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Prickelndes Spiel in Monte Carlo

Penny Roberts

Prickelndes Spiel in Monte Carlo

PROLOG

Es war ein Anblick wie aus einem Märchen.

Strahlend weiß hob sich die im romanisch-byzantinischem Stil errichtete Kathedrale Nôtre Dame Immaculée gegen den makellos blauen Sommerhimmel ab. Mehr als ein Dutzend Stufen führten empor zu dem mächtigen Hauptportal. Darüber ragte, von einem spitzen Satteldach gekrönt, der mit einer Fensterrose versehene Glockenturm in die Höhe.

„Sind das Tiere, die da oben auf dem Dach sitzen, Mommy?“ Die fünfjährige Cassie saß auf dem Schoß ihrer Mutter und schaute sie fragend an.

Megan lächelte. „Du meinst die hier?“ Sie deutete auf die geflügelten Steinfiguren, die am Rand des Daches zu beiden Seiten auf kleinen Podesten hockten. „Sieh mal genau hin – wonach sehen sie denn aus?“

Angestrengt starrte Cassieauf das vom vielen Angucken schon ganz verknickte und zerfledderte Foto, das ihre Mutter für sie hoch hielt. „Löwen und Stiere mit Flügeln?“ Skeptisch runzelte sie die Stirn. „Aber das ist doch albern, Mommy! Löwen und Stiere können doch gar nicht fliegen!“

„Da hast du natürlich recht, Mäuschen“, gab Megan lachend zu. „Da hat sich wohl jemand vertan.“

„Und warum gehst du da jetzt hin? In dieses Monte …?“

„Monte Carlo.“ Sie seufzte. „Nun, es gibt ein paar Dinge, die ich dort erledigen muss. Aber das habe ich dir doch schon gesagt.“

„Und warum kann ich nicht mit?“

Traurig strich sie Cassie über das seidig glänzende blonde Haar. Nichts wünschte sie sich sehnlicher, als ihrer Tochter die Wahrheit zu sagen, doch sie fürchtete, dass es sie überfordern könnte.

Immerhin betraf die Angelegenheit einen Mann, dem das Mädchen, ohne es zu wissen, sehr nahestand …

„Weil es um Geschäfte geht und du dich da nur langweiligen würdest“, erklärte Megan stattdessen knapp. „So, und jetzt bringt Sarah dich ins Bett, einverstanden?“ Sarah war schon seit Schulzeiten ihre beste Freundin. Nun würde sie sich während ihrer Abwesenheit sowohl um das Fotogeschäft, das sie von ihren Eltern nach deren Tod übernommen hatte, als auch um Cassie kümmern. „Dann bekommt ihr schon mal Übung, damit auch alles glatt geht, wenn ich nicht da bin. Was meinst du, kriegt deine Mommy noch einen dicken Kuss?“

„Jaaa!“, rief Cassie laut, und Megan spürte, wie ihr das Herz vor lauter Liebe überfloss, als ihre Tochter ihr die Arme um den Hals schlang und ihr einen schmatzenden Kuss auf die Lippen drückte. Du lieber Gott, wie sehr ich dich vermissen werde! dachte sie, während sie Cassie nachblickte, die nun auf ihr Zimmer ging, wo Sarah bereits wartete. Du bist das Beste, was mir im Leben passiert ist. Wenn ich doch nur hier bei dir in England bleiben könnte!

Doch das war leider nicht möglich. Sie musste unbedingt nach Monte Carlo, denn diese Reise stellte ihre einzige Möglichkeit dar, das Vermächtnis ihrer Eltern zu bewahren.

Und wenn sie diese Chance nicht ergriff, würde es ihr wohl nie gelingen, den Frieden mit sich zu machen, nach dem sie sich so sehr sehnte.

Dennoch war ihr nicht wohl bei dem Gedanken, morgen früh in den Flieger zu steigen. Denn ihr Aufenthalt am Mittelmeer würde nur Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit wach werden lassen. An ihre Zeit mit Patrick McDermott, dessen Erbe sie nun antreten würde.

Doch auch an eine andere Person musste sie im Hinblick auf ihre Zeit in Monaco unwillkürlich denken.

Und zwar an Lucien. Lucien Delacroix …

Rasch verdrängte Megan den Gedanken an den Mann, den sie von allen Menschen auf der Welt am wenigsten wiedersehen wollte und den sie trotz allem nie hatte vergessen können.

Noch einmal warf sie einen Blick auf die über sechs Jahre alte Fotografie der Kathedrale von Monaco …

Fast eintausend Meilen entfernt konnte Lucien Delacroix nicht ahnen, dass sich ihm in diesem Augenblick genau das gleiche Bild bot wie der Frau, über die er gerade sprach.

Mit dem Unterschied, dass er kein Foto betrachtete.

Stattdessen stand er, das Handy am Ohr, am Fenster seines Büros und blickte durch die große Panoramafensterscheibe genau auf die Kathedrale von Monaco.

Unweit des Fürstenpalastes erhob sich das imposante Gebäude in den Abendhimmel. Vor der Kulisse des tintenblauen Ligurischen Meeres schimmerte der weiße Stein im Schein der sinkenden Sonne in einem zarten Rosé. Der Chorraum der auf den Grundmauern der zerstörten Kirche Saint-Nicolas erbauten Kathedrale beherbergte die Grabstätten der monegassischen Fürstenfamilie Grimaldi.

Lucien war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass die vielen Touristen, die jeden Tag aufs Neue in das kleine unabhängige Fürstentum im Südosten Frankreichs strömten, ein kleines Vermögen für diese Aussicht bezahlt hätten. Er selbst hingegen konnte sie immer wieder genießen, denn seine Firmenzentrale befand sich im Penthouse eines in den Hang gebauten Bürogebäudes.

Doch das war reine Theorie. In Wirklichkeit hatten es die Touristen zumindest in gewisser Weise sogar besser als er, fehlte ihm doch die Muße, sich an der Schönheit seiner Umgebung zu erfreuen. Seine Position als Besitzer einer Kette von Hotels in Monaco und der näheren Umgebung hielt ihn beinahe permanent beschäftigt. Allenfalls warf er einmal während eines Telefonats einen beiläufigen Blick auf das Panorama, das sich jenseits seines Bürofensters bot.

So wie jetzt.

„Und sie hat wirklich gesagt, dass sie morgen schon in Monaco ankommt?“, sprach er aufgebracht in sein Handy.

„Oui, exactement“, antwortete Gilles Larusse. In seiner Funktion als Notar hatte er, wie Lucien wusste, Megan Hollister über ihre Erbschaft informiert. Doch Gilles war auch sein Anwalt und engster Vertrauter. „Sie will morgen den ersten Flieger nach Nizza nehmen und dann gleich zum Hotel fahren. Ich habe ihr gesagt, dass Jean-Pierre und Sophie sie erwarten und dass auch du vor Ort sein wirst.“

Lucien stieß einen Fluch aus. „Wie kommst du dazu, so einfach über meine Zeit zu verfügen?“ Doch sofort bereute er seine harschen Worte wieder. „Entschuldige, ich habe es nicht so gemeint. Selbstverständlich werde ich dort sein. Ich habe ohnehin noch einiges im Hotel zu erledigen.“

Lucien beendete das Telefonat und wandte sich vom Fenster ab. Nachdenklich runzelte er die Stirn. Er sollte seine Gefühle wirklich besser unter Kontrolle halten. Gilles Larusse war einst schon seinem Vater ein verlässlicher Freund gewesen, er verdiente es nicht, respektlos behandelt zu werden. Er hätte ihn niemals so anfahren dürfen!

Zumal seine eigentliche Wut nicht ihm galt, sondern neben Patrick McDermott vor allem einer Person.

Megan Hollister!

Schon spürte er wieder, wie sich alles in ihm verkrampfte. Diese Frau wagte es also tatsächlich, hierher zu kommen. Und das nach all den Jahren! Wie konnte sie nur? Patrick war gerade einmal vier Wochen unter der Erde, aber dieses berechnende Stück hatte nichts Besseres zu tun, als wie ein Geier über das herzufallen, was er hinterlassen hatte.

Doch damit würde sie nicht durchkommen. Entschlossen kniff Lucien die Augen zusammen. Er würde dafür sorgen, dass sie Monte Carlo so schnell wie möglich wieder verließ.

Und zwar mit leeren Händen!

1. KAPITEL

Massiv ragten Gipfel der Seealpen in den blauen Himmel. Erst als der Hubschrauberpilot einen leichten Schwenk in Richtung Küste vollführte, eröffnete sich ein Panoramablick auf den schmalen Küstenstreifen, auf dem sich das Fürstentum von Monaco erstreckte. Aus der Höhe betrachtet sahen die Hochhäuser, die sich an die Bergflanken schmiegten, der fürstliche Palast und sogar das Sportstadion von Fontvielle wie die Spielzeuge eines Riesen aus.

Gebannt schaute Megan zum Fenster hinaus, während der Helikopter langsam tiefer ging und den Héliport de Monaco ansteuerte, der direkt am Meeresufer lag. Hier bot sich ihr ein märchenhafter, beinahe schon unwirklicher Anblick. Nur das ohrenbetäubende Knattern der Rotorblätter hinderte Megan daran, ihn vollends unbeschwert genießen zu können.

Und die Tatsache, dass er Erinnerungen an längst vergangene Zeiten in ihr heraufbeschwor.

Die Hitze, die ihr entgegenschlug, als sie wenige Minuten später aus dem klimatisierten Hubschrauber stieg, der sie vom Flughafen Nizza hergebracht hatte, traf sie wie ein kleiner Schock. Ihr letzter Aufenthalt lag schon so lange zurück, dass sie ganz vergessen hatte, dass hier, unmittelbar an der Mittelmeerküste, im Gegensatz zum feuchtkalten englischen Frühlingswetter schon fast hochsommerliche Temperaturen herrschten.

„Benötigen Sie Hilfe mit Ihrem Koffer, Mademoiselle?“, fragte der Pilot mit einem strahlenden Lächeln. Er hatte schon den ganzen Flug über versucht, mit ihr zu flirten, doch obwohl sie ihn sehr freundlich fand, konnte Megan sich im Augenblick einfach nicht auf so etwas konzentrieren.

Ganz davon abgesehen, verspürte sie angesichts ihrer Erfahrungen aus der Vergangenheit ohnehin kein Verlangen, einen Mann auch nur näher kennenzulernen.

„Merci beaucoup“, entgegnete sie auf Französisch. Da sie vor sechs Jahren gut elf Monate in Frankreich und Monaco verbracht hatte, beherrschte sie die Sprache fließend. „Aber ich reise mit leichtem Gepäck und komme allein zurecht.“

Sie ignorierte den enttäuschten Gesichtsausdruck des Mannes, als er ihr die Reisetasche reichte, die sie lediglich mit dem Allernötigsten gepackt hatte. Sie gedachte keineswegs, länger als unbedingt notwendig in Monaco zu bleiben. Allein schon deshalb, um bald wieder bei ihrer kleinen Tochter sein zu können.

Megan seufzte. Sie wusste, dass ihre Sorgen völlig unbegründet waren. Cassie war bei Sarah in den besten Händen, und mit Sicherheit machte ihrer Kleinen die vorübergehende Trennung weitaus weniger zu schaffen als ihr selbst. Dennoch … Sie vermisste Cassie jetzt schon, und sie wusste, dass sich dieses Gefühl auch in den nächsten Tagen nicht ändern, sondern eher verstärken würde.

Tief atmete sie durch und überquerte die Plattform, auf der die Shuttle-Hubschrauber aus Nizza im Minutentakt landeten. Als sie schließlich das angenehm kühle Flughafengebäude betrat, steuerte sie zielstrebig auf den Schalter der Autovermietung zu, wo sie den Kleinwagen abholen wollte, den sie schon von England aus reserviert hatte.

„Benötigen Sie einen Reiseführer, Mademoiselle?“, erkundigte sich die Dame hinter dem Schlüsselausgabeschalter höflich. „Sämtliche Sehenswürdigkeiten sind darin verzeichnet, und …“

„Non, merci“, unterbrach Megan sie ein wenig ungeduldig. „Nur den Schlüssel und einen aktuellen Stadtplan, s’il vous plaît.“

An touristischen Aktivitäten war sie ebenso wenig interessiert wie an Männerbekanntschaften. Sie wollte das alles hier nur so schnell wie möglich hinter sich bringen und dann nach Hause zurückkehren. Mit ein wenig Glück würde das ganze Unterfangen nicht länger als ein paar Tage in Anspruch nehmen.

Allerdings war Glück ein Faktor, auf den sie sich in letzter Zeit nur sehr selten hatte verlassen können.

Ihre Gedanken wanderten zurück nach Lyme Regis. In dem kleinen Ort an der südenglischen Küste lebte sie nicht nur zusammen mit Cassie, sondern führte auch das kleine Fotogeschäft weiter, das ihre Eltern bis zu ihrem Tod vor etwas mehr als einem Jahr mit großer Leidenschaft betrieben hatten.

Heute stand das Picture Paradise praktisch vor dem Aus – und zwar nicht zuletzt durch ihre eigene Schuld …

Seufzend schüttelte sie den Kopf. Sie durfte jetzt nicht zu sehr an die Fehler denken, die sie gemacht hatte. Patricks tragischer Tod, so traurig er auch war, gab ihr die unerwartete Chance, alles wieder zu bereinigen. Und wenn ihre Reise hierher nach Plan verlief, dann würde sie mit genug Geld nach England zurückkehren, um das Vermächtnis ihrer Eltern doch noch retten zu können.

Patrick …

Der Gedanke an ihn erinnerte Megan daran, dass sie noch einen schweren Gang vor sich hatte. Traurig nahm sie den Schlüssel für den Mietwagen entgegen und verließ das Flughafengebäude. Bei dem Fahrzeug, das sie auf dem Stellplatz der Autovermietung vorfand, handelte es sich um einen winzigen Renault ohne Klimaanlage – mehr hatte sie sich beim besten Willen nicht erlauben können.

Nachdem sie den Stadtplan studiert hatte, schlug sie vom Héliport aus den Weg entlang der Escalier des Pissarelles weiter bis zur Avenue Pasteur ein. Dort stellte sie ihren Wagen auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang des Cimetière de Monaco ab.

Der einzige Friedhof von Monaco war stufenförmig in den Hang gebaut. Das Erste, was Megan bewusst wahrnahm, als sie ausstieg, war die Stille, die sie wie eine Umarmung umfing. An einem Ort, der zu den am dichtesten besiedelten Staaten der Welt gehörte, keine Selbstverständlichkeit.

Sie betrat das Friedhofsgelände und sah sich suchend um. In der Nähe erblickte sie einen älteren Mann, der einen buschig gewachsenen Buchsbaum zurechtstutzte. Sie beschloss, den Arbeiter – vermutlich handelte es sich um den Friedhofsgärtner – um Hilfe zu bitten.

„Pardon, Monsieur“, sprach sie ihn an. „Ich bin auf der Suche nach dem Grab eines kürzlich verstorbenen Bekannten. Sein Name ist Patrick McDermott – können Sie mir vielleicht helfen?“

Der Mann nickte. „An allen Eingängen stehen Besuchern elektronische Informationsgeräte zur Verfügung, über die die genaue Lage jeder Grabstätte mit Wegbeschreibung abgefragt werden kann.“ Er deutete in die Richtung, aus der Megan gekommen war. „Wenn Sie bei der Bedienung Hilfe benötigten …“ Er hielt inne und runzelte nachdenklich die Stirn. „Sagten Sie gerade McDermott? Das war doch dieser Tennisspieler, nicht wahr?“ Als Megan nickt, erhellte sich seine Miene. „Dann kann ich Ihnen doch helfen, Mademoiselle. Kommen Sie, ich führe Sie hin.“

Sie folgte dem Mann zwischen langen Reihen von mit Marmorplatten bedeckter Gräbern hindurch, und während sie ging, wanderten ihr Gedanken zurück zu ihrer Zeit mit Patrick.

Sie hatten sich auf einer Party kennengelernt, und mit seinem guten Aussehen und seiner weltgewandten Art nahm er sie gleich für sich ein. Außerdem schmeichelte es ihr – damals war sie gerade erst zwanzig –, dass ein Mann wie Patrick sich für sie interessierte. Zumindest anfangs. Doch dann stellte sie recht bald fest, dass es bei all dem mehr um ein aufregendes Abenteuer als um die große Liebe ging.

Und schuld daran war vor allem Patricks bester Freund Lucien.

Lucien … Unwillkürlich zuckte sie bei dem Gedanken an ihn zusammen. Sie wusste heute selbst nicht mehr, was sie je an ihm gefunden hatte, doch vom ersten Augenblick an war sie fasziniert von ihm gewesen. Etwas, das allerdings keineswegs auf Gegenseitigkeit beruhte, denn Lucien ließ sie von Anfang an spüren, dass er sie nicht mochte.

Dennoch hatte seine pure Gegenwart genügt, ihre Gefühlswelt durcheinanderzubringen, und so entfernte sie sich recht schnell immer weiter von Patrick, und das nur wegen eines Mannes, der kaum einmal ein Wort mit ihr sprach.

Und als sie Patrick dann auch noch in flagranti mit einer anderen Frau in einer mehr als verfänglichen Situation erwischte, war die ganze Sache endgültig für sie erledigt gewesen.

Tief enttäuscht und mit einem Haufen schlechter Erfahrungen im Gepäck, kehrte sie schließlich nach England zurück …

„Dort hinten ist es“, riss der Friedhofsgärtner sie aus ihren trübsinnigen Grübeleien und deutete zu einem Grab, das im Schatten einer Mauer unter einer hohen Zypresse lag.

Megan bedankte sich und wartete, bis der Mann gegangen war, ehe sie sich Patricks letzter Ruhestätte näherte. Als sie nun direkt vor seinem Grab stand, holte die Realität sie mit der Wucht eines Paukenschlags ein, und ein Gefühl tiefer Traurigkeit überkam sie.

Patrick war ein Mann voller Energie und Lebensfreude gewesen – und nun ruhte er für alle Zeiten auf dem Friedhof von Monaco, bewacht von einem Marmorengel, dessen gemeißelte Züge ewige Trauer ausdrückten.

Megan kamen die Tränen. Sie ging am Rand des Grabes auf die Knie und weinte um den Mann, der sicher nicht perfekt gewesen war, ihr aber das Wichtigste geschenkt hatte, das sie auf der Welt besaß.

Ihre Tochter …

Trotz der sommerlichen Temperaturen spürte Lucien, wie Kälte ihn ergriff, als er durch das Friedhofstor trat. Eine Kälte, die ihm ins Herz kroch und sein Blut zu Eis gefrieren ließ.

Sein letzter Besuch auf dem Cimetière de Monaco lag nicht einmal vierundzwanzig Stunden zurück. Seit Patricks Beerdigung vor vier Wochen kam er jeden Tag hierher, um einige Minuten am Grab seines engen Freundes zu verweilen. Er brauchte das einfach. Patrick war der einzige Mensch gewesen, der ihm wirklich nahegestanden hatte. Sie kannten sich schon seit vielen Jahren. Patricks Mutter, eine schöne Monegassin, war nach dem Tod des Vaters mit ihrem Sohn in ihre Heimat zurückgekehrt. Lucien und er waren auf dieselbe Schule gegangen, und nach anfänglichen Reibereien hatte sich zwischen ihnen eine tiefe Freundschaft entwickelt.

Und nur hier, an diesem Ort, fühlte Lucien sich in der Lage, für eine kurze Zeit die Hektik des Alltags zu vergessen und nicht an seine millionenschweren Geschäfte zu denken, sondern innezuhalten und um einen engen Freund zu trauern.

Zum anderen aber hegte er die irrationale Hoffnung, hier im stillen Zwiegespräch mit dem Verstorbenen irgendwie doch noch eine Antwort auf die Frage zu erhalten, die ihn nun seit einem Monat schier um den Verstand brachte.

Warum hast du das getan? Warum ist sie deine Erbin? Ausgerechnet sie?

Doch im Grunde war das nur eine von vielen Fragen – denn die Nachricht, dass Patrick bei einem tragischen Bootsunglück sein Leben verloren hatte, war lediglich der Beginn einer Kette unglaublicher Neuigkeiten gewesen.

Heute, Wochen später, fragte Lucien sich, ob er seinen Freund überhaupt jemals richtig gekannt hatte.

Im Schatten des Friedhofstors blieb er stehen, schaute zum wolkenlosen Himmel hinauf und schloss die Augen. Einen Moment genoss er nur das angenehme Gefühl der wärmenden Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. . Normalerweise kam er nicht so früh her, sondern erst gegen Abend, wenn langsam die Sonne unterging und die aufkommende Dämmerung alles in ein rotgolden schimmerndes Zwielicht tauchte – die bessere Tageszeit für einen solchen Besuch, wie er fand.

Heute aber war das nicht möglich, denn er hatte keine Ahnung, was dieser Tag noch bringen würde.

Schon war sie wieder in seinen Gedanken: Megan Hollister. Und mit ihr kam die Wut. Wie jedes Mal, wenn er an sie dachte. Was sollte er auch anderes empfinden für eine Frau, die so skrupellos war, dass sie ihr eigenes Kind als Druckmittel benutzt hatte, um sich an Patrick zu bereichern? Und dass es sich so verhielt, daran zweifelte er nicht eine Sekunde. Diese Frau war ebenso durchtrieben und gewissenlos wie alle anderen.

Doch über Megan sollte er jetzt nicht nachgrübeln. Das konnte er früh genug wieder tun. Nein, er musste es sogar. Denn auch wenn ihm ganz gewiss nicht der Sinn danach stand – einer Begegnung mit ihr würde er nicht aus dem Weg gehen können.

Wie konntest du mir das nur antun, Patrick?

Kopfschüttelnd ging er weiter. Erneut fragte er sich, was seinen besten Freund wohl zu einem solch unerwarteten Schritt veranlasst hatte. Nach allem, was geschehen war, konnte er doch unmöglich noch etwas anderes für diese Frau empfunden haben außer Bitterkeit oder gar Hass.

Als er aufblickte und sie am Grab seines Freundes knien sah, glaubte Lucien im ersten Augenblick, einer Sinnestäuschung erlegen zu sein und einen Geist aus der Vergangenheit vor sich zu sehen. Doch dann begriff er, dass es sich keineswegs um ein Trugbild handelte, und heißer Zorn packte ihn.

Er ging einen Schritt vor. „Was, zum Teufel, machen Sie hier?“

2. KAPITEL

Abrupt wirbelte Megan herum – und fühlte sich um sechs Jahre in der Zeit zurückversetzt. Genau so lange hatte sie ihn nicht mehr gesehen, doch sie hätte ihn unter Tausenden wieder erkannt.

Vor ihr stand Lucien Delacroix – der Mann, der ihr vor so vielen Jahren das Herz gestohlen und es nicht wieder zurückgegeben hatte.

Da sie noch immer kniete, kam er ihr noch größer vor, als er ohnehin schon war. Blinzelnd sah sie ihn an. Sie versuchte, aufzustehen, doch ihre Knie waren plötzlich ganz zittrig, und sie verharrte. Wie unverschämt gut er noch immer aussah!

Er hatte die Gestalt eines Athleten, und das, obwohl er schon früher die meiste Zeit des Tages hinter dem Schreibtisch verbracht hatte. Deutlich zeichneten sich die Muskeln seiner Arme und Schultern unter dem leger geschnittenen weißen Hemd ab. Von einem gemeinsamen Badeausflug mit Patrick wusste sie, dass sich unter dem Stoff eine breite Brust und ein flacher gestählter Bauch verbargen. Seine Züge waren so markant, als wären sie von einem begnadeten Künstler in Stein gemeißelt worden. Kurzes dunkles Haar umrahmte sein attraktives Gesicht.

Perfekt, dachte Megan. Einfach perfekt. Wäre da nicht der eisige Ausdruck in seinen Augen, die von einem so klaren Blau waren wie der Himmel über Monaco.

Megan hielt inne. Was tat sie hier eigentlich? Sie war zum Friedhof gekommen, um Cassies Vater die letzte Ehre zu erweisen und sich für immer von ihm zu verabschieden. Und nun kniete sie hier am Grab und bedachte Lucien Delacroix mit anhimmelnden Blicken? Den Mann, der doch nie etwas von ihr hatte wissen wollen und ihr gegenüber stets die Unhöflichkeit in Person gewesen war? Nein, das konnte unmöglich ihr Ernst sein!

Hastig stand sie auf und klopfte sich flüchtig den Staub von der cremefarbenen Leinenhose. Dann reckte sie das Kinn vor und sah Lucien mit festem Blick an. „Ich wüsste nicht, was Sie das anginge“, erwiderte sie, wobei sie versuchte, möglichst selbstbewusst zu klingen. Doch ganz gelang es ihr nicht, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken.

„Nun, ich war immerhin Patricks Freund“, entgegnete er kühl. „Etwas, das auf Sie eher nicht zutreffen dürfte!“

Seine barschen Worte verletzten und irritierten sie. Warum sprach er so mit ihr? „Ich habe mir Patrick gegenüber nie etwas zuschulden kommen lassen“, verteidigte sie sich.

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