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Professor Zamorra - Folge 1021

Die Ruinen von Choquai

von Andreas Balzer

Die goldene Stadt der Vampire brannte.

Die meisten Bewohner Choquais zerfielen einfach zu Staub, als die magische Schutzsphäre, die es ihnen erlaubt hatte, auch bei Tag zu existieren, erlosch.

Den Tulis-Yon erging es kaum besser. Gegen die rasende Wut der von ihrem Joch befreiten menschlichen Sklaven und die Mordlust der von außen eindringenden Armee aus Wuchang hatten selbst die wolfsköpfigen Elitekrieger keine Chance. Nur wenigen gelang die Flucht.

Sie würden nie wieder an diesen verfluchten Ort zurückkehren.

China vor 2000 Jahren, Choquai

Kuang-shi lag reglos auf dem Marmorboden seines Thronsaals. Professor Zamorra und Fu Long hatten den unsterblichen Götterdämon in einen tiefen Schlaf versetzt, aus dem es kein Entrinnen gab. Er würde weiterexistieren als Gefangener seiner eigenen Träume. Träume, die Fu Long kontrollierte und aus denen er ein ganz neues Choquai formen würde. Dieses Choquai würde in einer eigenen Dimension existieren und Fu Longs Vampirfamilie als Heimstatt dienen.

»Du willst in seine Träume einziehen?« Zamorra fand die Idee so absurd, dass er beinahe laut aufgelacht hätte. »Na, dann viel Spaß!«

»Nein, ich will sie nur anzapfen, um mit ihrer Hilfe ein neues Choquai zu schaffen, in einer völlig neuen Realität, gespeist von Kuang-shis Träumen, aber kontrolliert durch uns.«

»Eine Art Parallelwelt?« Der Meister des Übersinnlichen hatte immer noch nicht verdaut, dass er zehn Jahre lang ohne Erinnerung an seine wahre Identität als Hofzauberer Tsa Mo Ra in Choquai gelebt hatte. Doch offenbar hielt der Tag noch weitere Überraschungen parat.

»Ja«, erwiderte Fu Long, der chinesische Vampir mit einer menschlichen Seele. »Und ein ideales Exil. In der Welt, aus der wir beide stammen, werden wir für immer Verfolgte sein. Also werden wir uns unsere eigene Welt schaffen, in der wir in Frieden leben können, ohne eure Art zu gefährden. Und sie ist zugleich das perfekte Gefängnis für Kuang-shi. Ihr werdet nie wieder etwas von ihm sehen oder hören.«

Wenig später schickte Fu Long Zamorra und die anderen, die es aus der Realität des Jahres 2005 nach Choquai verschlagen hatte, zurück in ihre Zeit. Doch er hatte noch ein Geschenk für den Meister des Übersinnlichen. Zum Abschied blockierte er alle Erinnerungen an sein Leben als Tsa Mo Ra. Er sollte sein altes Leben unbelastet von der Vergangenheit wieder aufnehmen können.

Dann war es auch für Fu Long Zeit, diesen Ort des Schreckens zu verlassen. Mithilfe des magischen Steins Hong Shi griff er auf Kuang-shis Träume zu und vollzog mit seiner Familie den Übergang in eine neue Realität.

Was zurückblieb, waren brennende Ruinen.[1]

***

Washington, D.C., Gegenwart

Professor Zamorra blickte grimmig in seinen Drink. Es war nicht gut gelaufen. Nein, es war wirklich nicht gut gelaufen.

»Noch einen, Sir?«

Der Kellner der bestens sortierten Hotelbar widmete sich seinen wenigen Gästen umsichtig und mit professioneller Freundlichkeit, hielt sich aber ansonsten angenehm im Hintergrund.

»Auf jeden Fall«, erwiderte Zamorra. »Doppelt!«

»Sofort, Sir!«

Der französische Parapsychologe hatte einen Auchentoshan bestellt, einen schottischen Whisky, der die für die Lowlands typische Milde aufwies. Zamorra trank ihn wie üblich ohne Eis. Auch auf Wasser, das Einzige, was von Whiskykennern als Zusatz zum eigentlichen Getränk geduldet wurde, verzichtete er. Er wollte den Geschmack nicht verwässern.

Schon gar nicht an diesem Abend.

Der Kellner brachte das Glas, stellte ein Schälchen Erdnüsse daneben und zog sich dezent zurück. Die attraktive, etwas zu stark geschminkte Blondine, die am kürzeren Ende des L-förmigen Tresens saß, lächelte Zamorra an und prostete ihm mit ihrem Getränk zu, einem giftgrünen Cocktail, der mit einer absurden Vielzahl von Schirmchen, Obstscheiben und bunten Püscheln verziert war. Zamorra vermutete, dass sie eine Prostituierte war, die in der Bar des angenehm kleinen, fast familiären Fünf-Sterne-Hotels am Potomac River auf der Suche nach Geschäftsleuten war, die die einsamen Nächte in einer fremden Stadt mit einem kleinen Abenteuer etwas aufpeppen wollten. Es störte ihn nicht, aber er hatte auch kein Interesse.

Zamorra nickte der Blonden freundlich zu, achtete aber darauf, dass es nicht wie eine Einladung aussah. Die Frau lächelte verstehend und widmete sich ausgiebig ihrem Smartphone.

»Gute Entscheidung, Sir«, sagte der Kellner. »Ich habe nichts gegen die Ladys, wirklich nichts. Auch wenn es in den Vereinigten Staaten illegal ist, aber die müssen schließlich auch ihre Miete bezahlen, und wenn sie jemandem damit ein paar schöne Stunden bescheren, warum nicht? Aber diese Dame kenne ich nicht. Und ich sehe es nur äußerst ungern, wenn amüsierwillige Hotelgäste ausgeraubt werden, nachdem ihnen jemand K.-o.-Tropfen verabreicht hat.«

»Kommt das öfter vor?«

»Öfter, als sie denken!«

Zamorra leerte zügig seinen Whisky und bestellte noch einen.

»Harter Tag?«

»Kann man wohl sagen.«

Wobei das sicher Ansichtssache war. Für jemanden, der es gewohnt war, mindestens alle zwei Wochen gegen die Herrscharen der Hölle anzutreten, sollte es eigentlich ein Klacks sein, an einer amerikanischen Eliteuniversität einen Vortrag vor ein paar Hundert Studenten zu halten. Zumal Zamorra der akademische Betrieb durchaus vertraut war. Bevor seine Karriere eine völlig unerwartete Wendung genommen hatte, hatte der Parapsychologe in Harvard, an der University in New York und an der Pariser Sorbonne gelehrt. Und auch heute noch hielt er weltweit Gastvorträge und veröffentlichte in angesehenen Fachzeitschriften.

Zugegebenermaßen hatte er diesen Teil seines Lebens in den letzten Jahren etwas vernachlässigt. Wer konnte sich schon an den Schreibtisch setzen und in Ruhe Vorträge oder Artikel ausarbeiten, wenn er permanent damit beschäftigt war, die Welt zu retten? Dabei hatte er sich diesmal sogar eine Woche für die Vorbereitung frei gehalten. Doch als er tatsächlich mit der Arbeit beginnen wollte, war natürlich wieder etwas dazwischen gekommen. Wie sollte es auch anders sein?

Die Arbeit eines Gelehrten und das Leben eines Dämonenjägers passen einfach nicht zusammen, dachte Zamorra grimmig, und nahm einen weiteren großen Schluck von seinem Scotch.

Selbstkritisch musste er zugeben, dass der Vortrag, den er in letzter Minute zusammengeschustert hatte, einer der schwächsten seiner Karriere gewesen war. Allerdings keiner, für den er sich schämen musste. Er bot immer noch genug Substanz, um einem aufgeschlossenen Publikum neue Erkenntnisse zu vermitteln und ungeahnte Perspektiven zu eröffnen.

Wenn er denn ein solches Publikum gehabt hätte. Denn das war an diesem Nachmittag das eigentliche Problem gewesen: Das Publikum war saumäßig.

Zamorra hatte seine akademische Laufbahn in einer Zeit des Umbruchs begonnen. Als junger Wissenschaftler hatte er viel Zeit mit den Studenten der 68er-Generation verbracht, für deren Aufbegehren gegen die verkrustete gesellschaftliche Ordnung, gegen sinnlose Kriege und die Ausbeutung der Dritten Welt er immer viel Sympathie gehabt hatte.

Die Studierenden des Jahres 2013 waren komplett anders, und Zamorra fühlte sich unter ihnen wie ein Alien. Die meisten waren so angepasst und auf ihre Karriere bedacht, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen wären, eine so obskure Veranstaltung wie einen Vortrag über Parapsychologie zu besuchen. Diejenigen, die dennoch gekommen waren – und es waren nicht allzu viele –, teilten sich in zwei Lager, und Zamorra wusste nicht, welches er weniger leiden konnte.

Da waren die Skeptiker. Engstirnige Rationalisten, die jeden Hinweis auf eine Realität jenseits ihrer Wahrnehmung mit Hohn und Spott bedachten, ohne sich die Mühe zu machen, sich ernsthaft auf die Argumentation der Gegenseite einzulassen.

Vielleicht noch schlimmer waren die Gläubigen. Sie hatten überhaupt kein Problem, mit dem, was Zamorra ihnen zu vermitteln versuchte. Im Gegenteil. Sie hätten es auch kritiklos akzeptiert, wenn er ihnen erzählt hätte, dass die Welt von einem pinkfarbenen Huhn namens Gottfried erschaffen worden wäre. Sie waren so frustriert von der kalten Welt der Wissenschaft, dass sie einfach alles glaubten, was ihnen als Alternative angeboten wurde.

Was beide Lager vereinte war, dass sie dem Vortrag kaum folgten. Kaum hatte Zamorra etwas gesagt, das sich gut in ihr Weltbild einbauen ließ – als Argument für die Existenz paranormaler Phänomene oder als Beleg für die blödsinnigen Behauptungen der Parapsychologie – schickten sie es gleich per Facebook oder Twitter in die Welt hinaus. Sobald er aus seinem reichen Erfahrungsschatz Beispiele für die Allgegenwart des Übernatürlichen brachte, googelten sie wie wild um die Wette, um Beweise dafür zu finden, dass es sich entweder um reale Ereignisse oder um reine Erfindungen handelte.

Und dann gab es die Zwischenrufer. Solche, die ihn mit Fragen zu provozieren versuchten, ebenso wie solche, die sich bei ihm mit eigenen, oft völlig absurden »Belegen« für die Existenz paranormaler Phänomene einzuschmeicheln versuchten.

Nach einer halben Stunde war die Stimmung so aufgeheizt, dass die Zuhörer drohten, übereinander herzufallen. Irgendwann betete Zamorra geradezu darum, eine wüste Dämonenschar möge die altehrwürdige Universität angreifen und seinen Einsatz erfordern. Im Vergleich zu einer weiteren halben Stunde mit den völlig außer Rand und Band geratenen Studierenden wäre das eine wahre Wohltat gewesen.

Als die Zeit endlich um war, verzichtete Zamorra auf den üblichen Frage-und-Antwort-Teil. Er hatte so stark geschwitzt, dass er glaubte, zehn Kilo leichter zu sein. Er fuhr umgehend ins Hotel, setzte sich an die Bar und gönnte sich einen Whisky. Und dann noch einen. Und noch einen.

Zamorra bemerkte die beiden Männer erst, als es fast zu spät war. Ein breitschultriger Weißer und ein drahtiger, glatzköpfiger Schwarzer in unauffälligen grauen Anzügen betraten die Bar, sahen sich scheinbar nach einem geeigneten Platz um und steuerten dann wie zufällig auf ihn zu. Zamorras Alarmsirenen schrillten, doch ehe der nicht mehr ganz nüchterne Parapsychologe von seinem Barhocker springen konnte, hatten ihn die beiden Männer schon eingerahmt.

»Sorry«, sagte Zamorra. »Das ist ein Ein-Mann-Club. Neue Mitglieder nicht erwünscht!«

»Wir würden es sehr begrüßen, wenn Sie uns begleiten würden, Sir«, sagte der drahtige Schwarze. Seine Stimme war völlig ironiefrei.

»Und ich würde es begrüßen, wenn ich in Ruhe meinen Whisky trinken könnte. Wie Sie vermutlich wissen, bin ich amerikanischer Staatsbürger.« Tatsächlich besaß Zamorra sowohl einen französischen als auch einen amerikanischen Pass. Das hatte sich oft genug als sehr hilfreich erwiesen. Zamorra bezweifelte jedoch, dass das auch diesmal so war. Dennoch setzte er trotzig nach: »Also kann ich hier tun und lassen, was ich will. Dies ist schließlich ein freies Land.«

»Nicht mehr seit dem Patriot Act, Sir«, sagte der bullige Weiße ruhig. »Wenn jemand, US-Bürger oder nicht, auch nur im vagen Verdacht steht, etwas mit terroristischen Aktivitäten zu tun zu haben, können wir mit ihm machen, was wir wollen und solange wir wollen.«

Der Kellner hatte die Szene bemerkt und sich diskret zurückgezogen. In seinem Job merkte man wohl schnell, wann man sich aus der Gefahrenzone bringen musste.

Dafür ließ die schöne Blonde ihr Smartphone in der Handtasche verschwinden. Sie rutschte elegant von ihrem Hocker und kam mit einem maliziösen Blick auf die drei Männer zu.

»Du hättest mein Angebot annehmen sollen, Süßer«, flötete sie. »Dann hättest du zumindest für ein paar Minuten die Illusion gehabt, dass dir ein paar schöne Stunden bevorstehen.«

Zamorra wollte etwas erwidern, doch dann spürte er einen heißen Stich in der Seite.

Um ihn herum wurde alles schwarz.

***

Die nächsten Minuten – oder waren es Stunden? – erlebte Zamorra in einem eigenartigen Dämmerzustand. In den wenigen wachen Momenten realisierte der Parapsychologe, dass er sich offenbar in einem Auto mit abgedunkelten Scheiben befand. Die beiden Männer saßen neben ihm. Die schöne Blonde, die sich als Hotelprostituierte ausgegeben hatte, hatte auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Wer fuhr und wohin die Reise ging, konnte er nicht erkennen.

Zamorra versuchte zu sprechen, doch er brachte nur ein heiseres Krächzen hervor. Er versuchte, den rechten Arm zu heben, doch es gelang ihm nicht. Ob er gefesselt war oder ob ihm schlicht die Muskeln nicht mehr gehorchten, konnte der Dämonenjäger nicht sagen. Bevor er Zeit hatte, es herauszufinden, war er schon wieder in einen traumlosen Schlaf gesunken.

Irgendwann stoppten sie. Zamorra bekam im Halbschlaf mit, wie ihn starke Arme packten und aus dem Wagen schleiften. Die Männer zerrten ihn durch einen düsteren kahlen Flur mit kalten Neonröhren.

Diese Orte sehen alle gleich aus, dachte Zamorra. Er war sich sicher, dass sie sich noch in Washington befanden. Aber dies hätte genauso gut das militärische Hauptquartier am Rande der Todeszone sein können, in das Richard Devaine ihn und Nicole zu Beginn der Kolumbien-Krise hatte verschleppen lassen.

Doch Devaine war untergetaucht, nachdem er Uschi Peters getötet hatte. Er würde am Ende dieses Ganges bestimmt nicht auf ihn warten.

Doch ich habe eine verdammte Ahnung, wer es ist.

Verzweifelt versuchte der Parapsychologe, die Kontrolle und über seinen Geist zurückzuerlangen. Zu seiner Erleichterung gelang es ihm sogar. Langsam wich der Schleier von seinem Bewusstsein und er war wieder in der Lage, klare Gedanken zu fassen. Er konnte sogar seine Finger und Zehen bewegen. Offenbar ließ die Wirkung des Betäubungsmittels langsam nach.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass er es mit Profis zu tun hatte. Die Dosis war genau abgestimmt gewesen, damit derjenige, der seine Entführung befohlen hatte, ohne Zeitverzögerung mit ihm sprechen konnte.

Sie näherten sich dem Ende des Ganges, an dem sich eine unauffällige Tür befand, die von zwei Zivilisten mit Headsets bewacht wurde. Die Männer nickten sich wortlos zu, dann öffnete einer der Headset-Typen die Tür.

Das Büro, in das Zamorra geführt wurde, war klein und schmucklos. In ihm befand sich kaum mehr als ein Schreibtisch und zwei Stühle. Unsanft bugsierten die Männer den Parapsychologen auf den unbequem wirkenden Metallstuhl vor dem Schreibtisch und verließen den Raum.

Zamorra betrachtete den bulligen Mann hinter dem Tisch mit einem freudlosen Grinsen. »William Cummings, nehme ich an …«

***

China, Provinz Hubei

Der alte Mann stand in den Ruinen und lachte. Professor Huang Yifeng wollte gar nicht mehr aufhören, und als ihm der Atem ausging, lachte er immer noch weiter, bis er japste wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Dies war der glücklichste Tag seines Lebens. Huang spürte, wie eine jahrzehntelange Anspannung von ihm abfiel. Er holte tief Luft und lachte weiter, bis ihm dicke Freudentränen die Wangen runterliefen.

Die Umstehenden betrachten den völlig untypischen Gefühlsausbruch des sonst eher steifen Archäologen mit einer Mischung aus Verwunderung und Amüsement. Aber sie konnten ihn nur zu gut verstehen. Sie hatten es geschafft. Endlich!

»Ich freue mich für Sie, Professor«, sagte Dr. Lei Wenyuan und reichte seinem Vorgesetzten dezent ein Taschentuch, damit er sich die Tränen abtrocknen konnte. »Für uns alle.«

»Wir schreiben hier gerade Geschichte, Lei.« Vor Aufregung konnte Huang kaum sprechen. »Die alten Geschichten sind wahr. Sie sind wirklich wahr!«

Die Ausgrabungsstätte befand sich in einer hügeligen, von schroffen Bergen umgebenen Landschaft im Yangtze-Gebiet. Der gewaltige Drei-Schluchten-Staudamm, dessen Bau die gesamte Region verändert hatte, war nicht weit. Doch die nähere Umgebung der Ausgrabungsstätte war kaum besiedelt. Seit Wochen hatten Wissenschaftler der Peking-Universität und der amerikanischen Yale University hier gemeinsam nach Beweisen für einen Teil der chinesischen Geschichte gesucht, den die meisten ihrer Kollegen in das Reich der Legende verwiesen.

Was sie bisher ausgegraben hatten, war tatsächlich nicht allzu beeindruckend. Immerhin bewiesen die freigelegten Mauerreste und zerbrochene Säulen, dass hier vor langer Zeit eine Stadt existiert haben musste. Aber war es die, von der die alten Mythen berichteten? Dafür sprach zumindest, dass die Gebäude offenbar dem Feuer zum Opfer gefallen waren. Schließlich berichteten auch die wenigen, in der Fachwelt höchst umstrittenen Quellen von einem verheerenden Brand, der das mächtige Reich am Yangtze vor rund zweitausend Jahren vollständig vernichtet und seine Bewohner getötet oder auf ewig aus dieser Region vertrieben hatte.

Ein Indiz. Aber kein Beweis.

Doch den hielt Professor Huang jetzt in seinen zittrigen Händen. Es war eine zerbrochene Steintafel, die möglicherweise einmal Teil einer mit Schriftzeichen bedeckten Wand gewesen war. Auf dem unscheinbaren Bruchstück war nur ein einziges Wort zu lesen.

Aber es war ein Wort, das alles veränderte.

Choquai!

***

Der Mann, der Zamorra gegenübersaß, war Anfang 60, trug einen perfekt gestutzten Schnurrbart und hatte eine Glatze, die von einem schwarzen Haarkranz gesäumt wurde. Zamorra war ihm noch nie persönlich begegnet, aber er wusste genau, wen er vor sich hatte. William Cummings war der Chef einer selbst für CIA-Verhältnisse äußerst geheimen Sondereinheit, die auf paranormale Phänomene spezialisiert war. Seinen Spitznamen »Iron Will« verdankte er seinem außergewöhnlichen Durchsetzungsvermögen und seiner eisernen Entschlossenheit, wenn es darum ging, ans Ziel zu kommen.

»Professor Zamorra«, sagte Cummings. Selbst seine Stimme klang metallisch, wie Zamorra verwundert feststellte. Der CIA-Mann stellte die Teetasse, aus der er gerade getrunken hatte, langsam ab und betrachtete den Parapsychologen eindringlich, bevor er weitersprach. »Ich wünschte, ich könnte sagen, es ist ein Vergnügen. Aber das wäre eine glatte Lüge.«

»Falls es Sie beruhigt, das Missvergnügen ist ganz auf meiner Seite.«

»Dann sind wir uns ja einig. Sie wundern sich sicher, mich zu sehen.«

Allerdings. Du dürftest dich gar nicht an unser kleines Problem in Kolumbien erinnern. Was weißt du noch?

»Ich vermute, Sie wollen einen Nachhilfekurs in Parapsychologie. Sie hätten meinen Vortrag besuchen sollen.«

»War ja ein Bombenerfolg, wie ich gehört habe.«

Na super, dachte Zamorra zerknirscht, Cummings hatte sicher mindestens einen seiner Leute im Hörsaal gehabt. Jetzt habe ich mich nicht nur vor der akademischen Welt lächerlich gemacht, sondern auch vor einem der berüchtigtsten Geheimdienste der Welt. Du hast es ja echt drauf, was für dein Image zu tun, Zamorra!

»Offenbar haben Sie sonst mehr Überzeugungskraft«, fuhr Cummings fort. »Immerhin haben Sie einer meiner besten Leute auf Ihre Seite gezogen.«

Er weiß noch alles! Zamorra versuchte sich seinen Schock nicht anmerken zu lassen. Wie kann das sein?

»Devaine? Wollen Sie ihn zurückhaben? Wenn ich wüsste, wo er ist, bekämen Sie ihn mit Kusshand. Für seinen Zustand könnte ich allerdings nicht garantieren.«

Cummings verzog die schmalen Lippen zu einem sardonischen Grinsen. »Ja, der gute Dick kann einen ganz schön enttäuschen, nicht wahr?«

Richard Devaine war Cummings’ bester und loyalster Mann gewesen. Doch dann hatte sich die Krise in Kolumbien ereignet: Ein riesiges Areal mitten im Regenwald war von einer unbekannten, zutiefst ...

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