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Professor Zamorra - Folge 1016

Vassagos Schmerz

von Christian Schwarz

Aus dem Nichts tauchte der riesige Dämon zwischen den Statuen auf und fiel aus großer Höhe in den Schnee. Auf dem Rücken liegend bäumte er sich auf, während unkontrollierte Zuckungen seinen Körper schüttelten.

»Neiiiiiin!«, brüllte er durch die stille Schlucht, während sein Körper rötlich zu glühen begann. »Vergebung! Erlöst mich endlich! Lasst mich ins Licht! Ich halte diesen furchtbaren Schmerz nicht mehr aus!«

Das Echo löste den Schnee von den schroffen Berghängen, Lawinen donnerten herab und begruben den Gepeinigten unter sich. Gleich darauf lag der jetzt dunkelrot leuchtende Körper wieder frei, die Schneemassen um ihn herum waren einfach weggeschmolzen.

»Bitte erlöst mich«, röchelte Vassago.

Tief schwarze Tränen quollen aus seinen Augen …

Für einen Moment ebbte der Schmerz ab. Der Erzdämon hechelte und entspannte sich etwas, das Glühen seines Körpers verschwand. Die Tränen mischten sich mit dem giftgrünen Speichel, der aus den Mundwinkeln lief. Das, was zischend auf den Boden tropfte, ließ hoch wallende Dämpfe entstehen, die die kühle, klare Luft vergifteten.

Eine weitere Schmerzwelle kündigte sich an. Der einstige höllische Prinz vom Orden der falschen Tugenden wusste aus der Erfahrung von Jahrhunderttausenden, dass es kein Entkommen gab. Dazu reichte seine magische Macht nicht aus. Mit einem Krächzen, das wie ein Sägeblatt auf Stein klang, warf er den Kopf nach links. Sein Blick fiel direkt auf eine tiefschwarze Statue. Instinktiv wusste er, dass sie denjenigen verkörperte, dem er dieses unendliche Martyrium zu verdanken hatte.

»Ich hasse dich, LUZIF …«, brüllte er, aber die Schmerzen, die ihn wie ein schwarzer Höllentsunami überrollten, kassierten seinen Schrei ein und spülten jeden klaren Gedanken fort. Und sie brachten neue Visionen mit sich.

Ein Militärfahrzeug der Menschen brach sich Bahn durch eine Dschungellandschaft mit schrillen, unnatürlichen Farbtönen und näherte sich – ihm. Die Bäume und Pflanzen mit ihren giftig-grellen Farben und asymmetrischen Formen hätten irgendwo in der untergegangenen Hölle wachsen können. Sie wuchsen auf verwandtem Terrain, in seiner eigenen Sphäre. VASSAGOS SPHÄRE in Kolumbien auf der Erde.

Das Fahrzeug stoppte, Menschen sprangen heraus. Einer von ihnen war Professor Zamorra in seinem ewig weißen Anzug, auch Nicole Duval erkannte er. Und den Silbermonddruiden Gryf. Er nahm Zamorra ein Schwert ab, das große Macht ausstrahlte.

Endlich!

Dicht zusammengedrängt kam der Trupp, den Vassago schon so sehnlich erwartete, näher und erreichte schließlich die Lichtung, die von bizarren Ruinen und ihm selbst dominiert wurde. Vassago spürte wilden Triumph. Er bäumte sich auf, türmte sich zu einer riesigen Wand, raste auf die Ankömmlinge zu, um ihnen seine Macht zu demonstrieren – und verwandelte sich stattdessen in strahlend weißes Licht, in dessen Zentrum er sich in seiner Engelsgestalt mit überdimensionalen Flügeln zeigte. Einst großartig, aber jetzt morbide und dem langsamen Verfall preisgegeben, schwach, nur noch ein bemitleidenswertes Abbild seiner einstigen Macht und Stärke. Oh ja, er wusste es nur zu gut. Seine momentane Schwäche war der Preis für die Freiheit. Ein Preis, den er aber gerne bezahlte, denn diese Schwäche war nur vorübergehend.

Vassago begrüßte seine Gäste voller Hohn. Dann entriss er dem Silbermonddruiden das Schwert auf magische Weise. Es schwebte in seine rechte Hand.

»Ja, das ist wirklich Ryffnoryl. Ich spüre die gewaltige Kraft dieser Waffe, die Drachenmeister einst im Abgrund der Zeiten schmiedeten, um damit einer ungeheuren Gefahr zu begegnen. Und so lange Ryffnoryls Macht mit dem Blut eines Unsterblichen vergrößert wird, ist es in der Hand seines Trägers fast allmächtig. Ja, Ryffnoryl wird mich nach Avalon bringen. Mit deinem Blut, Zamorra. Und so muss es sein. Dass der Vater sein Leben zum Wohle seines Sohnes gibt«, brüllte Vassago.

Die Bilder der Vision folgten nun in immer schneller werdenden Sequenzen. Der Meister des Übersinnlichen, der sterben sollte, drückte seine Freunde zum Abschied und kniete vor Vassago nieder. Bevor er Zamorra aber töten konnte, scherte ein Mann aus der Phalanx der Freunde aus – und schubste eine Frau, bei der es sich um eine der Peters-Zwillinge handelte, in die gesenkte Schwertspitze! Vassago hatte es nicht verhindern können. Der Körper der Frau mumifizierte und zerfiel zu Staub.

Grauenhafte Angst tobte sich plötzlich in ihm aus, während sich extrem starke magische Kräfte aufzubauen begannen. »Was ist das, was habt ihr getan? Ihr habt mich hereingelegt!«, brüllte er und klang nun so schrill wie ein waidwundes Tier, während er verzweifelt versuchte, den eingeleiteten magischen Vorgang wieder rückgängig zu machen. Es gelang ihm nicht mehr.

Eine Paraspur öffnete sich. Vassago spürte, wie ihn die entfesselte magische Kraft in den Transit zog. Gleichzeitig spürte er, dass die Kraft nicht so stark war, wie er sie brauchte, um den Übergang nach Avalon unbeschadet zu überstehen. Nur Zamorras Blut hätte diese Stärke garantiert. Und schon wirbelte er wie ein welkes Blatt in den Tunnel …

Schlagartig brach die Vision ab. Wimmernd lag Vassago im Schnee. Er brauchte einige Augenblicke, bis er wieder bei sich war, bis die klaren Gedanken zurückkamen. Und er begriff schlagartig, was gerade geschehen war. Das Echo in seinem Geist, das sich wie ein leicht verschobenes Bild über die Wirklichkeit gelegt hatte, sagte es ihm.

Das … das sind nicht meine eigenen Erlebnisse gewesen. Es waren die des KAISERs LUZIFER. Ich war für einen Moment so verbunden mit ihm, dass ich mich eins mit ihm gefühlt habe. Mehr noch. Ich war LUZIFER selbst! Wie geht das zu?

Vassago erhob sich einige Meter in die Lüfte und sah sich um. Berghohe, zum Teil senkrecht abfallende schroffe Felsen ohne den kleinsten Bewuchs umgaben ihn. Die Engel verursachten ein undefinierbares Gefühl von Furcht, Glück, Sehnsucht und Erlösung gleichermaßen in ihm. Dabei handelte es sich lediglich um sieben perfekt modellierte Statuen, sechs von ihnen aus einem Material, das weißer als Marmor glänzte. Sie schienen genaue Abbilder der pechschwarzen LUZIFER-Statue zu sein und Vassago wusste genau, um wen es sich bei dieser Gruppe handelte; um das Schöpferkollektiv nämlich, von dem LUZIFER einst wegen seines Verrats in die Finsternis gestoßen und mit einem furchtbaren Erneuerungsfluch belegt worden war.

Die Figuren, jede von ihnen gute dreißig Meter hoch, standen auf Felsvorsprüngen in den Wänden. Sie bildeten einen ungefähren Halbkreis um den Erzdämon und schienen alle, obwohl das mit den verschiedenen Kopfhaltungen nicht vereinbar war, direkt auf ihn herab zu starren. Das Gefühl, dass sie das aus der Ewigkeit heraus taten und dass die Augen keineswegs tot wirkten, verstärkte Vassagos Unbehagen noch.

Der uralte Dämon musterte die Statuen trotzdem ausgiebig. Die Gesichter unter den wallenden Haaren wirkten geschlechtslos und ähnelten sich wie ein Ei dem anderen. Drei der Körper waren eindeutig weiblich, vier dagegen männlich. Sie alle präsentierten sich in voneinander abweichenden Stellungen, sechs stehend, die Arme leicht angehoben, die Handflächen zum Betrachter gedreht. Eine der weiblichen Statuen lag dagegen auf den Knien. Sie hielt ihre Arme allumfassend geöffnet und schaute dabei zu der schwarzen Figur hinüber.

Jahrhunderttausende lang hatte Vassago nicht gewusst, woher die unglaublichen Schmerzen und die vernichtende Wut kamen, die ihn von Zeit zu Zeit überfallartig heimsuchten; einhergehend mit einer tiefen Sehnsucht, irgendwann von diesen Schmerzen im Licht erlöst zu werden. Deswegen hatte er immer wieder auch Weißmagiern wie Zamorra geholfen, weil er sich davon erhoffte, so die Erlösung durch das Gute zu beschleunigen.

Ein Unding für einen Erzdämon eigentlich. Seinesgleichen hatte es akzeptiert, weil er mächtig war und ihnen Teile ihrer Zukunft weissagen konnte. Und weil er sich mit seinen Fähigkeiten niemals in die Intrigen der Hölle eingemischt hatte, sondern immer neutral geblieben war.

Mit dem Untergang der Hölle war die Erkenntnis zu Vassago gekommen. Der Schleier, der die Erinnerung verborgen gehalten hatte, existierte nicht länger. Die gigantischen Kräfte hatten sämtliche Erinnerungsblockaden zertrümmert.

Vassago kannte nun LUZIFERs Schicksal. Und seines. Denn beide waren untrennbar miteinander verbunden! Vassago schien so alt wie LUZIFER selbst zu sein, war dessen Diener gewesen und mit dem HÖLLENKAISER zusammen in die Tiefe verstoßen worden. Während Vassago und einige andere Diener bald wieder freikamen, hatte LUZIFER im Gefängnis in der Tiefe verharren und sich alle einhunderttausend Jahre in einem Wesen namens JABOTH erneuern müssen, um nicht elend zu sterben. Viel später, als der Fluch wieder einmal akut geworden war, hatte LUZIFER seinen einstigen Weggefährten Vassago beauftragt, JABOTH zu finden und rechtzeitig zu ihm zu bringen, denn das ließ der Fluch zu.

Von da an wusste Vassago, dass ihn das Schicksal über die Zeiten hinweg sehr eng mit LUZIFER verband. Die Schmerzen, die Wut und die Sehnsucht nach Erlösung waren in Wirklichkeit das Leid des HÖLLENKAISERs, das dank dieser Verbindung immer wieder auf ihn übergesprungen war! Auch die Fähigkeit zur Weissagung mochte von daher stammen.

Und doch plagte Vassago stets das Gefühl, dass irgendetwas an diesen Erinnerungen nicht stimmte, dass sie in Teilen oder vielleicht sogar vollständig falsch sein mochten. Nach diesem Erlebnis mehr den je.

Was verbindet mich wirklich mit LU Auf einem Bergrücken erschienen zwei menschlich wirkende Gestalten. Eine Frau und ein Mann. Erstere wies eine Größe von über zweieinhalb Metern auf. Ein weiter goldfarbener Kimono umhüllte ihren schlanken Körper. Die wie Sonnenstrahlen schimmernden Haare waren zu einem kunstvollen, fast ein Meter hohen Berg aufgetürmt und hatten trotzdem noch die Länge, wie ein natürlicher Umhang bis weit über das Gesäß zu fallen. Leicht schräg stehende Augen, in denen sich das Funkeln von Millionen Sonnen gleichzeitig zu spiegeln schien, musterten Vassago.

»Was machst du hier? Wer bist du?«, fragte der über drei Meter große Mann im blauweiß gemusterten Kimono. Er strich sich Strähnen seines gürtellangen ungebändigten Haarbuschs aus dem Gesicht, in dem über einem wuchernden Rundbart und den dichten Koteletten funkelnde Augen und eine kühn geschwungene Nase dominierten.

Vassago schoss in die Höhe. Direkt vor den beiden blieb er in der Luft hängen. »Amaterasu, die Sonnengöttin und Susanoo, der Sturmgott. Ich kenne euch.«

Die beiden Götter sahen sich an. »Schön, Dämon«, erwiderte Susanoo. »Und woher kennst du uns?«

»Das ist Vassago, ich erkenne ihn«, sagte Amaterasu und in ihren Haaren zuckten plötzlich feine Blitze hin und her. Ein feindseliger Ausdruck lag in ihren Augen. »Was willst du in unserer Welt, Dämon? Hier ist kein Platz für dich.«

»Ich bin nicht freiwillig hier«, erwiderte Vassago und fletschte sein Raubtiergebiss, während sein langer Schweif die Luft peitschte und rote Feuerspiralen in seinen Augen erschienen. »Irgendeine Kraft hat mich aus meiner Welt gerissen und hierher versetzt.«

»Die Erschütterung des Magischen Universums«, sagte Susanoo. »Wir haben sie auch gespürt. Irgendetwas Gewaltiges ist dort vorgegangen.«

Vassago hätte es ihnen sagen können, verzichtete aber darauf. »Was sind das für Statuen dort unten? Wer hat sie geschaffen?«, fragte er stattdessen.

»Wir wissen es nicht. Und selbst wenn wir’s wüssten, würden wir es dir garantiert nicht unter die hässliche Nase reiben, Dämon«, sagte Amaterasu.

»Ich befinde mich hier also auf der Ebene des Hohen Himmels

»Ja, aber nicht mehr lange. Denn du wirst umgehend wieder von hier verschwinden. Oder wir töten dich. Wir wollen keine Dämonen in unserer wunderbaren Welt. Verstanden?«

Über Vassagos mächtige Hörner, die aus den Schläfen wuchsen, knisterte rötliches Elmsfeuer. »Zeigt mir den Ausgang und ich bin sofort wieder weg.«

Kurze Zeit später befand er sich auf der Erde, weil das Tor hierher das Einzige gewesen war, das ihm die beiden Götter angeboten hatten.

»Freut euch nicht zu früh. Ich komme wieder«, murmelte Vassago. »Diese Statuen faszinieren mich über alle Maßen. Wer hat sie geschaffen? Aber bevor ich mich um dieses Geheimnis kümmere, habe ich erst noch etwas anderes zu tun …«

***

Roussillon, Provence, Frankreich

M-a-n-d-y-y-y.

Die Stimme hörte sich dumpf, knarrend und absolut unheimlich an.

Ma-andy.

Mandy Garamond schwindelte. Das Schlafzimmer begann sich plötzlich um sie zu drehen. Jemand rief ihren Namen. Tatsächlich? Oder klang die Stimme nur in ihrem Kopf auf?

Komm. Komm zu mir.

Sie ließ die Whiskyflasche, die sie halb leer getrunken hatte, neben das Bett fallen, schloss die Augen und hielt sich die Ohren zu.

Du kannst mich nicht aussperren, kleine Mandy. Ich warte auf dich. Komm. Kommmm …

Die braunhaarige Frau begann zu zittern, als sie sich gegen den Zwang zu wehren versuchte. Sie keuchte panisch, ihre Augen traten aus den Höhlen, die Hände krallten sich in das Bettlaken. Keine Chance. Langsam, wie in Trance, hob sie den Oberkörper, rutschte auf die Bettkante, blieb dort einen Moment sitzen und stand dann mit roboterhaften Bewegungen auf. Schwer atmend setzte sie sich in Bewegung, stieß mit den nackten Zehen die auslaufende Whiskyflasche weg und verließ das Zimmer. Die Angst manifestierte sich als eisige Kälte in ihrem ganzen Körper und ließ sie schlagartig wieder klar denken. Mandy Garamond erfasste instinktiv, dass ihr Alkoholkonsum und die Stimme nichts miteinander zu tun hatten – auch wenn sie sich genau das nicht vorstellen konnte. Und das verwirrte sie zusätzlich.

Wer lockte sie da? Gleich würde sie den unheimlichen Eindringling sehen, der irgendwo im nächsten Zimmer auf sie wartete und sie nach wie vor rief. Sie rechnete der Stimme nach mit einem großen, alten Mann. Warum, konnte sie selbst nicht sagen.

Mandys ganzer Körper war nun in kaltem Schweiß gebadet. Sie durchquerte das dunkle Wohnzimmer, in das die Straßenbeleuchtung unheimlich tanzende Schatten warf. Die Geräusche vorbei fahrender Autos bildeten im Moment den einzigen Anker in ihre gewohnte Normalität. Einen trügerischen Anker, wie sie gleich darauf bemerkte. Sie stockte kurz vor der halb offenen Tür – und betrat dann die finstere Küche.

Wieso hast du es getan?, fragte die Stimme nun. In diesem Moment erkannte Mandy Garamond, dass sie nicht von einem Menschen stammte, sondern …

ETWAS wimmelte im Zentrum der Küche direkt neben dem Herd, pulsierende, tentakelwerfende, leuchtende Schwärze. Pseudopodien krochen auf Mandy Garamond zu, schoben sich mit schleifenden Geräuschen über den alten Holzdielenboden. Sie hoben sich, als sie noch etwa einen Meter von ihr entfernt waren.

Zähnestarrende Mäuler öffneten sich an den Tentakelspitzen und schnappten dicht vor dem Gesicht der jungen Frau. Mandy Garamond versuchte zurückzuzucken, sich umzudrehen, schreiend zu fliehen, aber eine schreckliche Kraft nagelte sie auf der Stelle fest und ließ nicht mehr als ein klägliches Wimmern zu.

Warum?

Sie gurgelte, ihr Magen hatte sich in einen steinharten Felsen verwandelt. Das Blut rauschte überlaut in ihren Ohren.

»Was?«, stieß sie würgend hervor und hätte nicht gedacht, dass in einem einzigen Wort so viel Grauen und Entsetzen mitschwingen konnten. Was hatte sie bloß getan? Sie wusste es nicht.

Wahrscheinlich bin ich einfach bloß besoffen. So was gibt’s doch gar nicht!

»Wer … bist du?«, stieß sie dennoch hervor.

JABOTH. Ich bin JABOTH.

Die Tentakel schossen vor, wanden sich um sie, umschlangen sie.

Mandy Garamond öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch kein Wort drang über die Lippen. Die Zunge lag wie erstarrt, ihre Augen starrten schockgeweitet. Ein Speicheltropfen rann aus den Mundwinkeln.

Die Mäuler an den Tentakelspitzen schlossen sich und rissen kleine Fleischstücke aus ihr heraus. Blut tropfte von hunderten Zähnen.

Das hättest du nicht tun dürfen, klang die Stimme ein letztes Mal in ihren Gedanken auf, und diesmal hörte sie sich weniger bedrohlich, weniger knorrig und böse, sondern beinahe freundlich an.

Beinahe.

***

Zamorras Dorf, Loiretal, Frankreich

Die wohlbeleibte Madame Claire stand vor dem Postamt und warf einen Brief an die Sozialversicherung ein, als Pater Ralph vorbeikam.

»Guten Morgen, Claire«, sagte er freundlich. »Und, alles klar bei dir?«

Claire lächelte ihn etwas unsicher an. Sie wusste nur zu genau, worauf er anspielte. Auf die Leiche Chloés nämlich, die sie vor ein paar Wochen hinter dem Dorf aufgefunden hatte. Chloé war eine Freundin ihrer Nichte Lea gewesen und Opfer dämonischer Umtriebe geworden. Die Bilder gingen Claire noch immer nicht aus dem Kopf und manchmal fuhr sie schreiend aus dem Schlaf deswegen. »Ja, Pater, alles klar bei mir«, erwiderte sie trotzdem.

»Gut, das freut mich zu hören.« Pater Ralph sah sie trotzdem forschend an. Er war derjenige gewesen, den sie in ihrer Panik als Erstes alarmiert hatte und so teilte er mit ihr den grausigen Anblick für alle Zeiten. »Sag mal, du verschickst tatsächlich noch Briefe?«, fragte er, um abzulenken.

Claire merkte es genau und sie ging nur zu gerne darauf ein. »Ja, natürlich. Und er ist sogar handgeschrieben. Die jungen Leute können sich heute nicht mal mehr vorstellen, dass man mit der Hand auch Wörter auf Papier schreiben kann. Die streicheln ja nur noch ihre Handys damit.«

Pater Ralph lächelte. »Du sagst es, Claire. Ich stimme dir voll zu. Das …«

In diesem Moment ertönte die Melodie von »Highway to hell«. So laut und durchdringend, dass Claire erschrak. »Was ist das?«

»Äh, ja.« Pater Ralph griff leicht verlegen unter seine Soutane und holte ein modernes Handy hervor. »Hallo, Charles! …

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