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Quasarmagie

Jürgen Friemel

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Ragnor Saga: Die Hüter AMAs - Band 1


Ich möchte mich ganz besonders bei Beate Rocholz für ihr großartiges Cover-Design bedanken, welches der gesamten Saga ein Gesicht gegeben hat.


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Prolog

Seit Äonen herrschte Gleichgewicht zwischen Ama, den vorwärts drängenden Mächten der Schöpfung und den zerstörenden Mächten des Nichts, genannt Ximon, in der Galaxis Andromeda.

            Doch dann, vor etwas mehr als tausend Standardjahren gelang es Ximons Knechten den Grauen Legionen die, auch “Hüter” genannten, Paladine Amas, zu vernichten und die Herrschaft über die gesamte Galaxis an sich zu reißen. Ximon unterjochte die Welten und es gelang seinen Schergen, einige von diesen Völkern auf seine Seite zu ziehen. Der Großteil der Weltenvölker widerstand jedoch dieser Versuchung.

            Der Preis für ihre Standhaftigkeit war groß: Systematisch zerstörten die Grauen Legionen alle Hochtechnologie auf diesen Planeten und töteten die Intelligenz, um jede Fortschrittlichkeit schon im Keim zu ersticken. Dies ließ die meisten der einst so mächtigen Sternenreiche Andromedas schnell zerfallen. So brach auch der Raumverkehr zwischen den Welten, die sich Ximons Herrschaft nicht unterworfen hatten, schnell zusammen. Viele der Planeten stürzten dabei um Jahrhunderte zurück, in Kulturstufen, die sie längst überwunden zu haben glaubten.

            Die Grauen Legionen Ximons verdammte dieser Zusammenbruch der komplexen interstellaren Verbindungen aber auch zu einem, immer ineffizienter werdenden, Zerstörungsfeldzug. Sie verzettelten sich in Aktionen, die auch weniger hoch entwickelten Welten, die weiter Ama anhingen, zu suchen, um deren technische Potenziale ebenfalls zu zerstören und auch sie in die Primitivität zurückzustoßen.

            So verharrten die Völker Andromedas in Agonie unter der Knute von Ximons Kreaturen. Sie verbargen ihre technischen Errungenschaften, soweit sie diese nicht bereits verloren hatten, vor den erbarmungslosen Schergen der Dunkelheit.

            Trotz dieser Rückschläge hielt sich sowohl auf den entwickelten, als auch auf den meisten primitiven Welten der Glaube an Ama, der die Hoffnung und die Schöpfung verkörperte. Es wurde von einer Prophezeiung berichtet, dass die Hüter Amas eines Tages zurückkehren würden, um den Horden des Ximon, Einhalt zu gebieten.

            Vor diesem Hintergrund beginnt unsere Geschichte auf dem Planeten Makar, der in einem sternenarmen Sektor am Rande von Andromeda liegt. Er umkreist in stiller Einsamkeit eine große rote Sonne, begleitet von zwei Monden. Die Zivilisation von Makar ist in eine, dem Erdmittelalter vergleichbare, Epoche zurückgefallen. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist nur noch auf nebulöse Sagen beschränkt, die ihre größeren historischen Zusammenhänge längst verloren haben.

Orte der Handlung

Kapitel 1

Morgen war der heiß ersehnte Geburtstag! Endlich würde er vierzehn Jahre alt werden und damit zu den Erwachsenen gehören.

            Ja für Ragnor, den jüngsten Bewohner von Calfors Klamm, war dies ein wichtiges Ereignis, da er schon übermorgen mit Rurig und Menno das erste Mal auf die große Jagd würde gehen dürfen.

            Wie lange hatte er darauf gewartet! Eine warme Erregung stieg in ihm auf und ließ ihn jedes Mal erschauern, wenn er nur an den morgigen Tag dachte. Endlich würde er erwachsen sein, sodass Tana ihm nicht mehr verbieten konnte, mit den Männern auf die Jagd zu gehen. Besonders der alte Lars, der Ragnor in den ganzen letzten Jahren alles beigebracht hatte, was er wissen musste, um ein nützliches Mitglied der Jagdgemeinschaft zu werden, würde sich mit ihm freuen, wenn sich sein sehnlichster Wunsch endlich erfüllte.

            Die meisten Dinge konnte er, und davon war er fest überzeugt, bereits ziemlich gut, wenn auch manche Tätigkeiten, wie etwa das Ausnehmen von Wild, nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählten. Ganz in Gedanken versunken, ließ er die, hinter ihm liegende, Ausbildungszeit noch einmal im Geiste passieren. Lars hatte immer gesagt, ein guter Jäger müsse alles können und jede Arbeit tun, die notwendig war. „Nur mit dem Bogen auf hundert Schritt den Blauhirsch zu treffen, nützt uns gar nichts, wenn man das Fleisch nicht bergen und verarbeiten kann”, pflegte der Alte dann immer zu sagen.

             

            Ja, das Bogenschießen war Ragnors große Leidenschaft. Er mochte ihn als Jagdwaffe viel lieber als den schweren Speer, der vor allem für Jagd von wilden Grausauen gebraucht wurde. Er konnte schließlich auf hundert Schritt nicht nur einen Hirsch, sondern sogar ein Kaninchen treffen. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit Stolz, während er versonnen quer über das schmale Tal die tief stehende Nachmittagssonne beobachtete, wie sie sich langsam auf den Hundskopf, einen mächtigen Berg auf der anderen Seite des Tales, zubewegte.

             

            Wieder musste er daran denken, was ihm Lars damals gesagt hatte, als er anfangs, um sich im Bogenschießen zu üben, mit blinder Begeisterung auf Kaninchen geschossen hatte, und dabei viel mehr geschossen hatte, als Tana in der Küche hatte verbrauchen können. Er hatte ihn mit ernster Miene ermahnt, dass die Menschen in den Bergen die Tiere des Waldes nur erlegen, weil sie etwas zu essen brauchten, aber niemals nur zum Spaß. Im Anschluss hatte ihm Lars auch erzählt, dass Calfors Klamm nur ein kleines Tal am Rand des großen Nordwaldes war. Dieses Tal war, gemessen an all den Wundern ihres Heimatplaneten, in der unendlichen Weite von Makar nur ein kleines Sandkorn. Ja, es gab Vieles, dass Ragnor noch nicht gesehen hatte, weil er bisher nie aus seinem Tal herausgekommen war. Aber das würde sich nun ändern. Übermorgen war es endlich soweit, er würde das erste Mal mit den Jägern über den Pass auf die Jagd in den großen Wald ziehen.

            Plötzlich musste Ragnor niesen, was seine Träumereien abrupt unterbrach, und ihn in die Wirklichkeit zurückkehren ließ. Die gelbrote Sonne von Makar, die sich bereits dem Ende ihrer Tagesbahn näherte, hatte ihn in der Nase gekitzelt, während er auf seinem Lieblingsplatz unter der großen Roteiche seinen Träumen nachgehangen hatte. Nun sprang er auf und blickte ins Tal hinunter, wo die Sonne schon recht tief stand. Es wurde ihm schlagartig bewusst, dass er eigentlich schon lange hätte zu Hause sein müssen. Er nahm rasch den Fellbeutel mit den Kräutern auf, die er für Tana gesammelt hatte, packte Köcher und Bogen zusammen und brach eiligst auf.

             

            Sein Weg führte zwischen hohen Bäumen steil bergab. Auf dem Rohnsitz, einem kleinen Vorsprung, der aus den Felsen über den Rand des Tales hinausragte, blieb er kurz stehen und schaute nochmals ins Tal hinunter. Von hier aus konnte man die Hütte, den Stall und die Scheune gut erkennen. Sie standen unter vier riesigen Roteichen einige Schritt vom Bach entfernt, der sich tief in das Gestein des Tales eingegraben hatte, wo er, wie alle Wildbäche hier im Gebirge, sehr schnell dahinfloss bis er kurz vor dem Aufstieg zum Pass in einer dunklen Spalte in der Felswand verschwand.

             

            Ragnor konnte aus dieser Entfernung sogar den langen bunten Rock der alten Tana erkennen, die gerade einen Eimer Wasser am Brunnen holte, der sich auf dem Vorplatz der Hütte befand. Sie ärgerte sich sicherlich schon darüber, dass er nicht rechtzeitig zurückgekommen war, um ihr bei der Zubereitung des Abendessens zu helfen. Er blinzelte kurz und kniff die Augen gegen die tief stehende Sonne zusammen. Jetzt konnte er auch Lars erkennen. Der alte Mann stand bei Menno am Stall, wo die beiden heute einen neuen Balken ins Vordach eingesetzt hatten, weil der ursprüngliche Balken schon zu morsch geworden war, um die Last des Daches weiterhin tragen zu können.

            „Nun wird es höchste Zeit, dass ich ins Tal komme, sonst wird mir Tana die Ohren lang ziehen”, schoss es Ragnor durch den Kopf. Der Gedanke an Tanas lange und mit schriller Stimme vorgetragene Tiraden, beschleunigte nun seine Schritte. Schließlich rannte er, nachdem er den steinigen Bergpfad verlassen hatte, die karge Bergwiese hinab, auf der im Sommer oft die Ziegen grasten, bis hinunter zum Bach. Nach einem kurzen, kraftvollen Lauf hatte er die Brücke erreicht, die Menno vor Jahren aus hellem Fichtenholz über den Bach gebaut hatte.

            Da hatte ihn Lars schon gesehen und rief: „Da bist du ja Ragnor, du hast dich aber verspätet! Tana hat schon mehrmals nach dir gefragt. Mach nur, dass du schnell reinkommst und die Kräuter ablieferst.”

            Dabei grinsten er und Menno über beide Ohren, was Ragnor gar nicht nett fand. Er verzog sein Gesicht zu einem hilflosen Lächeln, da er vermutete, dass ihn jetzt Tana gleich wieder ausschimpfen würde.

            Als er schließlich nach einem kurzen Spurt an der Hütte angekommen war, verschnaufte er einen Moment auf der Veranda. Nachdem er dort einige Male kräftig durchgeatmet hatte, hob er leicht resignierend die Schultern und drückte das Kreuz durch. Es half alles nichts. Also ging er mit kräftigen Schritten über die hölzerne, aus mächtigen Dielen gefügte, Veranda auf die halb geöffnete, vom Alter ganz dunkel gewordene, eichene Eingangstür zu.

            Er betrat die große Hütte, die aus einem Wohnraum mit einer großen Feuerstelle und vier Schlafräumen bestand. Kaum war er durch die schwere Tür getreten, hatte ihn Tana auch schon gesehen.

            „Ragnor, du unverbesserlicher Träumer, hast du das Heimkommen wieder mal vergessen?”, warf sie ihm entgegen. Indessen horchte er überrascht auf, denn ihre Stimme war gar nicht so barsch wie sonst, wenn er sich verspätet hatte, sondern klang locker und eher ironisch amüsiert. Vorsichtig schaute Ragnor zu ihr auf, nachdem er zuvor in Erwartung der Standpauke die Schultern angespannt und die Augen gesenkt gehalten hatte.

            Er blickte in ihr vertrautes Gesicht, das von tausend Runzeln durchzogen war und in zwei gar nicht zornige braune Augen. Was war nur los? Vor Überraschung brachte er kein Wort heraus. Die ganze schöne Ausrede, die er sich zurechtgelegt hatte, da er mit der üblichen lang anhaltenden Standpauke gerechnet hatte, war nun wie weggeblasen.

            „Na Ragnor, keine deiner sonst so sorgfältig konstruierten Entschuldigungen? Das überrascht mich”, sagte sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen, als sie die Verwirrung des Jungen bemerkte. „Na ja, das ist wohl auch nicht notwendig. Morgen hast du Geburtstag und wirst dann neue Pflichten übernehmen.”

            Mit einem stolzen Lächeln auf den Lippen schloss sie ihre Ansprache mit der Feststellung, dass sie ihm schließlich alles beigebracht hatte, was ein Jäger im Haushalt können musste, und dass er alles in allem seine Sache recht gut gemacht hatte.

            „Aber...”, und dabei erhob sie mahnend den Zeigefinger, „wenn du wieder zu Hause bist, wirst du mir hoffentlich weiterhin helfen, denn ich bin nicht mehr die Jüngste.”

            „Ja selbstverständlich, Tana”, brachte der verwirrte Junge nur mit Mühe hervor und knetete dabei nervös den Fellbeutel mit den Kräutern, die er in ihrem Auftrag sammeln sollte.

            Tana ging auf ihn zu, legte ihm die rechte Hand auf die Schulter und nahm ihm dabei mit der anderen Hand ganz beiläufig den Fellbeutel mit den Kräutern aus den Händen. Sie betrachtete ihn voller Stolz und mit ein bisschen Wehmut in den Augen. Mit seinen vierzehn Jahren war er, hochgewachsen wie er war, fast schon ein Mann. Jeder Fremde würde ihn für mindestens siebzehn halten. Ragnor besaß einen hochgewachsenen und doch kräftigen Körper. Obwohl er noch nicht ganz ausgewachsen war, überragte er den Krieger Rurig bereits um eine Handbreit. Das war umso erstaunlicher, da Rurig für einen Bewohner des Nordkontinents bereits ein überdurchschnittlich großer Mann war.

            „Du bist sicherlich überrascht, dass ich dich nicht ausschimpfe, nicht wahr?”, stellte sie schließlich mit einem Schmunzeln fest und strich dabei mit ihrer, von Altersflecken übersäten, Hand ihre langen weißen Haare, die nach vorne gefallen waren, wieder zurück. Ragnor hatte als kleines Kind gerne mit ihnen gespielt. Das lange Haar hatte Tanas schmalem Profil, das ihre frühere Schönheit noch erahnen ließ, immer etwas Hoheitsvolles gegeben, eine Ausstrahlung natürlicher Autorität, die der kleine Junge von Anfang an akzeptiert hatte.

            „Weißt du…”, fuhr sie in ihrer Erläuterung fort, „es war manchmal einfach notwendig, dich zur Ordnung zu rufen, wenn du deine Pflichten vergessen hast und nur ans Spielen oder Träumen dachtest. Aber wie gesagt, du hast deine Sache alles in allem recht gut gemacht. Nun geh raus und hole die anderen zum Essen, bevor es noch ganz verkocht.”

            Mit diesen Worten wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu und ging zurück an die Feuerstelle, auf der in einem großen, kupfernen Topf bereits das Abendessen schmurgelte und einen angenehmen Duft verbreitete.

            Ragnor drehte sich, immer noch ein wenig verwirrt, um, und trat hinaus auf die Veranda. Lars und Menno hatten inzwischen ihre Arbeit beendet. Der Alte saß schon, wie gewöhnlich, in seinem alten Schaukelstuhl aus dunklem Korbgeflecht vor dem Haus.

            „Was hat dir denn die Grütze verhagelt?”, fragte er belustigt, als er die Verwirrung des Jungen bemerkte.

            Immer noch etwas irritiert, antwortete Ragnor: „Sie hat mich gar nicht ausgeschimpft wie sonst. Im Gegenteil, sie war sehr freundlich zu mir. Bitte Lars, weißt du, was das bedeuten könnte?”

            „Ich denke schon. Komm mal her”, sagte der Alte lächelnd.

            Ragnor trat näher und blickte voll Zuneigung in die blauen Augen und das vertraute Gesicht mit dem langen, schlohweißen Bart, das er über die Jahre so lieb gewonnen hatte. Lars war für ihn wie ein Vater gewesen, obwohl er nicht sein Vater war. Eine dankbare Welle der Zuneigung durchströmte ihn, als er Lars so anblickte. Er hatte ihm immer zugehört und ihm alles beigebracht, was ein Mann wissen musste.

            Ja, der Alte war wie ein Vater für Ragnor gewesen, dessen Herkunft im Dunkeln lag. Lars und Rurig hatten den Jungen vor vierzehn Jahren während eines schweren Gewitters in einer Grotte oben am Hundskopf als Neugeborenes gefunden. Niemand wusste, woher er kam oder wer seine Eltern waren. Doch irgendwie war das bisher auch nicht wichtig gewesen, denn die Leute von Calfors Klamm hatten ihn angenommen und groß gezogen. So wurden sie zu seiner Familie.

             

            Ragnor setzte sich zu Füßen des alten Lars nieder, wie er es wohl schon tausende Male getan hatte. Er schaute erwartungsvoll zu ihm auf.

            „Weißt du, mein Junge”, begann der Alte, „Tana hat dich genau so lieb wie ich. Aber das weißt du sicherlich...”

            „Klar”, entgegnete ihm Ragnor, „Aber trotzdem habe ich mich manchmal gefragt, warum sie immer so viel mit mir schimpft? Du hast das viel seltener getan.”

            „Ja eben, das ist genau der Grund”, schmunzelte Lars. „Ich habe dir eben zu viel durchgehen lassen und da hat Tana sich genötigt gesehen, eben statt Meiner etwas strenger zu sein, damit du lernst, wie man im Leben zurechtkommt, und dass man alles, was man angefangen hat, auch zu Ende bringen muss.”

            „Ehrlich gesagt, so habe ich das noch nie gesehen”, gestand Ragnor ein, und begann ihren Tadel mit ganz anderen Augen zu sehen. „Meinst du, ich sollte ihr mal wieder sagen, dass ich sie sehr lieb habe?”, fragte er zaghaft. „Ich fürchte, das habe ich wohl in letzter Zeit nicht oft gesagt.”

            „Das ist bestimmt eine gute Idee, mein Junge. Sie wird sich darüber bestimmt sehr freuen”, stimmte ihm der Alte mit einem freundlichen Knicken zu.

            Schwungvoll erhob sich Ragnor und ging in den Wohnraum zurück, wo Tana wie gewohnt fleißig am Feuer mit den Töpfen hantierte, in denen das Abendessen weiter vor sich hin schmorte.

            „Hm, das riecht gut”, bemerkte Ragnor, als er die Hütte wieder betrat, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Tana drehte sich um, lächelte und schaute ihn fragend an. „Ah, Tana, ich, ich...” Da verlor er seinen Faden und brachte vor lauter Aufregung keinen vernünftigen Satz zustande.

            „Was ist denn, mein Junge?”, fragte sie, erstaunt über die ungewohnte Sprachlosigkeit ihres Schützlings.

            Ragnor nahm sich zusammen und antwortete mit etwas belegter Stimme: “Ich wollte dir nur sagen, dass ich dir sehr dankbar bin für alles, was du für mich getan hast. Aber vor allem wollte ich dir sagen, dass ich dich sehr lieb habe.“

            Tana stand einen Moment da und brachte kein Wort heraus. Sie hatte in diesem Moment alles erwartet nur nicht eine derartige Erklärung. Mit einer raschen Handbewegung wischte sie die Tränen weg, die ihr vor Rührung in die Augen gestiegen waren. Sie machte einen Schritt auf den Jungen zu, nahm ihn fest in die Arme und sagte mit bewegter Stimme: „Das hast du sehr schön gesagt und ich danke dir dafür.“ Sie sah ihm dabei kurz tief in die Augen, bevor sich ihre praktische Natur wieder durchsetzte und sie den Jungen nach draußen schickte, um nun endlich Menno und Lars zum Abendessen zu rufen.

            Der Junge stürmte leichten Herzens auf die Veranda. Doch Lars saß nicht mehr in seinem Schaukelstuhl, sondern stand neben der Tür. Er sah ihn mit einem merkwürdig ernsten Ausdruck in den Augen an. Er legte Ragnor mit einer fast feierlichen Bewegung die Hand auf die Schulter und sagte: „Gut gemacht, mein Junge. Jetzt wird Tana die Trennung, wenn du übermorgen mit Rurig und Menno auf die Jagd gehst, nicht mehr so schwerfallen. Nun renn‘ rüber zum Stall und hol‘ Menno, damit wir endlich essen können.“

            Als Ragnor leichtfüßig zum Stall hinüberrannte, sah Lars seiner hochgewachsenen Gestalt mit dem widerspenstigen braunen Haar einen Augenblick hinterher und dachte dabei im Stillen über die Zukunft nach:

            „Er wird mir fehlen, wenn er mit Menno und Rurig übermorgen auf die Jagd geht. Er wird dann nur noch wenig Zeit haben, um mit mir zu diskutieren, und mir mit seinen neugierigen blauen Augen Löcher in den Bauch zu fragen. Ich werde wohl bis zur Winterpause warten müssen, bevor ich ihn wieder um mich habe. Ich habe ihn lesen und schreiben gelehrt und ihm alles beigebracht, was ein Jäger wissen muss. Aber morgen früh wird für ihn ein neuer Lebensabschnitt beginnen.“ Ein wenig wehmütig drehte sich der Alte um und trat in die Hütte.

            Inzwischen war Ragnor zum Stall gelaufen und durch die dunkle, verwitterte Holztür ins Innere getreten. Als seine Augen sich ans Halbdunkel des Stalles gewöhnt hatten, konnte er beobachten, wie Menno hinten an den Futtertrögen mit geschickter Hand gerade dabei was das Grünfutter an die Bergesel und Dreihornziegen zu verteilen.

            „Die Tierhaltung ist für uns in diesen kargen Bergen sehr wichtig“, resümierte er in Gedanken, was Lars ihn gelehrt hatte. Liebevoll streifte sein Blick dabei über die sechs Bergesel und das starke Dutzend Dreihornziegen, welche sich derweil emsig über das frische Grünfutter hermachten, welches er am heutigen Morgen noch am Berghang geschnitten hatte.

            Die flinken Dreihornziegen lieferten das ganze Jahr Milch und auch manchmal das Fleisch, wenn die Jäger einmal keinen Erfolg in den harten Wintern, die es hier oben gab, hatten und sie es leid waren, von den geräucherten Vorräten der Herbstjagd zu leben. Die Bergesel mit ihrem graubraunen Fell waren die Lastträger, wenn Futter für die Tiere oder Brennholz herangeschafft werden musste. Sie trugen auch die Lasten, wenn die Männer auf die Jagd gingen oder wenn sie zweimal im Jahr auf den Markt von Mors gingen, um Teile ihrer Beute gegen alles Wichtige einzutauschen, was zum Leben benötigt wurde und nicht selbst hergestellt werden konnte.

            Ragnor beobachtete den kräftigen, untersetzten Menno, der sein langes wuscheliges braunes Haar im Nacken zusammengebunden hatte. Menno hatte ein rundes, von einem struppigen Vollbart fast bedecktes Gesicht und freundliche braune Augen. Menno war sehr geschickt im Umgang mit jeder Art von Werkzeug. Alles, was man mit den Händen bauen und reparieren konnte, war sein Gebiet. Damit fühlte er sich wohl.

            Als Menno Ragnor bemerkte, lehnte er die dreizinkige, hölzerne Futtergabel an die Stallwand, blickte auf und lächelte.

            „Gibt es Essen?”, fragte er hoffnungsvoll.

            “Ja, klar“, lachte Ragnor, denn er wusste, dass Menno gutes Essen über alles liebte.

            „Also dann komm, ich habe schon einen Bärenhunger“, brummte Menno und leckte sich in Erwartung des Abendessens genussvoll über die Lippen.

            Eine halbe Stunde später saßen die vier um den runden, dunklen Eichentisch versammelt, der von der häufigen Benutzung schon mit vielen Kerben und Schrammen versehen war. Tana hatte wieder einmal ihren leckeren Eintopf gekocht, der neben dem Kaninchenfleisch mit, im Bergwald wild wachsenden, Gemüsen und den kräftigen frischen Kräutern, die Ragnor vorher etwas verspätet heimgebracht hatte, verfeinert worden war. Das Essen wurde wie immer mit viel Lob bedacht, vor allem natürlich von Menno.

            Nachdem Ragnor den ersten Teller voller Heißhunger leer geputzt hatte, blickte er erwartungsvoll zu Lars hinüber und fragte: „Wann kommt denn Rurig endlich wieder?“

            „Er müsste vielleicht heute noch im Laufe des Abends, spätestens aber in der Nacht eintreffen“, antwortete der alte Mann mit einem Schmunzeln auf den Lippen, da ihm bewusst war, dass der blonde Krieger Ragnors großes Vorbild war. „Auf jeden Fall rechtzeitig zu deinem Geburtstag morgen früh“, setzte er noch schnell hinzu, als er die Enttäuschung des Jungen bemerkte, der wohl befürchtete, dass Rurig möglicherweise zu seinem wichtigsten Geburtstag zu spät kommen könnte.

            Als das Essen beendet war, setzten sich alle um das offene Feuer am Kamin. Bei dieser Gelegenheit forderte Menno den alten Lars auf, die Geschichte vom großen Orkkrieg zu erzählen. Die Menschen in Calfors Klamm liebten es, sich die Abende vor dem Kamin mit Geschichten zu verkürzen und Lars, der vor seiner Zeit in Calfors Klamm als Lehrer und Rechtsgelehrter in Caerum gearbeitet hatte, war als guter Erzähler bekannt.

            Der Alte setzte sich bedächtig in den alten, fleckigen Ledersessel, seinen Lieblingsplatz. Er hob den Krug mit dem dunklen Bier, das Tana gestern frisch gebraut hatte. Er nahm einen tiefen Schluck und begann mit seiner sanften eindringlichen Stimme zu erzählen: „Der große Wald, in dem wir leben, ist, wie ihr alle wisst, das Grenzland zwischen dem Orkgebiet und den Grafschaften und Baronien von Caer. Zusammen bilden sie den Nordkontinent von Makar, der im Süden vom Binnenmeer und im Norden vom Nordmeer begrenzt wird. Vor fünfzig Jahren gab es einen schrecklichen Krieg zwischen dem Königreich von Caer und den Stämmen der Orks. Von dem werde ich euch heute erzählen.“ Er räusperte sich und fuhr fort: „Die Orks sind keine Menschen wie wir, sie sind dem Menschen aber sehr ähnlich. Sie sind im Durchschnitt etwas größer als wir, besitzen ein feines braunes bis graues Fell an Kopf, Armen und Beinen, also überall dort, wo Menschen im Allgemeinen auch ihre Körperbehaarung haben. Auf ihren muskulösen Körpern mit den kräftigen Armen sitzt ein fast menschlicher, mit einigen Wolfs- oder besser Katzenattributen versehener Kopf mit spitzen Ohren. Im Gegensatz zu diesen fremdartigen Zügen haben sie sehr feine, geschickte Menschenhände und klare, blaue Augen, die ihr reiches Gefühlsleben genauso wie bei den Menschen auszudrücken vermögen. Sie sind keine dummen Barbaren oder minderwertig, wie manche dumme Menschen glauben, sondern sie sind eben nur ein wenig anders als wir.“

            Bei diesen Worten hob Lars mahnend den Zeigefinger und blickte grimmig in die Runde. Die anderen lächelten, denn sie wussten, dass der sonst so ruhige Lars bei dem kleinsten Anzeichen von Intoleranz gegen andere in Rage geriet. Nach diesem moralischen Appell nahm er wiederum einen tiefen Schluck aus seinem Krug und fuhr fort: „Den Orks sind ihre Familien das höchste Gut. Sie leben nicht nur mit zwei bis vier Kindern in Gemeinschaft zusammen, sondern mit ihrer gesamten Sippe. Sie ernähren sich hauptsächlich von dem, was ihnen ihre großen Herden von Ödlandhirschen, mit denen sie auf der Suche nach Futter über die große Steppe wandern, bieten. Sie gehen dabei grundsätzlich zu Fuß, denn sie verwenden keine Reittiere. Das haben sie gar nicht nötig, da sie doppelt so schnell wie wir laufen können und dabei zudem sehr ausdauernd sind. Sie leben in Klans organisiert, in der Nordsteppe hinter dem großen Wald als Nomaden in Zeltdörfern, die je einer Großfamilie von bis zu zweihundert Mitgliedern gehören. Ein Klan besteht wiederum aus ungefähr hundert Großfamilien und die gesamte Orknation aus vierundzwanzig Klans. Jeder Klan ist bei den Orks nach einem Totemtier, wie beispielsweise Wolf oder Luchs, benannt. Sie pflegen ihre Schilde mit dem jeweiligen Symbol ihres Totems zu bemalen. Die Klans leben in Friedenszeiten sehr unabhängig voneinander und befehden sich ständig gegenseitig.“ Grimmig fügte er hinzu: „In diesem Punkt sind sie genauso dämlich wie wir Menschen.“

            „Gefährlich für andere werden sie nur, wenn ein Klan der Orks von außen angegriffen wird oder wenn ein ehrgeiziger Klanführer es schafft, die Orks zu einigen und sich zum Großkhan ernennen zu lassen. Genau das ist vor fünfundfünfzig Jahren geschehen, als der Khan des Wolfsklans, Khor al Nor, es schaffte, die Orks zu einigen. In seinem Eroberungswahn begann er zuerst, den großen Wald zu terrorisieren, um dann nach fünf Jahren Kleinkrieg einen Angriff mit über zwanzigtausend Orks auf Caer zu führen. Caer war damals ein machtvolles Königreich mit fast sechs Millionen Einwohnern, und nicht ein zersplittertes Gebilde voneinander befehdenden Feudalfürstentümern wie heute.“

            Nach einer kurzen Pause und einem Blick in die Runde fuhr Lars schließlich fort:

            „Trotzdem gelang es den Orks, den Norden von Caer zu überrennen. Sie wurden erst auf der großen Ebene von Caerum von König Ralph III und seinem Heer von dreißigtausend Mann zur Schlacht gestellt. Zuerst lief die Schlacht für die Orks sehr gut. Ihre Armee zerschlug die schlecht bewaffneten Fußtruppen der Bauernmilizen, aus denen der Großteil des Heeres von Caer bestand und sie töteten mehr als zehntausend von ihnen, ohne nennenswerte eigene Verluste hinnehmen zu müssen. Glücklicherweise gelang es, am frühen Nachmittag den Rittern von Caer, welche die eigentliche Kerntruppe der Armee bildeten, aus der tief stehenden Nachmittagssonne heraus mit ihrer schweren gepanzerten Kavallerie die Schildburg der Orks zu durchdringen, wobei glücklicherweise der Großkhan getötet wurde. Daraufhin ergriffen die übrigen Orks die Flucht, weil sie im Tod ihres Khans ein schlechtes Omen sahen. Dabei wurde der größte Teil ihrer Armee von den nachstoßenden Soldaten getötet. Nach dem Tod des Großkhans zerfiel der Bund der Klans sehr schnell. Die Orks zogen sich vollständig in ihre Steppe zurück, um ihre inneren Streitigkeiten wieder aufzunehmen.”

            „Man kann also sagen“, resümierte Lars, „dass Caer damals sehr viel Glück gehabt hat. Es würde heute gegen einen Angriff der vereinigten Orks in seinem zersplitterten Zustand wahrscheinlich sehr viel schlechter abschneiden. Ihr müsst nämlich wissen, dass die Orks ausgezeichnete Kämpfer sind. Sie treten zur Schlacht in tief gestaffelten Reihen an, den runden Schild links, in dem ein Bündel von fünf bis zu sechs Wurfspießen steckt, die sie mit ihren kräftigen Armen weit und präzise schleudern können. Im Nahkampf verwenden sie ein gerades, speziell legiertes Bronzeschwert, das bei ihrer großen Körperkraft trotz des etwas weicheren Metalls eine tödliche Waffe darstellt.“

            Lars unterbrach seinen Bericht und nahm wiederum einen tiefen Schluck aus seinem Bierkrug, um sich die Kehle anzufeuchten. Dann fuhr er fort: „Seit dieser Zeit ist der große Wald wieder das offene Grenzland zwischen Caer und den Orks. Beide Seiten durchstreifen ihn, um dort zu jagen oder Holz zu schlagen. Treffen Menschen und Orks aufeinander, so geht es meist friedlich zu. Aber da es eine große Zahl von Gesetzlosen auf beiden Seiten gibt, fließt trotzdem viel Blut im großen Wald.“

            “Das ist übrigens der Grund, warum wir nicht nur Jagdwaffen tragen, wenn wir auf die große Jagd gehen“, warf Menno mit ernstem Gesicht an Ragnor gerichtet ein, „Wir tragen Kettenhemden, Rurig führt sein Schwert mit und ich meine Kampfaxt.“

            Ragnor, der aufmerksam zugehört hatte, wandte sich daraufhin fragend an Lars: „Ich habe in Calfors Klamm aber noch nie einen Ork gesehen. Keiner der Händler, welche von Zeit zu Zeit hierher kommen, war ein Ork. Kommen sie nicht bis in unsere Gegend?”

            „Seit dem großen Krieg habe ich auch keinen mehr gesehen”, antwortete der alte Mann mit einem Achselzucken. „Wir liegen viel zu nahe an Caer. Calfors Klamm ist überdies nicht so einfach zu finden, da der Felsenpass eine enge Schlucht ist, die hinter einer Bergnase liegt. Außerdem sind die Orks normalerweise keine Händler, welche außerhalb ihrer Stammlande umherziehen. Die stellen alles, was sie brauchen, selbst her, von der Kleidung über ihre Waffen bis zu sehr hübschem Schmuck aus Gold, Silber und den Halbedelsteinen, die sie hoch im Norden nahe dem Polarkreis finden und mit großem Geschick zu verarbeiten wissen.”

            Lars unterbrach sich und blickte in das fast heruntergebrannte Feuer. Dann sah er zwinkernd zu Ragnor hinüber und sagte: „Nun ist es aber schon spät. Es wird Zeit, dass du ins Bett kommst. Wenn du morgen mit Menno und Rurig die große Jagd vorbereiten willst, solltest du gut ausgeruht sein.”

            Grinsend setzte er hinzu: „Außerdem hast du ja morgen Geburtstag, da musst du besonders ausgeschlafen sein, um die vielen Geschenke zu verkraften.”

            Ragnor nickte lachend und meinte: „Ich fühle mich jetzt schon stark genug, um Geschenke zu verkraften. Also nur her damit!“

            Die anderen lachten nun ebenfalls und machten ein paar Scherze hinsichtlich der zu erwartenden Geschenke, bevor der Junge schließlich in seine Kammer ging, um sich schlafen zu legen. Nachdem er sein leinenes Nachtgewand angezogen hatte, trat er nochmals ans Fenster. Er schaute nachdenklich zum Hundskopf hoch, der im Licht der beiden Monde von Makar glänzte und wie ein gigantischer Wächter das Tal zu beschützen schien. Auch als er sich später auf seiner, mit Strohsäcken gepolsterte, Holzpritsche niederlegte, konnte er nicht gleich einschlafen, weil er immer wieder Hin und Her überlegte, was ihn am morgigen Tag wohl alles erwarten könnte. Er war schon sehr gespannt auf die Geschenke, die Jagdvorbereitungen, ja überhaupt auf alles, was das Erwachsensein so mit sich bringen würde.

            Am nächsten Tag, während draußen erst der Morgen zu grauen begann, lag Ragnor schon wach. Die Aufregung hinderte ihn daran, nochmals einzuschlafen. Also stand er auf, zog seine leichte Leinentunika über und betrat den Wohnraum, in dem sich, wie erwartet, noch nichts rührte. Er ging leise durch das Halbdunkel der Wohnstube zur Eingangstür und öffnete sie vorsichtig. Dann trat er hinaus auf die Veranda und blickte hinauf zum Pass, über dem sich nun der Himmel schwach zu röten begann. Nachdem er einen Moment so dagestanden hatte, in die friedliche Stille des Tales hinauslauschend, begannen sich in der Hütte endlich die Schläfer zu regen. Ragnor nahm indessen den Ledereimer neben der Tür auf und ging zum Brunnen hinüber, um Wasser für das Frühstück zu holen.

            Er hatte gerade das Wasser geschöpft, als eine sonore männliche Stimme hinter ihm erklang: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, junger Jäger.”

            Ragnor drehte sich erfreut um und sah Rurig auf der Terrasse stehen. Ein freundliches Lächeln lag auf dem markanten, männlichen Gesicht des Kriegers mit dem kurz geschnittenen Vollbart und seinen, zu blonden Zöpfen geflochtenen, Haaren. Rurigs drahtige, hochgewachsene Kriegergestalt machte selbst in der kurzen Leinentunika, die er an diesem Morgen trug, einen kampfbereiten Eindruck. Er bewegte sich immer leise und lauernd wie ein Felsenpanther. Er trat heran und legte dem Jungen freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Die tiefe Zuneigung, die er für den Jungen empfand, spiegelte sich in dieser einfachen Geste und dem leisen Lächeln auf dem ansonsten meist ernsten Gesicht des Kriegers wieder.

              Nach dieser kurzen Begrüßung gingen sie gemeinsam in die Hütte, um ihr Frühstück einzunehmen. Dieses bestand aus frischem Schwarzbrot, welches Tana gestern gebacken hatte, Ziegenkäse und einem Glas Ziegenmilch für jeden. Rurig erzählte während des Frühstücks von seinem Ausflug nach Mors und von den Einkäufen, die er gemacht hatte. Wenn Ragnor geglaubt hatte, dabei ganz beiläufig etwas über die Geschenke zu erfahren, die er heute bekommen würde, hatte er sich gründlich geirrt. Er musste vorerst mit den Geburtstagswünschen aller Anwesenden vorliebnehmen, da Rurig mit keinem Wort irgendwelche Dinge erwähnte, die eventuell ein Geschenk hätten darstellen können. Dieser Umstand erhöhte natürlich nur noch die Neugier und Anspannung des Jungen. Er fieberte schon förmlich dem Moment entgegen, an dem es endlich so weit sein würde.

             

            Nach dem Frühstück, das Ragnor heute endlos lange vorkam, versammelten sich endlich alle auf der Terrasse vor der Hütte. Sie nahmen auf den, mit Schnitzereien versehenen, Stühlen Platz, die Menno im letzten Winter mit viel Geschick aus festem Eichenholz hergestellt hatte. Lars erhob sich und begann, in einem feierlichem Ton an alle Anwesenden gerichtet zu sprechen: „Lieber Ragnor, noch einmal herzlichen Glückwunsch zu deinem vierzehnten Geburtstag, von uns allen. Ab heute gehörst zu den Erwachsenen von Calfors Klamm. Das Erreichen der Mannbarkeit ist einer der wichtigsten Meilensteine im Leben eines Jungen. Du wirst nun zukünftig mit Menno und Rurig regelmäßig auf die große Jagd gehen und deine Ausbildung zum Krieger wird nun beginnen. Damit du für den neuen Lebensabschnitt gerüstet bist, haben wir alle Geschenke für dich.”

            Er gab Ragnor, der während der Ansprache vor Neugierde schon nicht mehr hatte ruhig sitzen können, einen freundschaftlichen Klaps, worauf sich alle erhoben und gemeinsam die Hütte betraten.

            Dort lag vor der Feuerstelle, auf dem Bärenfell, ein großer Haufen Geschenke, die während des Frühstücks noch nicht da gewesen waren.

            Die Bewohner von Calfors Klamm stellten sich nun im Halbkreis vor Ragnor, den Lars anwies, sich auf seinen Stuhl am großen Esstisch zu setzen, auf. Zuerst trat Tana vor und überreichte ihm einen wunderschönen, neuen Jagdanzug aus feinem Hirschleder. Er bestand aus einer langen, glatten Hose, die von einem dünnen Lederband gehalten wurde. Dazu gehörte ein schön gearbeiteter Waffengürtel, auf dem zwei kleine Ledertaschen aufgesetzt waren, welche in Zukunft solche Kleinigkeiten wie Zunder und Feuerstein aufnehmen sollten. Die zugehörige Oberbekleidung umfasste ein ärmelloses, leichtes Unterhemd, das in der Hose getragen wurde und gleichzeitig als Unterlage für das Kettenhemd dienen konnte. Außerdem bekam er zwei Jacken: Eine leichte, aus glattem, wasserabweisendem Hirschleder gefertigte, Jacke für den Sommer und eine dicke Bärenfelljacke für den Winter. Das schönste an seiner neuen Jagdkleidung aber waren für ihn die dazu passenden neuen, wadenhohen Jagdstiefel, die von Tana zusätzlich mit einer Sohle aus starkem Eselsleder versehen wurde, um ausreichenden Schutz vor Kälte zu bieten. Der Junge strahlte und begann sich bereits vorzustellen, wie er wohl in den neuen Sachen aussehen würde. Er bedankte sich herzlich bei der Alten, die nun vor Rührung und Stolz auf ihren Liebling, die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

            Als Zweiter überreichte ihm Menno einen neuen Langbogen, der aus dem seltenen Korbelholz gefertigt war. Lars ergänzte ihn mit einem ledernen Köcher, der zweiunddreißig sorgfältig gearbeitete Pfeile enthielt. Ragnor nahm den Bogen sofort zur Hand, dessen Griff und Handschutz aus starkem Wildschweinleder waren, und spannte ihn zur Probe.

            „Er ist viel besser als mein alter Bogen und mit gedrehten Bärensehnen bespannt!”, rief der Junge mit leuchtenden Augen. Man sah ihm an, dass er am liebsten sofort hinausgelaufen wäre, um den Bogen gleich auszuprobieren. Er war kaum zu bremsen, aber Lars erklärte ihm mit ruhiger ernster Stimme, dass dies noch nicht alles gewesen war und er noch etwas Geduld haben müsse.

            Indes dachte er still bei sich: „So viele Geschenke habe ich noch nie bekommen. Was könnte denn noch fehlen?“ Gespannt richteten sich seine Augen auf Rurig, der als Nächster an der Reihe war.

            Rurig, der als sein Ausbilder zukünftig eine wichtige Rolle spielen würde, überreichte dem Jungen ein fein gearbeitetes, leichtes Kettenhemd aus ineinander geflochtenen, glänzenden Stahlringen und sagte mit ernstem Gesicht: „Das Leben in den Bergen ist nicht ungefährlich. Du wirst lernen, es zu tragen, damit es dich schützt, falls wir einmal überfallen werden und kämpfen müssen. Außerdem muss sich ein angehender junger Krieger ohnehin so schnell wie möglich an das Tragen eines Kettenhemdes gewöhnen. Doch…”, fügte er nach einer bedeutungsvollen Pause hinzu, während der er Ragnor direkt und ernst in die Augen sah, „…jetzt kommt der wichtigste Moment des heutigen Tages für dich.”

            Ragnor bemerkte, dass die Runde merkwürdig still wurde, als sich Rurig erneut dem Bärenfell zuwandte, auf dem nur noch ein unscheinbares Bündel lag. Er hob es auf und legte es mit einer fast feierlichen Geste auf den Tisch. Dann begann er es langsam, fast scheu auszupacken. Nachdem er die verblasste, umhüllende Decke zurückgeschlagen hatte, wurde ein fein gearbeiteter, dunkelblauer Umhang mit einem seltsamen Wappen auf dem Rücken sichtbar. Das Wappen zeigte eine weiße Raute, in dessen Mitte ein etwas größerer rot-goldener Ball gleichmäßig von fünf kleineren grün-blauen Bällen umgeben war. Anschließend schlug Rurig den Umhang beiseite. Er enthüllte dabei ein Schwert und einen Dolch, deren schlichte schwarze Griffe aus den schwarzen Scheiden ragten, welche das selbe Wappen wie der Umhang trugen.

            „Dieses Schwert und dieser Dolch gehören dir, mein Junge. Sie lagen neben dir, als wir dich als Säugling in der Höhle am Berg fanden. Nun bist du alt genug, sie an dich zu nehmen”, erklärte er feierlich.

            Ragnor konnte an Rurigs ziemlich ernsten und angespannten Gesichtsausdruck ablesen, dass das, was sein Freund soeben gesagt hatte, für ihn ab sofort eine wichtige Rolle spielen würde. Also trat der junge Mann noch ein wenig zögerlich aber auch neugierig näher. Er betrachtete nachdenklich, was da vor ihm auf dem Tisch lag. Während er den Umhang und die Waffen betrachtete, schossen ihm tausend wirre Gedanken durch den Kopf. Als er nach einer Weile immer noch keine Anstalten machte, die Sachen anzufassen, trat Rurig zu ihm, ergriff das Schwert, das einen einfachen schwarzen Griff mit schwarzer Parierstange besaß, und zog es aus der Scheide. Ragnor sah verblüfft auf die etwas mehr als armlange, schlanke Klinge. Diese bestand nicht aus roter Bronze oder grauem Stahl, wie er es erwartet hätte, sondern aus einem milchig weißen, unscheinbaren Material, das er niemals zuvor gesehen hatte.

            „Ich verstehe, dass du überrascht bist”, bemerkte Rurig. „Wir wissen auch nicht, was das für ein Material ist. Der Mantel und die Scheiden bestehen ebenfalls aus Stoffen, deren Herkunft und Herstellung uns nicht bekannt sind. Wir wissen nur, dass die Schneiden beider Waffen sehr scharf, und ihre Klingen besonders leicht und hart sind. Sieh her, es ist nicht der geringste Kratzer oder die kleinste Scharte auf dem Schwert zu sehen.”

            Er hob die Waffe gegen das Licht, damit Ragnor sie besser betrachten konnte, und reichte sie dann dem Jungen. Als sich dessen Hand zögernd um den Griff schloss, fühlte er ein sanftes Prickeln. In demselben Moment begann die Klinge, vom Griff aus, in pulsierender Weise in einem warmen Elfenbeinton ganz schwach zu leuchten. Die Erwachsenen schauten sich überrascht an, denn bei keinem von ihnen war so etwas Derartiges jemals vorgekommen, wenn sie die Waffen berührt hatten. Sie hatten nie eine solche Reaktion auf Berührung gezeigt, sondern waren immer matt und stumpf geblieben.

            Einen Moment lang stand Ragnor mit seltsam abwesenden Augen da. Dann griff er wie in Trance nach dem unterarmlangen Dolch, der denselben Griff und dieselbe Parierstange wie das Schwert besaß. Er zog ihn mit der linken Hand aus der Scheide, wobei dieser sogleich, ebenso wie das Schwert, zu leuchten begann. Nachdem Ragnor einen Moment bewegungslos verharrt hatte, hob er nun beide Waffen, die er bisher gesenkt gehalten hatte, vor sich in die Luft und sagte mit seltsam monotoner Stimme: „Das Schwert heißt QUORUM, der Dolch heißt QUART.”

            Von den Erwachsenen, welche die Szene gespannt verfolgten, fasste sich der alte Lars als Erster. Er nahm den Jungen mit festem Griff bei den Schultern und fragte mit besorgter Stimme: „Ragnor, was ist los mit dir? Woher weißt du das?”

            Der Junge sah ihn mit seltsamen Augen an, als ob er aus einem tiefen Traum erwacht wäre und antwortete: „Ich wusste es, als ich sie in die Hand genommen habe. Ich wusste es einfach, aber ich kann es mir selbst nicht erklären. Diese Waffen fühlen sich auch nicht wie Rurigs Schwert oder mein alter Dolch an. Sie fühlen sich angenehm warm an und es ist, als ob ich sie und sie mich, irgendwie fühlen könnten.”

            Bei diesen Worten legte er die Waffen vorsichtig auf den Tisch zurück und setzte sich, immer noch ein wenig irritiert, wieder auf seinen Platz.

            Die Erwachsenen tauschten überraschte Blicke aus. Sie erinnerten sich daran, dass ihnen die Griffe der Waffen, als sie diese in die Hand genommen hatten, immer seltsam kalt und abweisend vorgekommen waren, obwohl das unbekannte Material äußerlich betrachtet eher weich und lederartig zu sein schien.

            Nachdem alle eine Weile nachdenklich geschwiegen hatten, brach Rurig die Spannung, indem er sachlich feststellte: „Auf jeden Fall handelt es sich hierbei um besondere Waffen. Dass sie dir gehören, haben wir alle ja eben miterlebt. Jetzt musst du aber erst mal lernen, wie man mit Schwert und Dolch kämpft. Es wird noch eine Zeit lang dauern, bis du sie richtig gebrauchen kannst. Packe die Sachen wieder ein und lege die Waffen und den Umhang zu den anderen Geschenken. Wir müssen nun anfangen, unsere Ausrüstung für die große Jagd zusammenzupacken. Wenn wir damit fertig sind, wirst du heute nachmittag deine erste Fechtstunde erhalten. Also los!”

            Gehorsam schob Ragnor die Waffen wieder in die Scheiden, und legte sie zu den anderen Sachen vor den Kamin. Dann ging er mit den drei Männern in den Schuppen, um die benötigte Ausrüstung zusammenzupacken, während sich Tana daran machte, das Mittagessen vorzubereiten.

             

            Während der Vorbereitung für den Jagdausflug, bei der er schon oft geholfen hatte, musste der Junge andauernd an die beiden seltsamen Waffen denken. Er spürte, nein er wusste, dass es zwischen ihm und diesen Waffen eine besondere Verbindung gab. Insbesondere in dem Moment, als er das Schwert zum ersten Mal in die Hand genommen hatte, erschien es ihm, als ob es durch die Berührung in irgendeiner Form zum Leben erwacht wäre. Etwas hatte zögernd nach ihm getastet. Dann hatte er plötzlich gewusst, dass es einen Namen trug, und wie er lautete, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie das zugegangen war. Eigentlich war das Ganze irgendwie wie eine Begrüßung von etwas gewesen, dass er eigentlich kennen sollte, aber irgendwie vergessen hatte.

            Menno und Rurig, die ihn bei der Arbeit beobachteten, versuchten geduldig, all die Fragen, die den Jungen beschäftigten, zu beantworten, wobei dies schnell in einer Diskussion mit Mutmaßungen mündete. Die beiden wussten ja selbst nicht, wo die Waffen herkamen, aus welchem Material sie bestanden, und was das für ein Wappen war, das sich auf Mantel und Scheiden befand. Es war aus keiner der Menno bekannten, Regionen. Menno kannte fast alle Länder auf dem Nordkontinent und sogar einige von jenseits des Binnenmeeres, auf dem er früher einmal als Kapitän gefahren war. Aber er meinte, dass dieser Umstand nichts zu bedeuten habe, da er trotz seiner vielen Reisen nur einen kleinen Teil von Makar kennenlernen konnte.

            Nachdenklich gingen sie gemeinsam zum Mittagessen hinüber. Die Grübeleien wurden allerdings rasch beendet, als Rurig nach dem Essen Ragnor auf den kleinen Vorplatz der Hütte zum ersten Schwerttraining rief. Zu Ragnors Enttäuschung durfte er zum Üben nicht seine neuen Waffen benutzen, sondern nur ein Holzschwert und einen Holzdolch, welche ihm Rurig gleich zu Beginn des Trainings übergeben hatte. Er erklärte dem Jungen, dass die beiden Übungswaffen exakt dieselben Maße wie sein Schwert und sein Dolch hätten, aber etwas schwerer seien, was daran läge, dass das Eisenholz, aus dem Menno sie hergestellt hatte, von Natur aus schwerer war als das seltsam fremde Material seines Schwertes.

            Nun musste Ragnor nur noch eine wattierte Übungsjacke anziehen und einen gefütterten Fellhut aufsetzen, und schon begann der Unterricht. Zuerst übte Rurig mit dem Jungen einige Grundstellungen, wobei er vor allem auf die Fußstellung Wert legte. Dann aber begann das erste Übungsgefecht. Hier wurde Ragnor sofort klar, warum nicht mit richtigen Waffen gekämpft wurde. Er hatte das Gefühl, dauernd getroffen zu werden, und nach einer Stunde war er vollkommen in Schweiß gebadet und fühlte sich völlig zerschlagen.

            Zu seinem großen Erstaunen vernahm er, nachdem Rurig das Training für beendet erklärt hatte, dass dieser mit der ersten Stunde recht zufrieden war. Er selbst meinte nämlich, nicht allzu gut dabei abgeschnitten zu haben. Als Ragnor mit müden Schritten zum Brunnen ging, um sich zu waschen, blieb Rurig bei Menno stehen und erstatte diesem leise und sichtlich erstaunt Bericht: „Ragnor hat ein unwahrscheinliches Talent zum Schwertkämpfer. Wenn er unter Druck gerät, macht er es instinktiv richtig. Sicher, für sein Alter ist er sehr stark und beweglich, aber das allein ist es nicht. Seine Beinarbeit und seine Reflexe sind für einen Anfänger schon erstaunlich gut. Ich bin überzeugt, er wird es sehr schnell lernen.”

            Nach dieser kurzen ersten Einschätzung seines neuen Schülers ging Rurig mit leichten, langen Schritten hinüber zum Brunnen, um sich ebenfalls zu waschen. Man sah ihm richtig an, wieviel Spaß er selbst an Ragnors ersten Übungsstunde hatte. Menno lächelte, während er ihm hinterher schaute. Er war überzeugt, dass die Ausbildung zum Krieger, die für Ragnor nun anstand, Rurig sehr viel bedeutete. „Nun ja, Caerritter können wohl ihr wahres Wesen nicht abschütteln“ ,schloss Menno seine Gedanken schmunzelnd.

Kapitel 2

Am nächsten Morgen wurden, bei Sonnenaufgang, die sechs Grauesel gepackt, mit denen es auf die Jagd gehen sollte. Noch konnten sich die Tiere über leichtes Gepäck freuen, da sie erst auf dem Rückweg das Gewicht der Jagdbeute zu tragen hatten.

             Für Ragnor war an diesem Morgen das Anziehen seines neuen, hirschledernen Jagdgewands und des ungewohnten Kettenhemdes eine fast feierliche Prozedur. Mit Bedacht schlüpfte er in seine Stiefel und zog noch die Sommerjacke darüber. Zum Schluss legte er noch den Waffengurt um. Während Rurig sachkundig Dolch und Schwert an seiner Hüfte befestigte, hängte sich der Junge den Köcher und seinen neuen Bogen um. Die beiden Alten beobachteten stolz die Verwandlung des Jungen und nickten zufrieden. Sie hatten das Ihre dazu getan, dass Ragnor heute wohl gerüstet in seinen neuen Lebensabschnitt aufbrechen konnte und die Freude darauf, war ihm wohl anzusehen.

            Dann ging es los. Jeder der Jäger führte zwei Esel, als es den Weg zum Pass hinaufging. Nach einem leichten Anstieg passierten sie die hohen Eichen und gingen weiter an der Waldgrenze, an den mageren Krüppelkiefern vorbei, steil hinauf zum Pass.

            Immer wieder bewegte der Junge beim Gehen die Schultern, da ihn das ungewohnte Gewicht des Kettenhemdes bei jeder Bewegung störte. Oben am Pass angekommen, blieb die Jagdgruppe noch einmal kurz stehen und blickte zurück ins Tal. Menno klopfte Ragnor auf die Schulter, weil er genau wusste, wie sich der Junge jetzt fühlen musste, wo er nun das erste Mal auch körperlich im Begriff war, endgültig die Grenzen seiner Kindheit zu überschreiten.

            Nach dem kurzen Halt durchquerten sie rasch das stark gewundene Hochtal, das sich mit seinen kahlen Felswänden an den Pass anschloss. Nachdem sie am Ende des Tals den großen Felsen umrundet hatten, der das Hochtal und somit den Zugang zu Calfors Klamm vor den Blicken Uneingeweihter verbarg, blickten sie hinunter auf eine, von schroffen Felsen durchsetzte, Hochebene, die sich langsam nach Norden hin absenkte. Sie wirkte mit ihrer monotonen, kargen Vegetation, die nur aus niedrigen dornigen Büschen und einigen Krüppelkiefern bestand, auf Ragnor nicht gerade einladend.

            Die Jäger wanderten fünf weitere Tage durch das öde Randgebirge, bis sie die ersten Ausläufer des großen Nordwaldes, ihr eigentliches Jagdgebiet, erreichten. Ragnor hatte derweil viel Freude daran gehabt, dass die Männer ihm das tägliche Jagen überließen. So wurde ihm auf der Wanderung durch die öde Landschaft überhaupt nicht langweilig. Am dritten Tag gelang es ihm sogar, eine junge Bergziege zu erlegen, die ihnen einen Frischfleischvorrat für zwei Tage lieferte. Ansonsten mussten sie sich mit Kaninchen oder Erdhörnchen begnügen, denn die karge Landschaft gab nicht genug Futter für Hirsche oder Wildschweine her. Seine Geschicklichkeit mit dem neuen Bogen wurde dabei von den beiden Männern sehr gelobt. Insbesondere sein Schuss über fast hundertdreißig Schritt auf die Bergziege bewog sogar den stillen Menno dazu, ihn als einen Meisterschützen zu bezeichnen.

            Es machte den Jungen unheimlich stolz, dass er nicht einmal danebengeschossen hatte. Es ermutigte ihn, mit viel Eifer, alle ihm gestellten, Aufgaben mit Sorgfalt zu erledigen – seine, sonst etwas träumerische, Art war einer stillen Konzentration gewichen. Es war, als ob er mit seiner Berufung zu den Jägern wirklich ein ganzes Stück erwachsen geworden wäre.

            Jeden Tag während der Wanderung durch das Ödland hielt Rurig am späten Nachmittag eine Übungsstunde mit den Holzwaffen ab, die er eigens dafür mitgenommen hatte. Ragnor machte dabei gute Fortschritte. Zwar war er noch weit davon entfernt, seinen Lehrer ernsthaft gefährden zu können, aber seine Deckungsarbeit wurde immer besser, sodass Rurig sogar der Meinung war, der Junge würde sich nun gegen einen möglichen Angreifer, sofern dieser nicht allzu gut sei, zumindest verteidigen können. Ragnor gewöhnte sich mit der Zeit an das zusätzliche Gewicht des Kettenhemdes, das er ständig tragen musste. Es behinderte ihn auch immer weniger bei seiner täglichen Arbeit.

            An dem Abend, an dem sie die ...

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