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Quälend süße Glut

Trish Morey

Quälend süße Glut

PROLOG

Es hätte ein Anlass zum Feiern sein sollen.

Die Geschäfte florierten, der australische Dollar schnellte in die Höhe, und Importware verkaufte sich so gut wie nie zuvor. Dazu kam noch die rasante Entwicklung der Preise auf dem Immobiliensektor. Für Rafiq Al’Ramiz ging es geschäftlich gerade wirklich steil bergauf.

Und das hätte tatsächlich ein Grund zum Feiern sein müssen …

Mit einem unwilligen Knurren schob er einen Stapel Papiere von sich und schwang seinen hochlehnigen Leder-Chefsessel um hundertachtzig Grad, was ihm den Genuss verschaffte, durch eine raumhohe Glasfront auf Sydney Harbour schauen zu können. Die grandiose Aussicht, die ihm seine luxuriöse Büroetage im vierzigsten Stock eines der modernsten Hochhäuser der Stadt bot, begeisterte ihn immer wieder. Noch mehr als die schwarzen Zahlen in den Unterlagen auf seinem Schreibtisch. Dennoch war ihm nicht nach Feiern zumute. Aber warum war das so?

Ganz einfach: Was ihm quasi in den Schoß fiel, machte Rafiq keinen Spaß.

Seufzend verschränkte er die Hände im Nacken und wippte ungeduldig vor und zurück. Echte Herausforderungen und nahezu unüberwindbare Hindernisse waren es gewesen, die ihn die letzten zehn Jahre angetrieben hatten. Widrigkeiten und Gegenwind formten seinen Charakter. Und für einen Mann, der quasi aus dem Nichts ein weltweites Firmenimperium auf die Beine gestellt hatte, waren Konflikte genau der richtige Treibstoff.

Rafiq langweilte es, Geld zu machen, wenn jedermann auf die gleiche Karte setzte, egal, ob er dabei zehnmal mehr verdiente als jeder andere. Hingegen Erfolg zu haben, wo alle anderen scheiterten, beflügelte und befriedigte ihn.

Hinter der Glasfront seines Büros sah er Fähren und private Luxusjachten Sydneys Hafen durchpflügen und um die beste Sicht auf die Harbour Bridge und das weltberühmte Opernhaus wetteifern. Das Wasser glitzerte in der strahlenden Sonne wie von Diamanten übersät. Das Wetter war perfekt, und die Geschäfte konnten besser nicht laufen. Ob er sich vielleicht auch eine Auszeit gönnen sollte?

Noch während er überlegte, löste Rafiq bereits die Designerkrawatte und erwärmte sich immer mehr für den Gedanken, selbst ein paar Stunden auf dem Wasser zu verbringen. Er konnte Elaine beauftragen, diese umwerfende Society-Prinzessin anzurufen, die er in der letzten Woche auf einem der unvermeidlichen Charity-Events getroffen hatte. Er erinnerte sich zwar weder an den Anlass der Wohltätigkeitsgala noch an den Namen der hinreißenden Schönheit, aber die attraktive Blondine in dem heißen roten Kleid hatte ihm so unmissverständlich ihre Bereitwilligkeit demonstriert, dass sie seine spontane Einladung bestimmt nicht ablehnte.

Seine Assistentin würde sie ganz sicher aufspüren, immerhin gehörte das zu ihrem Job.

Und während er sich amüsierte, könnte mit Glück ein kleiner Börsencrash eintreten und seinen Arbeitsalltag wieder ein wenig interessanter und aufregender gestalten. Zumindest hoffte Rafiq das.

In dem Moment, als er den Hörer aufnehmen wollte, um Elaine Bescheid zu geben, läutete das Telefon. Rafiq hob die dunklen Brauen. Elaine hatte mit der Zeit zwar so etwas wie einen sechsten Sinn für seine intimsten Bedürfnisse entwickelt, doch wenn sie tatsächlich bereits die heiße Blondine an der Strippe hatte, beabsichtigte er, ihren diesjährigen Bonus noch um eine Luxusreise zu den Bermudas aufzustocken.

Rafiq nahm das Gespräch entgegen und lauschte stumm. Es war nicht das erwünschte Date, und damit gab es für Elaine in diesem Jahr auch keinen All-Inclusive-Urlaub auf den Bermudas. Doch dafür würde sich in Kürze offenbar sein Leben höllisch interessant gestalten …

1. KAPITEL

Heiße Wüstensonne brannte erbarmungslos auf die Rollbahn von Qusays Flughafen hinunter. Die trockene Hitze verschlug Rafiq fast den Atem, als er seinen Gulfstream Jet verließ. Er verharrte einen Moment, bis sich seine Augen an das gleißende Licht gewöhnt hatten.

Über den Geruch von Flugbenzin hinweg versuchte er einen Hauch der mit Blütenduft erfüllten Luft zu erhaschen, die ihn an seine Kindheit in dem Wüstenreich erinnerte.

„Rafiq!“

Er lächelte seinem älteren Bruder entgegen, der behände aus einer schweren Luxuslimousine stieg und in dem traditionellen weißen Gewand beneidenswert frisch und dynamisch wirkte. Rafiqs Blick wanderte weiter zu einem eleganten Bentley, der mit Fahnen bestückt war, auf denen die königlichen Insignien Qusays prangten und die lustig im warmen Wüstenwind flatterten. Flankiert wurde der Konvoi von einer uniformierten Motorradstaffel.

Jetzt erst wurde Rafiq wirklich bewusst, was die Nachricht von König Xavians Rücktritt, der abgedankt hatte, nachdem er erfuhr, dass er in Wirklichkeit Prinz Zafir von Calista war, bedeutete: Rafiqs eigener Bruder, Kareef, würde in Kürze zum König von Qusay gekrönt werden.

Und dieser Umstand machte ihn selbst zu einem Prinzen des Königreich Qusays …

Zu spät!, meldete sich eine Stimme in seinem Hinterkopf. Rafiq verspürte einen Anflug von Bitterkeit.

Wäre es damals schon so gewesen, vielleicht hätte sie …

Rasch schüttelte er den ebenso verführerischen wie frustrierenden Gedanken ab. Erstens war es Geschichte, zweitens hätte er keine Frau haben wollen, die ihn allein des Titels wegen nahm.

Hier und heute gab es etwas viel Besseres zu feiern. Und das wollte er tun, selbst wenn er den bitteren Geschmack im Mund wahrscheinlich nie ganz loswürde. Leichtfüßig eilte er die Treppe hinunter, schloss seinen Bruder in die Arme und klopfte Kareef herzhaft auf den Rücken.

„Tut gut, dich zu sehen, Bruder. Oder muss ich dich jetzt mit Sire ansprechen?“

Kareef wedelte die launige Frage mit einer flüchtigen Handbewegung zur Seite und drängte seinen Bruder, in die klimatisierte Limousine einzusteigen. Der Chauffeur hielt ihnen die Tür auf, verbeugte sich tief, bevor er sie mit sanftem Druck schloss und wieder hinter dem Steuer Platz nahm.

„Ich bin froh, dass du überhaupt kommen konntest, angesichts der späten Einladung“, seufzte Kareef, als sich der Konvoi langsam in Bewegung setzte.

„Du hast doch wohl nicht angenommen, ich würde mir deine Krönung entgehen lassen?“

„Na ja, immerhin hast du auch nur wenig von Xavians Hochzeit mitbekommen. Wie lange warst du dort? Zwei, drei Stunden“, erinnerte ihn sein Bruder und spielte damit auf Rafiqs überstürzte Abreise an, als ihr Cousin Xavian – alias Prinz Zafir – Königin Layla von Haydar heiratete. An jenem Tag hatte es eine Explosion in einer seiner Niederlassungen gegeben, bei der zwar Verletzte, zum Glück aber keine Toten zu beklagen waren.

„Stimmt, damals gab es diesen Unfall in einer meiner Firmen, der meine unbedingte Anwesenheit erforderte. Außerdem, wie sich herausgestellt hat, ist Xavian ja nicht einmal unser Cousin, aber du bist mein Bruder, daran besteht nicht der geringste Zweifel“, behauptete er grinsend.

Und in der Tat war die Ähnlichkeit zwischen ihnen unübersehbar. Beide Männer waren groß, hatten durchtrainierte, muskulöse Körper und attraktive dunkle Gesichtszüge. Das hätte gereicht, um sie eindeutig der gleichen Familie zuzuordnen, doch das Überraschendste waren die unglaublich intensiven blauen Augen, die je nach Gemütslage warm und klar wie ein Sommertag wirkten oder eiskalt wie klirrender Frost.

„Da wir gerade von Brüdern reden … ist es wahr, dass unser treuloser jüngster Bruder gedenkt, die Krönungszeremonie mit seiner Anwesenheit zu ehren?“

Kareef schluckte. „Ja, ich habe ihn sogar persönlich gesprochen … gestern erst.“

„Ich kann es kaum fassen!“

„Es war nicht leicht, ihn in Monte Carlo aufzuspüren und zu überreden, aber er hat versprochen, zur Krönung zu kommen.“

Rafiq hob skeptisch die Brauen und lehnte sich im komfortablen Ledersitz zurück. „ Wir alle drei … in der Heimat vereint! Das gibt’s ja nicht.“

„Ja, es ist lange her“, pflichtete Kareef ihm bei. „Viel zu lange.“

Die Fahrt vom Flughafen zum Palast führte durch das pulsierende Shafar, der Inselhauptstadt von Qusay mit seiner reizvollen Mixtur aus traditionellen niedrigen Ziegelhäusern und gläsernen Wolkenkratzern. Doch dafür hatten die Brüder kein Auge, während sie einander erzählten, wie es ihnen seit ihrem letzten Zusammentreffen ergangen war.

So war Rafiq ziemlich erstaunt, als sie nach gar nicht langer Zeit, wie ihm schien, die schmiedeeisernen Tore passierten und die Limousine langsam über den gewundenen Weg fuhr, der zum Haupteingang des Palastes führte.

Immer wieder aufs Neue beeindruckte ihn der prachtvolle Bau, der in der Sonne wie Perlmutt schimmerte. Egal ob bei Tag oder bei Nacht bot er Besuchern, die auf dem Seeweg anreisten, über Meilen hinweg ein reizvolles Bild – einmal hell glänzend wie ein Juwel, dann wieder romantisch illuminiert und angestrahlt vom silbernen Mondlicht, wie ein Gruß aus Tausendundeiner Nacht.

Als die Limousine unter einem beschatteten Säulengang anhielt und die Wagentür von einem beflissenen uniformierten Wachmann geöffnet wurde, der zackig vor ihnen salutierte, erinnerte das Rafiq einmal mehr an den neuen Stand seines Bruders.

Heute betrat Kareef den Palast nicht mehr als ein Verwandter, der zu Besuch bei der königlichen Familie geladen war, sondern als zukünftiger König und Hausherr. Und er selbst war nicht nur der jüngere Bruder des zukünftigen Königs, sondern ein Prinz!

Was für eine Ironie des Schicksals, dachte Rafiq.

Nachdem er es aus eigener Kraft geschafft hatte, ein König im weltweiten Business zu werden – unangefochtener Herrscher in seinem eigenen Finanzimperium –, fiel ihm unerwartet und unverdient der Titel in den Schoß, der vor Jahren vielleicht sein Lebensglück hätte retten können. Und plötzlich fand er sich in unmittelbarer Nähe des Throns des Landes wieder, dem er als junger Mann todunglücklich und trotzig den Rücken gekehrt hatte.

Wie schnell sich das Leben doch ändern konnte …

Und wieder musste er sich dagegen wehren, die Bitterkeit nicht überhandnehmen zu lassen, die seine Gedanken und Gefühle all die Jahre in der Ferne beherrscht hatten. Denn, wäre sein Bruder damals bereits König gewesen …

Energisch schüttelte Rafiq den Kopf. Unsinnige Grübeleien führten zu gar nichts! Hatte er das nicht längst in den einsamen Jahren am anderen Ende der Welt gelernt? Wahrscheinlich lag es an der sengenden Hitze, die ihm ins Hirn stieg und es langsam ausdörrte.

Damals war er eben kein Prinz gewesen, und sie hatte keine andere Chance gehabt, als den anderen zu heiraten. Punkt aus … Ende der Geschichte!

In der kühlen, hohen Eingangshalle legte Kareef ihm die Hand auf die Schulter. „Tut mir leid, Bruder. Wie ich bereits erwähnte, wartet noch eine Menge unerledigter Arbeit auf mich, sodass ich dich hier und jetzt verlassen muss. Akmal wird dir inzwischen deine Suite zeigen.“

Die ihm zugewiesene Suite erwies sich als eine stattliche Anzahl hoher, lichtdurchfluteter Räume wahrhaft königlichen Ausmaßes. An den Wänden hingen riesige Spiegel in schweren Goldrahmen, kostbare antike Teppiche veredelten zusätzlich die farbenprächtigen Seidentapeten. Das Mobiliar war ebenfalls antik und ausgesprochen opulent, jeder seiner Schritte wurde durch dicke Orientteppiche gedämpft.

„Ich hoffe, Sie werden sich hier wohl fühlen, Eure Hoheit“, sagte Akmal, verbeugte sich tief und bewegte sich rückwärts in Richtung der Tür.

„Da bin ich mir ganz sicher …“, murmelte Rafiq, einigermaßen erschlagen und seltsam berührt durch die ungewohnte Anrede. Nie war ihm der Kontrast zwischen dem traditionsüberladenen Palast und seinem ultramodernen Zuhause in Sydney bewusster gewesen. Seine Strandvilla auf fünf Ebenen – eine Hommage an die moderne Architektur aus Glas, Stahl und Beton – thronte auf einer Klippe, die einen fantastischen Blick über Secret Cove, Sydneys exklusivstes Strandareal, bot.

Und das ausgesuchte Interieur im Inneren war am besten mit spartanisch zu beschreiben. Alle Böden aus poliertem Naturholz, dazu gebürsteter Stahl, Glas und Granit.

Schon sonderbar, dachte Rafiq bei sich, dass ich einen Großteil meines Geldes damit verdiene, den Menschen alles zu verkaufen, was der mittlere Osten an opulentem Design und Kunsthandwerk zu bieten hat, und selbst im absoluten Minimalismus lebe.

„Ach, Akmal?“, rief er den Großwesir zurück. „Bevor Sie gehen …“

Der alte Mann verbeugte sich erneut. Die abgezirkelte Geste zeugte gleichzeitig von tiefem Respekt und einer gewissen Alterssteifheit, die Rafiq nicht entging. „Ja, Eure Hoheit?“

„Können wir diese albernen Formalitäten nicht einfach fallen lassen? Mein Name ist Rafiq.“

Akmal schien sich noch mehr zu versteifen. „Aber hier in Qusay sind Sie Eure Hoheit, Eure Hoheit“, entgegnete er sehr betont und mit einem leichten Tadel in der Stimme.

Rafiq seufzte und nickte ergeben. Als Neffe des Königs von Qusay war er sozusagen im Schatten der Krone groß geworden. Und obwohl die Möglichkeit natürlich immer bestand, dass Xavian, dem einzigen Thronerben, der zudem von Geburt an kränkelte, etwas zustoßen konnte, hatte niemand wirklich daran geglaubt.

So verbrachten Rafiq und seine Brüder den Großteil ihrer Kindheit fernab der steifen Regeln und Verbote, die im Palast Gesetz waren. Man hatte sie zwar pflichtschuldigst mit allen königlichen Belangen und Traditionen vertraut gemacht, ihnen ansonsten aber auch große Freiheiten eingeräumt. Was nicht unbedingt ihrem strengen Vater, sondern in erster Linie ihrer gelassenen, klugen Mutter zu verdanken war.

Und diese ihm gewährte Freiheit erlaubte es Rafiq, nach einer großen Enttäuschung mit neunzehn aus Qusay fortzugehen, weil es dort nichts mehr gab, was ihn zu halten vermochte.

Seitdem verfolgte er nur noch seinen eigenen Weg und machte sein Glück am anderen Ende der Welt. Dabei hatte er es von einem Niemand zu einem der wohlhabendsten und einflussreichsten Geschäftsmänner international gebracht.

Und das alles ohne Prinzentitel, den er auch jetzt weder brauchte noch wollte.

Aber wie sollte er das jemandem klarmachen, der zu hundert Prozent in alten Traditionen verhaftet war und dessen ganze Existenz sich nur um das Königshaus von Qusay drehte?

Wie auch immer! Gleich nach der Krönung würde Rafiq wieder in die Anonymität seiner neuen Heimat eintauchen, und bis dahin …

„Natürlich, Akmal, ich verstehe“, sagte er begütigend. „Ach, und noch etwas …“

„Eure Hoheit?“

Gegen seinen Willen musste Rafiq über den unbeugsamen alten Mann lächeln. „Informieren Sie bitte meine Mutter, dass ich ihr heute Nachmittag einen Besuch abstatte.“

Eine erneute Verbeugung. „Wie Sie wünschen, Eure Hoheit.“

Damit zog sich der Großwesir endgültig zurück, und Rafiq unternahm eine zweite Erkundungstour durch sein neues Reich, um sich mit allen Einzelheiten vertraut zu machen, ehe er sich auf den Weg zu dem sagenhaften Swimmingpool olympischen Ausmaßes machte, an den er sich noch aus Kindheitstagen erinnerte. Er lag in einem anderen Flügel des Palastes, und Rafiq überlegte amüsiert und eine Spur aufgeregt, ob er sich noch an die alten Schleichwege erinnerte, auf denen er und seine Brüder immer versucht hatten, ihren Aufpassern zu entkommen.

Überraschend schnell gelangte er zu dem Pool, der an einen Fitnessbereich grenzte, zu dem nur Männer Zutritt hatten. Er war überdacht, und durch die geöffneten Fenster mit antiken Spitzbögen wehte eine angenehme, sanfte Meeresbrise herein. Rafiq war heute der einzige Schwimmer.

Wie er noch von damals wusste, gab es im Frauenflügel einen ähnlichen Pool, wo sich die Damen des Palastes ihrer Kleider und Schleier entledigen und verlustieren konnten, ohne Gefahr zu laufen, dem anderen Geschlecht zu begegnen.

Eine Sitte, die bei den Badenixen am Strand vor seiner Villa in Sydney unter Garantie nur ein amüsiertes Lächeln oder absolutes Unverständnis auslösen würde. Dort gaben sich die zumeist äußerst attraktiven Sonnenanbeterinnen kaum Mühe, ihre reizvollen Kurven mit winzigen Stofffetzen vor gierigen Männerblicken zu verbergen. Und Rafiq hätte lügen müssen, wenn er behauptete, sich durch diesen Anblick belästigt zu fühlen.

Doch hier in Qusay, wo man sich immer noch den alten Traditionen verpflichtet fühlte, war eben alles anders und machte irgendwie auch Sinn.

Das Wasser umspülte seinen trainierten Körper, als Rafiq mit einem eleganten Kopfsprung eintauchte. Es war kühl und erfrischend. Mit kräftigen Schwimmstößen legte er Bahn für Bahn zurück, um seine von der langen Reise verspannten Muskeln zu lockern, bis sie vor Beanspruchung brannten. Ein bewährtes Mittel, um die Auswirkungen eines Jetlags abzukürzen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Erst als Rafiq sicher war, dass die Mittagsruhe, die seine Mutter seit jeher strikt einhielt, sich langsam dem Ende zuneigte, verlangsamte er den Rhythmus und ließ sich schließlich gemächlich auf dem Rücken treiben. Sein Geist fühlte sich jetzt frisch an, und die Müdigkeit des Körpers war eine natürliche, zurückzuführen auf die Anstrengung beim Schwimmen und nicht auf die erzwungene Bewegungslosigkeit während langer Flugreisen.

Wieder in seiner Suite duschte er abwechselnd heiß und kalt, trocknete sich ab und musterte seine Garderobe, die eine unsichtbare, helfende Hand inzwischen im riesigen Schrank aufgehängt und eingeräumt hatte. Alles war frisch gebügelt, und neben seinen Anzügen und Designerhemden fanden sich sogar noch, sauber gestapelt, traditionelle Roben.

Rafiq lächelte schwach und griff nach einer Kufiya, der bevorzugten Kopfbedeckung der Männer in Qusay. Gedankenverloren ließ er die Agal, eine schwarze Kordel, mit der das Tuch befestigt wurde, durch die Finger gleiten.

Zweifellos eine Idee seiner Mutter, die sich wahrscheinlich wünschte, dass er nach ihrer Vorstellung anständig gekleidet an der Krönung seines Bruders teilnehmen sollte. Zwei Jahre war es jetzt her, dass er zuletzt die Landestracht angelegt hatte, und zwar zur Beerdigung seines Vaters. Es war eine Ausnahme gewesen.

Und dabei würde es auch bleiben. Inzwischen hatte er einen eigenen Kleidungsstil entwickelt, der zu ihm passte und in dem er sich wohl und authentisch fühlte. Dazu gehörten bevorzugt Armani-Anzüge, maßgeschneiderte Hemden und handgenähte Schuhe.

Langsam legte Rafiq die traditionelle Tracht zurück und griff nach einem weißen Hemd und einem leichten Sommeranzug. Er mochte zurück in Qusay und sogar ein Prinz sein, aber damit noch nicht automatisch bereit, sein neues Leben zu leugnen.

Im Palast ging es inzwischen emsig wie in einem Bienenstock zu, als Rafiq sich auf den langen Weg zu den Frauengemächern machte. Überall konnte er durch offene Türen Bedienstete sehen, die kostbares Besteck, Silberleuchter oder Kristalllüster putzten, polierten und Teppiche reinigten.

Und von einem langen, überdachten Balkon, der zu den Räumen seiner Mutter führte, schaute er in den Garten hinunter, wo eine emsige Armee von Gärtnern herabgefallene Blüten und Blätter der Orangen- und Zitronenbäume aufsammelten, die als duftende Allee die gewundene Auffahrt zum Palast flankierten.

Kurz bevor er die Suite erreichte, trat eine schmale Frauengestalt heraus, schloss behutsam die Tür hinter sich und eilte mit gebeugtem Kopf auf ihn zu. So leichtfüßig, dass ihre Sandalen kaum einen Laut auf dem marmornen Fußboden machten. Sie trug die landestypische Abaya, einen dunklen Umhang, der ihren zierlichen Körper komplett verhüllte, aber irgendetwas an der Haltung ihres Kopfes und der Linie ihrer Schultern ließ Rafiq aufmerken. Die schwarze Burka gab nur die Augen frei, doch die hielt die Fremde niedergeschlagen. Wahrscheinlich eine der Zofen seiner Mutter, die frischen Kaffee oder Süßigkeiten für das avisierte Treffen mit ihm holen sollte.

Als sie an ihm vorbeihuschte, verspürte Rafiq ein seltsames Kribbeln auf der Haut, das er sich nicht zu erklären vermochte.

Aber das war unmöglich!

Sie war verheiratet und führte mit ihrem Mann irgendwo in Paris, Rom oder einer anderen Party-Metropole das ersehnte Luxusleben, das sie einem Zusammensein mit ihm vorgezogen hatte. Außerdem war sie vital und lebenshungrig. Nicht so gebeugt und bedrückt wie die arme Frau, der er mit gefurchter Stirn hinterherschaute.

Bereit, die unsinnigen Vermutungen und verstörende Emotionen gleich wieder zu verdrängen, wollte Rafiq sich abwenden, doch exakt in diesem Moment stoppte die schmale Gestalt und schaute über die Schulter zurück.

Es brauchte nur diese eine Sekunde, um seinen Herzschlag zum Stocken zu bringen. Die Luft wich mit einem pfeifenden Geräusch aus seinen Lungen, pures Adrenalin schoss durch Rafiqs Adern, und sengende rote Wut vernebelte seinen Blick.

Sie war es wirklich! Sera!

2. KAPITEL

Ihre mit schwarzem Kajal umrandeten Augen waren weit aufgerissen, und in ihren Tiefen sah er den gleichen Schock, der ihn in Fängen hielt, Ungläubigkeit und aufsteigende Panik.

Dann senkte sie erneut die Lider, wandte sich um und hastete davon, als sei der Leibhaftige hinter ihr her. Zurück blieb nur ein leiser Hauch von Weihrauch und Jasmin. Ein Duft aus längst vergangenen Zeiten, der ihn so flüchtig und quälend sanft wie ein seidenes Band streifte und in ihre Richtung zu ziehen schien.

Rafiq presste die Lippen zusammen und zwang sich, auf der Stelle zu verharren. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass die Art, wie sie ihn so einfach stehen ließ und wieder einmal vor ihm flüchtete, ihn maßlos ärgerte. Nach so vielen Jahren hatte sie keinen zweiten Blick und kein einziges Wort für ihn übrig? Schuldete sie ihm nicht wenigstens das?

Verdammt! Wenn er es sich genau überlegte, schuldete sie ihm noch eine ganze Menge mehr!

„Sera!“ Gegen seinen Willen war ihm ihr Name entschlüpft und schallte so hart wie die steinernen Wände hinter der flüchtenden Gestalt her. Er drückte keinen Wunsch aus, sondern klang wie das, was er war: ein ultimativer Befehl, den die Trägerin des Namens allerdings zu ignorieren schien. Sie hielt nicht an und drehte sich erst recht nicht um. Und wenn sie es getan hätte, wäre Rafiq wahrscheinlich ziemlich in Verlegenheit geraten, da er nicht wusste, was er ihr sagen sollte.

Dass sie ihn gehört hatte, daran bestand für ihn kein Zweifel, sonst hätte sie nicht mit beiden Händen ihre Robe zusammengerafft und die hastigen Schritte noch mehr beschleunigt.

„Sera!“ Der raue, harsche Laut war ein Ausdruck tiefster Frustration. Lauter als zuvor, doch sie war bereits hinter der Ecke am Ende des langen Ganges verschwunden. „Verdammt!“

Abrupt schwang Rafiq herum und stürzte förmlich auf die Tür zur Suite seiner Mutter zu. Die Tage, an denen ihr gehauchter Name es Sera unmöglich gemacht hätte, sich auch nur einen Zentimeter von ihm ...

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