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Prager Requiem

Inhaltsverzeichnis

Introitus

Teil 1. Requiem aeternam

Teil 2. Dies irae

Teil 3. Domine Jesu

Teil 4. Sanctus

Teil 5. Agnus Diaboli

Ite, missa est

Anmerkungen & Worterklärungen

Introitus

25. April 1996

Der Tod besitzt etwas Schönes und Erhabenes. Wie er da so hängt, still und friedlich, strahlt er eine Würde aus, die er in seinem ganzen armseligen Leben nicht gekannt hat.

Die alten Meister wussten um die Würde des Todes. Ihre Bilder spiegeln die Ehrfurcht, die sie ihm entgegenbrachten. Sie wussten um den weihevollen Ernst des Todes, den wir heute nicht mehr kennen.

Auch ich habe ein Kunstwerk geschaffen. Aber was für eine mühsame Arbeit, was für eine Plackerei. Das viele Blut. Unästhetisch.

Doch jetzt empfinde ich dieses herrliche, wunderbare, nie gekannte Gefühl. Ich bin voller Ruhe und

Genugtuung?

Freude?

Siegestaumel?

Mag sein, aber dahinter verbirgt sich etwas Größeres, ErhabeneresLust!

Jetzt weiß ich, was mich an den Märchen und Sagen, die mir Vlasta als Kind erzählte, so faszinierte. Vor allem an der Sage von der Wilden Šárka. Es war die Lust am Töten.

Prag, die Hunderttürmige und Goldene, ist vor allem einsein Opferstein der Geschichte.

Ich habe ein Opfer hinzugefügt. Die Inszenierung hat etwas von der Schönheit alter Heiligenbilder. Ein vom Schmerz verklärtes Gesicht, das dieser Welt bereits entsagt hat.

„Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“, heißt es bei Rilke.

Und das ist es: Der Anfang meines neuen Lebens.

Teil 1
Requiem aeternam

29. und 30. April 1996

Exakt um 13.31 Uhr trafen Václav Svátek und Eva Krásná ein. Vor dem Haus in der Přistavní 27 stand ein Wagen der Stadtpolizei und sperrte den Zugang ab. Aus dem Wagen drang gedämpfte Countrymusik. Neben dem Wagen gingen zwei Polizisten auf und ab. Die ersten Schaulustigen hatten sich vor der Absperrung versammelt. Ganz vorne stand eine junge Mutter mit einem Säugling auf dem Arm, die blanke Neugier im Gesicht.

Svátek nickte dem älteren der beiden Polizisten zu: „Ahoj, Karel.“

Der Mann erwiderte Sváteks Gruß und wies über den Hof: „Dort hinten, Herr Major.“

Mit offenem Mund starrte Karels Kollege Eva an. Seine Augen wanderten langsam von ihren hohen Pumps über die langen Beine und den engen Rock hinauf zu ihren großen Brüsten. Die glänzend blonde Mähne fiel locker über ihre Schultern. Nur kurz verharrten seine Augen auf ihrem schönen slawischen Gesicht. Dann begann er erneut, sie mit seinen Blicken auszuziehen.

Schließlich starrte er Svátek an. Dieser konnte die Verachtung förmlich spüren. Für den kleinen Polizisten sah der Leiter der Prager Mordkommission nach zu viel Geld aus. Sváteks hellgrauer Leinenanzug, das marineblaue Hemd und die maisgelbe Seidenkrawatte mussten ein kleines Vermögen gekostet haben. Genauso wie die Schuhe mit dem kleinen Messingschild: Milano Torresi. Auch Sváteks randlose Brille war sicher nicht billig gewesen. Und erst recht nicht der Cadillac Sixty Two, mit dem er vorgefahren war. Einen Augenblick lang spürte Svátek den Blick des Polizisten auf der langen Narbe an seinem Unterkiefer ruhen. Bis heute dachten viele, daran wäre ein Messerstecher schuld. Nur wenige kannten die Wahrheit. Es waren die Kommunisten gewesen.

Svátek schritt mit Eva zum Tatort. Ein schlanker, groß gewachsener Mann mit kurzem weizenblonden Haar und aristokratischen Gesichtszügen. Er hörte noch, wie Karel seinem Kollegen zuflüsterte: „Das ist der berühmte Major Svátek.“ Und er hörte auch, was der andere Polizist antwortete: „Svátek, der Heilige. Haben wir nicht schon genug Heilige in diesem Land?“

Entschlossen ging Svátek auf den Tatort zu. Das Miethaus auf der rechten Seite sah aus wie das schrundige Gesicht eines alten Mannes. An den weißen Doppelfenstern blätterte die Farbe ab, der Putz bröckelte, die Dachrinnen waren durchgerostet und das Pflaster krumm getreten. Die Bewohner lehnten sich weit aus den Fenstern und starrten auf den Hof. Ein paar von ihnen hatten sich ein Kissen auf die Fensterbank gelegt. Jetzt fehlten nur noch das Urquell und die Erdnüsse. Ein Mann im Erdgeschoss, bleich, knochig, kahl, starrte Svátek vorwurfsvoll an: Wie könnt ihr nur zulassen, dass so etwas hier passiert? Der Mann kam Svátek auf eine fremde Weise vertraut vor. Das knochige Gesicht erinnerte ihn an Pokorný.

Am Ende des Hofes standen in einer Reihe fünf Garagen mit rostbraunen Stahltüren, daneben eine alte Halle mit Flachdach, die weiträumig mit einem Plastikband abgesperrt war. Vor der Absperrung humpelte eine alte Frau wie ein grimmiger Kettenhund auf und ab. „Na endlich, ich hab um eins angerufen, warum lasst ihr euch so viel Zeit? Man bezahlt schließlich seine Steuern“, bellte sie Svátek mit verkniffenem Gesicht an. Die Alte trug zerschlissene Hausschuhe mit riesigen Löchern, aus denen ihre Hühneraugen ins Freie blickten. Auf ihrer Arbeitsschürze ließ sich mühelos der Speiseplan der letzten Wochen ablesen, und die Warze auf ihrer Nase funkelte Svátek böse an. Schon setzte die keifende Stimme erneut ein. „Ich bin die Maierová.“ Dann brach ein lauter Redeschwall aus ihr heraus: über den Gestank im Hinterhof, über die Katzen der Fischerová, die hier alles vollscheißen würden, und wie sie schließlich in die Halle gegangen sei, weil dieser Geruch doch irgendwie sonderbar war. Jedes Wort ein Biss, jeder Satz ein Hieb. Sváteks Augen wurden schmal, als er dicht vor die Alte trat und leise fragte: „Und was haben Sie in der Halle gesehen?“

„Nichts“, antwortete sie, „da drin ist es so dunkel wie in einer Höhle.“

„Und woher wissen Sie dann …?“

„Weil ich den Krieg erlebt habe. So riecht es nur, wenn einer schon halb verfault ist.“

Svátek dachte an seine Kindheit in Berlin. An all die Trümmer und Leichenberge. Er nickte.

„Das da drin“, quasselte die Maierová weiter, „kann nur der Jiří Schwarz sein, dieser Zuchthäusler.“

„Woher kennen Sie Jiří Schwarz?“

„Der wohnt bei uns im Haus. Er hat die schönste Wohnung gekriegt.“

Svátek warf einen Blick auf den Mann am Fenster. Der starrte ihn noch immer an. Mit einer energischen Handbewegung schnitt Svátek der Alten das Wort ab, zog mit raschem Griff seine Luger aus dem Halfter und schaltete die große Stablampe ein. Entschlossen schritt er auf die Halle zu und stieß die Tür mit einem heftigen Tritt auf. Er verschwand in der Halle, um keine zehn Sekunden später wieder herauszutaumeln. Nach Luft japsend lehnte er sich an die Wand und kotzte.

„Was ist da drinnen?“, fragte Eva.

Er zuckte mit den Schultern, würgte erneut.

„Dieser Gestank …“

Svátek sog die frische Luft tief in sich ein. Dann ging er zurück zur Hallentür und stieß die beiden Flügel mit dem Fuß auf.

Eva griff in ihre Handtasche und nahm einen Flakon Parfüm heraus. Sie tränkte ihr Taschentuch mit Passion und hielt es sich unter die Nase. Dann reichte sie den Flakon Svátek. Mit einem Taschentuch unter der Nase schritt dieser erneut auf die Tür zu. Eva folgte ihm.

„Was wir da wohl finden werden?“, fragte sie.

„Dem Gestank nach ein gutes Dutzend toter Katzen oder einen toten Zuchthäusler.“

Vorsichtig, um keine Spuren zu verwischen, betraten sie die Halle. Ein süßlicher Geruch schlug ihnen entgegen.

Durch die geöffnete Tür drang Tageslicht herein, dennoch lag der größte Teil der Halle im Dunkeln. Svátek suchte den Lichtschalter, vergeblich. Eva leuchtete ihm. Im Schein der Lampe sah er, dass ihn die geöffnete Motorhaube eines Porsche Targa anstarrte wie das hungrige Maul eines Haifischs. Der Motor fehlte. Dieser stand auf einer Werkbank. Sváteks Blick wanderte zur Decke. Etwas unterhalb der hohen Betondecke verlief eine Eisenschiene. Sie führte von der linken Seitenwand in einem Bogen zur Mitte der Halle, dann nach hinten, wo sie in einem zweiten Bogen an der Wand endete.

Da setzte die Musik ein.

Requiem aeternam dona eis, Domine:

et lux perpetua luceat eis.

Nach dem Introitus erwartete Svátek das Kyrie. Doch nach einer kurzen Pause erklang erneut der Introitus:

Requiem aeternam

Mozarts Requiem, komponiert auf dem Sterbebett.

In diesem Augenblick ging das Licht an. Eva hatte den Schalter gefunden. Jetzt konnten sie sehen, woher der Gestank kam. Im hinteren Teil der Halle hing etwas an einer Kette von der Decke – ein Mensch. Man sah nur ein paar behaarte Beine, Kopf und Oberkörper steckten in einem rostigen Fass, das fast bis zum Rand mit einer zähen, dunklen Flüssigkeit gefüllt war. Svátek ging langsam auf den Toten zu. Die Beine waren mit einer schweren Kette zusammengebunden, die zu einem Elektromotor an der Decke führte. Soweit er sehen konnte, war der Tote völlig nackt.

Eva blickte in das Fass. „Altöl.“

Füße und Beine waren bereits in Verwesung übergegangen und die Kette hatte sich tief ins Fleisch gegraben. Svátek presste sein Taschentuch auf Mund und Nase.

„Maden. Da werden sich die Schneemänner freuen“, sagte er.

Es war das Schlimmste, was er je gesehen hatte; einschließlich der Morde des Prager Zerhackers. Svátek ging in die Knie. Das Fass stand beinahe einen halben Meter über dem Boden auf einigen Steinen. Er streifte sich ein Paar Latexhandschuhe über, nahm einen Schraubenzieher von der Werkbank und stocherte unter dem rostigen Fass herum. Asche und Schlacke.

„Wer immer den Kerl umgebracht hat, hat ihn vermutlich vorher noch gefoltert.“

Um das Fass herum war der Lehmboden schwarz vom Öl, ein paar Fußabdrücke zeichneten sich ab. Auf der Werkbank herrschte ein gewaltiges Chaos. Schrauben, Muttern, Unterlegscheiben, Dichtungsringe, ein paar Schraubenschlüssel, ein Hammer, ein Bandmaß, Schraubenzieher, eine Bohrmaschine und ein Winkelschleifer, alles lag wild durcheinander. In einem mit Ölflecken verschmierten Karton von Giovannis Pizzaservice lag eine angebissene, mit Schimmel überzogene Pizza. Daneben stand eine halbleere Flasche Asti Spumante. Svátek nickte Eva zu. Fürs Erste hatten sie genug gesehen. Sie verließen die Halle.

Der Alte lehnte noch immer im Fensterrahmen und starrte zu ihnen herüber. Svátek griff zu seinem Handy und rief die KTU an. „Wir haben hier etwas für euch. Das volle Programm. Kommt so schnell ihr könnt.“

Knapp fünfzehn Minuten später waren sie da. Petra Kuhnová führte die Schneemänner in ihren weißen Schutzanzügen an.

„Was, wann, wie, und das alles möglichst sofort“, begrüßte ihn die Kuhnová. „Ich weiß.“

„Wir lassen euch in Ruhe arbeiten“, entgegnete Svátek.

Die Schneemänner setzten ihre Gesichtsmasken auf und streiften sich dünne Latexhandschuhe über. Dann gingen sie in die Halle und packten ihre Metallkoffer aus. Fotoapparate, Blitzlicht, eine Videokamera, Plastiktüten, Pulver, Flüssigkeiten und Werkzeuge.

Es war gut, dass die Kuhnová diesen Tatort übernommen hatte. Sie war ein resolutes Weib von knapp drei Doppelzentnern, die nicht viele Worte machte, aber ihre Arbeit mit zäher Verbissenheit verrichtete. Ihr entging nichts, und ihre Berichte waren so scharf wie ein Rasiermesser.

In diesem Augenblick kamen Sváteks Kollegen Baloun und Fischer über den Hof. Baloun, groß, massig und mit nur unvollkommener Rasur, schritt wie ein König auf Svátek zu. Er trug, was er immer trug: Eine mausgraue Hose und ein hellblaues Hemd mit offenem Kragen, das sich über seinem veritablen Bauch spannte. Einen dunkelblauen Blouson, der an den Ärmeln etwas abgewetzt war und dessen Kragen ein Meer voller Schuppen bedeckte. Die leicht fettigen Haare waren nach hinten gekämmt und standen am Kragen auf. Äußerlich war er die Inkarnation des Bierund Knödeltschechen, wovon nicht zuletzt sein rundes Gesicht und die roten Wangen zeugten. Jeder, der ihn so sah, hätte ihn für einen einfachen Menschen mit schlichtem Gemüt gehalten. Aber Baloun war weder das eine noch das andere. In seinem runden Gesicht saßen zwei wache Augen, die jeden kritisch musterten und deren spöttischer Ausdruck fast niemanden verschonte. Seine bissigen Bemerkungen über seine Vorgesetzten, mit Ausnahme von Svátek, wurden von vielen Kollegen wie die Aussprüche eines Weisen behandelt.

Einen Schritt hinter Baloun kam Fischer. Auch er, hager und gut zwei Köpfe kleiner als Baloun, blieb der vor vielen Jahren gewählten Kleidung treu: Altmodischer dunkelgrauer Anzug mit Fischgrätmuster und dunkelbraune Schuhe, wie sie vor zwei oder drei Jahrzehnten im Kreis biederer Bürger der Sozialistischen Republik schick gewesen sein mochten. Dazu eine dunkelblaue Krawatte. Morgen würde er eine silberne tragen und übermorgen wieder die dunkelblaue. Das war das Äußerste, was er sich an Abwechslung gönnte, denn wie bei Baloun war Konstanz sein Markenzeichen. Und seine unerschütterliche Treue zu Baloun. Die beiden würden am gleichen Tag in den Ruhestand gehen. Auf die Minute genau. Ein perfekteres Team konnte man sich kaum vorstellen.

„So etwas Scheußliches habe ich noch nicht gesehen“, begrüßte Svátek die beiden.

„Das schau ich mir an“, sagte Baloun und ging, ohne zu zögern, in die Halle. Wenig später kam er zurück. Sein Blick fiel auf die Hausbewohner an den Fenstern. „Die haben heut einen Logenplatz.“

Der knochige Mann im Erdgeschoss führte gerade eine Bierflasche zum Mund.

„Prost“, sagte Baloun trocken.

„Also“, sagte Svátek, „fangen wir an.“

Die Klingeln an der Haustür verrieten, dass in dem Wohnblock neun Parteien lebten. Jeweils zwei Wohnungen lagen einander gegenüber. Im obersten Geschoss gab es nur eine Wohnung. Wie immer fingen Baloun und Fischer unten an, während Svátek und Eva die oberste Wohnung, die des Toten, durchsuchten. Die Tür war mit drei Schlössern gesichert, und bislang hatten sie nirgends einen Schlüssel gefunden. Sie streiften sich erneut Latexhandschuhe über, Svátek zog ein Lederetui mit einem Bund kleiner Stifte und Schlüssel hervor, und nach wenigen Handgriffen sprang die Tür auf.

Verschaff dir zuerst einen Überblick. Den Rat seines alten Mentors, Hauptmann Sterzik, hatte Svátek zu seiner Maxime gemacht. Der Hauptmann war ein sanfter Mensch und überzeugter Kommunist gewesen. Für ihn hatte das Verbrechen nur existiert, weil die gesellschaftliche Entwicklung noch nicht abgeschlossen war. So wenig Svátek diese Meinung teilte, so viel hatte er von dem erfahrenen Kriminalisten gelernt. Wenn du einen Raum betrittst, achte auf den ersten Eindruck. Auch diese Regel des Hauptmanns war Svátek in Fleisch und Blut übergegangen. In der Wohnung von Jiří Schwarz bemerkte Svátek eines sofort: Die Bilder passten nicht zusammen. In der Halle überall Unordnung und Schmutz, während die helle Penthousewohnung mit Designermöbeln ausgestattet war.

Sie fingen mit der Küche an. Eine Theke mit drei eleganten Sitzen aus gebürstetem Aluminium beherrschte den Raum. Der Kühlschrank war bis auf ein Glas mit sauren Gurken und ein paar Eiern leer. Auf einem Teller lag ein Stück Apfelstrudel, auf einem anderen ein paar Scheiben mit vertrocknetem Rauchkäse. Aus dem offenen Backofen drang der schwache Geruch von Zwiebeln und Knoblauch.

Auch im Schlafzimmer war alles peinlich sauber und aufgeräumt. Über die ganze Länge einer Wand verlief ein begehbarer Schrank aus Mahagoni. Sämtliche Hosen, Jacketts und Anzüge waren schwarz. Auch ein Smoking hing dort, sorgfältig in eine Zellophanhülle verpackt, als sei er soeben aus der Reinigung gekommen. Die Hemden waren fast alle weiß, nur hin und wieder gab es ein beiges oder ein hellblaues. Dazu jede Menge Krawatten. Auf dem Boden standen italienische Schuhe aus feinem Leder.

Sie schauten sich gründlich um, blickten unter die Teppiche und hinter die Bilder. Nichts. Auf dem Nachttisch lag die Brieftasche des Toten mit dreihundertfünfundsiebzig Kronen und zweiundzwanzig Heller sowie einer Kundenkarte der Komerčni banka. Keine Kreditkarte, keine EC-Karte.

Eva war es, die schließlich die Handschellen entdeckte. Eine an jedem Bettpfosten. Das erklärte auch den kleinen Schlüssel auf dem Nachttisch. Eva probierte ihn aus. Er passte in alle vier Schlösser. Sie nahm einen Kugelschreiber, hob eine der Handschellen hoch und entdeckte ein paar winzige dunkelrote Spritzer. Blut? Die gleichen Spuren fanden sich auch an den anderen Handschellen.

„Hier hat sich offensichtlich jemand heftig gewehrt.“

Eva fand noch etwas. In der Mitte der Matratze schimmerte etwas durch das dünne Leintuch. Vorsichtig hob sie das Tuch hoch. Ein kleiner Fleck.

„Könnte Blut sein.“

Das Wohnzimmer war riesig. Über seine gesamte Länge erstreckte sich eine Fensterfront aus getöntem Glas und bot einen herrlichen Blick über die Stadt.

Irgendetwas irritierte Svátek.

Sein Blick glitt suchend durch den Raum. Die Sitzgruppe aus schwarzem Nappaleder und der dunkle Marmortisch standen genau in der Mitte. Hinter ihnen eine hohe Schrankwand. Neben der Sitzgruppe hingen drei Kunstdrucke, der Größe nach geordnet: Das weiße Pferd von Gaugin, Signacs Leuchtturm bei Groix und van Goghs Blick auf Arles. Doch auf der linken Seite hing nur ein Bild, die Nymphéas von Monet. Zwei kaum sichtbare Ränder aus feinem Staub zeugten davon, dass hier zwei weitere Bilder gehangen hatten. Auf dem Beistelltisch neben dem rechten Sessel stand eine Bronzefigur, eine nackte Frau mit endlos langen Beinen und riesigen Brüsten. Der Sockel der Figur hatte die Form einer Ellipse. Exakt das gleiche Beistelltischchen stand neben dem linken Sessel. Svátek kniete sich davor, neigte den Kopf und blickte auf die Tischplatte. Auf der staubigen Oberfläche erkannte er den kaum sichtbaren Abdruck eines Ovals. Irgendjemand hatte die Symmetrie des Raumes zerstört. Svátek nahm die Bronzefigur in die Hand und drehte sie um. Eine Reproduktion aus Taiwan. Dafür würde niemand morden.

„Fällt es dir auch auf?“, fragte er Eva.

„Die Wohnung eines schwachen Menschen. Nur ein schwacher Mensch braucht so viel Symmetrie.“

Während sie ihre Augen durch den Raum schweifen ließ, fügte sie hinzu: „Und eines einsamen. Es gibt so gut wie nichts Persönliches, keine Fotos, keine Briefe, nicht einmal einen Kontoauszug oder ein Telefonverzeichnis.“

„Der letzte Brief war eine Aufforderung des Finanzamts, die Steuererklärung bis zum September des vergangenen Jahres einzureichen.“

Einsam sein, das kannte Svátek.

Sein Blick fiel auf das Telefon. Er nahm den Hörer ab und drückte auf Wahlwiederholung. Auf dem Display erschien eine Nummer, die er sich notierte. Dann betätigte er die Kurzwahltasten. Nichts.

Es läutete an der Tür. Draußen stand die Kuhnová.

„Das müsst ihr euch ansehen.“

Als sie in die Halle kamen, umstanden die Schneemänner das Fass mit dem Toten. Neben ihnen Baloun und Fischer.

„Zeigt’s ihnen“, sagte die Kuhnová. Zwei der Schneemänner zogen an der Kette und hievten den Leichnam nach oben. Dann banden sie die Kette mit einem Seil an der Werkbank fest. Die starken Scheinwerfer der KTU tauchten die Szene in ein gespenstisches Licht.

Träge tropfte das Öl von dem Toten. Und dann sahen sie es. Der Mann trug einen Strahlenkranz um den Kopf, der im Licht der Halogenlampen silbrig blitzte. Der Mörder hatte seinem Opfer lange Schrauben in den Kopf getrieben, die weit abstanden.

„Vašek, schau.“ Wie viele Kollegen sprach die Kuhnová Václav Svátek mit der Verkleinerungsform seines Vornamens an. Nun nahm sie einen kleinen Pinsel und strich ein wenig Öl von der Schläfe des Toten, genau dort, wo eine der Schrauben steckte. Eine schmale Blutkruste wurde sichtbar.

„Das entstand post mortem. Sonst hätte die Wunde viel stärker geblutet.“

Als Svátek näher trat sah er, dass Kopf und Oberkörper des Toten rundum mit Brandblasen übersät waren. Man hatte ihn gekocht wie ein Stück Fleisch.

Svátek fühlte sich müde und fror.

„Die Tonne“, der Strahl von Kuhnovás Stablampe glitt in eine Ecke, die im Schatten der großen Scheinwerfer lag, „stand zunächst dort hinten und zwar leer. Sonst wären die Abdrücke auf dem Lehmboden tiefer. Dann wurde sie hierher gerollt und mit Öl gefüllt.“

„Und woher kam das Öl?“

Der Strahl der Stablampe glitt in eine andere Ecke, wo rostige Kanister kreuz und quer übereinander lagen. Der Lichtstrahl wanderte weiter zu einem großen Kohlenhaufen.

„Die Fußabdrücke rund um das Fass sind Größe sechsundvierzig. Der Tote hatte dreiundvierzig.“

„Der Mörder muss groß und kräftig sein“, sagte er.

„Oder auch nicht“, widersprach die Kuhnová. „Die Abdrücke in dem aufgeweichten Boden müssten eigentlich viel tiefer sein.“

„Das heißt, entweder haben wir es mit einer ziemlich leichten Person zu tun, die außergewöhnlich große Füße hat. Oder jemand hatte Schuhe an, die ihm einige Nummern zu groß waren.“

„Könnte es sich um eine Frau handeln?“

Alle sahen Eva an. Daran hatte bislang noch niemand gedacht.

„Wohl kaum“, bemerkte die Kuhnová, „es sei denn, sie wäre tschechische Meisterin im Gewichtheben.“

Dann wies sie mit der Hand auf einen schwarzen Klumpen auf dem Boden. Im Licht eines der Scheinwerfer erkannten sie ein kleines Kätzchen. Tot.

„Dem Tier wurden zuerst ein Teil des Fells und das linke Auge angesengt“, sagte die Kuhnová, „dann wurde es erstochen.“ Sie hob einen dünnen Schraubenzieher vom Boden auf. „Vermutlich damit.“

Warum nur so viel Grausamkeit? Warum nur so viel Hass?

Svátek wandte sich an die Kuhnová und fragte: „Wann?“

Sie blickte ihn fest an. „Sobald mein Bericht vorliegt, wissen wir mehr.“

Svátek und Eva versiegelten die Wohnung des Toten, dann begannen sie mit der Befragung der Hausbewohner. Während sie vor der Wohnungstür von Paní Maierová warteten, ging Svátek ein Gedanke durch den Kopf. Irgendetwas an diesem Tatort war seltsam. Das Ganze wirkte so … so … Er konnte sein diffuses Gefühl nicht in Worte fassen.

Die Maierová wiederholte in weinerlichem Tonfall ihre Geschichte, ohne dass sie etwas Neues erfuhren. Dann senkte sie ihre Stimme wie eine Verschwörerin.

„Der Schwarz hat schon einmal gesessen, dieser Zuchthäusler. Und was der für Geschäfte machte …“

„Was wissen Sie darüber?“ Sváteks Stimme klang gereizt.

„Man hört und sieht so Manches“, sagte sie kryptisch. „Und den Rest kann man sich denken.“

„Ach ja?“

„Nun, Herr Major, nicht dass Sie glauben, die Maierová sei ein Klatschmaul …“

Genau das glaubte er.

„Ich will über niemanden etwas Schlechtes sagen, und über Tote schon gar nicht. Regelmäßig gearbeitet hat der Schwarz aber nicht. Geld besaß er trotzdem immer, trieb sich mit Weibern herum und brachte jede Menge Flittchen mit nach Hause.“

Nach einem tiefen Seufzer fuhr sie fort.

„Ich will nicht behaupten, dass früher keine Fehler gemacht wurden. Aber im Großen und Ganzen ging es den Menschen besser.“

Svátek hatte genug. Er stand auf.

„Was denn, Herr Major? Wollen Sie schon gehen? Ich hab Ihnen doch noch gar nicht alles gesagt. Da war zum Beispiel dieser …“

„Ich denke, es genügt“, sagte Svátek müde. Er wollte nichts mehr von diesem Unsinn hören.

„Da will man den Behörden behilflich sein, und das ist der Dank“, maulte die Alte, wobei sie ihn vorwurfsvoll anblickte.

Jetzt reichte es Svátek endgültig. Sein ausgestreckter Zeigefinger stach durch die Luft. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, was wirklich wichtig ist, rufen Sie uns an.“ Er nahm eine Visitenkarte aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.

„Er war ein feiner Mensch, der Herr Schwarz. Immer freundlich und hilfsbereit.“ Paní Fischerová hatte Eva und Svátek in die Küche geführt, von der aus sie auf die Halle und den Hinterhof blicken konnten. Sie trank gerade Kaffee und bot ihnen auch eine Tasse an. Eva nahm dankend an, Svátek bat um ein Glas heißes Wasser. Als Paní Fischerová das Glas vor ihn hinstellte, zog er einen Beutel Klub čaj, einem milden tschechischen Schwarztee, aus dem Jackett.

Es gab frische Buchteln.

„Erst heute Mittag gebacken“, sagte Paní Fischerová. „Greifen Sie zu.“

Die mit Puderzucker bestreuten Hefeknödel waren mit Pflaumenmus gefüllt und schmeckten köstlich.

Svátek und Eva saßen eng beieinander. Ihre Stühle berührten sich fast und er spürte ihren Körper und den warmen Atem, der seine Wangen leicht und erregend umspielte. Mit großen Augen blickte er seine schöne Assistentin an. Wenn nur dieser verfluchte Altersunterschied nicht wäre. Eva war gut dreißig Jahre jünger als er.

„Meinen Mann“, sagte Paní Fischerová, „den haben die Nazis geholt. Seither bin ich allein. Was soll eine Frau machen, wenn der Wasserhahn tropft oder ein Fenster nicht mehr richtig schließt? Da hab ich den Herrn Schwarz gefragt. Er war zwar ziemlich verschlossen, aber geholfen hat er mir immer. Dafür hab ich ihm manchmal etwas gebacken. Einen Strudel, ein paar Buchteln. Das hat er immer gern gegessen. Nehmen Sie doch noch.“ Paní Fischerová schob ihnen den Teller hin. „Er war ein schicker Mensch. Wenn er am Abend in seinen eleganten Anzügen ausging, da haben sich die Weiber sicher nach ihm umgedreht. Nur in den letzten Monaten …“ Paní Fischerová schwieg und presste ihre Hände auf den Mund, als habe sie bereits zu viel gesagt.

Svátek nickte der Paní aufmunternd zu.

„Sie dürfen uns nichts verschweigen, jedes Detail kann wichtig sein.“

Zögernd sprach Paní Fischerová weiter.

„Also in den letzten Monaten, da hat sich der Herr Schwarz irgendwie verändert. Er wirkte nervös und gehetzt, grüßte nur kurz und schien immer auf dem Sprung. Und sein Äußeres, das muss ich leider sagen, hat er auch vernachlässigt. Hat sich nicht mehr richtig rasiert und manchmal roch er etwas streng. Und vom Fleisch gefallen ist er. Sonst hat er mir meine leeren Teller immer am nächsten Tag zurückgebracht, aber auf den letzten warte ich noch heute.“ Paní Fischerová presste ihre dünnen Lippen zusammen, als wäre es ihr peinlich, darüber zu reden. „Wenn Sie bei ihm oben meinen Teller finden“, sie holte einen alten, abgenutzten Porzellanteller aus dem Küchenbüffet, „wäre es nett, wenn Sie ihn mir bringen können.“

Svátek musste an seine Mutter denken. Die zählte heute noch regelmäßig ihr Besteck. Diese Frauen stammten aus der Zeit, in der alles knapp und rationiert gewesen war.

Paní Fischerová brach ein Stück von ihrer Buchtel ab und reichte es einem fetten Kater, der in der Ecke saß und die beiden Fremden misstrauisch beäugte. „Hier, Karel.“

„Hieß ihr Mann Karel?“, fragte Eva.

„Nein, Jan. Ich habe den Kater nach Karl IV. benannt, weil er sich so würdevoll benimmt wie ein Kaiser.“

So, als habe er jedes Wort verstanden, leckte sich Karel zufrieden das Maul.

„Und das hier ist für dich, Rusalka.“ Sie schob dem Kätzchen, das sie auf ihrem Schoß hielt, ein Stück in den Mund. Das Tier war noch jung. Es hatte wunderschönes hellgraues Fell und ein großes weißes Dreieck auf der Stirn. Quer über das Gesicht zog sich ein leuchtend roter Striemen. Die dünnen Finger der Paní Fischerová strichen vorsichtig an der Wunde entlang. „Das war bestimmt die Maierová.“

Was für ein Land, dachte Svátek. Gesättigt mit Kultur und Geschichte. Selbst die Tiere tragen die Namen von Kaisern und Sagengestalten.

„Über den Herrn Schwarz haben wir auch schon andere Dinge gehört“, sagte Svátek.

„Die Maierová mit ihrem bösen Schandmaul“, winkte Paní Fischerová ab. „Die würde selbst Jesus verleumden. Vor ein paar Tagen beklagte sie sich bei allen hier im Haus, dass in der Nacht in irgendeiner Seitenstraße ein teurer Sportwagen den Gehweg zugeparkt hätte. Sorgen hat diese Frau.“ Ihre Finger fuhren zart über das feine Fell von Rusalka. „Sie haben auf dem Hof nicht etwa zufällig ein schwarzes Kätzchen gesehen?“

Svátek und Eva schüttelten den Kopf.

„Seit ein paar Tagen vermissen wir nämlich Esmeralda, das Schwesterchen von Rusalka.“

Sie blickten an Paní Fischerová vorbei zum Fenster. Sie würden ihr nichts über das tote Kätzchen in der Halle erzählen.

Svátek nahm einen Schluck Tee. „Wem gehört eigentlich dieses Mietshaus?“

Paní Fischerová stand auf und ging ins Wohnzimmer. Kurz darauf kam sie mit einem kleinen Hefter zurück. „Ich kann mir den Namen des Besitzers nicht merken. Aber hier steht alles, Herr Major.“

Svátek las: Immobilienverwaltung Fajn.

„Jeden Monat pünktlich am Ersten bekommt der Hausbesitzer sein Geld“, sagte Paní Fischerová.

Svátek notierte sich die Daten.

„Kennen Sie den Vermieter persönlich?“

„Aber nein, wenn er etwas will, schickt er seinen Verwalter. Ich kann auch gern darauf verzichten, ihn kennenzulernen. Seit 1989 hat er bereits viermal mit der Miete aufgeschlagen, aber renoviert wird hier nichts. Schauen Sie sich doch dieses alte Loch an.“ Die gichtigen Finger der Fischerová strichen über das makellos saubere Wachstuch auf dem Tisch. „Aber mit den Mieterhöhungen sind sie immer schnell. Die paar Jahre, die ich noch lebe, halte ich es wohl noch aus.“

Svátek stand auf und trat ans Fenster. Soeben wurde der Tote in einer Metallwanne über den Hof getragen. Anstelle des Deckels, der die Leichen sonst bedeckte, war der Leichnam mit einem weißen Tuch abgedeckt. Rechts und links standen lange Schrauben hervor.

Als sie die Wohnung von Paní Fischerová verließen, kam die Kuhnová die Treppe herunter, in der Hand eine Plastikfolie, in der sich ein Stück Stoff befand.

„Das habe ich aus der Matratze geschnitten.“

„Blut?“

„Vermutlich, aber da ist noch etwas anderes.“

„Sperma?“, fragte Eva.

„Wir werden sehen. Und noch etwas. Der Kassettenrekorder in der Werkstatt ist ein ziemlich teures Gerät von Jana Thørsen, einer Firma in Schweden. Das gibt’s nicht in jedem Geschäft.“

„Mit Autoreverse“, ergänzte Svátek, „um denjenigen, die den Toten finden, irgendeine Botschaft mitzuteilen.“

„Bei der Kassette“, fuhr die Kuhnová fort, „handelt es sich um ein Endlosband. Vermutlich selbst fabriziert. Ebenfalls von bester Qualität. Maxwell XL II-S, 60 Minuten, Chromdioxyd.“

Als Svátek mit Eva im Auto saß, fiel ihm Pokorný ein. Wie hatte er nur den Polizeipräsidenten vergessen können? Der würde toben.

Als sie losfuhren, spürte Svátek, wie die Narbe an seinem Unterkiefer zu schmerzen begann. Er sollte wieder einmal einen Termin bei Dr. Pfeiffer vereinbaren. Früher war er regelmäßig zur Nachsorgeuntersuchung gegangen.

Svátek nahm sein Handy und rief Pokorný an. Der klang erschöpft. Der Krebs frisst ihn auf, dachte Svátek. Fast väterlich sagte Pokorný: „Ich habe schon von dem Mord gehört. Die Kollegen von der Stadtpolizei waren so nett, mich zu informieren.“

Svátek setzte zu einer formellen Entschuldigung an, doch Pokorný wehrte ab. „Ich kann völlig verstehen, dass du momentan Dringenderes zu tun hast. Jeder weiß, dass ich dich als absolut fähigen und loyalen Mitarbeiter schätze.“

So viel Verständnis war verdächtig. Svátek musste auf der Hut sein, Pokorný führte irgendetwas im Schilde.

Eigentlich war das Gespräch zu Ende, doch Pokorný legte nicht auf. Er räusperte sich. „Mein lieber Vašek, du weißt, dass wir in wenigen Wochen Parlamentswahlen haben. Da sind alle ein bisschen nervös. Ich bitte dich, bring den Fall rasch zu Ende. Sieh zu, dass wir schnellstmöglich Ergebnisse vorweisen können.“ Pokorný machte eine Pause, um Sváteks Reaktion abzuwarten. Doch der blieb stumm. „Verhafte fürs Erste einfach ein paar der stadtbekannten Kriminellen, das bringt Bewegung in den Fall. Und wir müssen die Medien heraushalten, solange es geht.“ Der Polizeipräsident atmete schwer. Dann sagte er, mühsam nach Luft ringend: „Du machst das schon. Ich erwarte jeden Morgen exakt um neun deinen Bericht.“ Ohne Abschied legte er auf. Die Audienz war vorbei.

Svátek musste lächeln. Auch wenn ihn der Krebs auffraß, Pokorný würde sich nie ändern. Bis zu seinem Tod würde er der ewige Kriecher und Schleimer bleiben. Aber Svátek würde kein vorschnelles Ergebnis abliefern. Wer auch immer diesen scheußlichen Mord begangen hatte, sollte dafür zur Rechenschaft gezogen werden; egal wie lange es dauern würde, ihn aufzuspüren.

Eva sah ihn fragend an.

„Das Übliche“, antwortete er matt. Als er die Skepsis in Evas Augen sah, setzte er hinzu: „So kurz vor den Wahlen braucht Pokorný ein schnelles Ergebnis.“

„Aber da spielen wir nicht mit.“

Svátek nickte.

Als sie kurz darauf abbogen, sagte Eva plötzlich: „Fahr bitte rechts ran.“

Als der Wagen stand, nahm sie die Stablampe und stieg aus. Er folgte ihr. Sie lief zur Verkehrsinsel auf der Mitte der Kreuzung. Dort befand sich eine Radaranlage. Der Strahl ihrer Lampe glitt über den grünen Kasten. „Das habe ich dir noch gar nicht erzählt. Als du letzte Woche mit Grippe im Bett gelegen hast, hat jemand diesen Kasten aufgebrochen und den Film gestohlen.“

„Vielleicht ein amerikanischer Tourist. Die sammeln alles, was aus dem guten alten Europa stammt.“

„Das hat Fischer auch gemeint. Aber Baloun denkt, dass sich die Amerikaner nicht bis nach Holežovice verirren. Hier gibt es keinen Burger King und keinen Mc Donald’s.“ Sie lachte hell auf.

Wie er dieses Lachen liebte.

Sie standen nebeneinander in der Nacht, beide mit dem gleichen Gedanken. Hing dieser Diebstahl mit dem Mord zusammen? Schließlich durchbrach Svátek das Schweigen: „Wir schicken auf alle Fälle morgen die Kuhnová vorbei.“

Der Sixty Two bog wenig später um die Ecke, sie passierten das Museum Fajn, Svátek gab Gas und der Wagen schoss stadteinwärts.

Eva stieg am Wenzelsplatz aus. Als sie die Tür hinter sich zuschlagen wollte, sagte Svátek: „Auf jeden Fall besitzt unser Mörder einen exzellenten musikalischen Geschmack. Diese Aufnahme von Mozarts Requiem ist sehr selten. Die Slowakische Philharmonie unter Zdeněk Kosler. Und als Sopran die begnadete Magdalena Hajossyová.“

Eva lächelte ihn an: „Wie gebildet du bist.“

Dann war er allein.

Als er die Wohnungstür aufschloss, kehrte mit einem Schlag die Einsamkeit zurück. Sie begleitete ihn, seit er aus dem Paradies seiner Kindheit vertrieben worden war. Ein paar Jahre hatte es so ausgesehen, als sei er sie los. Doch als ihn Veronika endgültig verlassen hatte, war die Einsamkeit zurückgekehrt. Schlimmer als je zuvor. Anfangs fast täglich, später seltener. Vielleicht sollte er wieder heiraten. Aber dafür kam nur eine Frau infrage und die war unerreichbar – Eva. Denn vom Alter her konnte sie seine Tochter sein.

Svátek goss sich ein halbes Wasserglas Božkov ein und trank es in einem Zug leer. Der Rum verströmte eine wohlige Wärme. Nach einem weiteren Schluck holte er sein Handy aus der Tasche und schaltete es ab. Heute Abend würde ihn niemand mehr belästigen.

Dann war sie plötzlich da. Die Erinnerung an einen Satz der Fischerová. Irgendetwas sagte ihm, dass dieser Satz wichtig war. Doch je angestrengter er darüber nachdachte, desto mehr entschwand der Gedanke seiner Erinnerung. Müdigkeit übermannte ihn. Er schleppte sich zur Couch und setzte sich. Nur einen Augenblick ausruhen, bevor er duschen ging. Im nächsten Moment war er eingeschlafen.

Gegen Mitternacht waren sie wieder da – Sváteks grässliche Träume. Er war wieder der kleine Vašek, das Kind in Lidice. Er hörte die ängstliche Stimme der Mutter, die ihn aus dem warmen Bett riss, auf den Arm nahm und zur Tür rannte. An sein Ohr drangen Hundegebell, Fluchen und Schreie. Männer in schwarzer Uniform und mit Maschinenpistolen brüllten in einer fremden Sprache auf sie ein und trieben sie auf einen LKW. Als sich der LKW in Bewegung setzte, blickte Vašek durch ein Loch in der Plane nach draußen. Das letzte, was er sah, war der gebeugte Rücken seines Vaters. Vašek presste sich eng an die Mutter, da spürte er, wie ihn von hinten jemand in den Arm nahm. Sein Freund Petr Pokorný.

Er und die Mutter waren nicht sehr lange gefahren, als der Lastwagen hielt und die Deutschen sie in eine Turnhalle trieben. Auf dem Boden lag Stroh.

Ein paar Stunden später wurden sie in ein Zimmer geführt und nach allem Möglichen gefragt. Nach ihren Vorfahren, nach Erbkrankheiten und vor allem, ob die Mutter Kommunistin sei. Schließlich fiel ein Wort, das Sváteks Leben für immer veränderte: „ein-deutsch-ungs-fä-hig.“

Drei Tage später rissen sie ihn aus den Armen der Mutter und fuhren zum Bahnhof. Als der Kleine frierend auf dem nebligen Bahnsteig stand, begann er hemmungslos zu weinen. Da legte jemand seinen Arm um ihn. Petr.

Svátek kam nach Berlin und aus Vašek wurde Herrmann. Ein kleiner Junge in einer großen Stadt. Er lebte jetzt bei den Wagners. Noch heute konnte er hören, wie sein neuer Vater am Sonntag seine Lieblingsplatte mit Richard Wagners Walküre auflegte:

Hojo-to-ho! Ho-jo-to-ho! Heia-ha! Heia-ha! Helm-wi-ge! Hier! Hierher mit dem Ross!

Hojo-to-ho! Ho-jo-to-ho! Hei-a-ha!

Und noch immer sah er Brunhilde, seine neue Mutter, vor sich. Sie trug ihr schweres flachsblondes Haar stets zu einem Zopf geflochten. Genauso hatte er sich die Frauen in den alten böhmischen Sagen vorgestellt. Die neue Sprache hatte er rasch gelernt und die fremde Sprache, die er einst gesprochen hatte, war genauso schnell in Vergessenheit geraten wie sein früherer Name. Die neuen Eltern hatten ihn bei sich aufgenommen, weil ihr jüngerer Sohn, Hans, bereits in der ersten Kriegswoche in Frankreich gefallen war. Der ältere Sohn stand zunächst mit seiner Kompanie irgendwo in Russland. Und dann kam ein Telegramm, das Brunhilde Wagner endgültig das Herz brach: G-e-f-a-l-l-e-n f-ü-r F-ü-h-r-e-r V-o-l-k u-n-d V-a-t-e-r-l-a-n-d.

Mit dem Telegramm in der Hand rannte seine Mutter heulend ins Schlafzimmer und schloss sich ein. Als der Vater nach Hause kam, brach er die Schlafzimmertür auf. Dann rannte er zum Telefon. Kurz darauf kamen zwei Männer in weißen Kitteln, legten die Mutter auf eine Trage und brachten sie fort. Sein Vater hielt ihn fest. „Deine Mutter wird wieder gesund.“

Die Mutter kam als tiefgläubige Katholikin aus dem Krankenhaus zurück. Im Bett neben Brunhilde Wagner hatte eine überzeugte Katholikin gelegen. Eine Frau, die ihre zwei Söhne im Krieg verloren hatte und daran nicht zerbrochen war. Deshalb ging Brunhilde Wagner nun jeden Sonntag mit Herrmann zur Messe. Eines Tages hörte Herrmann während der Predigt, wie draußen Bomben einschlugen. Er spürte, wie der Boden unter den Druckwellen erzitterte. Als sie schließlich ins Freie traten, sahen sie überall große Feuersäulen und um sie herum lagen Berge von Schutt. Skelette von Häuserruinen, vor einer Stunde noch von lebendigen Menschen bewohnt, ragten in den Himmel und aus geborstenen Rohren schoss Wasser über berghohe Trümmer. Überlebende taumelten wie Untote zwischen den Ruinen umher, eingehüllt in dichte Staubwolken. Aus einem Haus drang verzweifeltes Rufen, aus einem anderen jämmerliches Kindergeschrei. Unbeirrt von dem Chaos um sie herum schritt Brunhilde Wagner, ihren Sohn an der Hand, nach Hause. Doch es gab kein Zuhause mehr. Dort, wo Herrmann am Morgen die Haustüre hinter sich geschlossen hatte, lagen große Steinbrocken. Brunhilde Wagner vergoss keine einzige Träne. Sie nahm ihren Jungen bei der Hand und ging davon, um die Totenmesse für ihren Mann zu bestellen.

Noch heute schauderte Svátek, wenn er an die kalte Kirche dachte, den aufgebahrten Sarg mit dem toten Vater, die Orgelklänge und den düsteren Gesang: Schaudernd sehen Tod und Leben sich die Kreatur erheben, Rechenschaft dem Herrn zu geben

Schwer atmend wachte Svátek auf. Die Erinnerung an seine Kindheit lag wie ein schwarzer Schatten über ihm. Dann wanderten seine Gedanken zu Veronika. Wie lange war das jetzt her? Wäre er seinerzeit nicht in die Partei eingetreten, hätte er sie vermutlich nie kennengelernt. Unter dem Drängen von Petr Pokorný, der es bei der Staatssicherheit inzwischen zum Abteilungsleiter gebracht hatte, war Svátek in die kommunistische Partei eingetreten. Bei einem Empfang hoher Parteifunktionäre traf er Veronika. So strahlend schön wie Gletschereis. Mit üppigem rotem Haar, das ihr bis auf die Schultern fiel. Ihre schlanken Finger mit den fliederfarbenen Nägeln fuhren immer wieder durch ihr Haar und warfen die stolze Mähne nach hinten. Dabei ließen die Strahlen der Kronleuchter ihr Haar in vielen Schattierungen leuchten. Sie war so groß wie Svátek, hielt sich aufrecht, besaß eine Haut so weiß wie Porzellan und ausgeprägte weibliche Rundungen. Aphrodite und Nike in einem. Veronika genoss die hungrigen Blicke der Männer. Tief in seinem Innern spürte Svátek, dass es etwas rein Körperliches war, das ihn zu ihr hinzog. Aber dieses Gefühl war stärker als sein Verstand. Sie zog ihn an wie die Motte das Licht.

Petr Pokorný stellte ihr Svátek als einen Mann vor, der eine große Zukunft vor sich habe. Svátek durfte sie an diesem Abend nach Haus begleiten. Ein halbes Jahr später heirateten sie. Veronika sah sich schon als die Gattin eines wichtigen Funktionärs. Ihre Ehekrise begann bereits drei Monate später. Veronika war der Meinung, Svátek solle sich nicht so viel mit diesen Schriftstellern abgeben, die ständig von Reformkommunismus und Menschenrechten redeten. Aber Svátek, dem immer mehr Zweifel an der kommunistischen Herrschaft kamen, konnte nicht anders. Er wollte nicht schweigen, wenn er Tag für Tag erlebte, wie die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden.

Eines Abends im Juni 1968 saß Svátek im Goldenen Tiger. Wildfremde Männer und Frauen diskutierten über die jüngsten Ereignisse. Ganz hinten an einem kleinen Tisch, etwas abseits von den anderen, saß ein Mann und trank still sein Bier.

„Ist hier noch frei?”, fragte Svátek. Der Mann nickte, ohne aufzusehen. Die beiden saßen eine Weile still beisammen. Hin und wieder schauten sie sich an. „Eine aufregende Zeit”, begann Svátek schließlich.

„Aber gefährlich”, antwortete der Fremde.

So kamen sie ins Gespräch. Der Mann hieß Jaroslav Zámek und arbeitete in einer Buchhandlung. Nach und nach entpuppte er sich als großer Befürworter der Reformen. Doch in seiner vorsichtigen und bedächtigen Art zweifelte er daran, ob dem Prager Frühling wirklich Erfolg beschieden sei. „Ich glaube nicht, dass die Russen noch lange zuschauen. Unsere gesamten Bruderstaaten sind nervös und befürchten, dass ihre Bürger unserem Beispiel folgen werden.”

Im Lokal stiegen immer mehr Stimmen über dem Tabakqualm auf, die von einer besseren Zukunft sprachen: Weg mit den Funktionären! Freiheit! Demokratie! Erneuerung!

Schließlich brachte ein rotgesichtiger Arbeiter ein Hoch auf den Ersten Parteisekretär aus.

„Es lebe der Genosse Alexander Dubček!”

Alle erhoben die Gläser.

Der Arbeiter wies auf Svátek und seinen Tischnachbarn.

„Setzt euch doch zu uns, Genossen. Heute feiern wir die neue Zeit!” Die beiden zögerten einen Augenblick, dann nahmen sie ihre Gläser und standen auf. In der hoch gestimmten Runde fühlte Svátek, dass er an einer neuen, heiligen Form der Kommunion teilnahm. Alle prosteten sich zu, leerten ein Glas nach dem anderen und immer wieder bestellte einer eine Runde Schnaps. Der Wortführer hieß Pavel Smrt. Er hielt lange Hymnen auf jene herrliche Zukunft, die soeben anbreche.

Kurz darauf traf er sich mit Pokorný in einem Straßencafe. Petr fasste ihn am Arm. „Halte dich von diesen Leuten fern, sie bringen nichts Gutes. Denk an deine Zukunft.“

„Aber die Menschenrechte …“, warf Svátek ein.

„Die sind für diese Individuen doch nur ein Vorwand, um die führende Rolle der Partei in Frage zu stellen. Übrigens ist Veronika der gleichen Meinung wie ich. Wenn du schon nicht in politischen Dimensionen denken willst, dann nimm wenigstens Rücksicht auf deine Frau und deine Karriere.“

Zwei Tage später kam es zum Bruch mit Veronika, als Svátek das ‚Manifest der 2000 Worte‘ unterzeichnete, einen Appell für Reformen, Freiheit und Demokratie. Spätestens da begriff sie, dass ihr Ehemann in diesem Staat keine Karriere machen würde.

Zwei Monate nach dem Manifest kamen die Russenpanzer. In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968.

Sie feierten die Erfolge der letzten Wochen und waren besoffen vor Glück. Jaroslav schenkte gerade eine neue Runde Schnaps ein, da erzitterte das Mobiliar.

„Was ist …“, Jaroslav hielt kurz inne, „… da draußen los?“

Alle liefen zu den Fenstern, die auf den Wenzelsplatz hinausgingen. Panzer.

„Die Russen werden niemals zulassen, dass die Truppen der westlichen Imperialisten unsere Reformen kaputt machen!“, brüllte Jaroslav.

„Du Trottel!“, schrie Svátek ihn an. „Siehst du die Sowjetsterne nicht?“

Mit einem Schlag waren alle nüchtern. Der Prager Frühling war zu Ende.

Nach dem Einmarsch der Russen meldete sich Svátek krank. Er rechnete jede Stunde damit, verhaftet zu werden. Doch nichts geschah. Allerdings erhielt er nach ein paar Tagen einen Brief: Man versetzte ihn mit sofortiger Wirkung ins Archiv der Kriminalpolizei. Er wusste, dass er es nur Petr Pokorný zu verdanken hatte, dass es nicht schlimmer gekommen war.

Als er sich bei seiner Schwiegermutter nach Veronika erkundigte, fertigte diese ihn an der Haustür ab. In ihrer Stimme lag unverhohlener Triumph: „Hast du es wirklich noch nicht gehört? Sie lebt jetzt mit ihrem Chef zusammen, dem Ersten Referenten des Innenministers.“

Sie, die Witwe eines Hauptmanns, den die Deutschen erschossen hatten, war mit der Wahl ihrer Tochter nie einverstanden gewesen. Svátek war ihr zu gewöhnlich.

In den Nächten vermisste Svátek Veronika schmerzlich.

Hin und wieder meldete sich Pavel Smrt. Der Kerl war nicht totzukriegen. Die Kommunisten hatten ihn in ein Walzwerk gesteckt, ihn, der die frische Luft und die hohen Baugerüste über alles liebte. Doch auch das konnte seinen Widerspruchsgeist nicht brechen. Svátek bewunderte ihn dafür. Doch so sehr ihm dieser ungebrochene Kampfgeist gefiel, wenn Pavel in einer der Arbeiterkneipen eine seiner lauten Reden hielt, so sah er sich dennoch jedes Mal ängstlich um. Die Augen und Ohren der Staatsmacht waren allgegenwärtig. Nach und nach zog er sich von Pavel zurück. Mit der Zeit sahen sie sich nur noch selten, dann gar nicht mehr.

Im November 1976 stand, wie vom Himmel gefallen, Veronika wieder vor der Tür. Svátek brachte kein Wort heraus, trat stumm zur Seite und hielt ihr die Tür auf. Er hätte gern gewusst, was mit ihrem Liebhaber, dem Ersten Referenten des Ministers, los war. Vermutlich hatte er Veronika verlassen. Aber Svátek wagte es nicht, sie danach zu fragen.

Anfang Januar 1977 besuchten ihn dann unverhofft zwei alte Bekannte: Pavel Smrt und Jaroslav Zámek. Kaum hatte Svátek die Tür geöffnet, stürzte Pavel Smrt aufgeregt in die Wohnung. „Das musst du unbedingt lesen, Vašek!“

Smrt legte ein paar Blatt Papier auf den Tisch. Veronika saß unbeteiligt am Tisch und blätterte in einem ausländischen Modejournal.

Charta 77

Am 13. X. 1976 wurden in der Sammlung der Gesetze der CSSR der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte sowie der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte veröffentlicht. Ihre Veröffentlichung ruft uns in Erinnerung, wie viele Grundrechte des Bürgers in unserem Land vorerstleidernur auf dem Papier gelten. Völlig illusorisch ist zum Beispiel das Recht auf freie Meinungsäußerung: Zehntausenden von Bürgern wird es nur deshalb unmöglich gemacht, in ihrem Fach zu arbeiten, weil sie Ansichten vertreten, die sich von den offiziellen Ansichten unterscheiden

„Das ist kühn“, sagte Svátek.

„Du bist gut“, lachte Pavel, „sie werden schäumen! Hier steht nichts als die ungeschminkte Wahrheit! Im vergangenen Jahr hat die Tschechoslowakei den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte in Helsinki unterzeichnet, doch bis heute hält sie sich nicht daran. Unser Manifest fordert diese Bürgerrechte jetzt ein.“

Svátek sah verlegen zu Jaroslav Zámek, der schweigend dasaß, mit blassem Gesicht.

„Hier, Vašek, unterschreib!“

Er erkannte die Unterschrift von Pavel Smrt. Unentschlossen senkte Svátek den Blick. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie ihn Pavel und Jaroslav anblickten. Mach schon.

„Und du, Jaroslav?“

„Er unterschreibt nur, wenn du es auch tust“, sagte Pavel.

Svátek unterschrieb. Dann schob er das Papier zu Jaroslav, doch dieser rührte es nicht an. „Das müsst ihr verstehen“, sagte er schließlich, die Augen fest auf irgendeine Stelle im Teppich geheftet, „ich muss mir das noch einmal überlegen.“

Jaroslav stand auf und ging. Pavel folgte ihm.

Veronika riss Svátek aus seinen Gedanken.

„Ich gehe noch schnell Zigaretten holen.“

Sie kam nie wieder.

Er vermisste ihren schönen Körper so sehr, dass es schmerzte.

Ein paar Tage nachdem er die Charta unterzeichnet hatte, holten sie ihn ab. Als Svátek beim Verhör schwieg, landete er im Gefängnis. Aber so sehr sie ihm auch zusetzten, er verriet niemanden.

Zunächst hatte er die Zelle für sich allein. Als er nach einer Woche von einem weiteren zermürbenden Verhör zurückgekommen war, hatte er zum ersten Mal an Selbstmord gedacht. Einige Stunden später brachten sie einen anderen Häftling in seine Zelle. Der Mann hatte sich neben ihn gesetzt und ihm die Hand auf die Schulter gelegt. Verstört hatte Svátek seinen Zellengenossen angeschaut: neben ihm saß Václav Havel. Der war es auch gewesen, der entdeckt hatte, dass der Leberfleck in Sváteks Gesicht Hautkrebs war. Aber die Gefängnisleitung ließ sich mit der Operation Zeit. „Unsere Hospitäler sind überfüllt und wir können einen vom Ausland gesteuerten Saboteur nicht bevorzugen. Kooperieren Sie mit uns, dann ist es etwas anderes. Bei Hautkrebs zählt jeder Tag.“

Zwei Tage später, gegen Abend, führten sie Svátek zum Gefängnisdirektor. Als er mit dem Beamten vor dessen Büro wartete, ging die Tür auf und Jaroslav Zámek kam heraus. Der Direktor klopfte ihm mehrmals auf die Schulter. „Vielen Dank, Genosse.“

Svátek wusste, das konnte ein alter Kommunistentrick sein. Man verabschiedete sich von dem Gefangenen so freundlich, als habe er kooperiert.

Zámek ging an Svátek vorbei, ohne aufzusehen.

Der Direktor legte Svátek freundschaftlich die Hand auf den Arm. „Ich bewundere Ihren Mut. Aber sagen Sie ehrlich, sind wir denn so schlimm? Lässt es sich in unserem Staat nicht ganz gut leben? Sie wollen doch nicht, dass das alles kaputtgeht?“

Svátek presste die Lippen aufeinander.

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