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Prinzessin auf Abwegen

PROLOG

Prinzessin Catherine Olivia Ann Thorne saß kerzengerade zwischen ihrem Vater und ihrer Tante Fara am größten Tisch in der Mitte des Saals und schaute den Menschen von Llandaron zu. Man aß, trank, tanzte und genoss die fröhliche Stimmung der Feier, die zu Ehren von Catherines Bruder Maxim und seiner Frau Frannie begangen wurde. Die beiden waren von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrt und hatten die Familie mit der Neuigkeit überrascht, dass Frannie ein Baby erwartete. Alle waren gekommen, nur Catherines älterer Bruder Alex fehlte. Er war zurzeit in Schottland.

Das Ganze kam Catherine vor wie ein Fest der Liebe. Der Ballsaal war hell erleuchtet, ein Orchester spielte, die Luft war erfüllt von dem Duft des köstlichen Essens und dem für Llandaron so typischen Geruch nach Heidekraut. Die Stimmung war großartig, und alle feierten fröhlich.

Cathy jedoch fühlte sich ausgebrannt und leer.

Ihr Blick schweifte zu ihrem Bruder und ihrer Schwägerin, die eng aneinandergeschmiegt tanzten, sich in die Augen sahen und lächelten. Jeder konnte sehen, wie verliebt sie waren. Und es war auch nicht so, dass Cathy ihnen dieses Glück missgönnte. Im Gegenteil. Sie liebte ihren Bruder von ganzem Herzen und hielt große Stücke auf Frannie. Sie wünschte nur, selbst ein wenig von diesem Glück spüren zu können – ein wenig Liebe.

„Deine Osteuropatour ist um einen Monat verlängert worden, Catherine.“

Cathys Magen zog sich bei den Worten ihres Vaters zusammen. Erst vor drei Tagen war sie aus Australien zurückgekehrt, trotzdem hatte ihre Sekretärin die Reise nach Russland für Anfang nächster Woche festgelegt.

Und jetzt sollte Cathy sogar noch einen Monat länger unterwegs sein. „Du siehst blass aus, Cathy, meine Liebe“, meinte Fara und sah ihre Nichte aus dunkelblauen Augen besorgt an.

Ihr Vater, ein großer, stattlicher Mann, dessen weißes Haar ihm zusätzliche Würde verlieh, berührte sanft ihre Hand. „Geht es dir gut?“

„Ja, Vater.“ Ehrlich gesagt, nein, Vater. Nach außen hin hielt sie zwar den Anschein aufrecht, eine gefasste Prinzessin zu sein. Aber hinter dieser Fassade brodelte es schon seit Monaten. Und mit jedem Tag, der verging, wuchs die Gefahr, dass die rastlose, unbesonnene Frau, die in ihr schlummerte, aus ihrem Gefängnis ausbrechen würde. Auch wenn Cathy ihre Reisen und ihre Wohltätigkeitsarbeit liebte, war sie erschöpft.

Kurz entschlossen stand sie jetzt auf und ließ die Serviette neben den Teller mit dem nicht angerührten Essen fallen. „Ich bin aber sehr müde. Wenn ihr mich bitte entschuldigen würdet. Vater. Fara.“

Sie wartete das Nicken der beiden kaum ab. Mit einer angeborenen Grazie schritt sie aus dem Saal, durchquerte den Flur und eilte die Treppe hinauf, während ihr lavendelfarbenes Ballkleid sich um ihre zittrigen Beine bauschte. Nach monatelangem Reisen unter strenger Bewachung, mit vorgeschriebenem Protokoll und ständiger Begleitung der Presse, verspürte Cathy ein dringendes Bedürfnis nach Privatsphäre. Die Aussicht, sich in ihr Schlafzimmer zurückziehen zu können, war einfach himmlisch. Selbst wenn ihr dort nur eine kurze Zeit vergönnt war.

Allerdings wurde ihr der Weg zu ihrem Zimmer versperrt. „Bernsteinfarbene Locken und große amethystfarbene Augen, unverkennbar Prinzessin Catherine.“

Auf dem Treppenabsatz vor Cathy stand eine beleibte Frau, die Cathy noch nie gesehen hatte. Sie war gebeugt vom Alter und trug ein langes rotes Kleid.

„Ihr seid genauso schön, wie ich es Eurer Mutter vorhergesagt habe, Prinzessin.“

Cathy umklammerte das Geländer. „Sie kannten meine Mutter?“

„Sicher kannte ich die Königin.“ Die dünnen Lippen der Frau verzogen sich zu einem zynischen Lächeln. „Als Ihr noch ein winziges Etwas im Bauch Eurer Mutter gewesen seid, habe ich die Königliche Hoheit gebeten, mich Eure Zukunft lesen zu lassen. Aber sie hat mein Geschenk abgelehnt. Hat mich sogar ausgelacht.“

Die Verärgerung der Frau war die eines verwöhnten Kindes, und Cathy fühlte sich auf einmal sehr unbehaglich. „Wer sind Sie?“

Die alte Frau ignorierte ihre Frage. „Ich habe dem König und der Königin dennoch mein Geschenk gegeben. Ja, ich habe ihnen gesagt, dass Ihr schön und freundlich und klug werden würdet. Ich habe ihnen auch gesagt, dass Ihr mutig und voller Leben sein werdet.“ Über ihre großen braunen Augen legte sich ein Schatten. „Außerdem habe ich ihnen gesagt, wenn sie nicht gut auf Euch aufpassen würden …“

Als die Frau verstummte, verspürte Cathy ein Gefühl der Angst. Aber sie weigerte sich, ihre Furcht zu zeigen. Stattdessen bemühte sie sich um königliche Haltung und erwiderte kühl: „Ich denke, Sie sollten Ihre Geschichte beenden.“

Die alte Frau lächelte. „Ich habe Eurem Vater und Eurer Mutter gesagt, dass sie Euch verlieren werden, wenn sie nicht gut auf Euch aufpassen und sich um Euch sorgen.“

„Mich verlieren?“, rief Cathy aus.

„Genau.“

Cathys königliche Zurückhaltung war auf einmal vergessen: „Wovon reden Sie überhaupt?“ „Cathy, bist du dort oben?“ Der Ausruf erlöste Cathy und die Frau aus dem Bann, in

dem sie gefangen schienen. Cathy wirbelte mit klopfendem Herzen herum und sah ihre Schwägerin Frannie die Treppen emporeilen.

„Was ist los, Cathy?“, fragte Frannie und sah sie besorgt an.

„Diese Frau. Sie ist …“

Frannie reckte den Hals, um an Cathy vorbeischauen zu können. „Welche Frau?“

Cathy fühlte sich wie erstarrt, während ihr Puls sich beschleunigte. Langsam drehte sie sich herum. Die mysteriöse Frau war verschwunden.

Auf Beinen, die eben noch zittrig gewesen waren, sich jetzt aber anfühlten, als wären sie aus Blei, stieg Cathy die letzten Stufen hinauf. Frannie folgte ihr dicht auf den Fersen. Cathy versuchte, nicht darüber nachzudenken, wohin die Frau verschwunden war oder ob es sie überhaupt gegeben hatte. Sie versuchte, nicht darüber nachzudenken, dass sie vielleicht langsam den Verstand verlor.

Als sie das Schlafzimmer betraten, fragte Frannie leise: „Geht es dir gut, Cathy?“

Cathy setzte sich aufs Bett und ließ die Schultern hängen. Nein, es ging ihr nicht gut. Sie fühlte sich ausgelaugt. „Ich bin eine fünfundzwanzigjährige Frau, die fast nie allein ist, die selten glücklich ist und noch nie verliebt war. Ich bin es leid, mein Leben so zu führen, wie andere es von mir erwarten.“ Sie sah ihrer Schwägerin in die Augen. „Verstehst du mich?“

Frannie setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. „Ja, das tue ich. Bevor ich deinen Bruder kennenlernte, habe ich auch nicht richtig gelebt.“

„Was, denkst du, war der Grund dafür? Hast du Angst gehabt zu leben oder …“

„Ich denke, ich hatte einfach Angst zu glauben, dass es auch für mich Liebe geben könnte.“ Ein kleines Lächeln erschien auf Frannies Lippen, das Lächeln einer Frau, die eines Besseren belehrt worden war. „Ich war ziemlich verletzt worden, und ich wollte nie wieder solch einen Schmerz fühlen müssen. Aber mit deinem Bruder hatte ich plötzlich eine zweite Chance.“

Cathy seufzte. „Ich hätte gern einmal eine erste Chance – um das wirkliche Leben kennenzulernen. Findest du nicht, dass ich ein Recht darauf habe?“

„Natürlich hast du das.“

Seit Jahren schon grübelte sie, schmiedete sie Pläne und gab sich mitternächtlichen Fantasien hin, während sie hoffte und bangte. War sie jetzt mutig genug? Verzweifelt genug, um sich das zu nehmen, was sie sich schon lange wünschte?

Vielleicht war die Geschichte der alten Frau eine Art Warnung gewesen. Eine Warnung, dass Cathy, wenn sie auf diese Art weiterlebte, noch unglücklicher werden würde und tatsächlich verloren wäre.

Eine böse Vorahnung beschlich sie, doch sie ignorierte dieses Gefühl. „Du bist jetzt wie eine Schwester für mich, Frannie. Kann ich auf dich zählen?“

Frannie drückte ihre Hand. „Sag mir, was ich tun kann.“

„Hilf mir packen.“

1. KAPITEL

Sie war in einen regelrechten Mückenschwarm geraten, Tiere, die sie nicht sehen konnte, machten unheimliche Geräusche, und der Haferflockenbrei, den sie vor einer Stunde gegessen hatte, lag ihr wie ein Stein im Magen.

Und trotzdem fühlte Cathy sich so glücklich wie noch nie in ihrem Leben.

Vor drei Tagen hatte sie ihren seit Jahren gehegten Plan in die Tat umgesetzt. Sie hatte sich wie eine typisch europäische Rucksacktouristin gekleidet, sich einen gefälschten Pass – der sie eine Stange Geld gekostet hatte – sowie einen amerikanischen Akzent zugelegt, was ihr angesichts der vielen Reisen in die Vereinigten Staaten, die sie schon unternommen hatte, nicht schwergefallen war, und hatte Llandaron verlassen, um auf eigene Faust Amerika zu erkunden.

Frannie hatte Wort gehalten und ihr nicht nur beim Packen geholfen, sondern sie auch zum Flughafen gebracht. Und weil Cathy Frannie auch noch damit beauftragt hatte, dem König auszurichten, dass sie davongelaufen sei, um ihre Freiheit zu genießen, hielt sie es für besser, ihrer Schwägerin nicht auch noch zu sagen, wohin sie reisen würde.

Während des gesamten Fluges nach New York hatte Cathy überlegt, wie ihr Vater wohl reagieren würde. Doch dann hatte sie versucht, ihre Bedenken zu vergessen. Ihr Vater würde verstehen müssen, dass sie in ihrer gegenwärtigen Verfassung ohnehin weder für ihn noch für die Menschen, die sie in seinem Auftrag besuchen sollte, von großem Nutzen war.

Von New York aus war sie mit dem nächsten Flug nach Dallas und dann weiter nach Denver gereist. Von dort war sie mit einem Taxi zum Veranstalter der Wandertouren gefahren und hatte die ganze Zeit über jeden Atemzug in der Freiheit genossen.

Ihre Reise war genau nach Plan verlaufen, und Cathy war sich ziemlich sicher, dass niemand ihr gefolgt war.

Sie lächelte zufrieden.

Die Morgensonne fiel durch die lichten Zweige einer jungen Kiefer auf den gewundenen Pfad, den Cathy entlangging. Links von ihr strömte silbrig-weißes Wasser einen Canyon hinunter in einen rauschenden Fluss. Das stetige Wasserplätschern wirkte beruhigend auf Cathy. Die Rocky Mountains in Colorado waren tatsächlich so fantastisch, wie ihre Freundin aus der Schule sie ihr damals beschrieben hatte.

Es war der perfekte Zufluchtsort für eine erschöpfte Prinzessin.

Wie abgesprochen, hatte der Wanderausstatter Cathy an einem Ausgangspunkt für die vielen Touren abgesetzt. Ausgerüstet mit einem Rucksack voller Verpflegung, einem Wanderstock, Pfefferspray und einem Notrufgerät, machte Cathy sich auf den Weg in das Gebirge. Jeden Abend folgte sie der Karte zu einer der zahlreichen der Wanderorganisation gehörenden kleinen Hütten. Sie aß, was man ihr eingepackt hatte, schlief auf harten, dünnen Matratzen, die in den Hütten lagen, und beschwerte sich nie.

Sie genoss ihre Freiheit, das Abenteuer und die Schönheit der Natur.

Abrupt blieb sie auf dem schmalen Weg stehen. Ihr Instinkt riet ihr, achtsam zu sein. Sie neigte den Kopf zur Seite und lauschte.

Von irgendwoher kam ein ungewohntes Geräusch.

Dreißig Meter unter ihr schlug das Wasser gegen den Fels. Über ihr zwitscherten die Vögel in den schwankenden Bäumen. All das war Cathy inzwischen vertraut.

Doch gerade hatte sie noch etwas gehört.

Bevor sie das Geräusch näher definieren konnte, stockte ihr der Atem, und sie war plötzlich starr vor Schreck. Vor ihr schossen auf einmal Pferd und Reiter aus dem Wald. Ein schwarzer Hengst, der einen großen Mann im Sattel trug, kam direkt auf sie zu. Die Zeit schien stillzustehen, während das Rauschen des Flusses und das Dröhnen der Hufe in Cathys Ohren widerhallten.

Ihr Herz klopfte immer schneller, während sie einfach nur dastand und dem schnaubenden Hengst entgegenblickte, der immer näher und näher kam und sich dann aufbäumte.

Das riss Cathy aus ihrer Regungslosigkeit, und sie versuchte auszuweichen. Nach links, dann nach rechts. Staub und Tannennadeln stoben auf. Auf einem vom Tau noch feuchten Stein glitt sie aus und fiel. Der Rucksack rutschte ihr von den Schultern und stürzte den Abhang hinunter. Cathy schrie auf, als sie nur noch Felsen sah – ihr letzter Gedanke galt der Vorhersage der geheimnisvollen alten Frau.

„Ich habe ihnen gesagt, dass sie Euch verlieren werden …“

Ein Schwall von Flüchen hallte durch die Berge. Entsetzt sprang Dan Mason von seinem jetzt lahmenden Pferd und eilte hinüber zu der Frau. Er berührte ihre Hand, doch die junge Frau rührte sich nicht und gab auch keinen Ton von sich. Woher zum Teufel ist sie überhaupt gekommen, überlegte er und sah sich hastig um. Diese Wege waren sonst immer frei. Vor allem morgens um sechs Uhr, wenn ein Mann den Dämonen der letzten Nacht, der letzten Monate, der letzten Jahre zu entfliehen versuchte.

So sanft, wie es ihm, der daran gewöhnt war, eingefleischten Kriminellen das Handwerk zu legen, möglich war, drehte er die Frau auf den Rücken. Vorsichtig strich Dan einige Locken ihres langen, hellbraunen Haares zur Seite und tastete nach ihrem Puls. Der schlug stetig und kräftig. Zur Sicherheit beugte Dan sich noch einmal vor und spürte erleichtert den Atem der Frau an seinem Kinn.

Mit dem geübten Auge eines U.S. Marshals musterte er ihre Verletzungen. Sie schien sich nichts gebrochen zu haben. Allerdings hatte sie eine ziemlich unangenehme Wunde auf der Stirn, die verletzte Stelle schwoll bereits an.

Als er sie genauer betrachtete, sah er sie auf einmal nicht mehr mit dem kühlen, professionellen Blick eines Marshals. Er konnte nichts dafür. Er war schließlich auch nur ein Mann. Und sie sah aus wie ein Engel. Perfekt geformte Lippen, seidig glatte Haut, langer, schlanker Hals.

Sein Blick glitt weiter abwärts. Sie trug ein dünnes graues Sweatshirt, ausgeblichene Jeans und hatte atemberaubend perfekte Kurven.

Dan rang hörbar nach Atem und vertrieb die erotischen Fantasien, die ihn unwillkürlich heimsuchten. Alles in allem schien sie eine typische Wanderin mit typischer Ausrüstung zu sein. Mit Ausnahme der Stiefel. Es bestand kein Zweifel, dass die vom Allerfeinsten waren. Also besaß die Frau eindeutig Geld.

Das Rauschen des Flusses dreißig Meter unter ihm ließ Dan wieder zur Besinnung kommen. Ein Muskel zuckte in seinem Kiefer, als ihm bewusst wurde, dass die Frau beinahe den Abhang hinuntergestürzt wäre.

Er beugte sich über sie und sagte halblaut und sehr deutlich: „Wachen Sie auf, Lady.“

Nichts geschah. Nichts, außer dass ihm ein wunderbar süßer Duft in die Nase stieg.

„Hallo, können Sie mich hören?“

Die junge Frau stöhnte, bewegte sich leicht, und ihr Gesicht verzog sich offenbar vor Schmerz. Besser als kein Lebenszeichen, dachte Dan. Jetzt musste sie aber möglichst schnell aus ihrer Ohnmacht erwachen.

In einem Ton, der besser dazu geeignet war, Kriminelle zum Gestehen zu bringen, als jemanden zu beruhigen, der gerade knapp dem Tode entronnen war, drängte er sie: „Sie müssen jetzt aufwachen. Öffnen Sie die Augen, und schauen Sie mich an.“

Auf diesen Befehl hin flatterten die langen Wimpern, und dann öffneten sich die Lider. Sie schaute ihn aus veilchenblauen Augen an, und Dan rang unwillkürlich nach Atem.

„Können Sie mich hören?“

Benommen blinzelnd nickte sie.

„Sind Sie allein hier?“

Verwirrung zeichnete sich auf ihrem engelsgleichen Gesicht ab, als sie heiser stotterte: „Ich … weiß es nicht.“

„Ist Ihnen schwindelig? Ist Ihnen übel?“

„Ein wenig.“

Dan runzelte die Stirn. Er wusste so einiges über Kopfverletzungen, und dies hier sah ganz nach einer Gehirnerschütterung aus. „Wie fühlt sich Ihr Kopf an?“

„Er schmerzt.“ Ihre Antwort klang lediglich wie ein zittriges Flüstern. Aber es war ihr Blick – die Verwirrung, die Angst, die er darin las –, der Dan veranlasste, die Zähne zusammenzubeißen.

Plötzlich sah er eine andere Frau vor sich, seine Partnerin und Verlobte, wie sie mit blassem Gesicht und geöffneten Lippen den einen Meter fünfundneunzig großen muskelbepackten Flüchtigen anstarrte.

Hatte Janice genauso ausgesehen wie diese Frau hier? Verängstigt, verzweifelt?

Dan stöhnte innerlich. Der schreckliche Vorfall hatte sich vor vier Jahren ereignet, verdammt. Wie oft wollte er ihn noch durchleben? Er war nicht einmal dabei gewesen – hatte nicht für Janice da sein können. Er hatte mit einer Schussverletzung im Krankenhaus gelegen.

Aber zum Glück war der Mistkerl, der Janice auf dem Gewissen hatte, endlich dort, wo er hingehörte – in einer Gefängniszelle. Zugegeben, er war ein wenig übler zugerichtet gewesen als beim letzten Mal, als er hinter Gitter gewandert war. Dafür hatte Dan gesorgt, was leider dazu geführt hatte, dass man ihn suspendiert und in die Berghütte geschickt hatte. Damit er darüber nachdenken konnte, was er getan hatte, und – sofern alles nach Plan verlief – Reue zeigen konnte.

Dan murmelte wütend vor sich hin. Seine Vorgesetzten konnten lange warten.

Vor Schmerzen stöhnend, schloss die Frau ihre Augen wieder. All seine unbeantworteten Fragen, alle schmerzlichen Erinnerungen verblassten, als Dan sich auf die drängenderen Probleme konzentrierte.

Die Frau musste zu einem Arzt. Aber wie sollte er Kontakt zu einem aufnehmen? Ihr Rucksack war den Abhang hinuntergefallen und inzwischen sicherlich schon einen Kilometer weit den Fluss entlanggetrieben. Dan hatte kein Handy.

Aus gutem Grund. Er hatte keinerlei Kontakt zur Außenwelt aufnehmen wollen. Doch jetzt zwang ihn diese Frau zum Handeln.

Die nächste Ortschaft lag einen Tagesritt entfernt.

Seufzend nahm Dan die zierliche Frau in die Arme, griff nach Rancons Zügel und marschierte zurück zu seinem Holzhaus.

2. KAPITEL

Bilder von blumenübersäten Hügeln und felsigen Küsten und von einem gefährlich gut aussehenden Mann mit dunklen Augen tauchten immer wieder in ihrer Vorstellung auf. Gleichzeitig wurde der Schmerz über ihrer linken Augenbraue immer stärker. Ihr ganzer Kopf fühlte sich an, als wollte er gleich zerspringen.

Von Weitem hörte sie ein Stöhnen. Das Stöhnen einer Frau, auch wenn es ein tiefer, rauer Ton war. Sie wollte zu der Frau laufen, sie umarmen und ihr tröstende Worte zuflüstern. Aber wo war sie?

„Sie müssen aufwachen.“

Sie nahm die männliche Stimme wie durch einen Nebel wahr. Der Schmerz wurde immer schlimmer, als sie versuchte zu gehorchen. Sie bemühte sich, sich zu bewegen und zumindest den Kopf zu schütteln. Doch ihre Glieder fühlten sich schwer und bleiern an. Sie wollte nur schlafen, nichts als schlafen.

„Ich weiß, dass Sie mich hören“, ertönte die männliche Stimme noch einmal. „Machen Sie jetzt die Augen auf, sonst gibt es Ärger.“

Sie spürte kräftige, kühle Finger an ihrem Hals und atmete tief ein, überrascht von der Berührung. Gleichzeitig nahm sie den Geruch von Kiefern und Leder wahr, von Schweiß und … Mann.

Mit allergrößter Anstrengung zwang sie sich, die Augen zu öffnen. Nur Zentimeter von ihr entfernt war ein Mann – ein unglaublich gut aussehender Mann mit zerzaustem schwarzem Haar, durchdringendem Blick, einem geraden Kinn und einer Nase, die irgendwann einmal gebrochen gewesen war. Sie hatte ihn schon einmal gesehen, das wusste sie …

Wann?

Vor Angst wie erstarrt, schaute sie in diese braunen Augen, die aussahen wie dunkle Schokolade – geschmolzene, heiße Schokolade –, und flüsterte heiser: „Wer sind Sie?“

Der Mann ließ seinen Blick forsch über ihr Gesicht gleiten. Ausgiebig betrachtete er ihren Mund, bevor er ihr in die Augen sah. „Sie zuerst.“

Verwirrt runzelte sie die Stirn, doch sie widersprach nicht. Denn auf einmal befand sie sich in einer weiteren Notlage. Als sie den Mund öffnete, vollkommen überzeugt davon, dass sie wie selbstverständlich ihren Namen nennen würde, geschah … nichts.

Panik stieg in ihr auf, und vor Angst wurde ihr plötzlich flau im Magen. Sie begann zu zittern. Erschöpft schloss sie die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Sie musste sich nur entspannen. Es war doch zu lächerlich. Die Worte lagen ihr auf der Zunge. Sie wusste doch, wer sie war und woher sie kam.

Sekunden verstrichen.

Keine Erinnerung.

Sie öffnete die Augen. „Ich weiß nicht, wer ich bin.“

Der Fremde fluchte leise vor sich hin.

Es muss doch eine logische Erklärung für diese verflixte Situation geben, dachte sie. Es muss! Sie brauchte nur Zeit, sie musste lediglich einen Moment lang überlegen und sich konzentrieren.

Um einen ruhigen Tonfall bemüht, der ihren inneren Aufruhr verbergen sollte, fragte sie: „Gehören wir zusammen? Sind wir verheiratet?“

Er seufzte. „Nein.“

„Freunde vielleicht? Bekannte …“

„Nein.“

Nervös sah sie sich im Raum um. Sie befand sich in einem kleinen Schlafzimmer, das spärlich eingerichtet war. Das Bett, eine alte Kommode, ein Schrank und ein Schaukelstuhl. Das waren die einzigen Möbelstücke. Die Decke über ihr bestand aus rustikalen Holzbalken, während die großen Fenster einen atemberaubenden Blick auf imposante Berge freigaben.

Ein Holzhaus.

Und nichts davon kam ihr auch nur im Entferntesten bekannt vor.

„Ist das Ihr Haus?“

Er nickte nur kurz und schwieg.

Sie bewegte sich nervös unter der Decke und versuchte, sich aufzustützen. „Ist das Ihr Bett?“

„Ja.“ Seine Augen funkelten gefährlich auf. „Ich habe nur eins. Dachte, es wäre für Sie bequemer hier als auf der Couch.“

„Das … das weiß ich zu schätzen.“

Er nickte noch einmal und stand auf. „Sie sollten sich wahrscheinlich lieber ein wenig ausruhen.“

Impulsiv streckte sie die Hand aus und griff nach seinem Handgelenk. „Warten Sie! Bitte.“

Offenbar irritiert, blickte er auf sie herab und runzelte die Stirn. „Was ist?“

„Es tut mir leid.“ Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg, und ließ ihn los. „Ich möchte nur gern wissen, was geschehen ist …“

„Das erzähle ich Ihnen später. Ruhen Sie sich erst aus.“ Damit drehte er sich um und marschierte zur Tür.

„Können Sie mir wenigstens Ihren Namen verraten?“, rief sie ihm nach.

Er blieb stehen, drehte sich jedoch nicht um. „Dan.“

„Dan … und wie weiter?“

„Das ist alles, was Sie wissen müssen.“ Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

Und er ließ eine Frau zurück, die ihm ohne Gedächtnis, aber geplagt von tausend Fragen, hinterhersah.

Die Dämmerung setzte ein, und der Tag näherte sich dem Ende. Missmutig trug Dan das Holz ins Haus, das er am Morgen gehackt hatte. Neben dem Kamin ließ er den Stapel fallen.

Körperliche Arbeit jeglicher Art war normalerweise seine Rettung. Wenn seine Gedanken zurück in die Vergangenheit wanderten oder wenn er anfing, über seine Zukunft nachzudenken, dann schnappte Dan sich oft die Axt und begann, Holz zu hacken. Gewöhnlich bekam er dadurch einen freien Kopf. Manchmal half ihm sogar, dass er Rancons Stall ausmistete. Sich auf solche Arbeiten zu konzentrieren vertrieb dann seine quälenden Gedanken.

Heute Abend half es nicht.

Er musste an die mysteriöse Frau mit den dunkelblauen Augen denken. An ihre Stimme mit dem interessanten Akzent, die klang, als wollte sie sagen: ‚Ich brauche dich‘. Jetzt schlief die schöne Fremde in seinem Bett, unter seiner Decke – und das schon seit Stunden. Der Gedanke daran machte ihn langsam, aber sicher verrückt.

Die Möglichkeit, dass sie eine Kriminelle, eine Spionin oder etwas Ähnliches sein könnte, hatte er inzwischen völlig verworfen. Sein Misstrauen war etwas sehr viel Gefährlicherem gewichen: Begehren.

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