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Prinzessin meines Herzens

1. KAPITEL

Prinz Nico Cavelli saß an seinem antiken Schreibtisch und sah einige Unterlagen durch. Mit einem Blick auf die Uhr stellte der Thronfolger des Fürstentums Montebianco fest, dass ihm noch etwas Zeit blieb. Erst in ein paar Stunden würde das Staatsdiner stattfinden, das anlässlich seiner Verlobung gegeben wurde.

Plötzlich überkam ihn ein beklemmendes Gefühl. Er wollte den Hemdkragen lockern – und bemerkte, dass dieser bereits offen stand. Es kam ihm beinahe so vor, als würde sich eine Schlinge um seinen Hals legen. Aber wieso erweckte der Gedanke an die Eheschließung mit Prinzessin Antonella diesen Eindruck bei ihm?

So viel hatte sich in kürzester Zeit in seinem Leben verändert. Noch vor gut zwei Monaten war er bloß der jüngere Sohn gewesen. Der Playboy-Prinz. Alle paar Wochen hatte er die Geliebte gewechselt. Er hatte nichts Wichtigeres zu tun gehabt, als zu entscheiden, an welcher Party er abends teilnehmen wollte. Das war natürlich nicht die ganze Wahrheit über seine Person. Doch diese Version verbreiteten die Medien mit Vorliebe. Und Nico hatte die Journalisten gewähren lassen, denn so ließen sie seinen emotional sehr anfälligen Bruder in Ruhe.

Gaetano war der ältere Bruder, der Sensible, der ehelich geborene Sohn gewesen. Stets hatte Nico ihn beschützen müssen. Am Ende hatte er Gaetano allerdings nicht vor den Folgen seiner Entscheidungen bewahren können: Sein Bruder hatte seinen Sportwagen über eine Klippe gesteuert.

Wie sehr er Gaetano vermisste!

Zugleich ärgerte Nico sich auch über ihn. Sein Bruder hatte sich seinen Problemen nicht gestellt. Doch trotz allem: Nichts würde ihm Gaetano zurückbringen. Und nichts würde jetzt noch sein eigenes Schicksal ändern.

„Basta!“, murmelte Nico und konzentrierte sich wieder auf die Unterlagen. Er war der verbliebene Prinz. Obwohl er der uneheliche Sohn war, durfte er in Montebianco laut Verfassung den Thron besteigen. Zumal bei den heutigen medizinischen Möglichkeiten kein Zweifel bestand, wer sein Vater war. Ohnehin hatten alle Cavelli-Männer große Ähnlichkeit miteinander.

Nur Fürstin Tiziana missfiel Nicos neuer Status als Thronfolger. Er war ihr von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen. Als Kind hatte er versucht, ihr Wohlwollen zu gewinnen – und hatte ihr einfach nichts recht machen können. Als Erwachsener verstand er, warum. Seine Anwesenheit erinnerte sie ständig an den Seitensprung ihres Mannes.

Und nach dem Tod seiner Mutter war Nico in den Palast gezogen. Seitdem sah die Fürstin in ihm eine regelrechte Bedrohung. Dass er nun Kronprinz geworden war, musste ein Albtraum für sie sein. Da spielte es auch keine Rolle, dass er Gaetano genauso geliebt hatte wie sie. Dass er alles geben würde, um ihn wieder lebendig zu machen.

Zumindest wollte er jetzt alles geben, um seinen höfischen Pflichten gerecht zu werden und damit das Vermächtnis seines Bruders zu ehren.

Als es nun klopfte, hob Nico den Kopf. „Herein.“

Sein Sekretär trat ein. „Der Polizeipräfekt hat einen Boten geschickt, Eure Hoheit.“

„Er soll hereinkommen.“

Kurz darauf erschien ein uniformierter Mann, der sich tief verneigte. „Eure Hoheit, der Präfekt lässt Euch grüßen“, begann er und leierte die üblichen Grußformeln und Glückwünsche herunter.

Nico versuchte, seine Ungeduld im Zaum zu halten. Ein wenig gereizt fragte er schließlich: „Worum geht es?“

Nicos Titel als Oberbefehlshaber der Polizei hatte eigentlich nur symbolischen Wert. Dass der Präfekt sich tatsächlich über eine Angelegenheit mit ihm austauschen wollte, verhieß nichts Gutes. Lächerlich! dachte Nico. Wahrscheinlich verspürte er dieses ungute Gefühl nur, weil er sehr bald seine Freiheit verlieren sollte.

Der Bote griff in seine Brusttasche und zog einen Umschlag heraus. „Der Präfekt möchte Euch darüber informieren, dass wir einige der gestohlenen antiken Statuen wiedergefunden haben. Außerdem soll ich Euch das hier überreichen, Eure Hoheit.“

Der Bote wartete respektvoll, während Nico den Umschlag aufriss. Darin befand sich ein Foto. Es zeigte ein Kind und eine Frau mit weizenblondem Haar, grünen Augen und Sommersprossen. Nico erkannte die Frau gleich. Als er den Blick auf das Kindergesicht richtete, fühlte er Wut in sich aufsteigen.

Das war unmöglich! So unvorsichtig war er nie. Niemals würde er einem Kind so etwas antun: es zeugen und sich dann einfach davonmachen. Genau das hatte er schließlich selbst erlebt. Es musste ein Trick sein. Offenbar wollte ihn jemand am Abend seiner Verlobung in Verruf bringen – oder ihn sogar erpressen.

Er war nur kurz mit der Frau zusammen gewesen. Ein einziges Mal hatte er mit ihr geschlafen – leider. Hätte er es denn nicht bemerkt, wenn bei der Verhütung etwas schiefgegangen wäre?

Aber das Kind sah aus wie ein Cavelli … Nico konnte die Augen gar nicht von ihm abwenden, während er das beiliegende Schreiben des Präfekten entfaltete. Endlich gelang es ihm, sich auf die handschriftlichen Zeilen zu konzentrieren. Gleich darauf ließ er den Brief fallen und stand auf. „Bringen Sie mich zum Gefängnis. Sofort.“

Lily Morgan war verzweifelt. Sie hatte nur zwei Tage in Montebianco bleiben wollen. Mittlerweile waren schon drei daraus geworden. Sie musste nach Hause zurück. Sie musste zurück zu ihrem Jungen, zu Danny. Aber die Behörden machten keinerlei Anstalten, sie gehen zu lassen. Auch ihre flehentlichen Bitten, mit dem amerikanischen Konsulat sprechen zu dürfen, wurden ignoriert.

Seit vier Stunden hatte sie keine Menschenseele mehr gesehen. Das wusste sie genau, denn wenigstens die Armbanduhr hatte man ihr gelassen. Laptop und Handy waren beschlagnahmt worden, bevor man sie gestern Abend in dieses feuchte Kellerloch gesteckt hatte.

„He!“, schrie sie jetzt. „Hallo! Ist da jemand?“

Keine Antwort. Bloß das Echo ihrer Stimme hallte von den alten Festungsmauern wider.

Lily ließ sich auf die uralte Matratze sinken und hielt die Tränen zurück. Sie würde nicht wieder weinen. Sie musste stark sein für ihren Sohn. Ob er sie bereits vermisste? Sie hatte ihn nie zuvor allein gelassen. Das hätte sie auch diesmal nicht getan, wenn ihr eine andere Wahl geblieben wäre.

„Unsere Reisejournalistin Julie ist krank“, hatte der Chef ihr erklärt, „und du musst für sie einspringen. Du fliegst nach Montebianco und recherchierst weiter für den Artikel, der in der Jubiläumsausgabe erscheinen soll.“

„Aber ich habe noch nie eine Reisereportage geschrieben!“, hatte sie ihm entgegengehalten.

Tatsächlich hatte Lily während ihrer drei Monate bei der Zeitung kaum etwas Spannenderes als einen Nachruf verfasst. Sie war nicht einmal ausgebildete Journalistin. Eigentlich war sie eingestellt worden, um in der Anzeigenabteilung zu arbeiten. Da es sich jedoch um ein kleines Blatt handelte, half sie oft in anderen Ressorts aus.

Eine Reisejournalistin beschäftigte der Port Pierre Register nur, weil Julie die Nichte des Verlegers war und ihre Eltern das einzige Reisebüro am Ort besaßen. Wenn sie also über Montebianco schrieb, steckte bestimmt eine Werbekampagne dahinter.

Allein bei dem Gedanken an die Reise in das Fürstentum am Mittelmeer bekam Lily weiche Knie: Nico Cavelli wohnte dort. Aber ihr Chef verstand ihre Vorbehalte nicht.

Er erwiderte: „Du musst den Artikel gar nicht selber schreiben. Julie hat das meiste schon erledigt. Mach ein paar Fotos und schreib auf, wie es dort ist. Sieh dir zwei Tage lang Land und Leute an. Danach kommst du zurück und formulierst deine Erfahrungen mit Julie zusammen aus.“ Als Lily protestieren wollte, fügte er energisch hinzu: „Das ist deine Chance, dich zu beweisen. Die Zeiten werden härter. Wenn ich nicht auf dich zählen kann, muss ich mir jemand anderen suchen.“

Lily konnte es sich nicht leisten, die Anstellung zu verlieren. Jobs waren in Port Pierre nicht gerade dicht gesät. Außerdem hatte sie wegen der Schwangerschaft vorzeitig die Universität verlassen. Sie hatte eine schlecht bezahlte Stelle nach der anderen angenommen, um ihr Baby und sich durchzubringen. Der Job bei der Zeitung war ein absoluter Glücksfall, ein großer Schritt nach vorn für sie. Vielleicht konnte sie sogar in Abendkursen ihren Abschluss nachholen.

Diese Chance durfte sie sich nicht entgehen lassen. Ganz besonders nicht wegen Danny. Als Kind hatte Lily selbst auf so vieles verzichten müssen: Ihre Mutter war ständig arbeitslos gewesen – oder sie hatte ihren derzeitigen Job einfach hingeworfen, um zum x-ten Mal mit Lilys verantwortungslosem Erzeuger durchzubrennen. Zumindest hatte Lily dadurch gelernt, dass man sich nur auf sich selbst verlassen konnte.

Deshalb hatte sie den Montebianco-Auftrag angenommen und Danny bei ihrer besten Freundin Carla gelassen. Zwei Tage hatte sie in der Hauptstadt Castello del Bianco verbringen wollen. Bei einem so kurzen Aufenthalt würde sie dem Prinzen sicher nicht über den Weg laufen.

Das hatte sie jedenfalls gedacht. Niemals hätte sie damit gerechnet, in seinem Gefängnis zu landen. Hatte zu Hause schon jemand die Behörden verständigt? Kümmerte sich bereits jemand um ihre Befreiung? Oder würde sie bloß eine weitere vergessene Gefangene in einem feuchten Verlies in dieser alten Festung bleiben?

Als jetzt Schritte an ihr Ohr drangen, sprang Lily auf und umklammerte die Gitterstäbe. Angestrengt spähte sie in den dunklen Flur. Schließlich vernahm sie eine Stimme. Kurz darauf ertönte eine andere, die in forschem Ton nach Ruhe verlangte. Lily schluckte und wartete ab. Scheinbar eine halbe Ewigkeit später konnte sie einen Mann ausmachen. Es war jedoch zu dunkel, um sein Gesicht zu erkennen. Vor der Wand ihr gegenüber blieb der Mann stehen. Fahles Licht fiel durch einen Riss in der Mauer herein.

Der Prinz? Lily erschrak und spürte zugleich, wie ihr erneut Tränen in die Augen stiegen. Das konnte einfach nicht wahr sein! So grausam konnte es das Schicksal doch nicht mit ihr meinen!

Er sah genauso gut aus wie auf den Bildern in den Zeitungen – und wie in ihrer Erinnerung. Sein schwarzes Haar war jetzt kürzer. Offenbar wollte er seriöser wirken. Er trug eine dunkle Hose und ein offenes Seidenhemd über einem engen T-Shirt. Seine Augen waren eisblau. Und sein Gesicht war so fein geschnitten, als hätte es ein Künstler modelliert.

Hatte sie ihn damals beim Karneval in New Orleans tatsächlich für irgendeinen Studenten gehalten? Wie hatte sie bloß so naiv sein können? Es war unmöglich, diesen Mann für etwas anderes zu halten als das, was er war: Er war ein reicher privilegierter Prinz. Er war jemand, der sich im Gegensatz zu Lily selbst ausschließlich in den höchsten Kreisen bewegte – sie bekam schon Höhenangst, wenn sie nur daran dachte.

„Lassen Sie uns allein“, sagte er jetzt zu dem Mann, der ihn begleitete.

„Aber … Eure Hoheit, ich glaube nicht …“

„Vattene! Verschwinde!“

„Si. Natürlich, Eure Hoheit.“ Der Mann verneigte sich kurz und eilte davon.

Allmählich verhallten die Schritte. Sogleich wandte der Prinz sich an Lily, die den Atem anhielt. Er erklärte kühl: „Sie werden beschuldigt, Staatseigentum aus dem Fürstentum schmuggeln zu wollen.“

„Wie bitte?“ Lily hatte mit allem Möglichen gerechnet – nur nicht damit.

„Zwei kleine antike Figuren, signorina. Eine stellt einen Wolf dar, die andere eine Frau. Man hat sie in Ihrem Gepäck gefunden.“

„Das sind Souvenirs! Ich habe sie bei einem Straßenhändler gekauft.“

„Es sind unbezahlbare Schätze aus dem Kulturerbe unseres Landes. Man hat sie vor drei Monaten aus dem Museum entwendet.“

„Davon weiß ich nichts. Ich will nur nach Hause.“ Lily pochte das Blut in den Ohren. Es war alles so merkwürdig. Sowohl die Schuldzuweisung als auch die Tatsache, dass der Prinz sie nicht wiederzuerkennen schien.

Hatte er sich wirklich einmal stundenlang mit ihr unterhalten?

Unwillkürlich dachte sie daran, wie er mit ihr geschlafen hatte. Für sie war es das erste Mal gewesen. Voller Zärtlichkeit war er auf sie eingegangen, und sie hatte sich respektiert und geliebt gefühlt. Deshalb war es jetzt umso schmerzlicher, dass er sie nicht wiedererkannte.

Mit den Händen in den Hosentaschen kam er näher und musterte sie kalt. Seinem Gesichtsausdruck war nichts Positives zu entnehmen: kein Lächeln, keine Freundlichkeit. Seine Miene verriet nichts als Arroganz und Selbstgerechtigkeit – in einem Maße, das Lily erstaunte.

Ihre gemeinsamen Stunden waren offenbar nicht mehr als eine verblassende Erinnerung. Lily schlug die Augen nieder. Sie konnte den Prinzen nicht länger ansehen. Das lag nicht an seinem faszinierenden Äußeren. Es hatte vielmehr damit zu tun, dass er sie schmerzlich an ihr Kind erinnerte. Die ungeheure Ähnlichkeit zwischen den beiden fiel ihr erst jetzt auf, da sie ihm gegenüberstand.

„Ich fürchte, wir können Sie unmöglich gehen lassen.“

Abrupt hob Lily den Kopf. Wieder war sie den Tränen nah. Nein, sie durfte nicht weinen. „Ich … Ich muss aber nach Hause. Ich habe Verpflichtungen. Es gibt Menschen, die mich brauchen.“

Prinz Nico schaute sie forschend an. „Was für Menschen, signorina?“

Vor Schreck krampfte sich Lilys Magen zusammen. Sie konnte ihm nicht von Danny erzählen. Nicht jetzt, nicht unter diesen Umständen. „Meine Familie braucht mich. Meine Mutter ist auf mich angewiesen.“ Lily hatte sie seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, aber das wusste Nico ja nicht.

Er betrachtete sie interessiert, aber da stand noch etwas in seinem Blick. Lily überlief ein Schauer.

„Kein Ehemann, Lily?“

Als er ihren Vornamen aussprach, fühlte es sich für sie wie ein zartes Streicheln an. Zuerst dachte sie, er hätte sie wiedererkannt und sich schließlich an ihren Vornamen erinnert – auch wenn er sie früher „Liliana“ genannt hatte. Aber sein weiteres Verhalten ließ nicht darauf schließen. Ihren Namen hatte er natürlich aus der Polizeiakte. Wie naiv von ihr, etwas anderes anzunehmen! Doch wieso war er hier? Kam der Prinz wirklich persönlich, wenn jemand des Diebstahls bezichtigt wurde?

Allmählich beschlich Lily das Gefühl, dass ihr irgendeine wichtige Information zu dem ganzen Rätsel fehlte …

„Nein, ich bin nicht verheiratet“, antwortete sie schließlich. Innerlich drohte die Angst um Danny sie zu überwältigen. Wenn Nico erst einmal wusste, dass er einen Sohn hatte … Vielleicht würde er ihr das Kind wegnehmen. Immerhin hatte er die Macht und das nötige Geld dazu.

Sie drängte sich an die Gitterstäbe. „Bitte, Ni…“, wollte sie ihn beschwören und verbesserte sich gleich darauf: „Eure Hoheit, bitte helft mir.“

Ein verwunderter Ausdruck huschte über sein Gesicht, verschwand jedoch sofort wieder. „Wieso sollte ich Ihnen helfen?“, fragte er.

Lily schluckte. Musste sie sich ihm nun doch anvertrauen? Würde sie ihrem Sohn damit schaden? Oder schadete sie Danny mehr, wenn sie nichts sagte? Was, wenn sie hier nie mehr herauskam? Würde Carla Danny großziehen?

„Wir … Wir sind uns schon einmal begegnet. Vor zwei Jahren in New Orleans. Sie waren damals sehr nett zu mir.“

„Ich bin immer nett zu Frauen.“

Lily spürte, wie sie errötete. Dieses Gespräch zu führen war absurd! Hier vor ihr stand der Mann, der mit ihr ein Kind gezeugt hatte – und der sich offensichtlich nicht an sie erinnerte. Also war es damals richtig gewesen, ihn nicht ausfindig zu machen.

Sie hatte ihn als Nico Cavelli kennengelernt. Und für sie war es ein Schock gewesen, als sie später entdeckt hatte, wer dieser Nico Cavelli tatsächlich war: Prinz Nico von Montebianco. Nur aus Spaß hatte sich dieser Playboy und Weltenbummler in New Orleans unters Volk gemischt. Kein Wunder, dass er sich nicht an sie erinnerte. Sicher wäre ihm Danny auch egal. Genauso wie sie ihrem eigenen Vater egal gewesen war.

Warum hatte sie sich ausgerechnet diesen Mann ausgesucht, um sich in die Liebe einführen zu lassen? Sie hatte sich von seinem Charme und seiner scheinbaren Aufrichtigkeit einwickeln lassen. Er hatte leichtes Spiel mit ihr gehabt. Allein dieser Gedanke war ihr unerträglich. Natürlich hatte er sie nicht direkt angelogen. Aber er hatte ihr eben nicht die volle Wahrheit gesagt. Sie hatte gewusst, wie er hieß und woher er kam – und mehr nicht.

Nachdem er damals sein Ziel bei ihr erreicht hatte, war er verschwunden. Über zwei Stunden hatte sie an ihrem vermeintlich letzten gemeinsamen Abend im Regen gestanden und auf ihn gewartet. Er war einfach nicht aufgetaucht.

Und jetzt ging er ihr richtig auf die Nerven. Bevor sie jedoch einen zusammenhängenden Satz herausbekam, holte er etwas aus der Hemdtasche und hielt es ihr hin.

Lily erschrak. Mit einem Mal war seine kühle Fassade verschwunden, und er wirkte wütend.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er aufgebracht. „Wer ist dieses Kind?“

Lily wollte ihm das Foto wegnehmen, aber der Prinz zog es weg. Ein Schluchzer entrang sich ihrer Kehle. Man hatte ihre Sachen durchwühlt, als wenn sie eine gewöhnliche Kriminelle wäre. Und jetzt auch noch das: Er kannte ihr Geheimnis!

„Wer ist das?“, beharrte er.

„Mein Kind! Geben Sie mir das Foto!“, schrie Lily und griff erneut danach. „Es gehört mir!“

Prinz Nico schien erstaunt zu sein, fing sich allerdings schnell wieder. „Ich weiß nicht, welche Reaktion Sie von mir erwarten, nachdem ich das Foto gesehen habe. Ich sage Ihnen: Es wird nicht funktionieren, signorina. Das ist nur ein billiger Trick, um mich zu erpressen. Darauf falle ich nicht herein!“

Verwundert starrte Lily ihn an. „Sie erpressen? Warum sollte ich das tun? Ich will nichts von Ihnen.“ Sie überlegte fieberhaft. Nein, Nico konnte nichts wissen – nicht mit Bestimmtheit. Er hatte nur Angst um sich und sein Geld.

Auf merkwürdige Art war Lily sogar erleichtert darüber: Ihre Meinung von ihm bestätigte sich damit. Sie musste ihm bloß glaubhaft versichern, dass sie nichts von ihm wollte. Dann würde er sich durch sie nicht mehr bedroht fühlen. Und vielleicht würde er ihr helfen, hier herauszukommen.

„Ich will einfach nach Hause“, sagte sie so ruhig wie möglich.

Wieso hatte sie überhaupt Angst gehabt, dass er ihr Danny wegnehmen würde? Er war nicht der Typ Mann, der sich um ein Kind kümmerte. Er hatte viele Geliebte und sicher schon einige Kinder gezeugt. Normalerweise las Lily keine Klatschmagazine, aber die Artikel über Nico erregten immer wieder ihre Aufmerksamkeit. So wusste sie zum Beispiel, dass seine Hochzeit unmittelbar bevorstand.

Ein mulmiges Gefühl durchfuhr sie. Rasch verdrängte sie es, ohne es weiter zu hinterfragen. Was sagte wohl seine zukünftige Frau zu all den unehelichen Kindern?

Es war richtig, dass ich mich vor zwei Jahren entschieden habe, ihn nicht zu kontaktieren. Danny verdient mehr. Ihr Sohn sollte nicht so aufwachsen wie sie. Ihr eigener Vater war nur aufgetaucht, wenn es ihm gepasst hatte – und war einfach wieder gegangen. Es hatte ihn nicht interessiert, wie verlassen Lily sich gefühlt hatte.

„Was machen Sie in Montebianco?“, fragte Nico misstrauisch. „Wieso sind Sie hergekommen, wenn Sie mich nicht erpressen wollen?“

„Ich recherchiere für einen Zeitungsartikel.“

„Spielen Sie keine Spielchen mit mir, signorina.“ Er steckte das Foto ein und schaute sie finster an.

Der Prinz sah so aus, als wollte er die Wache beauftragen, diese Gefangene im Verlies zu vergessen. Vermutlich ist er wirklich zu so etwas in der Lage, dachte Lily.

In dem Moment fügte Nico hinzu: „Ich hoffe, Sie haben es bequem, Lily Morgan. Sie werden nämlich so lange in dieser Zelle bleiben, bis Sie mir die Wahrheit sagen.“

„Mein Chef hat mich hergeschickt. Einen anderen Grund gibt es nicht.“

„Wollen Sie mir etwa erzählen, dass das Kind auf dem Foto von mir ist? Sind Sie hier, um Geld von mir zu verlangen?“

Lily schlang die Arme um ihren Körper und stellte überrascht fest, dass sie zitterte. Sie mied seinen Blick. „Nein, ich will nur nach Hause. Ich will ein für alle Mal vergessen, dass ich Sie kenne.“

Nico kam näher, sodass Lily unwillkürlich zurückwich. Diesmal umklammerte er die Gitterstäbe und sah sie durchdringend an. „Ich weiß nicht, was Sie vorhaben, Miss Morgan. Doch ich versichere Ihnen: Ich werde die Wahrheit ans Licht bringen.“

Als er sich abwandte und davonging, gab Lily keinen Ton von sich. Weiter mit ihm zu sprechen hätte ohnehin nichts gebracht. Prinz Nico besaß kein Herz.

Mit großen Schritten lief Nico in seine Gemächer und rief seinen Sekretär zu sich. Vor zwei Jahren hatte er den Befehl gegeben, alles über Lily Morgan in Erfahrung zu bringen. Überraschenderweise hatte sich beim Durchsehen der Polizeiakte herausgestellt, dass sie eigentlich Margaret Lily Morgan hieß und ihren zweiten Vornamen als Rufnamen benutzte. Allerdings erklärte es, warum sie damals auf einmal spurlos verschwunden zu sein schien.

Nico trat auf die Terrasse und sah auf die Stadt hinunter.

Das Wiedersehen mit Lily beschäftigte ihn mehr, als er es sich eingestehen wollte. Sie war nicht mehr das scheue Mädchen aus seiner Erinnerung – seine Liliana, die so zart und verletzlich gewesen war wie die Blume, deren Namen sie trug. Die Nacht im Gefängnis hätte ihr Angst machen und sie zur Kooperation bewegen sollen. Doch diese neue Lily war eine Kämpferin und wild entschlossen.

Nur wozu?

Er wusste es nicht, wollte sie jedoch auch keine zweite Nacht dort unten lassen. Bei dem Gedanken an die alte Festung verzog er angewidert das Gesicht. Die Haftbedingungen mussten dringend verbessert werden. Genau das wollte er nun ändern, nachdem er Kronprinz geworden war.

Nico nahm das Foto von Lily und dem Jungen aus der Hemdtasche, ohne es anzusehen. Es war sowieso eine Fälschung. Jeder Grafiker mit der entsprechenden Software konnte ein Bild retuschieren. Es war nicht das erste Mal, dass ihm jemand ein solches angebliches Beweismittel vorlegte. Die Medien unterstellten ihm ständig heimliche Dates mit irgendjemandem und lieferten passende Fotos dazu. Diese Behauptungen zu entkräften war zwar leicht, bereitete aber immer Ärger und Unannehmlichkeiten.

Trotzdem hatte er sich dieses Leben im Rampenlicht ausgesucht: Er hatte selbst entschieden, den Prellbock für Gaetano zu spielen. Nico fuhr sich durchs Haar. Er konnte damit umgehen. Und auch diesmal würde es ihm gelingen. Er würde Miss Lily Morgan nach Amerika zurückschicken, wo sie hingehörte.

Dies war nicht die erste Unterhaltsklage, mit der man ihm drohte. Andererseits hatte Lily gar nicht behauptet, dass es sein Kind wäre. Doch das war sicher Teil ihres Plans. Was sollte es sonst sein?

Er schaute das Foto an. Auch wenn es gefälscht war: Die Ähnlichkeit war bemerkenswert. Außerdem spürte er eine merkwürdige Gewissheit – anders als damals, als zwei frühere Geliebte versucht hatten, ihm ein Kind unterzuschieben. In beiden Fällen hatte er ihre Argumente widerlegen können; beide Klagen waren zurückgezogen worden. Und dennoch steuerte Nico seitdem etwas zum Unterhalt der Kinder bei. Die beiden Kleinen konnten ja nichts dafür, dass sie keinen Vater hatten.

Aber der Junge auf diesem Foto sah aus wie ein Cavelli. Dafür sprachen nicht nur seine Augen, sondern auch die dunklen Locken, die zarte olivfarbene Haut, die Form seiner Nase und der feste Zug um die Lippen. Und dabei war er kaum dem Krabbelalter entwachsen.

Konnte dies tatsächlich sein Sohn sein? Nico erinnerte sich gut daran, wie verzaubert er von Liliana gewesen war – aber eben nicht so sehr, dass er darüber die Verhütung vergessen hätte. Daran dachte er stets. Kein Kind sollte so leiden müssen wie er. Wenn er eines Tages Nachwuchs in die Welt setzen würde, wären es ausschließlich Wunschkinder.

Aber was, wenn bei der Verhütung etwas schiefgegangen war?

Sicher hätte ihm Lily das Kind in dem Fall nicht so lange vorenthalten. Nein, es konnte unmöglich sein Sohn sein – auch wenn er ihm so sehr ähnelte.

Erleichtert legte Nico das Bild auf den Schreibtisch. Diese Frau würde ihn nicht zum Narren halten! Bald würde er die Wahrheit kennen.

Doch heute Abend machte er erst einmal seine Verlobung mit Prinzessin Antonella offiziell. Dadurch wurden die beiden Fürstentümer Montebianco und Monteverde einen Schritt näher zusammengeführt: Nico löste damit das Versprechen ein, das seine Familie den Romanellis gegeben hatte, als Gaetano noch gelebt hatte. Antonella Romanelli war eine schöne Frau. Bestimmt war sie auch eine tolle Ehefrau. Nico konnte zufrieden sein.

Er wandte sich von dem Ausblick über die Stadt ab und ging hinein, um sich umzuziehen. Dann hielt er fluchend inne. Nico nahm das Foto und drückte es an sein Herz.

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