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Prinzessin auf Probe?

Catherine Mann

Prinzessin auf Probe?

1. KAPITEL

„Verstecken Sie die Kronjuwelen, meine Herren“, rief Lilah Anderson in die Männer-Umkleidekabine des St. Mary Krankenhauses. „Frau im Anmarsch.“

Das Klacken ihrer High Heels hallte in dem gefliesten Flur wider, als Lilah an einem Krankenpfleger vorbeimarschierte, der sich die Hände schrubbte, und an einem Anästhesisten, der mit einem viel zu kleinen Handtuch kämpfte. Unbeeindruckt von all der nackten Haut, dem empörten Räuspern und dem unterdrückten Lachen, bahnte sie sich ihren Weg durch den feuchtheißen Raum.

Ihr ging es lediglich darum, ihn ausfindig zu machen.

Niemand traute sich, sie aufzuhalten, denn als Chefin der Verwaltung in Tacomas führender Klinik könnte sie jeden Einzelnen von ihnen schneller entlassen, als er sich nach der Seife bücken konnte.

Ihr Problem? Ein besonders sturer Angestellter, der entschlossen zu sein schien, jeglichen Versuch ihrerseits, mit ihm zu sprechen, zu unterbinden. Und das schon seit Wochen. Deshalb hatte sie sich einen Ort ausgesucht, wo sie sich sicher sein konnte, dass Dr. Carlos Medina ihr seine volle Aufmerksamkeit schenken würde – die Dusche im Krankenhaus.

Wanda, seine Sekretärin, hatte sie gewarnt. Er sei nicht zu sprechen, da er sich nach einer langwierigen Operation frisch machen müsste. Außerdem, so Wanda, sei er erschöpft und ungnädig.

Doch davon ließ Lilah sich nicht abschrecken. Es war die perfekte Gelegenheit, um ihn in die Ecke zu treiben. Sie war mit zwei Brüdern aufgewachsen und entsprechend abgehärtet. Prüfend musterte sie die Duschen.

Drei davon waren in Betrieb. Hinter dem ersten Vorhang erkannte sie die Umrisse eines kleinen, rundlichen Mannes. Definitiv nicht Carlos.

Aus der zweiten Dusche linste erschrocken ein Mann hervor, dessen Haaransatz bereits deutlich zurückging. Auch er war nicht ihr gesuchter Chirurg.

Knapp nickte sie dem Chef der Kinderheilkunde zu. „Hallo, Jim.“

Jim verschwand blitzschnell wieder hinter dem Vorhang, und mit klopfendem Herzen wandte sich Lilah der dritten Dusche zu.

Sie vergewisserte sich, damit sie auch den Richtigen ansprach, indem sie den schlanken Körper hinter dem Plastikvorhang musterte. Er war dabei, sich die Haare zu waschen, und Lilah brauchte den Vorhang nicht einmal zur Seite zu ziehen, denn sie kannte diesen Körper gut … sehr gut sogar.

Ja, sie hatte Carlos Medina gefunden: Arzt, Liebhaber und – als hätte er nicht schon genügend Vorzüge – ältester Sohn eines ehemaligen europäischen Monarchen. Sein königlicher Stammbaum beeindruckte sie jedoch wenig. Schon lange bevor sie erfahren hatte, dass er ein Prinz war, hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt. Er war brillant und brachte seinen Patienten viel Mitgefühl entgegen.

Sein Anblick im Arztkittel war auch nicht zu verachten, und wenn er gar nichts trug … Darüber sollte sie jetzt lieber nicht nachdenken.

Lilah fasste sich ein Herz und zog den Duschvorhang mit einem Ruck zur Seite.

Wasserdampf strömte ihr entgegen, sodass sie einen Moment lang kaum etwas sehen konnte. Dann klärte sich die Sicht, und … Wow! Was sie zu sehen bekam, war wahrlich nicht zu verachten. Wasser rann an Carlos’ nacktem Körper hinunter, der ihr seitlich zugewandt war, und dessen kräftige Muskeln angespannt waren. Außerdem, gütiger Himmel, präsentierte er ihr seinen knackigen Po.

Wassertropfen glitzerten auf seiner von Natur aus gebräunten Haut und in den dunklen Härchen, mit denen Arme und Beine bedeckt waren.

Als er gelassen den Kopf zu ihr herumdrehte, zeichnete sich auf seinem Gesicht keine Spur von Überraschung ab. Seine dunklen Augen wirkten wie immer rätselhaft und zogen Lilah in ihren Bann, sodass sie einen kleinen Schauer der Erregung nicht unterdrücken konnte. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch waren ihrem Vorhaben nicht gerade zuträglich.

Carlos hob eine seiner dunklen Augenbrauen. „Ja?“

Selbst aus diesem einen Wort hörte man den leichten spanischen Akzent heraus, einen Akzent, der so betörend war, dass Lilah noch heißer wurde. Am liebsten hätte sie ihre Kostümjacke ausgezogen.

In der Dusche nebenan wurde das Wasser ausgestellt, und der Leiter der Kinderheilkunde hastete zu den Spinden, wo die anderen Mitarbeiter ganz offensichtlich neugierig zuhörten, auch wenn sie Lilah den Rücken zuwandten.

Lilah zupfte ihre Jacke zurecht. „Ich muss mit dir reden.“

„Ein Telefonat hätte meinen Kollegen eine gewisse Verlegenheit erspart.“ Wie immer sprach Carlos leise. Er brauchte seine Stimme nicht zu erheben, denn die Leute hingen auch so an seinen Lippen.

„Was ich zu sagen habe, ist nichts für ein unpersönliches Telefongespräch.“ Zwar war es auch nicht für die neugierig gespitzten Ohren in der Umkleidekabine geeignet, aber sie würde ja gleich mit Carlos allein sein.

Ganz allein?

Auf einmal knisterte es zwischen ihnen, und die kleinen Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Auch seine Augen begannen zu funkeln, oder? Doch Carlos blinzelte, und sofort wirkte seine Miene wieder ausdruckslos.

„Viel persönlicher als das hier kann es wohl kaum werden, Chefin.“ Er stellte die Dusche aus. „Kannst du mir bitte das Handtuch geben?“

Sie schnappte sich das weiße Handtuch und warf es ihm zu, um keine Berührung zu riskieren. Als er es sich um die Hüften schlang, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen und riskierte einen Blick.

Nass wirkte sein Haar noch dunkler. Es war zurückgestrichen, sodass die ausgeprägten aristokratischen Gesichtszüge deutlich zu erkennen waren. In seinen braunen Augen blitzte selten Humor auf. Doch als sie sich geliebt hatten, war die Glut in ihnen unverkennbar gewesen.

Carlos drehte sich um und wandte ihr den Rücken zu, um nach seinem Shampoo zu greifen. Lilahs Blick schweifte vom festen Po zu den Narben auf seinem Rücken. Carlos humpelte und hatte das immer mit einem Reitunfall in seiner Jugend begründet. Nachdem sie die Narben das erste Mal entdeckt und Carlos gedrängt hatte, ihr mehr darüber zu erzählen, hatte er vom Thema abgelenkt, indem er ihren nackten Körper mit Küssen übersät hatte.

Auch wenn sie Juristin und keine Ärztin war, erkannte sie, dass er nicht nur äußerliche Wunden davongetragen hatte.

Die Kulturtasche unter den Arm geklemmt, beugte er sich zu ihr und musterte sie mit kühlem Blick, bis Lilah schlucken musste.

„Können wir das jetzt bitte schnell erledigen?“, meinte er grimmig.

„Dein Charme betört mich immer wieder.“

„Wenn du auf Charme aus bist, hast du vor vier Jahren den falschen Mann eingestellt.“ Er war damals vierunddreißig gewesen, sie einunddreißig. Ihr kam es vor, als wäre es eine Ewigkeit her. „Ich habe fast den ganzen Tag damit zugebracht, die Wirbelsäule eines siebenjährigen afghanischen Mädchens zu reparieren, das durch eine Sprengbombe verletzt wurde. Ich bin fertig.“

Ungewollt verspürte Lilah Mitleid. Natürlich war er erschöpft. Auch wenn er seinen Stolz bezwang und bei solch langen Operationen einen Stuhl benutzte, war es offensichtlich, dass diese Art von OP ihren Tribut forderte. Doch sie konnte es sich nicht leisten, jetzt schwach zu werden.

Eigentlich waren Carlos und sie seit Jahren befreundet, doch nach ihrem impulsiven One-Night-Stand nach einer Spendengala kurz vor Weihnachten hatte er sich als kaltherziger Schuft entpuppt. Dabei war es nun wirklich nicht so, dass sie ihm die Pistole auf die Brust gesetzt hätte, um einen Hochzeitstermin festzulegen, nachdem er sie zum dritten Mal zum Höhepunkt gebracht hatte.

Allein bei der Erinnerung an jene Nacht wogte ein wohliger Schauer durch ihren Körper. Es war unglaublich gewesen, und natürlich hatte sie gehofft, dass sie künftig nicht nur eine freundschaftliche, sondern auch eine sehr intime Beziehung mit ihm pflegen könnte. Doch am nächsten Morgen hatte Carlos ihr die kalte Schulter gezeigt. Er war kühl, zurückhaltend und übertrieben höflich gewesen.

Jetzt verscheuchte sie die unschönen Erinnerungen. Sie hatte nicht vor, sich einschüchtern zu lassen. „Ich habe keine Zeit für Spitzfindigkeiten. Ich habe dir etwas zu sagen, also zieh dich an und lass uns reden.“

Er senkte den Kopf, und sein warmer Atem strich über ihr Ohr. „Du gehörst nicht zu den Frauen, die eine Szene machen. Lass uns einen Termin verabreden. Bis dahin hast du dich hoffentlich wieder beruhigt. Das hier ist schon peinlich genug.“

Der Duft seines Shampoos stieg ihr in die Nase. Ja, sie hatte sich einen ungewöhnlichen Ort für diese Konfrontation ausgesucht, aber Carlos Medinas Sturheit war bekannt. Bei ihr würde die Krankenhausleitung bestimmt ein Auge zudrücken. Und wenn nicht? Dann war es eben so. Manchmal musste eine Frau zu ihrer Entscheidung stehen.

Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen, denn viel länger konnte sie nicht warten.

„Ich lasse mich von dir nicht schon wieder abwimmeln.“ Sie senkte die Stimme, obwohl verhallende Schritte die Vermutung nahelegten, dass nicht mehr viele Mitarbeiter in der Umkleide waren. „Wir reden. Heute. Du darfst entscheiden, ob wir die Sache hier vor allen Leuten besprechen oder vielleicht doch lieber in deinem Büro. Und glaub mir, wenn wir hierbleiben, wird es noch viel peinlicher.“

Carlos hob eine Augenbraue.

Lilah hörte, wie sich hinter ihr jemand räusperte. Vielleicht war es aber auch ein unterdrücktes Lachen. Als sie Carlos anschaute, wurde ihr auf einmal schmerzhaft bewusst, wie nah sie beieinander standen – und nichts als ein Handtuch bedeckte seine durchaus nicht kleinen „Kronjuwelen“.

Vergiss es, ermahnte sie sich. Carlos hatte sie seit fast drei Monaten ignoriert, was angesichts ihrer Freundschaft nicht nur wehgetan hatte, sondern auch beleidigend gewesen war.

Flüsternd fuhr sie fort: „Es ist ja nicht so, dass ich dich nicht schon … so gesehen hätte. Ich kann mich sogar noch ganz genau erinnern …“

„Das reicht“, schnitt er ihr das Wort ab.

„Der allmächtige Medina-Prinz hat gesprochen“, kommentierte sie sarkastisch, während sie nach einem Stapel mit OP-Kleidung griff. „Zieh dich an. Ich warte.“

Sie drückte ihm die Sachen in die Hand und drehte sich um. Ein Trio halb bekleideter Männer starrte sie an. Erst in diesem Moment wurde ihr die Tragweite der Szene bewusst, die sie hier provoziert hatte, und sie wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Aber das Ganze war zu wichtig, da durfte sie keinen Rückzieher machen. Sie hatte gehofft, sie könnte genügend Distanz wahren während dieses ersten Gesprächs seit Langem. Sie presste die Finger an die Lippen und konnte noch immer nicht die Leidenschaft vergessen, die der erste Kuss von Carlos in ihr ausgelöst hatte. Ein Kuss, der zu viel mehr geführt hatte und weitreichende Konsequenzen haben würde.

Sobald Carlos sich etwas angezogen hatte und sie endlich allein waren, würde sie ihm erzählen, was sie selbst erst langsam hatte akzeptieren müssen. Etwas, was sie nicht länger verbergen konnte.

Dr. Carlos Medina war nur noch etwas mehr als sechs Monate davon entfernt, Vater eines kleinen Prinzen oder einer Prinzessin zu werden.

Carlos Medina war nur noch sechs Sekunden davon entfernt, die Geduld zu verlieren – etwas, was ihm sonst nie passierte.

Natürlich war er selbst schuld, weil er vor fast drei Monaten mit Lilah geschlafen und damit eine wirklich gute Arbeitsbeziehung ruiniert hatte.

Schweigend wich er einer Putzfrau aus, die den Boden des ansonsten leeren Flures im Krankenhaus wischte, und folgte Lilah. Schummriges Licht drang durch die vom Regen nassen Fenster. Doch sein Blick war ohnehin nur auf die Frau gerichtet, die zwei Schritte vor ihm auf sein Büro zumarschierte.

Sein Büro. Nicht ihres. Sein Territorium.

Auch wenn sie in der Dusche die Oberhand gehabt hatte, noch einmal würde er nicht nachgeben. In seinem Büro würden sie zudem garantiert ungestört bleiben. Kaum hatte man enthüllt, dass er ein Medina war, waren die Paparazzi wie ein Heuschreckenschwarm in das Krankenhaus eingefallen. Er hatte schon befürchtet, seine Stelle aufgeben zu müssen, um die Sicherheit der Patienten nicht zu gefährden.

Doch da hatte er Lilah unterschätzt.

Sie hatte es geschafft, die Presse aus dem Krankenhaus fernzuhalten, indem sie die Sicherheitsmaßnahmen drastisch erhöht und ihm zusätzlich ein Büro im hintersten Winkel der Klinik zugeteilt hatte. Übereifrige Reporter müssten zwei Sicherheitssperren und ein halbes Dutzend gut bemannter Schwesternstationen überwinden, ehe sie sein Heiligtum erreichten. Und bisher hatte das noch niemand geschafft.

Ja, er hatte Lilah unterschätzt, doch das würde ihm nicht noch einmal passieren. In ihrer Gegenwart musste er auf der Hut sein, vor allem, da er an kaum etwas anderes denken konnte als daran, wie sie ihn in der Dusche so ungeniert gemustert hatte. So, als hätte sie nichts dagegen, seinen Körper wieder zu berühren. Oder ihn mit Haut und Haaren zu verschlingen. Verdammt, er hatte nicht erwartet, sie wiederzusehen, ohne zumindest mit Boxershorts gerüstet zu sein.

Der dezente Hüftschwung, das schwarze Kostüm – sie erregte ihn mehr, als er zugeben wollte. Er ließ den Blick über ihren Rücken wandern, bis hinauf zu ihrem Hals. Ihr rotbraunes Haar hatte sie hochgesteckt, und nur eine Locke war dem festen Knoten entschlüpft und streichelte ihr Ohr, etwas, was er auch nur zu gern getan hätte, obwohl er sich so über sie geärgert hatte.

Seit Jahren begehrte er Lilah, doch er wusste, dass sie eine Frau war, von der er die Finger lassen musste. Sie durchschaute ihn viel zu leicht. Außerdem war sie eine viel zu gute Freundin und genauso ein Workaholic wie er. Als Mann, der nur wenige enge Freunde hatte, schätzte er die unerwartete Kameradschaft, die ihn mit Lilah verband, viel zu sehr, um sie aufs Spiel zu setzen.

Als sie in sein Vorzimmer traten, löste er den Blick von dem verführerischen Anblick, den Lilahs Po darstellte, und nickte seiner Sekretärin zu. „Bitte keine Anrufe, Wanda, es sei denn, es geht um das afghanische Mädchen, das ich eben operiert habe.“

Der Schmerz in seinem Rücken erinnerte ihn daran, wie lange er daran gearbeitet hatte, um wenigstens sicherzustellen, dass das Mädchen ihre Arme wieder benutzen konnte. Dass sie jemals wieder würde laufen können, war unwahrscheinlich. Als er sein Büro betrat, stützte er sich am Türrahmen ab, weil er sich nach dem langen Tag kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Lilah blieb vor einem Ölgemälde von Joaquín Sorolla y Bastida stehen, einem Geschenk seines Bruders Duarte. Und wenn Carlos auch noch so viel Distanz zwischen sich und seinem Heimatland schuf, konnte er doch seinem Erbe nicht entfliehen. Er war der älteste Sohn des gestürzten Königs Enrique Medina aus San Rinaldo, einer kleinen Insel vor der Küste Spaniens.

Erst vor Kurzem hatte die Presse das Geheimnis der Medinas gelüftet. Carlos und seine beiden Brüder, inzwischen längst erwachsen, lebten in unterschiedlichen Orten der Vereinigten Staaten. Bis vor vier Monaten hatten sie unerkannt und unbehelligt unter falschen Namen leben können. Nur Enrique, der auf einer Insel vor Floridas Küste wohnte, hatte man noch nicht ausfindig gemacht.

Die meiste Zeit seines Lebens als Erwachsener hatte er sich Carlos Santiago genannt, doch seit der Enthüllung war er nur noch Prinz Carlos Medina, Erbe eines nicht mehr existierenden Königreiches.

Lilah war eine der Wenigen, die ihn auch nach dem Bekanntwerden seiner wahren Identität nicht anders behandelt hatte. Weder war sie beeindruckt noch wütend gewesen, weil er sie seit Jahren getäuscht hatte. Sie verstand seine Beweggründe.

Da er unter falschem Namen eingestellt worden war, hatte sie nur darauf bestanden, dass er bewies, dass all seine medizinischen Zulassungen in Ordnung waren.

Letztlich war sie vor allem eine logisch denkende und pragmatische Frau.

Wie kam also eine solch vernünftige Frau dazu, in die Männerumkleide zu spazieren und ihn unter der Dusche zur Rede zu stellen? Dass er sich in dem Moment gewünscht hatte, er könnte sie zu sich unter den Wasserstrahl ziehen und ihr die Kleider vom Leib reißen, bis sie genauso nackt und erregt war wie er, tat ja nichts zur Sache.

Er schloss die Bürotür, und damit waren sie allein in seinem kleinen, spärlich möblierten Reich mit den dunklen Ledermöbeln, den Büchern und dem Gemälde von seinem Bruder.

Um den Druck in seinem schmerzenden Rücken etwas zu mildern, lehnte er sich gegen die Wand und schaute Lilah an. Sie hielt sich noch immer aufrecht, doch ihr Gesicht war blass. Sehr blass.

Zu sehr Arzt, um das zu ignorieren, bekam Carlos ein schlechtes Gewissen. Ganz offensichtlich stand sie unter großem Stress. Anders war ihr ungestümer Auftritt in der Dusche nicht zu erklären. Normalerweise legte sie ihren Fall ruhig dar und schlug dann gnadenlos und mit einer Präzision zu, die ihr eine brillante Karriere versprach. Das hätte er erkennen müssen. Idiotischerweise war er davon ausgegangen, dass ihr Auftritt etwas mit ihrer gemeinsamen Nacht vor drei Monaten zu tun hatte.

Carlos musterte ihre grünen Augen, entdeckte die dunklen Schatten darunter. „Gibt es schlechte Neuigkeiten wegen der Finanzierung des neuen Rehabilitationsgebäudes?“

„Es geht nicht um die Arbeit …“ Sie zögerte und biss sich auf die vollen Lippen, die wie geschaffen waren zum Küssen.

Die Sorge um sie vertrieb einen Teil seiner Verärgerung. Er stieß sich von der Wand ab und ging auf sie zu, angezogen nicht nur von den Erinnerungen an ihre Freundschaft, sondern auch von ihrem Parfum. Es war ein dezenter Duft, da es im Krankenhaus strikte Vorschriften gab, die stark riechende Parfums, Seifen und Cremes verboten. Doch es war der einzigartige Duft, den er nur mit Lilah in Verbindung brachte, und bei dem sein Puls jedes Mal stieg.

Lilah ließ ihn nicht aus den Augen, als er humpelnd näher kam, jeder Schritt eine Qual nach all den Stunden, die er im OP gestanden hatte. Doch er hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich über diesen offensichtlichen Makel Gedanken zu machen. Es gab im Leben so viel Wichtigeres. Er wusste, er konnte froh sein, überhaupt laufen zu können.

Er blieb vor ihr stehen. „Was ist denn so wichtig, dass du eine Szene machst, die noch die nächsten vier Wochen für Gesprächsstoff in der Cafeteria sorgen wird?“

„Es geht darum, was nach der Spendengala passiert ist.“

Carlos schluckte. Mit wenigen Worten hatte sie das Tor zu den Erinnerungen geöffnet. An jenem Abend waren sie hierher in sein Büro getaumelt und hatten die Nacht schließlich in seinem Haus verbracht. Die Erinnerungen waren zu lebhaft und folgten zu schnell auf Lilahs forschen Auftritt in der Dusche. Zum Glück hatte sie ihm so schnell das Handtuch gegeben, denn er war verdammt kurz davor gewesen, ihr ganz offensichtlich zu zeigen, wie sehr sie ihn noch immer berührte. Ihr den Rücken zuzukehren, um nach seinem Shampoo zu greifen, hatte ihm immerhin ein paar Sekunden gelassen, um seine Libido wieder unter Kontrolle zu bringen.

Es war leichtsinnig genug von ihm gewesen, der Versuchung nachzugeben, mit Lilah zu schlafen. Seitdem hatte er sich jeden Tag damit gequält, diese Nacht noch einmal zu durchleben, wohl wissend, dass es ganz leicht war, erneut der Versuchung zu erliegen. Als Lilah ihn unter der Dusche so eingehend gemustert hatte, war ihr Blick ihm fast wie ein Streicheln vorgekommen, und es war ihm, genau wie jetzt, schwergefallen, sich an all die Gründe zu erinnern, warum er die Finger von ihr lassen sollte.

Jetzt gelang es ihm definitiv auch nicht, denn er strich mit dem Finger über die einzelne Locke, die ihr Ohr umspielte. Ihre weiche Haut, das seidige Haar, all das zog ihn magisch an und ließ ihn seine guten Vorsätze vergessen.

Lilah riss ihre wunderschönen Augen auf, eine Sekunde, bevor er ihr die Hand in den Nacken legte und noch näher an sie herantrat. Genüsslich registrierte er, dass sie ihre herrlichen Kurven an ihn schmiegte. Die Rundung ihrer Brüste, die wohlgeformten Hüften, Lilah zu spüren weckte nicht nur sein Verlangen, sondern wieder einmal die Erinnerungen an ihre gemeinsame Nacht.

„Carlos“, flüsterte sie, während sie die Hände auf seinen Oberkörper legte, „du bist so unglaublich arrogant.“

Trotzdem schmiegte sie sich an ihn. Im nächsten Moment setzte sein Verstand aus, und er presste die Lippen auf ihren Mund.

Das Verlangen überkam ihn, es gab kein Entkommen. Kurz verspannte Lilah sich, bevor sie ihn an sich zog. Ihre offensichtliche Wut änderte nichts daran, dass sie sich begierig an ihn drängte. Ihr Geschmack, das Spiel ihrer Zunge, erinnerten ihn daran, wie schnell die Leidenschaft zwischen ihnen aufgelodert war. Während der vergangenen Wochen Distanz zu wahren war einerseits notwendig, andererseits völlig sinnlos gewesen.

Dies hier war unausweichlich. Carlos schob die Finger in ihr Haar und löste den Knoten, bis die seidigen Strähnen über seine Hände glitten. Wie einfach wäre es, ihr das Kostüm vom Leib zu reißen, sich ebenfalls auszuziehen … Das Ledersofa in der Ecke war breit genug.

Sein Schreibtisch war näher.

Mit der Hand fuhr er über die glatte Mahagonifläche und beförderte Stifte, einen Kalender und einen Notizblock auf den Boden. Er schob Lilah zum Schreibtisch, umfasste ihren Po und hob sie auf die Tischkante. Ohne den Kuss zu unterbrechen, öffnete er den obersten Knopf ihrer Jacke.

Lilah stöhnte und murmelte etwas, das eindeutig nach Ermutigung klang, sodass Carlos nicht zögerte, auch die anderen Knöpfe zu öffnen. Ein silberfarbenes Shirt, das ihren Körper wie eine zweite Haut umschloss, kam darunter zum Vorschein. Er küsste ihre Mundwinkel und glitt dann tiefer, an ihrem Hals entlang, bis er an den üppigen Rundungen ihrer Brüste angekommen war. In seinen Erinnerungen war er ihr eindeutig nicht gerecht geworden. Als er kleine Küsse in dem verführerischen Tal verteilte, warf Lilah den Kopf in den Nacken. Begierig, endlich ihre nackte Haut zu spüren, zog er ihr das Shirt aus dem Rock, schob die Hand tiefer und legte sie auf die kleine Rundung ihres Bauches.

Im selben Moment erstarrte Lilah förmlich.

Die Kälte, die sie auf einmal ausstrahlte, wirkte, als hätte sie ihm einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf geschüttet. Verdammt, monatelang hatte er sich zurückgehalten. Doch kaum war sie wieder in seiner Nähe – was er ja nicht gewollt hatte –, konnte er sich nicht mehr beherrschen. Er löste sich von ihr und ließ sich neben ihr gegen den Schreibtisch sinken. Tief durchatmend sah er aus dem Augenwinkel, wie sie sich mit zitternden Fingern die Jacke wieder zuknöpfte.

Irgendwie musste er einen Ausweg aus dieser heiklen Situation finden, die er selbst heraufbeschworen hatte. „Lilah, mir scheint, dass es ein Fehler von mir war, das, was nach der Spendengala passiert ist, zu ignorieren. Wir müssen eine Lösung finden, um eine vernünftige Basis für die Arbeit hier im Krankenhaus zu schaffen.“

„Ja, verdammt, es ist passiert.“ Vehement schloss sie die Knöpfe, und ihr Körper schien fast zu vibrieren vor unterdrückter Energie. „Glaub mir, es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich es je vergesse.“

Carlos rieb sich frustriert die Nase, während er nur eine Antwort auf das Problem fand. „Mein Leben ist aufgrund meiner Herkunft extrem kompliziert, und auch wenn ich mir um deinetwillen wünschen würde, es wäre anders, kann ich nichts daran ändern, dass ich ein Medina bin.“ Entschlossen, seinen spontanen Entschluss weiterzuverfolgen, fuhr er fort: „Aber ich finde, wir sollten überlegen, ob wir uns nicht doch auf eine Affäre einlassen sollten.“

Lilah riss die Augen auf und schnappte nach Luft, bevor sie anfing zu lachen.

„Lilah?“ Er legte einen Finger unter ihr Kinn und drehte ihren Kopf zu sich herum.

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