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Prinzessin über Nacht

1. Kapitel

Heute vor einer Woche ist mein größter Wunsch in Erfüllung gegangen: Ich bin Prinzessin geworden. Eine echte Prinzessin! Mit Krönchen und einer Menge Schmuck und mehr Kleidern, als ich zählen kann – eins immer noch schöner als das andere.

Ich wohne jetzt in einem Schloss und habe vier eigene Zimmer: ein Schlafzimmer, ein Ankleidezimmer, ein Spielzimmer und ein Arbeitszimmer.

Im Arbeitszimmer mache ich die Hausaufgaben für Herrn Holzapfel. Das ist mein Lehrer. Er hat nur eine einzige Schülerin – mich! Ich habe bei ihm Rechnen, Schreiben und Lesen. Er ist immer nett zu mir und traut sich nicht, mit mir zu schimpfen. Nicht mal, wenn ich vergessen habe, meine Hausaufgaben zu machen. Sobald er mit mir schimpft, kürzt ihm mein Vater, der König, nämlich das Gehalt. Und meine Mutter, die Königin, streicht ihm mittags den Nachtisch.

Natürlich habe ich mit meinen Eltern zusammen eine Menge Diener. Aber eine Hofdame und eine Kammerzofe dienen ganz allein mir.

Meine Hofdame heißt Lavinia und sorgt dafür, dass ich gute Manieren und nie Langeweile habe. Sie liest mir was vor und macht mit mir Musik. Außerdem erfindet sie tolle Spiele für mich und führt mich im Schlosspark spazieren. Mit Regenschirm oder mit Sonnenschirm – je nachdem.

Meine Kammerzofe heißt Lissi und passt auf, dass ich von morgens bis abends schön aussehe. Sie hilft mir beim An- und Ausziehen, bürstet stundenlang meine Locken und gibt acht, dass mein Badewasser die richtige Temperatur hat. Und dass es gut riecht, natürlich! Sie streut nämlich frische Rosenblüten hinein.

Ich habe ein Pferd, einen Hund und eine Katze. Das Pferd ist ein Araberpony und heißt Silberstern. Es lässt nur mich in den Sattel. Der Hund ist ein Mops und heißt Totti. Er gehorcht mir aufs Wort. Die Katze ist eine Perserkatze und heißt Elmira. Sie kuschelt sich am liebsten in meine Arme und schnurrt.

Weil ich erst seit einer Woche Prinzessin bin und in dieser Woche obendrein eine Menge passiert ist, finde ich das alles noch sehr aufregend. Vorher habe ich mit meinen Eltern in einer Dreizimmerwohnung gewohnt und bin auf eine völlig normale Grundschule gegangen. In die dritte Klasse bei Frau Niemeier. Die hat jedes Mal mit mir geschimpft, wenn ich vergessen hatte, meine Hausaufgaben zu machen.

Mein Vater war der Chef von einem Computergeschäft und meine Mutter arbeitete vormittags als Helferin bei einem Zahnarzt. Sie hätten es sich beide todsicher nie träumen lassen, dass sie mal König und Königin sein würden. Aber zum Glück wunderten sie sich auch nicht, als sie es dann plötzlich waren.

Dass sich bei uns alles so total veränderte, lag an einer Fee. Die traf ich letzten Mittwoch, als ich aus der Schule kam, an dem Kiosk, wo ich mir ab und zu einen Schokoriegel kaufe. Oder eine Tüte Gummibärchen. Oder sonst etwas Süßes.

Dass es sich bei der Frau am Kiosk um eine Fee handelte, wusste ich nicht. Sie war vor mir dran und überlegte anscheinend noch, was sie nehmen sollte. Dabei drehte sie das dicke grüne Portemonnaie, das sie in der Hand hielt. Weil sie es schon aufgemacht hatte, fielen auf einmal jede Menge Geldstücke heraus. Die hüpften und rollten nur so um ihre Füße.

Ich bückte mich und sammelte sie ein. Die Frau blieb stehen und schaute mir zu. Sie war ungefähr so alt wie meine Oma und sah nicht besonders schön aus, wirkte aber sonst ganz normal. Die Geldstücke waren allerdings überhaupt nicht normal. Sie schimmerten ganz golden, hatten auf beiden Seiten seltsame Zeichen und lagen schwer in der Hand.

Als ich alle aufgehoben hatte, hielt mir die Fee ihr Portemonnaie hin und ich ließ die Münzen hineinrutschen.

„Liegt keine mehr auf dem Boden?“, fragte sie.

„Ganz bestimmt nicht“, versicherte ich.

„Und du hast auch keine behalten?“

„Das würde ich niemals tun.“

Sie nickte mir freundlich zu. „Ich sehe nicht mehr so gut“, sagte sie. „Deshalb bin ich dir dankbar für deine Hilfe. Du bist ein sehr nettes Mädchen. Wie heißt du?“

„Marie“, antwortete ich. „Marie Hoffmann.“

„Ich heiße Wilma Wiesentau“, sagte sie. „Und ich bin eine Fee.“

Ich staunte sie an.

„Du darfst dir von mir etwas wünschen“, fuhr sie fort, „weil du meine Goldstücke aufgehoben und keins davon behalten hast. Jedes einzelne ist ziemlich viel wert.“

Ich staunte noch mehr.

„Also, was wünschst du dir?“, fragte sie.

„Vielleicht einen Schokoriegel“, antwortete ich, „oder eine Tüte Gummibärchen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Solche Sachen meine ich nicht. Du darfst dir etwas wünschen, was man für Geld nicht kaufen kann.“

Mir wurde vor Staunen ganz schwindelig.

„Hast du keinen Herzenswunsch?“, fragte Frau Wiesentau. „Irgendetwas, wovon du abends vor dem Einschlafen träumst?“

Da sprang mir mein größter Wunsch über die Lippen. „Ich möchte gern Prinzessin sein!“, sagte ich.

Die Fee nickte. „Das lässt sich machen“, erwiderte sie, „allerdings erst über Nacht. Wenn du es wirklich willst, werde ich dafür sorgen, dass du morgen früh als Prinzessin auf einem Schloss und in einem Himmelbett aufwachst.“

„Ja, ich will!“, rief ich atemlos. „Ich will unbedingt!“ Die Gedanken in meinem Kopf überschlugen sich. „Aber was werden meine Eltern dazu sagen? Sicher werden sie traurig sein und nach mir suchen!“

Frau Wiesentau hob die Schultern. „Du nimmst sie einfach mit!“, sagte sie. „Sie werden bei dir auf dem Schloss wohnen – dein Vater als König und deine Mutter als Königin.“