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Prador Mond

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Kapitel 1
  6. Kapitel 2
  7. Kapitel 3
  8. Kapitel 4
  9. Kapitel 5
  10. Kapitel 6
  11. Kapitel 7
  12. Kapitel 8

Über den Autor

Neal Asher wurde in Essex geboren, wo er noch heute lebt. Mit 16 begann er Science Fiction zu schreiben. Seine Kurzgeschichten erschienen in zahlreichen Magazinen. Mit DER DRACHE VON SAMARKAND begann er einen lockeren Romanzyklus um die ECS-Agenten in einem Universum, das mit düsteren Farben gezeichnet ist.

Kapitel 1
Feiern wir Hochzeit, genug der Lockzeit

Die Outlink-Station Avalon lag am Rande der Polis, dieses expandierenden politischen Gebildes, regiert von künstlichen Intelligenzen und – für die, die diese nichtmenschlichen Herrscher ablehnten – dem allerhöchsten Autokraten: Earth Central. In der gesamten Geschichte der Polis war man nur einer einzigen lebendigen außerirdischen Intelligenz begegnet: einem rätselhaften Wesen, das sich aus keinem direkt zu Tage tretenden Grund Drache nannte, wenngleich es weder zur Ordnung der Schlangen gehörte noch Feuer spie. Seit jeher brachte es seine Zeit damit zu, die Forscher mit seinen orakelhaften Verkündigungen zu verblüffen. Man fand Ruinen, man fand Artefakte, die mit Sicherheit Produkte sehr fortschrittlicher Technik waren, man fand Spuren erloschener, die Sterne umspannender Zivilisationen, aber keine weiteren intelligenten Lebewesen. Bis jetzt.

Avalon hatte sich früher mit einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit fortbewegt, bremste jetzt aber ab, hier in den Grenzbereichen dessen, was Wissenschaftler nach Übersetzung und umfänglichem akademischem Disput das Zweite Königreich der Prador nannten. Soweit Jebel Krong wusste, hatte bislang weder Mensch noch KI eine dieser Kreaturen erblickt, wenngleich man seit langem mit ihnen redete. Man war ihren Schiffen begegnet, diese hatten sich jedoch sogleich aus dem Staub gemacht. Man hatte Sonden losgeschickt, um die Welten des Königreichs zu erkunden; viele wurden von den Prador zerstört – vielleicht ein Akt verständlicher Vorsicht ihrerseits –, aber die anderen schickten Daten von technisch hoch entwickelten Gesellschaften auf wasserreichen Planeten, manche auch Bilder von seltsamen organischen Behausungen und Städten – anscheinend an Land ebenso wie auf See – und großen Uferpferchen mit Herden von Geschöpfen, die an riesige Schlammspringer erinnerten. Allerdings wurden auch diese Sonden zerstört, ehe sie Bilder der Prador selbst senden konnten.

Forscher konnten jedoch aus den übermittelten Daten einige Fakten gewinnen. Die Prador waren an Land und im Meer gleichermaßen zu Hause. Die Bauweise ihrer Schiffe und einige Nuancen der Sprache gaben Hinweise darauf, dass sie womöglich Exoskelette besaßen und vielleicht Insekten ähnelten. Sie hatten keine hoch entwickelten KIs entwickelt, sodass es wahrscheinlich schien, dass sie ausgeprägte Individualisten und als Individuen hochgradig begabt waren. Außerdem legten sie ganz entschieden eine einigermaßen paranoide Haltung an den Tag. Sie kommunizierten durch Laute, und die wichtigeren Sinnesorgane waren mit denen der Menschen vergleichbar. Wahrscheinlich waren Gesicht und Gehör die wichtigsten Sinne, obwohl die Abtastung ihrer Schiffsrümpfe Hinweise lieferte, dass der Gesichtssinn ins Infrarote reichte und entsprechend am anderen Ende des Spektrums Einbußen hatte. Die Analyse ihrer Kommunikation zeigte, dass das Gehör in den Infraschallbereich überging. Allein schon ihre Sprachgepflogenheiten deuteten an, dass der Geruchssinn ebenfalls ausgeprägt war. Polis-KIs behaupteten mit einer Gewissheit von mehr als neunzig Prozent, dass die Prador Karnivoren waren, sodass eine Verballhornung des Wortes »Predator« zur Bezeichnung Prador führte.

Ungeachtet jedoch solch unheildrohender Aussagen über diese Kreaturen hatten sie es ohne Hilfe durch KIs geschafft, eine Raumfahrtzivilisation und einen funktionsfähigen Subraumantrieb zu entwickeln, und es schien, dass ihre metallverarbeitende Technik durch eine Laune der Entwicklung ein gutes Stück weiter war als die der Polis. Sie verfügten nicht über Runcibles, da diese schon vom Wesen her auf einer Technologie beruhten, die den linearen Denkvorgängen entwickelter Kreaturen völlig entgegenlief und somit KI benötigte. Deshalb erwartete der Botschafter der Menschheit, dass eine Grundlage für einen konstruktiven Dialog bestand. Der Botschafter erhoffte sich voller Eifer, diesen Dialog im Interesse des technischen, moralischen und sozialen Fortschritts sowohl der Menschen- als auch der Pradorkultur in die Wege zu leiten. Das war nun mal die Art von Äußerung, die von einem Botschafter zu erwarten stand. Jebel blieb äußerst argwöhnisch, aber als Kontrollbeauftragter der Earth Central Security gehörte das zu seinem Aufgabenbereich.

»Der Shuttle fährt gerade ins Dock«, sagte Urbanus.

Jebel trug einen silbernen Verstärker in Form eines Tränentropfens hinter dem linken Ohr, wo das Gerät fest mit dem Schädel verbunden und mit seinem Verstand vernetzt war. Er nahm auf diesem Weg Verbindung zum Stationsnetz auf und überzeugte sich vom Status des anfliegenden Raumschiffs. Er sah sich einige der verfügbaren technischen Daten an, und was er dort sah, gefiel ihm nicht, aber zumindest hielt das Mutterschiff nach wie vor akzeptablen Abstand. Der Anblick gefiel ihm ganz und gar nicht: ein gewaltiges, zwei Kilometer durchmessendes goldenes Schiff, abgeflacht und mit einem gepanzerten Turm auf der Oberseite, mit vielen Vorsprüngen, bei denen es sich möglicherweise um Sensorenphalangen handelte. Wahrscheinlicher war jedoch, dass es sich um Waffen und einen Rumpf handelte, der vermutlich mit einem exotischen Metall gepanzert war, wie es Polis-Metallurgen erst in jüngerer Vergangenheit herstellen konnten – in hohem Maße widerstandsfähig gegen Sensorenabtastungen, aber wichtiger noch, ausgestattet mit supraleitenden kristallinen Schichten, die sich aneinander verschoben und das Schiff so widerstandsfähig gegen schwere Einschläge und die meisten Formen von Energiewaffen machten. Jebel runzelte die Stirn und warf dann noch einen Blick auf die eingegangenen Nachrichten, da ihn möglicherweise weitere Daten aus anderen Quellen erreichten. Ihm sank das Herz, als er sah, wie viel davon seiner Kenntnisnahme harrte. Die meisten würde er später prüfen müssen, aber eine öffnete er sofort.

ZWEI FLASCHEN VIRAGO-CHAMPAGNER ZUR ABRUNDUNG VON GRÜNGARNEELEN-CURRY. NUR EINE ZUTAT FEHLT NOCH: JEBEL KRONG. ERWARTE DICH UM SECHS – CIRRELLA.

Jebel bemerkte, dass er dumm grinste, und hörte sofort damit auf. Einer der klaren Vorzüge, zu den hiesigen Kontrollbeauftragten zu gehören, bestand in Cirrella. Er hoffte, dass das bevorstehende Zusammentreffen kurz und ohne Malheur über die Bühne gehen würde, damit die Diplomaten und diversen Xeno-Experten übernehmen konnten und Jebel endlich die Möglichkeit fand, eine Pause einzulegen. Cirrella war eine gute Köchin und fickte stets, als wäre es das letzte Mal. Jebel hatte das nachdrückliche Gefühl, dass er dabei war, sich in sie zu verlieben.

Als er sich jetzt unter den versammelten Würdenträgern umblickte, stellte Jebel fest, dass der Botschafter mit einer Gruppe von Netzreportern plauderte. Dann wandte sich Jebel den eigenen Begleitern zu. Urbanus sah wie ein griechischer Gott aus, aber einer, der graue unscheinbare Straßenkleidung trug und nicht Schild und Speer. Er hatte dunkle lockige Haare, eine dunkle Gesichtsfarbe und durchdringend blaue Augen. Jebel hatte erfahren, dass man bei Cybercorp darüber diskutierte, ihre Golemandroiden hässlich zu gestalten, damit die Kunden, die deren Verträge erwarben, sich nicht ganz so unterlegen fühlten. Wenn Jebel Urbanus betrachtete, verstand er den Grund. Er fühlte sich unbehaglich neben dem Golem, umso mehr, als Urbanus nicht nur besser aussah, sondern auch über eine größere Wissensbasis verfügte, über untadelige Manieren und die zehnfache Schnelligkeit von Verstand, Körper und Muskeln.

»Dann fühlen sie sich in einer Atmosphäre und einer Schwerkraft wohl, wie wir sie von der Erde kennen?«, fragte Jebel.

»Es sieht danach aus. Ihre Planeten bewegen sich in einem Spektrum von dreiviertelfacher bis zweieinhalbfacher Erdschwerkraft und haben Atmosphären, die nicht stark von der irdischen Norm abweichen, also müsste das ihr Toleranzbereich sein.«

Jebel wusste das alles schon – und redete nur, weil er so nervös war. Er blickte zu den schwebenden Holokams hinauf und sah sich dann aufs Neue in dem Raum um, den man speziell für diesen Anlass konstruiert hatte. Mit Hilfe des Verstärkers prüfte er den Zustand der in den Wänden versteckten Waffen, obwohl er das im Grunde nicht zu tun brauchte, da die Stations-KI diese Waffen steuerte.

Ein Dröhnen hallte durch den Raum, gefolgt von diversen Klopf- und Scharrgeräuschen, während die Docksanlagen ihre Arbeit verrichteten. Die technischen Details für die Docksanlagen waren vor vielen Monaten übermittelt worden, und man hatte sie zügig gebaut und installiert. Jebel wandte sich jetzt dem Doppeltor an der Außenwandseite des Raums zu. Die Konstruktion verriet ihm Aspekte der jetzt zu erwartenden Besucher, die ihn nervös machten. Das Doppeltor war fünf Meter breit und drei hoch. Menschen brauchten niemals derart große Türen.

Fast lässig bemerkte Urbanus. »Wie ich sehe, tragen Sie Ihre Panzerung.«

»Ich bin von Natur aus vorsichtig«, antwortete er stirnrunzelnd und reagierte mit leichter Verlegenheit darauf, dass seine Vorsicht zunahm, seit er Cirrella begegnet war. Er sprach jetzt in seine Komverbindung. »Okay, Leute, ihr wisst, was zu tun ist: Wir ziehen unsere Waffen nur, wenn die KI das Feuer eröffnet, und wir tun es auch dann nur zur Selbstverteidigung. In einem solchen Fall ist es unser vorrangiges Ziel, den Botschafter und alle diese guten Bürger hier herauszuholen. Tut so lange nichts Dummes – haltet euch einfach nur bereit.« Jebel hasste das. Einerseits musste man Vertrauen demonstrieren, indem man sich offen einer Begegnung stellte, und durch ihr Einverständnis, auf diese Polis-Station zu kommen, hatten die Prador ebenfalls ein solches Vertrauen gezeigt. Jebel konnte allerdings nicht das Gefühl abschütteln, dass der Botschafter und alle anderen in diesem Raum womöglich nur entbehrliche Bauern im Spiel einer KI waren. Ein Mensch als Botschafter – Jebel schnaubte vor sich hin; alle Welt wusste doch, wer die wahre Macht in der Polis ausübte.

Ein dumpfer Schlag ging vom Doppeltor aus. Ein diagonaler Spalt öffnete sich, und die beiden Torflügel drehten sich in die Wand – wie es dem Design der Prador entsprach. Über Jebel drängelten sich die Holokams der diversen Nachrichtenagenturen in die besten Positionen und rempelten dabei manchmal Rivalen. Jebel überzeugte sich von den Positionen der Sicherheitsleute und bezog dann, mit Urbanus an seiner Seite, Stellung hinter dem Botschafter, während dieser Mann vor die Menge trat. Nur eine weitere Person begleitete sie dabei: eine Frau namens Lindy Glick – die untere Gesichtshälfte unter einer Hardware versteckt, mit deren Hilfe sie die Pradorsprache hervorbringen konnte und die mit dem Verstärker hinterm Ohr zusammengeschaltet war; Lindy Glick war jedoch nur zur Sicherheit hier, da man erwartete, dass die Prador Translatoren trugen.

Der Geruch fiel Jebel als Erstes auf, feuchtkalt, salzig und leicht faulig, ähnlich dem Geruch von Treibgut, das die Flut anspülte: vermodernder Seetang und Krabbenschilde. Beinahe erwartete er schon, Möwengeschrei zu vernehmen, aber stattdessen ertönte ein schweres Klappern aus dem Andocktunnel, der jetzt offen stand. Ein Schatten tauchte auf – einer, in dem zu viel Bewegung herrschte –, und dann kamen die Prador.

Es waren zwei, und jeder lief auf zu vielen langen Beinen – daher auch das Klappern. Diese Beine nahmen ihren Ursprung in Panzerschalen, die von vorne betrachtet aufrecht stehenden und abgeflachten Birnen ähnelten. Wie eine Girlande reihten sich die Extremitäten rings um den dunkelroten und gelben Panzerrand. Ein Turm auf der Körperoberseite war mit einem Arsenal rubinroter Augen besetzt, ergänzt um zwei Augenstiele, die wie Trommelstöcke aufragten, und Mandibeln, die vor einem Albtraummaul knirschten. Vorne schwenkten diese Kreaturen schwere Krebsscheren – was auch dem allgemeinen Eindruck entsprach. Sie erinnerten Jebel an Winkerkrabben, wenngleich mit ein paar Meter durchmessenden Panzerschalen.

Sie schwärmten durch das Tor in den Raum und klapperten auf den Botschafter zu, der bei ihrem Anblick einen oder zwei Schritte weit zurückwich. Benommene Stille breitete sich aus. Einen Augenblick später fand der Botschafter die Stimme wieder.

»Ich heiße Sie willkommen …«

Weiteres Geklapper ertönte aus dem Andocktunnel. Die beiden schon im Raum befindlichen Kreaturen huschten zu gegenüberliegenden Seiten. Zwei neue Prador erschienen, gefolgt von wiederum zwei weiteren. Schließlich tauchte ein größeres Individuum auf – dunkler als die anderen und rings um die knirschenden Mundwerkzeuge mit an der Panzerschale montierter metallischer Tech ausgestattet. Dieses Monster hatte die Ausmaße eines Flugwagens.

»Um ein Klischee zu gebrauchen«, brummte Jebel Urbanus zu, »so habe ich ein mieses Gefühl bei der Sache.«

Jebel bemerkte, dass sich eine lausähnliche Kreatur von der Größe eines Schuhs an ein Bein des großen Pradors klammerte, dort, wo dieses Bein seinen Ansatz in der Schale hatte.

Jetzt nahm der Botschafter erneut Fahrt auf. »Prador, ich heiße Sie in der Polis der Menschen willkommen. Mit großer …«

Ein knirschendes, zischendes Blubbern unterbrach ihn. Dann verwandelte die flache, tonlose Stimme des Pradortranslators diese Laute in Worte. »Ich bin Vortex, Erstkind des Kapitäns Immanenz.«

Jebel fragte sich, wie der Translator die Auswahl der Namen aus der Datenbank vornahm. Sie erschienen ihm recht bedrohlich, besonders wenn Monster mit ihnen belegt wurden, die fähig schienen, Keramal zu zerreißen. Was dachten diese Kreaturen gerade jetzt? Seht euch nur diese ganzen weichen, gut kaubaren Happen an?

Vortex teilte seine Gedanken mit. »Ihr Menschen werdet uns diese Station übergeben.«

Jebel verfolgte fasziniert, wie der kleinere Prador links von Vortex mehrere Arme unter dem Bauch hervorklappte, jeder ausgestattet mit einer komplexen Greifhand, und was der Prador darin hielt, das waren, wie Jebel vermutete, keine Geschenke. Ein Gegenstand ähnelte einer alten Gatlingkanone; schwere Kabel und so etwas wie ein Munitionsgurt führten von ihr zu einem großen Kasten, der am Bauchschild der Kreatur befestigt war. Ein weiterer Gegenstand war ebenfalls über Kabel mit diesem Kasten verbunden. Ungeachtet der fremdartigen Konstruktion erkannte Jebel darin ein Impulsgewehr. Die anderen Dinge in den Händen des Wesens waren weniger leicht zu bestimmen, aber man wusste auch so, dass man sich lieber auf ihrer anderen Seite aufhielt.

»Auf Sie sind viele in den Wänden dieses Raums verborgene Waffen gerichtet«, stellte der Botschafter fest. »Ich weiß nicht, was Sie zu erreichen hoffen, indem Sie …«

Vortex drang vor, klappte die Scheren zu und wieder auf und schloss sie um die Taille des Botschafters. Jebel zog die Schmalpistole und wünschte sich, er hätte etwas Größeres greifbar gehabt, als er sie auf den mächtigen Prador anlegte. Ein schwirrendes Tosen erklang wie von einem Wind, der kräftig durch ein Rohr blies; dann füllte sich der Raum auf einmal mit ohrenbetäubendem Lärm, der das aufbrandende Schreien und Kreischen übertönte. Jebel feuerte auf den Prador, aber seine Schüsse erzeugten nur kleine Krater in der harten Schale. Etwas traf Jebel und schleuderte ihn durch die Luft. Am Rande sah er zerrissene Menschen, die haufenweise an die Rückwand geschleudert wurden, und eine undeutliche Spur von Geschossen, die eine tiefe Furche von unten nach oben in diese Wand hämmerten.

Eine Schienenkanone.

Er schlug am Boden auf. Ringsherum regnete es heiße Metallsplitter. Atemlos rollte er sich ab und versuchte sich aufzurichten. Überall im Raum standen Geschützluken offen. Er sah, wie einer der kleineren Prador rückwärts geschleudert wurde, die Panzerschale zerbrochen, sodass ihre Reste an den weichen Innereien klebten wie Schalensplitter an einer zermalmten Molluske. Der blubbernde Schrei der Kreatur stieg an und brach dann plötzlich ab, als ein Explosivgeschoss innerhalb des Körpers detonierte und diesen wegsprengte, wonach die Gliedmaßen in allen Richtungen über den Boden hüpften. Etwas Großes durchschlug die Wand links von Jebel, explodierte darin und spie Flammen aus einer großen Spalte, und die Waffenluken darüber fielen aus. Wer von der Menschenmenge noch übrig war, zog sich durch die Rückseite des Raums zurück. Jebel versuchte sich mit der Hand abzustützen und so wieder vom Fußboden hochzukommen, schien das aber einfach nicht tun zu können. Eine Sekunde später bemerkte er, dass sein rechter Arm am Ellbogen endete und er in einer klebrigen Pfütze des eigenen Bluts lag. Er sackte zusammen.

Zwei Golems – Kontrollbeauftragte wie er – befanden sich im Nahkampf mit einem der Prador. Sie hatten ihre Kleidung und den größten Teil ihres Synthofleisches verloren, sodass es schien, als griffen zwei glänzende Skelette die krabbenartige Kreatur an. Systematisch rissen sie dieser die Gliedmaßen aus. Ein weiterer Prador stolperte im Kreis herum; die obere Hälfte der Schale fehlte ganz, und ein grotesker Eintopf der freigelegten inneren Organe sprudelte in der unteren Schalenhälfte. Vortex wich jetzt zum Eingangstunnel zurück und hielt dabei nach wie vor den zappelnden Botschafter in den Scherenklauen, und die verbliebenen drei Artgenossen deckten den Rückzug des Erstkindes. Zwei dumpfe Schläge ertönten als Nächstes, und zwei der drei Prador lösten sich auf und verstreuten überall Gliedmaßen und Schalenstücke und gekochtes rosa Fleisch. Etwas, das einem einen Meter langen Stück Leber ähnelte, flappte blubbernd über Jebels Beine und roch dabei nach gekochten Garnelen.

»Nicht gut. Gar nicht gut.« Urbanus war auf einmal neben ihm, band den Armstumpf mit einem Stück Draht ab und zerrte ihn auf die Beine. Golems stürmten auf Vortex und die restlichen kleineren Prador zu. Nur wenige Menschen waren noch im Raum – jedenfalls, was Lebende anbetraf. Vortex schien eine Sekunde lang über die Lage nachzudenken und schloss die Schere, und die beiden Hälften des Botschafters stürzten zu Boden. Der Prador streckte jetzt die blutige Klaue aus. Ein türkisfarbener Blitz zuckte durch die Luft – eine Art Partikelkanone, die in der Klaue getarnt war. Drei der Golems stürzten, die Keramalknochen entweder verschmolzen oder zertrümmert. Ein Geschoss traf die Schale des großen Pradors, prallte dort ab und detonierte darüber an der Wand. Als sich der Rauch verzog, sah Jebel, wie Vortex erneut vordrang und mit dieser Kanone immer wieder in die Geschützluken feuerte, und hinter ihm tauchten neue kleinere Prador auf und stolperten dabei vor Eifer übereinander. Während Urbanus ihn durch die Spalte in der Panzerwand zog, sah Jebel, wie einer der Neuankömmlinge ein abgetrenntes Menschenbein aufhob, mit den Mandibeln das Fleisch vom Knochen riss und es verschlang.

Klar doch, dachte Jebel, große feindselige Außerirdische, die Geschmack an Menschenfleisch finden. Es war ein Szenario, das ein moderner Holofiction-Produzent lachend abgelehnt hätte.

Jebel hätte gar nicht weniger amüsiert sein können.

Die antiseptischen weißen Wände von Aubron Sylacs Praxis umschlossen glänzendes Chrom und Kettenglas, und sämtliches Glas vermittelte den Eindruck glitzernder Schärfe. Moria vermutete, dass Sylacs Assistentin – ein teilweise katzenadaptiertes Mädchen mit kurz geschnittenen schwarzen Haaren und von entschieden vollbusiger Figur, eingezwängt in eine Schwesternuniform von vor der Jahrtausendwende – hier war, um Patienten zu entspannen, deren sexuelle Neigungen in diese Richtung gingen. Sylac benötigte gewiss nicht viel Assistenz, wovon der sockelmontierte Autodok kündete, der über dem Operationstisch kauerte. Moria musterte das Ding, das mit seinen Zangen, Kettenglasskalpellen, Sägen, Kauterisierern und Zellschweißern an den vielgelenkigen Armen aus der Schattenseite der chromblitzenden Albträume eines Spinnenphobikers zu stammen schien. Sie betrachtete Sylac, der einen schweren grauen Verstärker von Bohnenform seitlich am Schädel trug, hinter dem Ohr. Der Mann war nicht mit der weißen Montur eines Chirurgen bekleidet, trug vielmehr eine dicke Schürze und kam Moria wie die Reinkarnation eines antiken Horrorfilmstars vor. Wie hieß dieser noch gleich? Horis Marko … Nein, Boris Karloff. Moria überlegte, sich umzudrehen und schnurstracks wieder hinauszugehen, aber das wäre einer Niederlage gleichgekommen.

Die neuen Zerebralverstärker hatten Moria zunächst Angst gemacht, und das Gleiche taten die Menschen, die sie bereitwillig installieren ließen. Arbeitete man jedoch mit Runcibletechnik, prallte man schließlich auf eine Keramalwand, sofern man nicht ein geborenes Genie oder mit einem Verstärker aufgerüstet war. Moria war schon vor langer Zeit auf diese Wand geprallt und war, wie viele dachten, beim Trajeen-Torprojekt inzwischen über ihre Fähigkeiten hinaus befördert worden. Schlimm genug, dass der einzige Mensch, der Runcibletechnik wirklich kapierte, ihr Erfinder Iversus Skaidon gewesen war. Er erfand die ganze Wissenschaft in der kurzen Zeit, die sein Verstand eine direkte Schnittstelle zur Craystein-KI überlebte. Heute wurde allgemein akzeptiert, dass nichtaufgerüstete Menschen niemals hoffen konnten, das alles vollständig zu verstehen – was nur KIs gelang. Doppelt schlimm war es jedoch, wenn man durch jüngere Techniker, die sich aufrüsteten, auf einen Verwaltungsposten abgedrängt wurde.

»Der Netcom 48«, sagte Sylac und hielt den genannten Gegenstand hoch.

Der glänzende Kupferverstärker war kleiner als Sylacs eigener, wies aber die gleiche Bohnenform auf. Wahrscheinlich war er besser, aber Verstärkertech musste erst noch jenes Stadium erreichen, in dem die technische Verbesserung zu einem simplen Vorgang wurde. Es entsprach nicht ganz der Auswechslung des Kristalls in einem Personal Computer – das tat Gehirnchirurgie nie –, und deshalb verstand Moria, warum Sylac sein altes Gerät behielt.

»Ja, das ist er«, sagte Moria und stieg schließlich über die Schwelle.

»Dann bitte.« Sylac deutete mit einer Hand im Chirurgenhandschuh auf den Tisch.

Moria trat widerstrebend vor und suchte nach Möglichkeiten, um hinauszuzögern, was jetzt folgen musste. »Ich habe gehört, dass selbstinstallierende Verstärker bald genehmigt werden.«

Sylac verzog das Gesicht. Er warf einen Blick auf den Autodok, der vom Operationstisch zurückwich und sich zusammenfaltete, wodurch er sein funkelndes Besteck verbarg. Sylac hatte ihn offenkundig per Verstärker dazu aufgefordert, vielleicht um Moria zu helfen, dass sie sich entspannte.

»Die frühen Sensoverstärker waren selbstinstallierend, bis die ersten Todesfälle auftraten. Die KIs, die der Sache auf den Grund gingen, fanden heraus, dass nur sehr wenige installierte Verstärker so arbeiteten, wie sie sollten – und sämtlich dabei scheiterten, sich mit allen erforderlichen Synapsen zu verbinden. Manche machten ihre Träger psychotisch, während andere Teile ihres Gehirns zerstörten.«

»War das der Grund für die Todesfälle?«

»Gewissermaßen. Die verknüpfenden Nanofasern entrollten sich bei der Injizierung nicht.« Sylac zuckte die Achseln. »Nicht viel anders, als rammte einem jemand einen Kebabspieß durch den Kopf.« Erneut deutete er auf den Operationstisch.

»Und welche Verbesserung liegt hier vor?« Moria setzte sich auf die Kante des Operationstisches, aber nach wie vor zögerte sie, sich hinzulegen.

»Offensichtlich kann ich nicht jede Faser zur synaptischen Verbindung führen. Ich leite Faserbündel zu den relevanten Gehirnteilen und überwache dann den Verknüpfungsvorgang, bereit, jederzeit einzugreifen.«

»Ah – das ist gut.«

Die Schwester, die bislang mit irgendetwas an einer der seitlichen Arbeitsflächen beschäftigt gewesen war, kam jetzt herüber, packte Moria am Bizeps und drückte sie entschieden, aber sanft auf den Rücken. Moria konnte sich im Grunde nicht widersetzen. Das wäre albern gewesen. Sie hatte schon DNA markieren lassen, hatte sämtliche Dokumente genehmigt und den geforderten Preis bezahlt. Sie musste die Sache jetzt durchziehen. Sie hob die Beine auf den Tisch und legte sich zurück, wobei der Hals auf eine v-förmige Stütze sank und der Kopf über den Tisch hinausreichte, dort, wo sich schon verschiedene Klammern bereithielten, um ihn festzumachen. Die Schwester befestigte jetzt diese Klammern, während sich der Autodok neben Moria aufrichtete und eines seiner zahlreichen Gliedmaßen ausstreckte. Etwas stach Moria an der Schädelbasis, und sofort wurde sie oberhalb des Halses empfindungslos. Gesicht und Kopfhaut fühlten sich an wie ein Gummisack, der schlaff über dem Schädel hing. Ein dunkler Rahmen umfasste ihr Blickfeld, und hören konnte sie nur noch wie aus der Ferne, abgesondert von der Wirklichkeit.

Der Tradition aller Mediziner der Menschheitsgeschichte folgend, die einen Patienten gerade in eine solche Lage brachten, sagte Sylac: »Tolles Wetter haben wir in jüngster Zeit, finden Sie nicht?« So als erwartete er eine Antwort.

Moria wedelte mit der Hand, als Ersatz für eine verbale Bestätigung oder ein Kopfnicken. Sie hörte den Autodok summen, während er sich hinter ihr auf seinem Sockel bewegte. In den dunklen Winkeln ihres Blickfelds sah sie, wie sich diese glänzenden Gliedmaßen bewegten. Etwas zupfte sie hinter dem Ohr. Sie hörte ein Sauggeräusch, dann das Hochgeschwindigkeitsjaulen eines Bohrers.

»Eines der Probleme mit diesen selbstinstallierenden Verstärkern bestand darin, erst mal in den Schädel einzudringen«, stellte Sylac fest.

Ein Knirschen ertönte.

»Da, die Knochenverankerung sitzt.«

Moria wäre lieber während der ganzen Prozedur bewusstlos gewesen, aber es war nicht möglich, einen Verstärker mit einem bewusstlosen Gehirn zu verknüpfen, bislang jedenfalls nicht. Ein kaltes Gefühl drang jetzt in ihren Schädel ein, und hinter dem Ohr verstärkte sich ein Schmerz und schwand dann rasch wieder.

»Natürlich hatte das Wetter der letzten Tage seine üblichen unerwünschten Auswirkungen, denken Sie nicht auch?«, fragte Sylac.

Erneut das Wedeln mit der Hand.

»Die Verbindung zur Sehnervenkreuzung und den optischen Trakten wird hergestellt. Bald müssten Sie eine Blickfeldteilung erleben, gleichbedeutend mit der Installation des ›dritten Auges‹, wie es manchmal genannt wird.«

Die merkwürdigste Empfindung trat ein, die man sich nur vorstellen konnte. Das Blickfeld dehnte sich zu einem Tunnel, wobei sie sich der Tatsache bewusst wurde, dass sie durch zwei Augen blickte – die Trennung wurde deutlicher –, aber jetzt schien es zugleich, als öffnete sich das Lid eines dritten Auges. Es befand sich nicht an einer Stelle, die sie präzise hätte lokalisieren können, und obwohl sie sich seiner Existenz bewusst war, konnte sie damit nichts sehen. Sehr seltsam.

»Das ist ganz gut gelaufen, und jetzt erleben wir die Verknüpfung mit dem Hirnnerv. Heben Sie die Faust, sobald der Statustext erscheint. Und von jetzt an möchte ich, dass Sie die Faust für ein Ja ballen und ein Nein mit der flachen Hand anzeigen.«

Kaum hatte Sylac das gesagt, tauchte blauer Text im Blickfeld des dritten Auges auf: STATUS > blinkte dort periodisch. Moria hob die Faust. Sylac redete weiter und erwähnte Dinge wie »Occipitallappen, Frontallappen, Basalganglien, Pons« sowie den einzigen Begriff, den Moria kannte: »Kleinhirn.«

»Visualisieren Sie jetzt den Begriff ›Suchmodus‹ und bestätigen Sie, wenn das Wort auftaucht.«

Moria tat wie geheißen und spürte, wie sich in ihrem Kopf etwas einschaltete. Unvermittelt wurde ihr klar, dass sie diese Worte normal visualisieren oder eine andere Verbindung herstellen konnte, die sie ins dritte Auge einblendete:

SUCHMODUS>

Moria hob die Faust.

»Ich möchte, dass Sie sich etwas ausdenken, irgendetwas, wozu man Informationen suchen kann. Geben Sie die Worte ein und bestätigen Sie – Sie werden wissen, wie das geht.«

SUCHMODUS> AUBRON SYLAC.

Um die Suche einzuleiten, sprach Moria in Gedanken das Wort los und schickte es durch denselben Kanal wie den Text.

KEINE NETZVERBINDUNG. KEIN MEMOSPEICHER.

»Erhalten Sie zwei Negativmeldungen für die Verbindung zu den KI-Netzen und für den internen Speicher Ihres Verstärkers?«

Eine Faust.

»Gut. Jetzt probieren wir etwas anderes. Versuchen Sie es mal mit ›Nachrichtenmodus‹.«

NACHRICHTENMODUS >

EMPFÄNGER >

NACHRICHT >

ANHANG >

»Ich stehe in Ihrem Adressbuch. Schicken Sie mir etwas.«

EMPFÄNGER > AUBRON SYLAC.

NACHRICHT > GEHT ALLES SO EINFACH WIE DAS HIER?

ANHANG > KEINER.

Los, wies Moria das Gerät an, und der Text verschwand.

GESENDET.

»Nein, wir prüfen damit nur die Verknüpfungen. Dabei geht es um simple Texte. Sobald Sie die Einführung absolviert und sich an Ihren Verstärker gewöhnt haben, werden Sie feststellen, dass Sie Nachrichten in jeder Informationsform senden können – wobei die Form nur von Ihrer Vorstellungskraft begrenzt wird. Und natürlich ist der Austausch von Nachrichten noch die unbedeutendste Funktion Ihres Verstärkers.«

Das Empfindungsvermögen kehrte unvermittelt in Morias Gesicht und Kopfhaut zurück, und die Welt weitete sich rings um sie aus. Diese Expansion setzte sich während der ganzen nachfolgenden Tests fort, die Sylac durchführte. Moria rechnete komplexe Gleichungen aus, analysierte Daten, die Sylac ihr schickte, schrieb bestimmte Programme und modifizierte Suchmaschinen, lernte den Austausch von Sprache zwischen einem Verstand und dem anderen, konstruierte eine ganz einfache virtuelle Realität und fand heraus, dass sie vermittels des Verstärkers die Funktionsweise des eigenen Körpers verändern konnte, denn sie war mit seiner Hilfe in der Lage, autonome Funktionen zu steuern. Sollte sie das wünschen, konnte sie das eigene Herz anhalten. Das war nur der Anfang, wie ihr sofort klar wurde, und sie fragte sich dann sogleich: Warum habe ich so lange gewartet?

»Noch sind Sie nicht mit dem KI-Netz verbunden und ebenso wenig mit den Standardnetzen der planetaren Server. Diese Verbindungen werden hergestellt, sobald Sie die Einführung durchlaufen haben. Wie Sie bereits vor der Installation erfahren haben, müssen Sie sich mindestens zwei Wochen Zeit für diese Einführung nehmen und sich an den Verstärker gewöhnen.«

Moria starrte sich im Spiegel neben der Tür an, die zu Sylacs Praxis führte. Der glänzende Kupferverstärker kuschelte sich ordentlich hinter das linke Ohr und ergänzte den Kupferskarabäus im rechten Ohrläppchen. Sie strich die kurzen schwarzen Haare zurück und lächelte sich an. Nachdem sie Sylac die nach wie vor behandschuhte Hand geschüttelt hatte, verabschiedete sie sich. Eine Treppe führte sie zum Ausgang an der Straße hinab und hinaus aus der klimatisierten Antisepsis in einen schwülen Abend auf Trajeen.

Einer der drei Monde Trajeens, Vina, raste auf einer der fünf Bahnen über den Himmel, die er im Verlauf der Nacht zurücklegte. Ein zweiter Mond, Sutra, hing direkt über dem Horizont, und Abhid war noch nicht aufgegangen. Vor Sylacs Praxis wartete Morias Hydrowagen, aber sie beschloss, eine Zeit lang spazieren zu gehen. Sie dachte nicht, dass es eine gute Idee gewesen wäre zu fahren, obwohl ihr Fahrzeug mit der städtischen Verkehrssteuerung verbunden war und abgeschaltet würde, sobald sie etwas Dummes anstellte. Sie entschied, ins Zentrum von Copranus City zu schlendern und dort zur Feier des Tages ein oder zwei Gläser Grünwein zu genießen. Vor etwas Derartigem hatte Sylac keinerlei Warnung ausgesprochen.

Auf der Straße bemerkte sie zwei Beispiele dessen, was Sylac als unerwünschte Wirkungen des milden Wetters in jüngster Zeit bezeichnet hatte. Zwei Erdrochen buckelten und flappten über das feuchte Schaumgestein hinweg und zogen dabei Schleimspuren hinter sich her. Es waren kleine Exemplare – etwa einen Meter von Flügelspitze zu Flügelspitze –, aber am besten ging man ihnen trotzdem aus dem Weg. Sie waren nicht direkt gefährlich, aber zahlreiche Menschen verletzten sich jedes Jahr, wenn sie auf der Schleimspur ausrutschten, und wenn man ihnen zu nahe kam, konnte es geschehen, dass man mit dem Schleim der Tiere vollgespritzt wurde.

Genmodifizierte Tulpenbäume säumten die Ränder. Sie blühten derzeit: gelb, blau und sattes Violett – und die Farben waren selbst im schwindenden Tageslicht noch zu erkennen. An der nächsten Straße verströmten Jasminhecken einen schweren, fast ekelerregenden Geruch, und ein kurzer Blick über sie hinaus zeigte Moria einen Mikrokosmos aus bizarrer Flora – genmodifiziert oder einfach nur schlicht außerirdisch. Die Häuser hinter diesen Gärten bestanden aus örtlichem Sandstein in der Farbe von Kiefernholz und ähnlich geschrammt; die hohen Spitzdächer waren mit Solarzellen gepflastert wie eine Echse mit Schuppen. Bauchige Kettenglasfenster gewährten gelegentlich Einblicke in luxuriöse Wohnungen, aber andererseits war Luxus auch Standard in der Polis, und Menschen lebten nur dann unter ärmlichen Bedingungen, wenn sie das so wollten.

NETZVERBINDUNG HERGESTELLT

EINFÜHRUNG GELADEN >

Moria sah sich um und ging weiter, bis sie einen kleinen Park erreichte, wo ein Springbrunnen fließende Linien in die Luft zeichnete, über einem weitläufigen Teich mit Riesenlilien, deren Blüten an Purpurklauen erinnerten, und mit Schwärmen kleiner blauer Plattfische in den klaren Tiefen. Ringsherum war die duftende Luft erfüllt vom Zwitschern und gelegentlichen Flattern fliegender Frösche. Moria suchte sich eine Steinbank aus, setzte sich und erklärte ihrem Verstärker: los.

SELEKTIERE VIRTUALITÄT >

FANTASYWELTEN

MODELLIERE REALITÄT

VORHERSAGE

EXPERIMENTELL

ANFERTIGUNG

Die Liste lief endlos weiter, aber das Einführungsprogramm wählte den zweiten Punkt darauf. Sofort sah sich Moria einem leeren weißen Raum von unendlicher Tiefe gegenüber.

SELEKTIERE DEIN PLANETENSYSTEM VERBAL lief durch ihr Blickfeld. In Gedanken sprach sie die Worte: Planetensystem Trajeen – derzeitiger Augenblick.

Sternenheller Weltraum füllte die Leere, das Trajeen-System darin verkürzt abgebildet, um in Morias Blickfeld zu passen. Sie betrachtete den Planeten, auf dem sie sich befand, und die relativen Positionen der drei Monde – wobei sich Vina als Einziger sichtbar bewegte. Die Sonne schien nicht fern, und Moria konnte den Bogen einer Sonneneruption erkennen. Einen Viertelorbit weiter und doppelt so weit von Trajeen entfernt wie dieser von der Sonne, lag der Gasgigant Boh mit seiner schrägen Achse, überzogen von Wolkenwirbeln in Blau, Orange und Gelb, und sieben seiner acht Monde hingen wie stählerne Kugellagerkugeln in seiner Nähe, während der viel größere Mond Tangie – dessen interner lebendiger Ozean dicht mit exotischen Meeresalgen gefüllt war – einer Jadekugel glich, umringelt von perlmuttfarbenen Wolken.

KONSOLE ANWÄHLEN UND CURSOR AUSSUCHEN.

Konsole und viereckiger, expandierbarer Cursor.

Zahlreiche Icons und virtuelle Steuerungselemente tauchten auf und bildeten einen Rahmen um das derzeitige Bild. Das Viereck, das im Zentrum des Blickfelds auftauchte, wurde mit dem dritten Auge gesteuert, auch wenn die Perspektive selbst fixiert blieb. Sie führte den Cursor auf ein Icon, und ein Textfenster tauchte auf: DIESES ELEMENT VERÄNDERT DEN BLICKWINKEL IM SYSTEM. Natürlich stellte Moria fest, während sie das Icon ausprobierte, begleitet von Stichworten und häufigen Einmischungen des Einführungsprogramms, dass die Sache nicht annähernd so einfach war. Sie konnte eine Drei-D-Karte aufrufen und ihren Blickpunkt darauf festlegen, sie konnte Koordinaten eingeben, sie konnte durch das Planetensystem brausen, als befände sie sich an Bord eines Schiffs, das jede gewünschte Geschwindigkeit erreichte. Sie konnte auch den Zeitpunkt ihres Blickpunkts bestimmen und sich in der Zeit zu gespeicherten Bildern – soweit verfügbar – zurückbewegen oder einen Modus auswählen, mit dem sowohl vergangene wie künftige Bilder zu modellieren waren. Als sie dazu überging, die endlosen Schichten von Icons und Elementen auszuprobieren, stellte sie fest, dass es scheinbar keine Grenzen für sie gab; sie musste nur jeweils das Wie herausfinden. Sie konnte Objekte im System platzieren, Vektoren verfolgen und verändern, »Was-wäre-wenn«-Spielchen spielen, indem sie einen Planeten verschob, indem sie einfach alles verschob, neu formatierte, hinzufügte oder herausnahm. Sie konnte herausfinden, wie sie bestimmte Ereignisse herbeiführte, und von diesen aus Rückgriff auf die Realität nehmen, um die vielen Szenarien zu erkunden, die Grund für diese Ereignisse sein konnten. Es war endlos.

»Verstärkertrance«, sagte jemand.

Kurz tauchte sie in der wirklichen Welt auf und sah, dass eine Frau mit dem Daumen auf sie deutete, während sie in Begleitung eines Mannes vorbeispazierte. Beide trugen selbst Verstärker, und der Mann grinste Moria wissend an.

Das Einführungsprogramm führte sie jetzt dazu, angewandte Mathematik und Chemie zu erkunden, wenngleich Moria das gewaltige Potenzial der organischen Chemie mit ihren Programmen zur genetischen Manipulation von Lebensformen auf die Seite schob. Zwei Stunden später unterbrach sie die Einführung. Ihr Hals war steif und der Himmel schwarz-violett und mit Sternen besetzt.

UNTERBEWUSSTES LERNEN? > schlug das Programm vor. Es dauerte weitere zehn Minuten herauszufinden, was das war. Das Einführungsprogramm konnte unmittelbar unter der Bewusstseinsschwelle laufen, fast wie Schlafschulung. Sie wählte diese Funktion an und stand auf. Sie bewegte sich in einer seltsamen Fugue, in der sie mit der wirklichen Welt in Wechselwirkung treten konnte, während die Einführung gerade so am Rande der Wahrnehmung ablief. Moria machte sich jetzt daran, nach diesen Gläsern Grünwein zu suchen. In einer Kneipe im Stadtzentrum plauderte sie mit zwei Runcibletechnikern, die sie vom Trajeen-Runcibleprojekt her kannten. Als die beiden gingen, suchte sich Moria eine Nische und rief Bilder von den beiden Frachtruncibles auf, von denen eines einer langsamen Umlaufbahn um Trajeen folgte und das andere im Orbit über dem Gasriesen Boh lag.

Bislang konnte man nur kleine Objekte durch Runcibles befördern – äußerstenfalls einen Shuttle für zwanzig Personen –, und zumeist standen diese Runcibles auf Planeten und dienten der Beförderung von Personen. Jetzt entstanden über Trajeen und Boh Tore, die theoretisch in der Lage sein müssten, den jeweiligen Skaidonwarp wie einen hydrostatischen Meniskus, eine Oberflächenspannung, zu erweitern. Damit müsste es möglich sein, große Raumschiffe hindurchzuschicken und sogar Asteroiden, wenn deren Erzvorrat den Aufwand lohnend gestaltete. Das Projekt erntete viel Kritik: Wozu große Schiffe durch ein Tor befördern, wenn diese mit den eigenen Subraumtriebwerken überall in jenes Kontinuum eindringen konnten? Wieso Erzasteroiden befördern, wenn man das Erz auch an Ort und Stelle verarbeiten und die Produkte gleich von dort aus verschicken konnte? Morias Antwort, wenn jemand ihr diese Fragen stellte, bestand in der Gegenfrage: Warum nicht?

RUNCIBLETECHNIK? > schlug das Einführungsprogramm vor, und Moria vergaß erneut zwei Stunden lang alles. Als sie sich schließlich auf den Weg zu ihrem Hydrowagen machte und diesen anwies, sie per automatischer Steuerung nach Hause zu bringen, war ihr klar, warum sie Urlaub nehmen musste. Noch zwei Wochen dieser Einführung, und sie hatte sich die Grundlagen angeeignet, gerade mal die Grundlagen.

Die Umgebung hinter der Panzerwand war von Explosionen verwüstet und ausgebrannt. Wände, Boden und Decke waren aufgeplatzt; Isoliermaterial quoll wie Moos aus Spalten, und Stromkabel und verschmorte Optikfasern hingen zischend heraus. Einige vorstehende Metallstücke in der Nähe glühten nach wie vor rot und verbreiteten eine Ofenhitze, und dicker beißender Rauch hing in der Luft. Das alles wirkte noch stärker desorientierend, weil hier keine Gravoplatten mehr funktionierten, und Jebel verlor jedes Gefühl für oben und unten. Urbanus blieb kurz stehen, bückte sich dann unvermittelt und warf sich Jebel über die Schulter. Jebel schloss die Augen, als der Golem loslief und sich mit hoher Geschwindigkeit einen Weg durch den tödlichen Chaosdschungel aus heißem Metall und qualmendem Plastik suchte. Irgendwann bewirkten Schmerzen und Blutverlust, dass Jebel das Bewusstsein verlor

Auszeit.

»Sie mussten es einfach herausfinden … Möchten Sie das damit sagen?«, fragte eine Frau.

»Ja, ich denke, das muss der Grund sein«, antwortete Urbanus.

Jebel öffnete die Augen, und sofort wurde ihm schlecht. Er versuchte es zu beherrschen, entdeckte dann aber eine Nierenschale mit einigen blutigen Knochenstücken und einer Schwarte Fleisch, die, wie ihm bewusst wurde, von ihm selbst stammen musste. Er beugte sich vor und erbrach sich, um dann erst zu bemerken, dass er auf einem Operationstisch lag. Ein Blick auf seinen Armstumpf zeigte ihm, dass Urbanus die Bizeps-Panzersektion entfernt und das wunde Ende des Stumpfs mit einem Interfacegelenk ausgestattet hatte. Jebel fühlte sich inzwischen jedoch besser, vermutlich, weil man ihm den Inhalt dieser leeren Synthoblutbeutel verabreicht hatte, die auf dem Boden verstreut lagen, sowie aufgrund der Medikamente, die Urbanus in ihn hineingepumpt hatte. Jebel konzentrierte sich jetzt auf seine Begleiterin.

»Sie haben überlebt«, brachte er hervor.

Lindy Glick saß auf dem zweiten Operationstisch in dieser kleinen Medostation. Ihr fehlten die Translatorausrüstung und zwei Schneidezähne, und ein blauer Wundverband schmiegte sich seitlich an den Kopf. Jebel vermutete, dass das Missgeschick, welches ihr den Translator heruntergerissen und den Mund verletzt hatte, dabei auch den Verstärker vom Kopf gerupft hatte.

»Ja klar, aber keineswegs dank unserer beschissenen KIs.«

Jebel blickte Urbanus an. Der Golem hatte auf der ganzen linken Körperseite Synthofleisch verloren. Das Metall von Oberarm, Schulter, Körperflanke, Hüfte und Oberschenkel trat zutage. Urbanus zuckte die Achseln. »Sehen Sie nicht mich an. Ich mag eine KI sein, hatte aber nicht die Verantwortung dafür, dass uns dermaßen die Scheiße um die Ohren geflogen ist.«

»Bauernopfer nannte man das früher, denke ich.« Lindy wandte sich ab und spuckte Blut aus. »Sie mussten einfach ein paar Leute dort aufstellen, um herauszufinden, wie feindselig diese Arschlöcher sind.« Ein Dröhnen erzeugte Echos in der ganzen Station, und Jebel vermutete, dass das ferne Rattern und Klappern, das er hörte, auf Geschützfeuer zurückging. »Ich denke, sie haben es herausgefunden, oder was meinen Sie?«, setzte Lindy hinzu.

Jebel setzte sich auf, schwenkte die Beine vom Tisch und sah eine Zeit lang zu, wie Urbanus ein Instrument an Lindys Oberkiefer drückte. Jebel versuchte, sich per Verstärker ins Stationsnetz einzuschalten, empfing aber nur die Meldung KEINE VERBINDUNG und vermutete, dass das an einem örtlichen Sicherheitsprotokoll lag. Er übertrug eine Nachricht an Cirrella in den Ausgangsordner und bat sie darum, Kontakt zu ihm aufzunehmen, sobald das möglich wurde, denn er vermutete, dass er wohl nicht rechtzeitig zum Abendessen kommen konnte. Erneut warf er einen forschenden Blick auf den Armstumpf. Er überlegte, dass die Panzerung ihm nicht wirklich gute Dienste geleistet hatte, aber dann wandte er sich dem Rest seines Körpers zu.

Der Straßenanzug hing in Fetzen, und ein Hosenbein war weggebrannt. Die Kompositpanzerung darunter war an vielen Stellen verschmort, und Klumpen von Keramalschrapnell steckten in der Brustplatte. In Anbetracht der Tatsache, dass er weder Kopfschutz noch Handschuhe getragen hatte, hielt er es für einen glücklichen Umstand, nur einen Arm verloren zu haben.

Nach ein paar saugenden Klicklauten zog Urbanus das Instrument aus Lindys Mund und trat zur Seite.

»Wie sehen sie aus?«, fragte sie und zeigte Jebel die beiden neuen Zähne.

»Heller als die alten, aber besser als die Lücke.« Er hielt den Stumpf hoch. »Ich hätte nichts gegen den gleichen Service einzuwenden.«

Urbanus nahm einen Koffer zur Hand, klickte ihn auf und zeigte Jebel den Inhalt. »Wir haben im Grunde nicht genug Zeit, dir einen neuen zu züchten. Diese Sektion wurde schon evakuiert, und wir müssten sie längst verlassen haben. Ich montiere ihn dir später. Wir müssen jetzt aufbrechen.«

Jebel betrachtete den glänzenden Golemunterarm mit der Hand in dem Koffer, und Urbanus klappte diesen wieder zu. Jebel stieß sich vom Tisch hoch, während Lindy das Gleiche tat, und sie folgten Urbanus zur Tür.

Etwas, das in viel größerer Nähe explodierte, erschütterte den Korridor, auf den sie hinaustraten. Jebel hörte die Sägegeräusche von Energiewaffen einer Art, die niemals an Bord einer Raumstation hätten eingesetzt werden dürfen, und fragte sich, ob sie von den Verteidigern oder den Angreifern abgefeuert wurden.

»Was ist mit den anderen?«, fragte er.

»Ich glaube, sieben konnten mit dem größten Teil der Besuchermenge entkommen, aber ich kann es nicht mit Gewissheit sagen«, antwortete Urbanus.

Jebel spürte, wie sich ihm der Magen übelkeiterregend umstülpte, aber zugleich fiel ihm auf, dass die schock- und schmerzlindernden Medikamente, die ihn durchspülten, die Reaktion dämpften. Achtzehn Mitglieder seines Teams waren tot, einfach so, und der Teufel mochte wissen, wie viele Menschen sonst noch in diesem Raum umgekommen waren. Was er sich jetzt wünschte, das war die Anpassung dieses neuen Arms, damit er tödliche Hardware benutzen konnte.

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