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Professor Zamorra - Folge 1094

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Licht und Dunkelheit
  4. Leserseite
  5. Vorschau

Licht und Dunkelheit

von Susanne Picard

Der Krieger riss sein magisches Schwert aus der Scheide, die auf seinem Rücken hing. In einer eleganten Bewegung ließ er es durch die Luft wirbeln. Es glänzte im Mondlicht auf und schien das Licht mitzunehmen, sodass auch ein Lichtbogen im Schatten der Pagode entstand.

Ein Mondregenbogen.

Doch der Augenblick war nur kurz. Das Tosen des Sturms, das Brüllen in der Luft löschte alles andere aus.

Übrig blieb nur ein Häufchen Asche, das die nächtliche Brise rasch verwehte.

Und das grausame Lachen, das klang, als flatterten tausend lederne Dämonenflügel mit einem Mal auf und erfüllten die Dunkelheit der Nacht mit ihrem Schrecken …

Sonderverwaltungszone Hongkong, Mong Kok, Kowloon

Lao Fo schluckte.

Eigentlich bin ich doch nur ein alter Fischer. Was mache ich überhaupt hier?

Der Bootsbesitzer und Großvater von drei Kindern sowie fünfzehn Enkeln und schon vier Urenkeln sah unsicher wie ein Kind am ersten Schultag über die Schulter. Doch natürlich war im Hof der großen Tempelanlage, die wie eine Festung mitten in Mong Kok lag, niemand zu sehen. Die beiden Wachposten, die trotz der safrangelben Gewänder mit ihren Kappen aus schwarzer Gaze eher aussahen wie daoistische Priester, als dass sie den Kampfkünstlern glichen, die sie waren, waren verschwunden, nachdem sie ihn hergebracht hatten.

Lao Fo zog eine altmodische Uhr aus der Tasche seines blauen Maoanzugs. Seine Enkel, besonders die kleine Kelly, die allem Neumodischen so anhing und sich bestens mit den elektrischen Gehirnen[1] auskannte, machte sich über seine »Technikfeindlichkeit«, wie sie das nannte, immer wieder lustig.

Lao Fo lächelte beim Gedanken an die Kleine, die so gern ihre schönen schwarzen Haare mit bunten Strähnen versah. Ihm wurde hier, in dieser Festung, die ihm immer etwas unheimlich war, etwas leichter ums Herz, wenn er an ihre Fröhlichkeit dachte.

Der alte Fo wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als sich schließlich die beiden Flügel der gewaltigen, mit bronzenen Nieten beschlagenen Tür öffneten.

Ein seltsamer Geruch wehte aus der düsteren Halle, die dahinter lag, hervor. Weihrauch oder Moder oder kalt gewordener Rauch von Räucherwerk, wie es in jedem Tempel Hongkongs zuhauf verbrannt wurde – Lao Fo war es gleichgültig. So sehr ihn der Geruch auch irritierte, er musste sich nun in die Höhle des Löwen begeben.

In die Höhle der Neun Drachen wäre wohl treffender.

Er fasste sich ein Herz und trat über die hohe Geisterschwelle, die Dämonen und bösen Geistern den Zutritt verwehren sollte.

Die neun Mönche, die in ihren Roben, die so safrangelb waren wie die der Wächter, hatten, das vermutete Fo, ihren Tempel, der von außen so unscheinbar aussah, schon seit Jahren nicht mehr verlassen.

Sie sehen nicht einmal aus, als hätten sie ihren Platz seit Jahren verlassen, korrigierte er sich unwillkürlich, als er nach einer respektvollen Verneigung durch die beinahe leere Halle auf die neun Mönche zuging, die vor einem blutroten Wandbehang saßen, auf dem sich ein stilisierter Drache wand.

»Nun, was hast du uns zu berichten?«, fragte einer der Neun, die dort saßen, nach längerem Schweigen, das Lao Fo klarmachte, dass er in diesen Mauern als Untergebener galt.

Lao Fo verneigte sich noch einmal kurz. »Mein Enkel hat mir berichtet, dass jemand nach dem Fächer des Unsterblichen Zhongli Quan sucht – und ihn bei einem Antiquitätenhändler gefunden hat«, sagte er dann. »In diesem Gespräch fiel der Name Chuen Hin. Deshalb bin ich hier. Ich betrachte mich als Dämonenjäger und Geisterbeschwörer. Ich kann kleine Geister bannen und Häuser vor dem Zorn der Dämonen schützen. Doch Chuen Hin … nein. Nach allem, was ich in den letzten Wochen gehört habe, ist er ein Fall für euch und sicher wisst ihr auch schon von seinen Aktivitäten. Ich würde mit ihm nicht fertig, selbst wenn ich es wollte. Und ich habe Familie. Sie muss meine Priorität sein. Ich bitte euch untertänigst darum, diese Sache zu übernehmen, bevor Schlimmeres geschieht.«

Ein kurzes Gemurmel kam unter den neun Mönchen, die unter dem roten Drachenbanner saßen, auf, bis der, der in der Mitte saß, die Hand hob. Das Gemurmel verstummte auf der Stelle.

Lao Fo wunderte das nicht. Als Informant der Bruderschaft der Neun Drachen war er schon mehrfach hier gewesen und so Zeuge geworden, dass der Mönch, der in der Mitte der neun Anführer der Bruderschaft saß, das Sagen über die anderen hatte. Sie gehorchten ihm bedingungslos. Lao Fo selbst kannte die Namen der Anführer nicht.

In Situationen wie dieser hier war er auch nicht sicher, ob er viel mehr über die Bruderschaft wissen wollte. Immerhin wollte er auch weiterhin ungehindert sein Leben leben.

»Hast du Schritte eingeleitet?«, wollte der älteste Bruder wissen.

Lao Fo verneigte sich. »Keine wesentlichen«, sagte er dann. »Ich wusste zu wenig. Sollte es sich wirklich um den Fächer des Unsterblichen Zhongli Quan handeln, dann müsste er nach meinem Dafürhalten erst einmal magisch aktiviert werden. Ob dies unternommen wurde, überprüft mein Enkel soeben.«

Trotz des Halbdunkels, in den die Halle getaucht war – die Kohlebecken erleuchteten den Saal nur punktuell – sah Lao Fo nun, dass der Anführer langsam nickte.

»Du hast recht. Der Fächer des Unsterblichen ist ein Gegenstand, dessen Magie nicht unbedingt von vornherein weiß oder schwarz ist. Er muss erst zu einem von beiden gemacht werden. Doch wir befürchten, dass es begonnen hat, den Fächer zu einem schwarzmagischen Gegenstand zu machen. Wisse, dass auch uns in den vergangenen Tagen auffiel, dass sich in der Stadt Dunkelheit ausbreitet. Wir sahen es, doch wir wussten nicht, was genau die Ursache war. Doch nun, mit deiner Meldung, erklärt sich einiges. Überlasse ab nun uns diese Sache und meide in den kommenden Tagen die Tempel, in denen der Unsterbliche verehrt wird. Wenn sich eine dunkle Macht des Fächers bemächtigt hat, dann ist nicht auszudenken, was angerichtet werden kann.

Ein einzelner Mann ist dem Kampf gegen das Unheil, das sich zusammenbraut, nicht gewachsen.«

Lao Fo zuckte bei diesen Worten kurz zusammen, doch er versuchte, die Reaktion zu unterdrücken. Persönliche Gefühle hatten in dieser Halle keinen Platz.

Und ich habe Danny und die kleine Kelly losgeschickt. Sie sind in Gefahr!

»Du bist erschrocken«, stellte einer der Mönche fest. Dem alten Fo fiel auf, dass es nicht der Anführer in der Mitte war.

»Es … es ist nichts«, versuchte Lao Fo abzuwiegeln. So groß die Sorge um seine Enkel war, die Furcht, die Neun Drachen könnten seinen Auftrag an sie als eine Einmischung in ihre eigenen – magischen – Angelegenheiten auffassen, war größer.

»Sage offen, was dich bedrückt«, erklang nun eine andere Stimme. Auf seltsame Weise fühlte der alte Fo sich beruhigt … und gleichzeitig bedroht.

Er nickte kurz und versuchte, nicht zu beunruhigt auszusehen. »Es ist … es ist mein Enkel«, sagte er dann. »Er ist mein Schüler und sehr eifrig. Er kennt sich mit Geistern und Dämonen und auch dem Feng Shui mittlerweile recht gut aus. Er war es, der mir berichtete, dass Chuen Hin in diese Sache verwickelt ist. Ich wollte verhindern, dass er diesem Mann beziehungsweise dem Dämon, der ihn beherrscht, nachspürt … ihn verfolgt oder Ähnliches. So schickte ich ihn in die Tempel der Stadt. Er sollte dort die Statuen des Unsterblichen kontrollieren. Ich dachte … ihr wisst, wie junge Leute oft sind«, fügte er zögernd hinzu. »Hätte ich ihm keine Aufgabe gegeben, wer weiß, was er sich ausgedacht hätte. Er hält mich für zu alt für die Dämonen- und Geisterbekämpfung. Ich dachte, auf diese Art wäre er aus dem Weg und käme nicht in Gefahr. Doch was ihr nun sagt, beunruhigt mich, habe ich ihn doch genau in die Tempel geschickt, die ihr mir zu meiden auftragt.«

Der Mönch, der ihn zuerst nach den Sorgen gefragt hatte, es war der Dritte von links, nickte düster. »Ich verstehe.«

Wieder brach unter den Neun Gemurmel aus. Dem alten Fo schien es, als berieten sie sich untereinander. Kurzzeitig schwoll das Geflüster so an, dass er den Eindruck gewann, sie seien sich uneins. Hin und wieder warf einer der Mönche ihm einen Seitenblick zu, als sprächen sie über ihn. Das war ihm unangenehm, denn er wusste zu viel über die Geschichte der Neun Drachen.

Die Bruderschaft hatte sich einst gegründet, um Hongkong zu schützen. Doch im Laufe der Jahrzehnte, die sich zu Jahrhunderten dehnten, war aus dem guten Zweck der Vereinigung ein übler geworden. Man sagte, dass die Triaden Hongkong beherrschten – doch lange waren es die Neun Drachen gewesen, die die Triaden beherrschten. Und das taten sie nicht nur, indem sie in allen Branchen und Geschäften mitmischten, die in Hongkong Macht und Geld versprachen: Glücksspiel, Drogenhandel, Prostitution. Die Bruderschaft war auch der Magie mächtig und sicherte sich mithilfe von Magiern und übernatürlichen Wesen die Vorherrschaft in der Stadt. Nichts wurde entschieden, nichts geschah, ohne dass die Bruderschaft davon wusste. Übel zugerichtete Leichen in stillen Gassen und grauenvolle Gerüchte über die Leiden derer, die angeblich die »Warnungen« der Neun Drachen in diesen Jahren überlebt hatten, und ihrer Familien sorgten dafür, dass es so blieb.

Doch vor einigen Jahren war alles anders geworden. Lao Fo wusste nicht viel darüber, doch es hieß in seinen Kreisen, dass einer der Magier aus den eigenen Reihen der Bruderschaft versucht hatte, die Macht zu übernehmen. Eine der ausgebildeten Attentäterinnen der Bruderschaft hatte das verhindert und den Magier in einem langen Zweikampf besiegt. Doch zuvor hatte dieser das alte Oberhaupt des Ordens, Meister Shiu, getötet.

Manche behaupteten, das habe der Attentäterin erst recht Kraft gegeben, die Bruderschaft wieder auf einen guten Weg zu führen. Doch Lao Fo wusste nicht, was an dieser Hintergrundgeschichte nun der Wahrheit entsprach und was nicht.

Ehrlich gesagt wollte er es auch nicht so genau wissen. Während die greisen Mönche dasaßen und sich untereinander besprachen und ihn hin und wieder mit seltsamen Blicken bedachten, wurde ihm selbst immer mulmiger. Am liebsten wäre er gegangen – sie würden mich ohnehin nicht bemerken! –, doch das wäre eine Respektlosigkeit gewesen, die er nicht wagte.

So blieb er unschlüssig stehen und wartete eine gefühlte Ewigkeit darauf, dass die Beratung ein Ende nahm.

Doch was, wenn sie befinden, dass ich nicht richtig handelte? Die Bruderschaft hatte sich aus Gründen, die Lao Fo unbekannt waren, wieder dem Guten zugewandt. Doch das hieß nicht, dass sie nicht mit harter Hand die zu strafen wusste, die nicht in ihrem Interesse handelten. Das wussten auch die anderen Triaden und Banden der Stadt Hongkong nur zu gut – wer sich gegen die Neun Drachen stellte, lebte nicht lange. Und in China, das traditionell großen Wert auf Familie legte, hatte die Sippe einen großen Anteil am Leben eines jeden. Hatte man Glück oder kam man zu Macht oder Reichtum oder beidem, wurde es geteilt. Aber auch Strafen und Übles, das einem widerfuhr, wurden geteilt.

Und Lao Fo hatte eine große Familie, an die er denken musste.

Schließlich war ein Ruf zu hören. Lauter als das Gewisper und Gemurmel zuvor, doch immer noch so leise, dass Lao Fo nicht verstand, was gesagt worden war. Trotzdem erschrak er und blinzelte, so plötzlich war es nun still. Als er seinen Blick im Halbdunkel wieder auf die neun in Safrangelb gekleideten Greise richtete, die vor dem roten Drachenbanner saßen, hätte er sich am liebsten überrascht die Augen gerieben.

Was vorher einen so unruhigen Eindruck gemacht hatte, war nun wieder still. Die Neun saßen da wie zu Beginn der Audienz – so, als hätten sie sich seit Jahren nicht mehr gerührt. Verwirrt versuchte der alte Fo, sich daran zu erinnern, wie die neun Mönche dagesessen hatten, als sie miteinander diskutierten, doch er konnte sich nicht daran erinnern, dass sie sich je bewegt hatten.

Wieder lief ihm ein Schauer über den Rücken. Am liebsten hätte er die Halle auf der Stelle verlassen, und zwar im Laufschritt. Er glaubte, sich kaum noch zurückhalten zu können, so unheimlich war die Stimmung mit einem Mal geworden, als auf einmal das Oberhaupt der Bruderschaft wieder das Wort ergriff.

»Du hast im Sinne deiner Familie gehandelt. Das verstehen wir. Doch nun überlasse alles uns. Finde deinen Enkel und sage ihm dasselbe. Einer von der Bruderschaft wird dich begleiten, sodass er die Informationen, die dein Enkel gesammelt hat, aus erster Hand erfährt. Doch dann zieht euch zurück. So lautet unser Befehl.«

Lao Fo verneigte sich. »Ich lege die Sache in eure Hände, Ehrwürdige.«

Wieder wurde kurz gemurmelt, dann nickte das Oberhaupt gnädig. »Sei unseres Danks gewiss. Wir werden uns darum kümmern. Lebe wohl.«

Wieder verneigte sich der alte Fo. Man konnte diesen unheimlichen Magiern gegenüber gar nicht respektvoll genug sein, zudem fühlte er Erleichterung, dass die Audienz nun beendet war. »Es soll geschehen, was ihr wünscht.«

Er drehte sich nicht um, während er den Saal verließ, und hielt den Blick gesenkt. Der Weg zurück zum gewaltigen Eingangstor schien ewig zu dauern, doch Fo wagte nicht schneller zu gehen.

Sicher hatten sich so die Bittsteller gefühlt, die in alten Zeiten vor den Kaiser in der Verbotenen Stadt vorgelassen wurden, schoss Lao Fo durch den Kopf – und erschrak fast zu Tode, als eine Hand sich sanft auf seinen Rücken legte und ihn so anhielt.

Er hob ruckartig den Kopf, sodass sein Blick auf den fiel, der ihn, das sah er jetzt, daran gehindert hatte, rücklings über die Geisterschwelle zu stolpern, die den Eingang zur Audienzhalle der Bruderschaft darstellte. Es war einer der safrangelb gekleideten Wachen … oder Priester. Vielleicht sind sie das.

Der Priester wies mit einer höflichen Geste auf den Ausgang. Lao Fo verstand, man bedeutete ihm unter anderem, dass er sich nun umdrehen durfte. Er gehorchte – nicht, ohne noch einen Blick über die Schulter zurück in die Halle zu werfen.

Er hätte beinahe aufgeschrien, als er bemerkte, dass sie leer und dunkel war. Die Kohlenbecken waren erloschen, ja, sie rauchten nicht einmal mehr, der hintere Teil der Halle war in Düsternis getaucht. In den Schatten, die tiefer waren als alles, was der alte Fo je erlebt hatte, war nicht einmal mehr erkennbar, dass sich dort Sitzkissen oder ein scharlachroter Wandbehang befanden … oder je befunden hatten.

So, als hätte nie jemand darin gesessen und ihn empfangen.

***

Tsim Sha Tsui
Peninsula Hotel, Marco Polo Suite

Rob Tendyke blinzelte. Die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht.

Das Fenster dieses Schlafzimmers ging nach Osten hinaus, es war also sicher noch früh am Tag. Er wachte nur langsam auf. Er genoss es. Er lag in frischen, weißen Laken, draußen waren die Rufe der Portiers und ausgecheckten Besucher nach Taxen und der Straßenverkehr der Salisbury Road zu hören. Er war sicher, wenn er jetzt aufstünde und ins Wohnzimmer ginge, in dessen Fensternische frische Blumen standen, würde es leicht nach diesen und nach salziger Meerluft riechen. Nicht, dass man die Fenster aufmachen konnte, aber die Klimaanlage konnte den Geruch der Hafenmetropole nicht vollständig auswaschen. Die Bay würde türkisfarben in der Sonne glitzern, Dschunken mit roten Segeln vor den Wolkenkratzern Centrals dahinschippern.

Rob genoss eine Weile, sich so wohlzufühlen. Es war einfach etwas anderes, in einem solchen Bett in einer solchen Suite zu schlafen, als in einem der einfachen, knarrenden Holzbetten mit den alten Sprungfedern, mit denen Mostache seine wenigen Gästezimmer ausgestattet hatte.

Doch je wacher er wurde, desto düsterer wurde seine Laune. Ihm fielen die Geschehnisse der letzten Tage wieder ein. Der düstere Gebetsraum, in dem alles angefangen hatte. Der kaum zu ertragende, durchdringende Geruch von Rauchwerk, das in den dunklen, vom Ruß der Jahrzehnte geschwärzten Dachbalken vor sich hinglomm und den Formaldehyd-Geruch der aufgebahrten Frauenleiche überdecken sollte. Das düstere Funkeln der vergoldeten Elemente in Statuen und Wandschmuck, die glimmenden Enden der Räucherstäbchen, die der kaum erleuchteten Dunkelheit etwas Unheimliches gegeben hatten. Etwas Falsches, etwas, das dem Raum eine Qualität gab, als sei er aus einer anderen Welt.

Eine Atmosphäre, die ihm unbehaglich war. Bis jetzt hatte er nicht danach gefragt, wo das Kribbeln herkam, das ihn in dem Augenblick überfallen hatte, in dem Stygia ihn in den kleinen Raum zog, hinter die spanische Wand, mit der man die Leiche auf dem Katafalk vor den Besuchern verborgen hatte.

Als er sich die Situation ins Gedächtnis rief und darüber nachdachte, ob es sich um Unbehagen oder erwartungsvolle Aufregung gehandelt hatte, etwas Verbotenes zu tun (Was machte eigentlich lebendiger als das Wissen, eine Grenze zu überschreiten? Er wusste, es gab eine Antwort, doch sie schien unerreichbar zu sein.), stellte er beunruhigt fest, dass er es nicht wusste. Fakt war, dass er sich bei Mostache im Dorf unterhalb von Château Montagne eingemietet hatte, weil auch das Schloss, der Wohnsitz seines alten Freundes Zamorra, ihm Unbehagen bereitete.

Doch hier hatte sich – wenn das überhaupt die Ursache seines Unbehagens war – das Gefühl gar nicht einnisten können. Stygia hatte ihn, gleich, nachdem sie mit einer übertriebenen Geste den Fächer geschwenkt und so die Tote, die dort wohl für taoistische Beerdigungsriten aufgebahrt lag, wieder zum Leben erweckt hatte, aus dem Raum gezogen. An den beiden hysterischen Fast-Teenagern vorbei, die völlig in Panik verfallen waren, sodass nur die Erinnerung an die Atmosphäre geblieben war, ohne das Gefühl selbst noch zu spüren.

Kein Wunder, dachte Rob und spürte zu seiner Überraschung den Anflug eines schlechten Gewissens. Lilith hat mir jegliche Skrupel ausgetrieben. Sie hat mich zu unaussprechlichen Dingen gezwungen.

Was definitiv nicht unangenehm war, war, nun hier zu liegen, über dem Bauch der Arm einer geradezu atemberaubend schönen Frau.

Stygia lag, den schlanken und genau an den richtigen Stellen kurvigen Körper halb unter den Laken verborgen, bäuchlings neben ihm. Sie schnarchte leise, was Rob allerdings nicht störte, sondern eher belustigte. Was mindestens ebenso interessant war: Ihr Körper hatte sich im Schlaf halb zur Dämonin gewandelt. Am auffälligsten waren die gewundenen Hörner, die ihr aus der Stirn wuchsen und sie seltsamerweise nicht daran hinderten zu schlafen. Oder zumindest so auszusehen, als täte sie es.

So aufregend, wie die letzten Nächte gewesen waren – ich wusste nicht, dass es gewisse … Dinge gibt. Dass man sie tun kann!, schoss es ihm erfreut durch den Kopf – so wenig ansprechend fand er auf einmal den Gedanken, sich auch heute wieder mit der Dämonin zu befassen. Der Gedanke, sie könnte diese … Dinge wieder tun, die ihn noch letzte Nacht so begeistert hatten, war auf einmal nicht mehr sehr reizvoll.

Sehr vorsichtig wand er sich unter den Laken und ihrem Arm aus dem Bett, schnappte sich ein Handtuch, das er sich um die Hüften schlang und bestellte im Wohnzimmer beim Zimmerservice ein ausgiebiges Frühstück.

Dann sah er wieder nachdenklich auf die Meerenge hinaus, denn seine Gedanken wanderten erneut zu der Leiche, die lebendig geworden war.

Er und Stygia waren nicht sofort geflohen. Rob erinnerte sich, dass sie ihn festgehalten hatte. Hatte er sich nun gelangweilt oder war es ihm unangenehm zu beobachten, was mit den beiden jungen Leuten passierte? Er wusste nur noch, dass er kein Interesse gehabt hatte zu sehen, wie der Jiangshi sich an dem Fleisch des kreischenden Mädchens gütlich tat, dass er mit einem Satz unter sich begraben hatte.

Stygia dagegen war neugierig gewesen, wie sich die beiden Jugendlichen gegen den Zombie zur Wehr setzten.

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