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Pyrit (01) – Herrschaft der Zeit

Zu diesem Buch

Elyon Hamford besitzt eine besondere Gabe: Sie kann die Zeit anhalten. Das Oberhaupt ihres Volkes schickt sie auf eine gefährliche Mission. Sie soll Nolan, das Alphatier der Gepardenwandler, ausspionieren und dann töten. Doch Elyon wird von Nolan ertappt und gefangen genommen. Bald wird klar, dass sie in ein Netz aus Verrat und Intrigen verstrickt sind. Zwischen ihren Völkern droht ein Krieg, den sie nur abwenden können, wenn sie sich der Wahrheit ihrer Gefühle füreinander stellen.

Prolog

10 Jahre zuvor

Der Regen prasselte sacht auf ihre Kapuze hinab. Kaum spürte sie den Wind, der an ihrem Mantel zerrte und ihr die langen rotbraunen Haare ins Gesicht wehte. Unbehelligt spazierte sie die Straße entlang und kümmerte sich nicht um das Wetter, das so typisch für den Frühling in dieser Hemisphäre war.

Langsam strich sie sich die Haare wieder hinter ihre Ohren und ließ die Augen entspannt über die Leute schweifen, die ihrem alltäglichen Leben nachgingen, als gäbe es kein Morgen mehr. Aufgeregt liefen sie – aufgescheuchten Vögeln gleich – umher. Die meisten flüsterten und blickten besorgt über ihre Schulter, wohingegen andere so taten, als würde es sie nicht kümmern. Sie stand derweil in der Mitte des Geschehens und beobachtete es amüsiert, zugleich aber auch ein wenig besorgt. Menschen waren so leicht zu schockieren, dass es schon beinahe peinlich war. Doch unter all diesen Menschen konnte sie auch ein paar Wandler ausmachen, die versuchten, ein wenig Ordnung in die Situation zu bringen.

Fasziniert beobachtete sie diese Spezies, die mit den Menschen friedlich koexistierte. Schon immer hatten vor allem die Wandler ihr Interesse geweckt. Denn sie konnten sich in das Tier verwandeln, zu dessen Rudel sie gehörten, und waren zugleich Tier als auch Mensch. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, wie es wohl war, wenn einem Flügel wuchsen oder man wild und frei auf seinen vier Beinen durch den Wald jagen konnte.

Langsam schritt sie weiter, zu einem der Schaufenster, vor dem sich etliche Schaulustige angesammelt hatten. Ruhelos verfolgten sie den Bericht eines Nachrichtensprechers, der dort in einem Fernseher ausgestrahlt wurde.

»Mr. Vice President, was denken Sie, hat die neue Spezies vor?«

Aufgeregt hielt der Interviewer dem Politiker das Mikrofon unter die Nase. Das war die Story seines Lebens, über etwas Größeres würde er nie mehr berichten.

»Zuallererst müssen wir Ruhe bewahren. Unsere Sicherheitsabteilung hat bereits alle nötigen Schritte eingeleitet …«

»Also denken Sie, dass uns diese Spezies feindlich gesinnt ist?«, unterbrach ihn der Interviewer.

Genervt schüttelte sie den Kopf. Sensationshungrige Geier.

»Nein, wir stehen bereits in Verhandlungen mit dem Oberhaupt dieser Spezies und bisher hat sich gezeigt, dass sie friedlich unter uns leben wollen. Sie möchten nichts weiter, als akzeptiert werden …«

Gelangweilt drehte sie sich wieder von dem Schaufenster weg. Wenn die Menschen wirklich dachten, dass die Forás und Enérgeias friedliche Absichten hegten, dann waren sie dümmer als gedacht. Sie breitete die Arme aus, genoss den Wind, der sie umgab, und ließ die angeborene Kraft aus sich herausströmen. Innerhalb von Sekunden stand die Zeit still und sie war die Einzige hier, die die Schönheit des Moments bewundern konnte. Die Menschen und Wandler lebten in einer solchen Hektik, dass sie oft vergaßen, einfach mal innezuhalten. Manchmal, wenn sie auf Mission des Oberhauptes unterwegs war, hielt sie die Zeit daher einfach an. Bescherte so den Menschen und Wandlern einen kurzen Augenblick der Stille. Nun prallte der Regen weit über ihr auf einen Schutzschild und schwebte darunter bewegungslos in der Luft. Außerhalb der Grenzen ihrer Kraft drehte die Welt sich weiter, die Zeit schritt voran und die Menschen und Angehörigen der übrigen Spezies lachten, weinten und starben. Doch hier, in ihrer unmittelbaren Umgebung, existierte das alles nicht mehr. Keiner atmete, lachte, tanzte oder starb. Hier gab es nur sie als stille Beobachterin, die ihnen ein paar kostbare Sekunden ihres Lebens raubte. Sie studierte ihre Gesichter, um sie später mit genau diesen Gesichtsausdrücken mit dem Zeichenstift zu verewigen.

Ganz allmählich ließ sie die Zeit wieder in jeden Körper, Stein und Grashalm fließen. Der Regen prasselte plötzlich noch stärker herab und der Wind bließ eisig durch die Menschenmasse, die genauso eilig und verwirrt wie zuvor ihrem gewohnten Trott folgte.

Sie hob den Kopf und betrachtete den wolkenverhangenen Himmel. Dass es ein Schock für die Menschen und Wandler war, zu erfahren, dass es noch zwei weitere Spezies gab, verstand sie durchaus. Schließlich waren sie überaus mächtig. Die Zeit anhalten zu können, war ein Privileg, das nur die Forás besaßen. Und jedem Lebewesen die Energie stehlen und sehen zu können, wie sie in einem Körper oder Gegenstand pulsierte, war bestimmt auch eine angsteinflößende Fähigkeit in den Augen der Menschheit.

Als sie den Blick senkte, begegnete sie den Augen eines Enérgeias, der sie wissend musterte. Er hatte bemerkt, was sie getan hatte, und sie musste unwillkürlich lächeln. Auch wenn er es nicht sehen konnte, so wie sie es sah, wusste sie doch, dass er die Veränderung ihrer Energie bemerkt hatte. Enérgeias waren blind im herkömmlichen Sinne, sahen jedoch die Energie eines Lebewesens, wodurch sie ihr in dem Bereich eindeutig überlegen waren.

Sie nickte dem Enérgeia zu und sah wieder zum Himmel hoch. Beobachtete die Wolken, den Regen und das diffuse Licht, das sich ab und an aus der dicken Wolkenschicht hervorwagte. Dort oben, so viele Lichtjahre entfernt, gab es einen weiteren Planeten. Einen, der der Erde auf unheimliche Weise glich. Die neue Welt umkreiste die Sonne in der gleichen Umlaufbahn wie die Erde. Schritt im gleichen Zyklus der Jahreszeiten voran und beherbergte noch mehr Arten als ihre, die alte Welt. Wesen, die die Wissenschaft noch nicht verstand und über die kaum etwas in Erfahrung zu bringen war. Sie wusste nicht, ob das meiste einfach geheim gehalten wurde, oder ob die Wissenschaftler, die in der neuen Welt verweilten, einfach noch nichts Brauchbares herausgefunden hatten.

Fasziniert stellte sie sich vor, wie es wohl wäre, einem Neuländer zu begegnen. Wahrscheinlich würden die Menschen und Wandler ihr – einer Forá – gegenüber eine ähnlich befremdliche Faszination hegen. Rund hundert Jahre waren seit der Entdeckung der neuen Welt vergangen und die Menschen hatten sich langsam daran gewöhnt. Doch sie ahnte, dass es nun nach der Entdeckung der Forás und Enérgeias nicht so einfach werden würde. Was gab es wohl noch dort draußen, das vor ihren Blicken verborgen war?

1

Elyon Hamford stand in einer lichtdurchfluteten Halle. Die Wände aus Glas ließen das Licht der Sonne in unglaublich hellen Strahlen auf den fliesenbedeckten Boden scheinen. Das Glitzern der dunklen Fliesen bewirkte, dass der Raum unwirklicher erschien, als der Architekt wahrscheinlich beabsichtigt hatte. Doch sie sollte sich nicht vom Äußeren eines Bauwerkes faszinieren lassen. Denn die Zielperson, die geschmeidiger ging, als ein Mensch es je vermocht hätte, betrat soeben das Foyer.

Es war Elyons erster Außenjob, seitdem sie siebzehn geworden war. Der erste Auftrag außerhalb, seit die Menschheit von den Forás und Enérgeias erfahren hatte. Sie wollte, dass das Oberhaupt der Forás stolz auf sie war. Auch wenn das eine vollkommen naive Hoffnung zu sein schien.

Ihre Gedanken kamen zu einem abrupten Ende, als der Fremde, den sie nur von Fotos kannte, die Drehtür verließ und die Halle in Beschlag nahm. In Beschlag nehmen war deshalb die richtige Formulierung, da durch die bloße Anwesenheit des Fremden die Halle plötzlich mickrig wirkte.

Nolan Hal schritt mitten durch die Menge aus Wandlern und Menschen, als wäre es sein Territorium. Er war schließlich das Alphatier, das Rudeloberhaupt, man könnte ihn auch König der Geparden nennen. Diese Gruppe der Wandler war noch vor wenigen Jahren gänzlich uninteressant für die Forás gewesen. Erst seitdem Nolan den Platz an der Spitze eingenommen hatte, war das Rudel stetig angewachsen. Immer mehr Menschen und andere Wandler wollten mit ihnen Geschäfte abschließen. Wenn Elyon genauer darüber nachdachte, interessierte sie sein Vorgehen ungemein. Auch sie war an Geschäften interessiert. Allerdings nur was Antiquitäten und alte Bücher betraf. Nicht so jedoch dieser Mann. Nolan Hal hatte Unmengen an Geld in wissenschaftliche Forschung investiert, sodass er und somit auch sein Rudel mittlerweile den größten Marktanteil an führenden Projekten innehatte. Die meisten lagen im Bereich der Medizin. Bereits in wenigen Monaten würde das erste vollkommen einsatzfähige künstlich hergestellte Herz implantiert werden. Ob es ein Erfolg werden würde, lag allerdings in der Zukunft.

Nolans Weg führte zu einem der Wachposten. Er passierte die Metalldetektoren und ging, ohne zu wissen, dass Elyon ihn bald töten würde, an ihr vorbei. Sein Blick blieb kurz an ihr hängen, doch er schien ihr keinerlei Beachtung zu schenken. Gut so! Er sollte nicht wissen, wer sie war und was sie vorhatte.

Unauffällig schlich sie ihm zu einem der Fahrstühle nach. Sie wusste, in welches Stockwerk er fuhr und wo sein Büro lag, und sie wusste auch, dass er in der nächsten Stunde keine Termine hatte. Elyon presste sich an einem etwas beleibteren Herrn vorbei und versuchte so menschlich wie möglich zu wirken. Sie hatte gelernt, dass Menschen und Wandler sie an ihrem zielstrebigen Gang erkennen konnten. Also ließ sie den Blick schweifen und tat so, als würde sie nach den Treppen suchen. Natürlich wusste sie, dass sich die Aufgänge in einem Flur links neben den Aufzügen befanden. Als sich die Türen der Fahrstühle schlossen, vergeudete sie keine Zeit mehr und ging auf den Durchgang zu. Erst als sie niemand mehr sah, rannte Elyon die Stufen hoch und überwand mehrere Treppenstufen auf einmal. Da kamen ihr ihre langen Beine gerade recht, die wie geschaffen fürs Rennen waren.

Oben angekommen war der Aufzug natürlich schon lange wieder fort und unten stieg wahrscheinlich schon die nächste Schwadron an Arbeitswilligen ein. Vielleicht auch schon die Dritte, stellte Elyon fest, als sie die Zeit überprüfte und bemerkte, dass sie länger gebraucht hatte als gedacht.

Elyons Puls ging in stakkatoartigen Schlägen und sie musste sich eine Minute lang ausruhen, bevor sie die kurze Entfernung bis zum Büro des Geparden überwinden konnte. Sie hatte gehört, dass Geparden auch in ihrer menschlichen Form eine ziemlich feine Nase besaßen. Und mit ihren Ohren verhielt es sich scheinbar ebenso.

Elyon betrat den Flur und versuchte, die Kameras so gut es ging zu umgehen. Vor wenigen Stunden hatte sie die toten Winkel dieser Hightech-Geräte studiert und wusste, wo sie sich aufhalten konnte und wo es ungünstig war. Allerdings konnte sie sich nicht vor der Tür zum Empfangsbüro drücken. Sie musste hindurch. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, Elyon, dachte sie, bevor sie tief Luft holte und ihrer Gabe die Oberhand ließ.

Für jeden Forá war es schwierig, die Barrieren aufrechtzuerhalten, die sie von ihrer Gabe abschnitt. Ohne die geistigen Schutzwälle würde ihre Gabe unaufhaltsam, wann immer sie wollte, die Oberhand übernehmen, und das konnte gefährlich werden. Forás besaßen die Fähigkeit, die Zeit anzuhalten, doch nur in ihrem jeweiligen Umfeld. Somit wurde die Zeit etwa für ein Gebäude für wenige Minuten außer Kraft gesetzt, was jedoch nicht für das umliegende Gelände galt. Allerdings konnte jeder Forá eine unterschiedliche Menge an Energie freisetzen. Somit war es nicht selbstverständlich, einen kompletten Wolkenkratzer außer Gefecht setzen zu können. Manche besaßen nur die nötige Energie, um ein Stockwerk in die Zeitstarre hinüberzuziehen und andere, wie sie, schafften es mit zwei Hochhäusern auf einmal. Außerdem erschöpfte es einen Forá zunehmend, die Zeitstarre aufrechtzuerhalten. Auch wenn es nur wenige Minuten dauerte. Nicht jeder konnte die Energie über Stunden aufrechterhalten und es war auch gefährlich, die Zeit so lange außer Kraft zu setzen.

Als sie auf die Türklinke starrte, flackerte diese kurz, um dann wieder ihre normale Gestalt anzunehmen. Es hatte geklappt. Die Zeit stand still und sie konnte ihren Job erledigen. Elyon öffnete die Tür und trat in den Raum der Empfangsdame. Die junge Frau hatte sich lächelnd über einen Ordner gebeugt und ihre Hand lag auf einer Wange. Sie hielt den Telefonhörer in der Hand und ihrem Gesichtsausdruck nach war ihr Verehrer am anderen Ende der Leitung.

Schulterzuckend ließ sie den Blick durch den Empfangsraum schweifen. Sonst befand sich hier niemand. Elyon ging weiter und öffnete die Tür, die zu den verschiedenen Büros führte. Am Ende des Ganges wartete die Tür, zu der sie wollte. Vorsichtig drückte sie sie auf.

Nolan Hal saß in einem Drehstuhl vor einem Schreibtisch. Er hatte ihr den Rücken zugekehrt und blickte durch das große Fenster nach draußen. Der Ausblick war wunderschön, die Wolken bewegten sich kaum und Sonnenstrahlen drangen durch ihre dünne Schicht.

Noch einmal atmete Elyon tief durch. Sie wusste, sie musste das hier tun, auch wenn es ihr zuwider war, einen Fremden, der ihr oder ihrer Spezies nichts getan hatte, zu töten. Langsam ging sie auf den Mann zu und stellte sich vor ihn. Sein Blick war gedankenverloren in den Himmel gerichtet und er hielt in seiner rechten Hand einen Füller, mit dem er wohl zuvor gespielt haben musste. Bevor sie die Zeit angehalten hatte. Sehnsüchtig betrachtete sie sein faszinierend markantes Gesicht. Die gebräunte Haut, die hohen Wangenknochen und das braune Haar, das lang genug war, um mit den Fingern darin wühlen zu können, bildeten einen starken Kontrast zu seinen fast golden leuchtenden Augen. Auch seine Lippen passten so gar nicht zu dem Mann, der vor ihr saß und sie nicht wahrnahm. Sie waren schön geschwungen, die untere Lippe etwas voller als die obere. Was viel eher zu ihm passte, war die Narbe an seiner Lippe, die sein Gesicht immer zu einem leicht höhnischen Grinsen verzog.

Elyon ließ den Blick über den Körper des Mannes wandern und stellte fest, dass seine Hände von feinen, weißen Linien übersät waren, die sich von der braunen Haut abhoben. Auch an seinem Hals entdeckte sie mehrere Spuren, die auf Krallen schließen ließen. Sein Körper war zwar geschunden und vernarbt, aber auch muskulös. Der Mann vor ihr war allerdings auf Schnelligkeit und Wendigkeit trainiert und nicht auf rohe Gewalt. Es gefiel ihr, zu wissen, dass er sich schneller bewegen konnte, als ihre Augen folgen konnten. Schließlich waren Geparden die schnellsten Raubkatzen überhaupt.

Nolan Hal trug ein schwarzes Jackett über einem roten, seidigen Hemd. Die tief sitzende Jeanshose unterstrich die Lässigkeit, die er scheinbar gern zur Schau stellte. In seinem Büro fanden sich keinerlei persönliche Gegenstände. Nicht ein Einziger. Der Raum war so neutral, als wäre er gerade erst neu bezogen worden.

Zuerst musste Elyon dringend nach Informationen suchen, um herauszufinden, wie viel dieser Wandler wusste. Es war zu schade, dass er sterben würde. Elyon ging um den Schreibtisch und ließ die Zeit wieder in das Holz und dessen Papiere fließen. Würde sie das nicht tun, so würden diese Gegenstände in der Zeit vernichtet werden. Sie würden verschoben werden, was sie dann auseinanderreißen und meist auch pulverisieren würde. Zeit war machtvoll. Mit einem Schubs könnte sie Nolan Hal umbringen. Elyon hatte lange gebraucht, um die Vorgänge, die dahintersteckten, zu verstehen. Ein Physikgenie war sie nie gewesen, doch dass es eine Auswirkung auf einen Gegenstand haben musste, wenn er außerhalb der Zeit bewegt wurde, war einleuchtend. Denn innerhalb der Zeit müsste sich das Objekt sonst zum Ausgleich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen und das widersprach den obersten Gesetzen der Physik.

Elyon durchstöberte die Akten auf dem Tisch, nachdem die Zeit in sie hineingeflossen war. Das meiste waren Zahlen über Ausgaben und Einnahmen. Dann gab es noch einen Ordner, der die Mitarbeiter auflistete und deren Gehalt.

Was sie suchte, war jedoch anderer Art. Sie suchte nach Informationen über ihre Spezies. Was wusste dieser Gepard über sie und ihresgleichen, das ihm die Unterstützung der Enérgeia einbrachte? Diese Wesen hatten die Forás verraten. An die Menschen und Wandler und sie halfen ihnen, Elyons Spezies zu vernichten.

Der Plan war ganz einfach. Sie musste ihn nur durchführen.

Schnell durchstöberte sie weitere Akten und fand … nichts.

»Verdammt!«

Wutentbrannt ließ Elyon die letzte Akte fallen und wandte sich zu dem Wandler um. Dann musste sie eben alles aus ihm herauspressen. Es konnte nicht sein, dass die Enérgeia ihm halfen, ohne dass er etwas Nützliches wusste. Elyon zog mit ihrer Gabe die Zeit in den Wandler hinein und drückte ihm dann, so schnell sie konnte, eine Klinge an die Kehle, die sie immer in ihrem Stiefel versteckt hatte. Chirurgenstahl, den sie durch jeden Metalldetektor befördern konnte.

Der Blick des Geparden wurde klarer, als die Zeit wieder auf ihn Einfluss ausübte.

»Was zur Hölle …«, stieß Nolan zwischen den Zähnen hervor, als er Elyon erblickte.

Unmerklich verkrampften sich seine Hände und er ließ den Stift auf den Boden fallen. Er schlug mit einem dumpfen Klang auf den Boden auf.

»Versuchen Sie gar nicht erst Ihre Krallen auszufahren«, zischte Elyon bedrohlich, auch wenn sie wusste, dass dem Wandler nichts Angst machen konnte. Zumindest fast nichts.

»Wer sind Sie?«

Die Frage überraschte Elyon nicht. Er hatte den ersten Schock schnell überwunden. Zu schnell für ihren Geschmack. Wahrscheinlich hatte er schon erkannt, dass sie eine Forá war, und wollte jetzt nur Zeit schinden, damit seine Freunde, die Enérgeia, Zeit hatten, eine Falle zu stellen.

»Sie wissen, wer ich bin.«

»Ich kenne Ihren Namen nicht, Schätzchen.«

»Das ist nicht von Belang. Was mich interessiert ist, was Sie wissen?«, Elyon presste das Messer fester gegen seinen Hals, sodass ein Rinnsal Blut die Kehle hinunterlief.

»Was sollte ich wissen? Ich kenne schließlich immer noch nicht Ihren Namen.« Den letzten Teil des Satzes flüsterte er.

»Wie schon gesagt, das ist nicht von Belang.« Sie drückte nochmals zu, als kein Blut mehr floss.

Ein Grinsen trat auf seine Lippen und er betrachtete sie eingehender. Ja, sie war eine leichte Beute, das wusste sie. Und es war bestimmt ein Fehler gewesen, die Zeit wieder fließen zu lassen. Doch sie musste an die Informationen kommen. Das war ihre Aufgabe. Sammeln und töten. Klar und einfach.

»Was wissen Sie über uns?«

Der Wandler vor ihr zog eine Augenbraue lässig nach oben. Ihr war klar, dass sie so nicht weit kommen würde. Sie hatte schon zu viel Zeit verstreichen lassen. Den Weg nach draußen in die Freiheit würde sie sich erkämpfen müssen. Aber zuvor wollte sie noch ihren Job erledigen. Das war eine Sache der Ehre.

»Sie werden so oder so sterben«, stellte sie klar. »Jetzt ist es nur eine Frage von Kooperation und Zeit.«

»Ach, so sehen Sie das also.« Das Grinsen auf seinem Gesicht wurde höhnischer, als ihr lieb war.

»Sie sind das Rudeloberhaupt der Geparden und mü-«

»Wir sagen dazu Alphatier, Schätzchen.«

»Dann eben das.« Ihre Stimme war ein Fauchen.

»Sie mögen es nicht, wenn ich Sie unterbreche.« Wie recht er doch hatte.

»Wie schon gesagt, Sie müssen etwas über uns wissen. Die Enérgeias helfen ohne Grund. Also rücken Sie mit der Sprache raus!«

»Sie sind entzückend, wenn Sie wütend werden.« Nun war das Grinsen auf seinem Gesicht ehrlicher. Aber er war ein Wandler. Wandler waren gut darin, ihre Mimik zu verstellen, zu lügen und zu betrügen. Ihr Geruchssinn verriet ihnen vieles. Nur nicht, dass sie eine Forá war. Doch wenn er sie aufspüren wollte, dann würde er sie jagen. So lange, bis sie ihm gehörte.

»Schön für Sie«, murmelte Elyon. Konnte dieses Wesen nicht einfach kooperieren? Sie schickte ein Stoßgebet gen Himmel und hoffte, dass sie ihn zumindest töten konnte. Doch ihre Energie schwand. Das untere Stockwerk hatte sie bereits aus ihrem Einflussbereich verloren.

Nervös schaute sie auf und begegnete dem wütenden Blick des Wandlers.

»Ablenkung ist in meiner Gegenwart ein Todesurteil«, stieß Nolan zwischen den Zähnen hervor. Ein Fauchen, das ihr durch Mark und Bein ging und dort widerhallte. Ja, das war ein Fehler gewesen. Sie hatte ihren Feind eindeutig unterschätzt.

Ohne dass sie noch reagieren konnte, entwand er ihr mit einer flinken Bewegung das Messer. Im nächsten Augenblick spürte sie einen dumpfen Schlag an der Schläfe. Dann kam nur noch Dunkelheit.

2

Nolan betrachtete den reglosen Körper seiner Assassinin. Leblos wäre er gewesen, wenn er noch fester zugeschlagen hätte. Doch er brauchte sie genauso, wie sie ihn gebraucht hatte. Informationen waren Gold wert und sie wussten nur sehr wenig über ihre Art.

Er blickte sich um, als seine Gefährten durch die Tür stürmten.

»Nolan«, Greg warf erst einen Blick auf seinen Schreibtisch und erst danach schaute er auf die Frau zu Nolans Füßen.

»Sie wollte Informationen«, murmelte Nolan vor sich hin und ging in die Knie. Er musste dieses außergewöhnliche Wesen näher betrachten, dass noch kurz zuvor versucht hatte, ihn zu töten. Sie musste wirklich verzweifelt gewesen sein, als sie ihn in die Zeit zurückgeholt hatte. Also war es für ihre Art wichtig, alles zu erfahren. Und jetzt wusste er auch, wer seine Verbündeten nacheinander ermordet hatte. Das musste sie oder einer ihresgleichen gewesen sein. Gut, dass er Informationen von solcher Wichtigkeit nur im Rudel verbreitete und auch nur an diejenigen weitergab, die mit diesem Wissen umgehen konnten.

Das Gesicht der Frau hatte feine Züge. Ihre Haut war so blass, das sie fast durchscheinend wirkte. Die rotbraunen Haare schimmerten verführerisch in dem sonnendurchtränkten Zimmer. Wie Rubine auf braunem Samt. Das weibliche Antlitz passte zu ihrem schlanken, grazilen Körper. Sie hatte schön geformte Muskeln, die sie scheinbar nicht oft genug einsetzte. Wahrscheinlich war ihre Geistesstärke besser ausgeprägt. Schließlich hatte sie das ganze Gebäude außer Kraft gesetzt, wie Greg ihm daraufhin bestätigte.

»Vor ein paar Minuten konnten wir das Parterre betreten. Danach hast du sie vermutlich ausgeknockt«, Greg ging um den Schreibtisch herum und betrachtete das Wesen vor ihm näher.

»Ziemlich hübsch. Nur war das ein Selbstmordkommando.« Kopfschüttelnd ging auch er in die Knie und sah auf. Greg begutachtete den Schnitt an Nolans Kehle.

»Du hast sie so weit kommen lassen?«

»Als ich wieder denken konnte, hatte ich das Messer bereits an meiner Kehle«, murrte Nolan und wusste selbst, dass es eine Schwäche war. Eine Schwäche, die leider jeder von ihnen besaß. Diese Wesen waren zu allem fähig und die Wandler konnten sich kaum gegen sie schützen.

»Zumindest hast du ihr dafür einen ordentlichen Schlag verpasst. Das wird noch Tage wehtun.«

Nolan hob die Verletzte auf.

»Was tust du denn jetzt?«, fragte Greg ihn.

»Na was schon. Wir bringen sie runter und befragen sie, wenn sie wieder wach ist.«

Er ging durch die Tür, vor der bereits weitere Leute standen, die neugierige Blicke auf die Forá in seinen Armen warfen.

»Es tut mir so leid, Nolan«, hörte er Cora aufrichtig sprechen. Tränen strömten ihr über die Wangen und ihre Augen waren gerötet.

»Das ist nicht deine Schuld«, murmelte Nolan beschwichtigend. Sein Rudel brauchte ihn, auch wenn ihre Sorgen unbegründet waren.

»Ist sie das?«, fragte Cora, ein wenig beschwichtigt von seinen vorangegangenen Worten.

Nolan nickte und Cora betrachtete die Frau in seinen Armen skeptisch. »Ganz schön zierlich.«

Ihr abwertender Blick ruhte auf dem Gesicht der Forá. Der Gepard in ihm sträubte das Fell, das er unter seiner Haut spürte. Verwundert über seine eigene Reaktion, runzelte er die Stirn. Was war das denn gewesen? Kopfschüttelnd ging er an der Empfangsdame vorbei zu den Fahrstühlen. Greg war ihm auf den Fersen.

»Wo willst du sie hinbringen?«

Nolan betrachtete die äußere Erscheinung der Frau. Ja, wo sollte sie hin? Als sie sich in seinen Armen bewegte, schnurrte der Gepard in ihm. Was wollte das Tier von ihr?

Sie waren getrennte Wesen. Mensch und Gepard in einem Körper. Nur wenn er sich verwandelte, übernahm das Tier in ihm die Führung. In seinem menschlichen Körper kam das selten vor. Der Gepard machte sich nur bemerkbar, wenn sein Instinkt etwas bemerkte, das dem Menschen entging.

Verwirrt betrachtete er die Forá. Greg neben ihm wurde unruhig.

»Du stehst total unter Spannung«, murmelte Greg und legte die Hand auf Nolans Schulter. Der Druck seiner Hand holte Nolan wieder zurück in die Gegenwart.

»Bring sie zu den Räumen.« Nolan legte die Frau in Gregs Arme und abermals meldete sich der Gepard in ihm zu Wort.

Die Räume waren nicht nur Zimmer in einem Gebäude. Nein, sie waren eine Art Gefängnis, das sich die Wandler eingerichtet hatten. Räume, in denen die menschliche Polizei nichts zu sagen hatte. Das war allein Nolans Angelegenheit. So wie es das Problem der Polizei war, deren Verbrecher zu bestrafen. Die einzigen Überlappungen gab es, wenn ein Wandler einem Menschen etwas angetan hatte oder umgekehrt. Dann verhandelten beide Seiten. Er mit den Geschworenen und sie mit ihm.

»Natürlich.« Greg machte sich auf den Weg und Nolan ging zurück in sein Büro, das nun leer war. Bis auf Chris, der in dem Drehstuhl hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte.

»Wie geht es dir?«, fragte Chris ihn, während sein Blick über Nolans Körper wanderte.

»Ausgezeichnet.«

»Was wollte sie?« Er betrachtete die durcheinanderliegenden Papiere auf Nolans Schreibtisch. »Anscheinend hat sie es ja nicht gefunden.«

»Sie wollte wissen, was wir über sie wissen.« Nolan durchforstete die Papiere vor ihm. Sie hatte gute Arbeit geleistet. Jegliche Information, die man in seinem Büro finden konnte, war über die gesamte Arbeitsfläche verstreut. Gott sei Dank hatte er den Laptop zu Hause gelassen. Eigentlich hatte er nur ein paar Telefonate vom Büro aus tätigen wollen. Wenn sie den Laptop in die Finger bekommen hätte, dann hätten sie jetzt größere Probleme als bloß einige Stunden Aktensortierung.

»Wie spät ist es?«, fragte er Chris, da für ihn schließlich die Zeit stehen geblieben war, während sie für den Rest der Welt weitergelaufen war.

»Halb zehn«, murmelte dieser und betrachtete ihn.

»Dann kann sie die Zeit für mehr als eine Stunde anhalten.«

In diesem Fall war sie wahnsinnig mächtig. Eine Verschwendung, eine solch begabte Forá auf ihn anzusetzen. Jeder, der bislang versucht hatte, ihn zu töten, war selbst dem Tod begegnet. Oder gehörte nun zu seinen stärksten Verbündeten.

»Sie könnte einiges wissen«, merkte Chris an, der sein bester Freund und Ratgeber war.

»Hast du die Aufnahmen schon gecheckt?« Nolan deutete auf eine der Kameras in der Ecke.

»Noch nicht.« Chris schüttelte den Kopf, während er aufstand. »Aber das dauert nicht lange.«

»Gut. Sag mir Bescheid, falls du etwas findest.« Doch Nolan war mit seinen Gedanken schon längst wieder bei der Frau. Wie sie wohl hieß?

Das Dröhnen in Elyons Kopf war unerträglich. Sie wollte sich umsehen, um feststellen zu können, wo sie sich befand. Leise Schritte ließen sie jedoch innehalten. Wenn sie herausfinden wollte, wo sie sich aufhielt, dann sollte sie das besser unauffällig tun. Sie musste einen Ausweg suchen, doch der Gedanke, was danach geschehen sollte, ließ sie frösteln. Ihre Spezies verzieh keine Fehler. Nun war sie eine Zielscheibe. Sie hatte niemanden, der ihr den Rücken stärken könnte. Das Einzige, was ihr noch blieb, war unterzutauchen. Wie sie ihre Art kannte, würden sie sie jedoch früher oder später finden. Wenn es sein müsste, würden sie sogar ein paar der wenigen Enérgeias einsetzen, die den Forás noch dienten. Nur um sie zu kriegen. Schließlich war Elyon Hamford nun eine Schwachstelle, die ausgemerzt werden musste, und es gab noch viele mehr, die ihre Gabe besaßen. Wenn es nach ihrer Spezies ging, so durfte niemand ihrer Art außerhalb des Einflusses des Oberhaupts existieren und jeder, der sich dem Oberhaupt widersetzte, musste sterben.

»Stellen Sie sich nicht ohnmächtig. Ich weiß, dass Sie wach sind.«

Die Stimme hallte in dem Raum wider. Verzweifelt, da sie sich nicht länger verstellen konnte, öffnete sie die Augen. Der Raum, in dem sie sich befand, war eine Zelle.

Kahle Wände sowie Böden aus Beton. Das einzige Möbelstück war das Klappbett, auf dem sie lag. Dann gab es da noch das Gitter, das sie von dem unbekannten Mann trennte.

»Ihnen ist doch klar, dass Gitterstäbe mich nicht aufhalten können?«

»Das würden sie nicht, wenn Sie nicht so geschwächt wären. Wir wissen, dass Sie mehrere Tage brauchen, um Ihre Energiedepots wieder aufzustocken. Und im Moment sind Ihre staubtrocken.«

Das Grinsen im Gesicht würde ihm noch vergehen, wenn er sehen würde, wie viel Energie sie anhäufen konnte und das in wenigen Tagen. Nur konnte sie das nicht allein bewerkstelligen. Selbst wenn er und die anderen Wandler das nicht wussten, so würden sie doch lieber auf Nummer sicher gehen wollen. Sie würden sie umbringen, zum Wohle ihrer Art.

Elyon betrachtete den Mann hinter dem Gitter. Groß gewachsen, muskulös wie Nolan Hal war auch er auf Schnelligkeit trainiert. Sein Gesicht war das eines Killers mit strohblonden Haaren. Seine braunen Augen sollten eigentlich Wärme ausstrahlen, ließen sie jedoch frösteln. Der Mann vor Elyon war eiskalt. So abgebrüht, dass es ihm bestimmt nichts ausmachen würde, sie zu foltern, um jedes Fitzelchen an Informationen aus ihr herauszuquetschen.

»Wie heißen Sie?«, fragte sie unwillkürlich, bevor sie ihrem Mund befehlen konnte, die Klappe zu halten. »Und wo ist Nolan?«

Auf dem Gesicht des Killers lag ein Lächeln, das ihr einen kalten Schauer den Rücken hinunter jagte.

»Mein Name ist Greg oder Gevatter Tod, wenn Ihnen das lieber ist. Nolan hat Sie nicht zu interessieren. Er wird noch früh genug auftauchen«, antwortete er ihr. »Und Ihr Name lautet?«

Elyon betrachtete abermals die Gesichtszüge des Mannes. Gevatter Tod. Ja, das passte zu ihm. Ihr Name war nichts mehr Wert. Sie konnte ihn ruhig preisgeben.

»Elyon Hamford. Aber Sie werden nichts über mich in Erfahrung bringen. Für meine Art bin ich bereits tot.«

Nolan betrat die Räume. Sein Rudel hatte momentan nur eine Handvoll Gefangene, die in ein paar Jahren wieder freikommen würden. Normalerweise hielt er keinen seiner Rudelgefährten gefangen. Doch diese hier sollten lernen, dass niemand jemanden gegen seinen Willen einsperren durfte. Das war einfach etwas, das er nicht akzeptieren konnte. Wandler waren freie Wesen, die es genossen, ihre Freiheit auszuleben und wenn man sie einsperrte, zerstörte es sie auf lange Sicht innerlich. Als diese Wandler jemandem die Freiheit raubten, hatten sie es nicht besser gewusst. Nun lernten sie ihre Lektion.

Greg trat mit schnellen Schritten auf ihn zu. Eigentlich hatte Nolan schon viel früher hier sein wollen, doch er hatte Unmengen an Interviews geben müssen. Der versuchte Mord an ihm war die Schlagzeile des Tages. Dass es nicht unbemerkt bleiben würde, hatte sich Nolan bereits gedacht. Die Forá hatte das gesamte Gebäude lahmgelegt, wodurch die Zeit für alle innerhalb des Gebäudes stillgestanden hatte. Seine Leute hatten nur Schritt für Schritt zu ihm kommen können, während die Forá ihren Einfluss auf die unteren Stockwerke allmählich verlor. Doch außerhalb des Gebäudes war die Zeit vorangeschritten und Reporter reimten sich immer gleich das Schlimmste zusammen. Und mit den aufgescheuchten Wandlern und den verwirrten Menschen vor Augen, hatten sie recht schnell einen Anschlag auf den Anführer der Geparden vermutet. Dieses Mal hatten sie den Nagel auf den Kopf getroffen.

Und dann hatte er noch eine wirklich interessante Mail erhalten. Vom Oberhaupt seiner Killerin.

»Sie ist wach und sagt, ihr Name sei Elyon Hamford. Allerdings kann ich keine Informationen über sie finden.«

Das wusste Nolan bereits. In der E-Mail hatte das Oberhaupt Andeutungen darüber gemacht, dass Elyon Hamford nicht mehr existieren würde und dass er sie wiederhaben wollte. Um jeden Preis.

»Hat sie was zu essen bekommen?«, fragte er Greg, der neben ihm herging. Sie steuerten die Zelle an, in der sie sich befand. Nolan ließ sich ihren Namen auf der Zunge zergehen und befand, dass er zu ihr passte. Kriegerisch und doch zart. Eine interessante Mischung.

»Nein. Ich wusste nicht, ob das ihre Energie schon zu sehr aufstocken würde. Im Moment ist sie völlig erschöpft.«

Als Nolan zu ihrer Zelle gelangte, sah er Elyon hinter dem Gitter auf dem Klappbett sitzen. Sie hob den Kopf und starrte ihn aus eisblauen Augen an. Ihr Gesicht war blasser geworden, sodass sie noch zerbrechlicher wirkte.

»Was können Sie uns über Ihren Auftrag erzählen?«, begann Nolan ohne Umschweife.

»Ich sollte Informationen sammeln.« Die Augen aus Eis blickten flink zwischen Greg und ihm hin und her. »Danach sollte ich Sie töten, was mir auch gelungen wäre, wenn Sie die gewünschten Informationen auf ein Blatt Papier geschrieben hätten«, fauchte Elyon.

Er musste das aufsteigende Lachen hinunterschlucken, sonst hätte er mit Sicherheit nichts mehr über sie und ihre Pläne erfahren. Stolz war eine Eigenschaft, die er sofort bei ihr ausgemacht hatte. Sie wäre nicht sehr erfreut darüber, wenn er sie auslachen würde. Sie hatte nicht geahnt, dass Nolan der gefährlichste Gepard in dieser Stadt war. Vielleicht sogar auf dem ganzen Planeten. Eingebildet war er. Das konnte er ruhig zugeben, doch er würde nicht davon blind werden.

»Was glauben Sie denn, über welche Informationen wir verfügen, Schätzchen?«

»Das weiß ich nicht. Es wurde mir nur gesagt, dass Sie Wissen über uns besitzen und dass ich Sie vernichten soll.« Elyon zuckte gleichgültig mit den Schultern, doch sie ließ sie beide nicht mehr aus den Augen. Sie hatte schnell dazugelernt.

»Wie lange brauchen Sie, um Ihre Energie wieder aufzustocken, sodass Sie die Zeit anhalten können?«

»7 Tage«, antwortete ihm Elyon, ohne zu zögern. Allerdings verriet ihr Herzschlag sie.

»Ich kann es hören, wenn Sie lügen. Entweder lügen Sie besser oder Sie sagen die Wahrheit.«

»Sonst was?«, fragte Elyon ihn trotzig.

»Das werden Sie schon sehen«, erwiderte er. Nolan konnte grausam sein, sogar foltern, wenn es notwendig war. Allerdings wusste er nicht, ob er es auch schaffen würde, sie zu quälen. Irgendetwas an diesem Wesen faszinierte ihn und sein Tier. Wenn er es recht überdachte, war der Gepard in ihm gebannter von ihr als der Mensch.

Doch Elyon schwieg. Ungeduldig ging Nolan vor dem Gitter auf und ab und seine Krallen drückten gegen seine Fingerkuppen. Eigentlich war er der geduldigste Jäger in seinem Rudel, also warum war er so aufgekratzt? Er konnte ein ungeduldiges Knurren nicht mehr unterdrücken. Doch das hörte sie nicht, nur Greg nahm es wahr, der ihn daraufhin von oben bis unten musterte.

Elyon Hamford biss sich auf die Lippe und hielt ihren Blick unverwandt auf ihn gerichtet. In diesem Moment übernahm das Tier die Führung, brachte seine Beine zum Stillstand. Direkt vor dem Gitter, wenige Zentimeter vor Elyon, hielt er an.

»Es gibt keinen Grund, weshalb ich darüber schweigen sollte. Es dauert zwei Tage und anders als ihr annehmt, brauche ich mehr als nur Essen.«

Ihr Geständnis verblüffte ihn. In gewisser Weise hatte sie somit ihre Art verraten. Doch Nolan ahnte, dass sie hier nur auf Zeit spielte. Sie hinhielt und häppchenweise mit Informationen fütterte, sodass sie nicht das Interesse an ihr verloren und sie hinrichteten, wie er es mit jeder anderen Bedrohung tun würde. Wahrscheinlich hatte sie bereits einen Plan, wie sie flüchten konnte und Zeit war immer der entscheidende Faktor.

»Warum müssen Sie nicht mehr stillschweigen?«

Elyon hatte den Blick gesenkt, nachdem sie das Geheimnis verraten hatte, doch jetzt sah sie ihm wieder direkt in die Augen.

»Vielleicht erlange ich die Freiheit wieder. Doch ich wäre mein Leben lang auf der Flucht. Vor Ihnen oder vor denen.«

»Wer sind die anderen?«

»Meine Spezies. Mein Oberhaupt.«

»Nein. Er will sie um jeden Preis zurück.« Warum er ihr dies erzählte, wusste er nicht. Doch der Gepard in ihm flüsterte, dass es die richtige Entscheidung war.

Falten zeigten sich auf Elyons Stirn und sie sah ihn verwirrt an.

»Nein, das kann nicht sein!« Sie schüttelte den Kopf und betrachtete die Wand neben ihm. »So mächtig bin ich nicht«, hörte er sie murmeln.

»Aber von den Forás existieren doch nur wenige. Vielleicht sind Sie mächtiger als Sie ahnen.«

Abermals schüttelte sie den Kopf. »Sie wissen zu wenig. Und ich werde nicht für Sie die Informationsquelle spielen.«

»Was meinten Sie damit, dass Sie mehr brauchen als nur Nahrung?«

Ihre eisblauen Augen bohrten sich in seine. Als würde sie wissen, was er dachte. Doch das war völlig unmöglich. Diese Gabe besaß niemand.

»Essen stärkt uns und gibt uns geringe Energie. Wenn wir wollten, könnten wir auch damit die Zeit anhalten. Doch etwas anderes macht uns stärker als menschliche Nahrung. Wenn ich das bekomme, dann habe ich in wenigen Tagen wieder so viel Energie, dass ich zwei Hochhäuser einfrieren lassen könnte.«

Erstaunt über diese Fähigkeit starrte er sie an. Plötzlich spürte Nolan eine Hand auf seiner Schulter. Er hatte beinahe vergessen, dass Greg die ganze Zeit bei ihm war.

»Kann ich kurz mit dir sprechen?«, flüsterte Greg fast nicht wahrnehmbar.

Nolan nickte, warf noch einen kurzen Blick auf die Frau hinter dem Gitter und ging dann mit Greg nach draußen.

3

Als sie die Männer nicht mehr hören konnte, grübelte sie wieder über ihr Schicksal nach. Elyon wusste, dass sie viel preisgegeben hatte. Doch nichts, das man sich nicht leicht zusammenreimen konnte. Dass sie mehr waren, als die Menschen und Wandler annahmen, war eine Tatsache, die man leicht verdauen konnte. Schließlich waren die Forás im Vergleich zu den Menschen nur eine Handvoll und ihnen trotzdem nicht unterlegen.

Das Einzige, was sie verraten hatte, war der Fakt, dass sie mehr brauchte als Essen. Doch in gewisser Weise konnte sie den Wandlern mehr vertrauen als ihrer eigenen Spezies. Die Forás waren nicht primitiv oder barbarisch, doch sie waren trotz allem brutal und uneinsichtig, wenn es um versäumte Pflichten ging. Vor dem Sterben hatte sie zwar keine Angst, doch sie konnte gut darauf verzichten. Und noch weniger würde es ihr gefallen, nun in die Hände des Oberhauptes zu fallen. Er würde ihr nichts mehr glauben. Elyon war eine Gefangene der Wandler geworden und könnte Geheimnisse ausplaudern. Oder von den Wandlern als Spionin eingesetzt werden. So oder so war sie dem Tode geweiht. Doch die Forás würde vorher versuchen, alles aus ihr herauszuquetschen, was sie wissen konnte. Alles über die Spezies der Wandler und deren Verhalten. Schließlich war ihnen das Benehmen der Geparden ein Rätsel.

Die anderen Wandler waren in ihren Rudelgrößen nicht ansatzweise mit den Geparden zu vergleichen. Die Verhältnisse auf der Welt waren ziemlich ausgewogen. Die Menschen waren robust und intelligent. Die Wandler ebenso, allerdings zahlenmäßig der Menschheit weit unterlegen. Die Forás und Enérgeias konnten mit ihrer geistigen Kraft in wenigen Minuten Dutzende von Menschen und Wandlern ausschalten. Allerdings war ihre Kraft begrenzt und ihre Körper waren schwächer. Auch an Intelligenz fehlte es diesen zwei Spezies nicht, doch ihre Macht stieg ihnen leicht zu Kopfe.

Elyon hatte dieses Verhalten noch nie verstehen können. Ja, Macht war essenziell, doch zu viel Macht tat niemandem gut. Die Geschichte der Menschen und Wandler triefte vor Beispielen. Vor hunderten von Jahren hatte es große Kriege zwischen diesen zwei Arten gegeben und alles war nur auf Macht hinausgelaufen. Erst als beide, sowohl Menschen als auch Wandler, erschöpft waren, ließen sie Waffenruhe einkehren. Auch heute noch gab es hin und wieder Streitigkeiten zwischen den zwei Arten, doch mittlerweile hatten sie ihr Zusammenleben gut miteinander abgestimmt.

Was ihr an der ganzen Situation ein Rätsel war, war die Tatsache, dass ihr Oberhaupt sie zurückhaben wollte. Wahrscheinlich nur, um alles aus ihr herauszupressen, was sie wusste.

In diesem Moment öffnete sich abermals die Tür und Nolan trat nun alleine ein. Sein Gang war so grazil, dass er einer Katze glich, die auf der Pirsch war.

»Elyon, können Sie ohne diese Nebenenergie überleben?«

»Sie meinen nur mit Nahrung?« Elyon sah ihn fragend an. Er nickte bestätigend. »Nein, mein Organismus braucht die zusätzliche Energie, um überleben zu können.«

Abermals nickte Nolan Hal, doch sie bemerkte nun ein faszinierendes Detail. Seine Krallen hatten sich durch die Fingerkuppen gedrückt. Sie waren scharf und lang und ein Blutstropfen fiel auf den Boden. Dass Geparden kleine Verwandlungen in der Menschengestalt haben konnten, hatte sie nicht gewusst. Neugierig betrachtete sie den Körper des Wandlers. Er war angespannt, die Muskeln traten deutlich hervor, und wenn sie ihn berühren würde, könnte sie bestimmt in seinem Körper eine Vibration wahrnehmen. Ja, Elyon war sich sogar sehr sicher, dass er sie anknurrte. Nur warum?

»Nolan, knurren Sie mich gerade an?«

Erstaunt über ihre Frage, oder einfach nur darüber, dass sie es bemerkt hatte, nickte er kaum wahrnehmbar.

»Woher haben Sie das gewusst? Mit einem sensiblen Gehör ist Ihre Spezies doch nicht gerade ausgestattet!« Eine Feststellung, die sie nur bestätigen konnte.

»Keine Ahnung«, gab sie offen zu und betrachtete Nolan eingehender.

Er war schön. Schön für einen Mann, dessen Gestalt übermenschlich wirkte. Elyon war so etwas zwar nie wichtig gewesen, doch dieser Mann war ein Beschützer. Und zum ersten Mal in ihrem Leben wollte sie beschützt werden. Von einem Mann wie Nolan Hal.

»Haben Sie Hunger?« Nolan riss sie aus ihren Gedanken.

»Ja. Aber ich bin Vegetarierin.«

Mit einem verschmitzten Lächeln trat er näher an die Gitterstäbe heran. »Sie essen meinem Fressen das Essen weg«, raunte er, sodass sie eine Gänsehaut bekam.

»Den Spruch kenne ich schon«, erwiderte sie und auch ihre Lippen verzogen sich. Ein Mann, der sie zum Lächeln brachte? Ihr Bruder hätte sie gefragt, ob sie krank sei.

Dieser Gedanke ließ sie erstarren. Ihr Bruder. Was würden sie ihm antun, um herauszubekommen, was Elyon wissen konnte? Elyons kleiner Bruder konnte sich zwar zur Wehr setzen, doch er war immer noch ihr kleiner Bruder. Sie hatte immer auf ihn aufgepasst, hatte ihn getröstet. Auch wenn er jetzt erwachsen war, so sollte sie immer noch auf ihn aufpassen. Ein weiterer entsetzlicher Gedanke durchfuhr sie wie ein Lichtblitz. Was würde er überhaupt von ihr denken? Würde er vermuten, dass sie übergelaufen war? Dass sie eine Spionin werden wollte?

Diese Vorstellung ließ jede Sympathie für den Wandler vor ihr zu Eis gefrieren.

»Was ist los?«, fragte der Wandler.

»Nichts!«

»Sie lügen. Schon wieder«, fauchte Nolan zurück. Seine Augen leuchteten heller als gewöhnlich, wie reines Gold.

»Dann geht es Sie eben nichts an!«

Er erstarrte, als hätte sie ihn geohrfeigt.

»Ja, da haben Sie vermutlich recht.« Ohne ein weiteres Wort verschwand er und danach tauchte lange Zeit niemand mehr auf.

Abrupt wachte sie wieder in der Realität auf. Die Gittertür zu ihrem Gefängnis stand offen und zwischen den Angeln stand Nolan Hal und versperrte ihr die Flucht.

»Guten Morgen, Sonnenschein!« Ein höhnisches Lächeln, sein ständiger Begleiter, breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Das können Sie sich schenken«, murmelte sie mit halb erstickter Stimme. Gott, sie brauchte etwas zu trinken. Und zwar in den nächsten fünf Minuten.

»Wenn Sie in drei Sekunden von dem Bett springen, dürfen Sie sich waschen und etwas essen.« Sein Grinsen wurde breiter, als Elyon ihm einen entnervten Blick zuwarf.

»In Ihrem früheren Leben waren Sie bestimmt ein Sklaventreiber.«

»Das bin ich immer noch, Schätzchen!«

Während er sie weiter verspottete, stand sie auf und streckte sich vor den Augen des hungrigen Geparden.

»Na los, beeilen Sie sich. Es ist nicht so, als könnte ich auf Essen verzichten«, murrte er, als sie einen Muskel nach dem anderen dehnte.

Wenn sie ehrlich wäre, dann hätte sie zugegeben, dass sie die ganze Show nur deshalb abzog, um diesen verfluchten Wandler auf die Palme zu bringen. Es gefiel Elyon, einen Kater zu reizen. Vor allem diesen hier.

»Fertig?«, fragte er sie, als sie sich wieder von ihren Dehnübungen erhob. Als sie nickte, ging er aus der Tür, anscheinend in der Annahme, dass sie ihm einfach folgen würde. Arroganter Mistkerl! Leider hatte sie keine andere Wahl. Der Hunger trieb sie voran.

Er führte sie in eine weitere verlassene Zelle, die jedoch mit mehr Luxus ausgestattet war als ihre. Es befanden sich darin ein Tisch und zwei Stühle sowie ein richtiges Bett, das zum Kuscheln verführte. Auch wenn es hinter Gittern stand.

Nolan deutete auf eine Tür, die sich am Ende der Zelle befand und sie wusste, dass dahinter eine heiße Dusche auf sie wartete. Also verschwendete sie keine Zeit und rannte förmlich die Tür ein. Sie zerrte sich die Kleider vom Leib, sobald die Tür hinter ihr zugefallen war. Danach konnte Elyon nichts mehr halten. Sie drehte den Knauf des Warmwasserhahnes und … schrie. »Verdammte Scheiße!«, kreischte Elyon, als ihr das eiskalte Wasser über die Schultern rann. Ein jäher stechender Schmerz zuckte durch ihre versteiften Muskeln und sie sprang wieder aus der Dusche. Dabei rutschte sie unglücklicherweise aus und stürzte auf dem kalten Fliesenboden. Als der erste Schmerz aus ihrem pochenden Kopf verschwunden war, hörte sie ein raues, männliches Lachen.

»Ich glaube, ich hätte Sie vorwarnen sollen. Wir geben unseren Gefangenen keine warme Dusche.« Seine Stimme – unterlegt mit Spott – drang durch die Tür. Dieser verfluchte Wandler würde schon noch sehen was er davon hatte! Zorn, heiß und kalt zugleich strömte durch ihre Adern und unterdrückte den anderen Teil in ihr, der normalerweise über solche Dinge gelacht hätte. Wäre es nicht dieser Wandler gewesen, der seinen Hohn mit ihr trieb.

»Beeilen Sie sich, sonst können Sie auch noch ein kaltes Frühstück genießen.«

»Auf Ihr Wort«, murmelte sie und hörte abermals das männliche Lachen, das nun auch ihr ein Lächeln entlockte. Wenn auch nur ein klitzekleines.

Die Dusche brachte sie so schnell wie möglich hinter sich und erledigte dann den Rest. Als sie wieder in ihren Klamotten steckte, die das leichte Zittern ihrer Glieder verbargen, trat sie durch die Tür und begegnete dem Blick des Wandlers.

Nolan saß an dem kleinen Tisch und verschlang soeben einen Bissen seines heißen, dampfenden Pfannkuchens. Ihm gegenüber stand ein weiterer Teller.

Elyon musste sich zwingen, nicht auf den Teller zuzustürmen und ihn zu verschlingen. Wie eine halb Verhungerte wollte sie beim besten Willen nicht wirken, auch wenn es wahr war. Nachdem sie ihre Kraft in solchem Maß eingesetzt hatte, musste sie normalerweise sofort etwas essen. Der ganze Stress und die Angst, die sie die Nacht wach gehalten hatten, hatten wahrscheinlich das Schlimmste von ihr ferngehalten. Manchmal konnte es nämlich passieren, dass sie durch den Energieverlust ohnmächtig wurde. Manche ihrer Art waren dabei sogar schon in ein Koma gefallen. Was Elyon allerdings vor allem erstaunte, war die Tatsache, dass ihr wiederkehrender Albtraum sie heute Nacht verschont hatte. Sonst konnte sie darauf wetten, dass er eine solche Gelegenheit nicht ungenutzt ließ. Doch sie begrüßte diesen Umstand und hoffte nur, wie jedes Mal, wenn er nicht wiederkehrte, dass sie ihn nie wieder erleben musste.

»Essen Sie«, befahl Nolan, der sich gerade ein weiteres Stück in den Mund schob.

»Warum sitzt ein Alphatier an dem Frühstückstisch einer Gefangenen?«, fragte sie ihn und setzte sich. Erst als sie den ersten Bissen des wunderbar schmeckenden Pfannkuchens vertilgt hatte, antwortete er.

»Um die Gewohnheiten unserer Feinde zu studieren.«

Die kühle Antwort versetzte ihr einen schmerzlichen Stich. Was hatte sie auch anderes erwartet? Nolan Hal war nicht umsonst Alphatier geworden. Schon aus früheren Berichten hatte sie den Eindruck gewonnen, dass er kompromisslos sein Rudel beschützte. Auch wenn er sein Privatleben dafür opferte. Eine Mrs Hal gab es nicht und würde es seinen eigenen Worten nach auch nicht geben. Irrsinnigerweise hatte Elyon vor Jahren damit angefangen, jeden Artikel über die Geparden und besonders über Nolan Hal aufzubewahren. Dann hatte sie bemerkt, wie eigentümlich das war und hatte jedes Stückchen Papier, das mit diesem Wandler zu tun hatte, verbrannt. Als ihr Oberhaupt sie auswählte, um die Mission zu erfüllen, hatte sie schon gedacht, er hätte geahnt, dass sie ein Faible für diese Wesen besaß.

Sie musterte den Wandler vor ihr. Ja, ein Faible hatte sie allerdings. Die Art, wie sich diese Wesen bewegten, glich so sehr ihrem Tier, dass sie oft nicht mehr menschlich wirkten. Und dieser Mann vor ihr war gefährlicher als er auf Fotos aussah. Früher war sie einfach von seiner Schönheit und Kraft fasziniert gewesen. Als sie schließlich ein paar seiner Interviews gelesen hatte, hatte sie auch seinen Intellekt bewundert und sogar beneidet. Die schlagfertigen und humorvollen Antworten waren ihr schon damals durch Mark und Bein gegangen. Jetzt, da sie ihm direkt gegenübersaß, fühlte es sich an wie ein Stromstoß, den er ihr versetzte. Sie hatte keine Ahnung, warum dieser Wandler einen solchen Einfluss auf sie ausübte.

Ebenso wie sie ihn musterte, betrachtete auch Nolan Elyon eingehend. Für ihn war sie eine Schönheit, auch wenn das andere an seiner Stelle vielleicht bestritten hätten. Sie war dünn, sehr grazil. Elyon wirkte beinahe gläsern. Falls er sie berühren würde, müsste er aufpassen, sie nicht zu zerbrechen. Denn er ahnte, dass man dieses Wesen vor ihm leicht in tausend Stücke zerbersten lassen konnte. Doch das war nicht seine Absicht. Er musste herausfinden, was sein Gepard von ihr wollte. Seit sie aufgetaucht war, hatte das Tier in ihm keine Ruhe mehr gefunden und streifte auch jetzt in seinem Kopf umher. Nolan spürte jedes Mal in ihrer Nähe das Fell unter der Haut und wie die Krallen gegen seine Fingerkuppen drückten. Ein tiefes, raues Knurren kratzte ständig in seiner Kehle und wollte sich den Weg nach draußen bahnen.

»Also, was werden Sie mit mir machen?« Abrupt riss sie ihn aus seinen Überlegungen.

»Bitte nennen Sie mich Nolan, wenn ich Sie Elyon nennen darf?«

Warum er diese Bitte geäußert hatte, wusste er beim besten Willen nicht. Normalerweise bat er nicht, sondern nahm es sich einfach. Niemand würde sein Recht anzweifeln.

»Nun gut. Also was wirst du mit mir machen, Nolan?«

Ihre Augen waren auf ihren Teller gerichtet, doch das machte ihm nichts aus. Er hatte seinen Namen von ihren Lippen gehört und sein Gepard begann zu schnurren. Auch der Mann in ihm musste zugeben, dass es ihm gefiel, wenn sie seinen Namen aussprach. Er musste herausfinden, was hier verdammt noch mal los war!

»Das weiß ich noch nicht«, gestand er ihr und schob den leeren Teller von sich.

Nach fünf Minuten, in denen er ihr beim Essen zugesehen hatte, schob sie ihren noch halb vollen Teller beiseite.

»Du solltest mehr essen«, murrte er.

Es gefiel ihm nicht, dass sie nicht mehr zu sich nahm. Sie war so dünn. Wenn er wollte, hätte er ihren Körper mit Leichtigkeit in der Mitte durchbeißen können.

»Ich habe genug gegessen«, fauchte sie, einer Katze gleich, zurück.

Er betrachtete sie noch einmal eingehend und bemerkte ihren trotzigen Blick. Mutig war sie ja. Und stur.

»Okay.« Er stand auf und noch bevor sie sich wegdrehen konnte, packte er sie am Arm. Die warme Haut unter seinen Fingern jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Er zeigte auf die Zellentür, als sie sich von ihm losreißen wollte.

»Rein da«, murmelte er, und sie gehorchte, wenn auch widerstrebend.

»Ich könnte sowieso nicht weglaufen, stimmt’s?«

»Nein, ich hätte dich schon eingefangen, noch bevor du die Tür berühren würdest«, antwortete er ihr wahrheitsgemäß. Nolan zog die Gittertür zu und sperrte sie ab.

»Hab ich mir etwa deine Gunst gesichert?«, fragte sie ihn spöttisch und deutete dabei auf das Bett.

»Nein. Aber nach einer Nacht auf einem Klappbett kann ich mir vorstellen, dass du noch eine Mütze Schlaf gebrauchen könntest.«

Elyon nickte und setzte sich dann auf das Bett. Er konnte von ihrem Gesicht ablesen, wie sie erleichtert in Gedanken aufstöhnte.

»Brauchst du noch etwas? Hin und wieder wird Greg oder Chris vorbeischauen, aber das kann Stunden dauern. Wenn es irgendwelche Wünsche gibt, dann rück gleich mit der Sprache raus.«

»Einen Block, Bleistifte in verschiedenen Stärken, ein Spitzer und einen Radiergummi.«

Er betrachtete sie eingehend. Wollte sie etwa anfangen zu zeichnen?

»Okay, wenn’s weiter nichts ist«, murmelte er und ging. Auf dem Weg zu seinem Wagen schrieb er Greg eine SMS, in der er ihm mitteilte, was Elyon Hamford wollte.

Er startete den Motor mit einem Knopfdruck und fuhr in Richtung des angrenzenden Waldes los. Schon vor hunderten von Jahren hatte sich sein Rudel in diesem Waldstück niedergelassen und es als sein Eigen beansprucht. Es hatte immer wieder Streitigkeiten mit anderen Rudeln um den Wald gegeben, der sich über einige hundert Quadratkilometer erstreckte. Mittlerweile hatte Nolan es einigen anderen Wandlern gestattet, den Wald ebenfalls zu nutzen, doch all diese Rudel waren klein. Keine Bedrohung und sie würden es auch nie sein. Außerdem hatte er ihnen seinen Schutz angeboten, den sie mit Freuden akzeptiert hatten. Die meisten Wandler, die unter seinem Schutz standen, waren Vögel oder Kleintiere, wie Mäuse und dergleichen. Doch bis jetzt hatte er noch keinem weiteren Raubtier gestattet, sein Territorium zu betreten, geschweige denn zu nutzen. Bis jetzt. In den nächsten Monaten würde er vielleicht ein Bündnis mit den Wildkatzen abschließen, die ihnen zwar zahlenmäßig weit unterlegen waren, allerdings eine Bedrohung werden könnten. Nolan wollte sichergehen, dass sie das Bündnis aus ehrlichen Gründen vereinbarten und nicht aufgrund von Machtspielchen.

Deshalb fuhr er jetzt nach Cerys. Die Gepardenstadt mitten im Wald, in der sie meist in ihrer menschlichen Gestalt zusammenlebten. Cerys war gut versteckt und noch niemand hatte es gefunden. Weder Mensch noch Wandler, geschweige denn eine andere Spezies. Nolan und seine Vorgänger hatten dafür gesorgt, dass das Rudel so sicher blieb, wie eh und je.

Vor Kurzem hatte er spezielle Flüssigkristallfenster in jedes Haus einbauen lassen, die verhindern sollten, dass Licht durch den Wald strahlte, das dort eigentlich nicht hingehörte. Diese Fenster ermöglichten es, die Lichtdurchlässigkeit zu verändern und das sogar individuell. Mit einem Knopfdruck schalteten sich die Kristalle von dunkel auf hell um. Es erlaubte den Wandlern nicht nur, in der Nacht ungesehen zu bleiben, sondern auch die Stromkosten niedrig zu halten. Denn nicht nur die Lichtdurchlässigkeit war regulierbar, sondern auch die Wärme, die durch die Sonne ins Haus gelangte. Dadurch wurde eine Klimaanlage im Sommer beinahe unnötig.

In den letzten Jahren war sein Rudel stark angewachsen, was auch sein Verdienst war. Die meisten Familien hatten früher lediglich ein Kind großgezogen, da das Rudel zu wenig Geld besessen hatte, um die Familien zu unterstützen. Mit seinen Projekten hatte er es geschafft, dass sein Rudel nun finanziell abgesichert war. Und seine Leute, sein Rudel vertraute ihm. Vertraute darauf, dass er ihnen Schutz bot und die richtigen Entscheidungen traf.

Nolan hatte schon immer gewusst, dass er eines Tages Alphatier werden würde. Es war für ihn wie ein Instinkt, eine Vision gewesen, die sich dann bestätigt hatte. Vor acht Jahren war dann ihr altes Alphatier verstorben und er hatte diese Führungsposition übernommen.

Nolan fuhr weiter in den Wald, der immer dichter wurde, und hielt dann an einer Kreuzung. Er parkte den Wagen zwischen zwei Bäumen und bedeckte ihn mit Moos und Blättern, sodass das Auto kaum noch sichtbar war. Außer man wusste, dass es dort stand. Dann ließ er den Geparden zum Vorschein kommen. Übermenschliche Ekstase packte ihn, als sich seine Knochen verschoben und sich seine Sinne verschärften. Unvorstellbarer Schmerz durchzuckte seine Wirbelsäule und schoss jäh in seinen Kopf, um dort dann zu explodieren. Doch nach wenigen Sekunden war alles vorbei und aus dem Mann war ein Gepard, ein Tier geworden. Die Freude, die ihn nun als Tier wild erfasste, war grenzenlos, als er loslief und durch den Wald jagte. Nolan hatte zu lange seit der letzten Verwandlung gewartet. Er sollte sich mehr Zeit für sich gönnen.

Ein Knurren ließ seine Stimmbänder vibrieren. Er stieß es aus, weil er es eben konnte. Der Gepard kannte nichts Schöneres als die Freiheit des Waldes und der Mann musste ihm zustimmen. Allerdings hatte er ein neues Spielzeug, das diese Schönheit im Moment überlagerte. Bilder von Elyon Hamford schossen ihm durch den Kopf. Bilder, die er noch nie gesehen hatte, die sein Tier sich aber wünschte. Wie sie ihn liebkoste, streichelte und anlächelte. Der Mann konnte das Tier verstehen. Ihr Lächeln war wunderschön. Zaghaft und doch echt. Allerdings störte es Nolan ungemein, dass diese Frau eine solche Kraft auf ihn ausübte. Das konnte und durfte nicht sein. Nichts sollte die Oberhand über seine Gedanken und Gefühle gewinnen. Nichts, was nicht mit seinem Rudel zu tun hatte. Und diese Frau versuchte, sich zwischen Nolan und seine Familie zu schieben. Wenn auch nicht beabsichtigt. Nolan wusste, was er brauchte. Er musste sie einmal besitzen und dann würde er sie wegwerfen. Danach würde es seinem Tier besser gehen. Es wollte sie nur einmal unter sich spüren. Mehr nicht. Weiteres würde er sich und dem Tier auch nicht zugestehen.

Nolan jagte weiter, die verborgenen Wege seines Waldes entlang. Die Wege, die ihn nach Cerys brachten. Er schlich unter belaubten Ästen durch, bis er das sanfte, vertraute Summen von Stimmen vernehmen konnte. Sein Rudel. Das Alphatier in ihm erwachte nun und prüfte die Gegend. Nichts. Seine Familie war sicher.

Er trat durch die Büsche und ging auf die vordersten Häuser zu. Cerys war eine belebte kleine Stadt, die vollkommen auf die Bedürfnisse der Raubkatzen zugeschnitten war. Es gab Häuser, die normal auf dem Boden standen und gut einsehbar waren, andere verschwanden hinter Bäumen und waren für Unwissende so gut wie unsichtbar. Andere Bewohner bevorzugten es sogar, in den Lüften zu schweben. Somit hatte die Stadt eine ganze Reihe von Baumhäusern, die geschützt unter den Baumkronen lagen.

Nolan wandelte wie ein stolzer Kater durch die Häuserreihen.

»Onkel No!«, schrie plötzlich eine piepsige Stimme. Der Gepard drehte sich um und begegnete dem Blick seiner Nichte Christie. Die Kleine stürmte auf ihn zu und fiel der Katze um den Hals.

»Du bist wieder da«, flüsterte sie in sein Fell und der Gepard fing an zu schnurren. Er genoss die warme Umarmung für einen Moment und schnappte sich dann mit den Zähnen ihr Handgelenk, ohne sie dabei zu verletzen. Christie verstand sofort und ging einige Schritte zurück. Nolan verwandelte sich und machte die gleiche Mischung aus Ekstase und Schmerz noch einmal durch. Dann war es wieder vorbei und der Mann stand vor seiner Nichte.

»Hallo Christie«, murmelte Nolan, als er sie sich auf die Schultern setzte und mit ihr den Weg entlangging, der zu seinem Haus führte.

»Bleibst du etwas länger?«, fragte die Vierjährige, die er abgöttisch liebte.

»Leider nicht.«

Sie verzog das Gesicht zu einem Schmollen, bei dem sich ein warmes Gefühl in seiner Brust ausbreitete. Ein raues Lachen drang durch seine Kehle, als sie nicht aufhören wollte, eine Schnute zu ziehen.

»Wenn ich das nächste Mal komme, werde ich dir etwas mitbringen«, versprach er, woraufhin ihr Gesicht wieder zu strahlen anfing.

»Etwas Schönes?«

»Natürlich!«

Nolan ging weiter, bis er auf einen Weg kam, der aus der Stadt hinaus und zu seinem versteckten Haus führte. Mit seiner Nichte auf den Schultern, die sich lachend an ihm festhielt, lief er auf seine Zuflucht zu. Geschmeidig drückten sich seine Krallen aus den Fingerkuppen. Sein Haus befand sich unter den Baumwipfeln zweier alter Buchen, die sich wie in einer Umarmung umeinander geschlungen hatten.

Während er mithilfe seiner Krallen am Baumstamm nach oben kletterte, roch er bereits, dass seine Schwester bereits auf ihn wartete.

Oben angekommen setzte er seine Nichte auf der Terrasse ab und sah sie an. Unruhig starrte sie an ihm vorbei.

»Hast du mir etwas zu sagen?«, fragte Nolan sie und versuchte ihren Blick wieder einzufangen.

Nach einigen Sekunden des Schweigens gestand sie schließlich: »Ich bin Mama weggelaufen. Aber ich hab mich so auf dich gefreut.« Christie sah ihn mit einem entschuldigenden Blick an, der ihm ein Lächeln entlockte.

»Entschuldige dich nicht bei mir, sondern bei deiner Mutter«, sagte er zu ihr und hielt ihr dann die Tür auf. Kaum hatte die Kleine den Raum betreten, schrie seine Schwester empört auf.

»Christie! Ich hab dir doch gesagt, dass du nicht weglaufen sollst. Dir hätte etwas passieren können!«

»Entschuldige Mama«, hörte Nolan seine Nichte flüstern, woraufhin ihre Mutter sie in die Arme schloss.

»Nolan, was soll ich nur mit ihr anstellen?«, fragte sie ihn mit einem Lächeln auf dem Gesicht, dann fiel sie ihm, mit ihrer Tochter im Arm, um den Hals.

»Es ist auch schön, dich wiederzusehen, Lil.«

Sie ließ ihn los und sah ihn mit den Augen einer fürsorglichen Mutter an.

»Du bist überarbeitet«, seufzte sie frustriert und schob ihn dann Richtung Küche. »Ich mach dir erst mal einen Kaffee.«

Nolan sah ihr zu, wie sie mit Christie auf dem Arm in der Küche hantierte. Vor fünf Jahren hätte er es nicht für möglich gehalten, dass seine durchgeknallte kleine Schwester sesshaft werden würde. Er zuckte mit den Schultern. Auch er konnte sich einmal irren. Wenngleich das auch nicht oft der Fall war.

»Wie geht es Charles?«

Charles war Lils Mann. Er war ein Mensch, kein Wandler, verstand es aber, sich zur Wehr zu setzen. Er hatte den schwarzen Gürtel in Karate, was wirklich keine Übertreibung war. Manchmal setzte Nolan ihn sogar zur Patrouille ein und Charles hatte ihn noch nie enttäuscht.

»Er hat einen neuen Dojo eröffnet. Aber das weißt du bestimmt bereits.«

»Ich hab davon gehört.«

»Er läuft ganz gut. Eigentlich sogar fantastisch. Wir können uns vor Kunden kaum retten.« Nolan hörte ihr Lächeln mehr, als dass er es sah, denn sie stand mit dem Gesicht immer noch zum Küchentresen.

»Und was bedrückt dich dann?« Er war ein Alphatier und hatte somit die Gabe, die Gefühle seiner Rudelmitglieder einschätzen zu können, und er spürte, dass seine Schwester beinahe vor aufgestauten Emotionen platzte.

»Christie? Gehst du mal kurz ins Wohnzimmer. Ich hab dir deine Farben mitgebracht«, sagte Lil und setzte die Kleine dann auf dem Boden ab. Christie lief ohne ein weiteres Wort in den angrenzenden Raum.

»Was ist los?«, fragte er sie nun ernsthaft besorgt. Wenn sie sogar Christie nach draußen schickte, dann musste es etwas Schwerwiegendes sein.

Lil reichte ihm seinen Kaffee und schenkte sich dann selbst eine Tasse ein. Danach setzte sie sich ihm gegenüber und da sah er die Tränen in ihren Augen. Ein schmerzhafter Stich der Sorge durchzuckte ihn. Er ließ den Kaffee unberührt stehen und setzte sich neben seine Schwester. Ohne sein Zutun fiel sie in seine Arme und schluchzte.

»Na los, sag es mir«, murmelte er verzweifelt.

Sie entzog sich wieder seiner Umarmung und sah Nolan mit Tränen in den Augen an.

»Du weißt doch, dass Christie immer diesen Husten hat?«, fragte sie ihn. Er nickte bestätigend und wartete auf ihre Antwort.

»Vor einer Woche waren wir mit ihr beim Arzt. Er hat uns sofort ins Krankenhaus verwiesen und da hat man nun festgestellt, dass … sie …« Lil stockte und sie schlug sich die Hand vor den Mund, um das aufkommende Schluchzen zu unterdrücken.

»Sie hat Lungenkrebs«, flüsterte sie.

»Gut- oder bösartig?«, fragte Nolan sie mit halb erstickter Stimme.

Das konnte einfach nicht sein. Sie war noch so jung, hatte noch nicht genug gelebt. Seit Jahren investierte er in die Krebsforschung, doch sie hatten noch immer kein Mittel gefunden, das den Krebs besiegen konnte. Nur die Chemotherapie half bisher.

»Das wissen sie noch nicht. Sie wollen eine Probe entnehmen, um es festzustellen.«

»Wann ist der Termin?«

»Nächste Woche.« Lil schüttelte den Kopf in einer verzweifelten Geste. »Was soll ich nur tun, Nolan? Wenn ich sie verliere …«, ein weiteres Schluchzen schnitt ihr die Worte ab.

»Das wirst du nicht«, murmelte er und zog sie wieder in seine Arme. »Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um sie zu retten!« Er spürte das Nicken seiner Schwester an seiner Schulter. Er hatte noch nie ein Versprechen gebrochen und er würde jetzt auch nicht damit anfangen.

»Weiß sie es?«

»Nein. Wir wollten sie nicht damit belasten. Nicht bevor wir wissen, was wirklich los ist«, murmelte sie an seiner Schulter. Ja, das konnte Nolan gut verstehen. Warum sollte man sie unnötig belasten, wenn es vielleicht nur ein gutartiger Tumor war, den man leicht entfernen konnte.

»Wir kriegen das schon hin«, sagte er und drückte seine Schwester enger an sich.

4

Elyon zeichnete. Sie zeichnete den Mann, der sich immer wieder in ihre Gedanken schob. Schon die ganze Woche über zerbrach sie sich den Kopf darüber. Was hatte er mit ihr vor? Außerdem, was würde sie tun, wenn sie es tatsächlich schaffen sollte, zu fliehen. Könnte sie dieses Wesen einfach so vergessen? Sie bezweifelte es. Zwischen ihnen herrschte eine Anziehungskraft, die sie nicht ignorieren konnte. Doch was sollte sie schon dagegen unternehmen? Vielleicht könnte sie darüber hinwegblicken. Dieses Gefühl in den Hintergrund verbannen, dorthin, wo sie schon die anderen unwillkommenen Gefühle gesperrt hatte, die sie niemals freigeben würde.

Es waren ein paar Tage vergangen, seit ihr der Mordanschlag misslungen und sie nun Nolan Hals Gefangene war. Ein paar Tage, in denen sie Nolan öfter zu Gesicht bekommen hatte, als ihr lieb war. Und das nur, weil sie nicht verstand, warum ihr Körper so merkwürdig auf ihn reagierte.

Meistens kam er sie zur Mittagszeit besuchen. Ab und an sah sie ihn auch schon beim Frühstück, und beim Abendessen war er immer zugegen. Das war der einzige Indikator, den sie hatte, um die Zeit einschätzen zu können, die bereits vergangen war. Aber langsam verlor sie den Überblick, weil ihr so langweilig war, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Wobei Nolan schon eine gewisse Ablenkung bot. Wenn er bei ihr war, dann erzählte er ihr meistens von seinem Tag. Sie wusste, was er damit bezweckte. Er wollte sich ihr Vertrauen erschleichen, weil sie ihn kennenlernte, und sie wollte verdammt sein, denn es funktionierte. Und das nur, weil ihr Körper immer ihren Verstand ausschaltete, wenn er in ihrer Nähe war. Nolan war aber auch schon ein Anblick, den man nicht häufig geboten bekam.

Zwischen seinen Monologen über seinen Alltag fragte er sie immer öfter, ob es ihr gut ging, denn sie spürte, wie ihr die Haut förmlich an den Knochen klebte. Elyon war müde, ausgelaugt und fühlte sich, als würde sie eine Krankheit ausbrüten. Das waren die Anzeichen, die ihr sagten, dass sie schon bald sterben würde, wenn ihr nicht demnächst die nötige Energiequelle zur Verfügung stehen würde. Auf seine Frage hin zuckte sie immer nur mit den Schultern und schwieg weiterhin. Sie hasste es, verletzlich zu sein. Sie hasste es, hier eingesperrt zu sein und was sie am meisten hasste, war, dass sie einfach nicht verstand, was dieser Wandler mit ihr machte.

Sie radierte die letzten Hilfslinien aus und betrachtete dann das Bild. Ja, sie hatte ihn gut getroffen. Seufzend legte sie die Zeichnung auf den Tisch, den ihr Greg gütigerweise hereingebracht hatte. Er hatte sie nur missbilligend angesehen und war dann gleich wieder verschwunden. Nicht, bevor er ihr noch einmal klargemacht hatte, dass er sie töten würde, wenn sie versuchen sollte, die Zeit anzuhalten. Als ob sie das noch schaffen könnte. Sie seufzte und betrachtete noch einen Moment das Bild, das sie gezeichnet hatte. In den letzten Tagen hatte sie mehr gezeichnet als im gesamten letzten Jahr. Was sollte man auch tun, wenn man in einer Zelle feststeckte und die Zeit einfach nicht verging? Beinahe trauerte sie einigen Porträts hinterher, die sie gezeichnet hatte, denn sie hatte sie alle mithilfe der Klospülung zur nächsten Kläranlage geschickt. Ihre Zeichnungen gehörten ihr und so sollte es auch bleiben, auch wenn sie sie nur mehr in ihrem Kopf sehen konnte. Denn ihre Gedanken waren das Einzige, was noch wirklich ihr gehörte.

Ihr Leben hing am seidenen Faden. Obwohl, da gab es eigentlich keinen Faden mehr, denn Elyon wusste, dass sie schon bald sterben würde. Wenn die Wandler sie nicht umbrachten, weil sie ihrer überdrüssig wurden, dann taten es die Forás, weil sie vielleicht eine Spionin geworden war. Und wenn keines von beidem eintraf, dann würde einfach ihr Körper versagen, weil sie keine Energie mehr hatte, um überleben zu können. Im Moment war sie also mehr tot als lebendig. Ein Zombie, sozusagen. Sie schnaubte. Wie amüsant.

Plötzlich bemerkte sie etwas, das ihr beinahe entgangen wäre. Der Tisch begann zu flackern und als sie aufblickte, sah sie die Gitterstäbe doppelt und dreifach. Sie zuckte zusammen, als ihr klar wurde, was hier gerade geschah.

»Verdammt!« Elyon sprang vom Stuhl auf und nahm eine Verteidigungshaltung ein.

Forás hatten sie gefunden. Wie, war ihr schleierhaft, doch das Warum bereitete ihr eine Gänsehaut. Unwillkürlich ballte sie die Fäuste und suchte nach etwas, das sie als Waffe verwenden konnte. Doch sie befand sich leider in einer verfluchten Zelle! Sie konnte im Moment nichts anderes tun, als zu warten. Darauf zu warten, dass einer ihrer Art sie fand.

Den Forás war es glücklicherweise angeboren, in die Zeit oder in den Stillstand der Zeit hineingezogen zu werden, sobald einer ihrer Art in ihrer Nähe die Zeit anhielt oder wieder fließen ließ. Das Ganze konnte nur unterbrochen werden, wenn der, der eigentlich mit hineingezogen werden sollte, genügend Energie besaß, um sich zur Wehr zu setzen. Dann bildet sich eine Art Grenze, in der sich die Zeit verschob. Das bedeutete, dass nur innerhalb dieser Barriere die Zeit angehalten wurde und außerhalb normal weiterlief. Doch Elyon hatte zu wenig Kraft, um diese Grenzlinie heraufbeschwören zu können und das hatten sie wahrscheinlich vermutet. Sie saß verdammt tief in der Klemme.

Elyon bewegte sich in der engen Zelle hin und her und versuchte darauf zu achten, keinen Gegenstand zu berühren, sonst würde dieser in der Zeit einfach zu Staub zerfallen und wie sollte sie das den Wandlern erklären? Falls sie aus dieser Situation überhaupt lebend herauskam!

Im nächsten Moment öffnete sich die Tür. Unwillkürlich hielt Elyon den Atem an und stieß ihn dann erleichtert wieder durch die zusammengebissenen Zähne aus.

»Conan.« Ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.

Conan war ihr Bruder und würde ihr wahrscheinlich – so hoffte sie – nichts antun.

»Elyon! Gott verflucht, dir ist klar, dass du in einer verdammt misslichen Lage steckst?«

»Das kannst du dir sparen, kleiner Bruder«, murmelte sie und betrachtete ihn dann eingehend. Ihr Bruder war um einen Kopf größer als sie – ungefähr gleich groß wie Nolan Hal. Seine schwarzen Haare, die er von ihrer Mutter geerbt hatte, glänzten in einem bläulichen Schein. Seine Augen hatten die gleiche kalte eisblaue Farbe wie ihre.

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