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Prinz Krösus

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. - 1 -
  6. - 2 -
  7. - 3 -
  8. - 4 -
  9. - 5 -
  10. - 6 -
  11. - 7 -
  12. - 8 -
  13. - 9 -
  14. - 10 -
  15. - 11 -
  16. - 12 -
  17. - 13 -
  18. - 14 -

Über den Autor

Sobo Swobodnik, geb. 1966, ist ein preisgekrönter deutscher Schriftsteller und Filmemacher. Aufgewachsen auf der Schwäbischen Alb studierte er in München Schauspiel und arbeitte an verschiedenen Theatern und als Rundfunkredakteur. Zahlreiche Kinder- und Jugendromane sowie Erzählungen und Romane umfassen sein literarisches Werk. Sobo Swobodnik lebt in Berlin.

Sobo Swobodnik

PRINZ KRÖSUS

Eine total verrückte Reise

Kinderroman
von Sobo

Mit Illustrationen
von Thilo Krapp

– 1 –

Engelbrecht liegt im Bett.

Er schläft nicht. Er will aber auch nicht aufstehen. Jetzt noch nicht. Obwohl er gar nicht mehr müde ist. Einfach daliegen und nichts tun, denkt er, das ist schön. Vielleicht das Schönste überhaupt. So lange, bis es langweilig wird. Dann ist es nicht mehr schön, sondern ätzend. Aber so weit ist es jetzt noch nicht.

Engelbrecht guckt zur Decke. Er muss sich anstrengen, um die Decke überhaupt sehen zu können, so hoch ist das Zimmer. Es befindet sich nämlich in einem Schloss, und das Schloss steht in einem Königreich. Und das gehört natürlich dem König – wem sonst?

Und Engelbrecht ist sein Sohn, er ist also der Königssohn, und zwar der einzige.

›Meinetwegen‹, denkt Engelbrecht und guckt zur Decke, an der er große angetrocknete Wasserflecken sieht.

›Nein, das sind keine Wasserflecken‹, denkt Engelbrecht. ›Auf den ersten Blick vielleicht, aber auf den zweiten sind es Nashörner, ein Löwenkopf und ein Kontinent.‹ Engelbrecht zwinkert mit den Augen – und die Wasserflecken sind wieder weg.

Er dreht sich um und schaut an den Vorhängen vorbei durch einen kleinen Spalt nach draußen. Die Sonne scheint, Vögel zwitschern. Es ist ein schöner Morgen im Königreich.

Die Kirchturmuhr schlägt elfmal.

Schon elf, denkt Engelbrecht, und mir egal, soll es doch elf oder zwölf oder meinetwegen dreizehn sein, ich bleibe liegen, so lange ich will.

Er gähnt. Da klopft es plötzlich an seiner Tür. Zuerst leise, dann immer lauter.

»Nein!«, schreit Engelbrecht. »Nicht!«

Die Tür geht langsam auf. Ein Kopf mit einem ovalen Gesicht und roten Haaren schiebt sich vorsichtig durch den Türspalt ins Zimmer.

»Nein, hab ich gesagt!«, schreit Engelbrecht.

Er wirft seinen rechten Hauspantoffel in Richtung Tür. »Ja, aber«, sagt der Kopf, der zu Hatschipatsch, dem Diener des Königs, gehört.

»Nichts aber!«

»Aber Ihr Herr Vater, der König …«

Engelbrecht stöhnt, richtet sich im Bett auf und streicht sich die langen roten Zottelhaare aus dem Gesicht. Er gähnt noch einmal und reckt sich ausgiebig, bis der Diener ungeduldig hüstelt.

Abbildung

»Was will er denn jetzt schon wieder?«, fragt Engelbrecht leicht genervt.

»Ihr Herr Vater, der König, hat einen neuen Lehrer für Eure Königliche Hoheit«, sagt der Diener und grinst.

»Ich brauche keinen Lehrer! Ich will keinen Lehrer! Lehrer sind doof!«, sagt Engelbrecht. Dann überlegt er kurz und fügt hinzu: »Etwas lernen kann ich auch auf andere Weise, und jetzt möchte ich noch ein bisschen schlafen, weil …«

»Aber …«

»Nichts aber!« Der linke Hauspantoffel fliegt in Richtung Tür.

»Aber Ihr Herr Vater, der König, ist da anderer Ansicht.«

»Dann soll eben mein Vater, der König, zu dem Lehrer gehen«, sagt Engelbrecht und freut sich über seinen Einfall.

»Ihr Herr Vater, der König, meint, dass Eure Königliche Hoheit noch viel lernen müssen.«

Engelbrecht stöhnt. »Was?«, fragt er.

»Wie was

»Na, was lernen?«

Der Diener denkt nach. Tiefe Falten bilden sich auf seiner Stirn. »Rechnen, lesen, schreiben!«

»Und wozu soll das gut sein?«

Der Diener überlegt erneut. Noch tiefere Falten bilden sich auf seiner Stirn. »Damit Eure Königliche Hoheit einen Brief schreiben können zum Beispiel.«

»Hä? Ich will keinen Brief schreiben.«

»Damit Eure Königliche Hoheit ein Buch lesen können zum Beispiel.«

»Hä? Ich will kein Buch lesen!«, schreit Engelbrecht und wirft das Kopfkissen in Richtung Tür.

Nun stöhnt der Diener und denkt so angestrengt nach, dass seine Stirn eine einzige tiefe Furche ist. Dann sagt er: »Damit Eure Königliche Hoheit die Socken im Schrank zählen können.«

»Ich weiß, wie viele Socken in meinem Schrank sind.«

»Wie viele?«

Engelbrecht überlegt. »Einhundertachtundsechzig!«

»Falsch!« Der Diener grinst. »Einhundertneunundsechzig.«

»Eine mehr oder weniger ist doch egal.«

»Das ist nicht egal, Eure Königliche Hoheit.«

Engelbrecht wälzt sich stöhnend aus dem Bett. Er streicht sich seine zotteligen Haare aus dem Gesicht und schlurft zum Schrank. Er öffnet ihn und nimmt eine rote Socke heraus.

Seelenruhig trottet er zum Fenster, macht es auf und wirft die Socke in hohem Bogen hinaus. Der Diener schlägt sich die Hand vor den offen stehenden Mund. Er macht ein Gesicht, als hätte Engelbrecht ihn und nicht die Socke aus dem Fenster geworfen.

Engelbrecht lacht und sagt: »Jetzt stimmt’s wieder.«

Er schlurft zurück zum Bett und macht es sich wieder darin bequem.

»Zufrieden?«

Der Diener ist ganz rot im Gesicht und denkt so lange nach wie noch nie. Er überlegt hin und her und sagt schließlich: »Und was ist mit der Zeitung?«

»Was soll schon mit der Zeitung sein?«, fragt Engelbrecht und gähnt ausgiebig.

»Will Eure Königliche Hoheit Majestät, nicht auch mal irgendwann, vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft, die Zeitung lesen können?«

»Puh! Was soll ich denn da lesen? Bei uns im Königreich passiert ja ohnehin nichts.«

Eine Pause entsteht, in der sich Engelbrecht und der Diener in die Augen schauen, ohne zu blinzeln. Bis der Diener dann doch noch blinzelt.

»Ha! Verloren!«, ruft Engelbrecht und freut sich.

»In fünf Minuten«, sagt der Diener daraufhin ganz ernst. »In fünf Minuten, so hat Ihr Herr Vater, der König, gesagt, sind Eure Königliche Hoheit im Studierzimmer, sonst passiert etwas.«

Hatschipatsch verschwindet. Die Tür fällt leise ins Schloss.

Engelbrecht schält sich wieder aus dem Bett. Er zieht die Vorhänge auf und schaut zum Fenster hinaus. Draußen scheint die Sonne. Auf dem Hof bellt ein Hund. Engelbrecht bellt zurück.

– 2 –

Engelbrecht sitzt im Nachthemd und mit Hauspantoffeln an den Füßen am Tisch. Seine Zottelhaare sind ganz zerzauselt. Der Tisch steht im prächtigen Studierzimmer. Die Wände sind mit kostbaren Stofftapeten verkleidet. Der Boden ist aus edlem Tropenholz.

Neben ihm am Tisch sitzt sein Vater, der König, und daneben der neue Lehrer. Etwas abseits an der Tür steht Hatschipatsch, der Diener.

»Das ist Herr Lukullulus!«, sagt der König und zeigt auf den Lehrer, aber Engelbrecht hört gar nicht zu.

Der Lehrer, der aussieht, wie Lehrer eben so aussehen, verbeugt sich unterwürfig vor Engelbrecht.

Der König trägt einen purpurfarbenen Umhang um die Schultern und eine Krone auf dem Kopf. Die Krone hat er immer auf, auch in der Nacht. Damit jeder weiß: Er ist der König. Damit es keine Missverständnisse gibt, auch nachts nicht.

»Mein Sohn«, sagt der König und sieht Engelbrecht mit ernster Miene an. »Wie sagt man zu seinem Lehrer?«

»Ich brauche keinen Lehrer«, knurrt Engelbrecht und guckt den Lehrer nicht einmal an.

»Oh doch, mein Sohn.«

»Und wofür?«, fragt Engelbrecht.

Der König denkt nach. »Damit du etwas lernst.«

»Ich weiß alles, Papa.«

»Sag nicht immer Papa zu mir!«, sagt der König.

»Aber du bist doch …«

»Ich bin der König«, sagt der König. »Auch für dich, mein Sohn!«

Währenddessen lächelt der Lehrer still in sich hinein.

»Klar«, sagt Engelbrecht. »Der König ist der König, der Sohn ist der Sohn, und wer sind Sie?«

Der Lehrer erschrickt. »Lehrer Lukullulus«, sagt er und wird ein wenig rot im Gesicht.

Engelbrecht lacht. »Was für ein komischer Name!«, sagt er. »Haben Sie sich den ausgedacht?«

»Herr Lukullulus, bitte«, mahnt der König.

Der Lehrer Lukullus kratzt sich nachdenklich am Kopf, auf dem rote Haare leuchten. Alle Menschen im Königreich haben rote Haare.

»Zwei mal acht plus drei macht wie viel?«, fragt der Lehrer Lukullulus und schaut Engelbrecht erwartungsvoll an.

»Puh, ganz schön viel«, sagt Engelbrecht, ohne lange zu überlegen.

Herr Lukullulus guckt erstaunt.

»Stimmt, was?«, fragt Engelbrecht grinsend.

»Na ja«, sagt der Lehrer Lukullulus. »Irgendwie schon, aber …«

»Es stimmt, Papa, es stimmt, Papa!«, ruft Engelbrecht.

Er springt auf den Stuhl und dann auf den Tisch. Er tanzt wild auf der schönen goldenen Tischdecke herum, die danach ganz verrutscht ist und ziemlich zerknittert aussieht.

»Es stimmt Papa, es stimmt …«

»Engelbrecht!«, schreit der König so laut, dass die Krone wackelt.

»Eure Königliche Hoheit!«, schreit Diener Hatschipatsch.

»Ja?«, fragt Engelbrecht, als ob er die beiden nicht richtig verstanden hätte, und setzt sich wieder auf seinen Stuhl. Er ist ganz außer Puste.

»Und sag nicht immer Papa zu mir, klar?«

»Klar.«

»So geht das nicht«, sagt der Lehrer Lukullulus.

»Was geht so nicht?«, fragt Engelbrecht, noch immer leicht atemlos.

»So kommen wir nicht weiter.«

»Wo wollen wir denn hin?«, fragt Engelbrecht.

»Wir wollen, dass du etwas lernst …«, sagen Lehrer Lukullulus, Hatschipatsch und der König wie aus einem Mund.