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Professor Zamorra - Folge 1050

Die Adern der Welt

von Adrian Doyle

Es wurde noch schlimmer. Der nächste Schub ließ ihn beinahe ohnmächtig werden. Schweratmend saß er da und versuchte zu begreifen, was mit ihm passierte.

Was er getan hatte.

Das Krankenhaus. Sein Job. Sein …

Es klingelte Sturm an der Wohnungstür, aber er reagierte erst, als auch lautstarkes Rufen und Klopfen dazu kamen. Benommen stemmte er sich aus dem Sessel und wankte zur Tür. Öffnete. In seinen Ohren rauschte das Blut, in seinem Kopf brachen alle Dämme.

Ein Albtraum.

»Michel Camus?«

Die Polizisten auf dem Gang starrten ihn an wie einen Geisteskranken.

Die Bilder. Die verdammten Bilder! Als würde eine Lawine auf ihn zurasen und ihn wieder und wieder unter sich begraben.

»Michel Camus, wir müssen Sie bitten, mitzukommen«, hörte er den Polizisten sagen. »Sie stehen unter dem dringenden Verdacht, einen Menschen gerettet zu haben …«

Stunden zuvor

Während der Aufzug nach oben fuhr, überkam Camus der erste Schwindel des Tages. Er war so stark, dass Camus sich mit dem ganzen Gewicht auf dem Rollwagen abstützte, auf dem er seine Reinigungsutensilien transportierte. Die Aufhängungen der Räder bogen sich unter den zweieinhalb Zentnern, die Camus auf die Waage brachte, durch. Dann war es überstanden. Halbwegs. Der wuchtige Enddreißiger richtete sich wieder auf und wischte sich mit dem Ärmel seines blauen Overalls die Schweißperlen vom Gesicht. Sein Herz schlug angestrengt.

Seit Wochen ging es ihm nicht gut. Seit Wochen nahm er sich vor, zum Arzt zu gehen und sich gründlich durchchecken zu lassen. Aber er hatte auch Angst vor dem, was bei einer solchen Untersuchung herauskommen würde. Seit früher Jugend litt er unter Bluthochdruck, den er mit Medikamenten in den Griff zu bekommen versuchte. Aber er scheute sogar davor zurück, sich den Blutdruck selbst in seinen heimischen vier Wänden zu messen, weil die Konfrontation mit schlechten Werten ihn seiner Meinung nach erst recht in die Höhe getrieben hätte. Mit dem Gewicht hatte er schon immer zu tun gehabt, obwohl er sich gern und ausgiebig bewegte. Das zumindest machte ihn nicht zum klassischen Anwärter auf einen frühen Infarkt.

Er seufzte und wartete ungeduldig darauf, dass die Kabine den sechsten Stock erreichte. Intensivstation. Wo die schweren Fälle lagen – meist nach einer vielstündigen OP. Und fast immer ohne Bewusstsein.

Camus musste sich jedes Mal neu überwinden, diesen Bereich zu betreten. Mit den hier tätigen Ärzten und dem Pflegepersonal war gut auszukommen; man kannte sich seit Jahren und Camus war – anders als manchem Kollegen – noch nie ein Fehler unterlaufen, der gesundheitliche Folgen für die Patienten gehabt hätte. Er wusste, in welchen Ecken sich gefährliche Keime mit Vorliebe einnisteten. Und er war sich trotz seiner Leibesfülle nicht zu schade, auch dort zu putzen, wo man nur unter Mühen hinkam. Nein, die Arbeit als solche hatte ihn nie abgeschreckt. Nur all das Elend, mit dem er es auf der Station geballt zu tun bekam, setzte ihm zu. Er versuchte nie, in die Gesichter der Intensivpatienten zu blicken. Das half. Ein wenig. Ebenso wie der kurze Small Talk mit den Kittelträgern, die meist ein gutes Wort für ihn übrig hatten, ihn lobten oder auf Arbeiten hinwiesen, die aus ihrer Sicht von besonderer Dringlichkeit waren.

Der Lift hielt, die Tür glitt auf. Der angrenzende Gang war leer.

Camus schob den Wagen aus der Kabine, die sich hörbar hinter ihm schloss, während er sich schon nach links wandte, wo Oberschwester Noel ihm hinter der Glasscheibe ihres Büros zuwinkte.

»Guten Morgen, Michel.«

»Guten Morgen, Schwester.« Er hob lahm die Hand.

»Geht es Ihnen nicht gut? Sie sehen blass aus.«

»Alles in Ordnung.« Er setzte seinen Weg fort, ohne anzuhalten.

In dem Moment überkam ihn der nächste Schwindel. Wobei Schwindel nicht das richtige Wort zu sein schien. Camus hatte von einem Moment auf den anderen das Gefühl, aus einem Traum zu erwachen und sich in einer völlig anderen Umgebung wiederzufinden.

Er stand inmitten eines fürchterlichen Gemetzels.

Nein – das traf es nicht. Er sah die zuckenden Klingen, blutüberströmten Gesichter, gespaltenen Köpfe und Leiber aus Dutzenden, Hunderten oder gar Tausenden unterschiedlichen Blickwinkeln!

Als wäre er nicht nur einer der Kämpfenden, Tötenden und Fallenden, sondern alle. Als nehme er die archaische Schlacht nicht nur von der Warte eines Einzelnen wahr, sondern würde überflutet mit den Eindrücken sämtlicher Beteiligten.

Was …?

Er hatte Hollywood-Blockbuster gesehen, in denen vorchristliche Heere aufeinandergeprallt waren und Männer in ähnlichen Rüstungen, mit ähnlichen Waffen, gegeneinander gekämpft hatten – die Ästhetik dieser Streifen hatte nichts, gar nichts mit der ungeschönten Grausamkeit gemein, die sich ihm hier offenbarte. Das hier (er spürte es mit jeder Faser) war echt. War authentisch. Wo ein Film wegschaute oder schnelle Schnittfolgen dem Verstand gar keine Gelegenheit gaben, das Grauen in den Szenen tatsächlich zu verinnerlichen, sprang es hier Camus aus jeder einzelnen Perspektive entgegen. Er verletzte und wurde verletzt, tötete und wurde getötet.

Und dann …

 … WSCHSCHSCH …

… stand er plötzlich wieder auf dem neonhellen Korridor der Intensivstation, hielt die Griffleiste des Wagens umklammert und zitterte wie Espenlaub. Seine Knie waren butterweich, seine Wäsche unter dem Overall so nass von Schweiß, als hätte er sie ohne sie zu trocknen direkt aus der Waschmaschine geholt und übergestreift.

»Michel? Michel, warten Sie! Sie kippen gleich um – ich rufe einen Arzt!«

Schwester Noel.

Er wollte etwas erwidern. Aber jetzt gaben seine Beine wirklich nach. Im Fallen riss er den Wagen mit sich; er kippte, und sämtliche Utensilien darauf landeten scheppernd neben Camus auf dem Boden. Camus sah noch, wie die Oberschwester ihr Handy aus der Tasche ihres Kittels fischte und aufgeregt hinein sprach. Dann rollte die nächste Halluzination über ihn hinweg. Er dachte noch: Kein Infarkt. Ein Schlaganfall. Scheiße, das hätte ich nicht gebraucht. Dann …

Stille.

Seltsame Gerüche. Fernes Blubbern. Rauchschwaden, die durch den Raum zogen.

Aber was war das für ein Raum? Funktionierte so das Sterben? Wurden schlagartig Halluzinogene freigesetzt, die den Sterbenden von seiner realen Umgebung abschotteten? Mit Bildern und Düften, die nur der Einbildung entsprangen?

Camus hatte das Gefühl, tief über einen Glaskolben gebeugt zu stehen, der über einen Schlauch mit einem anderen Gefäß verbunden war. Unter beiden waren Flammen, die den Inhalt der Kolben erhitzten und dabei …

Dabei?

In Camus’ Geist loderten Begriffe auf, die in seinem bisherigen Denken bewusst nie eine Rolle gespielt hatten: Schattenlosigkeit … Unsichtbarkeit … Telepathie … Levitation … Unsterblichkeit …

Er spürte, dass diese Begriffe mit dem verbunden waren, was er um sich herum sah. Aber noch gab es ein Hemmnis, das ihn von wirklichem Verständnis trennte. Sein Geist geriet ins Trudeln. Alles drehte sich, alles wirbelte. Ein Gemenge aus Hell und Dunkel entstand, das ihn umfloss, umtanzte, durchtränkte.

Dann wieder ein lichter Moment.

Er lag auf einem Bett, das von mehreren Personen bewegt und durch die Gänge des Krankenhauses manövriert wurde. Streiflichtartig sah Camus fremde Gesichter an sich vorbeiziehen. Nicht nur Ärzte und Pflegepersonal, auch ganz normale Besucher, die ihn mitleidig anstarrten. In seiner Hand steckte eine Kanüle, über seinem Kopf schaukelte eine Plastikflasche mit klarer Flüssigkeit, in seiner Nase steckte das Endstück einer Sauerstoffzufuhr.

»… Augen offen …«, schnappte er Wortfetzen auf. »… Kernspin bereit?« Das Bettende krachte gegen eine Schwingtür, die nachgab. Das Licht wurde heller. Es roch metallisch. Camus wurde vom Bett auf eine andere Unterlage gehoben. Dann fuhr er wie auf einem Schlitten in eine Röhre ein.

Der nächste Schub.

Er rannte einen Hang hinunter. Kniehohes Gras wischte über seine Beine, als wollte es nach ihm greifen. Das Gestell auf seinen Schultern wog schwer. Ein Tritt in ein Bodenloch brachte ihn ins Schlingern, aber er fing sich wieder ab, beseelt von dem einen Gedanken: es heute zu schaffen! Und er sprang über die Bodenwelle, die er anvisiert hatte. Wind griff unter die linnenen Flügel. Die Holzkonstruktion ächzte. Die Füße berührten keinen Boden. Einen Atemzug lang nicht, zwei Atemzüge … dann sackte er wie ein Stein nach unten, schlug auf und brannte im Fegefeuer eines Schmerzes, der alles übertraf, was er je erlitten hatte. Es wurde dunkel um ihn. Die Schreie der Zuschauer entrückten.

Dann wieder Licht. Der Schlitten fuhr zurück. Stimmen. Männer und Frauen. Jemand fragte ihn etwas, das er nicht verstand. Zunächst jedenfalls nicht. Das Chaos in seinem Kopf schenkte ihm eine Verschnaufpause. Er schloss die Augen, spürte seinen eigenen Körper wieder und war überrascht, dass ihm kaum etwas weh tat.

Nur geträumt, dachte er. Alles nur geträumt …

Eine Hand auf seiner Hand. Er öffnete die Augen. Das Gesicht über sich kannte er. Eine Ärztin der Inneren. Jung, hübsch (Verdammt, warum waren erfolgreiche Menschen oft nicht nur klug, sondern auch noch in jeder anderen Hinsicht von Gott gesegnet?!), immer ein freundliches Wort, immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen.

Heute – jetzt – war sie ernst.

»Können Sie mich hören, Monsieur Camus?«

Er nickte. Für einen Moment stellte er sich vor, wie hässlich er aussehen musste. Feistes Gesicht, Doppelkinn und auch der Rest des Körpers so massig, dass eine Frau wie diese, wenn überhaupt einen netten Gedanken, nur einen mitleidigen für ihn aufbringen würde.

Nicht wichtig. Verdammt, wie kannst du jetzt daran denken?!

»Gut. Zuerst die gute Nachricht: In Ihrem Kopf ist alles noch so, wie es sein soll. Der Erstverdacht wurde nicht bestätigt. Auch das EKG zeigt keine Abweichungen, die auf Schwerwiegendes hinweisen würden.«

»Und die …«, krächzte er, »… schlechte Nachricht?«

Sie lächelte. »Wie man’s nimmt. Ich sehe Sie immer nur bei der Arbeit – wie viele Schichten die Woche mögen das sein?« Sie wartete seine Antwort nicht ab. »Jedenfalls machen Sie den Eindruck auf mich, dass Sie ohne Arbeit kaum sein können. Sie müssen immer in Bewegung sein. Deshalb wird Ihnen nicht gefallen, dass ich Sie mindestens eine Nacht hier im Krankenhaus behalten werde. Selbst wenn nichts Lebensbedrohliches dahinter zu stecken scheint, sollten wir es vielleicht als Warnschuss betrachten. Sie sollten sich mehr Pausen gönnen und …«, ein kurzes Zögern, »… und vielleicht auch einmal darüber nachdenken, ob es nicht gut wäre – für Sie ganz persönlich gut –, ein paar Kilo abzubauen.«

Er errötete.

»Ich meine es gut«, sagte sie. »Ich glaube, Sie sind ein netter Kerl, der nur ein bisschen wenig unter Leute kommt. Privat, versteht sich. Das hier …«, sie machte eine Handbewegung, die die ganze Klinik zu umschließen schien, »… ist nicht die Welt

Ihre Augen waren das Schönste an ihr, fand Camus. Und das wollte angesichts ihrer bezaubernden Gesamterscheinung etwas heißen. Nicht dass er sich in diese Frau verliebt hätte, aber sie schenkte ihm etwas, das er in dem Maße sonst nicht kannte: Aufmerksamkeit. Aufrichtiges Interesse an seiner Person. Das ging meilenweit über die oberflächlichen Wortwechsel seines Alltags hinaus.

»Ich … ich …«

»Sie müssen nichts übers Knie brechen. Aber vielleicht denken Sie einmal darüber nach. Jetzt warten wir erst einmal die Nacht ab, und morgen früh sprechen wir uns wieder. Sorgen Sie sich nicht. Sie erhalten ein leichtes Sedativum. Es wird Ihnen einen ruhigen Schlaf bescheren. Ihr Problem dürfte rein vegetativ sein, psychisch. Und morgen werden wir es gemeinsam angehen. Einverstanden?«

»Wohin … komme ich? Intensiv?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nach den vorliegenden Befunden ist das nicht nötig. Sie bekommen ein schönes Bett in einem ruhigen Zimmer. Dort wird man sich gut um Sie kümmern. Momentan sind wir so schwach belegt, dass sogar ein Einzelzimmer drin sein müsste – von wegen: ruhiger Schlaf.« Sie zwinkerte ihm zu.

Er blickte an sich herab. Man hatte ihm eines der typischen Krankenhaushemden angezogen; darunter war er nackt. »Meine Kleidung …?«

»Wird Ihnen aufs Zimmer gebracht, keine Sorge. Alles, was Sie für eine Nacht brauchen, stellt Ihnen das Krankenhaus zur Verfügung.«

»D-Danke.«

»Müssen wir jemanden verständigen?«

Er schüttelte den Kopf.

Sie drückte ihm noch einmal die Hand, dann ging sie.

***

Während der ganzen Zeit, bis er auf sein Zimmer gebracht wurde, kam es zu keinem neuerlichen Anfall. Camus schöpfte Hoffnung, dass die Mittel, die man ihm intravenös verabreicht hatte, gegen was-auch-immer-es-gewesen-war Wirkung zeigten. Er musste noch einen Fragebogen ausfüllen, auf dem so nette Fragen standen wie: Wann hatten Sie das letzte Mal Stuhlgang? – Gibt es potenziell erbliche Erkrankungen in der Familie – Krebs, Herzleiden, psychotische Störung?

Er füllte die Spalten aus und händigte der Schwester, die nach ihm sah, die Liste aus. Sie war freundlich, aber nicht halb so Anteil nehmend wie die hübsche Ärztin.

Camus seufzte und legte sich tief ins Kissen zurück, schloss die Augen. Er wünschte, er hätte gewusst, was mit ihm los war. Bis vor ein paar Stunden war alles seinen geregelten Gang gegangen, und jetzt? Seltsame Gedanken schlichen sich bei ihm ein.

Wenn ich heute Nacht sterbe, wer kümmert sich dann um meine Beerdigung? Zu seiner Schwester, die unten in Marseille lebte, hatte er seit dem Unfalltod der Eltern keinen Kontakt mehr gehabt. Damals hatten sie sich gemeinsam um die Bestattung gekümmert. Aber ihr Verhältnis war schon da schlecht gewesen. Camus überlegte, ob er es bedauerte.

Vielleicht.

Komisch nur, dass er sich nie Gedanken darum gemacht hatte, solange es ihm gut ging.

Für sie wird es eine leidige Pflicht sein. Vielleicht schiebt sie es auf die Ämter ab.

Er lauschte in sich hinein.

Alles ruhig.

Ich werde nicht sterben. Die Ärztin war nett. Vielleicht sollte ich auf sie hören und meinen Lebenswandel ändern. Weniger in mich hineinstopfen, mehr Sport – mehr Dinge versuchen, die Spaß machen.

Spaß.

Daran, wie fremd ihm allein schon das Wort geworden war, merkte er, wie ernst es tatsächlich um ihn stand.

Er war müde. Die Untersuchungen hatten ihn angestrengt. Er wollte versuchen zu schlafen, obwohl es draußen noch nicht richtig dunkel war.

Mit geschlossenen Augen ließ er seine Gedanken treiben. Es war überraschend ruhig auf der Station. Niemand, der schrie. Kein Rufton, der durch den Gang hallte. Keine lauten Schritte oder Unterhaltungen auf dem Flur.

Er ließ seinen Arbeitstag Revue passieren. Rief sich Vorkommnisse in Erinnerung, mit denen er es zu tun bekommen hatte, bevor er … bevor er zusammengebrochen war.

Auf der Kinderstation war vergangene Nacht ein Junge gestorben. Er war tags zuvor zu Hause ohnmächtig von seinen Eltern gefunden worden und eingeliefert worden. Auch bei ihm, hieß es, hatte alles wieder ganz normal ausgesehen. Er sollte nur noch zur Beobachtung bleiben; keine relevanten Vorerkrankungen.

Nur zur Beobachtung.

Wie bei mir.

Camus rief sich zur Räson. Er musste aufhören, an Tod und Sterben zu denken. (Aber wenn es unbedingt sein muss, lass mich im Schlaf sterben, lass es mich gar nicht merken, lieber Gott …)

Verdammt.

Ich werde nicht sterben. Ich werde mein Leben ändern.

Er konzentrierte sich. Was war noch passiert? Er war, wie jeden Tag, kurz in dem Zimmer gewesen, in dem der komische Kauz lag, der keine Angehörigen zu haben schien und der eine Zeit lang für großes Aufsehen in der Klinik und außerhalb gesorgt hatte. Ein Araber, der sein Gedächtnis verloren hatte und mit dem niemand so recht zu wissen schien, was er mit ihm tun sollte. Camus hatte sauber gemacht, aber nicht mit ihm gesprochen. Soweit er wusste, beherrschte der Mann kein Französisch, nicht einmal Englisch – wovon Camus auch nur ein paar Brocken kannte. Wie meistens hatte er am Tisch beim Fenster gesessen und sein Frühstück gegessen. Ein paar Mal waren sich ihre Blicke begegnet, aber in den Augen des Mannes schimmerte Tag für Tag die gleiche Leere. Camus hatte sich schon oft gewundert, dass er sich in dem Zimmer, das der Mann ohne Gedächtnis allein belegte, nie unbehaglich fühlte, sondern eher das Gegenteil. Im Grunde war es nicht begreiflich, aber er empfand gerade das Schweigen zwischen ihnen stets als wohltuend. Der Mann hatte eine gute Ausstrahlung, die sich positiv auf Camus’ Stimmung auswirkte.

Verrückt.

Völlig verrückt.

Ein paar Mal, wenn sich ihre Blicke begegnet waren, hatte Camus das Gefühl gehabt, durch ein Fenster hinaus auf eine wunderschöne Landschaft zu blicken.

Hat es da schon angefangen? Obwohl die Ärztin versucht hatte, ihm Zuversicht, was seinen Gesundheits- und Geisteszustand anging, zu vermitteln, fürchtete Camus doch im Innersten, dass ihm die Hiobsbotschaft noch bevorstand. Wenn die Nacht nicht so ruhig verlief, wie er hoffte, würden weitere Untersuchungen folgen, und wer wusste schon, was die neurologischen Befunde ans Licht brachten?

Potenziell erbliche Erkrankungen in der Familie? Schizophrenie? Paranoia?

Ihn schauderte, obwohl es nicht kalt war.

Schlaf endlich. Hör auf, dir Sorgen zu machen. Schlaf – morgen wird es dir besser gehen. Vielleicht wirst du ein paar Tage krankgeschrieben. Genieß es. Fang an, deine guten Vorsätze umzusetzen. Geh spazieren. Weniger Alkohol. Viel Salat und Gemüse …

***

Camus träumte.

Er war im Krankenhaus.

(Ich bin im Krankenhaus!)

Es war Nacht. Im Zimmer war es dunkel, aber das störte ihn nicht. Er stand auf. Ging zum Schrank. Schlüpfte in seine Kleidung, schnürte seine Schuhe.

Leise öffnete er die Tür.

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