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Professor Zamorra - Folge 1086

Der Ruf

von Thilo Schwichtenberg

Zusammengekauert lag die Gestalt vor ihren Füßen und bewegte sich nicht.

Zamorra ging in die Hocke, tastete nach dem Puls. Vergebens.

»Ist er …?« Teri Rheken brach die Frage ab. Der Meister des Übersinnlichen wusste darauf keine eindeutige Antwort. »Er war … er ist ein magisches Wesen«, verbesserte er sich. »Ich weiß es nicht.« Er hob den Kopf und sah ihr in die Augen.

Da fiel sein Blick auf die Felswand und den beeindruckenden Schatten darauf. Zamorra erhob sich wortlos.

»Was hast du?« Die schöne Silbermonddruidin folgte seinem Blick. »Nein«, hauchte sie, »das kann nicht wahr sein. Er … er war ein …«

In diesem Moment erschien der Teufel.

Vor einigen Wochen, Anfang November 2015

Buenos Aires, Argentinien
Bruderschaft der Mildtätigen

»Ich fasse ein letztes Mal zusammen.«

Bruder Carlos wischte sich mit einem fleckigen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. »Wir stehen vor einer fundamentalen Entscheidung, die alles verändern wird. Unsere Bruderschaft hat sich dem Dienst am Menschen verschrieben. Dem Dienst an den Armen und Schwachen. Selbstlos und aufopfernd. Wir konnten das Leid in den Straßen punktuell mildern, durch Seelsorge, etwas Essen oder hier und da ein wenig Geld. Einige von uns mussten ihr Leben opfern, bei Straßenschlachten, Bandenfehden oder Raubüberfällen. Wir erhalten keine Hilfe, sind auf uns selbst angewiesen. Brüder, im Grunde sind wir ohnmächtig! Wir können die Wurzel für all das Leid nur anpacken, aber nicht ausreißen. Dafür sind wir zu schwach.« Carlos sah in die Runde.

Jorge war mit dem bisherigen Verlauf der Diskussion zufrieden. Unmerklich nickte er Carlos zu.

Dieser sprach weiter. »Zum ersten Mal ergibt sich jetzt für uns die Möglichkeit, etwas grundlegend zu ändern. Zwei Geldgeber möchten uns massiv fördern. Zum ersten Mal werden wir Bleibendes bewirken können! Wir sind die Keimzelle der neuen Saat! In Zukunft bieten wir Sicherheit und Schutz. Straßenzug um Straßenzug werden wir von den gegenwärtigen Zuständen säubern. Der Staat wird von uns Notiz nehmen müssen und sich eines Tages unser Handeln zum Vorbild nehmen.«

»Seid ihr denn alle blind?« José sprang auf. Er wischte sich mit den Fingern der Rechten durchs Haar. »Wenn wir alles verändern, wenn wir die neue Wurzel sind, weil wir Sicherheit und Schutz bieten, dann erschaffen wir nichts Besseres, sondern nur das Gleiche!«

»Wir sind die Bruderschaft der Mildtätigen«, wandte Carlos ein. »Wir dienen den Menschen.«

»Sicherheit und Schutz setzen Macht voraus. Und Macht … Macht verändert den Menschen.« José setzte sich wieder und fügte leise hinzu, »Versteht ihr das? Die Macht, die wir bekommen sollen, ist nicht menschlich.«

Bruder Ignatius stöhnte leise, stand auf und öffnete ein Fenster. Ein reiner Akt der Verzweiflung, erkannte Jorge, denn es brachte dem mit einer fast unerträglichen Hitze aufgeladenen Raum überhaupt keine Linderung. Ganz im Gegenteil. Die fünfzehn Männer auf ihren selbst gezimmerten Schemeln würden jetzt nicht nur aufgrund der leidenschaftlich geführten Debatte schwitzen, sondern zusätzlich des drückenden Klimas wegen, das derzeit in den Straßen der Stadt herrschte.

Nun, bald würden hier leistungsstarke Klimaanlagen eine weitaus angenehmere Atmosphäre schaffen.

Die Gesichter gerötet und schweißnass, diskutierten sie jetzt bereits seit zwei Stunden über das großzügige Angebot.

»Das ist gegen die Regeln, die unserer Bruderschaft auferlegt sind!« José ließ nicht locker.

Jorge lehnte sich fast entspannt zurück und überließ seinem Hauptkontrahenten einmal mehr das Wort. Mochte sich José ruhig den Mund fusselig reden und wieder und immer wieder Gegenargumente hervorbringen. Er, Jorge, wusste die Mehrheit bereits hinter sich. Es konnte nicht mehr lange dauern, dann würde diesem Treiben ein interessantes Ende gesetzt.

Endlich trennte sich die Spreu vom Weizen.

»Ich kann eure Argumentation nicht nachvollzeihen. Sie ist wider die Menschlichkeit!« José sprach schneller als sonst und nuschelte dabei etwas. Immer wieder fuhr er sich mit den gespreizten Fingern seiner rechten Hand durch das schwarze widerspenstige Haar. Alles Zeichen, dass er sich aufs Abstellgleis gedrängt fühlte. »Ihr sagt, dass unser Orden mit dem Geld Gutes bewirken kann? Pah.« Er verschränkte die Arme und ließ sich mit dem Rücken an die Wand fallen. Im nächsten Augenblick beugte sich sein Oberkörper wieder vor.

»Anfangs sicher. Davon bin ich überzeugt. Doch eines Tages werden wir Gewalt anwenden müssen, um unsere menschlichen Ziele durchzusetzen. Wir werden die Straßenclans nicht mit Worten überreden können. Versteht ihr? Wir werden gar nicht merken, wie uns die Macht verändert. Wir glauben, dass wir die Guten sind. Doch haben wir längst den Weg zum Licht verlassen.«

Jorge nahm zur Kenntnis, dass seine sieben Anhänger die Köpfe schüttelten. In einer separaten Runde hatte er ihnen eingeschärft, wer was zu welcher Zeit an Fragen und Argumenten in die aktuelle Diskussion einbringen sollte. Dieser ganze »alle-Brüder-sind-gleich-Kram« passte ihm überhaupt nicht.

In ein paar Tagen begann sein fünftes Lebensjahrzehnt. Was konnte er vorweisen? Nichts. Er war nur einer von vielen, die sich für andere aufopferten und am Ende namenlos starben. Anfangs hatte er geglaubt, dass ihm das vollauf reichte. Dass ihm die Dankbarkeit der Menschen Lohn genug sein würde. Doch diese Hoffnung hatte sich als falsch herausgestellt. Er wollte wahrgenommen werden. Er wollte, dass die, denen er half, sich dankbar an ihn erinnerten. Doch die Menschen vergaßen ihn, sobald es ihnen besser ging.

Mit diesem großzügigen Angebot, das die Bruderschaft jetzt erhalten hatte, konnte er alles ändern. In Zukunft würde er den Orden führen, würde vom Vatikan endlich wahrgenommen werden. Die Menschen in den Slums würden ihn anbeten und eines Tages, eines Tages würde er, Jorge Calguerra, von Rom heiliggesprochen werden!

Um dieses äußerst erstrebenswerte Ziel zu erreichen, zog er jetzt die Fäden im Hintergrund langsam um José zusammen. Er glaubte an die Geldgeber, denn sie zweifelten nicht an ihm. Sie erkannten sein Talent, sie sprachen ihn an. Sie setzten ihr Vertrauen in ihn, dass er die Bruderschaft für ihre Interessen öffnen würde. Und das sprach für ihre Weitsicht und ihre Menschenkenntnis.

Andere aus der Gemeinschaft blickten unbeholfen in die Runde, allen voran der dicke Ignatius, der sich wieder einmal von der aktuellen Debatte vollkommen überrumpelt fühlte. Was Wunder, hatte er doch seinen Kopf nur bei den Obdachlosen in den Slums, statt den Blick auf das große Ganze zu richten.

»O ja, wir bekommen die Möglichkeit, alles zu verändern. Das klingt nach einem wunderbaren Märchen. Doch nichts ist umsonst im Leben!« José nickte zur Bestätigung. Dann lachte er freudlos auf. »Der Preis dafür ist zu hoch, Brüder, denn wir verlieren unsere Menschlichkeit.«

Ignatius nickte. Jorge war versucht, ihm den Schemel unter dem dicken Gesäß wegzustoßen. Der Sechzigjährige stank nicht nur penetrant nach Schweiß, sondern war zudem verdammt naiv.

»Ihr wollt tatsächlich zulassen, dass wir die Menschen gegen den Staat aufhetzen?« José wandte verächtlich den Kopf ab.

»Der Staat hat sie zu dem werden lassen, was sie heute sind.« Philippe richtete seinen muskulösen Oberkörper auf. Ein Zeichen, dass es ihm langsam reichte. »Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich ihre Lebensumstände dauerhaft ändern. Der Staat ist an ihrer Misere Schuld, also sollten sie sich gegen ihn und die Ausgeburten seiner Willkür zur Wehr setzen.«

»Durch Gewalt? Die Gewalt ist auf den Straßen allgegenwärtig. Wenn wir sie zusätzlich schüren, gibt es noch mehr Chaos und noch mehr Tote, als wir jetzt schon zu beklagen haben.« José schüttelte energisch den Kopf.

Ignatius seufzte.

José sprang auf. »Und die Bordelle! Wollen wir als Bruderschaft jetzt tatsächlich solche Etablissements selbst führen? Wir können wenig gegen diese Zustände auf der Straße tun, das ist mir vollkommen klar. Aber in dieses Geschäft selbst einsteigen?«

»Unter unserer Aufsicht hätten die Frauen dort vielleicht ein besseres Leben.« Ignatius unterbrach sich, bekreuzigte sich dreimal und lief puterrot an.

»Ignatius! Aus deinem Munde solche Worte?« José verstummte entsetzt.

Der Dicke sackte verlegen in sich zusammen.

»Es reicht!« Philippe stand auf. Er überragte jeden aus der Bruderschaft. Jorge konnte durchaus stolz auf seinen Wachhund sein, obwohl der ein wenig zu viel Hirnmasse mit sich herumtrug für seinen Geschmack, das konnte gefährlich werden.

»Wir stimmen jetzt ab. Die Mehrheit entscheidet.«

»Hier geht es nicht um Mehrheiten!« José schrie plötzlich. »Hier geht es um den Verlust unserer Menschlichkeit. Jorge, glaub ja nicht, ich wüsste nicht, dass du hinter allem steckst. Brüder! Fallt nicht auf diesen … diesen Teufel herein. Wenn wir jetzt in seinem Sinne abstimmen, degradieren wir uns alle zu Handlangern des Satans!«

»Das sind äußerst schwerwiegende Anschuldigungen.«

Mitten im Raum standen plötzlich die Geldgeber.

Endlich! Jorge entspannte sich. Sie würden diesem Treiben jetzt ein Ende setzen. Makellos schien ihr Äußeres, das eine gewisse Ähnlichkeit mit der David-Statue von Michelangelo aufwies. Ihre sonst nur spärlich bekleideten und muskulösen Körper waren jetzt in weiße Gewänder gehüllt, die sie vollkommen engelsgleich aussehen ließen. Einzig die Schwingen konnte Jorge nirgends entdecken. Sie blieben für ihn unsichtbar. Vielleicht musste er erst reifen, um sie schauen zu dürfen.

»Heilige Mutter Gottes«, entfuhr es Ignatius. Er schaffte es, sich zwei Mal zu bekreuzigen. Beim dritten Mal wurde ihm die Hand einfach von der Brust gefegt. Sie knallte gegen einen anderen Bruder, der den Dicken völlig entgeistert anstarrte.

»Nun«, wandten sich die Jünglinge mit einer wohltönenden Stimme an José. »Erläutere uns bitte persönlich deine Abneigung gegen unsere Hilfe. Vielleicht kannst du uns von deiner Sichtweise überzeugen.«

»Eure Hilfe ist eigentlich keine! Wir haben uns der Menschliebe, dem Dienst am Menschen, verschrieben. Wir …« José zögerte nun zum ersten Mal. »… wir wollen die Menschen nicht zum Bösen verführen. Wir wollen sie nicht unterdrücken. Wir wollen sie nicht beherrschen.«

»Nicht?« Die Zwillinge schienen nachdenklich. »Vielleicht hast du Angst vor dieser gewaltigen Aufgabe? Vielleicht suchst du Ausreden, weil du zu schwach bist? Bist du zu schwach?«

Alle sahen gespannt auf José. Der ging in die Knie. Er röchelte, lief langsam blau an. Seine Augen begannen hervorzuquellen.

»So lasst uns abstimmen.« Die Zwillinge sprachen leise, fast milde. »Wer unsere angebotene Hilfe annehmen möchte, wer nicht schwach sein will, der hebe jetzt die Hand … Ah, wir zählen zehn Ja-Stimmen.« Die Jünglinge sahen kurz zu José. Der konnte plötzlich wieder atmen. Gierig sog er die Luft ein. Es klang schrill, fast pfeifend. Schnell senkten die Abweichler ihre Köpfe und hoben die Arme. »Elf … zwölf … dreizehn.«

Der Blick der Geldgeber blieb auf Ignatius haften. »Findest du nicht, dass ihr geschlossen abstimmen solltet? Das kündet von Entschlossenheit. Es ist das Signal für den Aufbruch in eine neue Zeit. Es soll euer persönlicher Schaden nicht sein.«

»Ich …« Ignatius zitterte. »Ich weiß nicht recht.«

Jorge zollte ihm fast schon Bewunderung, so gegen die Geldgeber aufzubegehren. Das hätte er dem Dicken gar nicht zugetraut.

Die Köpfe der Zwillinge ruckten zu ihm herum. Die Schwärze des Alls glomm in ihren Augen. Du zweifelst an uns? Er vernahm die Stimme direkt in seinen Gedanken. Uns, die wir unser ganzes Vertrauen in dich gesetzt haben? Vielleicht sollten wir unsere Entscheidung überdenken? Einer der Zwillinge sah nun Philippe in die Augen.

»Nein, Herr. Entschuldigung. Es ist alles richtig.«

»Sie … sie sind nicht unsere Herren.« Josés Worte endeten in einem erneuten Röcheln. Seine Gesichtsfarbe leuchtete nun in ungesundem Violett. Die Augen standen kurz davor, aus ihren Höhlen zu fallen.

»Ihr … ihr seid Dämonen. Ausgeburten der Hölle! Weiche, Satanas!« Ignatius hielt plötzlich ein Kruzifix in seinen Händen, das er den Zwillingen entgegenstreckte.

»Schade«, sagten die Jünglinge, und ehrliches Bedauern lag in ihrer Stimme.

Ignatius schrie auf und ließ das silbergeschmiedete Kreuz los. Doch es fiel nicht zu Boden, sondern blieb in der Luft hängen. Der senkrechte Balken schien an seinem unteren Ende kurz aufzuglühen. Silber tropfte zu Boden. Jorge nahm erstaunt zur Kenntnis, dass sich eine Art Keil oder besser Dorn ausbildete.

»Nein«, flüsterte der Dicke. »Nein!« Er ergriff das Kreuz mit der rechten Hand erneut und drehte es so, dass der Dorn auf seine Brust zeigte. Er wollte das nicht tun, das konnte man deutlich an seiner Mimik erkennen. Der Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht. Dann stieß er zu und fiel auf die Knie.

Ein paar Lidschläge später kippten José und Ignatius zeitgleich nach vorn. Ihre leblosen Körper klatschten auf den Boden.

»So stellen wir mit ehrlicher Freude fest, dass die Bruderschaft der Mildtätigen unser Angebot einstimmig angenommen hat. Das sollten wir gebührend würdigen.«

Neben den Zwillingen stand plötzlich ein Tisch. Fünfzehn Weingläser befanden sich darauf.

»Bitte.« Die Jünglinge absolvierten eine einladende Geste.

Die Bruderschaft sah Jorge an. Er stand auf, nahm zwei Gläser in die Hand und reichte sie den Engelsgleichen. Diese lächelten maliziös.

Jorge unterdrückte den Gedanken, ob diese wunderschönen jungen Männer vielleicht keine reinen Engel waren. Ihr Auftrag an die Bruderschaft schien immerhin etwas abartig …

Du zweifelst noch immer? Die sanfte Stimme meldete sich direkt in seinen Gedanken.

… und was José und Ignatius anging … nun, die Zwillinge hatten ihnen mehr als genügend Brücken gebaut.

Ich lasse jedem die freie Wahl.

An der Kernaufgabe der Bruderschaft würde sich nichts ändern, sagte sich Jorge. Sie würden auch weiterhin Hilfe spenden. Und würden das viel effektiver tun können als vorher! Die Aussichten auf menschliche und mediale Wahrnehmung empfand er als gerechten Lohn, die Moralvorstellungen der Abweichler als viel zu übertrieben. Jorge machte sich nichts vor. Seit dem ersten Zusammentreffen mit den Geldgebern hatte er die Aura ihrer unvorstellbaren Macht gespürt. Es gab kein Zurück mehr. Das hatte es wohl niemals gegeben. Es schien, als hätten sie seine geheimsten Sehnsüchte nicht nur aufgedeckt, sondern zusätzlich gefördert.

Ich sah Talent in dir.

Als neues Oberhaupt verteilte er die Gläser. An Philippe, an all die anderen. Sie nahmen sie aus seinen Händen entgegen! Jorge wusste, durch seinen Vorsitz würde sich die Bruderschaft endlich aus der Bedeutungslosigkeit erheben.

Was ich gab, kann ich jederzeit nehmen. Ihr habt euch Demut auf die Fahnen geschrieben. Demut, die ihr nun mir entgegenbringen werdet.

»Ja, Herr«, antwortete Jorge und versuchte an nichts mehr zu denken. Weder an seine Hirngespinste noch an seine … Angst.

»Ein schwieriges Unterfangen«, tönte die sanfte Stimme der Engel. Übergangslos sprachen sie weiter: »So besiegeln wir unsere gemeinsame Zukunft.« Sie drückten ihre rechten Handgelenke in den Rand der Weingläser. Dunkel floss der Lebenssaft in die Gefäße. Einige der Brüder japsten überrascht auf, als sich ihre Gläser ebenfalls füllten. Jorge unterdrückte den Drang, sich neben die Herren zu stellen. Stattdessen drückte er sein Handgelenk an Ort und Stelle ins Glas. Der Inhalt aller Gläser wechselte eine Nuance ins Rötliche.

Nach und nach taten es ihm die anderen gleich. Mittlerweile schwappte eine dunkelrote Flüssigkeit in den Gefäßen. »Auf unser Bündnis«, erklang die angenehme Stimme der Herren, »das wir hiermit für alle Ewigkeit besiegeln. Wir stellen euch jegliche Mittel zur Verfügung. Ihr sorgt dafür, dass sich die Lebensumstände auf der Straße ändern, wie wir es euch aufgetragen haben. Je mehr ihr in unserem Sinne missioniert, umso angenehmer werden wir eurer Leben gestalten.« Die Zwillinge hoben die Gläser.

Die Bruderschaft tat es ihnen gleich. Kurz bevor die Gläser die blassen Lippen der Engelsgleichen berührten, begannen ihre Arme zu zittern. Auf ihren Handflächen bildeten sich unzählige winzige Bläschen, die aufplatzten, und aus denen sich weißer Rauch kräuselte.

Die Brüder sahen ratlos zu Jorge, er gebannt auf die Zwillinge. Was hatte das zu bedeuten? Das Pärchen stellte unter sichtlicher Kraftanstrengung die Gläser auf den Tisch. Der weiße Rauch quoll mittlerweile aus Ärmeln und Halsausschnitten ihrer Gewänder.

Jorge überwand seine Verblüffung. »Herr?« Er stellte die Frage so vorsichtig wie möglich. Allerdings gingen seine Worte ins Leere.

Die Engelsgleichen verschwanden von einem Augenblick auf den nächsten.

***

Harz
Wernigerode, Marktplatz

»Wenn du heute endlich deine erste Seele eingefangen hast, dann feiern wir das ganz groß bei dir. Einverstanden?«

»Nein.«

Faragols Augen weiteten sich.

Michael betrachtete seinen Begleiter mit unbewegtem Gesichtsausdruck. Rein optisch konnte man Faragol um die Dreißig schätzen, obwohl dieser von sich behauptete, so alt wie der Harz selbst zu sein. Auf die Nachfrage, wann das denn ungefähr gewesen sei, ob er bereits bei der ersten Hebung des Gebirges vor gut 300 Millionen Jahren existierte, oder erst bei der zweiten Hebung vor 100 Millionen Jahren oder gar bei der letzten Hebung vor gut 10 Millionen Jahren auf die Welt kam, bedachte ihn Faragol stets nur mit einem düsteren Blick. Der Teufel, dessen Pferdefuß in einem ausgestopften Turnschuh steckte, maß gut einen Kopf weniger als Michael. Er besaß einen runden Wuschelkopf mit schwarzen, strohigen Haaren, in denen die kurzen schwarzen Hörner so gut wie gar nicht auffielen. Faszinierend waren die rabenschwarzen Augen, die einen sehr leichten Silberblick besaßen. Das alles machte ihn zwar nicht schön, aber auf eine gewisse Art und Weise niedlich.

Und damit gefährlich. Als sein Markenzeichen betrachtete der Teufel derzeit allerdings den runden Bauch. Auf die Nachfrage, ob er das schick fand, antwortete Faragol ausweichend, dass es langweilig sei, äonenlang dasselbe Aussehen zur Schau zu tragen. Jetzt trug er die Kapuze seines Shirts auf dem Kopf und versteckte so zusätzlich die Hörner. Seine Augen funkelten Michael eigenartig an.

»Nein?«, widerholte er Michaels Antwort.

»Wie wäre es, wenn wir zur Abwechslung mal in deiner Bude feiern? Du hast dir in all den Äonen sicherlich einen großartigen Palast geschaffen. Es ist an der Zeit, ihn mir mal zu zeigen.«

Doch wie immer, wenn Michael das Thema auf Faragols Behausung brachte, blockte der Teufel das Thema ab. Wenn Michael es recht bedachte, verschwieg ihm der Gehörnte eine ganze Menge. Zum Beispiel, wie er zu Asmodis stand oder welchen Platz er in der Harzgeisterhierarchie einnahm. Besaß er Freunde, Feinde oder Gefährtinnen?

Faragol gab so gut wie keine Einblicke in seine Privatsphäre. Aus dem Grunde konnte Michael für sich nicht sagen, ob er Faragol als seinen Bekannten oder als seinen Freund bezeichnen sollte, obwohl er ihm durchaus sympathisch war.

Es gab Zeiten, da verschwand der Teufel für Wochen, nur um danach so gut wie jeden Tag bei Michael aufzutauchen. Mittlerweile schlief er sogar hin und wieder auf der Couch.

Normalerweise schätzte Michael sein ruhiges Leben. Er wollte durch seine Kunst, dem Fotografieren von Vergänglichkeit, von einer großen Netzgemeinde wahrgenommen und bewundert werden. Darüber definierte er sich. Menschen direkt an sich herankommen zu lassen, nein, dazu sah er bisher keinen Grund. Seltsam war das schon, basierte das menschliche Leben doch auf Zweisamkeit und Familie.

Nur, wenn er tief in sich hineinhörte, dann war da eine andere tiefe Sehnsucht nach, nach … er konnte es einfach nicht in Worte fassen.

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