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Prickelndes Spiel mit der Liebe

Melissa McClone

Prickelndes Spiel mit der Liebe

PROLOG

„Ich wusste, dass dieses Praktikum eine große Chance für mich ist, aber ich hätte nie gedacht, dass ich hier so viele liebe Freunde finden würde.“ Chaney Sullivan und ihre zwölf Kolleginnen und Kollegen saßen zusammen im Pub und feierten ihre Abschiedsparty. Es fiel ihr schwer, London zu verlassen. Sie hob das Glas. „Ich werde euch alle schrecklich vermissen.“

„Wart’s nur ab, bis wir bei dir aufkreuzen und alle nach Hollywood wollen.“ Gemma, die ihre Wohnung mit Chaney teilte, warf ihre blonde Mähne zurück. „Dann vermisst du uns bestimmt nicht mehr.“

„Hollywood, die Filmstudios, Beverly Hills, Venice Beach.“ Chaney stellte ihr Bierglas ab. „Wenn einer von euch nach Los Angeles kommt, spiele ich gern die Fremdenführerin.“

„Gilt das auch für mich?“, sagte da eine tiefe männliche Stimme hinter ihr.

Bei dem vertrauten walisischen Akzent bekam Chaney sofort Schmetterlinge im Bauch, und ihr Pulsschlag beschleunigte sich unwillkürlich. Sie stand auf und drehte sich zu Drake Llewelyn um, dem Direktor von Dragon Llewelyn Limited. Sie reichte ihm gerade bis zum Kinn, sodass sie zu ihm aufschauen musste.

Drakes attraktives Aussehen und sein athletischer Körperbau, die jedem männlichen Model zur Ehre gereicht hätten, brachten ihm allgemeine Aufmerksamkeit der Frauen ein. Zudem vermittelte er jedem Mitarbeiter das Gefühl, als wäre er der Schlüssel zum Erfolg der Firma. Das machte ihn bei Männern und Frauen gleichermaßen beliebt. Doch Chaneys Ansicht nach waren vor allem seine zupackende Art und seine Arbeitsmoral der Grund für seinen Erfolg.

Mit neunundzwanzig – nur sieben Jahre älter als sie selbst – hatte er Dragon Llewelyn zu einem international erfolgreichen Unternehmen im Medien- und Telekommunikationsbereich aufgebaut. Und zwar mit einer Mischung aus harter Arbeit und Know-how. Bewundernd strahlte Chaney ihn an. Sie konnte einfach nicht anders.

Drake sah von Kopf bis Fuß wie ein Erfolgsmensch aus, abgesehen von seinem Haar. Er hatte keinen ordentlichen Kurzhaarschnitt. Seine dunklen Wellen fielen im Nacken bis über den Kragen, wodurch er eher einen verwegenen als einen respektablen Eindruck machte.

Mehr als einmal hatte Chaney sich schon vorgestellt, ihre Finger durch sein Haar gleiten zu lassen. Sie hatte sich viele Dinge mit ihm ausgemalt, die alle nicht das Geringste mit ihren Aufgaben als Praktikantin zu tun hatten.

Er hob die Brauen, da er offensichtlich eine Antwort erwartete.

Drake Llewelyn wartete nicht gern. Das hatte Chaney während ihres viermonatigen Praktikums in der Übernahmeabteilung gelernt. Sie hob den Kopf. „Natürlich, Mr. Llewelyn.“

„Drake“, verbesserte er. „Seit einer Stunde ist Ihr Praktikum beendet. Sie arbeiten nicht mehr für mich.“ Aus seinen warmen braunen Augen mit den goldenen Punkten darin sah er sie an, als wäre sie das nächste Projekt, das er in Angriff nehmen wollte.

Nicht, dass er das tun würde, bei den vielen schönen Frauen, mit denen er sich umgab. Zurzeit hieß es in den Medien, dass er mit einem Supermodel liiert sei.

„Drake“, brachte sie mühsam hervor. Ihr Mund war plötzlich trocken geworden, und sie fühlte sich wie ein Schulmädchen mit ihrem ersten Schwarm – und nicht wie eine Zweiundzwanzigjährige. Na schön, sie schwärmte tatsächlich für ihn. Genau wie alle anderen Frauen in der Firma.

Dieser Mann war ein echter Fang. Seine markanten Gesichtszüge wollte man am liebsten berühren. Seine vollen Lippen versprachen lange, heiße Küsse. Und sein Bankkonto garantierte ein sorgenfreies Leben. Welche Frau wünschte sich nicht, sein Herz zu erobern?

„Merken Sie sich unsere neue Reiseführerin für Südkalifornien vor, Gemma“, meinte er in dem halb neckenden, halb ernsthaften Ton, den Chaney so an ihm liebte. „Da wir ja jetzt einen Kabelkanal in der Firma haben, könnte es schon sein, dass wir häufiger dort sind.“

Gemma, die ebenfalls von ihm hingerissen war, lächelte entzückt. „Schon geschehen, Sir.“

„Sehr gut.“ Kleine Lachfältchen bildeten sich um seine Augenwinkel.

Chaney unterdrückte einen Seufzer. Seit sie Drake begegnet war, sehnte sie sich nach dem Unerreichbaren.

Gemma schob noch einen Stuhl heran, genau zwischen sich und Chaney.

Drake wies auf den Tisch mit den halb vollen Gläsern und Tellern voller Pommes frites. „Zu einer Abschiedsparty gehört mehr als Bier und Fritten. Bin gleich wieder da.“ Er ging zum Tresen und sprach mit dem Wirt.

Kurz darauf kamen Platten mit Appetithäppchen, Sekt und Sektgläser.

„So, jetzt können wir Chaney stilvoll in die USA zurückschicken“, erklärte Drake zufrieden.

Eine Kellnerin reichte ihr ein Sektglas.

Chaney fühlte sich so leicht und frei wie die Bläschen, die in ihrem Sekt perlten. „Das ist sehr aufmerksam von Ihnen, Sir. Vielen Dank.“

„Das ist das Mindeste, was ich tun kann, nach all der harten Arbeit und den vielen Überstunden, die Sie in den vergangenen Monaten geleistet haben. Vor allem beim Kauf des Kabelkanals.“ Er hob sein Glas. „Auf Chaney, die uns allen fehlen wird.“

Die Kollegen hoben ihre Gläser ebenfalls und stimmten in den Toast mit ein.

Chaney traten Tränen in die Augen. Sie hatte einen dicken Kloß im Hals. Mit einem gemurmelten Dank trank sie einen Schluck.

Drake reichte ihr ein weißes Taschentuch. Eins von der Art, wie ihr Großvater sie immer in der Tasche gehabt hatte. Diese ritterliche, altmodische Geste ließ erneut ihre Tränen fließen. Drake Llewelyn war einfach zu gut, um wahr zu sein. Während Chaney sich die Augen abtupfte, stürzten sich ihre Freunde wie hungrige Hyänen auf das köstliche Essen.

„Wollen Sie denn nichts?“, fragte Drake.

„Doch.“ Sie nickte. „Ich überlege nur gerade, was ich zuerst probieren möchte.“

„Ich weiß schon, was ich will.“

„Die Scampi?“

Er beugte sich zu ihr, sodass sie seinen warmen Atem an ihrem Hals spürte. „Zu viel Knoblauch.“

Chaney überlief ein Schauer. Sie war es gewohnt, Drake aus der Ferne anzuhimmeln, nicht so aus der Nähe. Obwohl sie auf derselben Etage gearbeitet hatten, waren sie sich nur bei Meetings oder gelegentlich mal auf dem Flur begegnet. „Und was sagt Ihnen dann zu?“, fragte sie.

„Du.“

Ihr stockte der Atem. Sie glaubte zu träumen. „Ich …“

Drake sah sie über sein Glas hinweg an. „Ich habe dich beobachtet“, sagte er leise. „Du bist intelligent, arbeitest hart und bist unglaublich sexy. Geh nicht zurück nach Amerika, Chaney. Bleib in London, bei mir.“

Ihr Herz raste. Anscheinend hatte er die Beziehung mit dem Supermodel beendet. Chaney empfand Freude und Aufregung zugleich. Die ganze Zeit hatte sie von dem Mann geträumt und keine Ahnung gehabt, dass er in ihr mehr als nur eine seiner Praktikantinnen sah. „Warum haben Sie nie etwas gesagt?“

„Du hast für mich gearbeitet, Liebes. Und ich fange nie etwas mit meinen Angestellten an.“

Keiner ihrer Tagträume war jemals so fantastisch gewesen. In ihrem ganzen Leben hatte Chaney sich noch nie so gut gefühlt. „Sie wollen wirklich, dass ich bleibe?“

„Absolut.“

Oh, wow! Sie holte tief Luft und atmete dann langsam wieder aus. „Wie lange?“

Er zog die Brauen hoch. „Solange wir beide Spaß daran haben.“

Spaß. Drake wollte nichts von Dauer, sondern nur Spaß. Im Klartext hieß das, er wollte Sex. Und sich dann die nächste Frau holen, die ihm gefiel. So wie er es auch in der Zeit getan hatte, als Chaney in der Firma war. Und wie er es mit den Unternehmen machte, die er aufkaufte, neu strukturierte und danach für einen Riesenprofit wieder verkaufte, sobald sein Interesse nachließ.

Chaney war schlagartig ernüchtert. Und enttäuscht. Das Podest, auf das sie Drake gestellt hatte, fiel in sich zusammen. Sie richtete sich kerzengerade auf. Mit ihrer Schwärmerei war es vorbei. Sie war ganz sicher nicht das Spielzeug irgendeines Mannes. Abscheu erfüllte sie. Drake Llewelyn war ein Spieler, sonst nichts.

„Tut mir leid, Mr. Llewelyn.“ Chaney straffte die Schultern. „Sie haben die falsche Frau im Visier. Kurzfristige Kapitalanlagen sind mir zu riskant. Mich interessiert nur eine langfristige Anlagestrategie.“

1. KAPITEL

„Jungfrau in Nöten hier!“ Chaney, die sich mit einer schweren Kiste abmühte, warf einen Blick auf die antiken Rüstungen, die im großen Rittersaal von Abbotsford Castle standen. „Hey, ihr heldenhaften Ritter, könnt ihr mir vielleicht helfen?“

Die glänzenden Rüstungen standen in Reih und Glied, die Waffen zur Hand, doch keine rührte sich.

Die Geschichte ihres Lebens. Chaney lachte.

Okay, sie hatte zwar nicht das Happy End erlebt, das sie sich mal vorgestellt hatte, aber sie konnte sich auch nicht beschweren. Es kam nicht oft vor, dass man auf Spesen nach London fliegen und in einem luxuriösen Schloss wohnen durfte. Doch Chaney arbeitete hier drei Tage lang als Aufnahmeleiterin für eine angesehene Kabelkanal-Show.

Justin, ihr Chef, hatte ihr gesagt, dies wäre genau die Art von praktischer Erfahrung, die sie vorweisen müsste, um eine Chance auf die angestrebte Beförderung zu haben. Deshalb hatte sie Urlaub genommen und war nach England gekommen.

Diese Gelegenheit hatte sie Gemma zu verdanken, ihrer Freundin und früheren Mitbewohnerin. Chaney sollte dafür sorgen, dass die Dreharbeiten zu Tummelplatz der Milliardäre, einer Sendereihe über Urlaubsziele der Superreichen, problemlos verliefen. Vor allem musste sie darauf achten, dass die Zeitvorgaben und das Budget eingehalten wurden.

Die Kiste voller elektrischer Geräte fing in Chaneys schweißnassen Händen an zu rutschen. Ihre Arme schmerzten unter dem Gewicht, und die Brille rutschte ihr über die Nase. Chaney fasste nach, aber das brachte nicht viel.

„Darf ich Ihnen helfen, Mylady?“, fragte da eine Männerstimme hinter ihr.

Der walisische Akzent kam ihr bekannt vor. „Danke.“ Sie stützte die Kiste auf ihrem gebeugten Knie ab. „Ich hätte mir einen Rollwagen nehmen sollen.“

„Sie gestatten?“

Über die Schulter blickte sie ihren Retter an. Ein Mann in Kettenhemd, schwarzem Leder und Plattenharnisch an Schultern, Oberkörper und Beinen ging auf sie zu. Drake Llewelyn. Chaney raubte es den Atem. Er sah aus wie ein Ritter der Tafelrunde von König Artus. Nicht wie ein Milliardär, dessen neuestes Lieblingsprojekt diese Urlaubsshow seines Kabelkanals war, die er teilweise selbst moderierte.

Zugegeben, der Look stand ihm gut. Nur ist Drake Llewelyn leider kein edler Ritter mit nobler Gesinnung, dachte Chaney. Geschmeidig und kraftvoll wie ein Athlet kam er auf sie zu, ohne dass die Rüstung seinen Gang im Geringsten verlangsamte.

O nein, das Kostüm bedeutete offenbar, dass er die jetzige Folge doch selbst moderierte, obwohl ursprünglich jemand anders dafür vorgesehen war.

„Hallo, Chaney.“

Der warme Ton seiner Stimme ging ihr unter die Haut. Drake nahm ihr die Kiste ab, als wäre sie federleicht.

Chaney schob sich die Brille wieder auf der Nase hoch. Wegen ihrer müden und trockenen Augen hatte sie die Kontaktlinsen herausgenommen. „Danke.“

„Vielen Dank, dass Sie so kurzfristig für Gemma eingesprungen sind“, sagte Drake. „Sie sind über die Show auf dem Laufenden?“

„Ja.“

Mit seinen braunen Augen, in denen die wohlbekannten goldenen Pünktchen glitzerten, sah er Chaney tief in die Augen, sodass ihr plötzlich heiß wurde. Sein zerwühltes Haar wirkte, als wäre er gerade von einem Kreuzzug auf sein Schloss zurückgekehrt. Bereit, die erste Frau mit in sein Bett zu nehmen, die ihm gefiel.

Erstaunt betrachtete Chaney ihn genauer. „Sie haben sich einen Bart wachsen lassen.“

„Für den Dreh.“ Drake strich sich über den Bart an seinem Kinn. „Er ist zwar nicht so voll wie gehofft, aber ich dachte, mit Bart würde ich mehr nach Ritter aussehen.“

„Das stimmt auch.“ Normalerweise mochte sie keine Männer mit Bärten. Doch Schnauz- und Kinnbart verliehen ihm ein gefährliches, sexy Aussehen. Ein schwarzer Ritter, der bei Jungfern, Kurtisanen und Königinnen zweifellos gut ankam.

Chaney schluckte nervös.

„Wo soll die Kiste hin?“, fragte Drake.

„Zu den Scheinwerfern.“ Ihre Stimme klang tief, beinahe heiser und völlig unnatürlich.

Als er die Kiste vorsichtig an der Stelle absetzte, wo heute Abend gedreht werden sollte, klirrte sein Kettenhemd. Das Geräusch hallte durch den großen Raum, bis es von den mit Teppichen bedeckten Wänden verschluckt wurde.

Drake richtete sich wieder auf. Er war größer, als Chaney ihn in Erinnerung hatte. Und an seine dichten, langen Wimpern hatte sie sich auch nicht mehr erinnert. Eindringlich musterte er sie.

Chaney verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn ich gewusst hätte, dass wir uns verkleiden sollen, hätte ich mein Dirndlkleid mitgebracht.“

Er lachte. „Es ist schon viel zu lange her, Chaney.“

Mehr als fünf Jahre. Nach ihrer Ansicht noch nicht lange genug. „Ich bin bloß hier, um Gemma einen Gefallen zu tun.“

„Trotzdem ist es schön, Sie wiederzusehen.“

Auf keinen Fall wollte sie sich von seinem Charme in den Bann ziehen lassen. „Ich glaube kaum, dass Sie mich vermisst haben.“

„Aber ja.“

„Nach der Boulevardpresse zu urteilen, wohl eher nicht.“

Drake richtete einen seiner Kettenärmel so selbstverständlich, als ob Lederhose, Tunika und Rüstung seiner täglichen Kleidung entsprachen. „Sie haben die Presse über mich verfolgt?“

„Eigentlich nicht. Nur, wenn ich beim Einkaufen in der Kassenschlange stehe.“

„Einkaufen? Für Ihre Familie?“

Ihr Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen. „Nein, für mich.“

„Gemma hat erzählt, dass Sie verlobt sind.“ Drake warf einen Blick auf ihre Hand, an der sich kein Ring befand. „Ich dachte, Sie wären mittlerweile verheiratet.“

„Nein.“

„Lassen Sie mich raten: Die langfristige Anlagestrategie ließ Ihrer Meinung nach etwas zu wünschen übrig.“

„Nein. Seiner Meinung nach.“

Drake streckte die Hand nach ihr aus, doch Chaney wich zurück.

„Ich will kein Mitleid“, erklärte sie abweisend. „Davon hatte ich mehr als genug, als Tyler, mein Verlobter, sich von mir getrennt hat.“

„Ich wollte gar nicht sagen, dass es mir leidtut“, meinte Drake. „Denn es tut mir nicht leid. Der Mann ist ganz offensichtlich ein Idiot.“

Sie unterdrückte ein Lächeln. „Er hat stattdessen meine Schwester geheiratet.“

„Dann ist Ihr Schwager ein Idiot.“

Chaney lachte. „Da haben Sie recht.“

„Aber Sie sind noch viel zu jung, um einen Hausstand zu gründen“, erwiderte Drake.

„Das habe ich in nächster Zeit auch nicht vor.“

„Dann haben wir ja etwas gemeinsam.“

„Schon zwei Dinge“, sagte sie.

Fragend sah er sie an.

„Unsere gemeinsame Freundin Gemma.“ Chaney nahm ihr Klemmbrett von der Kiste. „Sie haben wir auch gemeinsam.“

Seine Augen verdunkelten sich. „Das stimmt.“

„Wir sehen uns zwar nur selten, aber zum Glück gibt es ja das Internet. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie täte.“

„Ich auch nicht.“

Chaney war überrascht über den Nachdruck in Drakes Worten und die Besorgnis in seinen Augen. „Gemma und dem Baby geht es gut. Ich habe heute Morgen mit ihr gesprochen. Sie ist sicher, dass ihr nur vorübergehend Bettruhe verordnet wird. Und so, wie Oliver sie verwöhnt, wird sie bestimmt die restlichen Dreharbeiten dieser Saison noch betreuen können.“

„Hoffentlich. Aber bis dahin habe ich ja Sie.“ Ein Lächeln umspielte seinen Mund.

„Nur am Set“, stellte sie klar.

„Natürlich“, meinte er belustigt.

Verlegen hielt sie ihr Klemmbrett fest. „Ich werde darauf achten, dass wir im Zeitplan bleiben, damit Sie Ihren Flug von Heathrow aus noch erreichen. Gemma sagte, das sei wichtig.“

„Immer noch dieselbe fleißige, kompetente Chaney. Das sollte gut funktionieren.“

Sie hob den Kopf. „Das denke ich auch.“

Drake lächelte. „Ich wusste schon immer, dass Sie es weit bringen werden. Aber ich hatte angenommen, Sie als Finanzgenie würden in die Firma Ihres Vaters einsteigen und nicht ins Showbusiness gehen.“

„Nun ja, immerhin haben meine Eltern mich nach Lon Chaney benannt“, gab sie zurück.

„Nach diesem alten Schauspieler?“

„Ja. Sie sind große Horrorfilm-Fans, mochten aber die alten Schwarz-Weiß-Streifen lieber als die neueren, blutrünstigen Filme.“

„Das ist ziemlich schräg“, sagte er.

„Ich weiß. Aber Chaney ist immer noch besser als Karloff oder Lorre. Allerdings habe ich die ersten Erfahrungen beim Fernsehen während meines Praktikums gemacht, als Sie Dragon Network gekauft haben. So bin ich zu dem Filmstudio gekommen, wo ich jetzt arbeite.“

„Erstaunlich, wie ein Praktikum den Berufsweg beeinflussen kann.“

Chaney nickte. Er hatte ja keine Ahnung.

„Und jetzt sind Sie wieder in England und arbeiten für die Show, für die wir damals das Konzept entworfen haben.“

Verblüfft starrte sie ihn an. „Sie erinnern sich noch?“

„Ihr Name steht im Abspann.“

„Das ist eine nette Geste. Aber es ist nicht die Show, über die wir ursprünglich gesprochen haben“, widersprach sie.

„Mag sein. Trotzdem würde Tummelplatz der Milliardäre ohne dieses Meeting, an dem Sie teilgenommen haben, nicht existieren.“

„Danke.“

„Und? Wie finden Sie’s?“, erkundigte er sich neugierig.

„Cool“, erwiderte Chaney. „Ich weiß noch, als ich die erste Sendung sah, dachte ich: Wow, das ist also aus all unseren Ideen herausgekommen. Aber ich hätte nie gedacht, dass Sie selbst die Rolle des Moderators übernehmen würden.“

„Ich auch nicht“, gab Drake zu. „Aber als die Pilotsendung gedreht wurde, hatte ich gerade ein freies Wochenende. Wir haben niemand Passendes gefunden, und Gemma meinte, ich sollte es machen. Ich hatte Spaß dabei, daher beschloss ich, regelmäßig aufzutreten. Inzwischen nehmen wir aber auch Gastmoderatoren.“

„Gemma hat mir davon erzählt.“

„Haben Sie eine Lieblingsfolge?“

„Ja, die mit dem Kitesurfen an der Küste Grönlands“, sagte Chaney.

„Das waren wirklich aufregende Dreharbeiten. Einige Promis haben dort Urlaub gemacht und uns auf die Idee gebracht.“

„Und wer hatte die Idee mit dem mittelalterlichen Schloss hier?“, wollte sie wissen.

„Gemma, nachdem sie meinen Vorschlag zum Base-Jumping in Norwegen gestrichen hat.“

„Das war eine gute Entscheidung. Eine Vorschau von Ihnen in Ihrem Ritterkostüm wird sehr viel höhere Quoten bringen, als wenn Sie irgendeinen verrückten Stunt hinlegen.“

Drake hob die Brauen. „Sie scheinen sich da ja sehr sicher zu sein.“

„Es ist mein Job, Zuschauerreaktionen einzuschätzen und daraus die Werbeeinnahmen zu kalkulieren“, erklärte Chaney. „Sie müssen sich nur mal in einem der vielen vergoldeten Spiegel hier betrachten. Der Ritter-Look wird bei den Zuschauerinnen absolut einschlagen. Als ‚Sir Dragon Knight‘ könnten Sie eine ganz neue Fangemeinde gewinnen.“

Er lachte. „Und ich dachte immer, die Frauen hätten es bloß auf mein Bankkonto abgesehen.“

„Solche gibt es bestimmt. Aber alle Frauen sind für den Ritter-Typus empfänglich. Auch wenn sie es nie zugeben würden“, setzte sie hinzu.

„Geben Sie es denn zu?“, fragte Drake.

„Als Mädchen hatte ich eine große Schwäche für Ritter. Galahad war mein Held. Aber mittlerweile scheint mir das ganze Märchenthema ein bisschen überholt“, meinte Chaney. „Ich brauche niemanden, der mich rettet. Das kann ich schon selbst.“

„Eine sehr moderne und sehr praktische Lebenseinstellung.“

„Ich bin eben praktisch veranlagt.“ Ihr war nichts anderes übrig geblieben. „Ist irgendetwas verkehrt daran?“

„Überhaupt nicht.“ Der schalkhafte Ausdruck in seinen Augen passte zu seinem jungenhaften Grinsen. „Es würde mich interessieren, wie diese praktische Seite Ihre derzeitige Anlagestrategie beeinflusst. Was ist Ihnen lieber: kurzfristig, langfristig oder Tagesgeschäfte?“

„Nichts davon.“ Entschlossen begegnete sie seinem Blick. „Ich lege gerade eine Investitionspause ein.“

Es war ein Marathon-Dreh an diesem Abend. Drake atmete beinahe dankbar auf, als die Uhr Mitternacht schlug und die Arbeit kurz unterbrochen wurde. Als Produzent und Moderator hätte er natürlich jederzeit abbrechen können. Aber er musste am Sonntagnachmittag unbedingt den Helikopter nach Heathrow nehmen, um einen Flug zu erreichen. Daher wollte er keine Verzögerungen verursachen.

Er stand im heißen Scheinwerferlicht. In der schweren Rüstung floss ihm der Schweiß in Strömen über den Körper. Obwohl es sich nur um ein Kostüm handelte, bestand es aus Metall. Drake brauchte also dringend eine Dusche und vielleicht auch eine Massage, sobald sie endlich fertig waren.

Suchend blickte er sich im Salon nach Chaney um, konnte sie jedoch mit den beiden Kameras vor sich und der Filmcrew im Hintergrund nicht sehen.

Die antike Pendeluhr schlug weiter. Zehn, elf, zwölf. Dann Stille.

„Okay, Leute.“ Milt, der Regisseur, schlug in die Hände. „Nur noch die letzte Szene, und dann machen wir Schluss für heute.“

Das war ganz in Drakes Sinne.

„Sekunde.“ Liz, die Visagistin, lief zu ihm hin. Sie plusterte sein Haar auf, drehte mit den Fingern Locken hinein und verpasste ihm zusätzliches Haarspray. Dann lächelte sie zufrieden. „Viel besser.“

Wenigstens versuchte der Kostümbildner Russell nicht, die Rüstung mit Spucke zu polieren, sondern benutzte dafür ein weißes, weiches Tuch.

„Wir brauchen nur noch die letzte Zeile“, verkündete Milt.

Drake rieb sich den Nacken. „Kein Problem.“

„Das höre ich gern.“ Milt verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Ich möchte nur, dass Sie eine einzige Sache anders machen. Wenn Sie in die Kamera lächeln, dann bringen Sie die weiblichen Zuschauer zum Dahinschmelzen.“

„Ich bin Geschäftsmann, kein Schauspieler.“

„Heute sind Sie keins von beidem.“ Milt klopfte Drake auf die Schulter. „Sie sind Lancelot, Ritter und sagenhafter Lover. Ihre Königin Guinevere liegt allein und nackt in ihrem Bett und beobachtet Sie. Sorgen Sie dafür, dass sie sich wünscht, Sie wären bei ihr.“

Drake musste sich zurückhalten, um nicht die Augen zu verdrehen und zu lachen. „Okay, Sie sind der Boss. Aber hoffen wir, dass Guinny eine Decke hat. Schlösser können zu dieser Jahreszeit ziemlich zugig sein.“

Alle lachten. Sogar Milt lächelte. Liz kam mit der Wimpernzange auf Drake zu.

„Ist das wirklich notwendig?“, fragte er leicht gereizt.

Sie zwinkerte ihm zu. „O ja, Sir.“

Drake verzog das Gesicht, ließ die Prozedur über sich ergehen und machte sich bereit für die Szene.

Er hielt einen Goldkelch in der behandschuhten Hand und stand vor einem kunstvoll gemeißelten Kamin mit einem reich verzierten Wappen, das von zwei pausbäckigen Engeln gehalten wurde.

„Fertig, Sir Lancelot?“, fragte Milt.

Drake nickte kurz.

Milt sah Tony an, einen der beiden Kameramänner. „Sag Bescheid, wenn du so weit bist.“

„Sind die Mikros an?“, erkundigte Tony sich beim Tontechniker, der die Daumen hochhielt. „Kann losgehen.“

Gleich darauf sah Drake sein Einsatzsignal. Showtime.

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