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Private Dancer

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen

sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

PROLOG

Jackson Gallagher McCall stellte seinen Drink auf den kleinen Beistelltisch vor ihm, als eine Gruppe Showgirls in ausgelassener Partystimmung die Bar des Kasinos betrat. Was für eine Gelegenheit! Bittet, und ihr werdet empfangen ...

Das musste sein Glückstag sein – mit dem Ziel direkt vor Augen. Sein Blick ruhte auf ihrer üppigen rotblonden Lockenpracht, die ihr tief über die Schultern in den Rücken fiel und bei jedem Schritt wippte. Sie inmitten der Tänzerinnen von „La Stravaganza“ – so hieß die Bühnenshow des Hotels – wiederzuerkennen, war gar nicht so einfach gewesen. Denn alle Mädchen hatten eine tolle Figur, waren fast gleich groß und identisch geschminkt und trugen das gleiche Kostüm. Auch ihre Perücken unterschieden sich kaum voneinander, ebenso wenig der Haarschmuck, wenn man davon absah, dass einige von ihnen sich mit ein paar Federn mehr schmückten als ihre Nachbarin.

Er zweifelte jedoch keinen Moment daran, dass es sich um die Frauen handelte, die eben noch über die Bühne gewirbelt waren. Statt der dick aufgetragenen Theaterschminke hatten sie jetzt zwar ihr übliches Make-up aufgelegt, aber einige von ihnen trugen noch die knappen Kostüme aus dem letzten Akt.

Sie jedoch nicht. Kritisch musterte er sie von Kopf bis Fuß und kam zu dem erfreulichen Schluss, dass es bei diesem Körper keine Überwindung für ihn bedeutete, sie zu umgarnen und zu verführen. Ihre Füße steckten in hochhackigen Riemchensandaletten, und sie trug eine pfirsichfarbene Hüfthose mit passendem Top, das am Rücken lediglich von ein paar spaghettidünnen Bändchen zusammengehalten wurde. Ihr Lachen klang leicht heiser, der linke Mundwinkel war eine Nuance nach oben gezogen, sodass ein spöttisch wissendes Lächeln auf ihren Lippen lag. Ihrem kessen Blick zufolge hatte sie bereits mehr Tricks wieder vergessen, als andere Frauen jemals kennen würden.

Um die verführerische Mundpartie entdeckte er den gleichen Ausdruck, der ihm auch auf dem Foto aufgefallen war. Ein Ausdruck, der zu sagen schien: „Ich sorge für die heißeste Nacht deines Lebens, mein Süßer.“ Ohne Frage hatte sein alter Herr ihm das Bild nur geschickt, um sich mit der Frau zu brüsten, die er – wie auch immer – dazu überredet hatte, ihn zu heiraten.

Einer Frau, die Big Jim McCalls Witwe wurde, noch bevor die Tinte auf der Heiratsurkunde getrocknet war.

1. KAPITEL

„Happy Birthday, Schätzchen!“ Vielstimmig schallten die Glückwünsche durch den Raum. Eine der Gratulantinnen fügte hinzu: „Der wievielte ist es denn nun wirklich – der zweiunddreißigste?“

Amüsiert betrachtete Treena McCall ihre Kolleginnen an den kleinen Tischen, die sie zusammengeschoben hatten, damit auch jede einen Platz bekam.

„Der dreißigste“, korrigierte sie sanft, obwohl es tatsächlich der fünfunddreißigste war. Doch die Zahl wollte sie lieber so schnell wie möglich vergessen, was angesichts einer Muskelzerrung in der linken Wade, die sie sich bei einem einfachen High Kick im Finale zugezogen hatte, nicht ganz einfach war.

Die Freundinnen johlten spöttisch. „Aber sicher“, meinte eine von ihnen mit liebevollem Sarkasmus. Juney ging noch ein bisschen weiter: „Und wie viele dreißigste Geburtstage hast du schon gefeiert?“, fragte sie mit zuckersüßer Stimme.

„Also, wenn ihr jetzt anfangt, kleinlich zu werden ...“ Treenas Lächeln wurde breiter. „Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe die Einer gestrichen und zähle jetzt nach dem Alphabet. Danach müsste ich jetzt dreißig und E sein. Aber ich sag dir was, Juney – wenn du darauf verzichtest, das Thema weiter zu vertiefen, werde ich es bei deinem nächsten Geburtstag auch nicht zur Sprache bringen.“

„Abgemacht.“

Am anderen Ende des Tisches beugte sich Julie-Ann Spencer nach vorn. „Auf jeden Fall wirst du in Zukunft wohl nicht mehr in der ,Crazy Horse’-Show im ,La Femme’ mitmachen, nehme ich an.“

Augenblicklich wurde es still in der Runde, denn alle wussten, dass Julie-Anns Bemerkung, wie mitfühlend sie auch geklungen haben mochte, ganz und gar nicht freundlich gemeint war.

„Miststück“, murmelte Carly neben Treena. Dann fuhr sie mit lauter Stimme fort: „Sitzt, abgesehen von dir, Julie-Ann, sonst noch jemand unter fünfundzwanzig am Tisch?“ Fröhliche Pfiffe und Buhrufe waren die Antwort. Carly warf der jungen Frau einen verärgerten Blick zu. „Dann dürfte wohl keine außer dir vorwitzigem Jungspund für das ,Crazy Horse’ in Frage kommen.“

„Das ist ein herber Verlust für ,La Femme“‘, meinte Eve.

„Die Dummköpfe wissen nicht, was ihnen entgeht“, pflichtete Michelle ihr bei.

Falls Julie-Ann beabsichtigt hatte, Treena die Stimmung zu verderben, durfte sie zufrieden sein. Denn nicht nur, dass Treena niemals im „Crazy Horse“ auftreten würde – sie konnte schon von Glück sagen, wenn sie in zwei Wochen das obligatorische jährliche Vortanzen erfolgreich hinter sich brachte, um ihren Job zu behalten. Wie befürchtet, musste sie die elf Monate, die sie wegen Big Jim mit der Show ausgesetzt hatte, jetzt teuer bezahlen. Nach der Hochzeit hatte sich sein Gesundheitszustand so rapide verschlechtert, dass sie nur hin und wieder Tanzstunden nehmen konnte. Natürlich reichte dieses unregelmäßige Training bei Weitem nicht aus, um in Form zu bleiben und den Anforderungen an ein Showgirl in Las Vegas gerecht zu werden. Innerhalb eines knappen Jahrs war sie vom Dance Captain auf die Position eines Chorusgirls gerutscht. Fünfunddreißig mochte für die meisten Frauen die beste Zeit ihres Lebens sein, aber eine Tänzerin hatte in diesem Alter ihren Zenit längst überschritten. Von nun an würde es beruflich nur noch bergab gehen, und das waren ziemlich düstere Aussichten.

Bevor sie zur Show zurückgekehrt war, hatte sie kaum einen Gedanken an ihr Alter verschwendet. Bis dahin hatte das Ende ihrer Karriere in weiter Ferne gelegen, und sie hatte die Tatsache, dass sie es schneller erreichen würde als ein Hochgeschwindigkeitszug sein Ziel, immer einigermaßen erfolgreich verdrängt. Erst heute Morgen war sie sich ihres Alters schmerzlich bewusst geworden. Und war der Zug erst einmal in den Bahnhof gerollt, blieb ihr nichts anderes übrig als auszusteigen. Dabei war sie ihrem Traum, eines Tages ein eigenes Tanzstudio zu eröffnen, noch keinen Schritt näher gekommen.

Doch diesen deprimierenden Gedanken ausgerechnet jetzt nachzuhängen, brachte gar nichts. Im Gegenteil, sie erhöhten nur den Druck, der schon den ganzen Tag auf ihr lastete: dass sie irgendetwas Verrücktes tun musste, um die Melancholie zu vertreiben.

Hinter ihr fluchte ein Mann leise. Im nächsten Moment ertönte der Schreckensschrei einer Frau. Als sie sich umdrehen und nachsehen wollte, was passiert war, spürte sie etwas Eiskaltes auf ihrer nackten Schulter und am Rücken. Erschrocken sprang sie auf.

„Mein Gott, Treena, entschuldige bitte“, sagte Clarissa, die Kellnerin. Entzückende, in Netzstrümpfe gehüllte Knie präsentierend, beugte sie sich bereits gen Boden, um das leere Glas zurück auf das Tablett zu stellen.

„Es ist meine Schuld“, gestand eine sanfte tiefe Stimme. Gleichzeitig fasste eine gebräunte langfingrige Hand Clarissa am Ellbogen und half ihr hoch. „Ich muss mich entschuldigen. Ich hätte beim Aufstehen besser aufpassen müssen.“

Sobald Clarissa wieder stand, wandte sich der Mann an Treena. Hochgewachsen, mit breiten Schultern und zerzaustem braunen Haar, das an einigen Stellen von der Sonne gebleicht war, sah er sie lächelnd an. Sein schwarzes Designer-Jackett hatte bestimmt einen ganzen Wochenlohn gekostet. All das nahm Treena wahr, während er ein Taschentuch aus seiner Brusttasche zog und behutsam ihre Schulter abtrocknete.

„Entschuldigen Sie bitte“, wiederholte er, dabei achtete er sorgfältig darauf, sie nur mit dem Leinenstoff zu berühren, als er die Schulterpartie unter ihren Haaren abtupfte. Mit der anderen Hand löste er einen Eiswürfel aus ihren Locken. „Zum Glück hatte sie nur leere Gläser auf dem Tablett, als ich mit ihr zusammengestoßen bin. Drehen Sie sich um. Jetzt ist der Rücken dran.“

Sein Tonfall war so bestimmend, dass sie seiner Aufforderung automatisch folgte. Als sie sich umdrehte, sah sie in die Gesichter ihrer Freundinnen, die sie mit weit aufgerissenen Augen oder hochgezogenen Brauen fasziniert beobachteten, während er ihren Rücken abtrocknete. Erst in diesem Moment wurde ihr schlagartig bewusst, wie gefügig sie sich verhielt.

Normalerweise war sie alles andere als unterwürfig. Hätte er es auch nur einmal gewagt, sie ungefragt oder aufdringlich zu berühren, dann hätte sie ihn ohne zu zögern an Ort und Stelle und vor den Augen aller zur Schnecke gemacht. Schließlich hatte sie Übung darin, Männer abzuwimmeln, die sie nach der Show regelmäßig mit dummen Sprüchen anmachten. Nur weil die Tänzerinnen in der letzten Show des Abends topless auftraten, glaubten viele Männer, mit ihnen ein leichtes Spiel zu haben. Aber die Finger dieses Mannes berührten sie nicht eine Sekunde lang. Auf ihrer Haut spürte sie seine Wärme nur durch den Stoff des Taschentuchs, das immer feuchter wurde.

„So.“ Wie ein tiefes Schnurren klang seine Stimme an ihrem Ohr, und er ließ die Hand sinken. Dann trat er einen Schritt zurück. „Leider ist es nicht perfekt, aber mehr kann ich unter den gegebenen Umständen nicht tun.“

Als sie sich ihm zuwandte, war sein Gesicht näher, als sie erwartet hatte. Schnell trat sie einen Schritt zurück und stieß dabei gegen ihren Stuhl, der prompt umkippte. Beim Versuch, ihn festzuhalten, fegte sie ihre Handtasche zu Boden. „Um Himmels ...“

Als sie sich gleichzeitig nach der kleinen Ledertasche bückten, berührten sich ihre Finger. Er ließ sie sofort los, fixierte sie jedoch mit seinen lebhaften blauen Augen. So leise, dass nur sie es hören konnte, murmelte er: „Diese Frau, die jung genug ist, um im ,Crazy Irgendwas’ aufzutreten ... Glauben Sie mir, mit fünfundzwanzig sieht sie nicht einmal halb so gut aus wie Sie mit dreißig und E.“

Dass er sie belauscht hatte, hätte sie eigentlich ärgern müssen, doch stattdessen lachte sie – tief und unbeschwert. Dabei musterte sie den Mann, der vor ihr hockte. An der Stelle, wo seine verwaschene Jeans über den Knien spannte, war sie fast weiß. Das T-Shirt unter dem federleichten Designer-Jackett passte ausgezeichnet zum Himmelblau seiner Augen. In dieser Sekunde spürte sie eine Verzauberung, die sie lange nicht erlebt hatte: die unverfälschte sexuelle Anziehungskraft zwischen einem Mann und einer Frau. Ihre Lippen schenkten ihm eines dieser typischen einseitigen Lächeln, und sie stand auf. „Vielen Dank. Das ist wohl das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich heute bekommen habe.“

Auch er stand auf und schaute sie an. „Hören Sie“, sagte er zögernd. „Sie würden wohl nicht...“ Kopfschüttelnd unterbrach er sich und fuhr sich mit der Hand durch das zerzauste Haar. „Ach, vergessen Sie’s. Natürlich würden Sie nicht.“

„Was?“

„Nichts. Das wäre zu aufdringlich.“

Treenas Herz schlug wie verrückt, und es kostete sie ihre ganze Willenskraft, ihn nicht zu fragen, was er denn hatte fragen wollen.

Doch dann zog er die Hand zurück und streckte sein markantes Kinn vor. „Ach, was soll’s! Hätten Sie Lust, morgen mit mir zu frühstücken? Ich habe gehört, dass das Hotel ein ausgezeichnetes Restaurant haben soll.“

Hatte sie nicht schon den ganzen Tag das Gefühl gehabt, irgendetwas Verrücktes tun zu müssen? Jetzt war der Moment gekommen, ihm nachzugeben. Mach schon, wisperte ihr ein kleiner Kobold ins Ohr. Nimm die Einladung an. Genieße dein Leben. Warum auch nicht? Es war ihr verflixter fünfunddreißigster Geburtstag. Etwas Positives musste an diesem Tag doch dran sein.

Genau, pflichtete ihr das kleine Teufelchen bei. Ein bisschen Spaß wird dir guttun.

Doch sie war kein junger impulsiver Teenager mehr. Außerdem hatte sie erst vor vier Monaten ihren Mann beerdigt. Obwohl sie am liebsten Ja gesagt hätte, kämpfte sie gegen die Versuchung. Resigniert öffnete sie schließlich den Mund, in der festen Absicht, seine Einladung höflich, aber bestimmt abzulehnen.

Aber Julie-Ann kam ihr zuvor. „Vielleicht sollten Sie sie lieber zum Brunch einladen, junger Mann – oder noch besser zum Mittagessen. Unsere Treena hat inzwischen ein Alter erreicht, wo man ein wenig mehr Schönheitsschlaf braucht.“

Anschließend legte sie den Kopf in den Nacken und präsentierte ihm ihren faltenlosen jugendlichen Hals. Als wäre das nicht genug, prustete sie noch laut los, als hätte sie gerade einen urkomischen Witz erzählt.

Was zum Teufel ging bloß in diesem Mädchen vor? Vor einiger Zeit hatte Julie-Ann Treenas Job als Dance Captain übernommen. Konnte sie sich damit nicht zufriedengeben? Stattdessen schien Treenas bloße Gegenwart die junge Frau zu provozieren. Ach, zur Hölle mit ihr! Um sich nicht über Gebühr zu ärgern, wandte Treena sich wieder ihrem Gegenüber zu. „Wie heißen Sie?“

„Gallagher. Jax Gallagher.“

Allein der Klang seiner Stimme brachte die Nervenenden in ihrer Haut zum Kribbeln. „Nun, Gallagher, Jax Gallagher, ich würde gern mit Ihnen frühstücken.“

Diese Antwort zauberte ein strahlendes Lächeln auf sein Gesicht, bei dem sich kleine Fältchen um seine unglaublich blauen Augen bildeten. „Wirklich?“

„Wirklich! Aber Julie-Ann hat Recht – ich bin nicht mehr die junge Frau, die ich gestern noch war, und wir betagten Damen brauchen nun mal unsere Ruhe. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir uns um zehn treffen?“

„Zehn ist wunderbar.“ Zum Abschied reichte er ihr die Hand.

Erstaunt über das Gefühl, das die Berührung seiner langen, etwas rauen Fingerspitzen in ihr auslöste, überlegte sie einen Moment, ob sie eine vernünftige Entscheidung getroffen hatte. Energisch verbannte sie diese Sorge jedoch sofort wieder und sagte nur: „Ich heiße übrigens Treena McCall.“

„Schön, Sie kennenzulernen, Treena.“ Zögernd ließ er ihre Hand los. „Soll ich Ihnen einen Wagen schicken?“

„Das ist nicht nötig. Wir treffen uns im Restaurant.“

„Wie Sie möchten. Also dann bis morgen.“

„Ja“, erwiderte sie, während er einen Schritt zurücktrat. „Bis morgen.“

Während er an der offenen Cocktailbar vorbeiging, kurz mit Clarissa sprach und ihr dabei einige Geldscheine auf das Tablett legte, beobachtete Treena ihn. Ein paar Sekunden lang drangen das Scheppern der Dollarmünzen in den Geldschächten, das Gebimmel der Spielautomaten und das Rattern und Piepen der einarmigen Banditen in ihr Bewusstsein. Normalerweise nahm sie diese Geräusche gar nicht mehr wahr, weil sie sich so an sie gewöhnt hatte. Erst als Jax von der Menschenmenge des Kasinos verschluckt wurde, drehte sie sich zu ihren Freundinnen um. Einen Moment sah sie sie nur ausdruckslos an, dann öffnete sie ihren Mund zu einem stummen Freudenschrei.

Juney, Eve und Michelle dagegen jauchzten laut, während Jerrilyn, Sue und Jo mit den Fingern auf dem Tisch trommelten und „Hey! Hey! Hey! Hey!“ riefen, als hätte Treena gerade den Jackpot geknackt. Und ihre beste Freundin Carly lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, einen Arm lässig über die Lehne gelegt, und warf ihr ein verschmitztes Grinsen zu. „Das hast du ja prima hingekriegt, Schätzchen. Das nenne ich ein tolles Geburtstagsgeschenk.“

Dass Julie-Ann schmollte, hätte für Treena eigentlich eine Genugtuung sein müssen. Denn seit sie nach Big Jims Tod in die Truppe zurückgekehrt war, ließ die ehrgeizige junge Frau keine Gelegenheit aus, um Treena zu verletzen. Doch genau in diesem Moment ließ die euphorische Wirkung des Adrenalins nach. Immerhin schaffte sie es noch, sich wieder zu setzen und selbstbewusst in die Runde zu lächeln, als habe sie tatsächlich ein tolles Geburtstagsgeschenk bekommen.

Doch im Stillen fragte sie sich, worauf um alles in der Welt sie sich da bloß eingelassen hatte.

Am nächsten Morgen saß Jax auf der Polsterbank an einem weiß gedeckten Tisch im Hotelrestaurant. Gedankenverloren spielte er mit einem rosafarbenen Päckchen Süßstoff und rutschte auf seinem Sitz hin und her, ohne die Tür aus den Augen zu lassen. Zufrieden, wie er die Sache am vorigen Abend eingefädelt hatte, überlegte er, ob Treena wohl tatsächlich kommen würde.

Die arme Kellnerin zum Stolpern zu bringen, war wirkungsvoller gewesen, als er gehofft hatte. Eigentlich spannte er nicht gern wildfremde Leute ein, um seine Ziele zu erreichen, aber in diesem Fall war es nötig gewesen. Während der letzten Tage hatte er Treena ausgiebig beobachtet und schnell herausgefunden, dass es zwecklos wäre, sie einfach anzusprechen. Was reizte sie nur daran, die Witwe zu spielen, die nicht mehr mit Männern ausging und nur noch für ihre Arbeit lebte? Er war überzeugt, dass ihr Verhalten nur Show war. Als versierter Glücksspieler war er oft auf der Suche nach der richtigen Chance. Dieses Mal hatte er seinem Glück ein wenig auf die Sprünge helfen müssen und beruhigte sein Gewissen, indem er die Kellnerin mit einem großzügigen Trinkgeld für den Ärger und die peinliche Situation entschädigte. Besonders für die Peinlichkeit. In seiner Jugend hatte er solche Momente oft genug erlebt – viel häufiger, als für ein Kind gut war. Und auch wenn eine Demütigung einen nicht umbrachte, weckte sie doch den verzweifelten Wunsch, sich in das nächstbeste Mauseloch zu verkriechen.

Über seine verkorkste Kindheit wollte er jetzt lieber nicht nachdenken. Stattdessen dachte er an die wenigen Minuten, in denen er Treena McCall kennengelernt hatte. Unvermittelt hörte er auf, mit dem Päckchen Süßstoff in seinen Fingern zu spielen, während er den Augenblick noch einmal Revue passieren ließ.

Seine Reaktion auf sie hatte ihn überrascht. Denn er hatte nicht damit gerechnet, sich dermaßen zu ihr hingezogen zu fühlen. Beim Leuchten ihrer goldbraunen Augen und ihrem volltönenden wunderbaren Lachen war etwas Unerwartetes passiert. Das hatte nichts mit dem Anflug von Erregung zu tun, den ihr Duft und die flüchtige Berührung ihrer rotblonden Locken ausgelöst hatten, sondern sehr viel mehr mit der Frage, wie um alles in der Welt er diesen Moment des Vertrautseins interpretieren sollte, den ihr herzliches Lachen bei ihm ausgelöst hatte?

In diesem Moment betrat die Frau, über die er gerade so intensiv nachdachte, das Restaurant. Schnell warf er das Päckchen Süßstoff zurück in die silberne Schale auf dem Tisch und straffte die Schultern. Lässig legte er einen Arm über die Rückenlehne der Bank, setzte ein freundliches Gesicht auf und beobachtete Treena, die die Kellnerin begrüßte und ihr dann zu seinem Tisch folgte.

Treena bemerkte seinen Blick und warf ihm dieses unwiderstehliche, etwas schiefe Lächeln zu. Auch Jax lächelte, während sein Herz wie rasend schlug.

Heute trug sie eine elegante beige Baumwollhose und ein locker fallendes, olivgrünes Top aus einem weichen Stoff, der die Kurven darunter auf unauffällige, dadurch aber umso reizvollere Weise betonte.

Ganz offensichtlich fühlte er sich von dieser Frau angezogen – natürlich nur sexuell. Und selbst wenn nicht – was bedeutete das schon? Treena McCall war ein Mittel zum Zweck. Sie hatte etwas, das ihm gehörte. Etwas, das er dringend brauchte, um am Leben zu bleiben.

Und das wollte er unbedingt.

Also würde er alles tun, um es zu bekommen.

2. KAPITEL

Beinahe hätte Treena die Verabredung nicht eingehalten. Schließlich war sie nur gekommen, weil sie sich immer und immer wieder eingeredet hatte, dass es unhöflich wäre, jemanden zu versetzen, der so nett gewesen war. Sogar als sie der Kellnerin durch das Restaurant folgte, dachte sie noch daran umzukehren.

Dann entdeckte sie Jax auf der Bank, der sie nicht aus den Augen ließ. Sofort schmolzen ihre Bedenken wie Schnee in der Sonne.

Schwer zu sagen, was es mit diesem Mann auf sich hatte, aber irgendetwas fesselte sie an ihm. Sicher nicht sein Aussehen, denn er entsprach nicht dem üblichen männlichen Schönheitsideal. Obwohl er nicht hässlich war, gehörte er keinesfalls zu den Typen, bei deren bloßem Anblick einer Frau der Atem stockte. Dafür war seine Nase ein wenig zu groß, sein Kinn ein wenig zu lang. Jede Einzelheit für sich genommen ließ vielleicht zu wünschen übrig. Und dennoch ergaben sie ein attraktives Gesamtbild. Außerdem hatte er einen durchtrainierten Körper, was sie als Tänzerin schätzte, und im Blick seiner hellwachen blauen Augen lag etwas derart Faszinierendes, dass sie es bis zum anderen Ende des Raumes spürte.

Er erhob sich, als sie den Tisch erreichte. Dass sie fast einen Kopf kleiner war als er, erschreckte sie ein wenig. Seine Statur war ausgesprochen Respekt einflößend, sodass sie sich fast zierlich vorkam. Ein seltenes Gefühl. Da für die meisten Tanzgruppen in Las Vegas eine Mindestgröße von einem Meter fünfundsiebzig vorgeschrieben war, hatte sie sich bisher noch nie klein gefühlt.

Gestern Abend hatte sie hochhackige Schuhe getragen, heute trug sie flache Slipper. Während sie ihn verstohlen musterte, kam sie zu dem Ergebnis, dass er gut und gern ein Meter neunzig groß und knapp hundert Kilo schwer sein musste.

Mit einem Lächeln verabschiedete Treena die Bedienung, die ihnen ein angenehmes Frühstück wünschte und zur Rezeption zurückging. „Guten Morgen“, begrüßte sie Jax und überlegte, ob dies als Begrüßung ausreichte. Nach kurzem Zögern reichte sie ihm die Hand. Um sich zu umarmen, kannten sie einander noch nicht gut genug – von einem Kuss ganz zu schweigen. Als seine warme Hand ihre Finger umschloss, räusperte sie sich – halb verwundert, halb verärgert, dass sie sich so unbeholfen anstellte. Normalerweise hatte sie keine Probleme mit Small Talk, aber ihre letzte Verabredung lag schon sehr lange zurück, und sie war vollkommen aus der Übung. Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie sich seinem Griff entzog. „Hoffentlich bin ich nicht zu spät“, murmelte sie.

„Überhaupt nicht, im Gegenteil. Auf die Minute genau. Ich bin zu früh gekommen.“

Entweder trug er dasselbe elegante Jackett wie gestern Abend, oder er besaß zwei von der Sorte. Heute hatte er es mit einem grauen T-Shirt aus Seide und schwarzen Jeans kombiniert. Da er ungemein zufrieden und selbstbewusst wirkte, fragte Treena sich insgeheim, ob er es gewohnt war, in Gesellschaft zu frühstücken, und ob es ihm immer so leicht fiel, jemanden dazu zu überreden.

Unvermittelt sagte sie: „Eigentlich lasse ich mich nicht von vollkommen Fremden einladen.“ Sie schnitt eine Grimasse. „Genau das werden Sie vermutlich bezweifeln, nachdem Sie gestern so ein leichtes Spiel mit mir hatten.“

„Oh nein, ich glaube Ihnen.“ Dabei zog er allerdings die dunklen Augenbrauen über der Nasenwurzel zusammen, was aussah, als würde er selbst darüber staunen. Schnell zog er die Stirn wieder glatt und reichte ihr die Speisekarte, ohne den Blick von ihr zu wenden. „Sie sehen nämlich ganz und gar nicht so aus, als ob Sie sich rasch erobern ließen.“

Bei dieser Antwortbrach Treena in Gelächter aus. „Danke... sollte ich wohl sagen.“

„Vielleicht hätte ich besser sagen sollen, wie jemand, der nach Männern Ausschau hält.“ Er warf ihr einen Blick zu. „Oh Gott, ich mache es nur noch schlimmer, nicht wahr?“

Sie lächelte. „Vielleicht sollten wir das Thema wechseln.“

„Gute Idee.“

„Ich nehme an, Sie sind nicht von hier?“ Fragend legte sie die Stirn in Falten.

„Als Teenager habe ich eine Zeit hier gelebt, aber ich bin schon vor langer Zeit weggezogen.“

„Wollen Sie wieder zurückziehen? Sind Sie deshalb hier?“

„Nein.“

„Dann müssen Sie auf Geschäftsreise sein. Oder ziehe ich wieder voreilige Schlüsse? Vielleicht machen Sie ja Ferien?“

„Von beidem ein bisschen. Zuerst will ich eine Stadt, die einmal meine Heimat war, neu kennenlernen. Danach kommt das Geschäftliche.“

„Was machen Sie denn beruflich?“ Bevor er antworten konnte, machte sie eine abwehrende Handbewegung. „Nein, warten Sie, lassen Sie mich raten.“ Aufmerksam sah sie ihn an. „Ihr Jackett ist sehr elegant. Armani?“

„Hugo Boss.“

„Also gut: teuer, ein wenig konservativ, und trotzdem mögen Sie es gern lässig und tragen seidene T-Shirts dazu. Die Kombination mit Jeans und ...“, sie beugte sich zur Seite und schaute unter den Tisch, „... Nikes deutet darauf hin, dass Sie vermutlich kein Vorstandsvorsitzender sind, stimmt’s?

„Richtig, genauso ist es!“

„Trotzdem wirken Sie auf mich wie ein Kopfarbeiter, dabei aber auch freiheitsliebend.“ Jetzt musterte sie sein braunes, von der Sonne gebleichtes Haar. Obwohl kurz geschnitten, trug er es etwas länger und zerzauster als die meisten Geschäftsmänner. „Irgendwas Künstlerisches vielleicht? Sind Sie Grafiker?“

Er schüttelte den Kopf.

„Maler oder Fotograf?“

Bei dieser Frage musste er lächeln. „Meine Versuche auf diesen Gebieten waren kaum der Rede wert.“

Sein Lächeln hatte eine beunruhigende Wirkung auf ihre Sinne. Um sich abzulenken, dachte sie fieberhaft über andere Tätigkeiten nach. „Arbeiten Sie in der Computerbranche?“

„Nein. Obwohl ich eine Schwäche für Computer habe.“

„College-Professor?“

Er lachte.

„Das interpretiere ich als Nein. Außerdem würden Sie dann wohl eher ein Tweed-Jackett tragen. Also, mal sehen.“ Erneut setzte sie ihren forschenden Blick auf. „Sie sind braun gebrannt. Aber das sind die meisten Leute hier. Jetzt erzählen Sie mir bloß nicht, dass Sie ein Surfer sind.“ Verärgert schlug sie sich mit der Hand gegen die Stirn. „Blödsinn – so viele Surfer findet man in Las Vegas auch nicht. Außerdem haben Sie bis jetzt noch nicht einmal das Wort Welle erwähnt. War also kein guter Tipp. Sie bauen doch nicht etwa Surfbretter?“ Hatte sie nicht irgendwo gelesen, dass deren Hersteller gerade in der Stadt tagten?

Oder ging es dabei um Snowboards?

Wieder lächelte er, dieses Mal so breit, dass sie seine weißen Zähne sehen konnte. „Leider nicht.“

„Na gut, ich gebe auf. Was also führt Sie nach Vegas?“

„Poker. Ich bin zum Pokern hier“

Erstaunt riss sie den Mund auf, schloss ihn wieder und versetzte Jax einen Klaps auf den Arm. „Sie lügen. Sie sagten doch, Sie seien geschäftlich hier.“

„Das ist mein Geschäft.“

Entgeistert starrte sie ihn an. „Sie sind professioneller Glücksspieler?“ Amüsiert zog er eine Augenbraue hoch. „Also darauf wäre ich nie im Leben gekommen.“ Ohne zu wissen warum, brachte sein Geständnis sie ein wenig aus der Fassung. Schließlich wollte sie den Mann ja nicht heiraten, also ging es sie auch nichts an, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente. Vermutlich würde er nicht einmal lange genug in der Stadt bleiben, um eine Affäre mit ihr anzufangen.

Gleichzeitig war sie schockiert über sich selbst. Warum fand sie diese Aussicht nur so enttäuschend?

Jax, der ihre plötzliche Distanz spürte, fragte sich, was er da eigentlich tat. Aufrichtigkeit war nun mal nicht die beste Taktik. Schon oft hatte er sich geschworen, seine Ziele nicht mehr auf diesem Weg zu erreichen. Nicht umsonst hatte er mit seiner Ehrlichkeit schon ein paar Mal Schiffbruch erlitten. Und jetzt das! Sie sollte glauben, dass er ein Glücksritter mit Geld wie Heu wäre. Aber leider waren professionelle Glücksspieler für die meisten Menschen ziemlich anrüchige Zeitgenossen, ganz egal, wie erfolgreich sie waren.

Über mangelnden Erfolg konnte er sich nicht beschweren – bis er in Monaco Mist gebaut hatte. Und für dieses Fiasko mitsamt all seinen unglückseligen Konsequenzen trug er allein die Verantwortung.

Deshalb war er hier, und nicht, um sich mit dieser Frau eine schöne Zeit zu machen. Aber Treena McCall zu verführen, schien die einzige Möglichkeit zu sein, um in ihre Wohnung zu gelangen. Dort musste er dann nur lange genug allein sein, um den Gegenstand an sich zu bringen, mit dessen Hilfe er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen konnte.

Glücklicherweise dürfte es ein Kinderspiel sein, bei ihr zu landen. Mein Gott, sie war ein Showgirl, und sein Vater hatte ja bereits den Beweis geliefert, dass sie käuflich war. Doch als er sie jetzt von seinem Platz aus betrachtete, ihre üppige Lockenpracht und diesen sinnlichen Mund ansah, hoffte er, nichts Unbesonnenes zu tun. Schließlich war es seine maßlose Selbstüberschätzung gewesen, die ihn in diese vertrackte Situation gebracht hatte. Jetzt musste er vor allem einen kühlen Kopf bewahren. Schon gestern hatte er kaum den Blick von ihr wenden können, und jetzt, wo sie ihm gegenübersaß, spürte er, wie sein Körper in sehr eindeutiger Weise auf sie reagierte. Auf keinen Fall durfte er sich von seinen Gefühlen leiten lassen. Auch wenn sie ganz und gar nicht die Frau war, die zu treffen er erwartet hatte.

Wie selbstverständlich hatte er sie für einfältig und geldgierig gehalten. Stattdessen war sie witzig und offenbar ausgesprochen bodenständig und nüchtern. Warum zum Teufel heiratete eine Frau wie sie einen Mann, der alt genug war, um ihr Vater zu sein? Nur zu gut erinnerte er sich an das Leben mit seinem alten Herrn. Er war kein einfacher Mensch gewesen. Dafür aber ziemlich reich.

„Sind Sie oft in Las Vegas?“, unterbrach Treenas Stimme seine Überlegungen.

Besser, er dachte später weiter über sie nach und konzentrierte sich jetzt auf ihr gemeinsames Frühstück. „Nein, das ist das erste Mal seit vielen Jahren – seit ich aufs College gegangen bin, um genau zu sein. Momentan verbringe ich die meiste Zeit in Europa. Bis vor Kurzem war ich in Monte Carlo.“

„An der Riviera?“

„Ja. So ist es.“

„Herrlich!“ Das Kinn auf die Hand gestützt, betrachtete sie ihn mit einer Mischung aus Bewunderung und Sehnsucht. „So etwas ist für mich unvorstellbar. Ich bin noch nie aus Amerika rausgekommen – abgesehen von einer Woche in Cancün mit Carly vor drei ... nein, das ist schon vier Jahre her.“

„Sie wollen mich auf den Arm nehmen?“ Sein Erstaunen war echt. Bis zu diesem Moment war er fest davon überzeugt gewesen, dass sie auf Kosten seines Vaters durch die Weltgeschichte gereist war. Natürlich immer erster Klasse. So hatte sie das Vermögen der Familie auf den Kopf gehauen, bis ihr nichts anderes übrig geblieben war, als wieder zu tanzen.

„Ich wünschte, es wäre so. Aber leider ist es die reine Wahrheit. Ganz schön deprimierend, nicht wahr?“

„Sie wollen mir also wirklich weismachen, dass ein hübsches irisches Mädchen wie Sie es noch nicht einmal in das Land seiner Vorfahren geschafft hat?“

Für diese Frage schenkte sie ihm eines ihrer schelmischwissenden Lächeln. „Sie glauben, ich wäre Irin?“

„Sind Sie es denn nicht? Bei dem roten Haar und einem Namen wie McCall liegt es doch nahe, Sie für irisch oder schottisch zu halten.“

Nun lachte sie, und er bemerkte, wie eine Gruppe Geschäftsleute am Nebentisch ihr bewundernde Blicke zuwarf.

„Na ja, vielleicht eine Irin aus Warschau“, entgegnete sie. „Aufgewachsen bin ich in einer kleinen Stahlstadt in Pennsylvania, von der Sie bestimmt noch nie etwas gehört haben. Und bis vor anderthalb Jahren war ich noch Treena Sarkilahti.“

„McCall ist also Ihr Bühnenname?“

„Nein, so heiße ich, seitdem ich verheiratet bin. War. Ich bin nämlich Witwe.“

„Oh, verdammt!“ Zu seiner eigenen Überraschung war sein Mitgefühl nicht geheuchelt – jedenfalls nicht alles. Weil er fest damit gerechnet hatte, dass sie auf seine vorgetäuschte Annahme, McCall sei ihr Bühnenname, eingehen würde, schockierte es ihn ein wenig, das Wort Witwe aus ihrem Mund zu hören. Es beschwor Bilder von Sympathie und Mitgefühl herauf, die er lieber nicht sehen wollte. „Das tut mir leid.“

„Mir auch. Er war ein guter Mann.“

Wenn man die Messlatte nicht zu hoch legt, dachte er. Aber er schluckte die Bitterkeit hinunter. Sie gehörte in eine andere Zeit. Außerdem würde es ihn keinen einzigen Schritt weiterbringen, wenn er nach all den Jahren noch Gedanken darauf verschwendete.

Als er den Mund öffnete, mit einem Kompliment auf den Lippen, um sich ein wenig näher an sie heranzupirschen, sagte sie: „Es ist merkwürdig, irgendwie erinnern Sie mich an ihn.“

Erschrocken sah er sie an.

Sie lachte. „Ich weiß. Es ist nicht sehr angenehm, mit einem toten Ehemann verglichen zu werden. Jim war ein Selfmademan und nicht sonderlich gebildet, Sie sind weitaus gewandter als er. Aber trotzdem sind Sie genauso ... liebenswürdig wie er. Und genauso groß. Er war ein imposanter Mann.“

Jetzt wusste er, dass sie log. Niemals hätte er seinen Vater als liebenswürdig beschrieben. Und sich selbst gewiss auch nicht. Jedenfalls nicht mehr.

Aber ein imposanter Mann – oh ja, das war sein Dad gewesen. Ein Mann, der für das Angeln, die Jagd und das Glücksspiel gelebt hatte – überhaupt ein Fan aller Sportarten, die die Menschen je erfunden hatten.

Und dabei hatte ihm die Meinung anderer Leute – selbst die von vollkommen Fremden – immer mehr bedeutet als das Glück seines eigenen Kindes. Wie oft hatte Big Jim ihn gedrängt, sich so und so zu verhalten, damit er von seinen Altersgenossen anerkannt wurde?

Aus einer dunklen Ecke seiner Erinnerung hörte er wie aus weiter Ferne die Stimme seines Vaters.

„Nimm den Schläger fest in die Hand und behalte den Ball im Auge. Verdammt noch mal, Junge, du hast einen Schlag wie ein Mädchen!“

Behutsam berührte Treena seine Hand. „Tut mir leid. Ich hätte ihn nicht erwähnen sollen.“

Er vertrieb die Erinnerungen aus seinem Gedächtnis und versuchte wieder, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren, die vor ihm lag. In einem Punkt hatte der alte Mann allerdings Recht gehabt. Er musste den gottverdammten Ball im Auge behalten. Unwillkürlich bildete sich eine steile Sorgenfalte über seiner Nase. Als er sich dessen bewusst wurde, lächelte er schnell und betrachtete den attraktiven Rotschopf ihm gegenüber. „Wie lange ist Ihr Mann denn schon tot?“

„Etwas länger als vier Monate.“

„Das ist nicht lang. Da ist es nur natürlich, dass Sie viel an ihn denken.“ Sanft beugte er sich vor und legte seine Hand auf ihre Fingerspitzen. „Bin ich der erste Mann, mit dem Sie seit seinem Tod ausgehen?“

„Ja. Und ich gestehe Ihnen offen, ich weiß nicht, was über mich gekommen ist.“

Jetzt musste er aufrichtig lächeln. „Wirklich?“

„Wirklich.“ Ihre Wangen wurden rosig.

„Dann nehme ich zurück, was ich eben gesagt habe – dass Sie nicht aussehen wie jemand, der sich schnell erobern lässt. Wenn dazu gehört, dass Sie einem Mann das Gefühl vermitteln, eine Million Dollar wert zu sein, dann machen Sie Ihre Sache viel besser, als ich gedacht habe.“

„Bitte hören Sie auf. Keine Komplimente mehr, das verwirrt mich total.“

„Heucheln Sie, so viel Sie wollen“, erwiderte er scherzhaft. „Jetzt habe ich Sie durchschaut. Wenn Sie einem Mann erzählen, dass Sie seine Einladung wider besseres Wissen angenommen haben, ist das pures Flirten, Honey. Und zwar ein ausgesprochen wirkungsvolles.“ Als er ihren verwirrten Blick bemerkte, wechselte er schnell das Thema. „Haben Sie Kinder?“

„Nein. Wir waren ja noch nicht einmal ein Jahr verheiratet. Big Jim hatte allerdings einen erwachsenen Sohn, ein echtes Wunderkind in Sachen Mathematik, aber ich habe ihn nie kennengelernt.“

„Warum nicht?“, fragte er und lehnte sich zurück. Das konnte interessant werden!

Als habe sie auf etwas gebissen, was einen unangenehmen Geschmack hinterlässt, presste sie die Lippen aufeinander. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich lieber nicht darüber reden.“

Da war es wieder, dieses bittere Gefühl von Unzulänglichkeit. Wie eine Welle schwappte es über ihn hinweg, und er war der Kellnerin dankbar, dass sie in diesem Moment an ihren Tisch kam, um die Bestellung aufzunehmen. Aber was hatte er denn erwartet? Seinem alten Herrn war er immer nur peinlich gewesen. Hatte er wirklich geglaubt, das würde sich ändern, nur weil er vor Jahren von zu Hause weggegangen war? Im Grunde hatte er diese Hoffnung doch längst begraben.

Nicht, dass es ihm noch etwas ausmachte, wohlgemerkt.

Bis Ende des Monats musste er in Treenas Wohnung den signierten Baseball gefunden haben – den wertvollsten Besitz seines Vaters. Wenn jemand Anspruch auf dieses kostbare Sammlerstück hatte, dann war er das. Er musste es mit allen Mitteln – legalen wie illegalen – in seinen Besitz bringen. Und zwar bevor Sergej Kirov seine Hunde auf ihn hetzte.

Gleichzeitig musste er sich darauf konzentrieren, die Vorentscheidung des Pokerwettbewerbs in Las Vegas zu gewinnen. Im Idealfall hätte er das eine in trockene Tücher gebracht, bevor er sich um das andere kümmerte. Unvermittelt spürte er, wie seine Schultern sich verkrampften. Um sich zu entspannen, rollte er ein wenig mit den Schulterblättern, als die Kellnerin ihren Bestellblock zuklappte und ging.

Du machst dir zu viele Gedanken. Dabei hatte er genügend Zeit eingeplant, und er rechnete nicht damit, dass die Verführung eines Showgirls Unmengen davon in Anspruch nehmen würde. Wie zur Probe zwinkerte er Treena zu. Prompt verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln.

Oh ja. Alles nur eine Frage der Zeit.

3. KAPITEL

Treena kämpfte sich gerade durch eine endlose Folge von Plies, als Carly sich plötzlich vor ihr aufbaute. „Hey“, begrüßte sie ihre beste Freundin, während sie mit ausgestellten Knien und kerzengeradem Rücken in die Hocke ging. Anschließend richtete sie sich blitzschnell wieder auf, ohne auf ihren schmerzenden Oberschenkelmuskel zu achten. „Was machst du denn hier?“

„Machst du Witze?“ Ganz instinktiv legte Carly die Fingerspitzen auf die Ballettstange und bewegte sich im gleichen Rhythmus wie Treena. „Du bist nach dem Unterricht nicht nach Hause gekommen.“

„Der Trainings räum ist unerwartet frei geworden. Die Gelegenheit wollte ich mir nicht entgehen lassen.“

Auch wenn solche spontanen Entscheidungen typisch für Treena waren, wischte Carly die Erklärung mit einer ungeduldigen Geste beiseite. „An jedem anderen Tag wäre das ja auch in Ordnung. Aber doch nicht nach deiner Verabredung heute Morgen. Ich sterbe vor Neugier. Also erzähl schon. Wie ist es gelaufen?“

Während der Trainingsstunde hatte Treena alle Gedanken an ihr Treffen mit Jax aus ihrem Gedächtnis verbannt, um sich auf ihre Übungen zu konzentrieren. Jetzt durchlebte sie die Stunden vor ihrem geistigen Auge noch einmal, und sie lächelte versonnen.

„Was, so toll?“

„Ja.“

„Ich hab’s doch gewusst. An diesem Mann ist was dran ...“

Mitten in einer Beugung hielt Treena inne und zerstörte das Bild ihrer synchronen Bewegungen. Erst nach ein paar Sekunden nahm sie den Rhythmus wieder auf. „Genau das Gleiche habe ich auch gedacht – irgendetwas ist an ihm. Aber ich kann dir nicht genau sagen, was es ist.“

„Vielleicht hätte ich eher sagen sollen, da ist was Besonderes in der Luft, wenn ihr zwei zusammen seid. Ich vermute, es liegt an der Chemie.“ Carly zuckte mit den Schultern. „Ist das denn überhaupt wichtig?“

„Ja. Warum er und warum jetzt?“ Ernst schaute Treena ihre Freundin an. „Der Zeitpunkt ist wirklich höchst ungünstig – Big Jim ist doch gerade erst gestorben. Und Jax bleibt wahrscheinlich nicht sehr lange hier. Er ist nämlich ein professioneller Glücksspieler.“

„Sag bloß!“ Diesmal geriet Carly aus dem Rhythmus. „Darauf wäre ich nie gekommen. Dabei sieht er gar nicht so aus – keine glänzenden Schuhe, keine gegelten Haare, kein bisschen gangstermäßig, wie man sich einen Glücksspieler vorstellt.“

Bei diesen Worten musste Treena lachen. So ähnlich wäre auch ihre Beschreibung eines Profispielers ausgefallen – bevor sie Jax kennengelernt hatte. „Er nimmt an der großen Pokermeisterschaft teil, die nächste Woche im ,Bellagio’ beginnt. Oder ist es erst übernächste Woche? Den genauen Termin kenne ich nicht.“

„Das ist etwas anderes; dann gehört er ja nicht zur Unterwelt. Und offenbar gefällt ihm, was er sieht, wenn er dich anschaut.“ Carly legte den Kopf schräg. „Da er seit Big Jims Tod der Erste ist, mit dem du dich verabredet hast, gefällt er dir auch, nehme ich an. Also, wo ist das Problem?“

„Ich weiß, ich weiß, es sollte keins sein. Vielleicht ist es einfach noch ... zu früh.“

„Unsinn, Liebes.“ Liebevoll drückte Carly Treenas Schulter. „Du und ich, wir wissen doch beide, dass dein Zusammenleben mit Big Jim bei Weitem nicht das war, was die meisten von einer Ehe erwarten.“ Beim Trainieren hatte sich eine Locke aus Treenas lose zusammengebundenem Zopf gelöst. Carly schob sie ihr aus der Stirn. „Außerdem musst du ja nichts überstürzen“, fuhr sie fort, wobei sie Treena verständnisvoll ansah. „Lass es so langsam angehen, wie du selbst es möchtest. Aber ich fänd’s echt schade, wenn du es nicht wenigstens versuchen würdest.“

Treena bedachte ihre Freundin mit einem warmherzigen Lächeln. Carlys burschikoses Auftreten, ihre atemberaubende Figur und ihr kurz geschnittenes blondes Haar erweckten bei vielen den Eindruck eines vergnügungssüchtigen, egoistischen und oberflächlichen Partygirls. Mochte ihre Freundin auch noch so sehr aussehen wie eine scharfe Puppe, für Treena war sie eher der Typ zum Pferdestehlen, ein Mensch, auf den sie sich in jeder Situation hundertprozentig verlassen konnte. „Dann freut es dich bestimmt zu hören, dass ich heute Abend nach der Zehn-Uhr-Show eine Verabredung mit Jax habe. Ich habe ihm sogar schon meine Telefonnummer gegeben.“

Vor lauter Begeisterung jauchzte Carly. „Das ist mein kleines Mädchen!“

„Als kleines Mädchen würde ich sie nicht gerade bezeichnen“, stichelte eine Stimme vom anderen Ende des Übungsraums.

Treena seufzte. „Hast du schon wieder gelauscht, Julie-Ann?“

Mühsam unterdrückter Ärger spiegelte sich im Gesicht der jungen Frau, während sie den Saal durchquerte. „Glaub mir, dein ödes Leben ist das Letzte, was mich interessiert. Und Carlys Worte habe ich nur versehentlich mitbekommen.“

„Versehentlich“, murmelte Carly. „Meine Güte, was haben wir für einen großen Wortschatz.“

Ohne sie zu beachten, wendete sich Julie-Ann an Treena. „Ein Blick auf den Stundenplan hätte dir gesagt, dass ich das Studio für mich reserviert habe. Ich bin nämlich für den Dokumentarfilm über Showgirls aus Las Vegas ausgesucht worden. Da muss ich natürlich in Topform sein.“ Sie musterte ihr Chorusgirl von oben bis unten und fügte mit einem zuckersüßen Lächeln hinzu: „Aber wenn du noch nicht fertig bist, können wir ja noch ein bisschen gemeinsam üben. Du kannst es bestimmt gebrauchen.“

Statt dem kleinen Miststück eine Ohrfeige zu geben, lächelte Treena und machte Julie-Ann damit nur noch wütender.

„Vielen Dank, Julie-Ann. Das ist sehr freundlich. Was ist mit dir, Carly – hängen wir noch eine Stunde dran?“

„Aber klar. Ist doch eine prima Gelegenheit. Von Julie-Anns Talent können wir doch nur profitieren, oder?“

„Unbedingt.“ Auch wenn die junge Tänzerin ihr oft fürchterlich auf die Nerven ging, tanzen konnte sie, das musste Treena zugeben. Mit Befriedigung registrierte sie Julie-Anns ärgerliche Miene, dann wandte sie sich an Carly: „Andererseits habe ich schon eine Trainingsstunde hinter mir und hinterher noch ein paar Übungen drangehängt, weil der Raum frei war. Und deine Kleinen jaulen doch bestimmt nach dir, weil sie gefüttert werden wollen.“

„Stimmt.“ Carly strahlte Julie-Ann an. „Ganz zu schweigen von Treenas Verabredung, für die sie sich fertig machen muss. Du weißt doch sicher noch, wie das ist, oder? Ich meine, so lange kann es schließlich noch nicht her sein, dass du auch mal eine hattest.“

Wie schmal Julie-Anns Lippen werden konnten. „Du bist ja so komisch, Carly.“

Treena lachte. „Nicht wahr?“, meinte sie, während sie ihre Sachen einpackte. Mit einem fröhlichen „Tschüs“ ließen sie die junge Frau allein im Trainingsraum zurück.

Kaum hatte sich die Tür jedoch hinter ihnen geschlossen, erstarb Treenas Lächeln. „Was ist nur mit diesem Mädchen los?“, fragte sie, als sie auf die Straße traten und von einem Schwall heißer Wüstenluft begrüßt wurden. „Was habe ich ihr bloß getan, dass sie mich dermaßen hasst?“

„Naja, das ist doch ganz einfach: Du warst eine bessere Lehrerin, als sie jemals sein wird“, beantwortete Carly ihre Frage.

Wie vom Donner gerührt blieb Treena stehen und starrte ihre Freundin an. „Wie bitte?“

„Du bringst einfach besser rüber, worauf es ankommt. Du schaffst es, den Leuten zu sagen, worauf sie achten müssen, ohne dass sie sich wie plumpe Holzklötze vorkommen. Wenn Julie-Ann jemandem ein Kompliment macht, vermuten alle sofort eine Gemeinheit dahinter. Außerdem nervt es tierisch, sich immer wieder anhören zu müssen, was sie schon alles Tolles gemacht hat, eins besser als das andere. Vielleicht sagt sie ja sogar die Wahrheit. Aber als Dance Captain warst du einfach beliebter, und das weiß sie nun einmal.“

„Na toll. Das bringt mir ja enorm was. Und so ungern ich es auch zugebe – inzwischen ist sie wirklich besser als ich. Kann sie sich nicht einfach damit zufriedengeben?“

„Nein. Das Mädel ist von einem krankhaften Ehrgeiz besessen, und deshalb darf keiner auf irgendeinem Gebiet besser sein als sie.“

Für Treena war es unvorstellbar, dass Menschen ein dermaßen egozentrisches Verhalten einfach hinnahmen. Sie selbst war in einer Stahlstadt groß geworden, in der permanent Arbeitsplätze abgebaut wurden. Wer dort einen festen Job hatte, war glücklich, und niemand hatte Zeit, überheblich zu werden. Alle waren viel zu sehr damit beschäftigt, das nötige Geld zum Überleben zu verdienen. „Ich verstehe das einfach nicht“, sagte sie laut.

„Du hast eben eine ganz andere Arbeitsmoral. Ich kenne niemanden sonst in diesem Beruf, der zwei Jobs gleichzeitig gemacht hat – und das von Anfang an.“

„Meine Familie brauchte nun mal meine Unterstützung, und ich brauchte den Tanzunterricht.“ Tanzen war ihr einziger Ausweg gewesen, der einzige wirkliche Lichtblick in einer grauen Welt und jeden Penny wert, den sie hatte zusammenkratzen können.

Ihre Eltern hatten das nie verstanden, und sie taten es bis heute nicht. Natürlich liebten sie ihre Tochter, aber sie konnten einfach nicht begreifen, warum sie nicht jemanden wie Billy Wardinski von nebenan geheiratet hatte, um mit ihm ein Leben zu führen, wie sie es kannten. Weder ihre beiden Schwestern noch die anderen Mädchen in der Stadt hatten schließlich ein Problem damit, jung zu heiraten und Kinder zu bekommen. Das war nun einmal der Lauf der Welt. Anständige polnisch-amerikanische Mädchen gingen nicht in die Stadt der Sünde. Und sie stellten sich auch nicht so gut wie nackt auf die Bühne, machten Spagat und warfen die Beine in die Luft.

„Woran denkst du gerade?“

Treena warf ihrer Freundin ein schiefes Lächeln zu. „Wie unendlich dankbar ich bin, dass meine Familie nur die Acht-Uhr-Show gesehen hat, als ich sie überreden konnte, mich hier zu besuchen.“

Carly grinste zurück. „Die Kostüme haben sie weiß Gott schon genug schockiert.“

„Die sogenannten Kostüme, hat mein Dad hinterher gesagt. Kannst du dir vorstellen, wie er reagiert hätte, wenn er mich oben-ohne gesehen hätte? Da spielte es auch keine Rolle, dass ich damals schon zweiunddreißig war. Vermutlich hätte er mich an den Haaren nach Hause gezogen.“

„Da wir gerade von Kostümen sprechen – oder das, was davon übrig geblieben ist. Habe ich dir schon erzählt, was Rufus mit meinen neuen Tanzschuhen angestellt hat?“ Lachend erzählte Carly von ihrem neuen Zögling, einer ausgesetzten Promenadenmischung, den sie neben dem Highway Nummer fünfzehn nahe der Grenze zu Kalifornien aufgelesen hatte. Während sie zu ihren Autos gingen, redeten sie nur noch über das Tier.

Dabei vergaß Treena Julie-Anns Gemeinheiten, das Unverständnis ihrer Eltern und ihre wachsenden finanziellen und beruflichen Probleme. Stattdessen lächelte sie, weil sie sich an Big Jims Frage erinnerte, ob ihr und Carly jemals der Gesprächsstoff ausgegangen sei. Das war ihnen tatsächlich noch nie passiert – nicht ein einziges Mal in den mehr als elf Jahren, die seit ihrer ersten Begegnung beim Vortanzen für die Revue „La Stravaganza“ vergangen waren. Von Anfang an waren sie ein Herz und eine Seele, das einzige wirkliche Problem bestand darin, genügend Zeit zu finden, um über all das zu reden, was ihnen auf dem Herzen lag.

Als Treena jedoch kurz darauf allein in ihrem Wagen saß und von niemandem abgelenkt wurde, brachen ihre Probleme wieder wie eine gewaltige Welle über ihr zusammen. Eine Weile verdrängte sie sie erfolgreich, indem sie sich zu Hause in einen wahren Putzrausch stürzte, was sie hin und wieder tat. Dabei fiel ihr der Baseball in die Hände, der auf einem Stapel thronte, den sie in ihrer chaotischen Besenkammer aufbewahrte. Mit gemischten Gefühlen nahm sie die Plexiglasbox in die Hand, in der der Ball schon immer gelegen hatte, ging in die Hocke und betrachtete ihn.

Dieses antike Objekt gehörte zu Big Jims größten Schätzen. Sein Vater hatte sich den Ball 1927, als Zwölfjähriger, bei einem Meisterschaftsspiel geschnappt, als er nach einem Homerun ins Publikum flog. Anschließend hatte er ihn von allen Spielern der New York Yankees – der berühmten „Killer-Mannschaft“ – signieren lassen. Heute war der Ball ein kleines Vermögen wert, aber seine eigentliche Bedeutung lag in dem Glück, das jedes Mal über Jims Gesicht geglitten war, wenn er ihn angesehen hatte. Viel wichtiger als der materielle Wert war ihm die Geschichte des Baseballs – und die Tatsache, dass es sich um ein Familienerbstück handelte.

Einmal mehr spürte Treena einen Anflug von Versuchung. Vorsichtig stellte sie die Box zurück an ihren Platz und verließ den kleinen Raum. Diesem Durcheinander würde sie ein anderes Mal zu Leibe rücken. Erleichtert, der Verlockung widerstanden zu haben, schloss sie energisch die Tür. Vergangene Woche hatte sie einen Anruf bekommen, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. Im Auftrag eines anonymen Klienten sollte ein Rechtsanwalt namens Richardson ihr ein Angebot für den Ball machen. Bei der Summe, die der Käufer für den Ball zahlen wollte, war ihr schwindlig geworden.

Die Aussicht auf das Geld war verführerischer als alles, was sie sich vorstellen konnte. Ihr ganzes Leben hatte sie hart gearbeitet, und sogar als sie mit achtzehn von zu Hause auszog, hatte sie weiterhin zwei Jobs. Die zweite Stelle hatte sie erst aufgegeben, als sie sich einen Platz in „La Stravaganza“ im „ Avventurato Hotel“ ergattert und ein kleines finanzielles Polster angelegt hatte. Unglücklicherweise waren ihre Ersparnisse in Big Jims Krankenhausrechnungen geflossen, was es kolossal schwer machte, dem Angebot des Anwalts zu widerstehen. Wenn sie den Baseball verkaufte, wäre sie mit einem Schlag all ihre finanziellen Sorgen los.

Damit nicht genug, die Angst, beim bevorstehenden jährlichen Vortanzen für die Weiterbeschäftigung bei „La Stravaganza“ durchzufallen, hing wie ein Damoklesschwert über ihr. Dass sie sich unaufhaltsam dem Ende ihrer Karriere näherte, für die sie so hart gearbeitet hatte und die ihr so viel bedeutete, machte sie sehr unglücklich. Doch noch schlimmer war der Gedanke an die drohende finanzielle Unsicherheit. Ständig flüsterte ihr eine innere Stimme ins Ohr, dass es gar nicht so weit kommen musste. Die Summe, die Richardson ihr genannt hatte, reichte für ein eigenes Tanzstudio – und für ein finanzielles Polster, um die Durststrecke der ersten Monate zu überstehen. Sie war überzeugt, dass sie es schaffen konnte – hatte Carly ihr nicht selbst gesagt, dass sie eine gute Lehrerin war? Kein Wunder, dass es sie enorm viel Selbstbeherrschung kostete, nicht auf das Angebot einzugehen.

Allerdings gab es ein Problem, das ihren Wunsch zunichtemachte -Jim wollte den Baseball seinem Sohn vermachen.

Schon bei dem Gedanken an Jackson McCall krampfte sich ihr Magen zusammen. Niemand hatte dieses Erbe weniger verdient als er.

Fest entschlossen, sich den Tag, der so gut angefangen hatte, nicht von einem Nichtsnutz von Sohn verderben zu lassen, holte sie tief Luft. Noch mehr Aufregung war das Letzte, was sie vor dem Vortanzen gebrauchen konnte. Um sich zu beruhigen, machte sie Atemübungen. Ihre Zeit und Energie sollte sie besser darauf verwenden, sich auf schöne Dinge zu konzentrieren – wie die Erinnerung an das Frühstück mit Jax und die Verabredung mit ihm heute Abend. Allmählich ließ ihre Anspannung nach, und sie stieß einen Seufzer aus. Bestimmt würde alles gut werden.

Warum sollte sie sich über einen Mistkerl den Kopf zerbrechen, wenn sie einen Mann kennengelernt hatte, über den nachzudenken sich wirklich lohnte?

4. KAPITEL

Jax fühlte sich großartig. Alles lief wie geplant. Wenn nicht sogar besser als erwartet, denn die Aussicht, mit einem Showgirl aus Las Vegas ins Bett zu gehen, verschaffte seinem Aufenthalt einen zusätzlichen Reiz. Damit nicht genug lag er achtundvierzigtausend Dollar über seinem ursprünglichen Einsatz, seitdem er vor drei Stunden eine Pokerpartie mit einem Limit von fünftausend Dollar begonnen hatte.

Das Leben meinte es wirklich gut mit ihm.

Aufmerksam betrachtete er seine Mitspieler. Die Frau zu seiner Rechten hatte ein undurchdringliches Pokerface aufgesetzt, genau wie der Asiate neben ihr. Der Vierte im Bunde hatte drei Jahre hintereinander in einer Allstar-Baseballmannschaft mitgespielt. Gut möglich, dass er draußen auf dem Spielfeld alle abhängte. Am Pokertisch jedoch beging er zwei entscheidende Fehler: Wenn er bluffte, wurde sein linkes Auge schmal, und wenn er ein gutes Blatt hatte, klappte er seine Karten geradezu zwanghaft zusammen und fächerte sie anschließend wieder auf.

Kein Wunder, dass ein Großteil der Chips, die sich vor Jax stapelten, ursprünglich Mr. All-Star gehört hatten.

Plötzlich nahm Jax aus dem Augenwinkel einen roten Haarschopf wahr. Sofort richtete er sich auf und ließ den Blick über die Menge wandern. Aber schon in der nächsten Sekunde hatte er sich wieder gefangen und die Arme entspannt zurück auf den Tisch gelegt.

Es war nicht Treena. Das Haar der Frau am anderen Ende des Saals war nicht so hell. Allein das Rot hatte ausgereicht, um ihn abzulenken, und er beruhigte sich, indem er sich einredete, dass es ganz normal sei, wenn er sich Treena nicht aus dem Kopf schlagen konnte. Immerhin stand sie genau zwischen ihm und seinem Ziel.

Die Tatsache, dass sein Herz auf einmal schneller schlug, führte er darauf zurück, dass er nun einmal ein heißblütiger Typ war. Wenn der Gedanke an ein attraktives Showgirl ihn nicht in Erregung versetzt hätte, wäre das doch viel besorgniserregender. Unverblümt gestand er sich ein, dass er es darauf anlegte, mit ihr ins Bett zu gehen. Gleichzeitig war ihm klar, dass er sich durch kein Vergnügen von seinem Ziel ablenken lassen durfte.

Offensichtlich ließ seine Konzentration allmählich nach. Deshalb tauschte er seine Chips ein, kaufte sich ein Sodawasser und nahm es mit zu einem Gai-Pow-Pokertisch ein paar Meter weiter. An eine reich verzierte Säule gelehnt, beobachtete er interessiert das Spiel.

„Wo ist mein Baseball?“

Mist! Jax richtete sich zu seiner vollen Größe auf und bemühte sich um eine gleichmütige Miene. Denn wenn es jemanden gab, der ihm die gute Laune verderben konnte, dann war es Sergej Kirov.

„Ich habe ihn noch nicht“, entgegnete er mit ruhiger Stimme, ohne dem Blick des Russen auszuweichen. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass es etwas dauern würde.“

„Tick-Tack“, drohte Kirov. „Die Zeit läuft.“

Die beiden bulligen Männer, die ihn flankierten, lachten laut, als habe er etwas sehr Witziges gesagt. Mistkerl, dachte Jax und warf ihm einen verächtlichen Blick zu.

In Las Vegas erregte Sergejs Erscheinung nur halb so viel Aufsehen wie an anderen Orten. Schwarze Haartollen und ein spöttisches Grinsen waren ein gewohnter Anblick in einer Stadt, wo man sich problemlos von einem Elvis-Imitator trauen lassen konnte. In Europa dagegen wirkte der millionenschwere Russe mit seinem extravaganten Äußeren wie ein Paradiesvogel.

Bei jedem anderen hätte Jax dieses affektierte Gehabe für ein Ablenkungsmanöver gehalten, um die Mitspieler zu irritieren. Aber Kirov war es ernst mit seiner Verehrung für den verstorbenen King of Rock ‘n’ Roll. Alles Amerikanische begeisterte ihn – von Elvis Presley bis zum Baseball. Außerdem verfügte er über das nötige Kleingeld, um seinen Leidenschaften nachzugehen. Kopfschüttelnd sah Jax auf die vielen Goldketten, die im V-Ausschnitt seines Overalls glitzerten, dessen Reißverschluss bis zum Bauchnabel geöffnet war.

„Ich will diesen Ball“, beharrte der Russe.

„Sie kriegen ihn auch. Aber wie ich Ihnen schon erklärt habe, ist die Sache mit Dads Hinterlassenschaft komplizierter, als ich gedacht habe.“ Wohlweislich verschwieg er, dass er nicht der Erbe des Baseballs war. Und auf keinen Fall würde er Treenas Namen erwähnen. Es hieß, Kirovs Geld entstamme der russischen Mafia, und obwohl Jax Treena für eine Frau hielt, der es nur ums Geld ging, wollte er nicht, dass ihr etwas zustieß. Was durchaus möglich wäre, wenn Sergej erfuhr, dass sie es war, die zwischen ihm und dem Baseball stand. „Sie bekommen den Ball wie vereinbart nach den Meisterschaften.“

„Das hoffe ich“, bellte Kirov und schnippte mit den Fingern. Seine Begleiter machten auf dem Absatz kehrt und marschierten mit ihm in der Mitte davon.

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