn Jahren abgeschoben zu werden. Die Ankunft der Schatulle hatte alles nur noch schlimmer gemacht. „Du bist die Einzige, der ich vertrauen kann. Pass darauf auf, ich werde sie holen kommen, sobald ich kann.“

Diese kurze Botschaft hatte sie wie einen Schlag ins Gesicht empfunden, und sie war verwirrt und wütend gewesen. Warum hatte er die Schatulle nicht an die jüngere, elegante Mätresse geschickt, die ihren Platz eingenommen hatte? Noch immer sah sie das Mitleid und – schlimmer noch – den Abscheu in seinem Blick, mit denen er bei ihrer letzten Begegnung ihre kranken Hände betrachtet hatte, als er ihre Berührungen und die Versuche, ihn zu verführen, zurückgewiesen hatte. Zwei Tage danach hatte er ihre Verbindung plötzlich gelöst, ohne auch nur den Mut und den Anstand aufzubringen, ihr das ins Gesicht zu sagen. Stattdessen hatte er ihr eine kurze Nachricht geschickt, zusammen mit einer Abfindung. Als könnte Geld den Schmerz lindern – oder die Demütigung.

Selbst jetzt, ein Jahr nachdem er sie fortgeschickt hatte, konnte ein Teil von ihr noch immer nicht glauben, dass er so herzlos gewesen war. So grob. Er hatte ihr gesagt, dass er sie liebte. Und sie hatte ihn geliebt – vielleicht nicht gleich, aber bald nach ihrer ersten Begegnung. Am Anfang ihrer schließlich zehn Jahre dauernden Liaison war sie einfach nur schrecklich dankbar gewesen, einen Weg aus ihrer hoffnungslosen Lage gefunden zu haben. Sie hatte keine Mätresse werden wollen, aber in Anbetracht der Alternativen – oder deren Mangel – war ihr Richards Angebot wie ein Wunder erschienen.

Als sie sich einverstanden erklärt hatte, seine Mätresse zu werden, hatte sie nur gewusst, dass er reich war, gut aussehend, und dass er sie begehrte – so sehr, dass er sie vor dem Albtraum bewahrte, zu dem ihr Leben geworden war – und das hatte genügt. Sehr bald schon hatte sie sehr zu ihrer Erleichterung festgestellt, dass er außerdem freundlich war. Großzügig. Klug. Ein fortschrittlicher Denker, der sich um die Belange und das Leiden jener sorgte, die weniger glücklich waren als er und der hoffte, die Gesetze zugunsten der Armen zu ändern. Sie hatte sich in sein Wesen verliebt, in seinen Geist, seine Güte. Aber die Kälte, mit der er sie aufgegeben hatte, hatte ihr eine Seite seines Charakters gezeigt, von der sie nicht einmal wusste, dass es sie gab, eine, die ihr das Gefühl verlieh, eine Närrin zu sein. Sie hatte sich hässlich und schmutzig gefühlt, und an dem Tag, an dem er sie fortgeschickt hatte, hatte sie gelobt, nie wieder die Mätresse eines Mannes zu werden. Nie wieder sollte ein anderer Mann sie besitzen, vor allem kein verdammter Adliger, einer, der über genügend Reichtum und Macht verfügte, um sie innerhalb weniger Tage durch eine neue Gespielin zu ersetzen. Wahrhaftig, wenn ein anderer Aristokrat sie auch nur mit einem Funken von Interesse ansah, dann würde sie Baxter auf ihn hetzen.

Nun, sie würde Richards Schatulle aufbewahren, bis er sie holen kam, obwohl sie jede Wette eingegangen wäre, dass er einen anderen schicken würde. In diesem Fall würde sie den Brief behalten, den sie in der Schatulle gefunden hatte. Sie hatte die Nachricht gelesen, vermochte aber nicht zu erkennen, warum eine solche nichtssagende Botschaft so wichtig sein sollte. Vielleicht war es eine Art Code, aber sie konnte ihn nicht entziffern, und es war ihr auch egal. Wenn Richard den Brief haben wollte, dann musste er ihn selbst abholen, und sie war davon überzeugt, dass er ihn wollte. Sie würde ihn einfach zwingen, das zu tun, was er von Anfang an hätte tun sollen – ihr gegenüberzutreten. Schließlich hatte sie ihm zehn Jahre lang Vergnügen bereitet, hatte ihr Leben mit ihm geteilt und sich dummerweise in ihn verliebt. So viel zumindest schuldete er ihr.

Sie konnte nicht leugnen, dass ein kleiner Teil von ihr hoffte, er würde bereuen, was er getan hatte, und wünschen, dass sie zurückkam. Aber es war egal, ob er das wollte. Dieser Abschnitt ihres Lebens war vorüber. Während sie sich nie wieder erlauben würde, so verletzlich zu sein, so war sie doch dankbar, dass die Jahre, in denen Richard sie finanziell unterstützt hatte, es ihr ermöglicht hatten, das Cottage zu kaufen und für sich und Baxter ein Zuhause zu schaffen.

„Verdammt“, murmelte Baxter und schüttelte den Kopf. „Ich kenne dich besser als jeder andere. Ich weiß, dass du dich elend fühlst, und dass nichts, was ich tue, zu helfen scheint. Ich würde den verdammten Lord am liebsten in Staub verwandeln für das, was er dir angetan hat. So machen es die Reichen und Vornehmen nun einmal – sie nehmen sich, was sie haben wollen, und später spucken sie aus, was übrig ist, ohne sich um etwas oder jemand anderes zu kümmern als ihre eigenen selbstsüchtigen Bedürfnisse.“

Genevieve fühlte sich schuldig. Da hatte sie nun gedacht, sie hätte überzeugend eine tapfere Miene an den Tag gelegt, aber offensichtlich war ihr das nicht gelungen. Der liebe Baxter. Er war der treueste aller Freunde und bewachte sie, als wäre sie wertvoller als die Kronjuwelen. Sie kannten sich seit ihrer frühen Jugend und hatten viel zusammen durchgemacht, sehr viel Schönes und auch sehr viel Schreckliches. Genevieve liebte ihn wie einen Bruder. Vor vielen Jahren hatte sie ihm das Leben gerettet, als er mit fünfzehn Jahren für tot gehalten und in der Gasse hinter dem Bordell liegen gelassen worden war, in dem Genevieves Mutter ihre Waren feilbot und Genevieve selbst kochte, putzte und um ein besseres Leben betete. Wenn sie bedachte, wie schwierig ihre eigene Lage zu jener Zeit gewesen war, so erkannte sie, dass sie und Baxter einander gerettet hatten.

„Mir geht es gut, Baxter“, sagte sie und war stolz darauf, wie sicher ihre Stimme klang. „Ein wenig einsam, das muss ich zugeben, aber ich gewöhne mich daran.“ Entschlossen unterdrückte sie ihre innere Stimme, die ihr zuflüsterte, dass sie sich tatsächlich entsetzlich einsam fühlte und weit davon entfernt war, sich daran zu gewöhnen. „Ich weiß deine Besorgnis zu schätzen, aber ich versichere dir, das ist nicht nötig.“

„Die Tränen in deinen Augen sprechen eine andere Sprache“, erklärte Baxter mit einem so finsteren Gesicht, dass es jeden erschreckt hätte, jeden außer Genevieve. Ganz bestimmt würde niemand vermuten, dass der kahlköpfige Riese mit Schenkeln so stark wie Baumstämmen und Fäusten wie Schinken so sanft wie ein Lamm war und die wunderbarsten Scones im ganzen Königreich backen konnte. Natürlich konnte er auch mit bloßen Händen einem Mann den Hals brechen, wenn es nötig war – ein Umstand, der Genevieve ein sicheres Gefühl gab. Eine allein lebende Frau konnte nie vorsichtig genug sein. Vor allem nicht eine Frau mit Geheimnissen. Geheimnissen, die möglicherweise Gefahr in ihr Haus brachten.

Sie richtete sich auf und sah ihm in die Augen. „Es sind Tränen des Glücks – für Catherine. Die bis über beide Ohren verliebt ist und London genießt.“ Sie war entschlossen, das Thema zu wechseln, und sagte: „Als du hereinkamst, sagtest du, es gibt etwas, das ich wissen sollte?“

Baxters Miene ließ keinen Zweifel daran, dass er das Thema gern weiter verfolgt hätte. Aber nachdem er tief geseufzt hatte, um anzudeuten, dass er genau wusste, dass sie nicht die Wahrheit sagte, erklärte er: „Dieser Kerl ist hier und fragt, ob du zu Hause bist.“

„Kerl? Was für ein Kerl?“

Baxter hielt ihr eine Besucherkarte hin. „Der, der Dr. Olivers Cottage gemietet hat.“

Ach ja. Baxter wusste immer, was in Little Longstone vor sich ging – nicht, dass es viel war – und hatte erwähnt, dass Olivers Cottage vermietet worden war. Vor einigen Monaten hatte der gute Doktor einen Landsitz geerbt. Ohne zu zögern hatte er seine Frau genommen und war zu neuen Weidegründen aufgebrochen.

Genevieve nahm die Karte und überflog, was darauf stand. Mr. Simon Cooper. Sein Zuhause lag in einem guten, wenn auch keinem reichen Teil Londons. Nichts war daran ungewöhnlich, doch ihr Misstrauen erwachte sofort. Das war in der letzten Zeit schon der zweite Neuankömmling. Zuerst Mr. Blackwell, der Künstler, dann dieser Mr. Cooper. Sofort kam ihr wieder der Gedanke, der immer irgendwo in ihrem Kopf lauerte: Wusste dieser Fremde irgendetwas? Hegte er einen Verdacht? Waren Beweise gegen sie gefunden worden?

Offensichtlich zeigte sich ihre Besorgnis auch in ihrem Mienenspiel, denn Baxter sagte: „Diesen Blick kenne ich. Du glaubst, er ist wegen deiner Schreiberei hier, oder? Wegen Charles Brightmore?“

Bei der Erwähnung ihres Schriftsteller-Pseudonyms schnürte es Genevieve die Kehle zu. „Glaubst du es?“

Baxter kratzte sich den kahlen Kopf. „Scheint mir nicht wahrscheinlich. Dafür sorgten vor Monaten schon diese Zeitschriftenartikel. Charles Brightmore hat England verlassen. Es gibt keinen Grund, hier nach ihm zu suchen.“ Baxter runzelte die Stirn. „Denn wenn dieser Kerl tatsächlich nach Charles Brightmore sucht, dann breche ich ihm die Nase. Da kannst du sicher sein. Ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert, Jinnie.“

Genevieves Anspannung ließ etwas nach. „Ich weiß. Und du hast recht – es ist allgemein bekannt, dass Brightmore England verlassen hat und nicht die Absicht hat, zurückzukehren.“

Baxter nickte. „Trotzdem, Vorsicht zahlt sich immer aus. Aber ich muss sagen, dieser Kerl sieht nicht aus wie so ein Detektiv. Mehr wie ein liebeskranker Verehrer, der gerade heute Morgen eingezogen ist und keine Zeit verschwendet, sondern gleich bei dir vorspricht. Er sagt, er ist gekommen, um sich vorzustellen, weil ihr für die nächsten zwei Wochen Nachbarn sein werdet.“ Er wedelte mit seinen kräftigen Fingern. „Ich war in Versuchung, ihn am Hosenboden zu packen und hinauszuwerfen, mitsamt seinen Geschenken, aber nun, da ich sehe, dass du ein kleines bisschen einsam bist, glaube ich, der Versuchung widerstehen zu können. Zumindest wenn ein wenig Gesellschaft dich zum Lächeln bringen kann.“

„Es ist immer besser zu vermeiden, jemanden am Hosenboden zu packen und hinauszuwerfen, außer, es ist absolut nötig“, sagte Genevieve so ernst, wie sie es nur vermochte. Dann zog sie die Brauen hoch. „Geschenke?“

„Er hat Blumen mitgebracht.“ Baxter verzog spöttisch den Mund. „Der Kerl sollte wissen, dass eine Frau wie du nur Diamanten verdient.“

Genevieve lachte. „Und du würdest natürlich überhaupt nicht misstrauisch sein, wenn ein Mann, den ich noch nie gesehen habe, mir Diamanten mitbringt.“

Eine unschuldige Miene ließ Baxters grobe Züge einen Moment lang milder erscheinen. „Das würde ich vermutlich, nun, da du es erwähnst.“ Dann runzelte er wieder die Stirn. „Aber heutzutage kann man niemandem mehr trauen. Der Kerl muss gehört haben, dass hier eine schöne Frau lebt, und was ist dann das Erste, was er tut? Kommt mit Blumen hierher, das tut er.“

Genevieve gelang es gerade noch, ein Lachen über Baxters Andeutungen zu unterdrücken. „Es gibt keinen Grund, sich deswegen zu sorgen.“ Dieser Teil ihres Lebens war vorbei. Sie warf einen Blick auf ihre behandschuhten Hände und presste die Lippen zusammen. Die Ärzte nannten ihre Krankheit Arthritis. Sie nannte es den Fluch, der ihr den Mann geraubt hatte, den sie liebte. Den Mann, der es nicht ertragen konnte, wenn sie ihn mit ihren nicht mehr perfekten Händen berührte. Warum sollte ein anderer Mann ihr Leiden mit anderen Augen betrachten? Die Antwort lautete: Das würde er nicht. Es war egal, ob Mr. Simon Cooper oder sonst wer bei ihr vorsprach. Sie hatte nicht die Absicht zuzulassen, dass man ihr noch einmal wehtat.

Als sie aufsah, bemerkte sie, dass Baxters Blick ihrem gefolgt war. Der Anflug von Mitleid, mit dem er ihre Handschuhe betrachtete, war ihr nicht entgangen. Rasch verschränkte sie die Hände hinter dem Rücken. Selbst wenn sie Baxters Besorgnis zu schätzen wusste, so wollte sie doch nicht sein Mitleid.

„Wie sieht dieser Mr. Cooper aus?“, fragte sie.

Er sah sie an und runzelte die Stirn. „Wie ein Kerl mit Blumen, den man an seinem Hosenboden hinauswerfen sollte.“

„Ich verstehe. Um welche Blumen handelt es sich?“

„Rosen.“

Ihre Lieblingsblumen. Natürlich konnte Mr. Cooper das nicht wissen.

Unter normalen Umständen hätte sie Baxter gebeten, Mr. Cooper zu sagen, dass sie nicht zu Hause war. Gesellschaftliche Begegnungen außerhalb ihres kleinen Freundeskreises interessierten sie nicht sehr, und abgesehen von gelegentlichen Besuchen im Dorf blieb sie für sich. Doch seit Catherines Fortgehen waren die Umstände nicht mehr normal. Der Besuch eines Rosenkavaliers mochte nicht ideal sein, aber zumindest wäre es eine Abwechslung in der Reihe von langweiligen, einsamen Tagen.

„Du kannst Mr. Cooper hereinführen“, sagte sie zu Baxter.

Nachdem Baxter hinausgegangen war, stand sie auf und ging zum Fenster. Wehmut und Einsamkeit überkamen sie beim Anblick der goldenen Blätter, die an den Fensterscheiben vorüberwehten. Normalerweise würde sie um diese Jahreszeit mit Catherine durch ihren geliebten Garten schlendern und besprechen, welche Pflanzen zurückgeschnitten werden und welche im Frühjahr neu gepflanzt werden sollten. Und sie sollte sich auf Little Longstones jährliches Herbstfest freuen, das morgen stattfand, und nicht in Trübsal versinken.

Sie seufzte tief auf, und das Glas beschlug, sodass sie sich zurücklehnte und die Scheibe abwischte. Dabei schob sie das Neidgefühl beiseite, das in ihr aufstieg. Sie freute sich für Catherine, wirklich. Das verzweifelte, schmerzliche Gefühl der Leere würde vergehen. Als eine innere Stimme ihr zuflüsterte, sie machte sich etwas vor, straffte sie die Schultern und hob das Kinn. Unsinn. Sie war nicht allein. Sie hatte Baxter. Und Sophia. Und heute hatte sie auch Mr. Cooper. Und das musste ganz einfach genügen. Sie hatte sehr schmerzlich erfahren müssen, was geschah, wenn man zu viel vom Leben erwartete.

Natürlich war Mr. Cooper vermutlich von Krankheit gebeugt und betagt und hatte ein Cottage in Little Longstone aus denselben Gründen gemietet wie die meisten anderen Leute – wegen des medizinischen Nutzens der heißen Quellen. Wie auch Genevieves Anwesen besaß Dr. Olivers eine eigene private Quelle, die für Mr. Cooper zweifellos die Hauptattraktion darstellte. Vermutlich wollte er sich über seine verschiedenen Leiden unterhalten. Sie zuckte die Achseln. Wenigstens war er jemand, mit dem sie reden konnte. Sophia war eine gute Zuhörerin, aber leider keine gute Gesprächspartnerin.

„Mr. Cooper für Sie“, hörte sie Baxters Stimme von der Tür her. Sie drehte sich um und erstarrte beim Anblick des ganz und gar nicht betagten Mr. Cooper, der keineswegs von Krankheit gebeugt war. Tatsächlich wäre sie erstaunt, wenn er die dreißig bereits überschritten hätte. Vor Überraschung hatte es ihr ganz ungewohnterweise die Sprache verschlagen, und sie starrte ihn einfach nur an. Er wirkte ähnlich verblüfft wie sie. Aus grünen Augen sah er sie durchdringend an, und ein paar Sekunden lang vermochte sie sich nicht zu rühren, vergaß sogar zu atmen. So wie er sie ansah – als würde er sie kennen. Aber das war lächerlich. Sie waren einander noch nie begegnet. Diesen Mann hätte sie nicht vergessen.

Der seltsame Bann, unter dem sie stand, wurde gebrochen, als er mit einer Anmut auf sie zuging, die keinen Zweifel daran ließ, dass er keinesfalls unter irgendwelchen Gebrechen litt. Stattdessen war dieser hochgewachsene, gut aussehende, breitschultrige Mann das gesündeste Wesen, das sie seit Langem gesehen hatte, eine Tatsache, die sogleich ihr Misstrauen neu erweckte. Warum mietete er ein Cottage in einem obskuren Dorf wie Little Longstone und nicht in einem modischeren Ort wie Brighton oder Bath?

Vor ihr blieb er stehen und verneigte sich förmlich. „Mrs. Ralston“, sagte er mit tiefer, ein wenig heiserer Stimme. „Simon Cooper. Ihr neuer Nachbar, zumindest für die nächsten vierzehn Tage. Ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Genevieve ertappte sich dabei, dass sie in diese betörenden grünen Augen sah, in denen etwas lag, das sie nicht enträtseln konnte – etwas, das auf unerklärliche Weise ihr Blut in Wallung versetzte, sodass ihr warm wurde an Stellen, die schon lange keine Glut mehr empfunden hatten.

Gewiss wurde ihr nur heiß, weil er sie überrascht hatte, nicht, weil sie sich zu ihm hingezogen fühlte – oder er sich zu ihr. Sie warf einen Blick auf ihre behandschuhten Hände. Das alles hatte sie hinter sich.

Als sie die Fassung zurückgewonnen hatte, neigte sie den Kopf. „Ganz meinerseits, Mr. Cooper.“

Er reichte ihr den Strauß rosa Rosen. „Für Sie.“ Dabei lächelte er und lenkte damit die Aufmerksamkeit auf seinen Mund. Seinen sehr schönen Mund. Die Sorte Mund, die fest und weich aussehen konnte, ernsthaft und sinnlich, alles zugleich. Seine perfekt geformten Lippen sahen aus, als wüsste er, wie man küsst. Sehr genau.

Nach kurzem Zögern griff sie nach den Blumen. Wie sie es immer tat, vermied es dabei sorgfältig, ihn zu berühren. Doch er bewegte die Hand, und sie streifte seine Finger, erstarrte. Wärme durchdrang ihre dünnen Handschuhe, sodass eine Gänsehaut ihren Arm überlief, etwas, das sie überraschte und beunruhigte. So ein Erschauern hatte sie schon lange nicht mehr verspürt. Sie zog ihre Hand weg und trat ein paar Schritte zurück. „Vielen Dank“, murmelte sie. „Ich mag Rosen.“

Sie brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, daher ging sie über den türkischen Teppich und zog an dem Glockenstrang, um nach Baxter zu läuten. Als er beinahe sofort in der Tür stand, hielt sie ihre Nase in die Blumen, um ein Lächeln zu verbergen. Offenbar hatte er im Korridor gestanden und abgewartet, ob er den Gast in die Hecke werfen müsste.

„Eine Vase für diese hier, Baxter, bitte“, sagte sie und reichte ihm den Strauß. Dann wandte sie sich an ihren Gast. „Möchten Sie etwas Tee, Mr. Cooper?“

„Das wäre reizend, vielen Dank.“

Sie warf Baxter, der abwechselnd die Rosen und Mr. Cooper ansah, einen warnenden Blick zu. Nach einem letzten finsteren Stirnrunzeln verließ Baxter das Zimmer.

Als sie sich wieder Mr. Cooper zuwandte, stellte sie fest, dass er den jetzt verlassenen Türrahmen mit einem belustigten Ausdruck ansah. „Ich glaube, Ihr Butler versuchte, mich mit seinen Blicken zu vernichten.“

„Er will mich beschützen.“

Er sah sie an, und um seine Lippen zuckte es. „Tatsächlich? Das hatte ich gar nicht bemerkt.“

Die Tatsache, dass Mr. Cooper Baxter amüsant und nicht Furcht einflößend fand, weckte ihre Neugier noch mehr. Sie trat zu den Stühlen am Kamin, in dem ein munteres Feuer knisterte. „Bitte kommen Sie“, sagte sie einladend, nahm auf ihrem liebsten Sessel Platz und deutete auf das Sofa ihr gegenüber.

„Vielen Dank.“

Sie sah zu, wie er sich setzte, und bemerkte, wie seine nachtblaue Jacke seine breiten Schultern betonte, und wie die rehfarbene Hose und die kniehohen Stiefel sich an seine langen, muskulösen Beine schmiegten. Welche Empfehlungen Mr. Cooper auch immer hatte oder nicht hatte, er war zweifellos sehr gut aussehend.

Sie hob den Blick und stellte fest, dass er sie mit einer Intensität ansah, die eine Frau mit weniger Selbstvertrauen dazu gebracht hätte, nervös zu werden. Wäre sie noch fähig zu erröten, hätten ihre Wangen wohl gebrannt, weil er sie ertappt hatte, dass sie ihn so gründlich ansah. Ein Mann mit seinem Aussehen war zweifellos an weibliche Aufmerksamkeit gewöhnt.

„Was führt Sie nach Little Longstone, Mr. Cooper?“

„Ein kurzer Urlaub. Mein Arbeitgeber hat gerade geheiratet und eine Hochzeitsreise auf den Kontinent unternommen.“ In seinen Augen funkelte es übermütig, und er zog einen Mundwinkel hoch. „Ich weiß auch nicht, warum er nicht wollte, dass ich ihn begleite, aber Sie sehen es ja. Ich beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, und selbst wegzufahren.“

Hm. Genevieve erkannte, dass er scherzte, dennoch, sie konnte sich vorstellen, dass sein Arbeitgeber diesen entsetzlich gut aussehenden Mann nirgendwo in der Nähe seiner neuen Gemahlin haben wollte.

„Und warum haben Sie Little Longstone gewählt?“

„Dr. Oliver ist ein Bekannter und hat mir freundlicherweise angeboten, sein Cottage zu nutzen. Ich freue mich darauf, mich in dieser klaren Landluft zu erholen.“

„Das war sehr großzügig von ihm. Ich hoffe, Dr. Oliver geht es gut?“

„In der Tat, sehr gut. Seine Frau erwartet in diesem Frühjahr ihr erstes Kind.“

Genevieve lächelte. „Wie schön. Ich muss Ihnen schreiben, um zu gratulieren. Sagen Sie, was machen Sie in London?“

„Ich bin Verwalter bei Mr. Jonas-Smythe. Vielleicht haben Sie von ihm gehört? Er ist einer der Jonas-Smythes aus Lancashire.“

Genevieve schüttelte den Kopf. Um sich besser mit Richard unterhalten zu können, hatte sie einst gelernt, wer zu Londons Elite gehörte und was diese Leute taten, aber mehr auch nicht. „Ich fürchte nicht. Ich war noch nie in Lancashire und bin seit einigen Jahren nicht mehr in London gewesen.“

„Sie sind in Little Longstone aufgewachsen?“

„Nein.“ Wäre sie tatsächlich in diesem ruhigen, reizenden Dorf aufgewachsen, ihr Leben wäre anders verlaufen. „Ich habe mich vor einigen Jahren hier niedergelassen.“

„Und warum wählten Sie Little Longstone?“

Sie sah keinen Grund, ihm die Wahrheit zu verschweigen. „Vor allem die Nähe zu den Quellen. Ich finde sie sehr heilsam. Ich habe mich außerdem in die Umgebung verliebt – die Wälder und das ruhige Dorf.“

„Und was ist mit Mr. Ralston? Genießt er die Quellen ebenfalls?“

Sie zögerte. Sowohl die Frage als auch sein Verhalten waren vollkommen natürlich, doch etwas ließ sie innehalten. Vielleicht sein durchdringender Blick? Eine leichte Veränderung in seinem Tonfall? Ja, es schien ein wenig von beidem zu sein. Konnte seine Frage mehr bedeuten als nur freundliche Neugierde oder eine beiläufige Konversation? Es schien so. Tatsächlich überlegte sie – konnte sein Interesse an ihrer Antwort – persönlicher sein? Fand er sie – anziehend?

Sofort schob sie diesen lächerlichen Gedanken beiseite. Gewiss irrte sie sich. Wirklich, es war so lange her, seit sie in der Gesellschaft eines jungen, gut aussehenden Gentleman gewesen war, dass sie vollkommen vergessen hatte, wie die Zeichen zu lesen waren, die Männer aussandten.

„Ich fürchte, Mr. Ralston – ist von uns gegangen.“ Diese Worte flüsterte sie jedes Mal, wenn sie nach ihrem Ehemann gefragt wurde, denn sie stimmten. Sie wollte nicht gern lügen, wenn es nicht absolut unvermeidlich war. Mr. Ralston gab es nicht mehr – denn es hatte ihn nie gegeben. Sie hatte nur einen Mann in ihrem Leben geliebt, und Richard hatte ihr nie die Ehe angeboten. Natürlich hatte sie gewusst, dass Männer nicht ihre Mätressen heirateten, vor allem nicht Männer von Adel. Gentlemen von Rang mochten ihrer Bettgefährtin ihr Herz schenken, aber ihren Namen gaben sie nur einer Frau aus ihrer eigenen gesellschaftlichen Schicht. Die Rolle der Witwe einzunehmen hatte ihr indes geholfen, das nötige Ansehen zu gewinnen, um in diesem ruhigen kleinen Dorf zu leben, das sie zu ihrem Zuhause gewählt hatte. Und als Richard sie verstoßen hatte, hatte sie sich tatsächlich wie eine Witwe gefühlt, die ihren Lebensgefährten verloren hatte.

„Von uns gegangen?“, wiederholte Mr. Cooper. „Sie meinen, er ist fort? Für den Nachmittag?“

Offensichtlich war eine direkte Lüge notwendig. Genevieve schüttelte den Kopf. „Nein. Er ist verstorben.“

Seine Miene wurde ernst. „Mein Beileid zu Ihrem Verlust.“

„Danke. Es geschah vor einigen Jahren.“

„Vor einigen Jahren?“, wiederholte er leise. Er ließ den Blick über sie gleiten, und als er ihr wieder in die Augen sah, stockte ihr der Atem, als sie das unverkennbare Interesse und die Bewunderung in den grünen Augen las. „Sie müssen als Kind geheiratet haben.“

Ein Schauer, den sie lange nicht mehr empfunden hatte, überlief Genevieve, und diesmal war sie sicher, dass sie sich nicht täuschte. Nur weil sie für einige Zeit nicht im Rennen gewesen war, bedeutete das nicht, dass sie die Spielregeln vergessen hatte.

Mr. Cooper flirtete mit ihr.

Diese Erkenntnis verblüffte sie. Betörte sie. Es war zu lange her, seit ein Mann sich auf diese Weise für sie interessiert hatte. Der letzte Mann war Richard gewesen.

Dann kehrte sie in die Wirklichkeit zurück, und als hätte sie einen Schlag ins Gesicht bekommen, blickte sie hinunter auf ihre Hände. Richard hatte ihre Berührungen nicht mehr gewollt. Sie hatte ihre Lektion gelernt. Gut gelernt. Auf welche Weise Mr. Cooper sich auch zu ihr hingezogen fühlen mochte, das Gefühl würde schnell erlöschen, wenn er sah, welche Unvollkommenheit ihre Handschuhe verbargen.

Genevieve hob den Kopf, sah ihn an und räusperte sich. „Wir waren nicht sehr lange verheiratet, ehe er starb. Und Sie, Mr. Cooper – sind Sie verheiratet?“

„Nein. Durch meine Arbeit für Mr. Jonas-Smythe reise ich viel, daher bleibe ich nie lange genug an einem Ort, um tiefere Beziehungen einzugehen.“ Ein Lächeln, das man nur als übermütig bezeichnen konnte, erschien auf seinem Gesicht. „Bisher wollte noch keine Frau mich haben.“

Kaum gelang es Genevieve, das ungläubiges „Ha!“ zu unterdrücken, das ihr auf der Zunge lag. Sie bezweifelte nicht, dass so viele Frauen, wie er wollte, ihn haben wollten – auf jede Art, die er wollte. Vermutlich ließ er jede Menge gebrochener Herzen zurück, wohin er auch kam. Die unverheirateten Damen von Little Longstone würden Mr. Cooper umschwärmen wie Motten das Licht. Wie viele von ihnen würden ihr Herz an diesen unerträglich gut aussehenden Mann verlieren? Sie wusste es nicht. Aber sie würde keine von ihnen sein.

4. KAPITEL

Genevieve war erleichtert, als Baxter hereinkam. Er brachte ein Tablett mit dem silbernen Teeservice, einem Teller mit Scones, dicker Sahne und ihrer liebsten Himbeerkonfitüre. Mr. Cooper hatte sie in einer Weise aus der Fassung gebracht, die ihr gefiel, sie aber auch verwirrte, und es war ihr angenehm, dass jetzt Baxter anwesend war.

Nachdem er alles vor ihr auf den Tisch gestellt hatte, schenkte Baxter den Tee ein. Seine riesigen Hände gingen mit dem zierlichen Porzellan wesentlich geschickter um, als sie es tun könnte. Sobald er fertig war, richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und ließ die Fingerknöchel knacken.

„Brauchen Sie sonst noch etwas?“, fragte er Genevieve und warf Mr. Cooper einen misstrauischen Blick zu. Mr. Cooper schenkte ihm daraufhin ein Lächeln, was Baxters Miene nur noch mehr verfinsterte.

„Nein danke, Baxter.“

Baxter ging zur Tür, und das Porzellan im Schrank klirrte bei seinen schweren Schritten. „Schreien Sie, wenn Sie mich brauchen. Ich bleibe in der Nähe.“ Damit verließ er den Raum.

„Sollte ich so dumm sein, Ihnen irgendeinen Grund zu geben zu schreien, werde ich meine inneren Organe zweifellos in Baxters großen Händen wieder finden“, sagte Mr. Cooper in ernstem Ton.

„Ihre inneren Organe wären dann äußere“, pflichtete Genevieve ihm bei und bedeutete ihm, sich Milch und Zucker für den Tee zu nehmen.

„Wie Sie sagten, er ist Ihr Beschützer“, sagte Mr. Cooper und wandte den Blick nicht von ihr, als er ein Zuckerstück in seinen dampfenden Tee fallen ließ. „Aber das sollte er auch sein. Er hat einiges zu beschützen.“

Wieder wurde es Genevieve heiß, und diesmal ärgerte es sie. Mit zweiunddreißig war sie weit über das Alter hinaus, sich von den Schmeicheleien eines Mannes den Kopf verdrehen zu lassen. Doch eine innere Stimme flüsterte: Es ist lange her, seit ein Mann dir geschmeichelt hat.

Ja, offenbar bestand darin das Problem. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie – abgesehen von Baxter – mit keinem Mann mehr allein gewesen war, seit Richard sie weggeworfen hatte wie ein Stück Abfall. Und es ließ sich nicht leugnen, dass Mr. Cooper außerordentlich attraktiv war. Kein Wunder, dass ihr so unangenehm warm war. Und dass es ihr ungewöhnlicherweise die Sprache verschlagen hatte.

Sie sah zu, wie er weitere vier Stück Zucker in seine Tasse fallen ließ – so viel, dass die Flüssigkeit darin beinahe über den Rand trat. Um ihre Mundwinkel zuckte es. „Möchten Sie etwas Tee für Ihren Zucker, Mr. Cooper?“, fragte sie und hob die Tasse an die Lippen, um ihr Lächeln zu verbergen.

Er hob ebenfalls seine Tasse und sah sie über den Rand hinweg ruhig an. „Ich mag Süßes. Sie auch?“

„Ich glaube ja, obwohl ich Baxters Himbeerkonfitüre bevorzuge. Sie müssen davon kosten.“

Sie sah zu, wie er die Sahne und die Konfitüre auf das Gebäck strich. Seine Hände waren von der Sonne gebräunt, sie wirkten groß und geschickt, die Finger lang und kräftig. Auf dem Zeigefinger befand sich noch der Rest eines Tintenflecks, kein Wunder bei seiner Tätigkeit. Vermutlich verbrachte er viele Stunden damit, Zahlenreihen aufzuschreiben, um für seinen Dienstherrn die Bücher zu führen.

Ein Bild erschien vor ihrem inneren Auge – wie er mit diesen so männlichen Händen über ihr Haar strich, die Nadeln herauszog, ihren Kopf umfangen hielt, während er sich vorbeugte, um sie mit seinen festen Lippen zu berühren. Dann ließ er die Hände tiefer gleiten …

„Stimmen Sie mir da nicht zu, Mrs. Ralston?“

Bei diesen Worten, die er mit seiner tiefen Stimme sprach, zerplatzte die sinnliche Vorstellung wie eine Seifenblase. Himmel, was stimmte denn nicht mit ihr? Solche Gedanken hatte sie sonst nie. Er sah sie erwartungsvoll an. Offenbar hatte er sie etwas gefragt – und wollte hören, ob sie seine Meinung teilte. Leider hatte sie nicht die geringste Ahnung, um was es dabei ging.

„Zustimmen?“, murmelte sie, und ihr kühles Verhalten stand in völligem Gegensatz zu ihrem rasch schlagenden Herzen.

„Dass wir unseren Schwächen nachgeben sollten.“

Fasziniert sah sie zu, wie er von dem Scone abbiss und langsam kaute. Dann fasste sie sich, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ihre Worte schienen sich in Luft aufzulösen, als er schluckte und sich dann Konfitüre von den Lippen leckte. Bei dieser kleinen Bewegung durchlief es sie so heiß, als hätte er über ihre Lippen geleckt und nicht über seine, und zu ihrem Entsetzen ertappte sie sich dabei, dass sie seine Bewegung nachahmte. Sein Blick fiel auf ihren Mund, und Glut flackerte in seinen Augen auf.

„Ich – ich vermute, es kommt darauf an, um welche Schwächen es sich handelt“, murmelte sie. Liebe Güte, war das ihre Stimme? „Und ob sie innerhalb der eigenen Möglichkeiten liegen.“

Er sah ihr wieder in die Augen. „Möglichkeiten?“

„Wenn man eine Schwäche für Diamanten hegt, aber nicht die Mittel hat, sie zu kaufen, dann ist dies eine Schwäche, der nicht nachgegeben werden sollte.“

„Wenn man sich nicht verschulden möchte.“

„Oder nach Newgate gehen wegen Diebstahls.“

„Gehören Diamanten zu Ihren Schwächen, Mrs. Ralston?“

Sie dachte an das bezaubernde Halsband und die dazu passenden Ohrringe, die Richard ihr geschenkt hatte, Kleinigkeiten, die sie verkauft hatte, kurz nachdem er sie verstoßen hatte. „Nein. Ehrlich gesagt, ich mache mir nichts daraus. Ich finde sie kalt und leblos. Mir sind Saphire weitaus lieber, auch wenn ich das nicht als Schwäche bezeichnen würde.“

„Was würden Sie als Ihre Schwäche bezeichnen?“

Sie erwog die Möglichkeit, über diese Frage mit einem kurzen Lachen hinwegzugehen und dann das Thema zu wechseln, doch wenn sie das tat, würde sie ihn nicht nach seinen Schwächen fragen können. Und die würde sie zu gern kennenlernen.

„Blumen“, erwiderte sie. „Vor allem Rosen.“

„Irgendeine besondere Farbe?“

„Rosa ist mir am liebsten.“

Er lächelte ihr zu, und ihr stockte der Atem. Himmel, er war so schön, wenn er ernst war, aber wenn er lächelte … o je! „Ich bin entzückt, dass ich Ihnen nicht nur ihre Lieblingsblumen mitgebracht habe, sondern auch noch in Ihrer Lieblingsfarbe. Was noch?“

Es dauerte einen Moment, ehe ihr wieder einfiel, worüber sie gerade gesprochen hatten. Dann räusperte sie sich. „Katzen. Bücher. Kunstgegenstände.“

Er nickte und sah sich in dem Zimmer um. „Sie besitzen einige schöne Stücke.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf das Gemälde, das über dem Kaminsims hing. „Dieses Stück vor allem ist bemerkenswert. Es ist so lebendig, dass ich beinahe zu spüren glaube, wie mir die Gischt ins Gesicht spritzt.“

Genevieve sah zu dem Bild, das sie gemalt hatte, sah die Wogen, die gegen die Felsen schlugen, und dachte daran, wie sie als junges Mädchen zum ersten Mal mit einem Pinsel eine Leinwand berührt hatte – so voller Hoffnung, die Hände noch ohne die Arthritis, die sie Jahre später als Erwachsene treffen würde, ihr Talent zerstören und ihr das Herz brechen.

Dann betrachtete sie die Frau, die oben auf den Klippen stand, inmitten von wilden Blumen, den Blick auf das Meer gerichtet, die Miene undurchdringlich, doch Genevieve wusste, wer sie war. Oder doch zumindest, wer sie sein sollte.

„Danke. Es ist eines meiner Lieblingsstücke.“

Er erhob sich, ging zu dem Kaminsims und beugte sich vor, um das Gemälde gründlicher betrachten zu können. „Die Strichführung ist ungewöhnlich“, sagte er.

Genevieve zog die Brauen hoch. Für einen Verwalter zeigte er ungewöhnlich viele Kenntnisse. „Sie verstehen etwas von Kunst?“

Er zögerte einen Moment, bevor er sich umdrehte und ihr über die Schulter hinweg zulächelte. „Da Mr. Jonas-Smythe seine Sammlung ständig erweitert, muss ich ein wenig davon verstehen.“ Er kehrte zu seinem Platz zurück. „Das Bild ist nicht signiert.“

„Nein.“ Sie signierte niemals eines ihrer Werke, eine Frage der Diskretion, denn Richard hatte viele ihrer Bilder in seinen Häusern.

„Woher haben Sie es?“

„Es ist ein Geschenk.“ Von ihr an sich selbst, insofern stimmte es, auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach. Aber sie beabsichtigte nicht, ihm die Wahrheit zu sagen.

Er ließ den Blick zur Tür schweifen, und sie folgte ihm. Sophia kam herein, den Schwanz hoch aufgereckt, und ihre ganze Haltung ließ keinen Zweifel daran, dass dies ihr Haus war und jeder, der sich darin aufhielt, von Glück sagen konnte, dass sie es ihm erlaubte.

„Wie es scheint, wurde Ihre Bemerkung über Ihre Schwäche für Katzen gehört.“

„Das ist Sophia. Ich fürchte, sie ist sehr scheu …“

Sie verstummte, als ihr Haustier, das sich gewöhnlich Fremden nur dann näherte, wenn sie ihr Futter anboten, auf Mr. Cooper zuging, als hinge ihm eine Kette aus Fischen um den Hals. Zu Genevieves Überraschung sprang Sophia ohne Zögern auf Mr. Coopers Schoß. Sie stupste seine Rockaufschläge mit der Vorderpfote an, wischte mit ihrem pelzigen Schwanz über seine Nase und ließ sich dann auf seinen Schenkeln nieder, als wäre dies ihr persönlicher Schlafplatz. Während sie die Pfoten in Mr.

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