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Adonis auf Abwegen – Prosecco um Mitternacht

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Auf die Größe kam es an. Will Sexton, Unfallchirurg, war stets dieser Auffassung gewesen. Da er Brite war, gefiel ihm, dass die Amerikaner das verstanden. Es war Unsinn, dass die Größe eines Schiffes nicht entscheidend war, sondern die Bewegung des Ozeans. Während er nach einer Zwölfstundenschicht im St. Vincent Mercy Medical Center in Toledo, Ohio, in seinem riesigen Geländewagen, in dem locker drei Familien Platz fanden, nach Hause fuhr, munterte ihn die Aussicht auf, dass er sich gleich in seiner riesigen Eigentumswohnung, die auf einem riesigen Stück Land stand, auf sein riesiges Bett werfen konnte. Alles hier war so ungeheuer groß, wie er es von England und dem Arbeiterviertel Southwark in South London nicht kannte.

Will parkte seinen Wagen auf dem großen Parkplatz, der für große Wagen gebaut und auf dem immer ein Platz frei war, und stieg aus. Die Sonne ging gerade auf, als er den langen Weg zu seiner riesigen Wohnung und seinem riesigen Bett ging. Na schön, manchmal vermisste er Würstchen mit Kartoffelbrei. Und heiß wurde es im guten alten England im August auch nur selten. Doch seit er vor neun Jahren für sein Medizinstudium am Medical College of Ohio über den Atlantik geflogen war, war er nie länger als eine Woche in der Heimat gewesen. Ihm gefiel es hier bei den Yankees. Es war nicht nur alles größer, sondern die Leute schienen auch großzügiger in ihrem Denken zu sein. Gut, nicht alle, aber wer entschlossen war, konnte sich hier viel leichter hocharbeiten als in England. Arbeite hart, und du wirst belohnt. Will schien das eine gute, solide Philosophie zu sein.

Und wenn William Charles Sexton, der zweitälteste Sohn von Dorothy, der Hausfrau, und Simon Sexton, dem Arbeiter in einer Fleischfabrik, eines sein Leben lang getan hatte, dann war es hart arbeiten.

Und es hatte sich ausgezahlt.

Will rückte seinen Matchbeutel ein wenig höher auf die Schulter. Trotzdem, dachte er, werde ich mich nie an die heißen Sommer hier im Mittleren Westen der USA gewöhnen. Heiß im doppelten Sinn, wohlgemerkt. Denn heiß war es in letzter Zeit auch in seinem Leben.

Bei der Erinnerung daran verschwand seine gute Stimmung sofort wieder.

Fünf Monate war er jetzt schon ohne Sex ausgekommen. Seit fünf Monaten war er mit der Medizinerin Janet Nealon zusammen, und zu seinem Pech hatte sie in dem Monat, bevor sie sich kennenlernten, beschlossen, bis zur Hochzeitsnacht zu warten, ehe sie wieder Sex hatte.

Wills Miene verfinsterte sich.

Er erinnerte sich an die Worte seines besten Freundes Colin, als er, Will, sich vor ein paar Monaten über sein nicht vorhandenes Liebesleben beklagte: “Ach, eine von diesen wiedergeborenen Jungfrauen. Das sind die Schlimmsten.”

Will hatte den Fehler begangen, Colin zu fragen, warum das so sei.

“Tja, weil du weißt, dass sie sich aufsparen – nur nicht unbedingt für dich.”

Will betrachtete das Gebäude mit den sechs Wohneinheiten, und sein Blick wanderte unwillkürlich zu der Wohnung im zweiten Stock, die direkt über seiner lag. Natürlich machte es die Sache nicht leichter, dass die Nachbarinnen aus 3B Hauptrollen in seinen immer intensiver werdenden sexuellen Fantasien hatten. Kaum eine Nacht verging, in denen er nicht an die beiden Lesbierinnen dachte, nackt und schweißnass im Bett. Letzte Woche hatte er sogar nach einem besonders heißen Traum, in dem die beiden Frauen ihn verwöhnt hatten, die Laken wechseln müssen.

Natürlich wusste er, dass diese Fantasien aufhören würden, sobald Janet nachgab. Nun, vielleicht würden sie nicht ganz verschwinden – schließlich war der Traum von einem flotten Dreier mit zwei Frauen bei Männern seines Alters weitverbreitet –, aber er würde nicht mehr länger auf diese Fantasien angewiesen sein. Außerdem hatte er nicht vor, die Dinge “in die eigene Hand” zu nehmen, wie Colin vorgeschlagen hatte.

Das Problem war, dass er mit Janet nicht vorankam. Vorletzte Nacht, bevor sie L.A. für ein zehntägiges Fachseminar verlassen hatte, hatte er bei ihrem leidenschaftlichen Petting sämtliche Register gezogen und sie genüsslich zum Höhepunkt gebracht. Doch noch während er glaubte, dass sie sich revanchieren würde, knöpfte sie sich bereits die Bluse wieder zu, gab ihm einen flüchtigen Kuss und bedankte sich, ehe sie ihn verabschiedete.

Will hatte die Zähne so fest zusammengebissen, dass es wehtat.

Sicher, Janet sah gut aus und war sehr temperamentvoll, aber er wusste nicht, wie lange er ihren Enthaltsamkeitstrip noch durchhalten konnte.

Er öffnete die Tür zu dem Gebäude und erstarrte. So etwas konnte auch nur ihm passieren. Als wäre sein Liebesleben nicht schon traurig genug.

Auf dem Treppenabsatz kam Star Nummer eins seiner Fantasien in Sicht, Renae Truesdale. Und wenn er sich nicht irrte, trug sie etwas, das aussah wie … Er schluckte. Sie trug ein Bauchtanzkostüm. Um acht Uhr morgens.

Ja, er wusste wirklich nicht, wie lange er es ohne Sex noch aushalten würde …

Renae Truesdale wusste zwei Dinge mit Gewissheit: Dass sexy Doktor Will Sexton aus 2B sie scharf fand und dass er sie für lesbisch hielt.

Sie verlangsamte ihre Schritte auf der Treppe, und die goldenen Ziermünzen, mit denen das Top und die Hüftpartie ihres Bauchtanzkostüms besetzt waren, klirrten verlockend. Es verstand sich von selbst, dass sie scharf auf den Doc war, seit er vor sechs Monaten hier eingezogen war. Welche Frau wäre das angesichts seiner welligen, leicht wirren hellbraunen Haare, der blauen Schlafzimmeraugen und des schiefen Grinsens nicht? Und dann waren da noch der unwiderstehliche britische Akzent und sein eigenartiges Zögern, das den Anschein erweckte, als habe er ganz schlimme Gedanken, wenn sie sich trafen.

Dieses Mal war keine Ausnahme.

Natürlich war sie nicht lesbisch. Ihre Mitbewohnerin, Tabitha, stand auf Frauen, aber sie nicht. Doch inzwischen machte es ihr Spaß, Will im Irrtum zu lassen und zu beobachten, wie dieser attraktive Mann darauf reagierte. Auch wenn in den Medien viel darüber geredet wurde, kannten doch verhältnismäßig wenige Menschen tatsächlich jemanden, der schwul oder lesbisch war.

Aus persönlicher Erfahrung wusste Renae außerdem, dass manche Männer die Vorstellung von zwei attraktiven Frauen, die zusammenlebten, erregte, egal, ob sie nun lesbisch waren oder nicht. Will mit seinen glühenden Blicken und seinem ständigen verlegenen Räuspern gehörte eindeutig in diese Kategorie.

“Guten Morgen, Will”, begrüßte sie ihn, stieg mit betontem Hüftschwung die letzten Stufen hinunter und blieb vor ihm stehen. Sie beobachtete, wie sein Adamsapfel hüpfte, als er die Augen auf ihre Brüste richtete und dann tiefer auf den roten Glitzerstein, der ihren Bauchnabel zierte.

“Oh … klar. Guten Morgen.”

Irgendwann sollte sie den armen Kerl wirklich von seinem Elend erlösen und ihm sagen, dass sie keine Lesbe war. Aber nicht heute Morgen. Ihr Lächeln vertiefte sich. Nicht, wenn er aussah, als würde er sie am liebsten auf der Stelle vernaschen.

Als einzige Tochter einer Stripperin hatte sie vor langer Zeit gelernt, dass es nicht so sehr darauf ankam, was man sagte, sondern eher darauf, wann man es sagte. Niemand brauchte etwas über ihre schwierige Kindheit zu wissen, solange sie nicht darüber reden wollte. Das Gleiche galt für ihre Freundschaft mit Tabitha. Sie und Tabby waren seit der High School beste Freundinnen, lange vor Tabithas Comingout. Und als Tabby ihr vor sechs Monaten gestand, dass sie nach ihrer Entlassung die Raten für ihre Eigentumswohnung nicht mehr allein bezahlen konnte, hatte Renae nicht gezögert und war bei ihr eingezogen, ohne sich darum zu kümmern, was die Leute dachten.

Auch was der gut aussehende Doc Sexton glaubte, war ihr egal.

Er räusperte sich erneut und deutete auf ihre Kleidung, wobei sein Handrücken fast ihre Brustspitzen streifte. “Sind wir auf dem Weg zur Arbeit?”

Renae musste lachen. Er schien sich so unbehaglich zu fühlen und sah dabei so sexy aus. “Ja, ich bin tatsächlich auf dem Weg zur Arbeit.”

Ihr war durchaus klar, dass er keine Ahnung hatte, welcher Arbeit sie nachging. Angesichts der Kleidung, die sie um acht Uhr an einem Samstagmorgen trug, konnte sie nur ahnen, was er vermutete. Ganz sicher würde er nicht darauf kommen, dass sie im “Women Only”-Shop als Verkäuferin arbeitete und gleichzeitig Bauchtanzkurse gab. Normalerweise trug sie ihr Kostüm auch nicht auf dem Weg zur Arbeit, aber sie war spät dran und hatte feststellen müssen, dass sie keine akzeptablen sauberen Sachen mehr hatte. Daher hatte sie improvisiert.

Außerdem war sie davon ausgegangen, dass sie so früh am Samstagmorgen niemand sehen würde. Nur leider hatte sie dabei ganz vergessen, dass Will gewöhnlich um diese Uhrzeit nach Hause kam.

Sie saugte an ihrer Unterlippe. Vielleicht hatte sie es aber auch gar nicht richtig vergessen.

“Geben Sie auch Privatvorstellungen?”, wollte er wissen.

Renae runzelte die Stirn. Normalerweise machte es ihr Spaß, Will zu necken, aber jetzt wurde er zum ersten Mal direkt und sagte etwas Anzügliches zu ihr. Sie vermutete, es hatte damit zu tun, dass ihn seine heißen Fantasien nicht losließen. Seine Anmache markierte eine Veränderung. Und sie hatte nichts dagegen, ihn weiter zu ermutigen.

“Hm”, meinte sie ausweichend, und ein Schauer lief ihr über ihre nackte Haut, da sie deutlich sein Interesse an ihr und ihrem Kostüm spürte. “Es kommt ganz darauf an, wer die Vorstellung wünscht.”

Er sah aus, als würde er gleich seine Brieftasche zücken, um ihr jeden Betrag anzubieten, damit sie für ihn tanzte. Er konnte ja nicht ahnen, dass sie es ganz umsonst machen würde.

“Ich verstehe”, sagte er und räusperte sich schon wieder.

Renae machte eine aufreizende Tanzbewegung. “Gefällt Ihnen das Kostüm?”

“Und wie! Ich finde es faszinierend.” Er gestikulierte erneut, und diesmal berührte er wirklich kurz ihre Brüste, ehe er die Hand rasch wieder zurückzog. “Allerdings scheinen ein paar Teile zu fehlen.”

“Meinen Sie?” Sie bewegte die Hüften, sodass die goldenen Ziermünzen klirrten.

Renae hielt sich nicht für die perfekte Frau, aber sie wusste sehr wohl, dass sie attraktiv war, obwohl sie klein war und ausgeprägte Rundungen besaß. Allein die üppige Größe ihrer Brüste zog Blicke auf sich. Und die Bauchtanzkurse in den letzten vier Monaten hatten ihre Bauchmuskeln fest und geschmeidig gemacht. Ihre Haut war goldbraun, weil sie jeden Morgen und jeden Nachmittag im Gemeinschaftspool schwamm.

Wills leises Lachen überraschte sie.

“Sie wollen mich bloß scharf machen, nicht wahr, Miss Truesdale?”

Sie musterte ihn vielsagend. “Wie kommen Sie denn darauf, Dr. Sexton?”

Seine blauen Augen verdunkelten sich, während er sie eindringlich betrachtete und sich mit ihr weiter auf unbekanntes Terrain vorwagte.

Renae stutzte, verblüfft von dem Hormonschub, den sie verspürte. Was als harmloses Flirten begonnen hatte, entwickelte sich zu etwas Sinnlicherem, Ernsterem. Sie hätte gern herausgefunden, wohin das führen würde.

Und Will schien es ebenso zu gehen. “Wie würden Sie es denn sonst nennen, was Sie jedes Mal tun, wenn wir uns über den Weg laufen?”

“Oh, ich weiß nicht”, erwiderte sie. “Sie auffordern?”

“Mich auffordern?”, wiederholte er.

“Genau.” Sie trat näher und strich den Kragen seines weißen Hemdes glatt, aus dessen hochgekrempelten Ärmeln seine muskulösen behaarten Unterarme hervorschauten. Es war ihre Absicht gewesen, ihn zu reizen, doch stattdessen verspürte sie ein sinnliches Kribbeln, als ihre Hand über die ägyptische feine Baumwolle strich, durch die sie seine Körperwärme spürte.

“Eine Aufforderung zu was, wenn ich fragen darf?”

Sie trat noch näher und war sich zunehmend bewusst, dass sie nicht nur Will erregte, sondern auch sich selbst. Ihre Brustspitzen richteten sich in süßer Erwartung auf, in ihrem Bauch kribbelte es, und ihre Knie wurden weich. “Was glauben Sie?”

Ihre Hüften streiften seine, und sofort registrierte sie seine körperliche Reaktion auf ihre Anmache. Du liebe Zeit. Plötzlich fiel ihr das Schlucken ebenso schwer wie ihm.

Wer hätte das gedacht? Zwar hatte es ihr immer Spaß gemacht, mit Will zu flirten, aber sie hatte nie ernsthaft daran gedacht, etwas mit ihm anzufangen. Doch als sie jetzt vor ihm stand und sich der Signale, die er ihr sandte, sehr wohl bewusst war, wurde ihr klar, dass sie sich an einer Weggabelung befanden. Sie hatte zwei Möglichkeiten: Entweder tat sie das erotische Knistern zwischen ihnen mit einem Lachen ab und ging, oder sie küsste ihn und ließ den Dingen ihren Lauf.

Seltsamerweise hatte sie es nicht eilig, eine Entscheidung zu treffen. Stattdessen betrachtete sie in Ruhe seinen Mund. Seine Lippen waren so sinnlich und sexy. Und sie hatte keinen Zweifel, dass er sie auch entsprechend einzusetzen wusste.

Ein prickelnder Schauer überlief sie. Wie lange war es her, seit sie zuletzt Sex gehabt hatte? Oder wenigstens ein Date? Zu lange, antwortete ihr Körper prompt. Mindestens acht Monate. Und selbst davor hatte es nichts Erinnernswertes gegeben.

“Sie müssen wahrscheinlich los”, bemerkte er.

Doch Renae hatte das Gefühl, er wollte gar nicht, dass sie irgendwohin ging, es sei denn in seine Wohnung.

“Sonst kommen Sie noch zu spät”, fügte er hinzu.

Es gefiel ihr, dass er sie so offenkundig begehrte und dennoch seine Gründe zu haben schien, weshalb er nicht den ersten Schritt unternahm. Gründe, die über seine irrige Annahme, sie sei lesbisch, hinausgingen.

“Stimmt”, sagte sie. “Ich sollte mich besser auf den Weg machen.”

Sie sprach diese Worte aus, obwohl sie genau wusste, dass sie nirgendwohin gehen würde.

Verdammt, er würde sie küssen.

Will sah in Renaes Gesicht und verspürte ein so heftiges Verlangen wie noch nie zuvor. Sicher, er war ein normaler Mann mit normalen Bedürfnissen. Doch in Anbetracht dessen, was er über diese Frau wusste, die ihn wie ein wahr gewordener erotischer Traum ansah, sollte er schleunigst verschwinden.

Stattdessen sagte er: “Was würden Sie tun, wenn ich Sie küsse?”

Ihre vollen sinnlichen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. “Ich weiß nicht. Den Kuss erwidern?”

Diese Antwort genügte. Er legte ihr die Hände auf den nackten Rücken, zog sie an sich und presste seine Lippen auf ihren Mund.

Grundgütiger! Er hatte gehofft, ihre Lippen wären trocken oder sie könnte nicht gut küssen. Aber Renae Truesdale zu küssen war himmlisch. Und verführerisch. Denn auf eine Verführung lief es ja wohl hinaus, wenn er außer Janet eine Frau küsste. Eine Frau, die ein anderes Leben führte als der Großteil der Bevölkerung.

Eine Frau, die schuld daran war, dass ihn das alles nicht im Geringsten interessierte, solange sie mit ihrer Zunge so aufregende Dinge anstellte wie jetzt.

Will fühlte ihre sanfte Haut und ihre geschmeidigen Muskeln unter seinen Händen. Schweres Atmen drang an seine Ohren, und erschrocken registrierte er, dass es von ihm kam.

Er stöhnte, umfasste ihren wohlgerundeten Po und drückte sie noch fester an seine beinah schmerzhafte Erektion. Wie einfach wäre es, sie hinauf in seine Wohnung zu tragen, sie auf sein Bett zu legen und sämtliche Fantasien mit ihr auszuleben, die er seit ihrem Einzug vor sechs Monaten gehabt hatte.

Aber damit würde er nur das Schicksal herausfordern. Dummerweise war das seinem Körper egal.

Renae zog ihm das Hemd aus der Hose und fuhr mit den Händen über seinen flachen Bauch und von dort zu seiner pulsierenden Härte. Will erschauerte so heftig, dass er fürchtete, er würde sie hier und sofort lieben, wenn sie den Vorschlag machte.

Die Hand verschwand von seiner Hose, und gleichzeitig löste Renae ihre Lippen von seinen. Benommen starrte Will sie an.

“Tja, ich gehe dann lieber”, verkündete sie mit heiserer Stimme.

Er nickte bloß töricht. “Klar, mach das.”

Sie lächelte und streifte ihn mit ihren üppigen Kurven auf dem Weg zur Eingangstür. Will hatte Mühe, nicht gegen die Briefkästen zu sinken. Zum Glück stand er noch aufrecht da, als sie sich umdrehte.

“Das war sehr interessant”, meinte sie, als sei sie erstaunt und zufrieden über die letzten Augenblicke.

“Interessant … ja, das war es”, stimmte er zu.

Und Will hatte den Verdacht, dass es von jetzt an noch viel interessanter werden würde.

2. KAPITEL

Renae liebte es, bei Women Only zu arbeiten. Der Laden an der Grenze zwischen Michigan und Ohio bedeutete ihr mehr als nur ein wöchentliches Einkommen. Seit die Besitzerin Ginger Wasserman ihn eröffnet und Renae vor fünf Jahren vom Fleck weg eingestellt hatte, fühlte sie sich für den Erfolg des Ladens mit verantwortlich. Sie ließ sich nicht nur neue Service-Ideen und Angebote einfallen, an denen Frauen interessiert sein könnten, sondern verwirklichte ihre Ideen auch.

Deshalb kam es ihr auch sehr seltsam vor, dass sie gar nicht an den Laden dachte, als sie dort ankam – fünfzehn Minuten nach ihrer Begegnung mit Will Sexton im Hausflur neben den Briefkästen.

“Du meine Güte, du scheinst dich ja wirklich auf den neuen Kurs zu freuen.”

Renae stutzte und sah in Lucky Clayborns hübsches Gesicht. Lucky war nicht bloß eine Kollegin. Sie und Renae verband eine gemeinsame Vergangenheit, die dazu beigetragen hatte, dass sie in den letzten zwei Monaten zu Freundinnen geworden waren. Und jetzt, wo Lucky eine Filiale von Women Only in der Innenstadt aufmachte, sah Renae sie noch öfter, wodurch ihr die Arbeit doppelt so viel Spaß machte.

“Ich meine das Kostüm”, bemerkte Lucky statt einer Erklärung.

Renae schaute an sich herunter und war beinah überrascht, dass sie ihr Bauchtanzkostüm noch anhatte.

Es war lange her, dass ein Mann sie so durcheinandergebracht hatte. Sehr interessant.

“Dein Kurs wartet”, informierte Lucky sie und deutete zu einem durch einen Vorhang abgetrennten Raum zur Rechten.

Was einst als kleiner Laden mit einem Verkaufsraum begonnen hatte, hatte sich nach und nach auf vier Einheiten im Einkaufszentrum ausgebreitet. Zwei Strip-Clubs waren noch geblieben, doch Women Only breitete sich immer mehr aus und würde sie bald verdrängen. Dann würde die Gegend nur noch dafür bekannt sein, für die positiven Bedürfnisse der Frauen da zu sein, statt für die niederen Instinkte der Männer.

Zur Linken des Verkaufsraumes befanden sich die gemütlichen Massageräume und eine behagliche Unterrichtszone, die wie ein einladendes Wohnzimmer gestaltet war und in der von der gekonnten oralen Stimulierung des Mannes bis zum G-Punkt alles diskutiert wurde. Zur Rechten lag das offene Studio mit den Spiegelwänden, in dem Renae und andere Bauchtanz und die Kunst des Strippens unterrichteten. Aber die Frauen sollten nicht strippen lernen, um damit Geld zu verdienen, sondern um ihre Partner daheim zu erfreuen.

“Renae?” Lucky bewegte die Hand vor ihren Augen. “Ist alles in Ordnung mit dir?”

Renae dachte an das Kribbeln in ihrem Bauch und lächelte. Oh ja, es war alles mehr als in Ordnung. Es war großartig.

“Bestens. Es geht mir prächtig. Hast du Ginger gesehen?”

Lucky schrieb etwas auf einen Block und schien selbst ein wenig abgelenkt zu sein. Was normal war, wie Renae fand. Wenn sie einen Mann wie Colin McKenna zu Hause hätte, würde sie den Rest ihres Lebens mit dem Kopf in den Wolken herumlaufen.

“Sie war schon hier und ist gleich wieder verschwunden. Sie meinte, dass sie nach dem Mittagessen wieder zurück ist.” Lucky sah sie an. “Willst du etwas von ihr? Du kannst sie auf dem Handy anrufen.”

Renae verzog das Gesicht und zupfte ihr Top zurecht. Was sie mit Ginger zu besprechen hatte, konnte sie nicht am Telefon klären. Verabreden wollte sie sich aber auch nicht, denn wenn sie es tat, würde sie damit andeuten, dass etwas sie beschäftigte. Nein, sie wollte Ginger in einem ruhigen Moment erwischen.

“Ich wollte sie bloß nach einer neuen Lieferung fragen, das ist alles”, erklärte sie.

“Hm.” Lucky schien ihr nicht zu glauben.

Renae hörte Musik aus dem angrenzenden Raum und schaute in die Richtung. “Die Eingeborenen werden unruhig. Ich gehe mal lieber hinein.” Vor dem Vorhang blieb sie noch einmal stehen und drehte sich um. “Übrigens, was weißt du eigentlich über Colins Freund Will?”

Lucky hielt mit dem Stift über ihrem Klemmbrett inne. “Nur, dass er Arzt ist.”

“Sehr witzig. Ich meinte es eigentlich etwas genauer.”

“Zum Beispiel, was seine Lieblingsfarbe ist?”

Renae verdrehte die Augen. “Ob er mit jemandem zusammen ist.”

Lucky stutzte. “Oh.” Sie legte das Klemmbrett auf den Tresen. Die orientalischen Klänge aus dem anderen Raum wurden lauter. “Ich glaube, er ist mit einer Assistenzärztin aus dem Krankenhaus zusammen.”

Verdammt! Ausgerechnet jetzt, wo der Doc und sie sich nähergekommen waren, musste sich herausstellen, dass er schon mit jemandem zusammen war. Andererseits war sie ja nicht auf eine Beziehung mit ihm aus. Sie wollte bloß Sex. Aber die Vorstellung, die “andere” zu sein, und sei es auch nur für kurze Zeit, gefiel ihr nicht. Nun, eins nach dem anderen. Sie musste entscheiden, ob sie wirklich mehr von diesem Feuerwerk wollte, das heute Morgen zwischen ihnen explodiert war.

Lucky starrte sie noch immer an. “Was ist passiert?”

Renae grinste nur. “Nichts. Und alles. Erinnere mich daran, es dir später zu erzählen.”

Sie betrat den Nebenraum, zog den Vorhang hinter sich zu und ignorierte Luckys “Verlass dich drauf!”

“Du siehst übel aus.”

Genau das brauchte Will jetzt. Er sah Colin McKenna an, der ihm gegenübersaß, und nahm einen großen Schluck von seinem eiskalten Bier. “Harry’s Bar” war in letzter Zeit ihre Lieblingskneipe. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte er hier Colins Freundin Lucky Clayborn kennengelernt. Kurz zuvor war sie als Kellnerin in einer Bar gefeuert worden und war Patientin eines von Colins Kollegen geworden. Und so hatte Colin seine große Liebe gefunden.

“Danke für die scharfsinnige Bemerkung”, erwiderte Will trocken.

Colin lachte und schob die Speisekarte beiseite, die keiner von beiden brauchte. “Darf ich fragen, was sich hinter deiner finsteren Miene verbirgt? Oder geht es um den Kampf, der seit fünf Monaten andauert?”

“Der immer gleiche Kampf”, bestätigte Will, leerte sein Glas zur Hälfte und streckte sich.

“Läuft immer noch nichts mit deiner neuen Freundin?”

Will winkte ab und machte Platz für die Kellnerin, damit sie ihm fish ‘n’ chips servieren konnte. Harry’s war die einzige Kneipe, die etwas anbot, womit er aufgewachsen war, nämlich britisches Fast Food. “Nein, das ist es nicht.”

Colin runzelte die Stirn. “Sie lässt dich also ran?”

Wills Miene verfinsterte sich wieder. “Nein, leider nicht.”

“Was ist denn dann los?”

Will versuchte sich ein Stück Fisch zu nehmen, stellte fest, dass es zu heiß war, und wedelte mit den Fingern, um sie abzukühlen. “Na ja, da mein Sexleben in letzter Zeit kaum stattfindet, arbeitet meine Fantasie umso mehr.”

“Ah, die Lesben vom Stockwerk über dir.” Colin nickte.

“Um genau zu sein, es geht nicht um beide, sondern, wie der Zufall es will, nur um die eine.” Er kaute nachdenklich auf einer Fritte. “Ich hatte heute Morgen eine sehr aufregende Begegnung mit Miss Renae Truesdale im Flur neben den Briefkästen.”

Colin, der gerade in seinen Chicken Burger beißen wollte, hielt inne. “Definiere ‘Begegnung’.”

“Ach, nichts Ungewöhnliches, nur harmloses Flirten.” Der Fisch war endlich abgekühlt, und Will fing an zu essen. “Oh, und der phänomenalste Kuss.”

“Du hast sie geküsst? Von wem ging die Initiative aus?”

Will überlegte einen Moment. “Ich weiß es nicht. Ich schätze, es beruhte auf Gegenseitigkeit.”

Colin grinste selbstzufrieden. “Ich dachte, Lesben interessieren sich nicht für Männer.”

Will verzog das Gesicht und wischte sich mit der Serviette das Kinn ab. “Vielleicht gehört sie zu diesen neumodischen Lesben, die bisexuell sind statt homosexuell.”

Er hatte die Tatsache, dass Renae ihn geküsst hatte, selbst ein wenig seltsam gefunden. Zwar spielte sie in seinen erotischen Fantasien eine Hauptrolle, aber er hatte bis jetzt keine Ahnung gehabt, dass sie an ihm interessiert sein könnte, trotz ihres ständigen Flirtens. “Was soll ich deiner Meinung nach tun?”, fragte er.

“Was meinst du?”

Die Kellnerin brachte ihnen frisch gezapftes Bier und verschwand mit den leeren Gläsern.

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