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Professor Zamorra - Folge 1087

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der Sand des Lichts
  4. Leserseite
  5. Vorschau

Der Sand des Lichts

von Stephanie Seidel & Susanne Picard

Ruhul Nagar wandte sich an Willem.

»Aus wie vielen Buchstaben besteht der Name Eures Freundes?«

Willem sagte es ihm, und der Halbdschinn nickte. »Ihr dürft mich jetzt auf keinen Fall stören!«, warnte er.

Ruhul befüllte das Kästchen mit einer schwarzen, mehligen Substanz aus einem der Säcke, die überall im Weg standen, strich sie glatt und klopfte sie vorsichtig fest. Er wartete, bis sie sich eine Winzigkeit erhärtet hatte, dann zog er mit dem Finger eine Querfurche.

Anschließend holte er einen verschlossenen Weidenkorb, nahm den Deckel ab und griff nach der Holzpinzette.

Behutsam angelte er ein sich windendes Ding aus dem Korb.

Willem dachte zuerst, es sei ein Wurm. Doch das smaragdgrüne, kleine Wesen hatte einen deutlich erkennbaren Kopf.

»Ist das eine Schlange?«, flüsterte er erstaunt.

»Pst!«, machte Ruhul. Er legte das Tier in die Furche, wo es reglos verharrte. Weitere folgten – eins für jeden Buchstaben aus Zamorras Namen …

Château Montagne

Endlich. Das hat gutgetan, ich wusste gar nicht mehr, wie das ist.

Es war das erste Mal seit vielen Wochen, dass Professor Zamorra deMontagne ausgeschlafen hatte. Die Suche nach Nele, die Jagd auf Belial, die ständige Sorge um Rob Tendyke hatten ihn und seine Gefährtin Nicole in der letzten Zeit kaum zur Ruhe kommen lassen.

Doch seit einigen Tagen war es etwas ruhiger geworden. Zeit zum Verschnaufen, dachte er und tappte trotz des kühlen und regnerischen Januarwetters nur mit T-Shirt und Jeans bekleidet in die Küche. Dort machte sich bereits Madame Claire für das Mittagessen zu schaffen.

»Guten Morgen!«, sagte er laut, um die Köchin nicht zu erschrecken, die angelegentlich in einem hohen Topf herumrührte.

Sie sah auf und strahlte ihn an. »Monsieur le professeur! Mon dieu, ich freue mich, Sie zu sehen. Sicher möchten Sie einen Kaffee?«

Ohne die Antwort abzuwarten, wuselte sie zum Kaffeeautomaten und brachte ihrem Arbeitgeber dann einen Becher dieses fantastischen Kaffees, den nur sie und vielleicht noch William zu bereiten verstanden. Dankbar nahm Zamorra den Becher entgegen und ließ sich einen Moment Zeit, das Aroma des Kaffees einzuatmen. Wie immer war das Gebräu so stark, dass wahrscheinlich selbst ein Hufeisen darin nicht untergegangen wäre. Er nippte an dem brühheißen Kaffee und seufzte genüsslich.

»Vielen Dank, Madame! Was bereiten Sie denn da Schönes für uns zu?«, fragte er dann, um ihr einen Gefallen zu tun. Sie hatte schon oft für die allerbesten Gerichte gesorgt – die er und Nicole dann nicht genießen konnten, weil sie wieder »Knall auf Fall die Welt retten mussten«, wie Madame sich mehr als einmal verdrossen beschwert hatte.

Wie erwartet, verbreiterte sich angesichts dieser Frage ihr freundliches Schmunzeln zu einem strahlenden Lächeln.

»Es wird bouillabaisse geben, Monsieur.«

Zamorra sog den Duft von frischem Fisch, geschnittenem Gemüse und Wiesenkräutern ein, die appetitlich und taufrisch auf dem großen Arbeitstisch der Küche verstreut lagen. »Und das mitten im Winter! Madame, Sie sind eine Zauberkünstlerin«, sagte er und drückte ihr zu ihrer Überraschung einen Kuss auf die Wange. »Ich freue mich darauf.«

Madame Claire lachte verlegen und wandte das errötete Gesicht ab. »Husch husch, Monsieur«, sagte sie dann und winkte ihn mit gespielter Verärgerung zur Tür hinaus. »Für so etwas haben Sie doch Mademoiselle Nicole! Die wartet übrigens im Arbeitszimmer auf Sie. Recht ungeduldig, wie mir schien.«

Zamorra lachte und verließ mitsamt seinem Becher die Küche. Auf dem Weg zum Arbeitszimmer in den zweiten Stock überlegte er, was Nicole wohl so Dringendes von ihm wollte – und warum sie ihn nicht selbst geweckt hatte.

Als er das Arbeitszimmer betrat, wäre er beinahe irritiert zurückgefahren. Dabei sah das große, runde Zimmer, das im Nordturm des Châteaus untergebracht war, aus wie immer. Die großen Panoramafenster, die so polarisiert waren, dass man von außen nur Mauerwerk sah, erlaubten wie immer einen prächtigen Blick über das zu Füßen des Schlosses liegende Tal der Loire. In der Mitte des Zimmers stand der Arbeitstisch, an dem sich mehrere Terminals des Computers befanden, der einst von Olaf Hawk eingerichtet worden war.

An dem hufeisenförmigen Tisch, an dem Platz mit der besten Sicht ins Tal hinab, saß mit dem Rücken zu ihm eine schlanke Person, deren Statur Nicole glich. Die hellblonden, schulterlangen Locken kamen ihm allerdings unbekannt vor. Hat sie nicht erst gestern einen dunklen Bubikopf wie der Stummfilmstar Louise Brooks getragen?

Dann schalt er sich selbst. Ich sollte mich nach vierzig Jahren wirklich endlich an ihre Marotte, die Frisur mindestens so häufig zu wechseln wie ihre Unterwäsche, gewöhnt haben. Langsam ging er auf seine Lebensgefährtin zu und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel.

Sie wandte sich um. »Na endlich!«

Zamorra musste lachen. »Auch dir einen guten Morgen, Nici.«

»Ich versuche gerade, einen Bericht über das zu verfassen, was Michael vor ein paar Wochen passiert ist. Aber ich kann kaum ein paar Sätze schreiben, ohne dass hier blöde Chatanfragen aufpoppen.« Ein anklagender Finger mit einem rosa lackierten Fingernagel wies auf die rechte untere Ecke des Computermonitors, wo eine Anzeigenfenster blinkte, in dem bereits mehrere Zeilen zu lesen waren. Jede hatte eine andere Uhrzeit. Zamorra stellte sich neben ihren Stuhl, um einen besseren Blick auf den Bildschirm werfen zu können.

 

Merlin’s Daughter: Zamorra?

Merlin’s Daughter: Zamorra, dein Computer ist online.

Merlin’s Daughter: Hallihallo, Professor!

Merlin’s Daughter: Ich weiß, dass du da bist, du brauchst dich nicht tot zu stellen.

Merlin’s Daughter: Mann, Zamorra! Ich hab auch noch was anderes zu tun.

 

Zamorra unterdrückte ein Lachen. Offenbar wollte Sara bereits seit ungefähr zwei Stunden mit ihm sprechen. Aber es war wohl nicht so dringend gewesen, dass sie selbst hergekommen war. Immerhin beherrschte sie wie die Silbermonddruiden den zeitlosen Sprung und hätte so jederzeit ins Schloss kommen können.

Er nippte an seinem Kaffeebecher. »Du hast es nicht für nötig gehalten, Sara zu antworten?«, fragte er amüsiert.

»Ich?« Nicole hob die Brauen. »Mich will sie ja nicht sprechen. Hier, da steht dein Name gleich drei Mal. Und ein Professor bin ich auch nicht.«

»Wie wäre es gewesen, mich zu wecken?«

»Auch ein so gefragter Dämonenjäger wie du hat ab und zu mal Schlaf verdient«, sagte Nicole ernst. »Wenn es wirklich dringend gewesen wäre, wäre Sara doch hergesprungen. Die Welt wird wohl nicht gerade untergehen.«

»Na gut«, seufzte Zamorra. »Das ist alles richtig, andererseits würde Sara nicht anfragen und auch dranbleiben, wenn nichts anläge … Rutsch mal ‘rüber«, sagte er dann, stellte den Becher ab und setzte sich an Nicoles Stelle vor den Monitor. Er begann zu tippen, dann ploppte unter den fünf Zeilen, die Sara Moon eingegeben hatte, seine Antwort auf.

 

Zamorra74: Tut mir leid, Sara. Der Computer war online, aber niemand war hier, der dir hätte antworten können.

 

Nicole musste kichern. »Diese Art der Konversation hat etwas für sich«, sagte sie dann. »Man kann einfach irgendwas schreiben. Es muss nicht einmal stimmen.«

Zamorra warf ihr über die Schulter einen strafenden Blick zu. Sie zuckte gleichgültig mit den Achseln. »Ist doch so. Irgendein Schlupfloch muss es ja geben, wenn man immer erreichbar ist für Gott und die Welt!«

»Als ich das letzte Mal in den Spiegel gesehen habe, war ich noch keine Göttin«, erklang es gelassen hinter ihnen.

Erschrocken fuhr Nicole herum. »Sara! Mann, hast du mich erschreckt.«

Die Tochter der Zeitlosen und Merlins des Zauberers warf Nicole noch einen spöttischen Blick zu. »Du konntest dir doch denken, dass ich Zamorra nicht zum Spaß rufe. Ich habe diesen Chat nicht zum Vergnügen eingerichtet.«

Zamorra schwang in seinem Stuhl herum, blieb aber sitzen. Er warf Sara, die ihre Ungeduld – noch? – im Zaum hielt, einen belustigten Blick zu. Die Tatsache, dass sie sich per Computerchat mit ihm in Verbindung setzte, zeugte für ihn durchaus von einem trockenen Sinn für Humor, auch wenn sich Sara wohl eher die Zunge abgebissen hätte, als das zuzugeben. Es würde ihr guttun, einmal herzlich zu lachen und ihre Scherze nicht immer heimlich zu veranstalten, dachte er und erinnerte sich an die humorlose Reaktion Saras darauf, dass Mysati, die außerirdische Freundin Ted Ewigks, Saras Schwesterchen Eva die Haare grün gefärbt hatte. Kurz überlegte er, ob er Sara empfehlen sollte, wenigstens einmal am Tag laut zu lachen, verwarf den Gedanken dann aber.

Er wies auf einen der anderen Arbeitsstühle, die vor den Computerterminals bereitstanden. »Nicole hat mich ausschlafen lassen, wofür ich ihr dankbar bin«, sagte er begütigend.

»Du bist bemerkenswert gelassen für jemanden, dessen Welt an allen Ecken und Enden brennt«, bemerkte Sara etwas säuerlich, nahm aber dennoch Platz.

Zamorra nippte wieder an seinem Kaffee und genoss die Wärme, die ihm die Kehle hinunterfloss.«Es ist ja auch deine Welt und die Katastrophen machten gerade Pause.«

»Das trifft sich gut«, erwiderte Sara. Hinter ihr verdrehte Nicole angesichts des strengen Tons die Augen und ließ die Zungenspitze im Mundwinkel sehen. Zamorra verzog keine Miene.

»Ich habe einen neuen Gegenstand gefunden, der die Portalöffnung zwischen Hölle und Erde sichern soll«, fuhr Sara fort.

»Wie findest du die eigentlich immer?«, wollte Nicole neugierig wissen. »Es scheint, als kommst du nur ab und an an die Informationen.«

Als Sara Anstalten machte, etwas Scharfes zu erwidern, hob Nicole abwehrend beide Hände. »Frieden! Ich meine es nicht böse. Dass du zwischendurch als Dienerin des Wächters der Schicksalswaage auch anderes zu tun hast, verstehe ich ja, das kennen wir von Merlin. Aber neugierig bin ich trotzdem.«

Sie lächelte dabei.

Die Frage schien Sara unangenehm zu sein. Sie setzte mehrfach an, bis sie schließlich ein wenig zu hoheitsvoll erklärte: »Ich habe immer noch nicht genau verstanden, wie der Saal des Wissens funktioniert … Es ist viel Wissen dort gespeichert, aber ich … ich kann es nicht immer abrufen. Jedenfalls nicht selbst«, fügte sie fast schuldbewusst hinzu.

Zamorra wechselte einen raschen Blick mit Nicole. Nun wurde er ebenfalls neugierig. »Du selbst?«, fragte er dann. »Das klingt, als hättest du Hilfe. Der Bote des Wächters?«

Wieder antwortete Sara nicht sofort, doch dann gab sie sich einen Ruck. »Ihr haltet mich sicher für verrückt, aber im Schloss wohnt eine Kröte. Eva behauptet, ihr Name sei Kühlwalda. Wie sie darauf kommt, weiß ich nicht!«, fügte sie hastig hinzu, als sie Nicoles entgeisterten Blick auf sich ruhen spürte. »Aber diese Kröte bewegt sich im Saal des Wissens, als sei ihr dort alles vertraut. Manchmal sitzt sie so lange auf dem Kristall, den ich dann wirklich brauche, und quakt mich an, bis ich reagiere. Manchmal starrt sie mich auch nur solange an, bis mir … ja, einfällt, wo ich suchen muss … Nun ja.« Ihre Haltung straffte sich wieder.

»Fakt ist, dass ich dank der Kröte schon mehrfach auf Dinge gekommen bin, die ich von allein nie entdeckt hätte … Starr mich nicht so an!«, stieß sie dann in Nicoles Richtung hervor. Ganz offenbar war es ihr peinlich, zugeben zu müssen, dass ausgerechnet sie sich von einer Kröte erklären ließ, wie eines der größten Wunder des Multiversums funktionierte.

»Was?«, fragte Nicole unschuldig. »Von mir hörst du keinen Spott. Warum auch? Ich hätte es gerade nötig!« Sie kicherte. »Hier im Schloss hatten wir immerhin jahrelang einen Jungdrachen als Familienmitglied. Gerade wohnt Carrie, das Regenbogenblumenmädchen, auch hier, genau wie Faolan, der wölfische Archivar aus der Hölle. Du hast in Caermardhin eben eine Kröte.« Sie zuckte mit den Achseln.

Sara warf ihr noch einen misstrauischen Blick zu und schüttelte dann kurz den Kopf, als wache sie gerade aus einem unangenehmen Traum auf.

»Wie auch immer dem sei«, schloss sie das von ihr offenbar ungeliebte Thema ab. »Kühlwalda brachte mich auf einen neuen Gegenstand, der gefunden werden muss.« Um ihre Mundwinkel zuckte es. »Diese Kröte hat mich im Übrigen zu einem Zeitpunkt darauf gebracht, in dem ich mich eigentlich um etwas anderes hätte kümmern müssen. Immerhin habe ich mich ja nicht nur mit der Erde zu beschäftigen.«

Sie holte tief Luft.

»Ich bin nicht ganz sicher, ob es sich wirklich um einen positiven Gegenstand handelt … Frag mich nicht!«, wehrte sie ab, als Zamorra den Mund öffnete, um nachzufragen. »In der Bildkugel konnte ich nicht viel erkennen. Aber ich sage dir natürlich alles, was ich darüber weiß«, fügte sie hinzu. Es klang sanfter als alles, was sie bisher gesagt hatte.

Zamorra glaubte ihr. Sara mochte nicht die freundlichste oder gar umgänglichste Person in seiner Umgebung sein, doch er wusste, sie hatte keine Veranlassung ihn anzulügen. Sie war eine Verbündete und er und Nicole betrachteten sie als Freundin.

»Also«, fuhr sie fort. »Der Gegenstand befindet sich in Petra, der antiken Wüstenstadt in Jordanien.«

»Nicht gerade die friedlichste Gegend in diesen Tagen«, murmelte Zamorra und dachte dabei an den Bürgerkrieg in Syrien und an die ständigen Unruhen, die auch Israel und das Westjordanland, das wohl kaum 300 Kilometer Luftlinie von der antiken Stadt entfernt war, ständig erschütterten.

»Da gibt es keine Regenbogenblumen in der Nähe, oder?«, fragte Nicole.

Zamorra schüttelte den Kopf. »Darüber zerbrechen wir uns dann später den Kopf«, sagte er. »Erzähl weiter. Was sollen wir da finden? Der Gral wurde ja verschüttet«, witzelte er.

Sara starrte ihn verständnislos an. Nicole verdrehte wieder die Augen. Der Hinweis des Professors auf den mittlerweile über zwanzig Jahre alten Film »Indiana Jones und der letzte Kreuzzug« war an jemanden wie Sara Moon wohl offenbar verschwendet. »Vergiss es«, sagte Zamorra.

Sara spürte sehr wohl, dass da ein Witz an ihr vorbeigegangen war, doch sie ging nicht darauf ein. »Die Stadt war einst die Hauptstadt des Nabatäer-Reichs, altarabischer Nomaden«, dozierte sie. »Das, was ich suche, ist ein Schmuckstück. Etwas, das vor dunklen Kräften, vielleicht Dämonen, schützt.«

Zamorra runzelte die Stirn und stellte seine Kaffeetasse ab. Der Inhalt war ohnehin mittlerweile zu kalt geworden. »Ein arabisches Amulett, das vor Dämonen schützt?« Nicole warf Zamorra einen fragenden Blick zu. »Das erinnert mich doch sehr an unser Abenteuer in Marokko.«

Zamorra nickte. Seine Miene hatte sich verfinstert. »Hayats Arakum«, murmelte er.

Sara sah verständnislos vom Professor zu Nicole. »Wovon spricht Zamorra da?«

»Du wusstest es vielleicht noch nicht, aber Zamorra hat einem alten Freund in Marokko dabei geholfen, einem Dschinn den Garaus zu machen. Und zwar einem besonders fiesen Exemplar, einem Bar’baal. Übrigens hat Vassago dabei geholfen«, fügte Nicole noch hinzu. »Um den müssen wir uns auch noch kümmern. Der hat irgendetwas vor und spielt in der Hölle sein ganz eigenes kleines Spiel, das wir noch nicht durchschauen. Er verwickelt neuerdings sogar Götter in seine Intrigen.«

Zamorra winkte ab. »Das ist jetzt nicht so wichtig. In Marokko jedenfalls gibt es ein Arakum. Ein altarabisches Amulett. Es schützt vor Dämonen.«

Saras Miene hellte sich auf. »Dann wisst ihr ja diesmal, wonach Ihr suchen müsst«, sagte sie und klang dabei beinahe erfreut.

Zamorra konnte sich der Freude, die Sara zu empfinden schien, nicht anschließen.

»Es scheint so«, seufzte er. »Aber dafür haben wir offenbar diesmal ein ganz anderes Problem …«

***

Der entspannte Ausdruck verschwand aus Saras Gesicht. »Was für eines?«

»Nun, das Arakum war – so die Informationen meines Freundes Willem – mit einem Sand gefüllt, der einen Schutzschirm von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang bilden kann, wenn man das Arakum leert und den Sand in die Luft wirft. Hat uns in Marokko vor einigen schwarzmagischen Bösewichten geschützt.«

Sara runzelte die Stirn. »In Marokko hast du es gefunden, sagst du?«

»Ja«, bestätigte Zamorra. »In Marokko und nicht in Jordanien und darüberhinaus ist der Sand auch fort. Wir haben ihn verbraucht. Das heißt, das Amulett sieht zwar noch schön aus, hat aber wohl keine magische Wirkung mehr.«

»Wie sah es aus?«, wollte Sara jetzt wissen.

Zamorra griff hinter sich nach einem Blatt Papier und einem Stift. Ein paar Minuten kritzelte er auf dem Blatt herum, dann reichte er es Sara.

Kritisch starrte diese auf die Zeichenkünste des Professors. »Ja, so in etwa sah das Ding aus, das mir die Bildkugel zeigte.« Sie gab Zamorra das Blatt wieder zurück. »Ich bin sicher, dass es das ist.«

Verwirrt starrte Zamorra abwechselnd auf das Blatt und dann wieder auf die Dienerin des Wächters der Schicksalswaage. »Aber du sagtest, wir würden das Amulett in Petra finden.«

»Richtig«, sagte Sara. »Wobei die beiden Bilder zwar zusammen, aber doch irgendwie unabhängig voneinander zu sein schienen. Das heißt, ich habe zwar den Ort gesehen und gleichzeitig das Amulett, weiß aber nicht, ob das Amulett dort ist. Aber warum sonst hätte mir die Bildkugel beides gleichzeitig zeigen sollen?« Dem Tonfall nach erwartete sie auf diese Frage keine Antwort – es war vielmehr eine Feststellung.

»Ich komm’ nicht mehr mit«, beschwerte sich Nicole. »Wie könnte denn ein Amulett an zwei Orten gleichzeitig sein? Das kann ja nicht einmal Merlins Stern

Sara zuckte mit den Achseln und erhob sich nun. »Das hat mir die Bildkugel nicht gesagt«, meinte sie. »Sie sagte nur, dass das, was wir brauchen, in Petra ist.«

Zum dritten Mal an diesem Morgen verdrehte Nicole die Augen. »Wär ja auch zu schön gewesen« murrte sie. »Warum kann nicht einmal etwas einfach sein?«

»Wir hatten abgemacht, dass die Suche nach den Portalschlüsseln eure Sache ist«, sagte Sara jetzt. Zamorra glaubte, erste Spuren von Ungeduld in ihrer Stimme zu hören. »Ich kann mich nicht auch noch darum kümmern, wo und wie ihr sie auftreibt.«

»Sagtest du vorhin nicht, dass diese Kröte dich mit guten Tipps versorgt?«, fragte Nicole spitz. »Vielleicht weiß sie ja auch die Lösung dieses Rätsels.«

Sara warf Nicole einen Blick zu, der selbst einen Lavasee in der Hölle hätte zufrieren lassen. Nicole jedoch hob nur die Augenbrauen. »Hast du nicht gesagt, bei euch lebe nun einer der höllischen Archivare? Ich habe gehört, die seien ein Ausbund des Wissens.«

Als Nicole Sara die Zunge herausstreckte, musste Zamorra lachen. Nicole stimmte ein, selbst um Saras Mundwinkel zuckte es wieder.

»Im Ernst«, sagte Sara dann. »Ich habe wirklich kein Interesse daran, euch über Gebühr herumzuscheuchen. Natürlich habe ich versucht, Kühlwalda noch mehr Hinweise zu entlocken, aber es ist schon seltsam mit dieser Kröte. Manchmal stößt sie mich mit der Nase auf Lösungen, dann wieder hockt sie nur da und starrt mich an, als wolle sie sagen, dass ich zu dumm für diese Welt und besonders für den Job bin, den mir der Wächter der Schicksalswaage übertragen hat.« Beinahe hilflos zuckte sie mit den Achseln. »Ich kann euch nicht mehr sagen, auch wenn ich es gern tun würde: Dieser Sand, den ich brauche, den das Portal braucht, um zu entstehen, ist in Petra.«

Zamorra nickte ergeben. »Dann ist das eben so. Ich werde gleich mal mit Willem telefonieren. Vielleicht weiß er mehr; er sagte, dass er das Amulett für Hayat ›besorgt‹ hat. Zum Schutz. Das muss ja nicht zwangsläufig in Marokko gewesen sein. Wir haben es dort verwendet, beziehungsweise seinen Inhalt. Aber vielleicht hilft es ja schon zu wissen, wie er an seines gelangt ist.«

Sara nickte und wandte sich schon zu ihrem zeitlosen Sprung nach Caermardhin, als Zamorra sie noch einmal aufhielt. »Wie viel darf ich Willem von dem Portal sagen?«

Sara zögerte. »Ist er auf unserer Seite?«

»Absolut«, sagte Zamorra im Brustton der Überzeugung.

Zum ersten Mal an diesem Tag breitete sich auf Saras Gesicht ein breites Lächeln aus. »Dann sag ihm, was er wissen muss, damit er uns hilft. Ich vertraue dir … Ach ja«, fügte sie dann noch hinzu. »Und vergiss nicht, Rob zu fragen, ob er mitkommt.«

Mit diesen Worten tat sie einen Schritt …

… und war verschwunden.

***

Januar 2016
Andalusien

»Nicht jetzt!«, stöhnte Willem van Kamp, als aus der Gesäßtasche seiner Jeans das Sitar-Riff von Paint It Black erscholl.

Willem liebte die Songs der Rolling Stones. Besonders den, der als Klingelton auf seinem Handy lief. Trotzdem hätte er es vorgezogen, ihn erst zu hören, wenn seine Hände wieder frei waren.

Unschlüssig blickte er auf sie hinab. Ihre Knöchel traten vor Anspannung weiß hervor. Willem hatte gerade den Supermarkt von Los Caños de Meca verlassen und war mit vier voluminösen Einkaufsbeuteln unterwegs zu seinem Auto, das irgendwo auf dem vollbesetzten Parkplatz stand.

I see a red door, and I want it painted black!

Willems Handy besaß eine Mailbox, und wer immer da anrief, würde höchstens zwei Minuten bis zur Antwort warten müssen. Es war also überhaupt nicht nötig, den ganzen Einkauf abzustellen, nur um das Mobiltelefon ein bisschen eher zu ergreifen. Und das dumme Verlangen, sofort nachzusehen, von wem der Anruf kam, konnte man unterdrücken.

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Viel Spaß!



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