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Quantitative Methoden kompakt

utb 3765

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Dr. Nicole Burzan ist Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Dortmund. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Soziale Ungleichheit, Methoden der Sozialforschung/Methodenverknüpfungen, Zeitsoziologie.

Nicole Burzan

Quantitative Methoden kompakt

UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz
mit UVK/Lucius · München

Inhalt

1

Einleitung

2

Beispiele für quantitative empirische Studien

2.1

Die Moderne und ihre Vornamen

 

2.1.1

Forschungsfrage

 

2.1.2

Methoden

 

2.1.3

Ergebnisse

2.2

Klassenzugehörigkeit und Geschmack

 

2.2.1

Forschungsfrage

 

2.2.2

Methoden

 

2.2.3

Ergebnisse

3

Der quantitative Forschungsprozess: Logik und Forschungsschritte

3.1

Die Logik quantitativer Forschung

3.2

Forschungsschritte und Gütekriterien

4

Der Forschungsprozess mit verschiedenen Erhebungsinstrumenten

4.1

Vom Thema zur strukturierten Forschungsfrage

 

4.1.1

Das Forschungsdesign

 

4.1.2

Schritte der Präzisierungsphase

 

4.1.3

Zusammenfassung

4.2

Die Operationalisierungsphase

4.3

Die Inhaltsanalyse

 

4.3.1

Das Instrument und seine Anwendungsmöglichkeiten

 

4.3.2

Die Schritte einer quantitativen Inhaltsanalyse

 

4.3.3

Zusammenfassung

4.4

Die Beobachtung

 

4.4.1

Das Instrument und seine Anwendungsmöglichkeiten

 

4.4.2

Ein Anwendungsbeispiel

 

4.4.3

Zusammenfassung

4.5

Die Befragung

 

4.5.1

Ausgewählte methodische Entscheidungen bei einer Befragung

 

4.5.2

Ein Anwendungsbeispiel

 

4.5.3

Zusammenfassung

4.6

Die Sekundäranalyse empirischer Daten

 

4.6.1

Merkmale einer Sekundäranalyse

 

4.6.2

Beispiele für Quellen zur Sekundäranalyse

 

4.6.3

Herausforderungen einer Sekundäranalyse am Beispiel

 

4.6.4

Zusammenfassung

4.7

Methodenverknüpfungen

5

Auswahlverfahren

5.1

Zufallsauswahlverfahren

 

5.1.1

Einfache Zufallsauswahl

 

5.1.2

Komplexe Zufallsauswahlen

5.2

Nicht zufallsgesteuerte Auswahlverfahren

5.3

Die Auswahl von Befragten am Beispiel

5.4

Zusammenfassung des Vorgehens

6

Die Darstellung von Forschungsergebnissen: gelungen, fehlerhaft oder manipuliert?

6.1

Aufgaben und Teilbereiche der Statistik

 

6.1.1

Deskriptive Statistik

 

6.1.2

Induktive Statistik: Testen und Schätzen

6.2

Gefahren und Stolperfallen – zur Deutung von statistischen Ergebnissen

 

6.2.1

Häufigkeitstabellen

 

6.2.2

Grafische Darstellungen

 

6.2.3

Maßzahlen und weitere Aggregationen

7

Ausblick

8

Literatur

I

Allgemeine Literaturhinweise

II

Literatur, die im Text zitiert oder auf die verwiesen wird

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Sachregister

1

Einleitung

Methoden und Statistik – für viele Studienanfänger und Studienanfängerinnen1 ein Schreckgespenst, das sie möglichst schnell hinter sich lassen wollen. »Das ist so schwierig« ist noch das mildere Vorurteil gegenüber »das ist schrecklich trocken«. Die möglichst großräumige Umgehung der Methoden hat jedoch für Sozialwissenschaftler einen ähnlichen Effekt wie das Vermeiden von Tonleiterübungen bei Klavierspielern: Es fehlt ein wichtiges Werkzeug, um sich Qualifikationen anzueignen, um sich nicht zuletzt die Inhalte des Faches erschließen zu können. Denn so getrennt sind Inhalte und Methoden des Faches keinesfalls. Nicht im konkreten Forschungsfeld überprüfte theoretische Ansätze sind ebenso wenig ein wissenschaftliches Vorbild wie ein empirisches Vorgehen, das sich in keiner Phase mit theoretischen Konzepten auseinandersetzt. Und diese Verknüpfung von Inhalten und Methoden macht das Studium empirischer Werkzeuge dann auch interessanter, als es möglicherweise Tonleiterübungen sind.

Nun könnte man argumentieren, dass nicht alle Sozialwissenschaftlerinnen selbst empirisch forschen wollen bzw. müssen. Das ist sicherlich richtig. Dennoch benötigen sie die Kompetenz, empirische Ergebnisse und ihr Verhältnis zur Theorie erstens verstehen und zweitens kritisch beurteilen zu können. Ein möglicher positiver Nebeneffekt der Auseinandersetzung mit Methoden besteht darin, die negativen Vorurteile und auch einige ganz falsche Vorstellungen vom Vorgehen eines Forschers abzubauen. Solch eine Vorstellung besteht etwa darin, dass jemand, der eine Befragung plant, sich zunächst mit einem Blatt Papier hinsetzen und einen Fragebogen skizzieren würde – tatsächlich ist es so oder sollte es so sein, dass der Fragebogenentwicklung entscheidende Schritte vorausgehen, wie noch zu zeigen sein wird. Zentral ist jedoch, dies sei wiederholt, die kritische Lesekompetenz, die dieses Buch vermitteln möchte.

Um dieses Ziel zu erreichen, sind die einzelnen Abschnitte eng an Forschungsbeispiele gebunden. Dies gilt bereits für das zweite Kapitel, das zwei Beispiele für quantitative empirische Untersuchungen und speziell ihre Methoden vorstellt.

Das dritte Kapitel gibt einen Überblick über die Kennzeichen quantitativer Methoden und den Ablauf eines Forschungsprozesses nach dieser Forschungslogik. Dabei wird auch kurz eine Abgrenzung zu qualitativen Methoden vorgenommen.

Das vierte Kapitel stellt die Forschungsschritte bis zur Datenerhebung näher vor, dies auch konkret im Hinblick auf verschiedene Erhebungsinstrumente: die Inhaltsanalyse, die Beobachtung und die Befragung sowie die Sekundäranalyse als Sonderform. Dabei kommt zur Sprache, welche methodischen Probleme auftauchen können, die der Forscher zu lösen hat und auf die die Leser empirischer Ergebnisse achten sollten. Das Erhebungsinstrument der Inhaltsanalyse wird am Beispiel der Analyse von Kontaktanzeigen präsentiert, im Abschnitt zur Beobachtung geht es um das Verhalten von Museumsbesuchern. Die Befragung greift ein Forschungsprojekt zur Einbindung von Individuen in verschiedene Lebensbereiche auf, und die Sekundäranalyse wird anhand der Thematik einer potenziell verunsicherten Mittelschicht dargeboten. Einige Anmerkungen zu Möglichkeiten der Methodenverknüpfung schließen das Kapitel ab.

Im fünften Kapitel geht es um ein Element im Forschungsprozess, das unabhängig vom Erhebungsinstrument eine Entscheidung vom Forscher fordert: Die Auswahl der Forschungsteilnehmer oder Untersuchungsobjekte (z. B. Befragte für Interviews oder Zeitungsartikel für eine Inhaltsanalyse).

Das sechste Kapitel schließlich behandelt die Statistik, das Hilfsmittel schlechthin zur (quantitativen) Auswertung erhobener Daten. Dabei geht es nicht um statistische Verfahren im engeren Sinne, sondern nach einem Überblick über Aufgaben und Teilbereiche kommt es zur Diskussion ausgewählter Aspekte, die bei der Anwendung statistischer Verfahren sowie der Deutung und Darstellung statistischer Ergebnisse zu beachten sind. Diese Schwerpunktsetzung folgt damit konsequent der Zielsetzung, in erster Linie empirische Lesekompetenz zu vermitteln. Zur Vertiefung der Themen gibt es am Ende jedes Kapitels gezielte Literaturhinweise.

Dieses Buch zeichnet sich folglich dadurch aus, dass

  • man in kompakter Form einen Überblick über die Forschungsschritte von Untersuchungen mit quantitativen Methoden erhält,

  • anschauliche Beispiele aus der Forschungspraxis dabei sowohl die Verständlichkeit als auch die Reflexion typischer methodischer Probleme unterstützen, und

  • man mit großer Wahrscheinlichkeit nach der Lektüre des Buches Forschungsergebnisse, sei es in der Fachliteratur oder auch in Zeitungen und Zeitschriften, mit »methodischeren« Augen sehen wird als zuvor.

Ich danke Sonja Rothländer von UVK, Jennifer Eickelmann, Silke Kohrs und Stefanie Weber von der TU Dortmund für die kritische Durchsicht des Buches und schließlich Ronald Hitzler dafür, dass er meine methodische Perspektive nie zu selbstverständlich werden lässt.

1

Im Folgenden wird mal die männliche, mal die weibliche Form für beide Geschlechter genutzt und damit der Anforderung auch an eine Fragebogenentwicklung nach größtmöglicher Verständlichkeit gefolgt.

2

Beispiele für quantitative empirische Studien

Den beiden im Folgenden vorgestellten Studien ist gemeinsam, dass sie, mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, ungleichheits- und kultursoziologische Ansätze miteinander verknüpfen: J. Gerhards untersucht, ob und wodurch sich längerfristig verändert, welche Vornamen Eltern ihren Kindern geben. P. Bourdieu fragt danach, ob Geschmack und Lebensstile heutzutage durch die soziale Klassenzugehörigkeit geprägt sind. Außerdem setzen beide Werke theoretische Konzepte empirisch um und überprüfen sie. Sie wurden aus dem nahezu unbegrenzten Pool an thematischen und theoretischen Ansätzen sowie konkret verwendeten Methoden unter anderem deshalb ausgewählt, weil sie die Anwendung der grundlegenden Erhebungsinstrumente illustrieren.

2.1     Die Moderne und ihre Vornamen

2.1.1    Forschungsfrage

Sagt es etwas über Eltern aus, ob sie ihr Kind Dörte oder Denise, Henry oder Benjamin nennen? Jürgen Gerhards nimmt dies an. Er geht davon aus, dass die Vornamensgebung und insbesondere der Wandel von Namensgebungen in den letzten 100 Jahren Prozesse kulturellen Wandels abbilden. Woran orientieren sich Eltern, wenn sie für ihr Kind einen Namen auswählen? Wenngleich Eltern selbst oft nur diffuse Gründe angeben können (z. B. der Name klinge schön), lassen sich im Zeitverlauf bei der Betrachtung vieler Namensgebungen doch bestimmte Trends ausmachen, von denen Gerhards einige näher in Augenschein nimmt: In welchem Maße etwa orientieren sich Eltern an Traditionen, z. B. aus der Religion, der Nation oder der Verwandtschaft und Familie? Sind Vornamen, obwohl ihre Wahl nicht vom Einkommen oder anderen materiellen Ressourcen abhängt, schichtspezifisch, oder haben sie sich individualisiert? Welche Rolle spielen Moden? Schlägt sich Globalisierung bei den Vornamen nieder? Auf welche Weise markieren Vornamen im Zeitverlauf das Geschlecht des Kindes?

Die Fragen deuten auf den kultursoziologischen Gehalt der Thematik hin: Vornamensgebungen im Zeitverlauf – so die These – zeigen einen kulturellen Wandel (oder auch Stabilität) an, da Eltern Namen nicht »zufällig« vergeben, sondern sich an bestimmten kulturellen Faktoren orientieren. Wenn ein Elternpaar seinem Kind etwa einen deutschen, angloamerikanischen oder christlichen Namen gibt, kann dies im Einzelnen viele Gründe oder auch keinen direkt angebbaren Grund haben. Wenn es aber bei der Betrachtung einer großen Zahl von Namensvergaben beispielsweise zwischen 1933 und 1942 zu einer besonderen Steigerungsrate bei der Wahl deutscher Namen kommt, liegt eine »Prägekraft kultureller Kontexte« nahe, die sich somit auch und gerade für »einen der privatesten Bereiche« zeigt (Gerhards 2003: 28).

Versucht man, die Forschungsfrage danach zu systematisieren, was der Forscher erklären will und welche erklärenden Faktoren er heranzieht (im methodischen Sprachgebrauch heißt dies: Welche ist die abhängige, welche die unabhängige Variable), könnte man sagen: Erklärt werden soll die Vornamensgebung als Zeichen kulturellen Wandels. Mögliche Erklärungsfaktoren sind kulturelle Orientierungen und Prägungen (und nicht allein individuelle Vorlieben unabhängig davon), die wiederum von anderen, unter anderem sozialstrukturellen Faktoren abhängen. Gerhards hat damit nicht allein einen beschreibenden Anspruch (Welche Namen kommen wie häufig vor?), sondern er möchte die Trends auch erklären. Er verbindet dabei – ein in der Soziologie generell wichtiger Aspekt – das Handeln von Akteuren (die »Mikro«-Ebene) mit gesellschaftlichen Strukturen (der »Makro«-Ebene). Allerdings findet diese Verknüpfung allein auf einer kollektiven bzw. aggregierten Ebene statt. Damit ist gemeint, dass Gerhards z. B. die Häufung deutscher Vornamen in den 1930er-Jahren auf das politische System zurückführt. Man weiß aber nicht, warum einzelne Eltern ihren Kindern einen bestimmten Vornamen gegeben haben, oder ob gerade Anhänger des NS-Regimes deutsche Namen bevorzugt haben. Ein anderes Beispiel: Dass Kinder ab dem Ende der 1950er-Jahre seltener den Vornamen ihrer Eltern erhalten, bringt Gerhards damit in Verbindung, dass weniger Familien in der Landwirtschaft tätig sind, eine Hofübergabe an das Kind, insbesondere den Sohn, also wegfällt und damit diese Art der Tradition nicht gewahrt werden muss. Gerhards führt selbst an, dass der zwischen beiden Faktoren bestehende statistische Zusammenhang nicht zwingend einen ursächlichen Zusammenhang bedeutet, doch »leider stehen uns … keine Daten zur Verfügung, die eine Überprüfung auf der Individualebene zuließen. Uns bleibt allein die Möglichkeit auf theoretischer Ebene zu argumentieren, warum unserer Ansicht nach die aufgezeigten statistischen Zusammenhänge auf der Kollektivebene auch auf der Individualebene gegeben sind« (Gerhards 2003: 97). Trotz der Beschränkung des erklärenden Anspruchs auf Plausibilität lässt sich festhalten, dass die Studie zumindest mehrere erste Erklärungsansätze dafür liefert, wodurch die Namensgebung beeinflusst ist, warum und wie sich also ein kultureller Wandel in diesem Bereich vollzieht.

2.1.2    Methoden

Als Erhebungsinstrument wählt Gerhards die Inhaltsanalyse. Dabei wertet er Geburtsregister von Standesämtern aus zwei deutschen Kleinstädten aus, zum einen aus dem überwiegend katholischen Gerolstein in Westdeutschland, zum anderen aus dem protestantischen, später eher konfessionslosen Grimma in Ostdeutschland. Die Auswahl von nur zwei Gemeinden sichert keine Verallgemeinerbarkeit, doch zieht der Autor zum Vergleich Forschungsergebnisse aus anderen Regionen heran. Sie zeigen ähnliche Trends, was die Reichweite bzw. Generalisierbarkeit der Ergebnisse Gerhards’ wiederum stärkt.

Was genau hat Gerhards nun erhoben? In einem vier- bzw. zweijährigen Abstand erfasste er jeweils die 100 ersten Geburten eines jeden Jahrgangs zwischen 1894 und 1994 bzw. 1998. Die Information zu jeder Geburt enthielt die Merkmale Geburtsdatum, Vorname(n), Geschlecht, außerdem von den Eltern die Vornamen, die Religionszugehörigkeit und den Beruf. Im Nachhinein ergänzte er dieses Raster durch den Kulturkreis, aus dem die Vornamen stammten, anhand von Namenshandbüchern; außerdem teilte er die Berufe in drei Gruppen ein (unqualifiziert, qualifiziert, hoch qualifiziert). Die Zuordnung zu einem Kulturkreis ist dabei nicht ganz unproblematisch. Ausschlaggebend war der zeitlich letzte Kulturkreis, so zählt etwa beim Namen Martin der Bezug zu dem Heiligen Martin, dem Bischof von Tours, nicht der lateinische Ursprung »Mars«. Dem liegt die (nicht bewiesene) Annahme zugrunde, dass der zeitlich letzte der für Eltern bekanntere oder jedenfalls bedeutsamere Kulturkreis ist.

Eine zusätzliche kleine Befragung von Müttern in Entbindungsstationen spielt in dem weiteren Forschungsbericht leider nur am Rande eine Rolle, so dass dieses Element einer »Mikro-Ebene« nachrangig bleibt.

Die erhobenen Merkmale bilden nun Hinweise (»Indikatoren«) für die Prüfung verschiedener Trends bei der Namensgebung. Die folgende Auflistung zeigt einige Beispiele auf (siehe Tab. 2.1).

Manchmal wären weitere Untersuchungen sowohl auf der Ebene der Fragestellungen als auch der Indikatoren denkbar, die zum Teil mit der vorliegenden Datenbasis nicht durchgeführt werden konnten, so gab es für die Prüfung der Facette Verwandtschaftsbeziehungen keine Informationen über die Namen der Großeltern und Paten. Es wurde ebenfalls nicht gefragt, ob Eltern mehrerer Kinder ihren »Vorlieben« treu blieben. Bei der Heterogenisierung wäre es bei entsprechender Datenbasis interessant gewesen, welcher Anteil der Eltern einen Namen aus den »Top 10« des (Vor-)Jahres wählt etc. Ebenfalls wäre zu überlegen, ob pro »Trend« nicht in einigen Fällen mehrere Indikatoren sinnvoll gewesen wären. Positiv ist hervorzuheben, dass der Autor in jedem Kapitel die Fragestellung und die Indikatoren klar benennt.

Tab. 2.1: Dimensionen und Indikatoren in der Studie von Gerhards

Einfluss von

Indikator

religiösen Bindungen bzw. Säkularisierung

Anteil der christlichen Vornamen an der Gesamtmenge der Vornamen (laut Namenshandbuch)

nationaler Orientierung

Anteil der deutschen Vornamen an der Gesamtmenge der Vornamen

Verwandtschaftsbeziehungen

Anteil der Weitergabe der elterlichen Vornamen auf den Namen des Kindes an der Gesamtmenge der Vornamen

Individualisierung

Heterogenisierung, gemessen am Anteil unterschiedlicher Namen an der Gesamtzahl der Namen

Schichtspezifik

Anteil der Namen, die von allen Schichten vergeben wurden (ein zunehmender Anteil würde auf Entschichtung hinweisen). Schicht ist dabei operationalisiert als Berufe der Eltern2

Globalisierung bzw. Transnationalisierung

Anteil nicht christlicher und nicht deutscher Namen bzw. Anteil der Namen aus romanischem und angloamerikanischem Kulturkreis

Im zweiten Teil der jeweiligen Prüfungen zieht Gerhards weitere Merkmale hinzu, die nun nicht mehr aus der eigenen Erhebung, sondern aus der Literatur entnommenen Daten stammen, z. B. der erwähnte Rückgang der in der Landwirtschaft Tätigen. Diese Merkmale dienen der (heuristischen) Erklärung, warum z. B. die Eltern ihre eigenen Vornamen ab einem bestimmten Zeitpunkt seltener an die Kinder weitergeben.

2.1.3    Ergebnisse

Die Ergebnisdarstellung der Namensentwicklung erfolgt in erster Linie durch Kurvendiagramme wie dieses, teilweise auch weiter differenziert (z. B. eine Kurve pro Gemeinde) (siehe Abb. 2.1).

Abb. 2.1: Enttraditionalisierung (Entwicklung des Anteils deutscher und christlicher Namen)

Inhaltlich ergeben sich folgende Trends: Orientierungen an Traditionen auf der Basis von Religion, Staat und Verwandtschaft nehmen im Zeitverlauf ab. Dagegen spielt die Schichtzugehörigkeit weiterhin eine Rolle. Individualisierung gab es, doch ist sie bereits in den 1950er-Jahren abgeschlossen, was anderen theoretischen Ansätzen zu diesem Thema (z. B. Beck 1986) widerspricht. Man könnte hier weiter nachhaken: Vielleicht ist Heterogenität allein kein so guter Indikator. Oder hängt das Ende weiterer Heterogenisierung mit dem ebenfalls konstatierten zunehmenden Einfluss von Moden zusammen? Ohne näher auf die Inhalte von Individualisierung einzugehen, kann dieser Punkt hier nicht verfolgt werden, wichtig ist jedoch, dass die Leser aufgerufen sind, empirische Ergebnisse – ob sie plausibel erscheinen oder nicht – immer kritisch zu reflektieren. Zurück zu den Ergebnissen: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen Anstieg der Namen aus einem anderen, insbesondere dem angloamerikanischen und romanischen Kulturkreis (übrigens auch in der DDR). Gerhards führt dies unter anderem auf den Einfluss des Fernsehens zurück. Als relativ wandlungsresistent erwiesen sich geschlechtsspezifische Unterschiede, etwa eine stärkere Traditionsgebundenheit bei Jungennamen. Als Erklärungsfaktoren für diese Entwicklungen nennt Gerhards unter anderem Veränderungen der Sozialstruktur (z. B. die Bildungsexpansion) und des politischen Systems.

Zusammengefasst zeigt Gerhards die Prägung des »Mikrophänomens« Vornamensgebung durch kulturelle Orientierungen und ihren Wandel anhand verschiedener Indikatoren auf. Er beschreibt nicht allein den Wandel der Vornamen in verschiedenen Hinsichten, sondern verknüpft diesen auch mit »plausibilisierenden« Erklärungen. Es gibt die oben geschilderten Einschränkungen sowohl des Erklärungsanspruchs als auch bezüglich methodischer Details. Diese Grenzen der Reichweite werden teilweise selbstreflexiv in der Studie genannt, zum Teil sind die Leserinnen aufgefordert und durch die systematische Darstellung auch in der Lage, selbst über die Grenzen der Aussagekraft nachzudenken.

2.2     Klassenzugehörigkeit und Geschmack

2.2.1    Forschungsfrage

Pierre Bourdieu hinterfragt die im Alltag geläufige Annahme, dass der Geschmack, z. B. bei der Kleidung, der Musik oder Möbeln, allein auf die individuellen Vorlieben zurückgeht und dass man mit seinem Geschmack einen ganz individuellen Lebensstil ausdrückt. Stattdessen geht er davon aus, dass die Klassenzugehörigkeit einen bestimmten Habitus, also eine Grundhaltung mit spezifischen Wahrnehmungsweisen und Handlungsmustern mit sich bringt, der wiederum auch den »individuellen« Geschmack prägt. Dies bedeutet nicht Determinismus, also dass etwa alle Angehörigen einer Klasse hundertprozentig übereinstimmende Vorlieben haben; der Habitus steckt eher einen typischen Rahmen ab. Diese Prägung muss den Einzelnen nicht bewusst sein, nichtsdestoweniger besteht dieser Zusammenhang – so die Theorie Bourdieus –, und somit ist der Einfluss sozialer Ungleichheiten auf alle Bereiche auch des Alltagslebens nach wie vor groß. Die »feinen Unterschiede« symbolisieren die »groben« sozialen Ungleichheiten. Dabei konzeptioniert Bourdieu die Klassenzugehörigkeit recht komplex, so spielen neben dem ökonomischen Kapital das kulturelle Kapital (Wissen, Bildungstitel, kulturelle Güter) sowie das soziale Kapital (die richtigen »connections«) eine wichtige Rolle. Die herrschenden Klassen haben dabei die Macht, ihre »Kultur« als die »legitime« zu definieren und sich durch ihren entsprechenden Lebensstil von den unteren Klassen abzugrenzen.

Die Untersuchung hat den Anspruch, ein theoretisches Konzept (das an dieser Stelle nur höchst verkürzt dargestellt wird, vgl. ausführlicher z. B. Burzan 2011: Kap. 6) zur sozialen Ungleichheit vorzulegen, das einerseits den fortbestehenden Einfluss sozialer Klassen aufzeigt, andererseits aber auch soziale Entwicklungen der letzten Jahrzehnte berücksichtigt, die zu mehr Differenzierung und Wahlfreiheiten für die Einzelnen geführt haben. Zudem verknüpft das Konzept wiederum eine strukturelle Makro-Ebene (die sozialen Klassen) durch den Habitus mit der Mikro-Handlungsebene (Lebensstil und Geschmack). Dieses theoretische Konzept untermauert Bourdieu durch eine empirische Untersuchung mit Daten, die er bereits in den 1960er-Jahren in Frankreich erhoben hat.

2.2.2    Methoden

Dabei kommt ein Methodenmix zum Einsatz: Zum einen wurden nach einer Vorerhebung mittels Intensivinterviews und Beobachtungen mehr als 1000 Personen mit einem standardisierten Fragebogen befragt, zum anderen hatten die Interviewer auch die Aufgabe, bestimmte standardisierte Beobachtungen durchzuführen, und schließlich zog Bourdieu zahlreiche Daten zur Sekundäranalyse (die Nutzung bereits existierender Datensätze) heran.

Im Einzelnen ging es in dem Fragebogen um Vorlieben bei der Wohnungseinrichtung, Kleidung, Musik, Küche, Lektüre, Film, Malerei, Radiosendungen etc. zur Erhebung des Lebensstils und Geschmacks, außerdem um Angaben zum Beruf, Einkommen und andere sozioökonomische und -demografische Angaben zur Erhebung der sozialen Position. Beispielsweise sollten die Befragten ihre Möbel einem Stil zuordnen (modern, antik oder rustikal) und Attribute für die Wunscheinrichtung vergeben (z. B. komfortabel oder pflegeleicht), ebenso dafür, wie sie sich am liebsten kleiden. Sie wurden dazu befragt, welche Art Bücher sie gern lesen bzw. welche Art Filme sie gern schauen, welche Filme aus einer Liste sie gesehen haben und welche Musikstücke sie kennen etc. Etwa die Hälfte der Befragten kam aus Paris, die andere aus der »Provinz«.

Die Beobachtung umfasste die Dimensionen Wohnverhältnisse, Kleidung, Frisur und Sprache (der Befragten), z. B. »Schuhe von Frauen: mit hohen Absätzen, mit flachen Absätzen, Hausschuhe« (vgl. Kap. 4.4).

Bei der Sekundäranalyse bezog Bourdieu sich unter anderem auf Daten des INSEE (»Institut national de la statistique et des études économiques«, es entspricht in etwa dem Statistischen Bundesamt) zu den Bereichen Haushaltseinkommen, Ausbildung und berufliche Qualifizierung, Lebensbedingungen und Verbrauch in Haushalten sowie Freizeitverhalten (eine Auflistung der Sekundärdaten befindet sich in Bourdieu 1982: Anhang II).

Bei der Auswertung verwendete Bourdieu neben anderen Verfahren wie der Erstellung von Kreuztabellen eine Methode, die seitdem mit dieser Arbeit oft eng verknüpft wird: die Korrespondenzanalyse. Charakteristisch ist hier eine grafische Darstellung in Form eines Koordinatensystems, bei dem räumlich nah beieinander liegende Merkmale auch tatsächliche Ähnlichkeiten und Zusammenhänge symbolisieren (genauer zur Anwendung und Interpretation s. Blasius 2001, Blasius/Georg 1992). Am Beispiel der Nahrungsmittel ließ sich etwa zeigen, dass gehobene Klassen eher Rind, Fisch und Obst, insgesamt feine und leichte Speisen bevorzugten, untere Klassen eher Wurstwaren, Schweinefleisch und Brot, insgesamt eher fette, schwerere Kost.

Bourdieu reflektiert auch die Grenzen seines methodischen Vorgehens (1982: Anhang I). So waren in der Auswahl der Befragten die Ober- und Mittelklassen gegenüber der Arbeiterklasse überrepräsentiert. Der Fragebogen konnte für die einzelnen Bereiche (z. B. Musik) jeweils nur wenige Fragen und dazu nur wenig über die Art und Weise von Praktiken enthalten (tut man etwas gelangweilt oder leidenschaftlich, demonstrativ oder unauffällig etc.?), und die Fragen der sekundäranalytisch untersuchten Befragungen passten oft nur unvollkommen zu Bourdieus eigener Fragestellung.

2.2.3    Ergebnisse

Bourdieu arbeitet drei soziale Klassen (mit Differenzierungen, von denen hier abgesehen wird) mit einem jeweils typischen Geschmack heraus:

  • Die herrschende Klasse hat den »legitimen Geschmack«, der sich durch Sinn für Abgrenzung (Distinktion) und teilweise durch Vorliebe für Luxusartikel auszeichnet.

  • Die Mittelklasse oder das Kleinbürgertum hat einen »prätentiösen« Geschmack und eifert den oberen Klassen nach (durch Kultur- und Bildungsbeflissenheit), ohne jemals deren Selbstsicherheit oder Gelassenheit erlangen zu können. Der Kleinbürger ist der typische Abnehmer von Massenkultur.

  • Der Notwendigkeitsgeschmack der unteren Klassen schließlich orientiert sich am Praktischen. Sie haben nicht etwa eine angeborene Unfähigkeit (z. B. der ästhetischen Wahrnehmung), ihnen fehlt vielmehr kulturelles und ökonomisches Kapital.

Ein Beispiel für die Ergebnisdarstellung einer Korrespondenzanalyse zur Veranschaulichung von Geschmacksrichtungen zeigt Abbildung 2.2. Es geht hier nicht darum, die Methode der Korrespondenzanalyse anhand der Grafik vollständig nachzuvollziehen, sondern darum, grobe Zuordnungen vornehmen zu können. Beispielsweise bevorzugen insbesondere Menschen mit hoher Kapitalausstattung Impressionisten, und vor allem jene, deren kulturelles Kapital tendenziell höher ist als ihr ökonomisches Kapital.

Sowohl Bourdieus theoretischer Ansatz als auch die empirische Untersuchung sind eingehend auch in Deutschland diskutiert worden. Im Rahmen der sozialen Ungleichheit, etwa bei der Erforschung von Bildungsbenachteiligungen, wird das Konzept nach wie vor herangezogen – unter anderem scheint es einige Schwächen anderer Ansätze zu umgehen –, jedoch andererseits nicht unkritisch betrachtet. Ob und wie die empirischen Ergebnisse auf Deutschland im 21. Jahrhundert übertragbar sind, ist eine eher offene und nicht einfach zu klärende Frage. Blasius und Winkler hatten 1989 eine bedingte Übertragbarkeit auf Deutschland konstatiert, bestimmte Milieuansätze (Vester et al. 2001) übernehmen Teile von Bourdieus Konzept, verschiedene empirische Untersuchungen sowohl etwa aus der Bildungssoziologie als auch aus der Netzwerkanalyse arbeiten mit den Konzepten z. B. des ökonomischen, kulturellen und/oder sozialen Kapitals.

Abb. 2.2: Varianten des herrschenden Geschmacks

Nach diesem ersten Einblick in die Anwendung quantitativer empirischer Methoden soll es im Folgenden um die Frage gehen, welche Forschungslogik und welcher Forschungsablauf für diese Methoden charakteristisch sind. Damit stehen im nächsten Kapitel die methodischen Prinzipien hinter den empirischen Untersuchungen im Zentrum der Aufmerksamkeit.

    Literatur

Gerhards, Jürgen (2003): Die Moderne und ihre Vornamen. Eine Einladung in die Kultursoziologie, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag (2. Aufl. VS 2010).

Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 9. Aufl. der TB-Ausgabe 1997. (frz. Original 1979)

    Übungsaufgabe

Recherchieren Sie weitere empirische Untersuchungen, die quantitative Methoden verwendet haben.

2

Etwas unklar ist, welche Zuordnung gewählt wird, wenn Vater und Mutter nicht in der gleichen Schicht sind, eventuell der Beruf des Vaters (Gerhards 2003: 120).

3

Der quantitative Forschungsprozess: Logik und Forschungsschritte

3.1     Die Logik quantitativer Forschung

Was ist das Charakteristische an der quantitativen Forschungstradition, die sich als einer der beiden Hauptstränge »quantitativer« und »qualitativer« Forschung herausgebildet hat und sich von der »anderen« Seite nicht selten strikt abgrenzt (wie auch umgekehrt)? Studienanfänger könnten hier spontan meinen, dass es um Zählen und Rechnen gehe. Wenn jemand mit Zahlen arbeitet, reine Häufigkeiten von etwas betrachtet, forsche er quantitativ, wenn er sich aber dann, in die Tiefe gehend, den Inhalten zuwende, sei er ein qualitativ Forschender. Diese Ansicht ist arg verkürzt, man könnte auch sagen: falsch Im Folgenden sollen demgegenüber die Charakteristika der quantitativen Forschung vorgestellt werden, die sich vor allem durch eine bestimmte Forschungslogik auszeichnen.

  • Das Ziel empirischer Forschung besteht ganz allgemein darin, Zusammenhänge zu beschreiben und zu erklären: Sind beispielsweise polnische Migrantinnen besser in den Arbeitsmarkt integriert als türkische? Forschende untersuchen solche Zusammenhänge mit quantitativen Methoden, indem sie herausarbeiten, welche Muster sich in vielen Fällen zeigen, die dann als Hinweis für Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge dienen. Wenn etwa in sehr vielen Fällen die Herkunft aus bestimmten Ländern und die Erfahrung von Arbeitslosigkeit miteinander einhergehen, nimmt man an, dass dieses Ergebnis nicht zufällig zustande gekommen ist, sondern dass bestimmte Merkmale (der Migrantinnen, des Arbeitsmarkts, der Personalrekrutierung etc.) für diesen Zusammenhang mitverantwortlich sind, was sich wiederum empirisch überprüfen lässt.

  • Die Basis der quantitativen Forschung besteht daher in möglichst vielen Untersuchungsfällen, um solche Muster zu erkennen und um möglichst allgemeine, für große Zielgruppen repräsentative Aussagen treffen zu können. Der Forscher will etwa nicht nur etwas über 300 Befragte aussagen, sondern über seine Zielgruppe, z. B. Migrantinnen in Deutschland, insgesamt (s. dazu Kap. 5).

  • Forschende gehen nach der quantitativen Forschungslogik dabei so vor, dass sie sich vor der Datenerhebung überlegen, welche Aspekte und welche Erklärungsfaktoren wichtig sind. Sie präzisieren und strukturieren ihre Forschungsfrage auf der Grundlage des bisherigen Forschungsstands, formulieren konkrete Fragestellungen und Hypothesen und entwickeln aus dieser Systematik heraus ein Erhebungsinstrument wie einen Fragebogen. Die erst dann erhobenen Daten werden im Anschluss so ausgewertet, dass man die Hypothesen überprüfen und daraus Schlussfolgerungen für die Forschungsfragen ziehen kann. Der Schwerpunkt liegt darin, theoretische Annahmen und Erklärungen an konkreten Forschungsgegenständen zu überprüfen, weniger darin, Theorien erst durch die empirische Arbeit im Forschungsfeld zu entwickeln.

  • Es ergibt sich ein vergleichsweise linearer Forschungsablauf, in dem bestimmte Schritte nach einem Regelgerüst nacheinander folgen. Dies bedeutet nicht, dass der Forscher keine methodischen Entscheidungen mehr zu treffen hätte, denn die allgemeinen Faustregeln müssen ja jeweils auf das Forschungsthema angewendet werden, wie Beispiele noch genauer zeigen werden.

  • Weiterhin sind die Datenerhebungsinstrumente standardisiert, das heißt, in einer Befragung sind die Fragen und ihre Reihenfolge sowie (meist) die Antwortmöglichkeiten vorgegeben; bei einer Beobachtung und Inhaltsanalyse werden die relevanten Informationen in ein vorab ausgearbeitetes Kategoriensystem eingetragen. Eine Interviewerin sollte also z. B. nicht spontan den Fragebogen an die von ihr vermutete Sprache des befragten Jugendlichen anpassen, ein Beobachter keine Kategorien durch andere ersetzen. Die Standardisierung soll die Vergleichbarkeit der Daten erhöhen, zu einer möglichst großen Objektivität des Vorgehens beitragen und schließlich im Fall von Befragungen den Teilnehmenden eine Antwort durch die Vorgabe von Aspekten und Antwortmöglichkeiten erleichtern.

  • Die Datenauswertung erfolgt typischerweise mit Hilfe statistischer Verfahren. Tabellen mit Prozentangaben, grafische Darstellungen, Mittelwerte und andere Maßzahlen gehören hierzu. Wichtig ist, dass der Forscher die Ergebnisse systematisch auf die zuvor erarbeiteten Hypothesen bezieht. Andernfalls ist die Gefahr eines ungewollten »Datenfriedhofs« mit vielen Detailinformationen ohne hinreichenden Bezug zur Fragestellung groß.

Dieses hypothesenprüfende Vorgehen folgt wissenschaftstheoretisch – das kann hier nur als kurzer Exkurs angedeutet werden – einer deduktiven Logik und dem damit verbundenen Falsifikationsprinzip des Kritischen Rationalismus. Der Forscher schließt deduktiv vom Allgemeinen, der Hypothese/Theorie, auf das Besondere, die Einzelfälle und nicht induktiv von Einzelfällen auf eine allgemeine Regel. In den Naturwissenschaften ist diese Logik weniger umstritten als in den Sozialwissenschaften, weil Forscher dort oft Gesetze aufstellen können: Äpfel fallen vom Baum auf den Boden aufgrund der Schwerkraft. Dabei kann der Forscher vom Gesetz auf jeden einzelnen Apfel schließen. Bei sozialen Phänomenen und Prozessen sind Zusammenhänge weniger deterministisch. Wenn etwa Frauen in der Regel eine längere Lebenserwartung als Männer haben, bedeutet das nicht, dass jede Frau länger lebt als ihr gleichaltriger Partner. Dennoch gilt die deduktive Logik als Prinzip der quantitativen Methoden: Der Forscher prüft eine allgemeine These an Einzelfällen. Die Empirie kann die These – ein methodisch sauberes Vorgehen vorausgesetzt – bestätigen. Oder sie kann sie widerlegen, »falsifizieren«. In diesem Fall muss der Forscher die Hypothese modifizieren. Wenn die These bestätigt wird, kann er sie unter »härteren« Bedingungen weiter testen, z. B. mit einem größeren Geltungskreis, etwa nicht nur in Bayern, sondern in Deutschland oder weltweit. Nach dem Ansatz des »Kritischen Rationalismus« (vgl. als klassischen Text Popper 2002 [1934]) lassen sich Hypothesen nicht verifizieren, d. h. als wahr beweisen, weil nie alle denkbaren Fälle, Orte und Zeitpunkte untersucht werden können. Für eine Falsifikation ist dagegen grundsätzlich nur ein einziger widersprüchlicher Fall notwendig. Zumindest kann der Forscher festlegen, wann die Hypothese als falsifiziert gilt, etwa wenn die Lebenserwartung von Frauen nicht »statistisch signifikant« höher ist als von Männern. Aus der Falsifikation von Theorien oder andererseits ihrer Bewährung lassen sich aus dieser Sicht eindeutigere Erkenntnisse gewinnen als aus einem Versuch der Verifikation.

Die folgende Tabelle fasst in der linken Spalte die Merkmale der quantitativen Forschungslogik nochmals zusammen. Es wird deutlich, dass diese Merkmale zwar auch den Umgang mit Zahlen beinhalten (z. B. durch die Anwendung statistischer Verfahren, Häufigkeitsverteilungen als Befunde), sich aber keineswegs darin erschöpfen.

Die rechte Spalte zeigt spiegelbildlich die Charakteristika qualitativer Forschungslogik, die in dieser Einführung nicht vertieft werden können (s. dazu z. B. Flick 2007, Przyborski/Wohlrab-Sahr 2013). Typisch dafür sind unter anderem nicht standardisierte Erhebungsinstrumente (offene Interviews in Gesprächsform, unstrukturierte Beobachtungen etc). Ein wichtiger Aspekt besteht darin, dass der Forscher offen an die Fragestellung herangeht. Dies bedeutet nicht, dass er gar nicht erst eine Fragestellung formulieren müsste. Aber er ist offen für Aspekte, die sich erst aus dem Material ergeben, die er nicht durch Vorab-Überlegungen bereits vor der Erhebung festgelegt hat.

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