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Prickelnde Versuchung an der Côte d’Azur

1. KAPITEL

Hilflos tanzte das Boot auf dem aufgewühlten Ozean. Innerhalb einer Stunde hatte sich die milde Sommerbrise in einen Orkan verwandelt.

Sarah Gordon konnte nicht sagen, wo das dunkle Wasser endete und die schwarzen Wolken begannen. Weiße Gischt sprühte von turmhohen Wogen eiskalt in ihr Gesicht. Entsetzt sah sie zu, wie das Rettungsboot aus der Verankerung gerissen und über Bord gespült wurde.

„Mein Gott!“, flüsterte sie, unhörbar im Toben der Elemente, während sie zu ihrem Vater hinüberschaute, der mit dem Steuerrad kämpfte.

Der Bug des kleinen Schiffes hob sich fast senkrecht, während gewaltige Wellen das Deck überspülten. Sarah konnte die Küste schon erkennen, doch im Moment sah es so aus, als hätten sie kaum eine Chance, den sicheren Hafen je zu erreichen.

„Geh zu Mum in die Kabine!“, brüllte ihr Vater über den tosenden Sturm hinweg.

Frierend und durchnässt kämpfte Sarah sich zur Treppe. Sie klammerte sich am Geländer fest, um nicht den Halt zu verlieren.

„Wie schlimm ist es?“, fragte ihre Mutter, als Sarah eintrat. Ihr schmales Gesicht war blass.

„Schlimm.“

„Ich gehe nach oben.“

Sarah hielt ihre Mutter am Arm fest. „Nicht Mum, es ist zu gefährlich.“

Ihre Mutter drückte sie kurz an sich und küsste sie auf die Stirn, dann wandte sie sich zur Tür. „Ich muss zu William.“

In diesem Moment prallte eine neue Welle gegen das Boot. Das Holz des alten Schiffs krachte und ächzte, als wollte es jeden Moment auseinanderbrechen. Entsetzt sah Sarah zu, wie sich der Teppich der Kabine plötzlich vom hereinströmenden Wasser dunkel färbte.

„Ich hole Dad!“, rief sie ihrer Mutter zu und lief nach oben.

„Dad!“, schrie sie gegen das Heulen des Sturms. „Wir haben ein Leck in der Kabine!“

„Übernimm das Steuer!“

Mit aller Kraft versuchte Sarah, das hölzerne Lenkrad zu halten, während sie auf die Wellen starrte, die sich immer höher vor ihr auftürmten.

„Nein!“ Sarah erwachte von ihrem eigenen Schrei. Ihr Herz raste, und sie war schweißbedeckt.

Kann ich es nicht wenigstens im Schlaf vergessen? dachte sie, während sie versuchte, ihren Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen. Das Unglück lag jetzt sechs Monate zurück, doch Nacht für Nacht durchlebte sie den Schrecken erneut.

Wie durch ein Wunder war sie gerettet worden. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ein Fischer sie aus dem Meer gezogen hatte. Tagelang hatte die mexikanische Küstenwacht erfolglos nach ihren Eltern und der Segeljacht gesucht. Schließlich war die Suche eingestellt worden.

Ihr Vater, ein bekannter Archäologe, hatte mit seinem kleinen Team, zu dem auch sie selbst und ihre Mutter gehörten, eine sagenumwobene Maya-Siedlung entdeckt. Die Bootstour hatte eine Belohnung nach vier Monaten Strapazen im Regenwald sein sollen.

Schaudernd blickte Sarah sich jetzt in ihrem Schlafzimmer um. Die Schatten in den Ecken schienen sich ihr zu nähern. Hastig schaltete sie die Nachttischlampe ein und sah auf die Uhr. Mitternacht war längst vorüber.

In diesem Moment wünschte sie sich, in einem kleinen, überschaubaren Apartment mit vielen Nachbarn zu wohnen und nicht allein in diesem großen, verwinkelten Haus an der schottischen Küste.

Sarah liebte ihr Zuhause. Nach dem furchtbaren Unglück hatte sie gehofft, hier die Schrecken der Vergangenheit zu überwinden. Aber alles erinnerte sie an die glücklichen Zeiten mit ihren Eltern, und sie spürte die Einsamkeit nur noch stärker.

Sollte sie vielleicht doch zurück nach England gehen? Dort war ihr eine Stelle als Dozentin an der Universität Cambridge angeboten worden. Nach der Entdeckung der Maya-Siedlung hatte sie Angebote von Hochschulen aus der ganzen Welt erhalten. Aber sie wollte wenigstens für kurze Zeit weg von der Archäologie, wo sie alles und jeder nur an die Vergangenheit erinnerte.

Andererseits musste sie Geld verdienen. Ihre Eltern waren zwar berühmte Wissenschaftler gewesen, aber sie hatten sich nie darum gekümmert, für die Zukunft zu sparen. Nach ihrem Tod hatte sie nur das Haus am Meer und ein wenig Geld geerbt, das mittlerweile schon fast aufgebraucht war.

Sarah zuckte zusammen, als ihr Handy auf dem Nachttisch einen Piepton von sich gab. Eine SMS. Mit zitternden Händen drückte sie einige Tasten, bis die Nachricht auf dem kleinen Monitor erschien:

„Noch wach? Wenn ja, ruf mich an! Sonst morgen!! Gruß, Ellen.“

Sarah schmunzelte unwillkürlich, während sie schon die Nummer eintippte. Typisch Ellen. Die temperamentvolle Rothaarige war ihre beste Freundin und eine Nachteule. Ein Gespräch mit ihr war jetzt genau das Richtige!

Ellen nahm sofort ab. „Sarah? Du bist wirklich noch wach? Sag nicht, es ist ein Wunder geschehen, und du warst ausnahmsweise im Pub – oder hattest du vielleicht sogar eine Verabredung?“

„Nein, nein, ich konnte einfach nicht schlafen. Was gibt’s so Wichtiges, das nicht bis morgen warten kann?“ In Vorfreude auf eine Geschichte aus Ellens turbulentem Liebesleben kuschelte Sarah sich in die Kissen.

„Ich war heute bei meiner Jobagentur. Du glaubst nicht, was ich dort zufällig gehört habe!“

„Erzähl!“

„Alain Bartand sucht einen Nachhilfelehrer für seinen kleinen Bruder!“, stieß Ellen atemlos hervor.

„Willst du jetzt etwa Nachhilfe geben? Und wer ist Alain Bartand?“

Ellen stöhnte auf. „Das kannst auch wirklich nur du fragen! Im Urwald hast du anscheinend gar nichts mitbekommen.“ Sie stockte. „Oh Sarah, es tut …“

„Schon gut“, fiel Sarah ihr hastig ins Wort, während sie versuchte, die Gedanken an den Dschungel zu verdrängen. „Du hast ja recht. Also, wer ist dieser … Barrant?“

„Alain Bartand ist Schauspieler. Ein absoluter Megastar. Er hat jede Menge französischer Filmpreise abgeräumt, dann hat ihn vor einem Jahr Hollywood entdeckt. Er ist unglaublich gut! Und er sieht einfach umwerfend aus.“

„Und darum willst du seinem kleinen Bruder Nachhilfe geben?“

„Doch nicht ich, du Dummerchen! Du! Der kleine Bruder ist fünfundzwanzig und studiert Archäologie. Er ist durch irgendeine Prüfung gefallen und muss sich jetzt in den Semesterferien auf die Nachprüfung vorbereiten. Der Job ist wie geschaffen für dich!“

„Nachhilfe? Aber …“

„Kein aber! Das Beste kommt erst noch: Du gehst für zwei Monate an die Côte d’Azur, und zwar auf die Île de Port Cros, eine kleine, einsame, furchtbar romantische Insel. Dort besitzt Alain Bartand ein riesiges Anwesen. Er zahlt ein Spitzengehalt für die Arbeit. Dafür musst du dich verpflichten, keine Fotos zu machen und später keine Interviews zu der Zeit bei ihm zu geben. Was bei dir sowieso keine Gefahr gewesen wäre. Aber mir musst du alles erzählen. Alles!“

„Ich weiß nicht, Ellen. Wenn der Job so toll ist, werden sich bestimmt Hunderte darum bewerben.“

„Aber keiner hat deine Qualifikationen. Du könntest dir Universitäten auf der ganzen Welt aussuchen! Außerdem sprichst du auch noch fließend Französisch. Alain Bartand ist dafür bekannt, dass er nur das Beste akzeptiert.“ Ellen zögerte. „Aber es ist nicht nur die Stelle, Sarah. Ich mache mir Sorgen um dich. Es tut dir nicht gut, so ganz allein mit deinen Erinnerungen in dem riesigen Haus zu sitzen. Ein paar Wochen Sonne und Strand auf einer paradiesischen Mittelmeerinsel wären genau das Richtige. Versprich mir, dass du dich wenigstens bewirbst.“

Sarah seufzte. Für einen Moment lauschte sie dem Heulen des Windes vor dem Haus und erschauerte. „Also gut. Vielleicht hast du recht. Aber ich glaube wirklich nicht, dass ich eine Chance habe.“

Drei Tage später sah Sarah vom obersten Deck aus zu, wie die Fähre in den halbmondförmigen Hafen von Port Cros steuerte. Sie war erstaunt, wie lebhaft es hier zuging, obwohl die Insel kaum mehr als siebzig Einwohner besaß.

Das türkisblaue Wasser schimmerte in der Sonne, und terrakottafarbene Häuser säumten das Ufer. Für einen Augenblick vergaß Sarah ihren Kummer und bewunderte zusammen mit ihren Mitreisenden den malerischen Anblick. Als die Fähre mit einem leichten Ruck angelegt hatte, nahm Sarah ihren Koffer und ging durch den Schiffsbauch zum Ausgang.

Sie bemerkte die neugierigen Blicke der anderen Passagiere. Die meisten von ihnen waren Urlauber, die vollgepackte Rucksäcke geschultert hatten. Vielleicht wären Jeans und T-Shirt für die Reise doch passender gewesen, überlegte sie.

Da sie heute zum ersten Mal ihrem neuen Arbeitgeber gegenüberstehen würde, hatte sie ein ärmelloses eisblaues Kleid gewählt, dazu einen hauchzarten weißen Schal. Ihre Haare waren im Nacken mit einem weißen Band zusammengebunden. Obwohl Sarah normalerweise auf Make-up verzichtete, trug sie heute Lippenstift und Wimperntusche. Sie sah schlicht und elegant aus, aber zwischen ihren Mitreisenden fühlte sie sich wie ein Fremdkörper.

Sarah zog ihre Sonnenbrille aus der Tasche, setzte sie auf und sah sich suchend um. Die Jobagentur hatte ihr nur mitgeteilt, dass man sie von der Fähre abholen würde.

„Mademoiselle Gordon?“ Ein breitschultriger braun gebrannter Mann mit einer Baseballkappe schob sich durch das Gedränge auf sie zu. Wie selbstverständlich nahm er ihr den Koffer ab. „Ich vermute, Sie sind meine Passagierin.“ Er musterte sie aus zusammengekniffenen Augen von Kopf bis Fuß, dann nickte er anerkennend. „Alains Geschmack wird von Mal zu Mal besser. Ich bin Gerard.“

Sarah blinzelte irritiert, dann nahm sie seine ausgestreckte Hand. „Mein Name ist Sarah. Sarah Gordon.“

Gerard betrachtete zweifelnd den einzigen Koffer. „Ist das Ihr ganzes Gepäck?“

„Ja.“

„Ungewöhnlich“, murmelte er. „Sehr ungewöhnlich. Ich dachte, das wäre Ihr Kosmetikköfferchen. Es ist schon eine Weile her, dass wir hier Damenbesuch hatten. Alain weiß doch von Ihrer Ankunft, nicht wahr? Ich hoffe nicht, dass Sie ihn überraschen wollen. Dann sollten Sie besser gleich die Fähre zurück zum Festland nehmen. Alain hat nämlich keine Skrupel, ungebetene Besucherinnen gleich wieder rauszuwerfen.“

Sarah hob die Brauen. War ihr Französisch eingerostet, oder war Gerard wirklich ein wenig seltsam? „Wovon reden Sie? Natürlich bin ich angemeldet! Sie sind schließlich hier, um mich abzuholen, oder nicht?“

„Schon gut, schon gut.“ Gerard klopfte ihr mit seiner schwieligen Hand auf die Schulter. „Mir müssen Sie nichts vormachen, Mädchen. Ich habe Dutzende kommen und gehen sehen.“

„Ich habe hier einen Job!“, erwiderte Sarah kühl. „Und mein Name ist Sarah Gordon! Ich bin nicht wegen Alain Bartand hergekommen, das heißt, ich arbeite nur für ihn. Die Blue Arrow Job Agentur hat mich geschickt.“

„Schon gut, schon gut.“ Gerard lachte freundlich. „Ich weiß, dass eine Archäologin ankommen sollte. Aber Sie sehen nicht einmal aus, als ob Sie Ihr Studium bereits beendet hätten. Wir hatten schon ein paar bessere Ausreden, mit denen die Mädchen sich hier einschleichen wollten. Die Frauen sind nämlich ganz verrückt nach dem armen Alain und …“

„Er hat mein tiefes Mitgefühl“, fiel Sarah ihm ins Wort. „Es muss wirklich entsetzlich sein, ständig von Frauen belästigt zu werden. Aber könnten wir jetzt vielleicht fahren? Ich habe eine lange Reise hinter mir, und das Privatleben von Monsieur Bartand interessiert mich nicht.“

„Gut, wie Sie meinen. Aber denken Sie an meine Worte, ich habe Sie gewarnt.“ Gerard wirkte noch immer nicht ganz überzeugt, zuckte jedoch seine breiten Schultern. Dann führte er Sarah über einen hölzernen Bootssteg zu einem schnittigen Motorboot.

„Gibt es keine Straße über die Insel?“, erkundigte sich Sarah, als sie abgelegt hatten.

„Straße wäre zu viel gesagt, nur einen schlecht gepflasterten Weg“, erwiderte Gerard, während das kleine Boot über das spiegelglatte Wasser schoss. „Die ganze Insel ist ein Naturschutzgebiet, und nur wenige Anwohner besitzen Autos. Mit einem Boot kommt man einfacher und schneller in den Ort.“

„Wieso hat Monsieur Bartand ein Anwesen in einem Naturschutzgebiet?“, fragte Sarah neugierig.

Monrepos ist schon seit vielen Generationen im Familienbesitz. Die Bartands waren die ersten Siedler hier, und Alain gehört noch immer die Südspitze der Insel“, erklärte Gerard. „Seit vielen Jahren unterstützt er die Einheimischen von Port Cros. Früher haben die jungen Leute die Insel direkt nach der Schule verlassen, um aufs Festland zu ziehen. Hier gab es weder Jobs noch Schule oder Arzt. Monsieur Bartand hat eine Schule eingerichtet, er beschäftigt mehr als die Hälfte der Einwohner. Und wir haben zwar kein Krankenhaus auf der Insel, aber Alain hat für eine erstklassig ausgestattete Krankenstation und einen qualifizierten Arzt gesorgt.“

Sarah hörte fasziniert zu, bis Gerard schließlich das Tempo drosselte und geschickt in einen kleinen natürlichen Hafen steuerte. Sie hatten kaum das Boot verlassen, als ein Land Rover am Bootssteg hielt. Zwei Männer mit dunklen Sonnenbrillen stiegen aus und liefen auf sie zu. Ihnen folgte langsamer eine kleine kräftige Frau in einem dunkelblauen Kleid.

Gerard stellte sich neben Sarah, als wäre er bereit, ihr Beistand zu leisten, und sah der kleinen Gruppe mit zusammengekniffenen Augen entgegen.

„Mademoiselle Gordon“, murmelte er aus dem Mundwinkel. „Ich habe für Sie getan, was ich konnte. Jetzt müssen Sie für sich selbst sorgen.“

Sarah wusste selbst nicht, warum sie plötzlich so nervös war. Sie trat einen Schritt vor und lächelte die Frau an.

„Wen hast du denn diesmal wieder mitgebracht, Gerard?“, fragte die Fremde in verächtlichem Tonfall. Sie würdigte Sarah keines Blickes. „Am besten, du lädst sie sofort wieder ein und bringst sie zurück.“

Gerard unterbrach sie mit einer Handbewegung. „Mademoiselle Gordon ist wegen eines Jobs hier, Françoise.“

„Das nächste Mal bist du deinen Job los, Gerard!“ Françoise drehte sich zu Sarah um und starrte sie aus blassblauen Augen an. „Was denken Sie sich dabei, sich hier so dreist einzuschleichen? Dies ist der einzige Ort, an dem Monsieur Bartand seine Ruhe finden kann. Aber selbst hierher müssen Sie und Ihresgleichen ihn verfolgen!“

„Offenbar liegt hier ein Missverständnis vor. Ich kenne Monsieur Bartand nicht einmal“, entgegnete Sarah laut und deutlich.

Françoise lachte humorlos auf. „Sie kennen ihn nicht einmal?“, wiederholte sie gedehnt. „Und ich dachte schon, Sie wären mal wieder eine seiner Exfreundinnen, die ohne ihn nicht leben kann.“

Erleichtert seufzte Sarah auf. „Ich komme von der Blue Arrow Agentur.“

„Das stimmt, Françoise. Ich habe vom Büro den Auftrag bekommen, sie abzuholen“, warf Gerard ein. „Sie ist die Archäologin.“

„Natürlich. Und ich bin die kleine Meerjungfrau. Eine dümmere Ausrede habe ich noch nie gehört.“

Mittlerweile war Sarah mit ihrer Geduld am Ende. Am liebsten wäre sie, wie Françoise ihr geraten hatte, direkt zum Hafen zurückgefahren. Nach allem, was sie über ihn gehört hatte, verabscheute sie Alain Bartand schon jetzt. Er mochte ein Wohltäter für seine Insel sein, aber sicherlich keine Bereicherung für die Frauenwelt.

Leider konnte Sarah sich den Luxus nicht leisten, auf diesen Job zu verzichten. Ihr letztes Geld reichte kaum noch für die Rückfahrt.

„Warum fragen Sie nicht einfach Monsieur Bartand, wenn Sie selbst nicht Bescheid wissen“, schlug sie Françoise ärgerlich vor.

Das Gesicht der älteren Frau rötete sich. „Glauben Sie mir, wir kennen alle Tricks, mit denen die Frauen versuchen, sich bei Monsieur Bartand einzuschmuggeln. Unser Job –“, sie deutete auf die beiden Bodyguards, „– ist es, unerwünschte Besucher fernzuhalten. Ich …“

Sarah nahm all ihren Stolz zusammen. Sie war nicht hergekommen, um sich beleidigen zu lassen. „Ich schlage vor, Sie greifen endlich zum Telefon und rufen entweder Ihren Boss oder meine Agentur an, um die Sache zu klären. Ich habe eine lange Reise hinter mir und bin müde und hungrig.“

Eine Spur Unsicherheit flackerte in den blassblauen Augen auf. „Unser Telefon ist heute gestört.“

Gerard nickte erleichtert. „Daran wird es liegen! Gib dir einen Ruck, Françoise, und heiße das Mädchen willkommen!“

Sarah konnte sehen, dass Françoise sie am liebsten umgehend zurückgeschickt hätte.

„Steigen Sie ein“, erklärte die ältere Frau zu Sarahs Verwunderung mürrisch.

Gerard nickte Sarah ermutigend zu. „Sieht so aus, als hätten Sie es geschafft. Ich fahre dann mal zurück.“ Unter Françoises missbilligendem Blick trug er Sarahs Koffer zum Land Rover, dann verabschiedete er sich und raste mit seinem Boot davon.

Als Sarah auf den Beifahrersitz kletterte, fühlte sie sich plötzlich so erschöpft und verlassen, dass sie nur mit Mühe ihre Tränen zurückhalten konnte. Doch sie würde dieser Françoise nicht zeigen, wie sehr der unfreundliche Empfang sie verletzt hatte.

Als die beiden Männer auf dem Rücksitz saßen, steuerte Françoise den Land Rover mit halsbrecherischer Geschwindigkeit über eine Art Schotterpiste. Die Reifen knirschten auf den Steinen.

Nach wenigen Minuten führte der Weg an einer alten, mit wildem Wein bewachsenen Steinmauer entlang zu einem großen schmiedeeisernen Tor. In der Ferne erkannte Sarah im Schatten uralter Pinien eine große Villa.

Der Ort wirkte so still und ruhig, dass Sarah die Augen schloss und tief einatmete. Der Duft von Lavendel, wildem Jasmin und Mittelmeerkräutern stieg ihr in die Nase. Zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Eltern spürte sie einen Moment des Friedens.

In diesem Augenblick stoppte Françoise den Wagen, beugte sich über Sarah hinweg und öffnete die Beifahrertür. „Hier trennen sich unsere Wege, Mademoiselle Gordon.“ Sie deutete mit dem Daumen in die entgegengesetzte Richtung. „Wenn Sie immer geradeaus gehen, kommen Sie irgendwann nach Port Cros. Lassen Sie es sich eine Lehre sein – versuchen Sie nie wieder, sich irgendwo mit dummen Tricks einzuschleichen.“

Fassungslos starrte Sarah die ältere Frau an. „Aber … hatten Sie von Anfang an vor, mich zurückzuschicken?“

„Selbstverständlich!“, schnaubte Françoise. „Haben Sie wirklich geglaubt, mit so einer albernen Geschichte hier durchzukommen? Nein, nicht mit mir!“

„Warum haben Sie mich dann nicht einfach mit Gerard mitfahren lassen?“

„Sie hatten Ihre Chance, oder etwa nicht? Sie hätten sie nutzen sollen“, erwiderte Françoise kalt. „Und jetzt steigen Sie endlich aus! Sie haben schon mehr als genug von meiner Zeit verschwendet.“

Sie gab den Männern ein Zeichen und einer warf den kleinen Koffer aus dem Wagen. Sarah begriff, dass die ältere Frau sie nicht auf das Grundstück lassen würde. Sie nahm ihren letzten Stolz zusammen und stieg ohne ein weiteres Wort aus. Kaum hatte sie die Tür mit einem Knall hinter sich zugeworfen, öffnete Françoise mit einer Fernbedienung das Tor und fuhr mit knirschenden Reifen los.

Das darf nicht wahr sein! dachte Sarah. Ungläubig schaute sie zu, wie sich das Tor langsam hinter dem Wagen wieder schloss. Wie hatte sie nur in so einen Schlamassel geraten können?

Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, einfach noch schnell durch den Spalt zu schlüpfen, aber bestimmt rechnete Françoise schon damit und würde sie mit Freuden wieder vom Grundstück vertreiben. Sie presste die Lippen zusammen, nahm ihren Koffer auf und ging langsam den Weg zurück.

Nach einigen Metern blieb sie stehen und stemmte die Fäuste in die Taille. Nein! So einfach ließ sie sich nicht wegschicken! Sie musste eine Möglichkeit finden, mit Alain Bartand persönlich zu reden.

Er war sicherlich ein arroganter Frauenheld mit einem schlechten Geschmack bei seinem Personal, aber er würde auch wissen, dass er sie selbst engagiert hatte, um seinen Bruder zu unterrichten.

Sie blieb stehen und drehte sich um. Nachdenklich betrachtete sie die Mauer. Sie war hoch, mehr als zwei Meter schätzte sie, aber zwischen den einzelnen Steinen befanden sich tiefe Fugen, in denen sie Halt suchen könnte.

Sarah blickte sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Hastig lief sie zu der Mauer zurück, stellte ihren Koffer ab und versuchte, einen Fuß zwischen die Fugen zu schieben. Doch ihr schmaler knielanger Rock behinderte ihre Bewegungen, und die Naht knirschte bedrohlich. So würde es niemals klappen! Die Mauer war zu hoch.

Außerdem würde sie bei der Kletterei ihr bestes Kleid ruinieren, und sie musste einen guten Eindruck auf Monsieur Bartand machen. Noch einmal vergewisserte Sarah sich, dass niemand in der Nähe war, dann zog sie kurz entschlossen das Kleid über den Kopf und faltete es sorgfältig zusammen. Sie reckte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, das kleine Bündel auf die Mauer zu schieben. Zu ihrem Entsetzen rollte es auf der anderen Seite hinunter. Macht nichts! beruhigte sie sich. In zwei Minuten würde sie selbst auf der anderen Seite sein und konnte es wieder anziehen.

Nur mit ihrem kurzen seidenen Unterrock und ihrer hauchzarten Unterwäsche bekleidet, kletterte sie auf ihren Koffer und zog sich mühsam die Mauer hinauf. Ihre Füße fanden Halt in einer Fuge, und sie schob sich höher. Nur noch ein kleines Stückchen! sprach sie sich Mut zu. Schwer atmend hielt sie einen Moment inne. Es war höher, als sie gedacht hatte.

In diesem Moment legten sich zwei starke Hände fest um ihre Taille. Sarah schrie auf und fiel rücklings an eine harte Brust. Plötzlich lockerte sich der Griff, und sie landete unsanft auf ihrem Hinterteil.

„Au! Was soll das?“, rief sie wütend.

Sie schaute auf und blickte direkt in zwei unglaublich blaue Augen, die zu dem attraktivsten Mann gehörten, den sie jemals gesehen hatte. Als ihre Blicke sich trafen, fühlte sie sich, als würde sie von einem Stromstoß erfasst. Hastig wandte sie die Augen ab. Ihre Beine zitterten, ihr Herz raste wie wild.

Sarah versuchte, die starke, sinnliche Anziehungskraft des Fremden zu verdrängen. Sie war es nicht gewohnt, in dieser Weise auf einen Mann zu reagieren. Unwillkürlich musterte sie ihn.

Der Mann war zu lässig gekleidet, um ein Angestellter zu sein. Auf seinen schmalen Hüften saß eine verwaschene Jeans mit abgeschnittenen Beinen. Dazu trug er nur ein weißes offenes Hemd und Flip-Flops. Schwarze Locken reichten bis auf den Kragen, und sein markantes Kinn war von einem dunklen Bartschatten bedeckt. Sein Körper war so perfekt, als hätte ein antiker Bildhauer ihn geschaffen. Das offene Hemd unterstrich seine atemberaubend erotische Ausstrahlung noch.

„Was tun Sie da?“ Ohne ein Lächeln sah er auf sie hinunter. „Wieso versuchen Sie, auf mein Grundstück zu klettern?“

Als ihr bewusst wurde, dass sie ihn anstarrte, wandte sie hastig erneut die Augen ab, während ihr das Blut in die Wangen schoss.

„Sind Sie taub? Ich habe Sie gefragt, wieso Sie auf mein Grundstück klettern wollen?“, herrschte er sie an.

Sarah zuckte unter seinen schroffen Worten zusammen. Mit zitternden Knien stand sie auf. Das musste ihr Arbeitgeber sein! Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie nur ihren seidenen Unterrock und Dessous trug.

„Sind Sie … Monsieur Bartand?“, fragte sie zögernd.

„Der bin ich, und ich frage Sie zum letzten Mal, was Sie hier wollen.“

Sarah schob das Kinn vor. „Mein Name ist Sarah Gordon. Sie haben mich engagiert“, erklärte sie mit so viel Würde, wie ihr möglich war.

Alain Bartand schüttelte den Kopf. „Soll das ein Witz sein? Wofür sollte ich jemanden wie Sie engagieren?“, erwiderte er spöttisch. „Sind Sie ein besonders aufdringlicher Fan oder eine Reporterin?“ Er betrachtete sie mit einem langen Blick vom Kopf bis zu den Zehenspitzen und lachte humorlos auf. „Nein, sicher keine Reporterin“, stellte er verächtlich fest.

Sarah starrte Alain Bartand fassungslos an. „Ich bin den ganzen Weg aus Schottland angereist, um für Sie zu arbeiten!“, stieß sie hervor.

„Dann wünsche ich Ihnen eine gute Heimreise“, erklärte er kalt.

„Ich soll hier für Sie arbeiten! Mein Name ist Sarah Gordon“, wiederholte sie lauter und langsamer. Konnte es sein, dass er ihr Französisch nicht verstand?

„Ach, wirklich? Falls Sie es noch nicht begriffen haben, sage ich es Ihnen jetzt noch einmal klar und deutlich: Ich möchte nicht, dass Sie für mich arbeiten. Ihre Reise war umsonst – was auch immer Sie damit bezweckt haben.“

„Aber ich habe einen Vertrag mit der Blue Arrow Agentur!“, widersprach Sarah.

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