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Professor Zamorra - Folge 1022

Worte der Angst

von Andreas Suchanek

Ein letztes Mal schaute er auf das Pergament.

Es war längst vergilbt, die Zeichnung darauf verblichen. Es zeigte seinen Traum, mit einfachen Strichen für eine Ewigkeit gebannt.

Ein Traum von Tod und Zerstörung, Macht und Triumph. Nur ein einziger Moment, der doch alles verändern sollte; ein Plan, der nach Jahrzehnten endlich Wirklichkeit wurde. Alle Figuren waren auf ihrem Platz und wussten doch nicht um ihre Rolle in diesem Spiel.

Als er an das Gesicht der Bibliothekarin dachte, begann er schallend zu lachen.

Es begann.

Sie wusste, dass all diese Schönheit in wenigen Minuten nicht mehr existieren würde, und konnte doch nichts tun – nur zusehen und abwarten. Erneut war sie zur Machtlosigkeit verdammt, wie so viele Male zuvor.

Eines der Raumschiffe glitt majestätisch über die Stadt hinweg, begann seinen langsamen Aufstieg in den Orbit, wobei es einen grün schimmernden Schweif hinter sich herzog. Das filigrane Gebilde aus Glas, Gold und Keramik, das wunderschön anzusehen war und den gesamten Horizont einnahm, wurde kleiner und kleiner, bis es schließlich mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen war.

Für die hochgewachsenen Wesen am Boden war ein solcher Start nichts Außergewöhnliches. Sie gingen weiter ihrer täglichen Arbeit nach, widmeten sich der Kunst, der Philosophie und Diplomatie. Es war ein Idyll, wie die Bibliothekarin es erst einmal zuvor gesehen hatte. Und ebenso wie damals würde auch diese Hochkultur vergehen. Obwohl sie sich ihrer Machtlosigkeit bewusst war, rannte sie doch auf eine Gruppe der Wesen zu und versuchte, sie zu warnen. Es war lächerlich, sinnlos, Zeitverschwendung; trotzdem musste sie es tun.

»Flieht!«, rief sie, die Hände flehend den bleichen Gestalten zugewandt, die lächelnd zwischen Blumen und weißem Stein umherschritten. »Steigt in eure Schiffe und verlasst diese Welt!«

Doch keiner der Fremden nahm sie wahr. Ihre tiefen, schwarzen Augen wirkten wie Seen aus Teer, ohne Lider, ohne Pupille. Sie starrten damit durch sie hindurch, als wäre sie nicht vorhanden.

Und schließlich war sie das auch nicht.

Sie sagte es trotzdem. Ein letzter Appell. »Bitte, flieht. Lasst nicht zu, dass sie euch wie so viele andere auslöscht.«

Und dann war sie heran.

Die Angst kam und tat das, was sie immer tat.

Sie verschlang, zerstörte, zermalmte – vernichtete.

Ein weiteres Volk starb lautlos in den Tiefen des Alls.

***

Die Bibliothek, Gegenwart

Die Bibliothekarin fuhr zitternd in die Höhe. Für einige Sekunden schwappte der Traum in die Wirklichkeit herüber und hielt sie mit eisiger Klaue umschlungen. Tränen rannen über ihre Wangen und nasser Angstschweiß bedeckte ihre Stirn; die Bettdecke war klamm. Mit einem einfachen magischen Wort setzte sie den Docht der Wandleuchter in Brand, worauf ein warmes Licht die Finsternis vertrieb.

Endlich kehrte Ruhe in ihrem Geist ein und die letzten Schatten des Albtraums verblassten. Aber obwohl sie sich hier, in der Sicherheit der Bibliothek, noch keine wirklichen Sorgen machen musste, wusste sie doch, dass dieser Traum eine tiefer gehende Bedeutung besaß.

Denn er kam nicht zum ersten Mal. Schon einmal war sie in ihren Träumen dort gewesen, auf jener namenlosen Welt, und hatte das Sterben der bleichhäutigen Wesen mit den schwarzen Augen miterlebt. Damals – vor Jahrhunderten –, als sie damit begann, ihre Macht einzusetzen, um in die Schatten der Zeit einzutauchen und die kommenden Dinge zu deuten. Doch während sie zu jenem Zeitpunkt gespürt hatte, dass die Ereignisse noch weit in der Zukunft lagen, wusste sie heute, dass das Erlebte tatsächlich gerade geschehen war. Es war keine Deutung des Kommenden gewesen, sondern das Beobachten der Gegenwart. Irgendwo weit draußen im All war eine Hochkultur untergegangen. Und mit schmerzhafter Klarheit begriff sie, dass die Zeit der Entscheidung näher rückte. Die Angst war auf dem Weg zur Erde und sie würde bald hier sein. Nicht erst in Jahrzehnten oder gar Jahren, nein früher, viel früher. Aber da war noch etwas gewesen. Sie war nicht die Einzige, die den Untergang beobachtet hatte.

Sie lachte bitter auf. Natürlich nicht. Er war auch dort.

Marvuk.

Sie streifte die Bettdecke zur Seite und setzte sich auf. Ihre nackten Füße berührten den flauschigen Teppich, was sie sonst immer ein paar Sekunden lang genoss. Heute jedoch stand ihr nicht der Sinn danach. Sie musste etwas unternehmen. Schnell.

Ihre Gedanken wandten sich einem Fadenkreuz gleich einer bestimmten Person zu.

***

Prag, 1912

Eliska Novak knallte wütend die Tür ins Schloss. Sie hätte das verdammte Portal schon vor Wochen aufbauen sollen. Stattdessen war sie quer durch die Wüste gewandert, um ihre Suche in einer alten Ruine fortzusetzen. Und warum? Weil sie in einem staubigen Folianten eine rissige Karte entdeckt hatte, die auf Mesopotamien hindeutete. Dort, im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, sollte eines der Artefakte versteckt worden sein. Eine falsche Fährte, wie schon so viele zuvor. Am Ende musste sie über ein Bibliotheksportal unverrichteter Dinge zurückkehren.

»Wieder keinen Erfolg gehabt?«

Eliska zuckte zusammen. Während sie sich noch für ihre Nachlässigkeit verfluchte, hob sie ihre Rechte, ein Magiewort auf den Lippen.

Doch dann ließ sie die Hand wieder sinken. »Du? Was willst du hier?«

»Schickes Hotel«, sagte Pavel Novak mit einem frechen Grinsen im Gesicht. Ihr Bruder war gerade zweiundzwanzig geworden, war damit zwei Jahre jünger als sie und sah unverschämt gut aus. Leider war er sich dessen nur allzu bewusst. »Hast du dich wieder in irgendeiner Höhle herumgetrieben?«

»Jetzt kommt hoffentlich nicht der Witz mit dem Sand, der in jede Ritze kriecht.«

Er kicherte, wobei seine strahlend weißen Zähne aufblitzten. »Ach Schwesterchen, derart vulgäre Zoten kämen mir nie in den Sinn. Für die Skandale bist du zuständig. Du bist eine Sufragette, stehst auf Reformmode, reist alleine durch die Welt und gehst auch alleine ins Varieté.« Er sprang auf. »Und wo wir gerade davon sprechen, findest du nicht, dass deine rebellische Phase schon lange genug andauert?«

Sie warf ihren Bowler in die Ecke und ging zu der kleinen Anrichte. Aus einem bauchigen Schwenker goss sie sich ein wenig Wein in eines der bereitstehenden Gläser. Hoffentlich hatte das Hotel dieses Mal besseren Geschmack bewiesen. Sie bevorzugte den kräftigen Roten aus dem Loiretal in Frankreich.

»Ich bin weder rebellisch, noch ist es eine Phase«, erwiderte Eliska nach einem genüsslichen Schluck. »Ich bin nur vernünftig, was sonst keiner ist.«

Sie betrachtete ihren Bruder genauer. »Schwarzer Smoking, weißes Hemd, die besten Manschettenknöpfe.« Sie kam näher und befühlte das Material. »Da hat Vater ja etwas springen lassen.« Hinzu kamen seine Haare, die er mittellang und fein nach hinten frisiert trug. »Was planst du denn heute?«

»Eine Abendveranstaltung mit Graf zu Potlitz«, erwiderte er. »Vater will, dass ich dabei bin und mich ein wenig um dessen Tochter kümmere.«

»Das wird er vermutlich bereuen.«

»Er möchte außerdem, dass du endlich wieder nach Hause kommst. Lass diese dämliche Jagd doch sein. Wonach auch immer du da suchst in der Welt, es kann doch nicht wichtiger sein als unsere Familien-Aufgabe!« Er griff nach einem zweiten Glas und goss Whiskey hinein.

»Du weißt nicht, wovon du sprichst.« Und wie konnte er auch? Er kannte nicht die Wahrheit. Weder er noch die anderen Familienmitglieder.

Nur sie kannte es. Weil sie sich in Jasnas Heiligtum geschlichen und das Erste Buch gelesen hatte. Sie wusste selbst nicht, warum sie überhaupt in der Lage gewesen war, in die Bibliothek einzudringen und darin herumzuschnüffeln, doch seit sie als kleines Mädchen entdeckt hatte, dass sie es konnte, war das ihre Lieblingsbeschäftigung gewesen. Wann immer sie den Kindermädchen entkommen konnte, war sie in die Bibliothek der Novaks geschlüpft und hatte dort in den Büchern gestöbert und gelesen.

Und eines Tages war sie auf das Erste Buch gestoßen.

Das, in dem alles über die Entstehung der Novaks und warum sie waren, was sie waren, verzeichnet war. Wie sehr ein paar Seiten Geschichte alles verändern konnten! Seit diesem Tag suchte sie nach dem Vermächtnis der Stadt. Der Macht, die den Sturm überlebt hatte.

Aber von all diesen Dingen brauchte ihr Bruder nichts weiter zu wissen.

»Ich will diese Diskussion nicht schon wieder führen.« Mit einem gekonnten Hüftschwung trat sie an ihren Schrankkoffer und öffnete ihn. »Was sagst du dazu?«

Pavel erhob sich und betrachtete das Kleid. Eliska hatte das Kostüm extra anpassen lassen. Es war ein Traum aus blauer Seide, das in einer Kombination mit einem Jackenkleid getragen wurde. Es wirkte elegant, aber nicht protzig und besaß nur die Andeutung eines Korsetts. Die Kragenverzierung war aus Samt, Brust und Taille schmal geschnitten. Der Hut war ausladend und übergroß, wie es gerade en vogue war und die Hutnadel bestand aus filigran gearbeitetem Gold. »Nicht schlecht. Wem willst du damit den Kopf verdrehen?«

»Nach zwei Wochen in der tiefsten arabischen Wüste brauche ich einfach etwas Spaß. Bedauerlicherweise werde ich den alleine haben müssen.«

Pavel verdrehte die Augen. »Na wunderbar. Wenn Vater morgen früh einen Blick in die Klatschjournaille wirft, ist die Stimmung schon beim Frühstück auf dem Tiefpunkt.« Er leerte das Glas mit einem letzten Schluck. »Lass mich raten.« Er griff nach einem von zwei länglich zugeschnittenen Karten. »Du gehst ins Varieté, um diese Schauspieler zu treffen. Oh Elli! Du bist gerade mal ein paar Stunden wieder hier.«

»Und wozu Zeit verschwenden?« Sie zwinkerte ihm zu. »Gib den Menschen doch etwas, worüber sie sich das Maul zerreißen können. Das Leben ist viel zu kurz.«

»Na von mir aus. Amüsiere dich, während ich den Abend mit Papa, einem langweiligen Grafen des Deutschen Kaiserreichs und dessen Tochter verbringe. Nicht zu vergessen unser Cousin.«

»Miloš ist auch dort?«

»Glaubst du, er hat eine Wahl?« Pavel lachte. »Aber irgendwie ist der Kleine seltsam. Er wirkt immer so still und unnahbar.«

»Kein Wunder.« Eliska trat hinter ihre Ankleidewand. »Wenn man bedenkt, was mit seinem älteren Bruder geschehen ist. Svatopluk ist jetzt wie lange tot, vier Jahre? Dass ausgerechnet er einen Fehler in der Beschwörung macht und dann von einem Dämon getötet wird, hätte wohl niemand für möglich gehalten. Aber so ist das eben.«

Pavel zuckte mit den Schultern. »Er wird es überstehen und zu sich selbst zurückfinden. Mit unserer Hilfe. Jetzt sollte ich mich beeilen.«

Sie schaute hinter der Ankleidewand hervor. »Hau schon ab.«

»Mach’s gut Schwesterherz!« Er zwinkerte ihr zu. »Pass auf dich auf.«

***

Eliska hastete die Stufen empor, darauf bedacht, nicht über den tiefen Saum ihres Kleides zu stolpern. Verflixt, der Rock war immer noch viel zu eng! Seit Neuestem gab es in Frankreich Kleider ohne Korsett, in fließenden Formen; doch in Prag, im österreichisch-ungarischen Kaiserreich, waren diese noch nicht salonfähig. Nicht, dass ihr das etwas ausgemacht hätte; doch sie hatte Besseres zu tun, als sich wegen öffentlichen Ärgernisses verhaften zu lassen. Es würde noch ein, zwei Jahre dauern, bis sie es auch hier wagen konnte, solche Kleider anzuziehen – ein Schritt hin zu mehr Pragmatismus.

Die Drehtür schien sich gegen sie zu wehren, als sie förmlich hindurchsprang. Überhaupt dauerte heute alles viel zu lange. Und hätte der Portier die Droschke schneller gerufen … sie verwarf die müßigen Gedanken. Der rote Stoff des Teppichs dämpfte ihre Schritte, als sie zum Eingang des Theatersaals hetzte. Sie hatte keinen Blick für die Gemälde, die wertvollen Vasen und all den übrigen Tand, der hier überall zu finden war. Das Meiste waren sowieso nur Nachbildungen.

Sie schlüpfte im letzten Moment in den Saal und kurz darauf auf ihren Platz. Um sie herum herrschte bereits gespannte Erwartung. Es wurde leise gesprochen, gelacht und hier und da war ein Räuspern zu hören. Eliskas Hände wurden feucht.

Sie lachte in sich hinein. Die große Eliska Novak, die Artefaktjägerin, die sich in unterirdischen Ruinen und verlassenen Gräbern herumtrieb, hatte vor einem Theaterauftritt Angst.

Als der Vorhang zur Seite fuhr, breitete sich Stille aus. Von einem Moment zum anderen verstummte das Räuspern, Gespräche endeten, das Füßescharren wurde eingestellt. Erst nach einigen Sekunden begriff sie, dass die Ruhe nicht natürlich war. Es herrschte absolute Stille. Kein Ton war zu hören, nicht ein einziges Geräusch. Als sie ihren Blick schweifen ließ, bestätigte sich ihre Ahnung. Die Theaterbesucher wirkten wie eingefroren.

Sie sind eingefroren!

Der Gentleman zu ihrer Linken hielt ein Taschentuch in Händen, wollte sich gerade schnäuzen. Die Lady zu ihrer Rechten beugte sich soeben zur Seite, um mit ihrem Sitznachbar zu flüstern.

Als hätte jemand einfach die Zeit angehalten.

»Hallo Eliska«, erklang eine Stimme von der Theaterbühne.

Als sie aufblickte, durchfuhr ein heißer Schreck ihre Glieder. »Svatopluk! Aber du bist doch … tot.«

Der Mann auf der Bühne war Anfang zwanzig und nach neuester Mode gekleidet. Er lächelte jovial, während er einen mit einem goldenen Knauf verzierten Spazierstock kreisen ließ. »Die Gerüchte über mein Ableben waren wohl etwas verfrüht.« Er lachte schallend. »Genau genommen ist Svatopluk tatsächlich tot. Wurde ja auch Zeit, dass einer von euch einen Fehler begeht. Es hat lange genug gedauert.«

Eliska erhob sich von ihrem Stuhl. Das Entsetzen hielt sie mit eisiger Klaue gepackt. »Du bist … er

Ihr fiel ein, was sie im Ersten Buch über ihn gelesen hatte.

Er, dessen Geheimnis sie seitdem auf der Spur war.

Das Lächeln verschwand abrupt von seinem Gesicht. »Du weißt sogar mehr als ich dachte. Zuerst fand ich dich faszinierend, mittlerweile aber gefährlich. Du suchst nach den Artefakten, kennst augenscheinlich die Wahrheit über Jasna und … mich. Anfangs wollte ich dich töten, doch möglicherweise habe ich eine bessere Verwendung für dich – eines Tages.«

Eliska atmete langsam ein und aus, während sie sich auf das Ende der Stuhlreihe zubewegte. Sie konnte seine Macht nicht einschätzen, obwohl seine im Ersten Buch niedergeschriebenen Taten von absoluter Grausamkeit und einem unstillbaren Machthunger zeugten. Was er mit den Theaterbesuchern getan hatte, deutete jedoch auf ein beträchtliches Maß an magischer Kraft hin.

Sie erreichte den Gang und wollte weiter zurückweichen, doch mit einem Mal war eine unsichtbare Wand hinter ihr, die sie unaufhaltbar nach vorne schob.

Auf ihn zu. Panik wallte in ihr auf und wischte jedes magische Wort aus ihrem Gedächtnis, das sie kannte. All die Artefakte, die sie für ihre Suche und ihren Kampf gesammelt hatte, waren sicher in einer Dimensionsfalte ihrer Stadtwohnung versteckt oder auf diverse Schließfächer verteilt. Sie verfluchte sich für ihre Nachlässigkeit. Sie war quasi waffenlos, nur auf ihre Magie angewiesen. »Nun willst du mich also ausschalten?«

»Ja, das trifft es wohl ziemlich gut.« Er lachte leise. »Ich brauche dich noch. Eines Tages wirst du wichtig sein – für eine kurze Weile. Bis dahin, fürchte ich, muss ich dich kaltstellen.«

»Versuch es!«

Eliskas Kampfgeist erwachte. Sie riss die Arme empor. In ihren Handflächen entstand ein Glühen, das beständig stärker wurde. Sie murmelte leise magische Worte, worauf sich das Glühen verdichtete. »An mir wirst du dir die Zähne ausbeißen!« Als die beiden Feuerkugeln entstanden waren, warf sie sie ihrem Feind entgegen.

Dieser gähnte jedoch nur und ließ seinen Spazierstock durch die Luft sausen. Die Bälle verschwanden, als hätten sie nie existiert.

»War das alles?«, fragte er.

Eliska fokussierte den Vorhang der Bühne. Ein gemurmelter Satz, eine Geste und der Stoff erwachte zum Leben, bildete Tentakel und umschlang ihn. Nach wenigen Augenblicken verhärtete der Stoff, versuchte den verdammten Kerl zu zerquetschen.

Ihre Hoffnung wurde enttäuscht, als der Vorhang zu Ascheflocken zerbröselte, die durch die Luft davonflogen.

»Nett, wirklich nett«, sagte ihr Feind, während er sich die Flocken abstreifte, die an seinem Anzug hafteten. Sie hinterließen keine Spuren.

»Aber dieses Spiel wird müßig. Ich habe noch einiges zu tun und die Zeit drängt. Die Welt, wie du sie kennst, existiert bald nicht mehr. Ein Sturm zieht auf, der die Mächte in ihren Grundfesten erschüttern wird.« Er lächelte. »Ich muss mich darauf konzentrieren.«

Damit holte er aus und warf etwas Unsichtbares auf Eliska. Ein Sog setzte ein, der sie auf die Bühne zog. Ihr Feind seinerseits sprang herunter und ging gemächlich davon. Wehrlos schwebte sie in der Luft, von purer Magie gehalten.

»Ich werde dafür sorgen, dass du hier verweilst, für eine lange, lange Zeit.« Sein Spazierstock klackte auf den Holzbohlen, als er davonschritt. »Ich verwebe den Zauber mit der Grundessenz der Hölle, aus ihr wird er sich speisen. Solange die Hölle existiert, besteht auch der Zauber – es sei denn, ich selbst löse ihn. Und eines ist gewiss: Die Hölle wird niemals erlöschen.«

Er warf ihr einen letzten Blick zu, dann verließ er das Theater.

Die Luft um Eliskas Körper verwandelte sich in einen zähflüssigen Sirup und härtete dann langsam aus. Es war, als würde eine dünne Schicht aus Kristall ihren Körper überziehen. Sie bekam keine Luft, versuchte um sich zu schlagen, ihr Gefängnis zu zertrümmern – erfolglos.

Die Macht des Feindes umhüllte ihren Leib, zerrte an ihrem Ich, verschlang ihr Denken.

***

Château Montagne, Gegenwart

Nicole Duval hielt ihr Notizbuch in der einen Hand, eine Tasse Kaffee in der anderen. Sie war auf dem Weg in Zamorras Arbeitszimmer, um diverse Unterlagen zu aktualisieren. Gerade in letzter Zeit hatten sie und Zamorra wieder allerlei zu tun gehabt – ob im Kampf gegen die Hölle, Eden oder in New York. In all der Hektik blieb meist wenig Zeit, die Erlebnisse regelmäßig in Form von Berichten festzuhalten. Nachdem der Stapel mittlerweile aber eine beängstigende Größe erreicht hatte, wollte sie nicht länger warten.

Ich beeile mich besser. Die nächste Katastrophe wartet doch nur darauf, loszulegen.

Sie schmunzelte und hielt vor der verschlossenen Tür des Arbeitszimmers inne. Ihr Blick wanderte zwischen Notizbuch und Kaffeetasse hin und her. Sie entschied sich für Letzteres und stellte sie auf dem nächststehenden Regal ab, um eine Hand freizuhaben.

Die nächste Tasse darf William mir bringen, beschloss sie.

Nicole öffnete die Tür und machte dabei einen Schritt ins Arbeitszimmer.

Dort hätte Selbiges zumindest sein sollen. Stattdessen betrat sie einen völlig anderen Ort. Während sie noch mit offenem Mund auf die ältere Dame starrte, die ihr lächelnd entgegenblickte, fiel hinter ihr die Tür ins Schloss.

»Aber …«, stammelte sie.

»Hallo Nicole«, erwiderte die Bibliothekarin gelassen.

»Jasna Novak! Wie hast du das gemacht?«

»Tritt doch bitte näher, meine Liebe.« Die alte Dame winkte sie heran, um ihr freundlich die freie Hand zu schütteln. »Ich kann überall auf der Welt Zugänge zur Bibliothek öffnen. Weißt Du nicht mehr? Ich habe dir den Zutritt über die Katakomben der Villa in Prag gewährt und bin dir später im Tresor zu Hilfe gekommen[1]

Nicole schüttelte ihr verdutzt die Hand, während sie sich umsah.

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