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Private Desire – Heißer Kuss um Mitternacht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Reihe
  3. Über diese Folge
  4. Über die Autorin
  5. Private Desire – Heißer Kuss um Mitternacht
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. Epilog
  40. In der nächsten Folge

Über diese Reihe

Prickelnde Liebesgeschichten voll erotischer Spannung – diese eBook-Reihe bietet abgeschlossene erotische Liebesromane an malerischen Schauplätzen.

Über diese Folge

Zoe liebt ihr Leben als Au-pair Mädchen in Paris: Zwei Kinder, um die sie sich im Hause der reichen Duvilles kümmert, ein spannender Job in einer Kunstgalerie und eine nette südamerikanische Freundin bereichern ihr Leben. Eines Abends aber, als sie mit den Kindern alleine im Haus ist, erwischt sie einen Kunstdieb auf frischer Tat. Anstatt zu fliehen blickt der Unbekannte sie mit wundervollen nachtblauen Augen an und Zoe bekommt den leidenschaftlichsten Kuss ihres Lebens. Zwei Tage später betritt ein Mann mit unwiderstehlich nachtblauen Augen die Galerie. Zufall? Oder ist er der Mann, der sie geküsst hat? Warum ist er zurückgekehrt? Konnte er den Kuss ebenfalls nicht vergessen? Welche Geheimnisse verbirgt er außerdem?

Über die Autorin

Eva Mangas ist das Pseudonym einer jungen italienischen Autorin, die in Pordenone lebt. Sie arbeitet im Bereich der Kommunikation. Aktuell kümmert sie sich um zwei Kinder, einen Hund, diverse Romane und einen Mann mit kaffeebraunen Augen.

 

Für den Mann mit den kaffeebraunen Augen,
der die Tür meines klopfenden Herzens geöffnet hat,
um die Herzschläge freizugeben.

1

»Und der Drache verschlang ihn mit einem einzigen Bissen.«

Lautes Protestgeheul erfüllt den Raum. Luc springt unter seiner Decke hervor, hüpft auf seinem Bett auf und ab und schreit: »Neiiiin!« Seine Schwester Margot folgt seinem Beispiel, lacht und quietscht und schüttelt dabei ihre blonden Locken.

Zoe seufzt ergeben: »Na gut, wenn ihr mit diesem Ende nicht einverstanden seid, können wir uns ein neues ausdenken. Wie soll es ausgehen?«

Viele neue Enden und Gute-Nacht-Küsse später herrscht endlich Stille im Raum. Zoe betrachtet die beiden schlafenden Ungeheuer, die nun wie zwei kleine Engel aussehen, und legt dann ihre Hand auf Margots Stirn, um zu fühlen, ob das Kind noch fiebert. Beruhigt nimmt sie ihr Buch zur Hand, kuschelt sich in den Sessel und winkelt die langen Beine an, sodass diese unter ihrem Sarong verschwinden. Aber die Müdigkeit ist stärker: Schon bald verschwimmen die Buchstaben vor ihren Augen, die Lider werden schwer, und die junge Frau gleitet in einen tiefen Schlaf.

Ein plötzliches Geräusch lässt sie hochfahren.

Es kommt aus dem Wohnzimmer und klingt wie Schritte.

Zoe reißt die Augen auf, das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Sie hält den Atem an und lauscht. Wieder hört sie das Geräusch. Sie hat es sich also nicht eingebildet …

Wenn das ein Einbrecher ist, kommt er sicherlich nicht ins Kinderzimmer. Ich könnte mich einfach schlafend stellen, dann passiert mir bestimmt nichts, versucht sie sich zu beruhigen. Aber dann kommt ihr der Gedanke in den Sinn, dass der Einbrecher Luc und Margot mitnehmen und ihnen etwas antun könnte.

Sie nimmt ihren ganzen Mut zusammen und entscheidet sich dafür, nachzusehen. Vielleicht sind lediglich die Duvilles früher nach Hause gekommen …

Oder vielleicht hat Paté, die Tigerkatze, etwas runtergeschmissen …

Langsam geht sie auf Zehenspitzen aus dem Zimmer und schleicht dicht an der Wand entlang. Abgesehen von der schwachen Beleuchtung im Kinderzimmer ist das Haus in Dunkelheit getaucht, die nur vom Schein der Straßenlaternen, der durch das Fenster dringt, durchbrochen wird.

Sie hält den Atem an, als sie die Tür des Wohnzimmers erreicht. Gerade noch rechtzeitig lässt sie sich hinter das Sofa gleiten. Ein hellblauer Lichtstrahl huscht durch die leicht geöffnete Tür, durch die sie gerade ins Zimmer geschlichen ist. Zoe ist zur Salzsäule erstarrt.

Kurz danach erlischt das Licht.

Im Kopf geht Zoe das wertvolle Inventar des Wohnzimmers durch: Plasma-TV, DVD-Player, Stereoanlage mit Zubehör, zwei Ming-Vasen, die Pistolen aus dem achtzehnten Jahrhundert, drei Gemälde. Der Safe befindet sich im Schlafzimmer des Ehepaares.

Vielleicht beschränkt sich der Einbrecher darauf, das mitzunehmen, was er hier findet, und verschwindet dann, denkt sie sich.

Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, wagt Zoe einen kleinen Blick über den Rand des Sofas.

Es ist wirklich ein Einbrecher! Genau vor ihr, und er begutachtet die Gemälde. Er schaltet ein batteriebetriebenes LED-Lämpchen an, und ein schwacher Schein beleuchtet ihn. Zoe schlägt das Herz bis zum Hals. Langsam lässt sie ihren Blick über den schmalen und muskulösen Körper des großen Mannes mit den breiten Schultern wandern, über die in Handschuhen steckenden Hände, die am Gemälde hantieren, und über das Gesicht, das hinter einer Sturmmaske verborgen ist, die nur die Augen frei lässt. Das Licht des Lämpchens, das er auf eine Wandkonsole gestellt hat, offenbart seine Augenpartie: Die Augenbrauen sind dicht und dunkel und leicht gebogen; seine Iris, tief und durchdringend, hat die Farbe des Mitternachtshimmels.

Der Mann dreht sich um, und Zoe versteckt sich schnell wieder hinter dem Sofa.

Es hat nicht viel gefehlt, durchzuckt sie die Erkenntnis.

Plötzlich fällt der Bleistift, der ihren Haarknoten zusammenhielt, auf den Boden. Das Licht des Lämpchens erlischt sofort.

Zoe hält den Atem an, schließt die Augen und versucht, nicht einen einzigen Muskel zu bewegen. Die folgenden Sekunden erscheinen ihr wie eine Ewigkeit. Im Raum herrscht absolute Stille, eine beängstigende Stille.

Sie atmet langsam aus; sie ist sich sicher, ungeschoren davongekommen zu sein. Doch eine Hand packt ihren Arm und zwingt sie, hochzukommen.

»Es sollte keiner zu Hause sein …«, flüstert der Einbrecher.

Sie gibt keinen Laut von sich, ihre Beine sind ganz weich, ihr Gehirn komplett leer. Er schaltet das Lämpchen an und lässt den Lichtstreifen von ihren Füßen über den Rock und das verrückt gemusterte Top bis hin zum Gesicht wandern: Ihr Teint hell, von Sommersprossen bedeckt, die Haare gelockt und kupferblond, die Augen grün, mit bernsteinfarbenen Pünktchen, die wie kleine Flammen wirken, der kleine, aber üppige Mund mit den leicht hochgezogenen Winkeln.

Das Licht enthüllt auch den Blick des Mannes, der nun dunkel und bedrohlich wirkt.

»Wer bist du?«, fragt er mit leiser Stimme.

»Zoe … Ich kümmere mich um die Kinder.«

Er wirft einen raschen Blick zum Flur, und plötzliches Interesse spiegelt sich auf seinem Gesicht wider.

»Sind sie zu Hause?«

Sie nickt. »Sie sind krank«, sagt sie halblaut. Die Hand des Einbrechers hält immer noch ihren Arm fest.

Zoe beginnt zu zittern, die Sorge um Luc und Margot hat ihr Denkvermögen, das nun die Gefahr erkennt, wieder aktiviert.

Sie schaut sich nach einer Waffe oder nach etwas anderem um, das ihr helfen könnte.

»Du solltest jetzt ganz ruhig bleiben«, sagt er zu ihr, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Es dauert nicht lange, dann kann ich mich um dich kümmern.«

Irre ich mich oder schwang da ein amüsierter Unterton mit?, fragt sich Zoe.

Er zieht sie zum Sofa und bedeutet ihr, sich hinzusetzen. Dann dreht er ihr den Rücken zu und beginnt erneut, an den Rahmen der Gemälde zu hantieren.

Ihr Arm schmerzt genau an der Stelle, wo er ihn umklammert hat, und sie atmet vor Anspannung nur stoßweise. Sie weiß nicht, was sie tun soll: Nur einen Meter von ihr entfernt steht eine antike chinesische Vase. Sie könnte sie nehmen und den Einbrecher damit niederschlagen. Anschließend würde sie die Polizei rufen.

Aber vielleicht passiert nichts, wenn ich still bleibe, überlegt sie. »Dann kümmere ich mich um dich«, hat er gesagt. Es klang nicht wirklich wie eine Drohung, aber …

Die Sorge um Luc und Margot, die ahnungslos schlafen, lässt ihren Mut wieder erwachen. Zoe greift plötzlich nach der Vase und stürzt sich auf den Einbrecher, der sich im letzten Moment zu ihr dreht und ihren Arm festhält, ehe das Gefäß auf seinem Kopf zerschellen kann. Die Vase hält er unbeschädigt in der einen Hand, mit der anderen fixiert er Zoes Hände hinter ihrem Rücken.

»Was hattest du vor?«, fragt er sie laut, während er sich drohend über sie beugt. Das Lämpchen ist ausgegangen, als es auf den Boden fiel, und Zoe kann den Blick des Einbrechers nicht deuten. Sie weiß nicht, was er ihr antun könnte und was sie zu erwarten hat.

Der Einbrecher beginnt zu lachen. Es ist ein arrogantes, verstörendes Lachen, das nichts Gutes verheißt.

Er nähert sich ihrem Gesicht mit dem seinen und berührt ihre Lippen sanft mit einem Finger seiner freien Hand.

Zoe schließt die Augen: Gegen ihren Willen fühlt sie Wärme aus ihrer Leistengegend aufsteigen. Dieser Mann hat etwas Besonderes an sich, etwas in seinem Blick, in seiner Haltung …

Er ist ein Einbrecher!, meldet sich ihr Verstand zu Wort. Ein Krimineller!

Sie hält ihre Augen noch geschlossen, als sie plötzlich seine Lippen auf ihren fühlt. Es ist kein sanfter Kuss, der Einbrecher nimmt ihren Mund in Besitz, erforscht und erobert ihn mit Gewalt. Am Anfang versucht sie sich ihm entgegenzustellen, aber nach und nach merkt sie, dass sich ihr Körper ihm längst ergeben hat und eine überwältigende Erregung sich den Weg bahnt. Der Einbrecher berührt sie mit seinem Becken, Zoe entweicht ein Stöhnen, als sie seine Erektion spürt. Er drückt seinen Körper noch stärker an ihren. Ein Schauer überläuft ihren Rücken.

Das Weinen eines Kindes unterbricht diesen Moment, und der Einbrecher tritt zurück, hält aber weiter ihre Arme fest.

Zoe öffnet die Augen und schaut ihn an, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen.

»Sieht so aus, als hättest du zu tun«, sagt er zu ihr, während er die Sturmmaske wieder über den Mund zieht. »Ich auch.«

Er gibt ihre Hände frei, nimmt die Gemälde, die er auf den Boden gestellt hat, und geht leise zur Tür hinaus, ohne sich auch noch ein einziges Mal umzudrehen.

Zoe lässt sich auf das Sofa fallen. Ihr Kopf ist ganz leer, und ihre Lippen glühen.

Kurz danach kommt Margot mit verschnupfter Nase und ihrem Plüschelefanten unter dem Arm ins Wohnzimmer. »Ich hatte einen bösen Traum!«, sagt sie zu Zoe und bricht in Tränen aus.

2

Als Marie und Philippe Duville am folgenden Morgen nach Hause zurückkehren, finden sie Zoe im Wohnzimmer vor. Sie beantwortet, sichtlich erschüttert, die Fragen der Polizisten. Die Kinder tragen noch ihre Schlafanzüge und haben einen Heidenspaß daran, die Möbel auseinanderzunehmen. Besorgt schließen die Duvilles die junge Frau in den Arm.

»Lenk dich etwas ab, geh mit Teresa aus«, rät ihr Marie, als sie Zoes Gesicht, das heute noch blasser ist als sonst, und die dunklen Augenränder sieht.

Teresa ist, wie Zoe, ein Au-Pair-Mädchen und bei den Nachbarn der Duvilles, der Familie Morceau, zu Gast. Sie ist Kolumbianerin, wunderschön und voller Leben. Im Gegensatz zu Zoe kleidet sie sich sehr elegant und betont damit das Ebenmaß ihres Körpers und ihre üppigen Kurven. Ihr schokobrauner Hautton ist das genaue Gegenteil von Zoes hellem Teint, und die beiden Frauen lieben es, Scherze darüber zu machen.

Heute ist Zoe allerdings nicht in der Stimmung für solche Scherze.

»Du willst mir sagen, dass sich der Einbrecher an dir vergriffen hat?«

»Teresa, ich hab nicht gesagt, dass er mich vergewaltigt hat.«

»Aber er hat dich gegen deinen Willen geküsst! Und dann …«

Zoe schlurft mit ihren Sandalen, während sie wütend neben Teresa herläuft. Der lange gemusterte Rock wird von vorbeirasenden Autos bis zu den Knien hochgeweht, aber sie achtet nicht darauf.

»Nein.«

Teresa bleibt stehen, nimmt die Sonnenbrille ab und beobachtet die Freundin mit einer Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen.

»Genau genommen war es nicht gegen meinen Willen.«

»Das musst du mir genauer erklären.«

Sie setzen sich in ein Café am Place des Vosges. Teresa raucht ganz gelassen eine Zigarette, während sie die vorbeigehenden Leute beobachtet.

Zoe nippt an ihrem Cappuccino, der ihr einen Schaumbart über die Lippen zaubert.

»Da gibt es nicht viel zu erklären. Er hat mich festgehalten und geküsst. Ich weiß nicht, warum … aber es hat mir gefallen.«

Oh Gott, wie sehr es mir gefallen hat, schießt es Zoe durch den Kopf, als sie an den Druck seines Körpers, an die Erregung, die sie erfasst hat, und an seinen ungestümen und leidenschaftlichen Kuss zurückdenkt. Allein der Gedanke an seine heißen Lippen auf den ihren löst ein unbändiges Sehnsuchtsgefühl in ihr aus.

»Okay, okay, sprechen wir darüber. In Momenten der Gefahr kann es vorkommen, dass man etwas die Kontrolle über die eigenen Gefühle verliert. Du warst ihm ausgeliefert, vielleicht auch die Angst, der Schauer …«

Zoe starrt die Freundin an und schüttelt den Kopf. »Er hat durchdringende Augen, mit denen er dich förmlich verschlingt. Es fühlte sich so an, als würde sein glühender Blick auf meiner Haut brennen.«

Teresa seufzt, dann gibt sie ein betretenes kurzes Lachen von sich.

»Einverstanden Zoe, er war heiß und er hat dich geküsst. Aber …«

»Aber er ist ein Einbrecher, und ich werde ihn nie wiedersehen. Natürlich ist mir das klar. Entschuldige, aber du weißt ja, wie ich bin.«

»Die Welt besteht nicht aus Träumen, Zoe. Ein Einbrecher ist nicht wie Arsène Lupin, der König der Diebe mit dem weichen Herz, der junge Frauen verführt. Du musst vorsichtiger sein. Er hätte dich töten können.« Die Sorgenfalte zwischen Teresas Augenbrauen kehrt zurück.

»Nein, ich glaube nicht, dass er das tun könnte«, murmelt Zoe vor sich hin – mehr an sich selbst gerichtet als an ihre Freundin.

Der Nachmittag mit Teresa hat Zoe geholfen, die Angst abzuschütteln, die ihr die Ereignisse des vorigen Abends eingejagt haben. Sie ist nun entschlossen, Gras über die Sache wachsen zu lassen.

Genug mit den Gedanken an ihn, genug mit den Erinnerungen an die Momente voller Angst und Verlangen. Es war alles ein Albtraum oder ein Traum, aus dem ich nun in die Realität zurückkehren muss: Paris, die Galerie und die Kinder der Duvilles warten auf mich.

Als sie wieder zu Hause ist, muss Zoe allerdings feststellen, dass sie das alles doch nicht so einfach vergessen kann: Denn ihre Mutter wird sie bestimmt ins Kreuzverhör nehmen. Sie hat am Nachmittag angerufen, um mit ihr zu sprechen, und Marie hat ihr alles erzählt.

Ihre Mutter lebt in permanentem Alarmzustand; als könnte jeden Moment ein riesiger Felsblock auf den Kopf ihrer Tochter stürzen.

In einer Situation wie dieser wird sie bereits eine starke Dosis Lexotan geschluckt haben. Ich kann sie nicht einfach der Wirkung der Beruhigungsmittel überlassen, wird sich Zoe bewusst.

Also ruft sie kurz an und verabredet sich mit ihr für fünf Minuten später auf Skype. Kaum hat sie sich eingeloggt, erscheint schon das Gesicht ihrer Mutter auf dem Bildschirm.

»Schatz, wie geht es dir?« Der Ton ist bereits melodramatisch.

»Gut, Mama, mach dir keine Sorgen.«

»Marie hat mir von dem Einbrecher erzählt!«, sagt ihre Mutter und hält sich beide Hände vor den Mund.

»Ja, aber er hat mir nichts getan, er hat sich darauf beschränkt, die Gemälde mitzunehmen.«

Fast …

»Oh Gott, Schatz, das war bestimmt ein schreckliches Erlebnis. Willst du, dass ich zu dir komme?«

»Nein, Mama.«

»Soll ich deinen Vater zu dir schicken?«

»Bitte, Mama! Ich bin schon groß genug, außerdem ist wirklich nichts passiert. Es war ein netter Einbrecher.«

Wenn man so will …

»Hast du sein Gesicht gesehen?«

»Nein, er war maskiert. Ich habe nur seine Augen gesehen.«

»Hat er dir Angst gemacht?«

Nicht nur Angst …

»Mach dir keine Sorgen, er war schon angsteinflößend, aber er hat mir noch nicht mal ein Haar gekrümmt.«

»Er wird nicht zurückkehren, nicht wahr? Marie hat mir gesagt, dass sie sich entschieden haben, das Alarmsystem zu verstärken.«

»Ich glaube nicht, dass er zurückkehrt. Er wollte die Gemälde haben und hat sie auch mitgenommen. Hätte er Geld oder Sonstiges gewollt« – zum Beispiel mich – »hätte er danach gesucht.«

»Ja, ich glaube auch. Als wir zugestimmt haben, dass du diese Erfahrung machst, haben wir nicht bedacht, dass du so etwas erleben könntest. Vielleicht wäre es besser, wenn du wieder nach Rom zurückkehrst.«

Zoe geht außer Sichtweite des Bildschirms und zählt bis zehn. Dann setzt sie ein Lächeln auf und antwortet: »Nein, Mama, es ist wirklich nichts passiert. Ich möchte diese letzten drei Monate hierbleiben, ich bin dabei, meine Sprachkenntnisse zu perfektionieren, und die Arbeit in der Galerie ist wirklich toll.«

»Hör mal, Zoe, wenn du uns brauchst, können wir sofort zu dir kommen. Wir nehmen den ersten Flug, und in wenigen Stunden sind wir bei dir.«

Zoe zwingt sich, nicht genervt zu erscheinen. »Ich werde darüber nachdenken.«

»In Ordnung, Schatz. Ich umarme dich, auch dein Vater und dein Bruder grüßen dich.« Hinter der Mutter sieht sie ihren Vater, der gerade den Tisch deckt und ihr kurz zuwinkt; Tommaso hingegen hüpft hoch, um über die Webcam zu erscheinen, während er ihr ein schrilles »Ciao« zuruft.

Dann ist der Bildschirm dunkel und still.

Die Kinder der Duvilles sind beim Abendessen überdreht. Sie haben von dem Einbruch erfahren, und sich als Teil eines solchen Abenteuers zu fühlen, hat sie in vollkommene Verzückung versetzt. Als Augenzeugin muss Zoe erneut über den Dieb sprechen, über seinen Blick und auch den Klang seiner Stimme.

Philippe wird blass, als Zoe erzählt, dass sie den Einbrecher mit der Ming-Vase habe treffen wollen, vielmehr aber aus Sorge um die Vase als wegen des Risikos, das Zoe eingegangen ist.

Luc und Margot gehen schließlich zu Bett, und die Eltern bleiben im Wohnzimmer, um einen Film zu sehen. Zoe lehnt unter dem Vorwand, sich erschöpft zu fühlen, die Einladung der Duvilles ab, sich ihnen anzuschließen, und zieht sich in ihr Zimmer zurück.

Dort sitzt sie auf ihrem Bett und starrt mit aufgerissenen Augen an die Decke.

Die Bilder vom Abend zuvor, die durch das Gespräch beim Abendessen wieder wachgerufen wurden, sind nun lebhafter und realer, und auch die Gefühle, die die Bilder begleiten.

Sie hört den Klingelton einer SMS, sie ist von Teresa: Du wirst doch wohl nicht wieder an ihn denken?

Zoe stellt sich die ernste Miene vor, mit der Teresa den Text geschrieben hat. Zoe lächelt und tippt: Erwischt!

Kurz danach ein erneuter Piepton: Dies ist ein Befehl: Hör auf damit und schlafe!

Jawohl, schreibt sie.

Aber die Gedanken an ihn wollen einfach nicht verschwinden.

Um sich abzulenken, versucht Zoe etwas zu lesen, aber sie bemerkt schnell, dass sie der Lektüre nicht folgen kann. Also schaltet sie den Fernseher ein und schaut sich einen französischen Dokumentarfilm an. Ihr Verdruss steigert sich, bis sie endlich ihre Gedanken bezwingt und einschlafen kann.

3

»Nur noch zehn«, murmelt er vor sich hin, als er die Namen der Gemälde, die er bei den Duvilles gestohlen hat, in sein iPad eintippt. »Dann werde ich es endlich erfahren. Das hoffe ich zumindest.«

Er schaltet sein Tablet aus und bindet sich die Schuhe. Dann schnürt er seinen Rucksack und macht sich auf den Weg.

Die Seine fließt heute in langsamem Tempo, das Wasser ist grau, und auf der Oberfläche schwimmen große Äste, die von der Strömung mitgerissen wurden. Er sieht Menschen die Ufer entlangspazieren, manche joggen, und einige haben es sich gemütlich gemacht und faulenzen.

Mühelos gelangt Jules zur Conciergerie, seine Beine laufen wie von selbst. Als er die Brücke erreicht, bleibt er stehen und stellt seinen Rucksack auf den Boden. Yvonne nähert sich ihm aus Richtung der Rive Droite. Ihr blonder Zopf, der langsam hin und her wippt, ist nicht zu übersehen. Sie bleibt auf der Brücke stehen und blickt auf den Fluss. Ihren Rucksack stellt sie neben den von Jules – die beiden Taschen sind äußerlich identisch. Yvonnes makellose Bräunung sticht von ihrem rosa Trainingsanzug ab, der sich wie eine zweite Haut an sie schmiegt.

»Alles in Ordnung?«, fragt sie knapp.

»Natürlich.«

»Sehr gut. Wenn du zu mir kommen möchtest, ich bin heute Abend alleine.« Sie sagt das ganz beiläufig, während sie ihren Zopf fester bindet. Dann streicht sie mit ihrem rot lackierten Fingernagel über seine Schulter.

Jules wendet sich ihr zu. Der Altersunterschied zwischen ihnen ist kaum zu bemerken, Yvonne ist noch immer wunderschön. Bei mancher Gelegenheit hat er sich hinreißen lassen und ist zu ihr gegangen, als ihr Mann auf Geschäftsreise war. Er hatte gehofft, dass alles anders verlaufen würde, wenn sie ihn in ihr Herz schlösse. Dass sie ihm helfen würde, ohne von ihm zu verlangen, all die Diebstähle zu begehen. Aber seine Hoffnung hatte ihn getrogen, und der Sex mit ihr war immer sehr kalt – für Jules nicht mehr als ein Job. Jedes Mal kehrte er mit einem Gefühl der Leere zurück, ohne sein Problem gelöst zu haben.

Er hatte keine Lust, den gleichen Fehler wieder zu machen.

Yvonnes Blick aus den grauen Augen wird kalt, als er ihr nicht antwortet. Sie nimmt Jules’ Rucksack, und ehe sie sich abwendet, sagt sie mit schneidender Stimme: »Schick mir eine Nachricht, wenn du wieder bereit bist.«

Jules schaltet den MP3-Player an und joggt in entgegengesetzter Richtung los. Obwohl die Musik in seinen Ohren hämmert, hängt Jules weiter seinen Gedanken nach.

Das Mädchen bei den Duvilles, Zoe, hätte sein Gesicht sehen können. Ich habe es übertrieben!, geht es ihm durch den Sinn. Aber ich konnte mich nicht zurückhalten. Ihr stolzer Blick, ihre kleinen, frech geschürzten Lippen … Und ihr Körper, schlank, zierlich, doch keineswegs schmächtig, im Gegenteil. Als sie versucht hat, die Vase auf meinem Kopf zu zerschmettern, hatte sie einen entschlossenen Ausdruck, wild wie eine Kriegerin … oder eine Fee. Und dieses Gefühl, als ich sie geküsst habe, als ich meinen Körper gegen den ihren gedrückt habe und ihre spitzen Brustwarzen auf meiner Brust gespürt habe

Er schüttelt den Kopf, erhöht die Laufgeschwindigkeit und versucht, seine Erektion zu ignorieren.

Nein, ich kann nicht zu ihr gehen, sie könnte mich wiedererkennen, wird ihm bewusst.

Ich hab mich zu sehr vorgewagt.

Indes spuken die Bilder jenes Abends weiter in seinem Kopf herum.

Im Büro wird er von der Arbeit vollkommen eingenommen. Von Christie’s hat er den Auftrag erhalten, den Katalog der zum Verkauf stehenden Werke für die nächste Versteigerung vorzubereiten, und der Louvre wartet auf seine Stellungnahme betreffs der Restaurierung eines Gemäldes von Velázquez. Das Telefon klingelt den ganzen Morgen, nur während der Mittagszeit gelingt es ihm, einige Minuten abzuschalten. Da ihm nicht der Sinn nach einem Mittagessen mit seinen Kollegen stand, hat er seine Sekretärin Camille gebeten, ihm einen Salat bringen zu lassen.

Unvermittelt steht er auf und geht zur Verglasung im Art-Déco-Stil, die die komplette Wand einnimmt. Von dort hat er einen guten Blick auf den Hügel mit der Basilika Sacré-Cœur, die in der Mittagssonne hell erstrahlt, und das Rad des Moulin Rouge, das sich rastlos immer weiter dreht. Auf dem Boulevard herrscht das übliche Treiben, er ist bevölkert von Touristen und Obdachlosen. Pigalle ist, sowohl tagsüber als auch nachts, ein sehr lebendiges Zentrum.

Auch er hat bisweilen den Sinnesrausch in den Nachtclubs gesucht, die das Stadtviertel bevölkern. Dann war er nicht mehr Jules Delamar, CEO der Génton, einer Gesellschaft, die sich mit dem Handel von Kunstwerken beschäftigt, begehrter Junggeselle, Adoptivsohn … Dann war er nur noch ein Mensch unter vielen, mit einem einzigen Verlangen: körperliche Befriedigung zu finden.

Auch wenn ich stehle, bin ich nicht Jules, denkt er bei sich. Ich bin nicht mehr als ein Schatten, von mir sieht man nichts, nur meine Augen. Ich bin ein Dieb, anonym und gefährlich. Ich kann tun, was ich will. Niemals hätte ich für möglich gehalten, diese Art von Macht aufregend zu finden.

Aber wer ist Jules Delamar wirklich? Wer bin ich?

Solange Yvonne sich nicht dazu entschließt, mir zu helfen, werde ich es nie erfahren.

Als er zu Hause unter der Dusche steht, muss er wieder an den vorigen Abend denken. Zoes Gesicht taucht vor seinem inneren Auge auf – es hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Und plötzlich taucht wieder dieses Gefühl auf, die Erregung, als er ihren Körper ganz nah an seinem spürte.

Sein Verlangen wird stärker. Vergeblich versucht er, auf andere Gedanken zu kommen. Selbst eiskaltes Wasser vermag seine Erektion nicht zu vertreiben. So gibt er sich seinem Verlangen hin und massiert sein Glied. Er stellt sich vor, wie Zoe vor ihm kniet und sein steifes Glied ganz tief in den Mund nimmt.

Seine Hoden schwellen an, seine Eichel liegt frei und glänzt.

Er stellt sich vor, wie sie ihn anblickt, während sie seinen Penis im Mund hat, sieht ihren stolzen, nun gezähmten Blick vor sich und eine Träne, die ihr vor Anstrengung die Wange hinabgleitet. Sein Orgasmus gleicht einer Explosion. Das Gefühl ist so intensiv, dass er sich an die Glaswand der Duschkabine lehnen muss, um nicht zu fallen. Als er zu stöhnen aufhört, pulsiert sein Penis weiter, voller Verlangen.

Für sie.

4

»Und wie sahen die Augen des Diebes aus?«

Das Thema ist noch nicht abgeschlossen, denkt Zoe, während sie die Straße mit Luc und Margot überquert.

Sie seufzt, bevor sie antwortet: »Dunkelblau und scharf.«

»Wie Nagelscheren?«

»Schärfer!«

»Wie die Zähne von Diego, dem Tiger aus Ice Age

»Noch schärfer!«

Zoe ist erleichtert, als sie beim Kindergarten ankommen. Ein schneller Kuss, und schon sind die beiden verschwunden.

Kurz darauf betritt Zoe die U-Bahn und drängt sich zwischen die anderen Fahrgäste. Die Musik, die aus ihren Kopfhörern dröhnt, führt sie fort aus dem Chaos hinein in eine weniger hektische Welt. Sie schließt die Augen und versucht sich auf das, was sie nun erwartet, mental vorzubereiten: die Arbeit in der Galerie.

In Montparnasse ist es ruhiger. Es ist noch zu früh für Touristen. Lediglich ein paar Deutsche laufen mit ihren Wanderschuhen und ihren Hightech-Rücksäcken durch die Straßen, als wäre die Promenade ein Ausflugsort in den Bergen. Ehe sie die Galerie Les Folies betritt, nimmt sie noch schnell ein Croissant und einen »falschen« Espresso zu sich – die Franzosen nennen es Espresso, aber er ist weit entfernt von dem starken und kräftigen Kaffee, den Zoe aus Rom gewohnt ist.

Die Tür ist bereits offen, obwohl die Galerie noch geschlossen hat. Maurice trägt eine Lesebrille über seiner normalen Brille und ist vertieft in einen Stapel Dokumente. Die Haare sind zerzauster als üblich. Er trägt heute ein erbsengrünes Hemd.

Als er sie sieht, lässt er die Unterlagen fallen und wirft ihr einen resignierten Blick zu. »Zoe, was für ein Glück, dass du da bist!

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