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Professor Zamorra - Folge 1012

Seelenjagd

von Andreas Suchanek

Prag, 1990

Filigrane Linien, mit schwarzer Tinte zu Papier gebracht, schälten sich im Licht des Kerzenscheins aus dem Dunkel. Das gelbstichige Pergament des Folianten enthüllte seine Geheimnisse Wort für Wort, ermöglichte ihr, jene Tat auszuführen, auf die sie so lange vorbereitet worden war. Ein meisterhafter Kalligraph hatte ein verschlungenes Symbol zwischen den Zeilen der Beschwörungsformel verewigt.

Sie prägte sich jede Linie, noch den winzigsten Schnörkel genauestens ein. Dieses Sigil würde es ihr ermöglichen, einen Dämon zu beschwören. Sie stellte die Kerze auf den Tisch und machte sich an die langwierigen Vorbereitungen. Sie musste die Kreatur der Hölle herbeirufen, sie mit der Kraft des Artefaktes in die Tiefen des ORONTHOS hinabstoßen – oder selbst dabei ihr Leben lassen …

Gegenwart, Loire-Tal

Im fahlen Dämmerlicht des heraufziehenden Morgens stapfte Claire die Straßen entlang. Ein böiger Wind fegte durch die Gassen, trieb ein paar vereinzelte Schneeflocken mit sich und trug einen weiteren Kälteschwall heran. Mitte März hatte der Winter überraschend noch einmal zugeschlagen und hielt das kleine Dorf unterhalb von Château Montagne, das sie ihr Zuhause nannte, unbarmherzig in seinen Klauen.

Claire zog den Schal etwas enger und vergrub die Hände tief in den Manteltaschen. Im Vorbeigehen grüßte sie Jean-Claude, der auf seinem klapprigen Rad auf dem Weg zu seinem Postamt war und ihr müde zunickte. Dann flüchtete sie erschrocken, als sie über die Straße gehen wollte, da Bertrand Sasson in seinem ockergelben Renault 4 an ihr vorbeibrauste. Anstatt nach vorne zu sehen, nippte er an seinem Kaffeebecher. Claire schüttelte den Kopf und beschloss, die nächsten Tage ein ernstes Wort mit ihm zu sprechen. Sie kam am Krämerladen vorbei, sah von Weitem die Dorfkneipe »Zum Teufel«, und ging schließlich über den Marktplatz, wo Pater Ralph gerade die wuchtige Eichentür der Kirche öffnete.

Die Häuser und Autos wirkten, als hätte ein göttlicher Bäcker sie alle mit feinstem Puderzucker bestäubt und das Dorf zum Schauplatz eines altertümlichen Märchens werden lassen. Claire lächelte bei dem Gedanken. Sie kannte jede Straße dieses Ortes, jedes Haus und die Menschen, die darin lebten. Hier war ihr Zuhause.

Umso mehr hatte sie sich darüber gefreut, dass Léa, ihre Nichte, ihr einen Besuch abstattete. Sie hatte erst vor Kurzem das Baccalauréat[1] bestanden und würde ab kommendem Sommer ihr Studium an der Sorbonne in Paris beginnen. Zusammen mit ihren Freundinnen war sie mehrere Monate durch Europa getourt, um abschließend ein Konzert zu besuchen, das am gestrigen Abend auf der nahegelegenen Freilichtbühne aufgeführt worden war. Claire hatte in der Nacht kurz durchtelefoniert, ob die Drei wohlbehalten zurückgekehrt waren, und angeboten, dass sie doch bei ihr nächtigen könnten. Doch Léa, dieser kleine Dickschädel, hatte abgelehnt. Sie hatte beschlossen zu zelten, also würde auch ein ausgewachsener Tornado sie nicht davon abhalten.

Claire schmunzelte. Ihre Léa war so schnell erwachsen geworden und hatte eindeutig das Temperament der Familie geerbt. Sie war eine Kämpfernatur und würde ihren Weg gehen, wie es jedem von ihnen gelungen war. Claires Blick wanderte über die angrenzenden Weinberge und schließlich zum Château Montagne, das über allem thronte. Ein trutziger Bewahrer des Friedens, ein Schutzpatron vor den Mächten der Hölle und Sitz ihres Arbeitgebers, Professor Zamorra.

Bevor sie heute zum Markt aufbrach, um den Schlossbewohnern ein Mittagsmahl aus frischen Zutaten zu kochen, wollte sie noch einmal nach ihrer Nichte sehen.

Sie erreichte den Dorfrand, wo ein schmaler Weg zu einer kleinen Anhöhe führte, die von dichten Büschen umzäunt war. Sie schob einige Zweige beiseite und stand schließlich vor dem Zelt – oder dem, was davon übrig war.

Schockstarr blickte Claire auf die Stofffetzen, die von roten Sprenkeln bedeckt waren. Dazwischen lag ein toter Körper, das Gesicht dem Boden zugewandt …

***

Aufschluchzend taumelte Claire einige Schritte voran. Bevor sie in die Knie brechen konnte, hielt sie sich an einem Baumstamm fest, dessen Geäst anklagend in den Himmel ragte. Mit einem Mal wirkte alles um sie herum wie in unnatürliche Stille getaucht. Die winzigen Schneeflocken fielen mit schmerzhafter Lautlosigkeit zu Boden und bedeckten Teile des grausigen Bildes.

Neben den kläglichen Überresten des Zeltes hatte jemand mit schwarzer Farbe ein Pentagramm auf die gefrorene Erde gepinselt. Dieses wurde von einem zweiten Kreis eingefasst, der von irgendwelchen Symbolen umschlossen wurde. Und in der Mitte – Claires Hände zitterten, als sie näher heranging – lag der tote Körper eines Mädchens. Da das Gesicht dem Boden zugewandt war, konnte sie nicht sagen, ob es sich um Lèa oder eine ihrer beiden Freundinnen handelte.

Vorsichtig bückte sie sich und drehte die Leiche auf den Rücken. Eine Stimme in ihrem Inneren flüsterte beharrlich, dass sie doch die Gendarmerie rufen sollte; mit jedem Handgriff zerstörte sie Spuren. Doch Claire hörte nicht darauf, sie wollte Gewissheit.

Der Körper wies nicht nur auf Rücken und Schultern tiefe Schnitte auf. Eine klaffende Wunde zog sich zudem vom Bauchnabel bis zum Hals und gab den Blick auf innere Organe und geronnenes Blut frei.

Sie schaute in das Gesicht der Toten, ging in die Knie und erbrach sich.

***

»Beruhige dich doch, Claire«, sagte Pater Ralph. Sein Blick schweifte zwischen ihr und dem grausigen Fund hin und her.

Erst Minuten zuvor war die sonst so resolute Köchin aufgeregt in die Kirche gestürmt, hatte etwas von einem Mord und einem Opfer gestammelt, bevor sie ihn mit sich gezerrt hatte. Auf dem Weg waren Mostache, der gerade seine Dorfkneipe öffnen wollte, und Jeanette Brancard, die ehemalige Studentin der Parapsychologie, zu ihnen gestoßen. Die Frau betrachtete das Pentagramm nachdenklich, während der Blick des Wirts wie gebannt an der Toten hing.

Ralph fröstelte, da er nicht die Zeit gehabt hatte, eine Jacke überzuwerfen.

»Das arme Ding«, sagte Claire mit zitternder Stimme. »Sie heißt Chloé und war eine Freundin meiner Nichte! … Wer hat ihr das nur angetan? Und wo sind Léa und Manon?« Die resolute Köchin kam langsam wieder zu sich.

»Wir müssen die Gendarmerie rufen.« Ralph schüttelte betrübt den Kopf, wenn er daran dachte, dass dieses junge Ding noch ihr ganzes Leben vor sich gehabt hatte. Er hatte die drei Freundinnen bei ihrer Ankunft im Dorf begrüßt. Lachend und schwatzend waren sie über den Marktplatz spaziert, die Blicke abwechselnd zueinander und auf ihre Smartphones gerichtet.

»Warten wir damit noch«, sagte Jeanette Brancard. Sie hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, in das sie kurz zuvor eine Flüssigkeit getröpfelt hatte. »Ich glaube nicht, dass wir es hier mit einem gewöhnlichen Mord zu tun haben.«

Erst als er das Tuch vor Jeanettes Gesicht bemerkte, nahm der Pater den Gestank wahr.

Ralph warf Mostache einen durchdringenden Blick zu, bevor er Claires Hand ergriff. »Wann war hier schon mal was normal?«

»Was heißt hier ›warten‹, wir müssen etwas unternehmen!«, rief die Köchin aufgebracht. »Léa und Manon sind irgendwo dort draußen, vermutlich in der Gewalt eines Psychopathen!«

»Oder eines Dämons«, sagte Jeanette Brancard. »Wenn wir die Gendarmerie informieren, wird es hier innerhalb kürzester Zeit von sogenannten ›Spezialisten‹ wimmeln.«

Die ehemalige Studentin der Parapsychologie war selbst schon das eine oder andere Mal mit den Mächten der Hölle aneinandergeraten. Nach ihrem Studium hatte sie sich hier im Dorf niedergelassen.

Ralph nickte bedächtig. »Und damit hat unser aller Freund aus dem Château keinen Zugriff mehr auf diesen Ort.«

»Natürlich!« Claire schlug sich gegen die Stirn. »Wir brauchen den Professor. Er weiß sicher, was zu tun ist.«

Jeanette zog ein Smartphone hervor. »Ich übernehme das.«

Ralph konnte nur hoffen, dass die Brancard sich irrte. Wenn ein Dämon die Mädchen entführt hatte, war die Chance, sie lebend wiederzusehen, äußerst gering.

Mitfühlend legte er Claire erneut die Hand auf die Schulter. Dann sprach er leise ein Gebet.

***

Château Montagne

»Und?« Nicole blickte erwartungsvoll zu ihm auf.

Zamorra ließ den Geschmack noch einige Sekunden nachwirken, bevor er lächelnd sagte: »Schmeckt ausgezeichnet.«

Seine Lebens- und Kampfgefährtin lächelte zufrieden. »Das habe ich William auch gesagt. Du weißt ja, diese schwarze Brühe ist eigentlich nicht so mein Fall. Aber diesen hier kann man gerade so genießen.« Sie grinste. »Ich war zuerst skeptisch, als er mir eine neue Kaffeesorte vorschlug. Doch er hat wohl über dem Krämerladen von Marie-Claire eine Rösterei in Lyon ausfindig gemacht, die Mischungen aus aller Welt vertreibt. Das hier«, dabei deutete sie auf die Porzellantasse mit dem aufgeprägten deMontagne-Wappen, die er in Händen hielt, »ist ein Sumatra Gayo Mountain.«

Zamorra lächelte und nahm einen weiteren Schluck. Während all der Tragödien in letzter Zeit waren die entspannten Minuten, in denen er und Nicole einfach die Zweisamkeit genossen und über etwas so Lapidares wie Kaffeesorten sprachen, rar gesät gewesen. Noch immer fiel es ihm schwer, die Ereignisse in ihrer gesamten Tragweite zu begreifen.

Robert Tendyke war tot, getötet von Asmodis, der sich tatsächlich – wie Nicole stets vorausgesagt hatte (»Teufel bleibt Teufel!«) – als Trojanisches Pferd entpuppt hatte. Auch Uschi Peters, die langjährige Lebensgefährtin des Abenteurers war gestorben, als der gefallene Engel LUZIFER die Hölle wiederhergestellt und dafür ein unsterbliches Opfer benötigt hatte.

»Hör auf zu denken, Chérie«, erklang Nicoles Stimme dicht an seinem Ohr. Sie war unbemerkt um den hufeisenförmigen Schreibtisch getreten und stand direkt neben ihm.

»Tut mir leid.« Er stellte die Kaffeetasse so fest auf den Untersetzer, dass ein Teil der Flüssigkeit über den Rand schwappte. »Ich dachte nur …«

»Ich weiß«, unterbrach ihn Nicole. »Du rekapitulierst, was alles geschehen ist; denkst darüber nach, wen wir verloren haben, was uns dieser Kampf noch kosten wird. Welcher unserer Freunde als nächste stirbt, wie viel Unschuldige zu Opfern der Hölle werden.«

Zamorra zog Nicole zu sich heran und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. In Momenten wie diesen, in denen sie sich blind verstanden, wurde ihm schlagartig klar, warum er diese Frau so sehr liebte. Sie waren Eins in ihrem Denken und Fühlen und konnten sich bedingungslos aufeinander verlassen.

Durch das Wasser der Quelle des Lebens hatten sie beide die relative Unsterblichkeit erlangt; würden nie mehr altern und bis zu jenem Tag gegen die Ausgeburten der Hölle kämpfen, bis das Böse besiegt war oder gewann. Bis dahin aber verband sie dieser Krieg und ihre Liebe.

»Nachdem dieser ausgezeichnete Kaffee nun also meine Unterlagen ruiniert hat«, Zamorra deutete auf den vor ihm liegenden Papierstapel, auf dem ein Kaffeefleck prangte, »können wir uns die Zeit auch anders vertreiben.«

»Und an was hat le professeur da gedacht?«, säuselte Nicole gespielt lasziv, während er ihr den obersten Knopf der Bluse öffnete.

»Le professeur dachte an …«

Die ersten Klänge eines Popsongs, der gerade durch die Charts geisterte, erklangen, worauf Zamorra innehielt und die Stirn runzelte.

Nicole räusperte sich und griff nach ihrem TI-Alpha, das sie auf dem Schreibtisch abgelegt hatte. Mit den Worten »Neuer Klingelton« nahm sie das Gespräch an.

Zamorra schüttelte den Kopf. An ihren Perücken- und Frisuren-Spleen hatte er sich ja mittlerweile gewöhnt. Es hatte auch seinen Reiz, dass sie fast jeden Tag in einer anderen Haarpracht auftauchte. Hinzu kamen die häufig wechselnden Kontaktlinsen, die die Augenfarbe anpassten – meist abgestimmt auf die Haarfarbe. Folgte jetzt auch noch ein täglicher Klingeltonwechsel?

»Nein, wir kommen sofort«, sagte Nicole und beendete das Gespräch. Ihr Gesicht war ernst.

Zamorra setzte sich kerzengerade auf, als sie ihm einen besorgten Blick zuwarf. Ihre Lippen bildeten einen dünnen Strich und ihre Haut hatte einen unnatürlich blassen Ton angenommen.

»Was ist passiert?«

»Das war Jeanette Brancard«, sagte sie. »Wir müssen sofort ins Dorf. Jemand wurde ermordet.« Sie sprang auf. »Alles Weitere auf dem Weg.«

Gedanklich war Zamorra schon dabei abzuwägen, was er neben dem Amulett mitnehmen sollte. Seinen Zauberkoffer? Den Dhyarra-Kristall?

Die Auszeit war vorüber. Er schenkte der Kaffeetasse einen letzten, bedauernden Blick, bevor er die Tür seines Arbeitszimmers hinter sich schloss.

***

Prag, 1990

Die Katakomben waren Elena schon immer unheimlich gewesen, das hatte sich auch mit ihrem 18. Geburtstag nicht geändert.

Der »Initiationsraum« glich in seinen Abmessungen eher einer Kathedrale. Der Boden bestand aus flach geschliffenem Diabas – ein schwarz/grauer Plutonitstein ohne Quarz; die Wände aus grobporigem Basalt. Jemand – vermutlich Vater – hatte die Fackeln entzündet, die den Raum jedoch nur unzureichend erhellten. Im Tanz der Flammen wirbelten die Schatten umher und verliehen der Umgebung ein beängstigendes Eigenleben.

Elena umklammerte den Opferdolch fester und schritt zügig aus. Sie war alleine.

Wie jedes Mitglied der Novak-Familie – egal ob männlich oder weiblich – musste sie mit Erreichen der Volljährigkeit, also mit 18 Jahren, einen Dämon töten, um in den uralten Familienzirkel der weißen Magier aufgenommen zu werden. Bisher war nur ihr Ur-Ur-Ur-Großvater, Svatopluk Novak, dabei gestorben. Sie schluckte schwer, als sie an die Zeichnung dieser Ereignisse dachte, die in einem alten Folianten der Bibliothek abgedruckt war. Sein Tod war äußerst schmerzhaft gewesen.

Sie erreichte den flachen Steinaltar, in dessen Platte jemand vor Urzeiten eine Rune gehauen hatte, die auf allen vier Seiten von einer magischen Glyphe begrenzt wurde. Eingetrocknetes, schwarzes Blut klebte auf der Oberfläche. Das Blut des letzten Opfers bildete die Grundlage der jeweils nächsten Beschwörung.

Eine widerliche Sache, die man sicher auch anders hätte lösen können. Doch ihr Vater war der Tradition sehr verbunden. Vermutlich hielt er auch noch den Zahnstocher seines Großvaters in Ehren, weil der eine winzige Glyphe hineingeritzt hatte. Sie kicherte bei dem Gedanken, wurde jedoch sofort wieder ernst, als sie an ihr Vorhaben dachte.

Sie hatte in den letzten Tagen einen komplexen Bannzauber in Form von verschlungenen Symbolen auf dem Rand des Steinaltars angebracht. Aus verschiedenen Kräutern war ein Sud entstanden, mit dem sie den Stein eingerieben hatte. Das Zusammenspiel aus Blut, Sud und Magiesymbolen sollte den Dämon über sein Sigil herbeizwingen, das sie über die Rune gemalt hatte. Der Zwang würde nicht lange vorhalten, doch sie benötigte nur wenige Minuten. Das Messer in ihrer Hand war ein altes Artefakt, das mit einem winzigen Stich jeden Dämon auslöschen konnte.

Elena besah sich den kunstvoll verzierten Holzgriff der Waffe, deren Knauf einen Jaguarkopf darstellte. Sie wusste, dass die eigentliche Macht nicht von der Klinge, sondern von diesem Stück Holz ausging. In alten Aufzeichnungen hatte sie gelesen, dass es ein zweites Artefakt gab – den Ju-Ju-Stab –, der jeden Dämon bei Berührung tötete. Wo dieser sich befand, wusste jedoch niemand. Aus diesem Grund behütete ihr Vater dieses Messer wie seinen Augapfel – einer ihrer Vorfahren hatte es von einem Priester namens Ollam-Onga erhalten. Nur für den Ritus wurde es aus seinem Tresor geholt.

Sie musste den Dämon also nur bannen und anritzen. So schwer konnte das doch nicht sein! Warum nur waren ihre Hände schweißnass? Sie legte das Messer in Reichweite ab und entrollte mit zitternden Fingern das Pergament, auf das sie die Beschwörung niedergeschrieben hatte. Wenn sie sich nur einen winzigen Fehler erlaubte, war es vorbei, dann würde sie enden wie Svatopluk.

Elena atmete tief ein und wieder aus, verbannte jeden Zweifel aus ihrem Geist und begann damit, die Formel zu rezitieren.

Die Beschwörung hatte sie aus lateinischen, germanischen und einer Beimengung von chinesischen Worten geschaffen. Sie konzentrierte sich auf die korrekte Betonung jeder Silbe und beendete den Spruch schließlich ohne Fehler.

Aus dem Nichts heraus entstand schwarzer Nebel, der an dem Felsen emporschoss und einige Sekunden lose in der Luft waberte, bevor er sich zu einer Silhouette verdichtete und Gestalt annahm. Ein etwa zwei Meter großer Dämon war erschienen. Seine Haut war schwarz und von einem öligen Film überzogen. Zwei gebogene Hauer ragten aus seinem Maul, ein einzelnes Horn aus seiner Stirn. Seine Augen wirkten wie die eines Reptils. Die Pupillen waren nicht mehr als dunkle Schlitze, unterlegt von einer gelben Iris.

»Ah, wenn das keine Novak ist, fresse ich meinen Schwanz!« Bei diesen Worten peitschte selbiger durch die Luft.

Wieso konnte das Vieh sich noch bewegen, sollte der Erstarrungszauber nicht längst wirken und ihn zur Bewegungslosigkeit verdammen? Elena runzelte die Stirn und besah sich noch einmal das Pergament. Sie hatte alles richtig gemacht.

»Und jetzt wirst du mich sicher gleich mit deinem kleinen Messerchen piksen, damit ich eines qualvollen Todes sterbe und in die Tiefen des ORONTHOS hinabfahre«, sagte der Dämon. Ein meckerndes Lachen löste sich aus seiner Kehle.

»Ja, so ist es geplant«, sagte Elena giftig und wartete darauf, dass der Bann seine Wirkung tat. Langsam wurde sie unruhig. Irgendetwas lief nicht so, wie es sollte.

»Tja, dann leg mal los.« Der Dämon öffnete sein Maul, worauf ihr nicht nur sein fauliger Atem entgegenschoss, sie hatte auch einen wundervollen Ausblick auf vier Reihen spitz zulaufender Zähne, zwischen denen etwas hing, das an Menschenhaut erinnerte.

Sie trat einen Schritt näher und hob ihre Waffe.

Doch bevor sie zustoßen konnte, peitschte der Schwanz des Dämons heran und hieb ihr das Messer aus der Hand. »Ein nettes Spielzeug, aber dafür hast du keine Verwendung mehr.«

Mit einem dröhnenden Lachen sprang er vom Opferaltar, als gäbe es den Bannkreis nicht. »Tja, ich denke wir beide sollten einen Plausch halten.« Mit diesen Worten öffnete er seine rechte Faust und fuhr seine fingerlangen Krallen aus, an denen eingetrocknetes Blut klebte. »Ich konnte euch Novaks noch nie leiden.«

Elena wusste, dass sie verloren war. Die Klaue sauste herab.

***

Gegenwart, Loire-Tal

»Chef, endlich!« Madame Claire sprang auf und eilte auf Zamorra zu. »Sie müssen uns helfen. Die haben Léa.«

Er legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. »Deshalb sind wir hier. Was genau ist passiert?«

Pater Ralph schaltete sich ein und berichtete mit ruhiger Stimme, was vorgefallen war. Während er sprach, gingen Zamorra und Nicole neben der Leiche in die Hocke.

»Und als Claire mich hierher brachte, fanden wir hier die Tote und dieses Pentagramm«, beendete Pater Ralph seinen Bericht.

»Den Drudenfuß«, berichtigte Zamorra mechanisch, während er jedes Detail in sich aufnahm. »Pentagramme sind ein Werkzeug der weißen Magie, ihre einzelne Spitze weist nach oben. Ein Drudenfuß dient den dunklen Mächten und weist nach unten.«

Zamorra trat einen Schritt zurück, als Nicole ihr TI-Alpha hervorzog. Wie bei allen modernen Handys und Smartphones war auch in das Gerät aus dem Hause der Tendyke Industries seit der neuesten Version eine hochauflösende Kamera integriert. In einer Abfolge aus fließenden Bewegungen schoss sie Fotos von der Leiche, dem Drudenfuß und den umgebenden Symbolen.

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