Logo weiterlesen.de
Professor Zamorra - Folge 1039

Die Wasser des Baikal

von Thilo Schwichtenberg

Dieser Robbenbulle war anders. Das spürten die Wasser.

Seine Präsenz strahlte pure Macht aus. Er war genau das Richtige für ihren Herrn.

Das Wasser des Sees, an dessen Ufer der Bulle hockte, begann sich zu heben. Kleine Tropfen, Quecksilber nicht unähnlich, krochen, zitterten und waberten über die Steine, über das Blut, die Überreste der Mahlzeit des Königs der Robben. Sie fanden zusammen, berührten seinen Körper, sein Fell. Der Alpha, so mächtig seine Präsenz auch strahlte, hatte nicht die geringste Chance.

Er brüllte seinen Schmerz, seine Ohnmacht gen Himmel, dann schien er mit dem Wasser zu verschmelzen und verschwand in den Tiefen des Sees.

Ihr Herr würde zufrieden sein. Die Belohnung war den Wodkádas gewiss.

Denn so nannten sie sich, die Wasser des Baikal.

Fast zärtlich stupste der lange Fingernagel gegen die kleine Robbenfigur und bewegte sie unmerklich über das Spielfeld. Vor einem dicken, gläsern wirkenden Mann mit körperlangem Bart, der sich noch dazu auf einem mächtigen Thron fläzte, kam sie zu stehen.

Der Fingernagel verharrte eine Weile, dann zeichnete er winzig kleine Kreise in die Luft, so, als ob er sich langweilte.

Der Spieler sah unterdessen recht interessiert auf einen Flachbildschirm, der an der Wand hinter dem wuchtigen Schreibtisch hing und eine riesige Bildkugel zeigte.

Endlich bog sich der Zeigefinger in die Seite des Daumens – und schnipste nach vorn. Die Robbe flog in hohem Bogen über das Spielfeld und verglühte dabei in mattem Schein.

Der gläserne Mann begann sich zu verändern …

Asmodis lehnte sich zufrieden zurück. »Meine Phantasie ist, gelinde gesagt, nicht zu toppen. Das musst du doch zugeben, meine Liebe.« Er bewegte seinen Kopf leicht nach rechts und sah lächelnd die Kröte an, die sich in Augenhöhe befand, da sie auf einem Stein in einer Wasserschüssel saß, die wiederum auf einem Barhocker stand.

Kühlwalda glotze nach vorn.

»Du verstehst es nicht.« Es blieb eine Feststellung. »Aber ich werde es dir gern erklären.«

Nun sah auch der Teufel wieder nach vorn.

»Schau mal. Vor dir befinden sich viele große … na, nennen wir sie der Einfachheit halber mal Teller. Das sind die verschiedenen Spielebenen. Sie sind verästelt und verschachtelt wie eine Baumkrone. Die linke Platte heißt zum Beispiel Frankreich, die große rechte dort Sibirien. Aus Sibirien wachsen weitere Ebenen. Surgut oder Baikal, um nur einige zu nennen, ich möchte dich nicht gleich überfordern. Kannst du mir bis hierher folgen?«

Schweigen.

»Kühlwalda?! Ich rede mit dir.« Er stupste die Kröte seitlich in den Bauch.

Endlich drehte sie sich mit ihrem ganzen Körper zu ihm um, schloss etwas zeitversetzt die beiden Nickhäute, öffnete sie wieder – und drehte sich erneut nach vorn.

»Wir sind heute nicht sehr gesprächig, was?« Asmodis seufzte. »Nun gut. Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, beim Spiel der Ebenen. Der dicke Onkel da heißt Baikal. Um den geht es uns in diesem Spiel. Verstehst du? Und dort haben wir eine meiner Lieblingsfiguren, die heißt Yaga. Ach, und vor dieser dort müssen wir uns in Acht nehmen, die nennt sich Koschtschej.« Sein Kopf wanderte nach links. »Und siehst du diese überaus elegante, leuchtende Figur da? Dort in Frankreich? Strahlt sie nicht herrlich? So von innen heraus. So zeitlos schön. Das ist mein Lieblingsdiener, auch wenn er das sicher so nicht hören will. Aber bevor wir diesen einsetzen, gilt es noch eine Menge anderer Figuren zu verschieben.«

Er sah auf die Kröte. »Weißt du, bisher war ich im Spiel der Mächtigen …« Asmodis stockte und grinste. »Kühlwalda, glotz nicht so. Selbstverständlich bin ich mächtig. Aber es gibt da so ein zwei …«, er sah nach oben, »… na gut, drei, die können mir durchaus das Wasser reichen. Jedenfalls weigere ich mich, in Zukunft nichts weiter als eine Figur zu sein. Ich bin Spieler, denn das steht mir besser zu Gesicht. Und deswegen bleiben wir beim Schach, beim Spiel der Könige. Dieses Spiel an sich bereitet mir nämlich sehr große Freude, aber ich darf es nicht ganz nach meinen Regeln spielen. Pst.«

Asmodis zog den Barhocker mit Kühlwalda ganz nah an sich heran. Dann flüsterte er langsam: »Mein Chef will etwas, was ich nicht will. Das ist des Pudels Kern, das ist mein Dilemma. Ich will diese Verbindung nach Avalon nicht. Warum sollte ich Papa LUZIFER und Mama Lilith ›Guten Tag‹ sagen? Die scheren sich einen Dreck um ihren Sohn! Diese dämliche Verbindung wurde mir aufgenötigt.« Die Augen des ehemaligen Fürsten der Finsternis wurden zu Schlitzen. »Aber ich wäre nicht der Meister der Intrige, wenn ich diesen Befehl nicht zu unseren Gunsten auslegen könnte. Eine Verbindung, ja. Aber wie fest diese sein soll, das hat mir bisher keiner gesagt.« Er bleckte die Zähne.

Kühlwalda stierte nach vorn.

»Du hast schon mitbekommen, dass ich äußerst wichtige Details mit dir durchspreche?«

Etwas Heißes schien sich durch seinen linken Unterarm zu fressen.

Asmodis riss den Ärmel der Kutte nach oben. Die Beule wölbte sich deutlich unter der Haut hervor. Quälend langsam schob sie sich vorwärts. Der Herr von Caermardhin schloss für einen Moment die Augen. Er ließ die Finger seiner künstlichen rechten Hand zu Krallen werden.

Blitzschnell riss er die Augen auf und sich die Beule aus dem Unterarm. Er fühlte sie in seiner rechten Hand! Bewegte sie sich? Fraß sie sich in seine künstliche Hand? Konnte sie sogar das Innenleben zerstören? Reflexartig öffnete er sie und sah – nichts!

»Quak«, machte Kühlwalda und flog im hohen Bogen samt Stein, Wasser, Teller und Barhocker davon.

»Du suchst dir aber immer wieder den unpassendsten Moment zum Quatschen aus«, knurrte Asmodis ungehalten.

***

Westsibirisches Tiefland
Industriestadt Surgut am Mittellauf des Ob

»Ihr langes Warten hat sich gelohnt, Professor.«

Doktor Tatjana Andrejewna stellte das silberne Tablett mit der Teekanne, den Gläsern und dem kleinen Topf Warenje vor Boris Iljitsch Saranow auf den Tisch.

Er sah seine Gastgeberin halb fragend, halb auffordernd an.

»Ihr Teufel. Er war heute wieder da.«

Boris Saranow wurde auf der Stelle hellwach. Asmodis! Endlich tat sich etwas. »Ich bin gespannt auf Ihren Bericht.«

Doch ebenso gespannt war er auf das Warenje. Seit ihrem ersten Zusammentreffen hatte sich Tatjana Andrejewna um Abwechslung in der recht flüssigen Konfitüre zum Nachmittagstee bemüht, was er zu gleichen Teilen guthieß und bedauerte. Allerdings hatte er ihr nie zu verstehen gegeben, dass er liebend gern weiter die Aprikosenvariante in den Tee gerührt hätte, die er bei ihrem erstem Treffen probiert hatte. Heidelbeere, Himbeere, Pflaume, Birne – das alles schmeckte durchaus lecker, doch Aprikose war und blieb seine Lieblingsfrucht. Pflegte doch bereits Lieblingstante Olga sie ihm in seinen Tee zu geben!

»Einen Moment müssten Sie sich bitte noch gedulden.«

Doktor Andrejewna verschwand aus dem kleinen, aber gemütlich eingerichteten Wohnzimmer in Richtung Küche. Saranow sah sich einmal mehr um. Yagas Hütte war großzügig und rustikal eingerichtet. Boris musste sich nicht unbedingt vorsehen, wenn er sich darin bewegte. Auch der eine oder andere Staubballen rollte hin und wieder von der einen in die andere Ecke. Hier jedoch schien alles edel und rein. Und doch war es behaglich. Die Möbel in Weiß, dazu ein Fernseher in der gleichen Farbe, sogar internetfähig. Die Russin benötigte im Grunde keinen Computer mehr, auch wenn sie ein Notebook besaß.

Innerhalb des letzten Vierteljahres war er zu einem fast regelmäßigen Gast in Tatjanas Wohnung geworden. Anfangs, so schien es ihm, war das der Wissenschaftlerin – die für die Etar-Energija arbeitete, einem Unternehmen, das von Yagas Widersacher Koschtschej geleitet wurde und eigentlich nur dazu diente, die sibirischen Elementare gefangen zu nehmen – nicht ganz recht gewesen, denn allem Anschein nach überwog ihre Angst, dass Boris’ Besuche entdeckt werden konnten. Allerdings, wie Yagas Ssmejakore ziemlich schnell herausfanden, stand ihre Wohnung nicht unter Beobachtung. Warum auch immer.

Saranow blieb daher vorsichtig. Zudem beteuerte Tatjana immer wieder, dass Koschtschej, alias Doktor Schenglow, ihr vertraute, sie aber keine gute Schauspielerin sei. Sie würde sich vielleicht durch einen gesenkten Blick oder errötete Wangen vor ihm verraten.

Schlussendlich hatte Saranow sich mit seiner ehemaligen Aurora-Kollegin dahingehend geeinigt, dass sie vorerst nur die Augen nach Asmodis offen hielt. Boreas ging es, den Umständen entsprechend, gut. Er litt nicht. Freiwillig befand er sich noch immer in seinem Elementarkraftwerk und produzierte Energie, von der allerdings weder Yaga noch Boris wussten, wohin sie abgegeben wurde.

Weitere Erdbeben hatte es ebenfalls gegeben. Nun, Erdbeben war nicht ganz der richtige Ausdruck, eher passte Erdrucken. Tatjana konnte es nicht anders beschreiben.

Die Yaga befasste sich mit diesen Erdruckern – der eigentliche Grund, warum das Hexenhaus noch in der Nähe von Surgut verweilte. Aber sie war, zu ihrem Unmut, auch noch nicht sonderlich vorangekommen.

Tatjana selbst wollte oder konnte ihnen nicht sagen, wohin die Energie weitergeleitet wurde, die Boreas abgab. Boris hatte die Yaga vor einer Woche gerade noch davon abbringen können, die Russin einfach zwangszuverhören – denn das hätte wohl Doktor Schenglow vollends auf ihr Treiben aufmerksam gemacht.

Ein anderer Grund für seine Besuche war eher privater Natur: Boris mochte Tatjana. Es war ein Hauch von Geheimnis, der die Fünfzigjährige umgab und den Boris so anziehend fand. Ihr größtenteils selbstsicheres und leicht ironisches Auftreten erhielt deutliche Risse, wenn es um Doktor Schenglow ging. In jenen Momenten zeigte sie vor dem neuen Mann an der Spitze von Aurora, der russischen Variante zu Majestic12, Furcht und Ehrfurcht zugleich.

Seine ehemalige Kollegin kehrte mit einem weiteren Tablett, auf dem zwei herrlich große Baranki-Ringe, das traditionelle Knabbergebäck zum Tee, lagen, zurück. Saranow half ihr bereitwillig beim Decken des Tisches. Nachdem der Tee eingegossen, sich das – zu seiner Freude Aprikose! – Warenje darin aufgelöst und der erste Schluck durch die Kehle in den Magen gefunden hatte, seufzte Boris wohlig und wurde ernst.

»Der Teufel, sagten Sie. Wir sprechen über Asmodis, Sid Amos – oder Sam Dios, wie er sich hin und wieder zu nennen pflegt?«

Tatjana nickte. »Ich kann es immer noch nicht glauben, dass er … der Teufel sein soll. Mir zumindest gegenüber zeigt er sich stets als korrekt gekleideter Südländer namens Sid Amos; nicht als hinkender, stinkender und gehörnter, geschweifter und zotteliger, vielleicht auch etwas trotteliger Seelenfänger.«

»Sie haben die falschen Märchen gelesen, nämlich die vom überlisteten Teufel.« Saranow schmunzelte, wurde aber sofort wieder ernst. Vor ihm saß nun die hellwache und leicht ironische Tatjana Andrejewna. »Der, um den es jedoch hier geht, das ist der dämonische Teufel, ein unbeschreibliches Machtwesen. Er war Jahrzehntausende der Fürst der Finsternis, der Meister der Intrige. Fair zwar, aber verschlagen. Bezeichnend ist sein Lieblingsspruch Mit Schwund muss man rechnen. Asmodis würde ganze Völker über die Klinge springen lassen, wenn es seinen Zielen dienlich ist. Mag er sich geben wie er will, er zählt zu den gefährlichsten und unberechenbarsten Wesen dieses Multiversums.«

Die Russin nickte. »Ich glaube Ihnen. Ich glaube auch …«, sie unterbrach sich und überlegte kurz. »… dass sein Umgang mit Doktor Schenglow für uns, für Etar-Energija und Aurora, nicht förderlich ist.«

Saranow unterbrach sie. Es musste einfach sein. »Tatjana, ich verstehe Sie noch immer nicht. Mein geschätzter Kollege Zamorra deMontagne und ich, wir halten Koschtschej, den Elementar des Chaos, für ein ebenso gefährliches Wesen wie Asmodis. Warum begleiten Sie mich nicht nach Frankreich und erzählen uns dort alles? Es gibt die deBlaussec-Stiftung. Sie erhalten Asyl. Glauben Sie denn nicht auch, dass Koschtschej, alias Doktor Schenglow, ein zerstörerisches Wesen ist?«

»Teilen Sie alle Wesen nur in Gut und Böse ein?«, stellte Tatjana die Gegenfrage.

»Sie wissen also weit mehr, als Sie mir gegenüber zugeben?«

»Sie beantworten mir auch nicht alle Fragen, Professor. Wo wohnen Sie hier in Surgut, zum Beispiel? »Tatjana lächelte herausfordernd. Nicht unsympathisch, wie sich Saranow eingestand.

»Sie wissen doch, dass ich privat wohne. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass diese Antwort der Sicherheit halber genügen muss.«

Da war sie wieder, diese Patt-Situation, denn natürlich wollte Saranow seiner Gastgeberin nicht eröffnen, dass er bei der Baba Yaga, dem Geist der sibirischen Taiga, höchstpersönlich Wohnrecht besaß. Immerhin war sie die Gegenspielerin Koschtschejs. In gewisser Weise standen Doktor Andrejewna und er auf verschiedenen Seiten.

Tatjana seufzte mit leicht ironischem Unterton.

Der russische Parapsychologe wechselte das Thema. »Wie steht es mit den anderen Elementarkraftwerken? Sollte das nächste nicht längst in Betrieb gegangen sein? Könnte ich nicht aus diesem Grund noch einmal als Inspektor Moskaus bei Etar-Energija auftauchen?«

»Es gibt, sehr zum Leidwesen von Doktor Schenglow, eine leichte Verzögerung bei der Isolierung. Sowie das Problem behoben ist.« Doktor Andrejewna rührte in ihrem Tee.

»Die Isolierung von Wasser?«, schoss Saranow seine nächste Frage ab. Er riet ins Blaue hinein, es hätte auch genauso gut die Isolierung von Hitze – also von Yer – sein können.

»Wasser?«

»Wer ist der Nächste? Baikal? Aldan?«

»Ich bin Wissenschaftlerin, ich bin für die reibungslose Funktion zuständig, nicht für die Quelle.«

»Tatjana, sehen Sie mir in die Augen. Es ist wichtig für uns.«

»Wer ist uns? Herr deMontagne und Sie?«

»Ja«, dehnte Saranow. So kamen sie einfach nicht weiter.

Die Russin lächelte. »Sie haben noch gar nichts zu meiner selbst gemachten Konfitüre gesagt. Sie scheint Ihnen nicht zuzusagen.« Sie hob ihren Zwiebackkringel an und biss hinein.

Na warte, dachte Saranow. »Ganz im Gegenteil, verehrte Kollegin. Aprikosen-Warenje von Tante Olga zählt zu den schönsten meiner kulinarischen Kindheitserinnerungen! Während ich die Konfitüre im Tee genieße, sehe ich Tante Olga vor mir, mit ihrem schelmischen Blick, den langen angegrauten Haaren, die sie meistens jedoch als Knoten auf dem Kopf trug. Klein und drahtig von Gestalt, konnte sie nie wirklich still sitzen. Ich sehe ihre Datscha vor mir, den großen Garten, den von ihr gedeckten Tisch zwischen den Blumenbeeten, die ganze Familie in trauter Eintracht darum. Ich wünschte, Sie hätten Tante Olgas Warenje nur einmal kosten können … – Tja«, Saranow fasste sich an die Brust, »hier drin habe ich die Erinnerungen aufgehoben, und wann immer ich Aprikosen esse, werde ich an sie erinnert.«

Sein Gegenüber sah ihn an, nickte und trank einen Schluck Tee.

Eine Pause entstand. Wenn Boris Saranow Tatjanas Blick richtig deutete, hätte sie tatsächlich gern das Thema vertieft, vielleicht sogar ein Beispiel aus ihrer Kindheit gegeben. Doch sie hielt sich zurück.

Zu schade, dass man manchmal nicht aus sich heraus konnte.

Er kam wieder auf sein eigentliches Thema zurück. »Konnten Sie in Erfahrung bringen, was Asmodis von Doktor Schenglow wollte?«

»Nicht ganz.« Tatjana setzte sich aufrecht hin und legte die Hände links und rechts neben dem Teller auf den Tisch. »Er hat mich anfangs anscheinend nicht gesehen. Kurz bevor ich Doktor Schenglows Büro betreten konnte, klingelte mein Handy. Ich nahm das Gespräch an, lehnte mich hinter einer großen Pflanze an die Wand und lauschte dem Anrufer. In diesem Moment öffnete sich die Bürotür und hinaus trat ein sichtlich gut gelaunter Sid Amos, der etwas in seiner verschlossenen rechten Faust hielt. Wie immer elegant gekleidet, mit seinen schwarzen, glatt zurückgekämmten Haaren und dem Pferdeschwanz. Als er die Tür geschlossen hatte, fiel die Maske von ihm ab. Er schien nachdenklich, schüttelte den Kopf und seufzte, dann nahm er mich wahr und lächelte galant. Er machte einen altmodischen Kratzfuß und schritt an mir vorüber. In diesem Moment gab das Handy nur noch ein Rauschen von sich. Hinter der Gangbiegung hörte ich ein verhaltenes Lachen.«

»Haben Sie Doktor Schenglow nach dem Grund von Asmodis’ Besuch gefragt?«

Tatjana grinste und wollte etwas erwidern, doch im letzten Moment hielt sie sich zurück. Stattdessen schüttelte sie den Kopf. »Es steht mir nicht zu, Fragen zu stellen. Wenn es Doktor Schenglow genehm ist, erklärt er sich mir aus freien Stücken.«

So kommen wir nicht weiter, dachte Saranow. Diese Besuche bringen nichts, die Gespräche drehen sich nur im Kreis. Andererseits - der russische Parapsychologe gönnte sich einen weiteren Löffel Aprikosen-Warenje in seinen Tee – wenn ich hartnäckig genug bin, können wir uns vielleicht doch privat etwas intensiver austauschen.

Aufmunternd nickte er der ehemaligen Kollegin zu.

»Haben Sie nicht auch eine kulinarische Kindheitserinnerung …?«

***

Westsibirisches Tiefland
Ketsko-Tymskaja ravnina (ein riesiges Sumpfgebiet), ca. 600 km östlich von Surgut

Alles war in der Kälte des sibirischen Spätwinters erstarrt.

Yaga zog den bestickten Pelzmantel enger um ihren schlanken, jugendlichen Körper. Dann verbarg sie die Hände in ihrem Muff. Den Kopf umhüllte eine Fellmütze und die mächtigen Stiefel waren ebenfalls aus Filz und Fell. Obwohl es sich bei ihrer Kleidung um eine Tracht der einheimischen Chanten handelte, wirkte sie wie eine modisch elegante Erscheinung mitten in der Einöde.

Die kleinen Seen vor ihr waren zugefroren, die teils verkrüppelten Bäume reckten ihre unbelaubten, schneebedeckten Zweige klagend in den Himmel. Ein trostloses Stillleben. Und doch würde es in zwei Monaten beginnen zu tauen. Neues Grün würde hervorsprießen, das Leben in Taiga und Tundra erwachen.

Leben! Yaga lachte verbittert auf. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Zumindest hier nicht. Alles sah so friedlich aus, doch der Schein trog.

Sie schloss die Augen, öffnete den Geist und fädelte sich ein.

Als sie die Augenlider wieder hob, sah sie die Umgebung in anderen Farben. Sie befand sich nun in den Jenseitigen Bezirken. Die, wenn sie es recht betrachtete, Teil des Magischen Universums waren. Hier konnte sie weitaus klarer sehen, konnte lebende Körper als Wärmequellen ausmachen. Käfer und Raupen glommen aus dem Boden auf, selbst die sonst kahlen Bäume umhüllte eine tiefgrüne Aura. Auch die Luft war nicht durchsichtig, sondern zeigte Farbe. Ein gewaltiger Strang, ein Band, aus vornehmlich grauen und violetten Tönen wand sich vor ihr über die Seen, die verhalten ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Professor Zamorra - Folge 1039" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen