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Promises - Nur mit dir

MARIE SEXTON

PROMISES – NUR MIT DIR

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Michaela Link

Zu diesem Buch

Jared Thomas hat sein ganzes Leben in der Kleinstadt Coda in Colorado verbracht. Sosehr er seine Heimat liebt – ein Problem gibt es leider: Der einzige andere Mann dort, der wie Jared auf Männer steht, ist doppelt so alt wie er (und zudem sein ehemaliger Mathelehrer). Als jedoch der attraktive Polizist Matt Richards in die Stadt zieht, ist Jared augenblicklich von ihm fasziniert. Doch kann er ihn davon überzeugen, dass zwischen ihnen mehr ist als nur Freundschaft?

1

Die ganze Sache hatte wegen Lizzys Jeep begonnen. Wenn der Wagen nicht gewesen wäre, hätte ich Matt vielleicht nicht kennengelernt. Und er hätte vielleicht nicht das Bedürfnis verspürt, sich zu beweisen. Und es wäre vielleicht niemand verletzt worden.

Aber eins nach dem anderen. Wie gesagt, es begann mit Lizzys Jeep. Lizzy ist die Frau meines Bruders Brian, und die beiden erwarteten im Herbst ihr erstes Kind. Lizzy beschloss, dass ihr alter Wrangler, den sie seit dem College fuhr, einfach nicht als Familienauto geeignet war. Also parkte sie ihn mit einem handgeschriebenen Zu-verkaufen-Schild im Fenster vor unserem Laden.

Gegründet hatte den Laden mein Grandpa. Ursprünglich war es ein Eisenwarenladen gewesen, aber irgendwann waren auch Autoteile hinzugekommen. Als mein Grandpa starb, übernahm mein Dad den Laden, und als er starb, ging er an Brian, Lizzy und mich.

Es war ein herrlicher Frühlingstag in Colorado, und ich hatte die Füße auf die Theke gelegt und wünschte, ich könnte draußen den Sonnenschein genießen, als er hereinkam. Er erregte definitiv sofort meine Aufmerksamkeit, einfach weil er nicht von hier war. Ich habe mein ganzes Leben in Coda verbracht, abgesehen von den fünf Jahren, die ich in Fort Collins an der Universität war, und ich kannte jeden in der Stadt. Also besuchte er entweder jemanden in der Gegend, oder er war nur auf der Durchreise. Wir sind keine Touristenstadt, aber manchmal verirrt sich jemand hierher, der entweder auf der Suche nach einer Allradstrecke oder auf dem Weg zu einer der Gast-Ranches ist, die weiter die Straße hoch liegen.

Er sah nicht wie einer dieser Trottel mittleren Alters aus, die die Gast-Ranches besuchten. Er war schätzungsweise Anfang dreißig, ein Stück größer als ich – also knapp über eins achtzig –, hatte militärisch kurz geschnittenes schwarzes Haar und einen dunklen Dreitagebart auf den Wangen. Er trug eine Jeans, ein schlichtes schwarzes T-Shirt und dazu Cowboystiefel. Breite Schultern und kräftige Arme zeigten, dass er trainierte. Er sah toll aus.

»Läuft dieser Jeep?« Seine Stimme war tief und hatte einen ganz leichten Akzent. Kein breites Südstaaten-Amerikanisch, aber die Vokale waren etwas länger gezogen als die von jemandem aus Colorado.

»Darauf können Sie wetten. Er läuft super.«

»Mmmh.« Er schaute aus dem Fenster zu dem Wagen hinüber. »Warum verkaufen Sie ihn?«

»Nicht ich. Meine Schwägerin. Sie meint, sie würde hinten keinen Kindersitz reinbekommen. Sie hat sich stattdessen einen Cherokee gekauft.«

Das schien ihn ein wenig zu verwirren, woraus ich schloss, dass er selbst keine Kinder hatte. »Er fährt also gut?«

»Perfekt. Wollen Sie mal Probe fahren? Ich habe die Schlüssel hier.«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Klar! Brauchen Sie ein Pfand oder so was? Ich kann meinen Führerschein hierlassen.«

Ich glaube, an dem Punkt hätte er mich zu allem überreden können. Meine Knie waren ein wenig wacklig. Ich versuchte herauszufinden, ob diese stahlgrauen Augen tatsächlich leicht ins Grünliche gingen, und hoffte, dass ich lässig klang, als ich erwiderte: »Ich komme mit. Ich kenne die Straßen hier in der Gegend. Wir können mit ihm eine der leichten Strecken fahren, dann können Sie das Fahrverhalten ausprobieren.«

»Was ist mit dem Laden? Ich will nicht, dass Sie zur Hauptgeschäftszeit unterbesetzt sind.« Er zog eine Augenbraue hoch, deutete auf den leeren Verkaufsraum, und ein Mundwinkel zuckte kaum merklich nach oben. »Wird Ihr Boss nicht sauer, wenn Sie gehen?«

Ich lachte. »Ich bin einer der Besitzer, daher kann ich es auch mal ruhiger angehen lassen, wenn ich will.« Ich drehte mich um und rief in Richtung Hinterzimmer: »Ringo!«

Unser einziger Angestellter kam misstrauisch nach vorne. In meiner Anwesenheit war er immer ein wenig unsicher, und wenn Lizzy nicht da war, hielt er bewusst Abstand. Ich glaube, er fürchtete, dass ich ihm an die Wäsche gehen könnte. Er war siebzehn, hatte strähniges schwarzes Haar, schlechte Haut und war ein ziemlich dünner Hering. Ich brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass er nicht mein Typ war.

»Ja?«

»Halt die Stellung. Ich werde in etwa einer Stunde zurück sein.« Ich wandte mich wieder meinem großen, dunklen Fremden zu. »Fahren wir!«

Sobald wir im Jeep saßen, streckte er mir seine Hand entgegen. »Ich bin Matt Richards.«

»Jared Thomas.« Sein Händedruck war stark, aber er war keiner von diesen Kerlen, die einem die Hand brechen mussten, um zu beweisen, was sie für Machos sind.

»Wohin?«

»Biegen Sie links ab. Wir fahren einfach zum Felsen rauf.«

»Was ist das?«

»Das, wonach es klingt – ein verdammt großer Felsen. Es ist nichts Spektakuläres. Die Leute machen da oben Picknick. Und die Teenager fahren natürlich manchmal rauf, um es im Auto zu treiben oder sich mit irgendwelchem Stoff zuzudröhnen.«

Bei diesen Worten runzelte er leicht die Stirn. Ich bekam langsam den Eindruck, dass er nur selten lächelte. Ich dagegen wusste, dass ich von einem Ohr zum anderen grinste. Für ein paar Minuten aus dem Laden zu kommen, vor allem um in die Berge zu fahren, reichte schon, um mir den Tag enorm zu versüßen. Und es konnte sicher nicht schaden, das in Gesellschaft des bestaussehenden Mannes zu tun, den ich seit einer verdammt langen Zeit zu Gesicht bekommen hatte.

»Also, was führt Sie in unsere schöne Metropole?«, fragte ich ihn.

»Ich bin gerade hergezogen.«

»Wirklich? Warum um alles in der Welt sollten Sie das tun?«

»Warum denn nicht?« Sein Ton war beiläufig, obwohl sein Gesicht immer noch ernst wirkte. »Sie leben doch auch hier, oder? Ist es denn so schlimm?«

»Eigentlich nicht. Ich fühle mich hier wohl. Deshalb bin ich auch nie fortgegangen. Aber wissen Sie, die Stadt stirbt. Wir haben mehr Leute, die wegziehen, als Leute, die herziehen. Die Städte entlang der Front Range boomen, aber hier oben will niemand wohnen, weil man dann zur Arbeit pendeln muss.«

»Ich habe gerade beim Police Department von Coda angeheuert.«

»Sie sind Polizist?«

Er sah mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an und erwiderte belustigt: »Ist das ein Problem?«

»Eigentlich nicht, aber ich wünschte, ich hätte Ihnen nicht gesagt, dass die Jugendlichen hier raufkommen, um sich mit irgendwelchem Stoff zuzudröhnen.«

»Keine Sorge«, sagte er und zog wieder eine Augenbraue hoch. »Ich werde ihnen nicht stecken, dass Sie der Verräter sind.« Der gute Beamte war nicht völlig humorlos. »Sie haben also Ihr ganzes bisheriges Leben hier verbracht?« Er klang nicht neugierig, sondern eher so, als würde er einfach versuchen, eine zwanglose Unterhaltung zu führen.

»So ist es. Bis auf die Jahre, die ich am College verbracht habe.«

»Und der Laden gehört Ihnen?«

»Mir, meinem Bruder und seiner Frau, ja. Es ist nicht gerade eine Goldgrube, aber wir kommen zurecht. Brian ist Steuerberater und hat noch andere Kunden, daher kümmert er sich meistens nur um die Buchhaltung. Lizzy und ich betreiben den Laden.«

»Aber Sie waren auf dem College?« Jetzt klang er aufrichtig neugierig.

»Ja, ich habe die Colorado State besucht. Ich habe einen Lehramtsabschluss in Physik.«

»Warum sind Sie dann nicht Lehrer?«

»Ich wollte Brian und Lizzy nicht im Stich lassen.« Das stimmte nicht ganz, aber ich mochte ihm den wahren Grund nicht verraten: dass ich nicht mit den Konsequenzen leben wollte, die es mit sich brachte, ein schwuler Highschool-Lehrer in einer Kleinstadt zu sein. »Es gibt sonst niemanden, der sich um den Laden kümmern würde. Wir können uns keinen Vollzeitangestellten leisten. Das heißt, wir könnten schon, wenn sie keine Sozialversicherung haben wollten, aber das wollen sie. Also haben wir stattdessen nur Ringo auf Teilzeitbasis. Die Hälfte seines Lohns fließt zu uns zurück, weil er seine Gehaltschecks für Sachen für sein Auto ausgibt, daher funktioniert das ganz gut.« Ich lachte. »Ringo! Das kann doch nicht sein richtiger Name sein.« Mir wurde bewusst, dass ich faselte. »Tut mir leid, ich rede so viel. Ich langweile Sie bestimmt.«

Er sah mir direkt ins Gesicht und sagte ernsthaft: »Ganz und gar nicht.«

Wir hatten das Ende des Weges erreicht. »Sie müssen hier wenden.«

Er hielt den Jeep an und schaute sich argwöhnisch um. Es war kein anderes Auto in der Nähe. »Ich sehe keinen Felsen.«

»Er ist ein kleines Stück weiter den Weg rauf. Wollen Sie hingehen?«

Seine Miene hellte sich ein wenig auf. »Darauf können Sie wetten.«

Also gingen wir den Weg hinauf, zwischen Gelbkiefern, Douglastannen und Espen hindurch, die gerade zu knospen begannen, und erreichten schließlich einen der Felspfeiler, von denen die Rockies ihren Namen bekommen haben mussten. Die Berge Colorados sind voll von diesen riesigen, hoch aufragenden Felsnadeln, die abgerundet und von trockenen, graugrünen und rostfarbenen Flechten bedeckt sind. Dieser hier war hangabwärts etwa sieben Meter hoch. Wenn man von oben kam, konnte man praktisch direkt rauflaufen. Aber wo blieb da der Spaß? Diese Felsen schrien förmlich danach, erklommen zu werden.

Sobald wir oben angelangt waren, setzten wir uns hin. Die Aussicht war von dort nicht viel anders. Wir konnten über den Weg bis zu dem Jeep hinunterblicken, aber davon abgesehen erstreckten sich vor uns lediglich noch mehr Bäume, noch mehr Felsen und noch mehr Berge. Ich liebe Colorado, aber diese Art von Aussicht hat man hier an Hunderten von Stellen. Es überraschte mich, einen zufriedenen Seufzer von Matt zu hören. Als ich ihn ansah, spiegelte sich auf seinem Gesicht Erstaunen wider.

»Mann, ich liebe Colorado. Ich komme aus Oklahoma. Das hier ist besser, glauben Sie mir.«

Er drehte sich zu mir um, und mir stockte beinahe der Atem. Er blinzelte ein wenig in die Sonne. Seine Haut war gebräunt, und seine Augen leuchteten. Sie gingen definitiv ins Grünliche. »Danke, dass Sie mich hier heraufgebracht haben.«

»Gern geschehen.« Und ich meinte es auch so.

2

Am nächsten Tag kam Matt mit Bargeld in der Hand in den Laden, um den Jeep zu kaufen. Es war ein Samstag, einer der Tage, an denen normalerweise mehr los war, daher waren Lizzy und ich beide im Laden.

»Haben Sie Lust auf ein Bier?« Er hatte sich an diesem Morgen rasiert, was ihn um Jahre jünger aussehen ließ. Mann, war der süß.

»Ich würde ja gerne, aber das werden wir verschieben müssen. Ich esse heute Abend mit der Familie.«

»Oh.« Er klang aufrichtig enttäuscht. »Nun, vielleicht ein andermal …«

»Hey!«, unterbrach Lizzy uns. Sie grinste breit. »Warum kommen Sie nicht auch? Wir essen einfach bei uns zu Abend. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie mitkämen.«

Er sagte zu, und wir verabredeten, dass er kurz nach Ladenschluss um fünf wieder herkommen sollte.

Als er gegangen war, vermied ich es gezielt, Lizzy anzusehen, die neben mir stand und das dämlichste Lächeln zur Schau trug, das ich seit einer ganzen Weile gesehen hatte. Sie hat blondes Haar, das bei jeder Bewegung überall herumzufliegen scheint, und blaue Augen, die in diesem Moment vor Aufregung leuchteten. Sie rangiert irgendwo zwischen »reizend« und »zuckersüß«, und ich schwöre, sie könnte mit ihrem Charme die Sterne vom Himmel holen, wenn sie es versuchen würde.

»Und?«, fragte sie schließlich.

»Und was?« Ich wusste, dass ich rot wurde, und hasste mich dafür.

»Du weißt, was ich meine.« Sie schlug mir auf den Arm. »Er ist heiß! Und er hat dich auf ein Bier eingeladen. Bist du nicht aufgeregt?« Tatsache war, dass ich nicht viele Freunde hatte. Die meisten meiner Kumpel von der Highschool waren verheiratet und hatten mittlerweile Kinder. Die unverheirateten waren allesamt Unruhestifter, die ihre Abende damit verbrachten, in der Bar zu trinken. Lizzy war wahrscheinlich die beste Freundin, die ich auf der Welt hatte, und ich wusste, dass sie immer hoffte, dass ich jemanden finden würde.

»Ich glaube nicht, dass er dabei an eine Verabredung gedacht hat.«

Ihr Lächeln ließ ein wenig nach. »Nicht?«

»Findest du, dass er schwul aussieht?«

»Eigentlich nicht. Aber du siehst ja auch nicht schwul aus, also hat das offenbar nichts zu bedeuten, und das weißt du. Er wollte mit dir was trinken gehen und war enttäuscht, dass er dich nun nicht für sich allein haben wird. Ich denke, er ist an dir interessiert.« Das Lächeln erstrahlte jetzt wieder in seiner ganzen Pracht.

Ich spürte, wie sich auch auf meinem Gesicht ein Lächeln ausbreitete. »Ich werde mir keine Hoffnungen machen, aber ich hätte nichts dagegen, wenn du recht hättest.«

Die Leute fragen mich immer, wann mir bewusst wurde, dass ich schwul bin. Sie denken wohl, dass ich irgendeine Erleuchtung hatte – mit Blinklichtern und Gehupe –, aber so war es für mich nicht. Es war eher eine Anhäufung von Ereignissen.

Die ersten Hinweise tauchten schon früh in der Pubertät auf, als ich mich mit meinem Bruder Brian verglich, der zwei Jahre älter ist als ich. Während er Poster von Cindy Crawford und Samantha Fox aufhängte, waren es bei mir nur Autos und die Denver Broncos. Mir war bewusst, dass er Mädchen auf eine Weise verführerisch und faszinierend fand, die ich nicht verstand, aber ich dachte mir nicht allzu viel dabei.

Als ich fünfzehn war, fuhr mein Dad an einem Wochenende zu einem Spiel der Broncos und brachte mir ein Poster der ganzen Mannschaft mit, auf dem die Cheerleader in diversen aufreizenden Posen die Spieler umringten. Brian half mir, das Poster aufzuhängen, und dann standen wir einige Minuten lang da und sahen es uns an.

»Wer sieht deiner Meinung nach am besten aus?«, fragte Brian mich.

»Steve Atwater«, sagte ich, ohne nachzudenken.

Er lachte, aber es war ein nervöses Lachen, als wäre er sich nicht sicher, ob ich ihn auf den Arm nehmen wollte oder nicht. Als ich mich zu ihm umdrehte, schaute er mich mit einem Gesichtsausdruck an, der mir schließlich sehr vertraut werden sollte: eine Mischung aus Erheiterung, Verwirrung und Sorge. Es war mir unangenehm. Ich wusste, dass meine Antwort falsch war, und doch war ich mir nicht sicher, warum.

»Nein«, sagte er. »Ich meinte, welche von den Cheerleaderinnen?« Ich hatte sie ehrlich gesagt kaum wahrgenommen.

Schon bald tauschten meine Freunde untereinander mit zitternden Händen und angeberischem Lachen Nacktmagazine aus. Ich war mir nicht ganz sicher, was sie empfanden, wenn sie sich die Bilder darin ansahen, aber es war eindeutig nicht die gleiche milde Verlegenheit, die ich dabei verspürte.

Erst als ich Tom kennenlernte, wurde mir deutlich bewusst, wie sehr ich mich von den anderen unterschied. Tom spielte mit meinem Bruder Brian Football. Sie waren beste Freunde. Ich war sechzehn, sie waren achtzehn. Von dem Moment an, als er hinter meinem Bruder durch unsere Haustür kam, war ich in ihn verknallt. Ich konnte kaum mit ihm reden, konnte aber auch nicht die Augen von ihm lassen. Sein Lachen genügte, um bei mir körperliche Reaktionen hervorzurufen, die mich dazu veranlassten, immer ein Schulbuch in der Hand zu haben, wenn er im Haus war – nicht weil ich so ein guter Schüler war, sondern weil ich in der Lage sein musste, mich schnell zu bedecken. Ich bewegte mich auf einem schmalen Grat zwischen dem Wunsch, ihn so oft wie möglich zu sehen, und dem Wunsch, ihm aus den Augen zu gehen. Ich wusste, dass Brian mich wieder mit demselben Blick beobachtete, den er mir an dem Tag zugeworfen hatte, an dem ich mit Steve Atwaters Namen herausgeplatzt war: Verwirrung, Belustigung, Sorge und allgemeine Verlegenheit. Es war eine Erleichterung, als die beiden endlich ihren Abschluss machten und aufs College gingen.

Danach war ich mir ziemlich sicher, obwohl ich es nie jemand anders gegenüber erwähnte. Ich mogelte mich durch die Highschool. Ich machte nie ein Probetraining für Football, weil ich Angst vor den Komplikationen hatte, die sich im Umkleideraum ergeben mochten, wenn auch nur in meiner Fantasie. Ich hatte einige Verabredungen mit Mädchen, aber es waren meistens Gruppendates. Wir hielten ein paar Mal Händchen, und zwei von ihnen küssten mich sogar. Die Küsse lösten jedoch zumindest bei mir keinerlei positive Gefühle aus, im Gegenteil, ich fand sie fast schon verstörend, und weiter gingen wir nie.

Sobald ich es aufs College geschafft hatte und weg von zu Hause war, erlaubte ich es mir endlich zu experimentieren. Ich lernte Jungen im Club oder im Fitnessstudio kennen und hatte einige kurze, aber bedeutungslose Affären. Ich habe nie etwas gefunden, das ich als Liebe bezeichnet hätte, aber danach wusste ich ohne jeden Zweifel, dass ich schwul war.

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich nicht geplant hatte, in meinen Dreißigern noch allein zu sein. Aber in einer so kleinen Stadt schwul zu sein, ist nicht einfach. Colorado ist nicht unbedingt das Mekka der Schwulen. Es ist zwar nicht der Bibelgürtel, aber es ist auch nicht San Francisco. Die meisten in der Stadt wissen über mich Bescheid, und die meisten von ihnen akzeptieren mich sogar, aber einige schauen immer noch in die andere Richtung, wenn ich ihnen im Lebensmittelgeschäft über den Weg laufe, oder sie weigern sich, von mir bedient zu werden, wenn sie in den Laden kommen. Die Chancen, in Coda einen Partner zu finden, waren praktisch nicht vorhanden, und die Chancen, dass ich mein Leben allein verbringen würde, schienen deprimierend gut zu stehen.

3

An diesem Abend lernte Matt also meine Familie kennen. Lizzy ging früher von der Arbeit nach Hause, angeblich um rechtzeitig mit dem Kochen anzufangen, aber ich denke, der wahre Grund bestand darin, dass sie auf diese Weise Mom und Brian auf den neuesten Stand bringen konnte, bevor wir eintrafen. Brian war natürlich höflich. Mom unterzog Matt einer gründlichen Musterung, schien aber mit ihm einverstanden zu sein.

»Sind Sie auch ein Mountainbiker?«, fragte sie ihn.

»Ich habe mein Fahrrad verkauft, bevor ich hergezogen bin. Ich bin gern gefahren, aber in Oklahoma gibt es keine Berge, in denen man fahren könnte. Warum?«

»Jared ist an jedem freien Tag da oben. Er fährt allein. Ich sage ihm ständig, dass er das nicht machen soll. Was, wenn er sich verletzt?«

»Mom, immer mit der Ruhe. Habe ich mich je verletzt?«

»Du verletzt dich jedes Mal!«

Oh Mann, jetzt ging das wieder los. Ich widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. »Mom, blaue Flecken und Prellungen zählen nicht.«

»Aber du trägst nicht mal einen Helm!«

Jetzt fing sie an zu jammern. Ich hasse Schuldgefühle, aber Helme hasse ich noch mehr. »Ich trage einen, wenn es eine schwierige Strecke ist. Ich wünschte, du würdest dir deswegen nicht solche Sorgen machen.«

»Aber es ist niemand bei dir, falls du Hilfe brauchst.«

»Sprich mit deinem anderen Sohn, Mom«, erwiderte ich neckend. »Er ist derjenige, der nicht mehr mit mir fahren will.«

»Ich kann nicht mithalten!«, sagte Brian und warf die Hände hoch, als würde er kapitulieren.

»Jedenfalls«, ergriff Lizzy das Wort, »sind es nicht die Strecken, um die ich mir Sorgen mache. Es ist das Fahren hier in der Stadt, das mir Angst macht. Verrückte Fahrer, die mit ihren Handys telefonieren und überhaupt nicht aufpassen, wo sie hinfahren.« Sie drohte mir spielerisch mit dem Zeigefinger. Es war nicht das erste Mal, dass ich diesen Vortrag hörte. »Du fährst jeden Tag zur Arbeit und wieder zurück und trägst nie deinen Helm. Es ist nicht sicher. Ich wette, Matt kann dir von allen möglichen schrecklichen Unfällen von Fahrradfahrern erzählen, die keinen Helm getragen haben, stimmt’s, Matt?«

Er wirkte belustigt. »Ich werde mich auf keinen Fall in einen Familienstreit einmischen.«

»Brian«, flehte ich, »rette mich vor deiner Frau!«

Brian lachte, erbarmte sich jedoch meiner und wechselte das Thema. »Also, Matt, sind Sie Footballfan?«

»Natürlich.«

»Sie kommen doch aus Oklahoma. Sind Sie ein Fan der Cowboys?«

Er grinste leicht, und ich sah, dass er gleich eine große Bombe platzen lassen würde. »Ich bin ein Fan der Chiefs.«

»Oh nein!« Alle am Tisch gerieten in Aufruhr. Lizzy bewarf ihn mit Brötchen. Wir waren eine hartgesottene Broncos-Familie, und sich als Anhänger unserer Ligagegner, der Chiefs, zu offenbaren, war in unserem Haushalt gleichbedeutend mit Ketzerei.

»Jared, du müsstest doch wissen, dass du keinen Chiefs-Fan mit in mein Haus bringen darfst!«, rief Brian vergnügt. »Ich sollte euch beide hochkant rauswerfen!«

»Und Sie schienen so ein netter Junge zu sein«, fügte Mom bedauernd, aber mit einem Augenzwinkern hinzu.

Ich lachte. »Hey, das wusste ich nicht! Ich habe angenommen, dass jeder, der so klug ist, in Colorado zu leben, wissen würde, welche Mannschaft die bessere ist!«

»Schon gut«, sagte Matt. »Beruhigt euch mal alle. Ihr Broncos-Fans seid so überreizt!« Das brachte ihm eine weitere Runde Hänseleien ein, und Lizzy warf noch ein Brötchen nach ihm. Er sah es kommen, fing es auf und drehte sich herum, um es nach mir zu werfen. »Weißt du, es könnte schlimmer sein. Zumindest bin ich kein Raiders-Fan!« Und in diesem Punkt mussten wir ihm natürlich alle zustimmen.

Mom ging gleich nach dem Abendessen nach Hause. Ich schickte Matt nach draußen auf die Terrasse, während ich frisches Bier aus der Küche holen ging. Als ich hereinkam, strahlte Lizzy mich an.

Ich versuchte, ihren Blick zu ignorieren, und fragte: »Kommt ihr mit uns nach draußen?«

»Klar«, fing Brian an, »sobald wir …«

»Nein!«, fiel Lizzy ihm ins Wort und schlug ihm spielerisch auf den Arm. »Nein. Wir werden euch Jungs ein bisschen Zeit für euch allein geben.«

»Ah.« Brian wirkte ein wenig beunruhigt. Plötzlich musste ich wieder an diesen Moment mit dem Mannschaftsposter und Steve Atwater denken. Offenbar war es eine Sache zu wissen, dass ich schwul war, aber dies war das erste Mal, dass er wirklich über mich und einen potenziellen Verehrer nachdenken musste. Ich hatte noch nie einen Freund gehabt, mit dem es ernst genug gewesen wäre, um ihn meiner Familie vorzustellen.

»Lizzy, ich denke nicht, dass das nötig ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nichts dergleichen vorhat.«

»Ich wäre mir da nicht so sicher. Ihr zwei konntet während des ganzen Essens nicht die Augen voneinander lassen. Ich werde einfach nach oben gehen, und Brian wird hier aufräumen.«

»Was soll ich ihm sagen?«

»Machst du Witze? Sag ihm, die Schwangere sei müde geworden und habe sich hinlegen müssen. Das ist noch nicht einmal gelogen. Ich bin völlig kaputt. Aber« – und sie zeigte mit dem Finger auf mich – »ich erwarte morgen früh einen vollständigen Bericht.«

Zwei Bier später fühlte ich mich vollkommen entspannt. Wir lümmelten auf den Gartenstühlen herum und genossen den für die Jahreszeit ungewöhnlich warmen Abend.

»Also, bist du verheiratet?«, fragte ich ihn.

»Nein.«

»Geschieden?«

»Nein.«

»Jemals kurz davor gewesen?«

»Nein.«

Nun, das kam mir seltsam vor. In unserem Alter hätte ich erwartet, dass es zumindest ein Mal fast geklappt hätte. Es sei denn …

»Warum nicht?«

Jetzt begann er offenbar, sich unbehaglich zu fühlen, und knibbelte an dem Etikett seiner Bierflasche herum. »Ich schätze, ich habe einfach nie eine Frau gefunden, für die ich so empfunden habe.«

»Was ist mit einem Mann?« Die Worte hatten meinen Mund verlassen, bevor mein gesunder Menschenverstand sie zurückhalten konnte. Und ich wollte es natürlich unbedingt wissen.

»Was? Nein!« Er wirkte erschrocken und ein wenig verärgert. »Natürlich nicht. Warum fragst du mich das?«

Dieser winzige Hoffnungsschimmer, den Lizzy in mir geweckt hatte, erstarb. »Es war doch nur eine Frage. Ist halb so wild. Tut mir leid, dass ich es zur Sprache gebracht habe.«

»Ich bin nicht schwul!«

»Okay.«

»Warum?« Es klang wie eine Herausforderung. »Bist du es?«

»Ja.« Er hätte es ohnehin bald herausgefunden.

Er stutzte. Dann schaute er mich stirnrunzelnd an und musterte mich von Kopf bis Fuß. »Wirklich? Ich meine, das sollte doch nur ein Scherz sein. Ich habe nicht damit gerechnet, dass du Ja sagen würdest.«

Ich lachte gezwungen. »Tja, ich bin es.« Ich sah ihm direkt in die Augen. »Ist das ein Problem?«

»Nun ja …« Ich musste ihm zugutehalten, dass er wenigstens kurz innehielt, um darüber nachzudenken. Er spielte wieder mit dem Etikett an der Flasche herum. »Ich weiß nicht. Ich habe noch nie …« Das Etikett löste sich, und jetzt, da es nicht mehr an der Flasche klebte, schien er nicht zu wissen, was er damit machen sollte.

»Es ist nicht ansteckend, falls du das denkst.« Ich wollte ihn nur ein wenig aufziehen und hoffte, dass ihm das klar sein würde. Ich war mir aber auch ziemlich sicher, dass er mich nicht mehr zum Essen oder auf ein Bier einladen würde.

»Ich weiß. Natürlich weiß ich das.« Er seufzte, und seine Schultern entspannten sich ein wenig. Er schüttelte den Kopf. »Ich verhalte mich wie ein Idiot. Es geht mich nichts an, mit wem du schläfst.« Er machte eine Pause und fügte dann hinzu: »Ich möchte nur, dass du weißt« – er schaute mir wieder in die Augen – »dass ich es nicht tun werde.«

Ich lächelte. »Hey, ich werde dich nicht küssen oder so.« Obwohl der Gedanke, genau das zu tun, genügte, um meinen Puls ein wenig zu beschleunigen. Aber es war anscheinend das, was er hören wollte, denn er entspannte sich nun mit einem Seufzer. »Jedenfalls würde kein Mann aus Colorado, der etwas auf sich hält, mit einem Chiefs-Fan ausgehen.« Das brachte ihn zum Lachen, und danach bewegten wir uns wieder auf sicherem Terrain. Das Gespräch schien vergessen zu sein.

Lizzy rief mich gleich am nächsten Morgen an. »Und? Wie war’s?«

»Er ist hetero.«

»Oh.« Sie klang genauso enttäuscht, wie ich mich fühlte. »Bist du sicher?«

»Was das betraf, war er ziemlich unnachgiebig.«

»Oh, Jared«, sagte sie aufrichtig. »Es tut mir so leid!«

»Ist schon gut, Lizzy, wirklich. Ich kenne den Kerl kaum. Es ist nicht so, als wäre ich in ihn verliebt oder so was.«

»Ich weiß, aber du hast gestern Abend so glücklich gewirkt. Ich will eben einfach, dass du glücklich bist.«

»Ich weiß, Lizzy. Ich kann nicht behaupten, dass ich mir keine Hoffnungen gemacht hätte. Aber er ist hetero, und ich schätze, damit ist die Sache erledigt. Ich werde es wohl überleben.«

4

»Lass dir endlich die Haare schneiden, du alter Penner!« Lizzy lag mir mal wieder wegen meiner Haare in den Ohren. Es war eins ihrer Lieblingsthemen. »Wirklich, Jarhead, egal, was das für ein Look ist, er ist out.«

Ich bin nicht bei den Marines. Lizzy findet es lustig, mich jedes Mal »Jarhead« statt Jared zu nennen, wenn sie denkt, ich sei besonders schwer von Begriff. Was oft vorkommt.

Die Länge meiner Haare ist eins der Themen, mit denen sie mich gerne aufzieht. Die Wahrheit ist, dass Haarschnitte für mich eine Art Problem darstellen. Es gibt in Coda nur zwei Orte, um sich die Haare schneiden zu lassen. Da ist zum einen Gerri’s Friseursalon, den die meisten Männer der Stadt besuchen. Aber Gerri ist von der alten Schule, einer der wenigen Leute in der Stadt, die mich wie einen Aussätzigen behandeln, also kann ich da nicht hingehen. Dann gibt es noch Sally’s, den Schönheitssalon, in den die meisten Frauen gehen. Ich bin ein paar Mal dort gewesen, aber es war furchtbar. Die Mädchen schienen zu denken, dass ich aufgrund meines Schwulseins automatisch dazu bereit sein würde, mit ihnen darüber zu tratschen, wer mit wem schläft, oder die Vorzüge von Brad Pitt gegenüber Johnny Depp zu diskutieren (die beide nicht unbedingt mein Typ sind). Einmal habe ich Lizzy erlaubt, mir die Haare zu schneiden, aber das war eine Katastrophe, die wir nicht wiederholen wollten.

Mein dunkelblondes Haar ist dick, grob und von Natur aus gelockt. Wenn es zu kurz ist, stehen mir die Locken in alle Richtungen vom Kopf ab. Wenn ich es wachsen lasse, hängen die Locken wenigstens herunter. Ich könnte es sehr viel kürzer schneiden lassen, aber dann wäre der Pflegeaufwand größer, weil ich es ständig frisieren müsste. Also lebe ich mit einer wilden Lockenmähne. Selbst ich muss zugeben, dass sie mehr als nur eine flüchtige Ähnlichkeit mit einem altmodischen Wischmopp hat. Wenn wir im Laden sind, versuche ich sie zurückzubinden. Wenn ich die Locken glattziehe, bekomme ich gerade so das Gummiband drum. Aber am Ende des Tages ist mir die Hälfte dann doch wieder herausgerutscht.

»Lizzy, ich bin gern zottelig. So passen wir optisch zusammen, verstehst du?«

Ihr Haar hat ungefähr die gleiche Farbe wie meines, ist aber länger, und ihre Locken ähneln eher sanften Wellen. Sie warf es sich über die Schulter, zeigte mir den Stinkefinger und drehte sich dann zu Ringo um.

»Ringo, sag Jared, dass er einen Haarschnitt braucht!«

Ringo sah erschrocken von seinen Schularbeiten auf der Theke hoch. Lizzy erlaubte es ihm, seine Hausaufgaben zu machen, solange wir keine Kundschaft hatten. »Was? Redest du mit mir?«

Sie verdrehte gutmütig die Augen. »Also wirklich! Kein Schwein hört mir zu. Was verwirrt dich da drüben so?«

»Höhere Algebra.« Er warf seinen Bleistift auf das Buch und strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht. »Wie soll das irgendjemand kapieren?«

»Du wirst da schon durchsteigen«, versicherte Lizzy ihm.

»Wie denn? Ich verstehe nichts davon. Mein Lehrer geht nur nach dem Buch. Meine Eltern können mir nicht helfen. Niemand kann es mir so erklären, dass es einen Sinn ergibt.« Er hob seinen Bleistift wieder auf und stützte den Kopf auf die Hand, als er sich wieder über seine Aufgaben beugte. »Ich hasse es!«

»Jared kann dir helfen.«

»Was?«, riefen Ringo und ich wie aus einem Mund. Ihr Vorschlag entsetzte mich, und dem Ausdruck auf seinem Gesicht nach zu urteilen, ging es unserem jungen Mitarbeiter nicht anders.

»Jared ist wirklich gut in Mathe. Er sollte eigentlich Physiklehrer sein, nicht wahr?« Sie warf mir einen durchdringenden Blick zu, woraufhin ich mich abwandte. »Vielleicht kann er dir Nachhilfe geben.«

»Vielleicht.« Ringo wirkte äußerst skeptisch. Ich sagte nichts.

Kurze Zeit später ging Lizzy. Wir hatten an diesem Nachmittag nicht viele Kunden, und Ringo verbrachte den größten Teil seiner Zeit mit dem Versuch, seine Matheaufgaben zu lösen. Es wurde viel radiert, und ich sah, dass er ziemlich frustriert war. Ab und zu schaute er zu mir auf, und ich wusste, dass er mit der Frage rang, ob er mich um Hilfe bitten sollte oder nicht. Ich ignorierte ihn.

Als ich die Kasse schloss, fragte er schließlich zögernd: »Jared, kannst du diesen Kram wirklich?«

»Ich kann ihn wirklich.«

»Was hat sie damit gemeint, dass du eigentlich Lehrer sein solltest?«

»Das war mein Berufswunsch, als ich aufs College ging.«

»Und warum bist du dann kein Lehrer?«

Ich hätte ihm dieselbe Antwort geben können, die ich Matt gegeben hatte, aber aus irgendeinem Grund sagte ich ihm die Wahrheit. »Aus demselben Grund, warum du nicht möchtest, dass ich dir Nachhilfe gebe. Einige Leute glauben, dass ich jeden kleinen Jungen belästigen werde, der mir über den Weg läuft, nur weil ich schwul bin.«

Er schwieg für einen Moment, und ich merkte, dass ich ihn in Verlegenheit gebracht hatte. Das bereitete mir irgendwie ein schlechtes Gewissen, aber ich konnte meine Worte schlecht zurücknehmen.

»Mein Dad sagt das.« Seine Wangen waren leuchtend rot, und er wollte mich nicht ansehen. »Er sagt, dass ich nicht allein mit dir im Laden sein sollte. Ich erzähle ihm, dass Lizzy immer hier ist. Er weiß nicht, dass sie manchmal weggeht.«

Meine Hände zitterten leicht, und ich versuchte, den Drang zu beherrschen, mit Sachen um mich zu werfen. »Dann werde ich auf jeden Fall Abstand halten.«

»Allerdings hast du nie etwas bei mir versucht. Und ich habe noch nie gesehen, wie du jemanden anmachst.«

»Kleiner, ich bin schwul. Aber ich bin deswegen weder pervers noch pädophil.«

»Nenn mich nicht Kleiner«, entgegnete er entrüstet. »Ich bin kein Kind mehr.«

Ich holte tief Luft, um mich zu beruhigen. Natürlich kam er sich mit siebzehn nicht wie ein Kind vor, obwohl er auf mich wie eins wirkte. »Ich weiß. Ich will auf Folgendes hinaus: Die Tatsache, dass ich schwul bin, bedeutet nicht, dass ich mich nicht beherrschen kann. Oder dass ich keine Ansprüche habe. Gräbst du jedes Mädchen an, das du siehst? Selbst die, die erst vierzehn sind? Oder die, die mit jemand anders ausgehen?« Gut, er war gerade erst siebzehn geworden, vielleicht war das ein schlechtes Beispiel. »Was ist mit Lizzy? Sie steht auch auf Männer, aber bei ihr hast du keine Angst, dass sie dich anmachen könnte.« Ich konnte förmlich sehen, wie sich die Rädchen in seinem Kopf drehten, während er darüber nachdachte. Aber ich wollte nicht mehr darüber reden. Entweder würde er es kapieren oder eben nicht, aber mir war nicht nach weiteren großen Reden zumute. »Vergiss es, Ringo. Ich schließe die Türen ab. Schalt das Licht aus, wenn du gehst.«

»Jared, warte!«

Ich drehte mich um. Er kaute auf seiner Unterlippe herum und klopfte mit dem Bleistift nervös gegen sein Buch, aber wenigstens sah er mich an. »Ich werde diesen Kurs nicht ohne Hilfe bestehen. Ich kann dir kein Geld geben, aber ich werde unbezahlte Überstunden machen, wenn du mir Nachhilfe erteilst.«

»Was ist mit deinem Dad?«

Er zuckte leicht mit den Schultern. »Er will, dass ich bestehe. Ich werde schon eine Lösung finden.«

Die plötzliche Veränderung in seiner Einstellung überraschte mich. Vielleicht war ich wirklich zu ihm durchgedrungen. Vielleicht war er aber auch einfach nur verzweifelt, weil er um jeden Preis seinen Kurs bestehen wollte. Wie dem auch sein mochte, ich war ebenfalls überrascht, dass die Vorstellung, ihm Nachhilfe zu geben, nicht so schrecklich war, wie ich zuerst gedacht hatte. Ich freute mich richtig darauf, etwas anderes zu tun zu haben. Möglicherweise würde es sogar Spaß machen.

Spaß?

Das warf ein ziemlich trauriges Licht auf den Zustand meines Soziallebens. Hinter der Theke eines Ladens zu sitzen, in dem Eisenwaren und Autoteile verkauft wurden, war jedoch auch nicht unbedingt anregend. Zumindest würde es einige meiner vernachlässigten grauen Zellen wieder in Schwung bringen. Ich konnte fast schon spüren, wie diese unbenutzten Teile meines Gehirns erwachten, sich reckten und sich umschauten, um zu sehen, was los war.

Ringo starrte mich immer noch an und wartete auf eine Antwort. Warum nicht?

»Okay, Kleiner. Dann lass mal sehen, wie weit du bist.«

5

Ringo erwies sich als guter Schüler. Er hatte zwar die schlechte Angewohnheit, immer sofort Zahlen in Gleichungen einfügen zu wollen, anstatt mit den Variablen zu arbeiten, aber als ich ihm das abgewöhnt hatte, machte er Fortschritte. Außerdem wurde er ein wenig von seinem Stolz behindert. Er behauptete ständig, etwas zu verstehen, bevor er es wirklich verstanden hatte, aber er gab nicht auf. Ich hatte einige Wochen mit ihm gearbeitet, als Matt im Laden auftauchte.

»Hi, Jared!«, sagte er beim Hereinkommen. »Ich hatte gehofft, dich zu erwischen, bevor du gehst.« Ich hatte ihn seit jenem Abend bei Lizzy, an dem er von meiner sexuellen Orientierung erfahren hatte, nicht mehr gesehen. Ich hatte nicht damit gerechnet, noch einmal von ihm zu hören.

Lizzy heuchelte sofort großes Interesse an einem Regal voller Ölfilter. Ich wusste, dass sie jedes unserer Worte belauschte, aber so tat, als würde sie nicht zuhören.

»Ich schulde dir immer noch ein Essen und ein Bier. Wie sieht’s aus?« Er warf einen Blick zu Lizzy hinüber. »Du bist natürlich ebenfalls willkommen.«

»Was? Ich?« Sie schaffte es, verwirrt und verlegen auszusehen, weil man sie beim Lauschen erwischt hatte. »Nein. Brian wartet auf mich, und ich darf nichts trinken, bis das Baby geboren ist. Ihr zwei werdet ohne mich mehr Spaß haben.«

Wir gingen die Straße hinunter ins Mamacita’s, das einzige mexikanische Restaurant in der Stadt.

»Bist du sicher, dass das okay für dich ist?«, fragte ich ihn, bevor wir hineingingen.

»Dass was okay ist?«

»Das hier ist eine kleine Stadt. Die Leute werden dich mit mir sehen, und sie werden ihre Schlüsse ziehen.«

Er runzelte leicht die Stirn, und mir wurde klar, dass er darauf noch gar nicht gekommen war. Aber dann zuckte er mit den Schultern. »Es ist nur ein Essen.«

»In Ordnung. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Sobald wir saßen, kam unsere Kellnerin, Cherie, an den Tisch. »Jared, wer ist dein Freund?«, fragte sie. Cherie und ich kannten uns bereits seit dem Kindergarten und hatten zusammen unseren Highschool-Abschluss gemacht. Damals war sie wunderschön gewesen – blondes Haar, braune Augen, Kurven an den richtigen Stellen. Sie war es immer noch, schätze ich, aber das Leben hatte seinen Tribut gefordert. Ein wenig von dem Glanz war verschwunden, doch sie hatte ihn noch nicht völlig verloren. Sie war zweimal verheiratet gewesen und wieder geschieden worden. Der Mann war beide Male Dan gewesen, der zum Abschaum des Ortes gehörte. Den Gerüchten zufolge hatte Dan sie verprügelt, wenn er getrunken hatte, also so gut wie immer. Einmal musste sie deswegen sogar ins Krankenhaus eingeliefert werden. Wenigstens war sie klug genug gewesen, sich von ihm scheiden zu lassen. Zwei Mal. Und sie hatten keine Kinder, was ich für einen Segen hielt.

»Cherie, das ist Matt. Er ist Codas neuester Polizeibeamter.« Matt würde zweifellos früher oder später Bekanntschaft mit ihrem Exmann machen. Er geriet ständig wegen irgendwas in Schwierigkeiten.

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