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PUBERTÄT für Anfänger

HUMOR HILFT, WENN ES ERNST WIRD

Vielleicht haben Sie beim ersten »Durchblättern« dieses E-Books einige Zeilen gelesen und mussten dabei schmunzeln oder sogar lachen. Sie fragen sich möglicherweise, was bezweckt werden soll, indem an das Thema Pubertät humorvoll und provokant herangegangen wird. Wir haben drei Kinder in der Pubertät – und uns selbst ist dabei nicht immer zum Lachen zumute. Wenn Sie wieder einmal das Gefühl haben, gleich zu explodieren, atmen Sie erst einmal ruhig durch! In Pubertistensprache: »Chillen« Sie! Ziehen Sie sich zurück und nehmen Sie dieses Buch zur Hand – bald wird es Ihnen wieder besser gehen.

In den Medien wird Pubertät gern als permanente Katastrophe dargestellt, der Eltern schutzlos ausgeliefert sind. Eltern fühlen sich oft als Opfer pubertärer Willkür und reagieren darauf häufig gelähmt und verzweifelt. Humor hat eine entschärfende Wirkung in verfahrenen Situationen. Er ermöglicht neue Perspektiven und die Freiheit, das eigene Verhalten zu verändern.

Über das eigene Verhalten zu lachen ist oft nicht leicht für Eltern, die ihr Bestes geben und doch gelegentlich nicht weiterwissen. Wenn wir in diesem E-Book Situationen humorvoll beschreiben und dabei manchmal übertreiben, dann nicht allein, um Sie zum Lachen zu bringen. Wir wollen Ihnen auch Anstöße geben, Ihren Teenager mit humorvollen Reaktionen zu überraschen. Psychologen haben daraus eine »provokative Therapie« mit spielerischen Elementen entwickelt. Die Grundidee ist, dass das Gegenüber selbst über sein Verhalten lachen kann und damit größere innere Freiheit gewinnt.

Bei einem unserer Kinder fühlten wir uns einmal mit unserem Latein am Ende. Den 15-Jährigen hatte die Pubertät voll im Griff. Als er in einem Wutanfall die Küchentür beschädigte, waren wir ratlos und verzweifelt. Da kam uns eine Idee. Wir schnappten unseren Sohn und sagten: »Siehst du da deine Zimmertür? Du hast recht: Wozu brauchen wir Türen? Lass sie uns zertrümmern! Dann kann man immer sehen, was du dort drinnen machst. Wir helfen dir gerne. Danach zerstören wir auch die Toilettentür, dann wissen wir sofort, wenn das Klo besetzt ist. Sicher finden wir noch weitere überflüssige Türen.« Unser Sohn war zuerst sprachlos, bis er in lautes Lachen ausbrach und wir miteinander sprechen konnten. Indem wir seine Verhaltensweise überzeichneten, konnten wir gemeinsam darüber lachen, und unser Anliegen wurde wahrgenommen.

Manchmal hilft nur der augenzwinkernde Blick auf das seltsame Benehmen von Eltern und Teenies im Pubertätsstress. Dazu möchten wir Sie ermutigen, denn so gewinnt man Abstand und Gelassenheit, befreit sich aus Zwängen und wird wieder handlungsfähig.

Entdecken Sie Ihr Kind neu – und sich selbst als »Pubertistenflüsterer«! Hier finden Sie humorvolle Hilfestellung und die erleichternde Erkenntnis, dass viele Familien vor ähnlichen Problemen stehen. Wir versichern Ihnen: Um gute Pubertätseltern zu sein, werden keine Nervenzusammenbrüche von Ihnen erwartet. Aus haftungsrechtlichen Gründen sei noch hinzugefügt: Viele Anregungen wurden an Pubertisten ausprobiert, aber nicht alle führten zum gewünschten Erfolg.

In das E-Book eingebettet sind besonders gekennzeichnete »Impulse«, die kurze pädagogische Hinweise enthalten. Suchen Sie sich aus den Anregungen und Tipps das heraus, was zu Ihrer aktuellen Situation passt. Wir wünschen Ihnen eine erlebnisreiche Pubertätszeit!

 

Ihre

Unterschriften

Eltern- und Pubertistenkunde

Eltern- und Pubertistenkunde

DER ELTERNTEST

Bezogen auf die Lebenszeit eines Menschen ist die Dauer der Pubertät zeitlich eng begrenzt, erstreckt sie sich doch nur über drei bis zehn Jahre. Allerdings unterscheidet sie sich wesentlich von den Phasen davor und danach. Grundsätzlich gilt: An der Pubertät sollten immer zwei Parteien beteiligt sein – der Pubertist und seine Eltern. Eine Pubertätszeit ohne Eltern wäre langweilig und kommt selten vor. Ohne Teenager hingegen kann es durchaus Pubertät geben. Sie heißt dann »Wechseljahre« und ähnelt oft dem Verhalten von Heranwachsenden. Das ist jedoch ein anderes Thema.

Bevor Sie Ihrer Tochter Anna oder Ihrem Sohn Lukas erlauben, an der Pubertät teilzunehmen, sollten Sie herausfinden, ob Sie überhaupt die Befähigung und die Eignung zum Leben mit einem Teenager besitzen. Haben Sie annähernd eine Vorstellung davon, was Sie erwartet? Sind Sie eigentlich auf das Leben mit einem Pubertisten vorbereitet? Nach der Auswertung des folgenden Tests können Sie über eine mögliche Erziehung des wundersamen Wesens Pubertist nachdenken und die Karriere eines Pubertistenflüsterers anstreben.

Bedenken Sie: Teenagereltern haben in unserer Gesellschaft zwar ein hohes Sozialprestige, werden aber selten beneidet. Im Gegenteil! Da alle Rückgabe- und Garantiefristen für Ihr Kind abgelaufen sind, bleibt Ihnen bei negativem Ausgang des Tests als letzter Ausweg aber immerhin noch die Freigabe zur Spätadoption.

»Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden.«

Marianne Arlt | deutsche Publizistin, *1943

TEST

Elterntest

Auswertung des Elterntests

Zählen Sie nun die Anzahl Ihrer Kreuzchen zusammen und vergleichen Sie Ihre Punktzahl mit den Profilen in der Auswertung. Daraus ergibt sich Ihr aktuelles Pubertistenflüsterer-Profil.

 

14 bis 17 Punkte: Problematisches Profil.

Sie haben alles oder fast alles angekreuzt. Pubertät ist aber weder ein Wellnessurlaub noch eine Antifaltencreme. Sie verwechseln offensichtlich den Test mit einem Wunschkatalog.

10 bis 13 Punkte: Schwieriges Profil.

Sie haben sich anscheinend mit der Pubertät und ihren möglichen Folgen bislang kaum auseinandergesetzt. Sie besitzen ein sonniges Gemüt und wissen noch gar nicht, worauf Sie sich einlassen. Es könnte zu Problemen kommen.

7 bis 9 Punkte: Durchschnittliches Profil.

Sie hoffen auf »ein bisschen Pubertät« und reden sich damit die Wirklichkeit schön. Bei Ihnen paart sich Naivität mit Wunschdenken. Vielleicht haben Sie auch nur Wahrnehmungsstörungen.

3 bis 6 Punkte: Traditionelles Profil.

Sie besitzen ein recht traditionelles Bild von der Pubertät. Das heißt, Sie trauen Ihrem Teenager alle wichtigen pubertätstypischen Verhaltensweisen zu. Sie sind Realisten und machen sich insgeheim auf viele Probleme und harte Auseinandersetzungen gefasst.

0 bis 2 Punkte: Perfektes Profil.

Sie stellen sehr hohe Erwartungen an Ihren Pubertisten, da Sie viel von ihm fordern und durchgängig Chaos und Katastrophen erwarten. Mit viel Einsatz und Unterstützung kann eine perfekte Pubertät gelingen. Sie sollten aber einen langen Atem und Geduld haben. Seien Sie auf Enttäuschungen gefasst.

IMPULSE

DENKEN SIE ZURÜCK

Obwohl Pubertät für viele ein Buch mit sieben Siegeln ist, besitzt jeder von uns ein eigenes Bild von dieser Lebensphase. Dabei prägen die von den Medien unterstützten Klischees, aber auch eigene Erfahrungen unsere Vorstellung. In letzter Zeit vermitteln Fernsehen und Zeitungen überwiegend ein problematisches Bild von Pubertät als permanente Katastrophe und gravierenden Ausnahmezustand, was die Erwartungen vieler Mütter und Väter negativ beeinflusst und Unbehagen bereitet. Doch man sollte wissen: Viele dieser Darstellungen beruhen auf Erkenntnissen von Entwicklungspsychologen der psychoanalytischen Richtung, die aufgrund von Krankheitsbildern gewonnen wurden. Sie sind selten allgemein übertragbar.

Schon einmal wurde Ihr Leben durcheinandergewirbelt und komplett auf den Kopf gestellt: bei der Geburt Ihres Kindes. Sie haben diese Herausforderung angenommen und gemeistert.

Kinder und erst recht Jugendliche bedeuten Unplanbarkeit und gelegentlich Chaos. Doch das Zusammenleben mit einem Teenager bietet die einmalige Gelegenheit, Erstaunliches über sich selbst, aber auch über eine »fremde Kultur« zu entdecken.

Denken Sie zurück an die eigene Pubertät: Erinnern Sie sich an das Gefühl, nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen zu sein? Wie haben Ihre Eltern auf Ihr Verhalten reagiert? Was möchten Sie selbst besser machen? Sprechen Sie beim nächsten Besuch einmal Ihre Eltern auf die eigene Pubertätszeit an und lassen Sie sich von eigenen »pubertistischen Verfehlungen« erzählen, von damaligen Abirrungen und Fehltritten. So haben Sie die Chance, noch einmal nachzuempfinden, was es heißt, Pubertist zu sein. Erzählen Sie Ihrem Teenager, wie Sie beim Stehlen erwischt wurden oder die Schule geschwänzt haben. Fragen Sie ihn, wie er als Mutter oder Vater darauf reagiert hätte.

WELCHER ELTERNTYP SOLL’S DENN SEIN?

Für Erwachsene hält das Leben mit Kindern gelegentlich Überraschungen bereit. Die Eltern benehmen sich wie immer, jedoch der Nachwuchs verändert plötzlich sein Verhalten radikal. Im Teenageralter bedeutet das: Die Pubertät ist da. Das neue Auftreten ihres Jugendlichen erscheint vielen Eltern unverständlich und bereitet ihnen ähnlich Angst wie die Begegnung mit einem fremden Volksstamm. Sie haben Sorge, ob ihr Kind noch »normal« sei, daher müssen sie auf diese Situation reagieren.

Ohne gefragt worden zu sein, ohne je eine Bewerbung abgegeben oder einen Einstellungstest bestanden zu haben, sollen Sie also plötzlich den Job der Pubertisteneltern ausüben. Dabei besitzen Sie weder eine Lizenz zum Erziehen noch einen Elternführerschein. Das kann nur schiefgehen. Zugleich wird Ihnen vom Nachwuchs versichert, dass Sie »out« bis »mega-out« sind, nichts »checken« und man sich von Ihnen ab jetzt gar nichts mehr sagen lässt. Wenn das nicht genug Motivation für eine gelungene Karriere als Pubertistenflüsterer ist! Die Art und Weise jedoch, wie Eltern an ihre neue Aufgabe herangehen, ist sehr unterschiedlich. Daher folgt hier eine ausgewählte Typologie heutigen Elternverhaltens. Sie kann Ihnen helfen, sich selbst besser einzuschätzen.

»Die erste Hälfte unseres Lebens wird von den Eltern ruiniert, die zweite von den Kindern.«

Clarence Darrow | US-amerikanischer Rechtsanwalt und Bürgerrechtler, 1857–1938

Die gut vorbereiteten Eltern

Da Sie alles im Leben im Griff haben wollen, vermeiden Sie es, wie so viele andere Eltern ahnungslos in die Zeit der Pubertät zu schlittern. Bereits bei der Mitteilung der Schwangerschaft durch Ihren Gynäkologen notierten Sie noch in der Praxis in Ihrem Taschenkalender: »Achtung: in elf Jahren wahrscheinlicher Pubertätsbeginn.« Von diesem Tag an haben Sie sich gewissenhaft auf die Flegeljahre Ihres Sprösslings vorbereitet. Denn Sie ahnen bereits: Wenn ein Kind angeblich aus dem Gröbsten heraus ist, steht in Wirklichkeit mit dem Teenageralter das Allergröbste noch bevor.

Sie nehmen sich fest vor, aus Ihrem Nachwuchs einen guten Pubertisten zu machen und gemeinsam mit ihm eine ereignisreiche Zeit zu erleben. Daher abonnieren Sie von Anfang an populäre pädagogische Fachzeitschriften wie »Brigitte« oder »Der Spiegel«. Sie besuchen Pubertätsvorbereitungsseminare beim Familienbildungswerk der Kirche, um für alle Fälle der Aufzucht, Haltung und Pflege eines Teenagers gewappnet zu sein. Sie machen sich bei anderen Eltern oder Freunden, im Fernsehen oder Internet kundig, wie Sie die Pubertätszeit überleben können.

Nach den langen Jahren des Wartens ist dann eines Morgens der ersehnte Augenblick endlich gekommen. Sie erkennen ihn daran, dass Ihr Nachwuchs durch die Wohnung brüllt: »Fuck you all, ich hab es endlich geschafft: Seit 7 Uhr 10 bin ich in der Pubertät.« Das ist der Moment, auf den Sie hingearbeitet haben und den Sie, genau wie die ganze Pubertät, genießen sollten.

Sie notieren in Ihrem Taschenkalender: »Heute früh endlich Pubertätsbeginn. Alles läuft nach Plan!« Als bestens vorbereiteter Pubertistenflüsterer werden Sie nun für schöne und abwechslungsreiche Flegeljahre Ihres Teenagers sorgen.

Die Spaßeltern

Als Spaßeltern möchten Sie möglichst viel erleben. Auch in der Pubertät Ihres Kindes wollen Sie Spaß haben, und der Alltag soll weiterhin möglichst »easy« ablaufen. Dabei hilft Ihnen die morgendliche Erdung durch Tai Chi unheimlich.

In Sachen Ordnung und Sauberkeit kommt es nicht zu Konflikten, da Sie wenig von diesen Sekundärtugenden halten. Statt behütende und spießige Gluckeneltern zu sein, sehen Sie sich als beste Freunde Ihres Teenies, denn Freundschaft ist besser als Elternschaft, klingt nach Spaß und nicht nach mühsamer Erziehung.

Als Mutter sind Sie überzeugt, dass Ihre Tochter es schätzt, wenn Sie so jugendlich gekleidet sind wie sie und oft mit ihr shoppen gehen. Als Vater sehen Sie sich eher als großer Bruder, der ab und an Kontakte zu seinem Nachwuchs knüpft. Ansonsten suchen Sie das Weite, um eigenen Hobbys nachzugehen, denn Pubertät nervt.

Einer Erziehung von Jugendlichen stehen Sie kritisch gegenüber. Sie haben aufgeschnappt, dass es Unfug ist, ab zwölf Jahren noch von Erziehung zu sprechen. Die meisten Fragen regeln Sie deshalb über die Hausordnung, wobei dieses böse Wort natürlich niemals fällt. Die wenigen Regeln, die lediglich den Alltag organisieren, werden gelegentlich neu ausgehandelt. Schließlich wollen Sie die Freiheit des Jugendlichen und Ihre eigene nicht einschränken.

Als »Forever-young«-Eltern sehen Sie sich als lockere Berater und Lebensbegleiter des Pubertisten. Sie sind schon zufrieden, wenn Ihr Teenager nicht schwanger oder kriminell wird. Was auf den ersten Blick wie Bequemlichkeit, Lustlosigkeit und Desinteresse aussieht, sind aber Ihrer Ansicht nach Toleranz und Vertrauen in die Stärken des Nachwuchses. Sie zwingen niemandem Ihren Willen auf. Der Pubertist soll seine kleinen Probleme gefälligst selbst lösen.

Die erlebnishungrigen Eltern

Sie sind um die vierzig, fühlen sich noch nicht scheintot und wollen etwas erleben. Die Routine von Beruf und Hausarbeit, Eheleben und täglichem Jogging lässt Ihr Leben langweilig und öde erscheinen. Als außergewöhnlicher Aufreger gilt in dieser Phase schon die Anschaffung der ersten Gleitsichtbrille. Einen Ausweg aus der Krise und den wirklichen Kick bietet jetzt die Pubertät, die in Medien und Freundeskreis angepriesen wird als die schlimmste Phase, die Familien treffen kann. Da geht es drunter und drüber, Gewalt, Drogen und Kriminalität halten Einzug in das friedliche Reihenhaus. Nichts ist aufregender als pubertäre Aussetzer und die Entwicklung von Mamas Liebling zum Terrorteenie. Wenn der Sohn das Familienauto an einen Baum gesetzt hat oder die Tochter mit dem Frontmann der Schülerband durchbrennt, Ihr Liebling seit Wochen die Schule schwänzt oder das Haus bei einer Party verwüstet, dann wissen Sie: Ihre Liebe und Ihr Einsatz werden jetzt belohnt.

Für den Typ »erlebnishungrige Eltern« ist das genau das Richtige. Sie fühlen sich anerkannt. Sie erfahren, welche positiven Auswirkungen solcher Stress auf ein bisher ereignisarmes Leben hat. In jeder Yogagruppe, jedem Fitnesscenter stehen Sie mit Ihren Gruselgeschichten im Mittelpunkt des Interesses.

Im Vergleich hierzu sind verpfuschte Schönheitsoperationen oder Seitensprünge fade Kost! Jede Woche gibt es Neues zu berichten, falls Sie nicht gerade einen Pubertätslangweiler großgezogen haben (siehe >). Um zusätzlich mit Nervenzusammenbrüchen zu glänzen, überfrachten Sie Ihre Erziehung mit hohen Erwartungen, um diesen Ansprüchen nicht genügen zu können. Wirksam sind auch Selbstzweifel und massive Verunsicherung, ob Sie den täglichen Anforderungen gewachsen sind.

Die pubertätsfürchtigen Eltern

Schon beim Hören des Wortes »Pubertät« zucken Sie angstvoll zusammen, denn die in Kürze anstehenden jugendlichen Flegeljahre Ihres Nachwuchses erscheinen Ihnen der Mega-GAU schlechthin zu sein. Schlimmer kann es im Leben nicht kommen, finden Sie. Kein Wunder, wird doch in Ihrem Freundeskreis mit den ausufernden Alkoholexzessen oder dem täglichen Cannabiskonsum der Sprösslinge großspurig geprahlt, und bei der Lektüre von Erziehungsratgebern tauchen unbekannte, angsteinflößende Begriffe auf wie zum Beispiel »ritzen« oder »chillen«.

Außerdem sind Sie als Eltern in den besten Jahren mit Ihren Aufgaben im Beruf, im Haushalt und in der Freizeit ohnehin bereits völlig ausgelastet und können es sich nicht leisten, noch weitere Probleme aufgehalst zu bekommen. Wäre es Ihnen möglich, würden Sie die Pubertät glatt verbieten.

Ihnen reicht nun bereits die Aussicht, keinen Zutritt mehr zum Kinderzimmer zu haben, jeden Tag Schitzel mit Pommes kochen zu müssen oder tagelang angeschwiegen zu werden.

Wenn das nur alles wäre. Zusätzlich schwant Ihnen, dass in absehbarer Zeit alle Ihre Verbote ignoriert werden, dass der Nachwuchs tun und lassen wird, was er will, und dass Ihnen Ablehnung und Respektlosigkeit entgegenschlagen.

»Komik entsteht, wenn man Tragödien anschaut und dabei ein Auge zukneift.«

Eckart von Hirschhausen | deutscher Arzt, Kabarettist und Schriftsteller, *1967

Andere Eltern rechnen mit pechschwarz gefärbten Haaren der Tochter – Sie befürchten eine grün-blaue Irokesenfrisur mit teilweise rasiertem Schädel. Sie erwarten kein grelles Schminken, sondern gleich ein Nasen- und Zungenpiercing. Statt auf Alcopops stellen Sie sich auf Marihuana ein.

Zugleich befürchten Sie, dass mit der Pubertät auch gewisse Ansprüche auf Sie zukommen: Spätestens jetzt sollten Sie das typische schlechte Elterngewissen entwickeln. Um keine Versagensängste aufkommen zu lassen, beginnen Sie am besten damit, Ihre ganze bisherige Erziehung infrage zu stellen. Schuldgefühle haben den Vorteil, dass sie sowohl plagen als auch lähmen. Gute Eltern sollten sich bei Misserfolgen in der Erziehung regelmäßig mit Gewissensbissen quälen. Seien Sie kreativ beim Ausdenken neuer Vorwürfe. Fehlt Ihnen die Fantasie, fragen Sie Ihren Pubertisten, der Ihnen dabei gerne und ausgiebig behilflich sein wird.

Ein Tipp am Rande: Erfahrene Lehrerinnen empfehlen für pubertätsfürchtige Eltern, stets einen Karton Prosecco bereitzuhalten. Zwar ändert sich nach ein paar Gläschen nicht die Wirklichkeit, aber vielen dürfte es helfen, einen neuen Blick auf die Gegenwart und die damit verbundenen Probleme zu entwickeln.

Die Buddha-Eltern

Gehören Sie zu den Eltern, die bereits einmal die Pubertät eines nahen Angehörigen miterlebt haben? Herzlichen Glückwunsch! Sie wissen also, dass Sie mit einer schicksalsergebenen Haltung am besten überleben. Im Gegensatz zu Ihren Eltern haben Sie sogar Ihre eigene Pubertät unbeschadet überstanden. Nichts kann Sie mehr erschüttern, weil Sie eine heiter-gelassene Buddhanatur angenommen haben, an der alles abprallt.

 

Da Sie sich in den Phasen der Vor-, Hoch- und Spätpubertät bestens auskennen, wissen Sie alle Kapriolen einzuordnen. Wozu sich aufregen, es kommt, wie es kommt, und einer wird schon überleben. Ihr täglich gemurmeltes Mantra lautet: »It could be worse«, auch wenn manche Situation schon worser als worse erscheint.

Sie sind ein hoffnungsfroher Mensch, der fest davon überzeugt ist: »Irgendwann hat alles mal ein Ende.« Ändern können Sie ja sowieso nichts, da sich ein Pubertist meist immun gegen Erziehungsversuche zeigt. Deshalb dürfen Sie sich mit Pubertätsbeginn in Ruhe zurücklehnen. Genießen Sie es, Sie sitzen in der ersten Reihe. Von Ihnen können alle Eltern lernen. Mit Ihrer Gelassenheit erwerben Sie sich den Respekt, den Sie als Eltern verdient haben, und den Freiraum, Ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

CHECKLISTE

WAS SIE ALS BUDDHA-ELTERN KÖNNEN MÜSSEN

  • Abrupt wechselnde Launen und einen hohen Kreischfaktor, Türenschlagen und Totenstille ignorieren.
  • Bei verbalen Entgleisungen und Ausrastern weghören, exotische Kleidungsexzesse und das Chaos im Kinderzimmer übersehen.
  • Schlechte Schulnoten gelassen hinnehmen. Schließlich besitzen Sie bereits einen Schulabschluss.
  • Gut schlafen, auch wenn Ihr Teenager die Nacht zum Tage macht: Nicht Sie werden morgen früh todmüde sein.
  • Angriffe auf Ihren Lebensstil wie »So wie ihr will ich nicht leben!« ins Leere laufen lassen, indem Sie auf die Möglichkeit des Auszugs aus der Wohnung hinweisen.
  • Das Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit des Seins genießen, indem Sie sich aus allen Konflikten heraushalten.

Die perfekten Eltern

Als perfekte Eltern haben Sie genau die Eigenschaften, die Teenager besonders schätzen. Halbe Sachen gibt es bei Ihnen nicht. Wie Hubschrauber kreisen Sie ständig um Ihre Kinder. Wenn Sie schon welche in die Welt gesetzt haben, dann wollen Sie jetzt alles richtig machen. Elternsein ist schließlich Lebensaufgabe und Berufung.

Sie wissen, dass ein einziger Fehler in der Erziehung Konsequenzen für das gesamte Leben Ihres Nachwuchses hat. Dies haben Sie ja selbst am eigenen Leib erfahren durch die miserable Erziehung Ihrer eigenen Eltern, unter der Sie noch heute leiden. Deren Fehler werden Sie jedoch nicht wiederholen. Deshalb machen Sie alles anders, um Ihren Eltern zu zeigen, wie richtige Erziehung aussieht.

Endlich können Sie Ihre Erziehungsallmachtsfantasien ausleben, denn Sie fühlen sich für alles verantwortlich und zuständig. Nichts entgeht Ihrem wachsamen pädagogischen Blick, Sie fühlen sich als Förderer Ihres Teenagers. Durch die aufmerksame Lektüre von Erziehungszeitschriften und Ratgeberliteratur kennen Sie die neuesten pädagogischen Modetrends und können mühelos wechseln zwischen harter Disziplin sowie Freiheit und Selbstverantwortung.

Sie suchen sich das Beste aus verschiedenen Erziehungsstilen heraus. Ihre Lieblingssendungen im Fernsehen sind »Die Super-Nanny« oder »Teenager außer Kontrolle«, wo Sie sich daran erbauen, wie andere Eltern erbärmlich scheitern.

Sollte es jedoch mit der Erziehung nicht so klappen wie angestrebt, gibt es genug Schuldige in Ihrer Umgebung: Lehrer, Mitschüler, Großeltern oder Medien und Gesellschaft. Notfalls können Sie auch den Pubertisten selbst für den Misserfolg haftbar machen. Dann vergleichen Sie Ihr Kind mit erfolgreichen Geschwistern oder Freundeskindern. So einen Versager haben Sie nicht verdient.

IMPULSE

DEN ÜBERBLICK BEHALTEN

Viele Eltern fühlen sich überfordert von den Anforderungen, die Jugendliche in der Pubertät an sie stellen. Wo und wie müssen sie eingreifen? Ist in der Pubertät überhaupt noch Erziehung möglich?

Es stimmt: Eltern verlieren im Laufe der Pubertät für Jugendliche immer mehr an Bedeutung und besitzen immer weniger Einfluss. Vielleicht ist der Auftrag von Eltern jetzt mit der Aufgabe von Leitungskräften einer Firma zu vergleichen: Mitarbeiter motivieren, ihre Fähigkeiten entdecken und entwickeln. Oder gefällt Ihnen das Bild eines Reisebegleiters besser, der dem Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsensein Orientierung gibt? Betrachten Sie Erziehung einmal unter dieser Perspektive.

Fragen Sie sich nach den Zielen Ihrer Erziehung:

  • Welche Begabungen, Interessen und Fähigkeiten Ihres Teenagers können und wollen Sie unterstützen?
  • Welche sozialen Fähigkeiten in Familie, Schule und Zusammenleben mit anderen (Verein, Gruppe, Kirche) wollen Sie fördern?
  • Welche Werte sind Ihnen wichtig (Respekt, Rücksichtnahme, soziales Engagement, Verantwortungsbewusstsein, Disziplin, Leistungsbereitschaft, Selbstbewusstsein, Selbstständigkeit ...)?

Überlegen Sie, wie Sie Ihrem Kind ein guter Lernpartner sein und diese Leitziele im Alltag verwirklichen können. Zum Beispiel gehören zum Thema Selbstständigkeit die Organisation des alltäglichen Lebens (Wecken, eigene Termine wahrnehmen, Hausaufgaben, Umgang mit Geld) und das Zusammenleben (Mithilfe im Haushalt: Tischdecken, Wäsche einräumen, Staubsaugen, Haustiere versorgen).

Bedenken Sie dabei: Weniger ist mehr. Konzentrieren Sie sich bei Ihren Zielsetzungen auf das, was Ihnen wirklich wichtig ist. Dafür bleiben Sie in diesen Bereichen immer am Ball. Auf diese Weise überfordern Sie weder sich noch Ihren Jugendlichen.

DER PUBERTISTENTEST

Immer mehr Eltern sind unsicher, ob ihr Nachwuchs bereits in der Pubertät steckt oder nur eine späte Trotzphase durchläuft. Ob die Hormone bei Ihrem Kind angefangen haben zu wirken, können Sie als Eltern zunächst an gewissen Äußerlichkeiten Ihres Teenagers feststellen: Stimmbruch, Entwicklung der Brust, Körperbehaarung, Pickel, breitere Schultern, fettige Haare und so weiter. Übrigens beginnt die Pubertät immer früher: Zum Beispiel sollen in Deutschland im Jahr 1860 Mädchen erst mit 16 Jahren die erste Periode gehabt haben. Heute setzt sie oft schon mit 12 Jahren ein.

Mit der Pubertät sitzt nicht nur ein äußerlich runderneuerter Mensch am Tisch. Neben dem Körper verändern sich auch der Geist und das Verhalten. Davon ist besonders das Gefühlsleben betroffen. Mit kleinen, beiläufigen Fragen können Sie herausfinden, ob bei Ihrem Teenager bereits pubertätstypische Emotionen festzustellen sind, die mit Beginn der Flegeljahre auftreten.

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Sprechen Sie Ihren Nachwuchs ab dem elften Lebensjahr gelegentlich wie folgt an:

  • »Wie lange telefonierst du noch?«
  • »So gehst du mir nicht aus der Wohnung!«
  • »Um Punkt 22 Uhr bist du wieder zu Hause!«
  • »Stell die Musik leiser!«
  • »Räum endlich dein Zimmer auf.«
  • »Du gehst erst weg, wenn du mit Lernen fertig bist!«
  • »Wie war’s in der Schule?«
  • »Häng deine Sachen ordentlich auf!«
  • »Sprich nicht in diesem Ton mit mir.«
  • »Wo gehst du denn jetzt schon wieder hin?«
  • »Du warst so ein liebes Kind!«

Die folgenden spontanen Reaktionen auf solche Zumutungen sind angemessen und weisen auf das erfolgte Einsetzen der Pubertät hin:

  • Aufmüpfigkeit
  • Beleidigungen
  • Desinteresse
  • eisiges Schweigen
  • Feindseligkeit
  • heftiger Streit
  • Heulkrämpfe
  • Ignorieren
  • patzige Antworten
  • Provokationen
  • schlechte Stimmung
  • stundenlanges Diskutieren

Mit der Zeit gewöhnen Sie sich an die Gefühlsausbrüche. Im Grunde haben Pubertisten nur deshalb schlechte Laune, weil ihre Eltern ständig mit ihnen reden wollen, weil sie sich einmischen oder mit unliebsamen Aufträgen quälen. Wozu haben Sie eigentlich einen Partner? Doch auch ohne jemanden zu belästigen, können Sie leicht feststellen, ob Ihr Nachwuchs in der Pubertät ist. Machen Sie einen Selbstversuch und stellen sich die Fragen im folgenden Test.

TEST

Test der Pubertätsstärke

Auswertung des Tests zur Pubertätsstärke

Zählen Sie nun die Punkte für Ihre Kreuzchen zusammen und vergleichen Sie Ihre Punktzahl mit den folgenden Kurzprofilen. Daraus ergibt sich die aktuelle Pubertätsstärke.

0 bis 5 Punkte: Keinerlei Pubertät in Sicht.

Nehmen Sie eventuell Beruhigungsmittel? Oder verfüttern Sie die Tabletten an Ihren Nachwuchs?

6 bis 12 Punkte: Unklares Pubertätsbild.

Zur weiteren Klärung empfiehlt sich ein regelmäßiger Pubertätstest. Finden Sie heraus: Will Ihr Jugendlicher nicht pubertieren oder kann er nicht?

13 bis 18 Punkte: Durchschnittswerte eines Normalteenagers.

Ist Ihnen nicht manchmal langweilig?

19 bis 25 Punkte: Akzeptable Pubertätsstärke.

Ihr Jugendlicher agiert gut, und Sie reagieren in der richtigen Art und Weise darauf. Sind Sie Erika und Hans Mustermann?

26 bis 32 Punkte: Gefühlshaushalt in Unordnung.

Ein ausgeglichener Gefühlshaushalt sieht anders aus. Versuchen Sie es zum Beispiel mit autogenem Training und sagen Sie: »Ich bin gaaaanz ruhig!« Dann atmen Sie langsam ein und aus.

33 bis 40 Punkte: Offensichtlich ist nicht die Pubertät das Problem, sondern Sie.

Bei ...

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