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Professor Zamorra - Folge 1005

Drachentöter

von Christian Schwarz und Simon Borner

Château Montagne

Butler William schaltete das Visofon ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Dem Himmel sei Dank, dachte er und gab sich für einen Moment vollständig der Erleichterung hin, die sich explosionsartig in ihm ausbreitete. Sie fühlte sich gut an, fast schon sinnlich, denn endlich, endlich hatte er den Professor erreicht. Zamorra und Mademoiselle Nicole würden schon in kurzer Zeit hier sein.

Hinter ihm ertönte ein scharfes Knacken.

Mit weit aufgerissenen Augen und einem leisen Schrei fuhr William herum. Die Ritterrüstungen hinter ihm schienen ihn höhnisch anzugrinsen. Aber das bildete er sich ein, da war nichts.

Dieses Mal.

Der Butler ließ den magischen Dolch, den er fast schon panisch hoch gerissen hatte, wieder sinken. Er atmete ein paar Mal tief durch und versuchte, seinen rasenden Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen …

Taran. Ich freue mich, dass du doch noch unter den Lebenden weilst, dachte Zamorra. Wir haben schon das Schlimmste befürchtet, nachdem es bei dir so plötzlich den Stecker gezogen hat …

Es war knapp, Zamorra, wirklich knapp. LUZIFERs Wut hätte meinen Verstand um ein Haar für immer zerstört. Nur der Tatsache, dass ich das Bewusstsein verloren habe, verdanke ich mein Leben.

Das ist doch wirklich mal ein Lichtblick nach der ganzen Scheiße, die wir in den letzten Tagen erlebt haben. Willkommen unter den Lebenden also, mein goldhaariger Freund.

Danke. Es fühlt sich gut an, auch wenn ich mich nun schrecklich vor LUZIFER fürchte. So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben.

Kann ich absolut nachvollziehen. LUZIFERs Stimme hat sich auch in meinem Kopf wie eine Atombombenexplosion angefühlt. Hm. Äh, ich freue mich, dass du dich wieder zurückmeldest. Wie gesagt. Aber vielleicht könnten wir uns nachher weiter unterhalten. Wir haben’s etwas eilig, William wartet schon sehnsüchtig auf uns, irgendetwas scheint hier vorzugehen.

Ich bringe böse Nachrichten, Zamorra.

Nein, du bitte nicht auch noch.

Willst du sie nicht hören?

Doch, natürlich. Wie schlimm sind sie? Muss ich mir vorher noch Herztropfen besorgen?

Taran schien glucksend zu lachen, so jedenfalls kam es bei Zamorra an.

Wenn ich nicht wüsste, dass du eine Konstitution wie ein siebenschwänziger Höllenhund hast, würde ich jetzt sagen: ja.

Na toll. Wodurch unterscheiden sich siebenschwänzige Höllenhunde konstitutionell nochmals von den normalen dreiköpfigen? Ach, vergiss es. Dann schieß mal los.

Ja. Aber … ich bin etwas durcheinander, es scheint mir, als hätte diese furchtbare Kraft des HÖLLENKAISERS mein Gedächtnis ein wenig zerrüttet. Ich bin nicht mehr sicher, ob gewisse Dinge tatsächlich stattgefunden haben oder ob sie den schlimmen Albträumen entspringen, die mich in meiner Agonie quälten. Deswegen wäre ich dir dankbar, wenn du mich nochmals kurz über die Ereignisse der letzten Monate aufklären könntest, Zamorra. Und darüber, was passiert ist, als ich bewusstlos in den Weiten meiner Heimat trieb. Nur so kann ich die Dinge wieder richtig einordnen.

Mit seiner Heimat meinte Taran das Amulett. Zamorra fragte sich schon länger, wie das Amulettbewusstsein das »Innere« von Merlins Stern wohl wahrnahm. Aber dafür war jetzt nicht die Zeit. Der Professor seufzte und schnitt dabei Nicole, die mit gezogenem Blaster neben ihm stand und abwechselnd ihn und die nähere Umgebung aufmerksam beobachtete, eine Grimasse. Seine Lebensgefährtin störte ihn nicht, da sie wusste, mit wem er gerade kommunizierte. Zamorra konnte Taran tatsächlich kompetent berichten, da er die ganze Geschichte aus Asmodis’ Gedächtnis kannte.

Wo fange ich an? Dass LUZIFER seinem Fluch mit einem Trick entkommen ist, weißt du?

Ja.

Seither haust er in der seltsamen magischen Sphäre in Kolumbien, ist aber zu schwach, um die Hölle wieder entstehen zu lassen.

Auch das ist mir bewusst.

Warum erzähle ich dir das dann? Ach, was soll’s. LUZIFER hat Asmodis beauftragt, ihm seine Tränen und Tränensplitter zu besorgen, die er einst bei seinem Sturz in die Tiefe geweint hat.

Dann ist das wirklich so? Ich dachte, das gehöre eher zu meinen Albträumen.

Kann ich dir also doch was Neues erzählen. Asmodis hat dem ollen HÖLLENKAISER also einige Tränen und Tränensplitter beschafft, aber am stärksten Artefakt ist er gescheitert.

Du meinst die Träne, aus der Avalon, die Feeninsel, die zwischen den Zeiten treibt, hervorgegangen ist.

Ja, genau die. Aber LUZIFER will sie unbedingt haben und so musste Asmodis einen neuen Versuch starten. Beim zweiten Mal wollte er die Alte Kraft nutzen, die Rob Tendyke von Merlin geerbt hat. Das heißt, Asmodis gedachte seine eigene Alte Kraft mit der von Rob zusammenschließen, um sich mit der potenzierten Magie die Avalon-Träne schnappen zu können. Dazu hat er Rob, Nicole und mich unter einem fadenscheinigen Vorwand nach Avalon gelockt. Wäre ich ein böswilliger Mensch, könnte ich auch sagen, er hat uns dorthin entführt. Aber alles ist schief gegangen, weil plötzlich Herr Murphy auf der Bildfläche erschienen ist.

Herr Murphy? Ich verstehe nicht. Wer soll das sein?

Murphys Gesetz. Ein Witz unter Menschen. Das Brot fällt immer auf die Butterseite. Soll heißen: Was irgendwie schief gehen kann, geht schief. Asmodis hat Rob umgebracht, weil der sein falsches Spiel durchschaute.

Zamorras Gesicht verfinsterte sich, er schluckte zwei Mal schwer. Nicole sah ihn fragend an. Er schüttelte kurz den Kopf.

Asmodis hat das wohl nicht gewollt, es war ein Unfall. Das Ergebnis ist allerdings dasselbe. Rob hatte wohl keine Zeit mehr, die Zauberworte zu sagen, die ihm die Wiedergeburt auf Avalon ermöglichen. Und das auf Avalon selber. Ironischer und bitterer geht’s kaum.

Hat Asmodis die Träne bekommen?

Nein, Taran, hat er nicht. Die Herrin vom See hat uns alle aus Avalon rausgeworfen. Wir sind in Tendyke’s Home gelandet, Asmodis wohl in Kolumbien. Dummerweise oder zum Glück hattest du den Bug offen und so haben wir beide mitbekommen, wie LUZIFER den armen Asmodis verbal zerlegt hat. Dummerweise sage ich deswegen, weil mich diese offene Verbindung ebenfalls fast umgebracht hat. Wie du dich vielleicht freundlicherweise erinnerst, entzieht mir das Amulett Lebensenergie, wenn es arbeitet. Und es gelang mir plötzlich einfach nicht mehr, es abzuschalten. Na ja, ist ja nochmals gut gegangen. Weil dir selber die Lichter ausgegangen sind. So hat sich Merlins Stern automatisch abgeschaltet.

Der Bug war vor einigen Jahren von Asmodis im Amulett verankert worden, um Zamorra ausspionieren zu können. Taran hatte ihn entdeckt und von Asmodis unbemerkt umgepolt.

Weiter, sagte Taran.

Zamorra kam der Aufforderung sogleich nach. Wir wähnten dich und Asmodis eine Zeit lang für tot. Danach haben wir uns um einige dieser Black Spots gekümmert, die gerade überall auf der Welt wie Pilze aus dem Boden schießen. Im Moment kommen wir per Regenbogenblumen-Taxi direkt aus Tendyke’s Home.

Mit den Black Spots meinst du die schwarzmagischen Zonen, nicht wahr?

Genau die.

Sie scheinen zu entstehen, um die Kräfte in diesem Teil des Multiversums wieder ins Gleichgewicht zu bringen, überlegte Taran. Durch den Untergang der Hölle ist ein riesiges Ungleichgewicht entstanden, das nicht einmal der überlebende HÖLLENKAISER wettmachen kann. Die Kräfte des Guten sind hier noch immer viel zu stark. Deswegen wachsen nun all die schwarzmagischen Potenziale, die bisher von der Hölle und ihren Schergen klein gehalten wurden, willentlich oder nicht.

Ja, diesen Gedanken hatten wir auch schon, mein Lieber. Und ich frage mich, ob nicht der Wächter der Schicksalswaage mit an diesem Rad dreht. Er ist schließlich in erster Linie für das Gleichgewicht der Kräfte verantwortlich und so müsste ihm diese Entwicklung mehr als gelegen kommen. Zumal ja anscheinend sein Helfer Asmodis plötzlich damit beschäftigt ist, bestehende Black Spots zu stärken und neue zu aktivieren. Das stützt meine Annahme, findest du nicht auch? Dass er plötzlich ein bisschen durchgedreht zu sein scheint, ist wohl eher den Nachwirkungen von LUZIFERS Vorzugsbehandlung zuzuschreiben.

Dass Asmodis noch am Leben war und die Black Spots aktivierte, wusste Zamorra von Stygia. Die Teufelin hatte versucht, ihn als Verbündeten gegen Asmodis zu gewinnen. Wahrscheinlich, weil sie das gleiche Ziel hatte und ihr der Erzdämon mit seinem Tun ins Handwerk pfuschte.

Du liegst falsch mit deiner Annahme. Asmodis ist nicht für den Wächter der Schicksalswaage unterwegs.

Nein? Was will er dann? Sich an LUZIFER rächen? Indem er versucht, durch die Black Spots mächtiger als der HÖLLENKAISER zu werden?

Nein, das auch nicht. Selbst ein durchgedrehter Asmodis würde niemals im Leben auf die Idee kommen, sich an einer himmelhoch, Verzeihung: höllenhoch über ihm stehenden Entität, die er als die absolute Instanz überhaupt betrachtet, rächen zu wollen.

So, was dann? Jetzt spann mich bloß nicht künstlich auf die Folter.

Ich war zwar ohnmächtig, aber ich weiß trotzdem, wie das Gespräch zwischen LUZIFER und Asmodis zu Ende gegangen ist.

Ach ja? Kannst du plötzlich hellsehen?

Nein. Nachdem ich das Bewusstsein verloren hatte, schaltete das Amulett ab. Nicht ganz jedoch, denn es hielt die Verbindung, die über den Bug zu Asmodis existierte, nach wie vor offen. Wohl, weil der Bug aus einem kleinen Teil von Asmodis’ Mentalsubstanz besteht.

Hm. Stellen wir uns vor, dass der Bug Asmodis und damit quasi sich selbst in Lebensgefahr sah und ihm Kraft zufließen lassen wollte. Wäre das möglich?

Ich denke schon, Zamorra. Aber es ist nicht relevant. Entscheidend ist, dass der Bug das komplette Gespräch speicherte und ich es abrufen konnte.

Tut er das immer?

Nein. Es muss mit den extremen magischen Voraussetzungen zusammenhängen, die zu diesem Zeitpunkt herrschten. LUZIFER verzieh Asmodis nicht, aber er gewährte ihm eine letzte Chance. Weil Asmodis es nicht geschafft hat, dem HÖLLENKAISER die Avalon-Träne zu bringen, ist Letzterer auf einen anderen Plan verfallen.

Zamorra spürte, wie sich ihm die Nackenhärchen aufstellten. Seine Stimmung musste gleichzeitig auf seinem Gesicht abzulesen sein. Nicole schnitt eine Grimasse und schüttelte fragend den Kopf. Er bewegte den seinen fast unwillig.

Was für ein Plan?

LUZIFER will sich die Kräfte, die er benötigt, nun anders beschaffen. Er schickte Asmodis los, so viele Black Spots zu aktivieren, zu stärken und zu vergrößern, bis irgendwann die ganze Erde davon überzogen ist.

Zamorra hielt unwillkürlich den Atem an. Er spürte Wellen der Übelkeit in sich hoch steigen. Die ganze Erde …!

Ja. Weil LUZIFER nicht genug Kraft bekommt, um die Hölle, wie er sie kennt, im Magischen Universum neu entstehen zu lassen, wird er mangels Alternativen auf die Erde ausweichen und sie hier errichten. Mit der Kraft, die er durch die vereinten Black Spots gewinnen wird.

»Die Hölle auf Erden«, murmelte Zamorra ungewollt laut.

»Was sagst du, Chéri?« Nicoles Augen weiteten sich unwillkürlich.

»Ich erzähl’s dir gleich. Moment noch.«

Können wir was dagegen tun, Taran?

Asmodis aufhalten hieße LUZIFER selbst aufhalten.

Zamorra senkte den Kopf. Du meinst, wir können nichts dagegen tun.

Wenn jemand eine Idee hat, dann du, Zamorra. Deswegen habe ich Kontakt zu dir aufgenommen. Finde eine Möglichkeit, aber finde sie schnell.

Der mentale Kontakt erlosch abrupt.

Taran, bleib hier! Ich muss dich noch etwas fra- Ach Merde, was soll’s.

»Dieser elende Feigling. Daran wird sich wohl auch nichts mehr ändern, solange die Welt existiert. Die Frage ist, wie lange existiert sie tatsächlich noch?« Zamorra nahm Nicole in den Arm und drückte sie fest an sich, während er ihr das eben Gehörte mit leiser Stimme erzählte. Sie unterbrach ihn kein einziges Mal. Nachdem er geendet hatte, drückte sie ihm einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund.

»Für was war das?«

»Wer weiß, wie oft ich das noch machen kann bei dem, was ich da eben gehört habe.« Sie stieß ein ärgerliches Lachen aus. »Aber wir geben nicht auf, wir doch nicht. Oder? Wenn LUZI seine Träne nicht aus Avalon herholen kann, dann soll er sich doch auf die Insel verpissen. Avalon gäbe ganz sicher eine wunderschöne neue Hölle ab.«

Zamorra legte seine Hände auf Nicoles Schultern und schob seine Lebensgefährtin ein kleines Stück zurück. Mit einem Ausdruck des Erstaunens und nicht der leisesten Ahnung, dass weit, weit weg jemand anders ungefähr zur selben Zeit auf exakt den gleichen Gedanken kam, musterte er sie. »Mensch, Nici, das ist überhaupt die Idee …«

»Spar dir jetzt bitte den Spruch, dass ich jeden Cent meines kargen Sekretärinnengehalts wert bin, okay?« Sie lächelte. »Wenn wir’s tatsächlich umsetzen können, dann erwarte ich allerdings eine glatte Verdoppelung.«

»Gebongt. Aber zuerst mal sollten wir uns um das Naheliegende kümmern. William erwartet uns sicher schon sehnsüchtig.«

***

Drachenland

Der Turm …

Zamorra …

Ein Schuss, mitten zwischen die Augen …

Rhett Saris ap Llewellyn stöhnte, als die Erinnerungen wiederkamen. War das der Tod – eingesperrt zu sein mit Bildern, die Schmerzen brachten? Bilder, die vom Ende aller Dinge zeugten?

»Ganz ruhig«, raunte eine Stimme von irgendwo jenseits der Schwärze, die ihn zu umgeben schien. »Du bist noch nicht so weit. Warte. Habe Geduld.«

Rhett stutzte. Diese Stimme, sie klang fremd und vertraut zugleich. Wie etwas aus einem alten, eigentlich längst vergessenen Traum.

Wo war er? Was geschah mit ihm?

»Geduld, sage ich«, wiederholte die Stimme so passend, als höre sie seine Gedanken. »Alles wird dir deutlich werden. Nur noch nicht jetzt. Du bist zu schwach, zu schwach …«

Ja. Das war er. So entsetzlich müde.

Die Schwärze wurde dichter. Sie war ein Meer, und sie streckte ihre vielen Arme aus, ihn in sich zu begraben. Rhett konnte nicht anders, als es geschehen zu lassen.

Als er das nächste Mal zu so etwas wie dem Anflug eines Bewusstseins kam, waren die Schmerzen sogar noch intensiver. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war – oder ob das Konzept Zeit in dieser Existenz überhaupt noch Bedeutung besaß – aber er wusste plötzlich, wie man Augen öffnete. Als er es tat, fiel sein verschwommener Blick auf nackten Fels und das Licht einer fernen Sonne, das durch eine Öffnung in selbigem fiel.

Rhett stöhnte, sah an sich hinab und erstarrte!

War das wirklich sein Körper, was da flach ausgestreckt auf einem staubschmutzigen Felsboden lag? War dieser lange Haufen blutigen Klumps etwa wirklich er? Zahlreiche Wunden zierten diesen Leib, und kein Fetzen Stoff hing mehr an ihm, etwaige Blößen zu bedecken. An den Hand- und Fußgelenken schimmerte ein Lichtschein, bunt wie die Farben des Kaleidoskops. Ein kleiner Regenbogen spannte sich über jedes von ihnen, dicht an der Haut, aber ohne sie zu berühren. Der Regenbogen verströmte Wärme, und die ging auf den Körper über.

Magie, dachte Rhett. Dann wurde ihm übel. Er begann zu husten – ein schreckliches, qualvolles Gefühl, bei dem ihm war, als stülpe sich sein ramponiertes Inneres nach außen.

Als hätte das Geräusch es angelockt, erschien plötzlich ein Monster an der Schwelle zum Sonnenlicht! Das Licht blendete zu sehr, und Rhetts Augen waren noch viel zu schwach, als dass er Details hätte ausmachen können. Dennoch riss er die Augen auf – hauptsächlich aus Schock. Was er ausmachte, war ein dunkler Schemen von bizarrem Wuchs. Tatzenartige, krallenbewehrte Füße näherten sich Rhett, und ein langer, spitz zulaufender Schwanz schwang mit jedem Schritt von einer Seite zur anderen. Das Ungeheuer hatte Flügel und ein Maul voller bestimmt rasiermesserscharfer Zähne.

Dieses näherte sich nun seinem eigenen Gesicht. Rhett begann vor lauter Angst zu wimmern – und selbst das tat weh! Alles schmerzte, denn was immer er tat, wurde von einem Körper versucht, der nicht mehr wollte, nicht mehr konnte. Der am Ende war.

Schwefliger Atem strich über Rhetts Gesicht. Das Monstrum stieß ein paar Laute aus. Sie ergaben kein Wort, das er kannte, sie klangen wie »Nastrodir«. Abermals war ihm, als klingele da irgendetwas in den hintersten Winkeln seines Geistes, doch die Panik und die Schwäche verhinderten jegliches Begreifen.

Und ein zweites Monstrum erschien im Licht!

Rhett öffnete den Mund, von dem er bis eben nicht gewusst hatte, dass er ihn noch immer besaß, und schrie.

***

Château Montagne

Daniel Bach stöhnte, betastete die Abschürfung unter dem linken Wangenknochen, die dank des wild wuchernden grauen Rauschebarts nur teilweise zu sehen war und wandte sich dann von seinem Badezimmerspiegel ab. Er putzte sich die Zähne, wusch sich und trat vors Haus.

»Ah, das tut gut«, murmelte der 54-Jährige, als ihn die Strahlen der angenehmen Herbstsonne trafen und ihm langsam die Kälte aus dem Leib brannten. Kälte, die auf Übernächtigung und zu viel Schnaps zurückzuführen war. Bach ließ die Hosenträger schnappen. Er schätzte, dass es, dem Stand der Sonne nach, bereits später Vormittag sein musste, vielleicht sogar schon Mittagszeit.

Mann, in meinem ersten Leben hätte ich jetzt in der Betriebskantine gesessen oder im Da Enzos, dachte er zufrieden, hätte mir in aller Hast eine Pizza oder Spaghetti hinter die Kiemen geschoben und dabei doch nur an irgendwelche beschissenen Geschäfte und Verträge und Vorstandssitzungen gedacht und wäre dabei vollends vor die Hunde gegangen.

Er klopfte sich auf die Schulter. Daniel, ich kann dir nur gratulieren, dass du den Schritt gewagt hast und aus der Löwengrube ausgestiegen bist. Das war die beste Entscheidung deines Lebens. Denn wenn ich schon als lallendes Wrack herumlaufe, dann doch lieber durch Alkohol als durch zu viel Arbeit!

Bach kicherte so albern, wie es ihm gerade passte. Noch vor einem Jahr war er Vorstand eines großen deutschen Kreditinstituts mit Sitz in Frankfurt gewesen, ein brillanter Manager, der seiner Bank mit teilweise riskanten Anlagen enorme Gewinne beschert hatte und dessen Kopf deswegen öfters als die seiner Kollegen auf den Titelblättern der großen Wirtschaftsmagazine und -zeitungen zu sehen gewesen war. Der Sechzehn-Stunden-Tag war normal für ihn gewesen, seine Frau seit Langem nur noch ein lästiges Anhängsel – »Guten Morgen, Schatz, was machst du heute?«, Bussi links, Bussi rechts, aber antworte mir bloß nicht auf meine Fragen, es interessiert mich eigentlich einen feuchten Dreck – und sein »Privatleben«

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