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Professor Zamorra - Folge 1003

Unter dem Schattendom

Von Oliver Fröhlich und Michael Breuer

Mit ausgebreiteten Flügeln glitt Nastrodir über Wälder und Seen. Er genoss das neue Leben und seine Freiheit. Jenseits von Gwychrurs Hain zogen drei Artgenossen ihre Kreise, stürzten sich in wagemutigen Manövern der Grasfläche entgegen, fingen sich ab und stiegen wieder auf.

Nastrodir wollte sich ihnen anschließen, mit ihnen fliegen, da geriet er ins Trudeln. Etwas lähmte seine Schwingen, seine Muskeln. Verzweiflung breitete sich mit der Wucht einer Explosion in ihm aus. Und Wut. Trauer. Hass auf sich selbst und andere. Als er erkannte, dass diese Gefühle nicht von ihm, sondern von einem alten Freund stammten, war es bereits zu spät.

Er stürzte ab wie ein Stein …

Immer wieder spielte Zamorras Kopfkino ihm die letzte Szene aus dem schrecklichen Film vor, der sich seit Tagen um sie herum ereignete.

Seit Tagen? Diese Angabe ist doch wohl höchst relativ, Herr Professor, finden Sie nicht?

Alles war damit losgegangen, dass Asmodis Nicole, Robert Tendyke und ihn nach Avalon mitgenommen, ja, fast schon entführt hatte – angeblich, um die dortige Luziferträne vor dem Zugriff des verrückt gewordenen Wächters der Schicksalswaage zu bewahren.

Die Geschichte stellte sich jedoch als Lug und Trug heraus. Tatsächlich wollte der ehemalige Fürst der Finsternis das Artefakt an sich reißen, um damit LUZIFER zu stärken. Der gefallene Engel nämlich hatte die Vernichtung der Hölle nicht nur teilweise überlebt, er hatte sie sogar selbst forciert, um sich so von einem Jahrmillionen alten Fluch zu befreien. Nun trieben seine Reste in einer magischen Sphäre in Kolumbien ihr Unwesen, zu schwach, um die Hölle neu erstehen zu lassen, und dennoch viel zu gewaltig für das Team um Professor Zamorra.

Schon einmal war Asmodis an der Bergung der Träne gescheitert, doch diesmal hoffte er, mit seiner und der Alten Kraft in seinem Sohn Robert Tendyke erfolgreicher zu sein. Aber Rob durchschaute den Plan seines Erzeugers und verlor im anschließenden Streit durch Asmodis’ Hand das Leben. Und zwar endgültig, ohne die Chance auf Wiedergeburt, wie Zamorra befürchtete. Denn durch den umgepolten Spionage-Bug in seinem Amulett konnte er in der Erinnerung des ehemaligen Höllenfürsten lesen, dass der Tod Tendyke so schnell ereilte, dass sich dieser nicht mehr auf den Schlüssel und die Worte zu konzentrieren vermochte, derer es für eine erfolgreiche Wiedergeburt bedurfte.

Die Herrin vom See – niemand anders als Lilith, die Mutter von Asmodis und Merlin – schleuderte Nicole und Zamorra durch ein Weltentor zurück auf die Erde, direkt vor die Füße der Peters-Zwillinge, Tendykes Lebensgefährtinnen.

Mithilfe des weiterhin aktiven Amulettbugs wurde Zamorra auf mentalem Weg Zeuge, wie sich Asmodis vor LUZIFER für sein Versagen verantworten musste. Leider ertrug Taran, das Bewusstsein in Merlins Stern, die enorme Präsenz des Höllenkaisers nicht lange. Er fiel in Ohnmacht, brannte geistig aus oder starb. Der Professor wusste nicht, welche Möglichkeit der Wahrheit entsprach. Und er wusste auch nicht, was aus Asmodis geworden war, da die Verbindung zu früh abbrach. Hatte LUZIFER ihn womöglich sogar vernichtet? Zamorra wollte es nicht ausschließen.

Kaum waren er und Nicole zurück im heimischen Château Montagne, um zu besprechen, wie es nun weitergehen sollte, erreichte sie die Nachricht, dass sich Paris in eine dämonisch verseuchte Ruinenstadt verwandelt hatte. Sie machten sich auf, das Phänomen zu ergründen, und gerieten in eine Zone der Zerstörung, in der andere physikalische Gesetze und ein wesentlich schnellerer Zeitablauf galten als im Rest der Welt.

Leider fielen sie nach einem Angriff in die Hände eines Dämonendieners und verbrachten lange qualvolle Tage in Gefangenschaft. Zumindest gemessen an Pariser Zeitverhältnissen. Außerhalb der sich ausbreitenden Zone mochten vielleicht nur ein paar Stunden vergangen sein.

Glücklicherweise gelang es Nicole, sie aus der misslichen Lage zu befreien. Sie setzten ihren Weg fort und stießen in den Ruinen von Notre Dame schließlich auf den Verursacher der Zerstörung: einen uralten Mann, der sich zu ihrem Entsetzen als ein dämonisch veränderter Rhett Saris ap Llewellyn herausstellte.

Der Erbfolger, ihr langjähriger Freund, war offensichtlich unter den magischen Bann eines Wesens namens Sendradin geraten, war sogar mit ihm verschmolzen. Zumindest war es das, was Zamorra aus Rhetts boshaftem Gefasel heraushörte.

Es kam zum Kampf, bei dem Rhett Nicole in den einzigen noch halbwegs erhaltenen Turm der Kathedrale verschleppte. Zamorra folgte ihnen und sah sich letztlich gezwungen, den veränderten Erbfolger zu erschießen, um Nicoles Leben zu retten.

Diese letzte Szene war es, die sich wie in Endlosschleife in seinem Kopf wiederholte.

Der rote Laserstrahl aus dem E-Blaster, der Rhett ein Loch zwischen die Augen brannte, sein Zurücktaumeln und der Sturz vom Turm. Wieder und wieder und wieder.

»Bist du irre?« Nicole befreite sich aus Zamorras Umklammerung am Fuße der Turmtreppe und sah ihn vorwurfsvoll an. »Du weißt doch genau, was geschieht, wenn Rhett stirbt!«

Ja, das wusste er. Er würde die magische Verbindung zwischen ihnen lösen und deshalb körperlich altern. Sich in einen Tattergreis verwandeln. Unfähig zur Dämonenjagd.

»Was hätte ich denn tun sollen?«, ereiferte er sich. »Zusehen, wie er dich von dieser Steinbestie töten lässt?«

»Genau das! Gerade in der jetzigen Situation bist du unverzichtbar für die Welt.«

»Und du bist unverzichtbar für mich! Außerdem glaube ich, dass Rhett es darauf angelegt hat.«

»Was soll das heißen?«

Zamorra zuckte mit den Schultern und blickte die Treppe hinauf ins Freie. Noch immer hingen die schwarzen Wolken am Himmel, doch die Blitze ließen allmählich nach. »Warum hat er uns nicht einfach umgebracht? Wieso hat er mich fortwährend provoziert und, als er damit nichts erreichte, dein Leben bedroht? Ich glaube, weil Rhett – der echte Rhett, der in den Tiefen dieses Widerlings festsaß – wollte, dass ich ihn von seinem Schicksal erlöse. Das musste er aber so anstellen, dass es diesem Sendradin, der ihn beherrschte, nicht auffiel.«

»Bist du dir sicher?«

»Nein, aber ich wünsche mir, dass ich recht habe.«

Er betrachtete seine Hände. Wies die Haut schon mehr Falten auf als noch vorhin? Verkrümmten sich die Finger nicht bereits? Wann setzten die Schmerzen in den Gelenken ein?

Es geschah – nichts.

»Eigentlich dachte ich, dass der Effekt sofort auftritt«, sagte er.

»Tut er aber nicht«, stellte Nicole das Offensichtliche fest. »Und das heißt?«

Zamorra schüttelte den Kopf, als ihm die Antwort auf diese Frage klar wurde. Aber das war unmöglich! Er hatte Rhett zwischen die Augen geschossen! Aber welche andere Möglichkeit bestand noch? Er wusste keine. »Das heißt, dass er noch lebt.«

Sekundenlang sahen sie sich an, dann hasteten sie Treppe hinauf, um sich zu vergewissern.

***

Nastrodir sah den Boden auf sich zurasen. Er versuchte die Flügel auszubreiten, sich abzufangen, wieder aufzusteigen oder zumindest in einen Gleitflug überzugehen. Doch es gelang ihm nicht. Das Gefühlschaos seines alten Freundes, das auf ihn übergeschwappt war, lähmte ihn förmlich.

Kurz bevor er in die Gipfel des Waldes krachte, packten ihn zwei Klauen im Genick. So unerträglich der Schmerz der sich in seinen Panzer bohrenden Krallen normalerweise gewesen wäre, übertünchte er doch nicht die seelischen Qualen, die er empfand.

Der Sturz verlor an Tempo und kam höchstens eine Schwingenbreite über den Bäumen zum Stillstand.

Nastrodir reckte den Kopf nach hinten und sah über sich einen Drachen mit gelblichgolden schimmernden Schuppen.

»Gwychrur«, ächzte er.

Der Alte hatte ihn tatsächlich vor dem Tod gerettet.

Er setzte Nastrodir auf einer weiten Wiese seines Hains ab und landete unmittelbar daneben. Aus seinen schwarz glänzenden Augen betrachtete er den beinahe Verunfallten.

»Ich mache mir Sorgen um dich, Nastrodir«, sagte er. »Seit deiner Rückkehr beobachte ich dich. Du hast dich gut entwickelt, aber manchmal … nun, manchmal benimmst du dich wie einer von ihnen!«

Nastrodir musste nicht fragen, wen Gwychrur damit meinte. »Weil ich lange genug bei ihnen gelebt habe.«

»Ich weiß. Und das ist das Problem. Du hängst noch zu sehr an ihnen.«

»Tu ich nicht!«

Gwychrur stieß ein Grollen aus, und Rauchwolken stiegen ihm aus den Nüstern. »Na schön, dann tust du es also nicht. Warum bist du gerade fast abgestürzt?«

»Ein … ein Luftloch«, antwortete Nastrodir.

Der Alte ließ eine weitere Wolke entweichen. »Lüg mich nicht an! Drachen lügen nicht. Und gegenüber einem Alten schon gar nicht.«

»Ein Freund ist in großer Not. Ich kann sein Leiden spüren.«

»Ein Freund?«

»Ja.«

»Einer von ihnen, richtig?«

Nastrodir zögerte.

»Richtig?«, fragte Gwychrur noch einmal.

»Ja.«

»Wie ich sagte: Du hängst noch zu sehr an ihnen.«

»Nicht an allen. Nur an einigen wenigen. Und an einem besonders. Er ist es, dem es schlecht geht.«

»Ein Drachentöter!«

»Ein Mensch«, widersprach Nastrodir.

»Das ist das Gleiche.«

»Aber nicht nur er leidet. Ich spüre es! Seine ganze Welt ist in Gefahr. Sie könnte untergehen.«

Gwychrur richtete sich zu voller Größe auf und umrundete Nastrodirs grünschwarzen Schuppenleib. »Na und? Was schert dich das?«

»Die Menschen sind nicht so, wie du sagst.«

»Und wenn schon! Lass sie untergehen, dann ist es egal, wie sie waren.«

Nastrodir ließ den Schädel auf die Wiese sinken. Doch nach einigen Sekunden richtete er ihn wieder auf und sah den Alten an. »Das kann ich nicht! Bitte, lass mich zurückkehren. Ich muss ihm helfen.«

Gwychrur lachte. Kleine Flammen tänzelten ihm vor den Nasenlöchern. »Zurück in die Welt der Drachentöter? Niemals!«

»Aber ich muss! Bitte!«

»Das Einzige, was du musst, ist einem Alten gehorchen. Und ich sage, du bleibst hier.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Nicht, dass du eine Wahl hättest. Schließlich kannst du ohne die Magie der Alten kein Tor öffnen.«

»Bitte!«

»Ich mache mir wahrlich Sorgen um dich«, wiederholte Gwychrur noch einmal. Ohne ein weiteres Wort erhob er sich in die Lüfte und verschwand nur Minuten später am Horizont.

Nastrodir jedoch blieb zurück. Geknickt, enttäuscht.

Ich muss ihm helfen! Aber ich muss auch gehorchen. Was soll ich nur tun?

In seiner Verzweiflung stieß er sich vom Boden ab und stieg mit wenigen Schlägen ebenfalls in die Höhe. Nur unbewusst fiel ihm auf, dass sein Körper ihm wieder gehorchte.

Ziellos zog er seine Kreise. Seine Gedanken galten nur noch der Welt der Menschen. Er musste helfen! Er musste einfach. Auch wenn er damit die Anweisungen des Alten missachtete.

Aber wer sollte ihm das Tor öffnen?

Die Verzweiflung, es nicht selbst tun zu können, zerriss ihm nahezu das Drachenherz. Warum galten im Drachenland nur so unbegreifliche Gesetze? Er spürte, wie die Not des Freundes noch zunahm und sich ins Unerträgliche steigerte.

Die Zeit drängte, dessen war sich Nastrodir sicher.

Doch er konnte nichts unternehmen. Nichts, absolut nichts. Er war nur ein kleiner – nun ja, inzwischen nicht mehr ganz so kleiner – unbedeutender Drache.

Plötzlich schwebte über dem Wald ein Loch in der Luft. Ein länglicher Riss, gerade breit genug für seine Spannweite.

Aber …

War ich das? Habe ich das selbst getan, obwohl Gwychrur meinte, ich könne es nicht?

Ist doch egal. Flieg einfach durch!

Nastrodir zögerte nicht länger. Er glitt durch den Riss und fand sich in einer postapokalyptischen Welt wieder. Ruinen überall, vereinzelt brannte es, in der Luft lag der Geruch nach Rauch und Tod.

Obwohl sich der Durchgang im Drachenland viele Meter über den Bäumen befunden hatte, lag sein Ausgang nur knapp über dem Boden. Er blickte auf Schutt, Steine und Leichen.

Hektisch wollte Nastrodir hochziehen und abdrehen.

Was geschah hier? Das war doch nicht die Welt, die er kannte!

Da bemerkte er unmittelbar vor sich eine zerstörte Kirche – und einen alten Mann, der von einem der Türme stürzte.

Er sah anders aus und dennoch erkannte Nastrodir ihn: Bei dem Greis handelte es sich um Rhett! Zumindest teilweise.

Ich habe nicht nur ein Tor geöffnet, sondern es sogar in seine Nähe gebracht.

Ihm blieb keine Zeit, von der eigenen Leistung beeindruckt zu sein. Er flog dem abstürzenden Körper entgegen und fing ihn kurz vor dem Aufschlag ab. So wie Gwychrur ihn gerettet hatte.

Der Leib des Greises hing in den Drachenklauen. Zwischen seinen Augen prangte ein drittes Loch, das konnte Nastrodir erkennen. Und trotzdem gab es noch Leben in ihm. Hauchdünn nur und äußerst zerbrechlich, aber doch Leben.

»Was ist nur mit dir geschehen, mein Freund«, sagte Nastrodir. »Aber keine Sorge, der gute alte Fooly zieht dich mal wieder aus dem Dreck.«

Ein Hauch von Wehmut überkam ihn bei der Nennung seines alten Namens. Dann flog er mit Rhett in den Klauen durch den Riss zurück ins Drachenland.

Was Gwychrur davon halten würde, interessierte ihn nicht.

***

Zamorra begriff die Welt nicht mehr.

Er stand an der zerstörten Brüstung des Turms von Notre Dame und starrte in die Tiefe.

»Er ist weg«, sagte er. »Dort unten jedenfalls liegt er nicht.«

»Also lebt er noch«, stellte Nicole fest.

»Ich habe ihm zwischen die Augen geschossen! Wie kann er da noch leben? Darüber hinaus hat er dann auch noch einen Fünfzig-Meter-Sturz überstanden und ist einfach davonspaziert?«

»Ich weiß selbst, wie das klingt. Aber was soll denn stattdessen passiert sein? Wenn er tot ist, wo ist dann seine Leiche? Warum alterst du nicht?«

Das waren verdammt gute Fragen, auf die Zamorra keine Antworten wusste. »Und wie erklärst du dir das?« Er zeigte zum Himmel.

Kein Blitz zuckte mehr durch die Schwärze. Das Donnergetöse hatte ein Ende genommen. Vereinzelt rissen sogar die Wolken auf und ließen erste Sonnenstrahlen passieren.

»Sendradins, Rhetts oder wessen Magie auch immer, sie wirkt nicht mehr. Wie ist das möglich, wenn er noch lebt?«

»Keine Ahnung. Vielleicht hat er sich zurückgezogen. Was aber weder Paris noch die unzähligen Menschenleben zurückbringt«, wandte Nicole ein.

Zamorra nickte. Was für ein unermesslicher Schrecken hatte sich in der Stadt abgespielt! Würden die Menschen, die in ihren Häusern und Verstecken überlebt hatten, jemals wieder die Augen schließen können, ohne das Entsetzliche vor sich zu sehen?

»Ich fürchte, wir werden dieses Rätsel nicht lösen«, sagte der Professor.

»Du hast recht. Und statt dich darüber zu wundern, dass du nicht alterst, solltest du dich lieber freuen.«

»Damit hast du nun wieder recht. Lass uns heimgehen.«

Sie stiegen die Treppe hinunter, kehrten noch einmal zurück zwischen die Trümmer, wo der erste Kampf stattgefunden hatte, und suchten Nicoles E-Blaster und den Dhyarra im Schutt.

Als sie die Kathedrale verließen, hatte sich der Himmel deutlich mehr aufgeklart. Über sich sahen sie einen Kondensstreifen im Blau – und davor kroch ein Düsenjäger entlang.

»Wie viel Zeit mag wohl draußen vergangen sein?«, fragte Nicole.

»Keine Ahnung. Aber ich glaube, die Zeitzonen gleichen sich allmählich wieder an. Das Flugzeug sieht zwar unendlich langsam aus, aber immerhin nehmen wir seine Bewegung wahr!«

Ein Grollen wehte ihnen entgegen. Das Jammern von sich biegendem und reißendem Metall, in sich zusammenstürzende Häuser, Autos, die eine örtlich umgekehrte Schwerkraft in der Luft gehalten hatte, krachten zu Boden. Die physikalischen Gesetze eroberten Paris zurück.

Leider hatte das Erlöschen der Magie nicht zugleich zur Vernichtung aller Dämonen geführt. Noch immer streiften Menschen, die die bösartige Strahlung von Sendradins Wirken in Schwarzblüter verwandelt hatte, durch die Straßen.

Viele von ihnen wirkten orientierungs- und führungslos, andere jedoch schienen weiterhin auf der Suche nach Opfern zu sein oder sich schlicht ihrem Wahnsinn hinzugeben.

»Wir können Paris nicht in der Hand der Dämonen lassen«, sagte Nicole, als sie durch die Überreste einer völlig zerstörten Einkaufsmeile gingen.

Innerlich gab Zamorra ihr recht, aber welche Wahl blieb ihnen? In jedes Haus gehen und nach Schwarzblütigen suchen? Sie per Lautsprecher bitten, sich zur Vernichtung am Montmartre einzufinden? Für einen Augenblick hatte er selbst schon erwogen, eine gigantische M-Abwehr um Paris zu errichten, die alle Dämonen der Stadt tötete, aber er musste sich eingestehen, dass das nicht funktionieren würde. Der Umkreis war viel zu gewaltig, um im Inneren noch eine Wirkung zu erzielen.

»Ich fürchte, uns bleibt nichts anderes übrig«, antwortete er.

Wie schon auf Weg ins Zentrum des Bösen versuchten sie auf dem Rückweg, alle unliebsamen Begegnungen zu vermeiden, was ihnen dank der Verwirrtheit der meisten Dämonen auch gelang. Dennoch benötigten sie etliche Stunden, um sich im Kadaver der Stadt zurechtzufinden. Denn sie wollten nicht nur raus aus Paris, sie wollten unterwegs auch noch Amanda und den Soldaten Martinot abholen, zwei ihrer damaligen Mitgefangenen.

Als sie es endlich geschafft hatten und die normale Welt erreichten, fand Zamorra gerade einmal die Zeit, erleichtert durchzuatmen.

Denn noch bevor ihm der zweite Atemzug vergönnt war, klingelte das TI-Alpha.

Er verdrehte die Augen. Was für ein Segen war doch die netzlose Zeit im Inneren der Zone gewesen!

Der Professor schielte aufs Display und sah eine ihm unbekannte Nummer. Die Stimme, die sich meldete, kaum dass er den Anruf angenommen hatte, kannte er jedoch sehr wohl.

»Zamorra? Na endlich! Wir brauchen deine Hilfe!«

***

Die Welt geht unter!

Der Gedanke drängte sich Henri Beauchamps unwillkürlich auf, als er aus dem Fenster seines kleinen Cafés im 14. Arrondissement von Paris blickte. Draußen schien stockfinstere Nacht zu herrschen, aber das mochte an den dichten Rauchwolken liegen, die den Himmel verdunkelten. Die Straßenlaternen waren ausgefallen und geisterhaftes Heulen wehte durch die Straßen.

Henri hatte den Laden vor Tagen verrammelt und sich im Inneren verbarrikadiert. Das war auch sehr klug von ihm gewesen! Lange hatte man ihn in Ruhe gelassen. Doch damit hatte es nun ein Ende. Schon seit Stunden hämmerten immer wieder stöhnende, schlurfende Gestalten an das Rollgitter des Lokals. Durch das Zwielicht blieben die Gesichter der Randalierer schemenhaft, aber Henri verspürte auch gar nicht das Bedürfnis, einen näheren Blick auf sie zu werfen. Er fürchtete nicht zu Unrecht um sein Leben!

Aus weiter Ferne drangen immer wieder Explosionen und Schüsse an sein Ohr. Es klang, es würde in den Straßen von Paris ein furchtbarer Bürgerkrieg toben.

Henri schloss die Augen. Er bemühte sich, nicht zu weinen. Stark sein musste er jetzt, das war ihm klar!

Unruhig leckte sich der untersetzte Mittvierziger über die Lippen. Seine Knöchel verfärbten sich weiß, als er die abgewetzte Theke umklammerte. Er wusste, das Café würde ihm nicht auf ewig Schutz bieten können, aber alles in ihm sträubte sich, die momentane Sicherheit aufzugeben.

Da draußen ist die Hölle los, dachte er.

Henri konnte freilich nicht ahnen, wie recht er mit diesem Gedanken hatte.

Während der Franzose noch fieberhaft überlegte, wie seine nächsten Schritte aussehen sollten, kehrte plötzlich geisterhafte Stille ein.

Das Heulen und Stöhnen verstummte, aber das war eigentlich noch schlimmer.

Die Ruhe vor dem Sturm, dachte Henri verzweifelt. Er konnte die dunklen Silhouetten vor dem Fenster immer noch deutlich erkennen. Regungslos standen sie da. Irgendetwas schien sie abzulenken. Jedenfalls machten sie keinerlei Versuch mehr, ins Innere des Cafés einzudringen.

Henri dankte dem Herrn für diese kleine Gnadenfrist und bemühte sich erfolgreich, den Gedanken an das, was möglicherweise folgen würde, zu verdrängen.

Unvermittelt war ein lautes Knacken zu hören.

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